Dr. Karlin Stark: „Wir müssen unbedingt von den hohen Zahlen runter, es steht auf Messers Schneide“

Seit Februar ist Dr. Karlin Stark die neue Leiterin des Kreisgesundheitsamtes in Ludwigsburg. Zuvor war die engagierte Ärztin für Bevölkerungsgesundheit in leitenden Positionen im Gesundheitsamt Heilbronn tätig, zuletzt leitete sie fünf Jahre lang das Landesgesundheitsamt in Stuttgart. Im Alter von 58 Jahren den Job nochmals zu wechseln und in Ludwigsburg die Nachfolge des langjährigen Gesundheitsdezernenten Dr. Thomas Schönauer anzutreten, dafür entschied sich die mehrfache Mutter und zweifache Oma aus einem Grund: „Ich wollte wieder mehr fachlich arbeiten.“

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

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Frau Dr. Stark, die ersten drei Monate im Kreisgesundheitsamt sind schon wieder vorbei. Konnten Sie sich gut einleben oder hat das Thema Corona Sie sofort überrannt?

Der Teil der Mitarbeiter, der mit Corona beschäftigt ist, sieht mich natürlich häufig. Aber es gibt tatsächlich auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die ich noch immer nicht auf der Straße erkennen würde.

Tauschen Sie sich mit Ihrem Vorgänger Dr. Thomas Schönauer aus?

Wir kennen uns persönlich schon viele, viele Jahre, von daher habe ich immer noch Kontakt zu Thomas Schönauer. Zuletzt haben wir uns vor etwas über zwei Wochen gesehen. Ich weiß, dass er für mich jederzeit ansprechbar wäre. Er hat auch darauf hingewirkt, dass ich hier einen guten Einstieg hatte und auf ein tolles Mitarbeiterteam sowie ein angenehmes Arbeitsklima gestoßen bin. Den Schritt von Stuttgart nach Ludwigsburg habe ich bis heute nicht bereut. Ich bin eine kommunale Pflanze, kenne die kommunalen Strukturen und fühle mich von daher in Ludwigsburg sehr wohl.

Sie gelten als Workaholic, arbeiten von morgens um 6.00 Uhr bis mindestens 19.00 Uhr abends. Das ist ein taffes Programm. Haben Sie an Ihr Team auch so strenge Erwartungen?

Nein, ich empfinde mich nicht als streng, auch mit mir selbst nicht. Ich ziehe einfach die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben nicht so strikt wie es andere Menschen tun und lasse mich auch am Wochenende oder im Urlaub anrufen. Das mache ich von jeher so, weil es meinem Selbstverständnis und meinem Pflichtbewusstsein entspricht, aber es muss auch mit dem Privatleben zusammenpassen und sollte ein gewisses Maß nicht überschreiten. Seit Ausbruch von Corona ist mein Leben natürlich sehr dienst- und arbeitslastig. Es gibt kein Wochenende mehr, an dem ich nicht meine Mails durchgehe oder die neuesten Zahlen und Informationen zu Corona checke.

Gleiches erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern wirklich nicht?

Natürlich habe ich auch an meine Mitarbeiter eine Erwartungshaltung, denn anders geht es in einem so großen Betrieb nicht. Es muss einfach funktionieren. Auf der anderen Seite habe ich gegenüber meinen Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht. Das ist Teil meines Verständnisses als Führungskraft. Ich halte mich für keine gewöhnliche Führungskraft, weil Fürsorge und Befindlichkeit der Mitarbeiter für mich ganz wesentliche Faktoren sind und ich mich wirklich dafür interessiere, wie es ihnen geht. Meine tiefe Überzeugung ist, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen sollten, dass es ihnen gut gehen muss und dass die Arbeitswelt auch zusammenpassen sollte mit dem, was sie an anderen, privaten Belastungen und Anforderungen haben. Wenn man hier das richtige Maß findet, dann arbeiten die Menschen am effektivsten und sind zufrieden. Von daher habe ich kein fixes Anforderungsprofil, sondern es wächst an der Realität. Allerdings habe ich durchaus schon Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefühlt an ihre Grenzen gefordert, aber ich habe an mich selbst den Anspruch, diese Grenze nicht zu überschreiten. Ich will nicht, dass sich jemand komplett aufopfert und letztlich Schaden nimmt durch seine Arbeit.

