Alice Schwarzer verteidigt Hagel: „Kein Sexismus“

Alice Schwarzer weist die Sexismus-Vorwürfe gegen CDU-Politiker Manuel Hagel zurück und spricht von einer überzogenen Debatte. Zugleich übt sie scharfe Kritik an Justiz, Gesellschaft und aktueller Sprachentwicklung.

Von Lea Brandt -12.09 Uhr 

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Stuttgart. Die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer hat die Vorwürfe gegen den baden-württembergischen CDU-Politiker Manuel Hagel deutlich zurückgewiesen. In einem Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ erklärte sie, es handele sich dabei nicht um Sexismus.

„Mir schien dieser Wahlkampf keineswegs feministisch. Im Gegenteil: Dieses acht Jahre zurück liegende Alt-Herren-Benehmen eines konservativen jungen Mannes war kaum der Rede wert und kein Sexismus“, sagte Schwarzer.

Auch die öffentliche Debatte bewertet sie kritisch: „Die Klage war also eher ein wahltaktisches Manöver als ein feministischer Akt.“

Deutliche Kritik an Gesellschaft und Justiz

Scharfe Worte fand Schwarzer hingegen mit Blick auf den sogenannten Pelicot-Prozess. Es sei erschreckend, dass so viele „ganz normale Männer nebenan“ beteiligt gewesen seien.

Zugleich richtete sie einen Appell an Frauen: „Ich denke, in einem ersten Schritt müssen die Frauen selber lernen, genauer hinzuschauen – und weniger wegzuschauen. Erst dann werden sich auch manche Männer wirklich ändern“, sagte sie. „Von den 50 Ehefrauen der 50 angeklagten Mitvergewaltiger im Fall Pelicot zum Beispiel war nicht eine bereit, das Angebot der Polizei wahrzunehmen, ihr Haar darauf untersuchen zu lassen, ob nicht auch sie schon unwissentlich unter Drogen gesetzt wurde.“

Kritik übte Schwarzer auch an der Strafverfolgung in Deutschland: „Nur jeder 100. Vergewaltiger wird in Deutschland letztendlich auch verurteilt. Da muss etwas passieren!“ Hoffnung setze sie dabei auf Justizministerin Stefanie Hubig und deren Initiative gegen den Handel mit K.o.-Tropfen.

Kritik am Gendern

Auch zur aktuellen Sprachentwicklung äußerte sich Schwarzer deutlich. Zwar sei das Gendern ursprünglich eingeführt worden, um Frauen sichtbar zu machen, doch die heutige Praxis lehne sie ab: „Mit den heutigen Auswüchsen des Genderns wollen diese Linguistinnen selber längst nichts mehr zu tun haben. Mit den Sternchen, Unterstrichen und Doppelpunkten, die für winzige Bevölkerungsgruppen hinterm Komma stehen sollen. Das ist in der Tat absurd.“

Mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungen sieht Schwarzer dennoch Ansatzpunkte: „Auf sie müssen die Frauen sich konzentrieren“, sagte sie mit Blick auf Männer, die offen für feministische Anliegen seien.