
Von Ayhan Güneş
Freiberg – Tabellenführer gegen Schlusslicht, Favorit gegen Außenseiter: Auf dem Papier schien der fünfte Spieltag der Regionalliga Südwest eine klare Angelegenheit zu sein. Doch der SGV Freiberg musste gegen die TSG Balingen an seine Grenzen gehen, ehe ein wuchtiger Kopfball von Kapitän Marco Kehl-Gomez den erlösenden Treffer zum 1:0 markierte. Es war ein hart erkämpfter Sieg, der weniger von spielerischem Glanz, sondern von Willen und Geduld lebte – ein sogenannter „dreckiger Dreier“, wie ihn Trainer Kushtrim Lushtaku zwar nicht wörtlich nennt, aber wohl deutlich meint: „Wir mussten heute richtig arbeiten für diesen Sieg. Solche Spiele entscheiden eine Saison – vor allem, wenn die Konkurrenz Punkte liegen lässt.“
Mit dem fünften Erfolg im fünften Spiel bleibt der SGV Freiberg das einzige Team der Liga mit weißer Weste – und behauptet souverän die Tabellenspitze.
Rund 450 Zuschauer sahen am Samstag im Wasenstadion einen Nachmittag, der weniger Glanz, dafür viel Kampf bot – und an eine schmerzhafte Erinnerung rührte: Im WFV-Pokal war man in der vergangenen Saison mit 0:3 an genau diesem Gegner gescheitert. Auch diesmal machte es die TSG den Gastgebern alles andere als leicht.
Balingen presst, Freiberg beißt sich fest
Von Beginn an übernahm der SGV die Spielkontrolle, ließ Ball und Gegner laufen – jedoch ohne echte Durchschlagskraft. Die Balinger störten früh, pressten aggressiv und zwangen Freiberg zu ungewohnten Ungenauigkeiten im Aufbau. Lushtaku zeigte sich nach Abpfiff selbstkritisch: „Im Spielaufbau waren wir heute nicht so klar und abgestimmt, wie wir es uns vorgenommen hatten. Daran werden wir arbeiten – denn wir wissen, dass sich kein Gegner mehr einfach überraschen lässt.“
Immer wieder rollten Angriffe über die linke Seite, wo Matt-Braham Zie und Abou Dramane Ballo auffällig agierten. Zwei Franzosen, neu im Team – und schon jetzt ein eingespieltes Duo. „Ballo arbeitet sich mit jeder Partie tiefer ins Spiel. Und mit Zie funktioniert das Zusammenspiel über links inzwischen fast automatisch. Beide entwickeln sich sehr gut und sind ein wichtiger Teil unseres Offensivspiels“,lobte der Trainer.
Trotz hoher Ballbesitzanteile gelang es Freiberg kaum, klare Chancen zu erspielen. Immer wieder war ein Balinger Abwehrbein dazwischen. Auch die Gäste kamen gelegentlich gefährlich vors Tor – meist über Standards, die jedoch entschärft wurden. So ging es torlos in die Kabinen.
Kehl-Gomez entscheidet – Grawe rettet
Nach der Pause erhöhte der SGV das Tempo. Eine erste Großchance parierte Balingens Torwart Potye glänzend (49.). Doch der Druck nahm zu – und in der 63. Minute war es schließlich Marco Kehl-Gomez, der seine Lufthoheit demonstrierte. Nach einer Ecke stieg der Kapitän am höchsten und köpfte wuchtig zur Führung ein. Kein Zufall, sondern Konsequenz. „Kehl-Gomez ist eben Kehl-Gomez“, sagte Lushtaku mit Nachdruck. „Er treibt die Jungs als Leader voran, ist ein extrem wichtiger Spieler – mein verlängerter Arm auf dem Platz.“
Was danach kam, war Zittern auf hohem Niveau. Die Gäste warfen alles nach vorne, kamen zu Möglichkeiten – doch SGV-Schlussmann Grawe war zur Stelle. Gleich mehrfach rettete er mit starken Reflexen und ruhiger Ausstrahlung. „Seine Präsenz gibt der Mannschaft in solchen Phasen enorm viel Stabilität“, hieß es aus dem Umfeld.
Köhl fehlt spürbar – aber Freiberg beweist Moral
Verzichten musste der SGV auf seinen verletzten Torjäger Marius Köhl – und seine Abwesenheit war deutlich spürbar. „Wie schwer die Verletzung ist, müssen wir noch abwarten“, erklärte Lushtaku. „Aber klar ist: Seine individuelle Klasse hat uns heute gefehlt.“
Ob die Pokalniederlage aus der Vorsaison noch in den Köpfen war? Lushtaku winkte ab: „Nein, die hat keine Rolle gespielt.“ Auch eine Unterschätzung des Gegners schloss er entschieden aus. Vielmehr erkennt der SGV-Coach ein Muster: „Viele Mannschaften stellen sich inzwischen gezielt auf unseren Spielstil ein. Das macht es für uns nicht einfacher.“
Fazit: Kein Glanz, aber Charakter – und Big Points
Freiberg hat auch das fünfte Spiel der Saison gewonnen – mit 15 Punkten bleibt der SGV alleiniger Spitzenreiter der Regionalliga Südwest. Und doch war dieser Sieg mehr als eine Zahl in der Tabelle. Es war ein Arbeitssieg, der zeigt, dass man auch ohne spielerischen Glanz punkten kann. Dass Moral, Ordnung und ein Moment der Entschlossenheit reichen – manchmal eben auch bei einer Ecke und einem Kapitän mit Timing.
Am kommenden Freitag geht es für die Freiberger auswärts gegen Astoria Walldorf weiter. Und eins dürfte sicher sein: Ein Selbstläufer wird es auch dort nicht.