Wie halten Sie es mit der eigenen Work-Life-Balance?

Wahrscheinlich antworte ich jetzt anders als mein Mann es tun würde. Ich habe wirklich einen extrem geduldigen Mann, der meine Arbeitsauffassung akzeptiert und sehr stoisch damit umgeht, wenn ich mal später heimkomme oder am Wochenende plötzlich an den PC verschwinde. Persönlich habe ich schon das Gefühl, das richtige Maß zu halten. Unsere sechs Kinder sind glücklicherweise alle gesund und erwachsen, so dass ich mir es von der persönlichen Situation leisten kann, 50 bis 60 Stunden oder mehr pro Woche für die Arbeit aufzubringen. Das ist mir wichtig, weil es die aktuelle Situation auch verlangt.

Ihre Familie nimmt das also mahn- und klaglos hin…

Na ja, meine Kinder und mein Mann machen gelegentlich Bemerkungen, dass ich weniger arbeiten sollte, aber letztlich leidet aktuell niemand hart darunter, dass ich gerade so viel arbeite.

Wenn Sie dann doch mal abschalten, wie regenerieren Sie am besten?

Das Wichtigste für mich ist meine Familie und die soziale Umgebung. Meine älteste Tochter hat zwei Kinder und lebt eigentlich in Hamburg. Momentan ist sie aber quasi Dauergast hier im Süden. Deshalb habe ich im Schnitt einen Tag pro Woche die Enkel bei mir. Meine Enkelin ist vier Jahre alt, ihr Bruder ist drei, beide sind sehr lebendig und aktiv. Sind sie bei mir, gehöre ich voll und ganz ihnen.

Neben der Fachliteratur lese ich jeden Tag in Büchern, die ich gerade spannend finde, selbst wenn es nur wenige Seiten sind. Außerdem bin ich eine leidenschaftliche Brett- und Kartenspielerin. Mit meinem Mann spiele ich häufig zwei Klassiker: Carcassonne und Phase 10, neu entdeckt haben wir jetzt das Kartenspiel SKYO. Ich mag Spiele, die mehrdimensional und strategisch sind. Einmal pro Woche spielt meine Tochter mit ein paar Verwandten online Cluedo, da habe ich mich schon mehrfach eingeklinkt.

Sport treiben Sie nicht?

Doch, natürlich betätige ich mich sportlich. Zweimal pro Woche fahre ich mit dem Fahrrad von daheim in Freudental bis nach Ludwigsburg und wieder zurück, das sind rund 20 Kilometer pro einfache Strecke. Einmal pro Woche jogge oder walke ich mit einer Freundin. Im Alltag vermeide ich bewusst Aufzüge und Rolltreppen, um mich mehr zu bewegen.

Corona dominiert derzeit Ihren Arbeitsalltag. Haben daneben noch andere Themen Platz?

In Ludwigsburg bin ich zusätzlich zuständig fürs Veterinäramt, was für mich Neuland ist. Wir haben immer wieder Tierschutzfälle und zuletzt die Geflügelpest, wo wir hurtig handeln mussten. Aber auch Tuberkulose oder das Tigermückenproblem in Korntal-Münchingen beschäftigen uns aktuell. Es tauchen ebenso immer wieder andere meldepflichtige Erkrankungen auf, um die wir uns kümmern müssen. Dazu kommen Veranstaltungen, zuletzt zu Todesbescheinigungen und zum Masernschutzgesetz.

