
Ein Kommentar von Ayhan Güneş – Chefredakteur von Ludwigsburg24
Der Weltfußball steht vor einem Machtkampf, der weit über Geld hinausgeht.
Die UEFA und ihre 55 Mitgliedsverbände lehnen den Plan der FIFA geschlossen ab, Teile ihres Turniergeschäfts für private Investoren zu öffnen. Solange der Weltverband daran festhält, wollen sie dessen Wettbewerbe boykottieren.
Im Zentrum steht eine neue FIFA-Tochtergesellschaft. In ihr sollen der Betrieb und die kommerzielle Verwertung der Weltmeisterschaft sowie weiterer Wettbewerbe gebündelt werden. Ihr Wert wird auf rund 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Bis zu 20 Prozent könnten an externe Geldgeber verkauft werden.
Für die UEFA ist damit eine rote Linie erreicht. Die Weltmeisterschaft dürfe nicht zu einem Investmentprodukt werden, dessen Entwicklung künftig auch von den Renditeerwartungen privater Anteilseigner abhängt.
Diese Sorge ist berechtigt.
Wirtschaftlicher Erfolg im Fußball ist nicht grundsätzlich verwerflich. Die FIFA braucht Einnahmen, um Turniere auszurichten, Preisgelder zu zahlen und ihre Mitgliedsverbände zu unterstützen. Eine Weltmeisterschaft lässt sich nicht ohne ein funktionierendes Geschäftsmodell organisieren.
Doch private Anteilseigner verändern die Logik.
Sie investieren nicht aus Liebe zum Fußball. Sie erwarten Wachstum und Rendite. Damit steigt der Druck, noch mehr Spiele, noch höhere Erlöse und immer neue vermarktbare Geschichten zu produzieren.
Der Vorstoß kommt deshalb zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Die gerade beendete Weltmeisterschaft hat gezeigt, wie weit die FIFA bei der wirtschaftlichen Verwertung ihres wichtigsten Wettbewerbs bereits gegangen ist. Gleichzeitig blieben Fragen offen, ob kommerzielle Interessen, politische Nähe und sportliche Entscheidungen beim Weltverband noch deutlich genug voneinander getrennt sind.
Eine Manipulation ist nicht bewiesen.
Das Problem liegt tiefer: Die FIFA verlangt Vertrauen, liefert aber zu oft zu wenig Transparenz.
Milliardenumsätze und Eintrittskarten als Luxusgut
Die WM 2026 sprengte alle bisherigen Dimensionen. 104 Spiele bedeuteten mehr Übertragungszeit, mehr Sponsorenflächen, mehr Tickets und mehr Geschäft mit Hospitality und Merchandising.
Besonders sichtbar wurde das bei den Eintrittspreisen. Für Finaltickets der höchsten offiziellen Preiskategorie wurden zeitweise bis zu 10.990 Dollar verlangt. Auf der offiziellen Wiederverkaufsplattform tauchten sogar Angebote in Millionenhöhe auf.
Diese astronomischen Preise setzte die FIFA nicht selbst fest. Sie stellte jedoch die Plattform bereit und verdiente an den Gebühren. Ob die extremsten Summen tatsächlich gezahlt wurden, ist nicht bekannt.
Das eigentliche Problem ist ohnehin kein einzelner Fantasiepreis.
Die Weltmeisterschaft wird als Turnier für die ganze Welt inszeniert. In den Stadien wurde sie für viele normale Fans zu einem Luxusgut.
Der Markt mag solche Preise ermöglichen. Doch die FIFA ist kein gewöhnlicher Konzertveranstalter und die WM kein beliebiges Unterhaltungsprodukt. Ihr Wert ist über Jahrzehnte durch Spieler, Vereine, Nationalverbände und Fans entstanden.
Die FIFA verwaltet dieses Erbe. Sie besitzt es nicht wie ein Unternehmen seine Ware.
Trinkpausen mit doppeltem Nutzen
Auch die verpflichtenden Trinkpausen stehen sinnbildlich für das Vertrauensproblem.
Bei allen 104 Spielen wurde ungefähr in der 22. und 67. Minute für jeweils drei Minuten unterbrochen. Die Regel galt unabhängig vom Wetter und auch in geschlossenen oder klimatisierten Stadien. Die FIFA begründete sie mit dem Schutz der Spieler und einheitlichen Bedingungen.
Spielerschutz ist ein überzeugender Grund. Bei großer Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit sind Pausen notwendig.
