„Bordell Europas“? Fachkonferenz in Ludwigsburg fordert Umdenken bei Prostitution

Acht Jahre nach Inkrafttreten der Istanbul-Konvention diskutieren Fachleute in Ludwigsburg über die Realität von Prostitution in Deutschland. Eine öffentliche Konferenz beleuchtet Gewalt, Ausbeutung und politischen Reformbedarf und stellt mit dem Nordischen Modell einen Ansatz vor, der den Sexkauf kriminalisiert und Betroffenen Hilfe beim Ausstieg bieten soll. Prominente Stimmen aus Politik, Wissenschaft und Praxis sind angekündigt.

Von Ayhan Günes – 10.09 Uhr 

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Ludwigsburg. Unter dem Titel „‚Bordell Europas‘ ist kein Qualitätsmerkmal“ findet am 2. Februar 2026 im Kulturzentrum Ludwigsburg eine öffentliche Fachkonferenz des Ludwigsburger Bündnisses gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution statt. Anlass ist der achte Jahrestag der Rechtsverbindlichkeit der sogenannten Istanbul-Konvention, die den Schutz von Mädchen und Frauen vor Gewalt sicherstellen soll.

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Die Veranstaltung beginnt um 9 Uhr und richtet sich an Interessierte und Fachleute gleichermaßen. Sie ist kostenfrei, erfordert jedoch eine Anmeldung unter www.buendnisludwigsburg.de/veranstaltungenAttachment.tiff.

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Thema: Realität und Reformbedarf der Prostitution

Im Mittelpunkt der Konferenz stehen Erfahrungsberichte und wissenschaftliche Analysen zur Situation von Frauen in der Prostitution in Deutschland. Fachleute aus Praxis, Wissenschaft und Betroffenenarbeit stellen den in Skandinavien entwickelten Ansatz des sogenannten Nordischen Modells vor. Dieses sieht vor, den Kauf sexueller Handlungen unter Strafe zu stellen, während Menschen, die solche Handlungen anbieten, staatliche Unterstützung für den Ausstieg erhalten sollen. Ziel ist es, die Abhängigkeit und Ausbeutung in der Prostitution zu verringern.

Überparteilicher Diskurs erwartet

Mit Leni Breymaier (SPD, ehemaliges Bundestagsmitglied) und Susanne Wetterich, der Vorsitzenden der Frauen-Union Baden-Württemberg (CDU), sind prominente Vertreterinnen unterschiedlicher politischer Richtungen beteiligt. Die Stadt Ludwigsburg fördert die Konferenz finanziell und organisatorisch. Weitere namhafte Expertinnen und Experten wurden vom veranstaltenden Verein eingeladen.

„Wir akzeptieren in unserer Stadtgesellschaft weder Zwangsprostitution noch andere Formen von Gewalt. Daher unterstützen wir in Ludwigsburg das Nordische Modell und setzen uns weiterhin für die Umsetzung der Grund- und Freiheitsrechte von Mädchen und Frauen ein“, betont Ludwigsburgs Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht.

Die Gleichstellungbeauftragte, Dr. Kristina Wolff, ergänzt: „Eine gesunde Gesellschaft erkennt an, dass der Kauf von sexuellen Handlungen auf einem machtgeprägten Hierarchiegefälle basiert. Nicht auf Einverständnis.“

Auch Gunda Rosenauer, Professorin für Psychologie an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg, sowie Vorsitzende des Ludwigsburger Bündnisses gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution, bekräftigt diese Haltung: „Dass Deutschland als ‚Bordell Europas‘ gilt, ist kein Zeichen von Freiheit, sondern ein Alarmsignal. Die Realität in der Prostitution zeigt, wie oft Würde, Selbstbestimmung und Schutz auf der Strecke bleiben. Genau darüber müssen wir sprechen.“