Sie haben früher in Praxen für Allgemeinmedizin direkt am Patienten gearbeitet, aber Ihren Facharzt für Gesundheitswesen gemacht und sind dann in den Öffentlichen Gesundheitsdienst gewechselt. Vermissen Sie die Arbeit am Patienten oder wäre das auf Dauer nichts für Sie gewesen?

Doch, ich bin ziemlich sicher, dass mir die Arbeit in einer Praxis sehr gut gefallen hätte, denn ursprünglich wollte ich Internistin werden. In den Öffentlichen Gesundheitsdienst bin ich gewechselt, als mein erstes Kind zweieinhalb Jahre alt war und dieser Wechsel familiär die beste Lösung war. Die Arbeit dort war mir weitestgehend fremd, aber ich habe dann schnell Feuer gefangen für diesen Fachbereich. Individualmedizin fasziniert mich nach wie vor und ich wende sie im kleinen Familienkreis auch durchaus an. Ich habe auch viele Jahre ein Kinderferienprogramm medizinisch betreut als Lagersanitäterin. Dann habe ich im Öffentlichen Gesundheitsdienst sehr viele Jahre Einschulungsuntersuchungen oder Begutachtungen durchgeführt, die ebenfalls zur Individualmedizin gehören, eben nur ohne individuelle Behandlung.

Weshalb haben Sie für den Fachbereich öffentliche Gesundheit Feuer gefangen? Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?

Mir gefällt der große Gedanke. Richtig beseelt bin ich von der Primärprävention, die für mich die „goldene Disziplin“ ist. Das heißt, Erkrankungen zu verhindern und darauf hinzuarbeiten, dass die Menschen ein gesundes, selbstbestimmtes, positives Leben führen. Man kann da strukturell sehr viele Dinge durch Verhaltens- und Verhältnisprävention tun, indem man aufklärt und gleichzeitig die dafür notwendigen Lebensbedingungen schafft, damit gesundheitsförderliches Verhalten nahegelegt wird. Das ist ein ganz breites Feld, das wir in Baden-Württemberg versuchen, durch verpflichtende kommunale Gesundheitskonferenzen in allen Landkreisen auf die kommunale Ebene zu projizieren. Dabei wird überlegt, was man in einer Kommune tun kann, um Menschen zu gesunder Lebensweise anzuregen. Das finde ich richtig spannend, denn das beginnt bei der Anlage eines Baugebiets, geht über individuelle Angebote bis hin zu strukturellen Fragen. Beispielsweise, wie bekomme ich einen Landarzt dorthin, wo er benötigt wird? Wie schaffen wir es, dass sich die Kinder in der Schule gesund ernähren? Was können wir tun, damit sich ältere Menschen mehr bewegen? Unsere drei großen Themen sind: Ernährung, Bewegung und soziales Miteinander. Schon allein das hinzukriegen ist ein Lebenswerk. Wenn das aber gut gelingt, werden die ganzen Lebensstil-assoziierten Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder Erkrankungen, die mit dem Bewegungsapparat zu tun haben, vermindert.

Wenn man Sie so hört, darf man davon ausgehen, dass Sie selbst keine gesundheitsschädlichen Laster haben.

Leider bin auch ich immer wieder Opfer meiner Gelüste und kenne meine Schwachstelle „Essen“ sehr gut. Ich esse sehr gerne und viel Süßes, ich esse überhaupt gerne zu viel. Aber ich toleriere durchaus meine eigenen Schwächen und sage mir, dass es schlimmere Probleme gibt.

Kommen Sie bei Ihrem Arbeitsaufwand noch dazu, selbst am Herd zu stehen und dabei auf gesunde Ernährung zu achten?

Nein, mein Mann musste sich damit abfinden, dass er keine Hausfrau geheiratet hat. Ich koche nur im absoluten Ausnahmefall und putze so gut wie nicht. Es ist für mich zudem eine Zeitfrage. Das Kochen hat mein Mann übernommen, auch am Wochenende. Er macht das ganz gern und auch sehr gut. Dafür lobe ich ihn, denn ich schätze das sehr. Dafür mache ich neben meinem Job noch sehr viel ehrenamtliche Arbeit. Vielleicht entdecke ich das Kochen später, wenn ich irgendwann mehr Zeit habe.