Doch zwei minutengenau planbare Unterbrechungen pro Spiel sind zugleich wertvolle Werbefenster. Einen Beleg dafür, dass sie aus kommerziellen Gründen eingeführt wurden, gibt es nicht. Die FIFA bestreitet ein solches Motiv.
Gerade deshalb hätte sie genauer erklären müssen, warum dieselbe starre Regel auch unter klimatisch unproblematischen Bedingungen notwendig war.
Was medizinisch sinnvoll sein kann, lässt sich gleichzeitig wirtschaftlich nutzen. Je enger diese Interessen zusammenrücken, desto wichtiger wird Offenheit. Genau daran fehlt es der FIFA zu oft.
Messi war nicht das Problem
Lionel Messi war die größte globale Figur dieser Weltmeisterschaft. Jedes weitere Spiel mit ihm bedeutete Aufmerksamkeit, Reichweite und wirtschaftlichen Wert.
Das beweist keine Bevorzugung.
Im Viertelfinale gegen die Schweiz wurde der bereits verwarnte Breel Embolo nach einem Eingriff des Videoassistenten mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Das International Football Association Board stellte später fest, dass der VAR nach dem geltenden Protokoll nicht auf diese Weise hätte eingreifen dürfen. Argentinien gewann nach Verlängerung.
Der Fehler verschaffte der Mannschaft einen erheblichen Vorteil. Er beweist trotzdem keine Manipulation zugunsten Messis.
Genau diese Trennung ist wichtig.
Eine falsche Entscheidung muss klar benannt werden können, ohne daraus eine Verschwörung zu konstruieren. Zugleich muss die FIFA verstehen, dass solche Fehler in einem vollständig kommerzialisierten Umfeld besonders schwer wiegen.
Je größer der wirtschaftliche Wert einzelner Stars wird, desto transparenter müssen Schiedsrichterwesen und Kontrollmechanismen arbeiten.
Nicht Messi machte die FIFA verdächtig. Der Weltverband schaffte es nicht, entstandene Zweifel überzeugend auszuräumen.
Der Fall Balogun wiegt schwerer
Noch problematischer war der Umgang mit dem amerikanischen Nationalspieler Folarin Balogun.
Balogun hatte nach einem VAR-Eingriff wegen groben Foulspiels die Rote Karte gesehen. Nach dem FIFA-Regelwerk folgte daraus zunächst eine automatische Sperre für das nächste Spiel.
Dann telefonierte US-Präsident Donald Trump mit FIFA-Präsident Gianni Infantino. Trump erklärte anschließend öffentlich, er habe um eine Überprüfung gebeten.
Wenig später setzte die FIFA die Sperre für ein Jahr zur Bewährung aus. Balogun durfte im Achtelfinale gegen Belgien spielen. FIFA und Weißes Haus bestritten, dass der Anruf die Entscheidung beeinflusst habe.
Es gibt keinen Beleg für eine direkte Weisung.
Doch der Präsident des Gastgeberlandes intervenierte beim FIFA-Chef. Anschließend wurde eine automatisch vorgesehene Sanktion ungewöhnlich ausgesetzt. Nach Berichten soll der Vorsitzende des FIFA-Disziplinarkomitees die Entscheidung offenbar allein getroffen haben.
Ein solches Verfahren mag regelkonform gewesen sein. Nachvollziehbar war es nicht. Die UEFA bezeichnete das Vorgehen als beispiellos und nicht zu rechtfertigen. Auch andere Verbände verlangten Aufklärung. Dass die USA das folgende Spiel deutlich verloren, ändert nichts am institutionellen Problem.
Eine Sportorganisation muss nicht nur unabhängig entscheiden. Sie muss in einem solchen Fall auch glaubhaft zeigen können, dass sie unabhängig entschieden hat.
Genau das gelang der FIFA nicht.
Vertrauen lässt sich nicht verkaufen
Vor diesem Hintergrund wird der Investorenplan zur Belastungsprobe.
Private Anteilseigner müssen nicht über Regeln, Schiedsrichter oder Sperren entscheiden, damit ein Interessenkonflikt entsteht. Schon die Erwartung steigender Renditen verändert den Blick auf jede umstrittene Entscheidung.
Die UEFA zieht deshalb zu Recht eine Grenze. Die Weltmeisterschaft darf kein gewöhnliches Investmentprodukt werden. Der Fußball braucht Einnahmen. Seine sportlichen Entscheidungen dürfen aber niemals den Eindruck erwecken, Teil einer Renditelogik zu sein.
Bevor die FIFA privates Kapital einwirbt, muss sie ein anderes Kapital zurückgewinnen:
Vertrauen.