Nochmal zurück zu Corona: Zum jetzigen Zeitpunkt unseres Gesprächs liegt der Inzidenzwert bei 206,1. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Kreis Ludwigsburg?

Es ist besorgniserregend, denn die Entwicklung ist wirklich problematisch. Wir müssen unbedingt von den hohen Zahlen runter, es steht auf Messers Schneide. Momentan ist alles noch kompensierbar, aber wenn das Virus, aus welchen Gründen auch immer, exponentielles Wachstum aufnimmt, dekompensiert das System. Der wichtigste Indikator für mich ist die Belegung und die Kapazität von Intensivbetten und das wird wirklich immer knapper. In Ludwigsburg sieht es noch relativ gut aus, aber andere Kliniken melden bereits Notstand. Derzeit liegen vermehrt jüngere Menschen mit längerer Verweildauer auf Intensivstationen. Wenn wir jetzt nicht ganz schnell von den hohen Zahlen runterkommen, steuern wir geradewegs auf eine Versorgungsproblematik zu. Diese „englische Variante“ ist eigentlich ein neues Virus, das alles nochmals losgetreten hat mit problematischeren Eigenschaften, insbesondere einer leichteren Übertragbarkeit als das ursprüngliche Virus.

Seit letztem Wochenende gibt es eine Bundesnotbremse. Sind Sie mit den neuen und vor allem bundesweiten Einschränkungen einverstanden?

Was ich sehr begrüße und für den größten Gewinn halte, ist die Bundeseinheitlichkeit und deren Klarheit. Beides ist sehr wichtig für die Akzeptanz. Ich merke im privaten sowie beruflichen Umfeld, dass die Menschen es einfach nicht verstehen, dass die Situation nicht besser wird und sie sich weiterhin so einschränken müssen, was aber anscheinend nichts bringt. Auch die unterschiedlichen Handhabungen der Bundesländer verstehen die Menschen nicht. Ob die Maßnahmen der Bundesnotbremse ausreichen, werden die nächsten Wochen zeigen. Beim alten Virus wären die Maßnahmen ausreichend, ob sich aber der B1.1.7, die englische Virus-Mutante, so eindämmen lässt, damit wir den R-Wert unter Eins bekommen, bleibt abzuwarten.

Ist die Corona-Politik in Berlin und auf Landesebene für Sie vor Ort hilfreich oder eher hinderlich?

Es ist immer die Frage, was überwiegt. In der Corona-Bewältigung gab es in Bundes- und Landespolitik Phasen, in denen die fachlichen Argumente überwogen haben, und dann gab es Phasen, in denen andere Aspekte – beispielsweise politischer oder juristischer Art – wichtiger wurden. Ich habe bei Bundes- oder Landespolitik immer dann ein Problem, wenn das Leitende nicht die fachlichen Argumente ist. Dann wird es in meinen Augen immer schwierig.

Der Inzidenzwert, der den Besuch der Schule regelt, liegt bei 165 pro 100.000 Menschen an sieben Tagen. Halten Sie diesen Richtwert für angemessen oder liegt er zu hoch?

Die Inzidenzzahl 165 ist willkürlich, es gibt dafür keine wissenschaftliche Basis. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie man den Unterricht und die Kinderbetreuung durchführt. Und da haben wir sehr viel gelernt, so dass wir Ausbrüche in Einrichtungen durch Einsicht und gute Mitarbeit der Lehrer, Erzieher und Betreuer gut abgrenzen können. Es ist bekannt, dass ich eine große Befürworterin bin, die Schulen und Kitas so früh wie möglich zu öffnen und möglichst lange offen zu lassen. Vor allem im Kita- und Grundschulbereich hat eine zu lange Schließung weitreichende Folgen. In diesem Alter beziehen Kinder alles auf sich, weshalb ich es für schwierig halte, ein Kind als Gefahr zu erfassen und darzustellen. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder unbedingt andere Kinder, die ich als Erwachsener daheim nicht ersetzen kann. Deshalb muss man hier einfach die Maßnahmen und das Kindeswohl abwägen. Richtig ist, dass beim B1.1.7 Kinder eine große Rolle spielen. Wir hatten noch nie so hohe altersspezifische Inzidenzen bei Kindern wie zurzeit. Das Offenlassen von Schulen und Kitas darf nicht dazu führen, dass uns die Pandemie aus dem Ruder gerät. Insofern halte ich die Schließungen aktuell für eine wirksame und vertretbare Maßnahme. Trotzdem würde ich persönlich ehrlicherweise lieber andere Bereiche einschränken.

Welche Einschränkungen wären Ihrer Ansicht nach sinnvoller?

Der Schlüssel ist Kontaktbeschränkungen und die sollten wir ausschöpfen. Das bedeutet, kontaktlos in den Unternehmen und Betrieben zu arbeiten, wo immer das möglich ist. Ich selbst habe bei Lebensmitteleinkäufen Situationen erlebt, die weit entfernt von den notwendigen Abständen waren, wo es viel zu eng und zu voll war. Auch beim öffentlichen Nahverkehr läuft es nicht immer optimal, vor allem dann nicht, wenn Busse und Bahnen voll werden. Da es dort keine vorgeschriebenen Sitzplatzregeln gibt, müssen es die Fahrgäste selbst regeln und das klappt häufig nicht. Das könnte alles optimiert werden.

Kann man konkret sagen, wo die meisten Infektionen stattfinden?

Nein, bei einem großen Anteil der Infektionen wissen wir nicht, woher sie kommen. Das Dunkelfeld ist auch genau das, was uns von Anfang an Probleme macht. Den Feind, den man sieht, kann man bekämpfen. Aber wenn man ihn nicht kennt, wird es schwierig. Bei hohen Inzidenzen muss man letztlich davon ausgehen, dass jeder positiv sein könnte, der einem näher als 1,50 Meter kommt.

Das Blühende Barock darf wieder öffnen. Befürworten Sie diese Entscheidung?

Das Blühende Barock liegt mitten in der Stadt und stellt eine Möglichkeit zur Naherholung dar, wo Menschen zu Fuß hingehen und sich im Freien bewegen können. Von daher befürworte ich die Öffnung, denn ansonsten nimmt man einen großen Freiraum weg, in dem man sich bei Einhaltung der Hygieneregeln mit einem geringen Infektionsrisiko draußen bewegen kann. Als das BlüBa zu war, bin ich regelmäßig mit dem Fahrrad durch die Bärenwiese gefahren und dort war es sehr voll. Durch das geschlossenen BlüBa wurde die verfügbare innerstädtische Grünfläche offensichtlich mehr frequentiert. Deswegen macht es für mich Sinn, Parkanlagen wie das Blühende Barock für eine kontrollierte Naherholung bei entsprechenden Hygienekonzepten wieder aufzumachen.

Um die Pandemie zu bekämpfen, sind die Infektionszahlen die eine Säule, eine andere ist das Impfen. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Impfzahlen bei uns im Kreis? Derzeit liegen wir bei etwas über 65.000 Personen.

In dieser Zahl nicht erfasst sind die Impfungen in den Hausarztpraxen und die Impfungen, die unsere Bürgerinnen und Bürger in einem anderen Landkreis erhalten haben. Von daher zeigt diese Zahl nicht die wirkliche Durchimpfung im Landkreis Ludwigsburg, denn es sind definitiv mehr Menschen hier geimpft. Richtig zufrieden bin ich dennoch nicht. Wir haben noch immer zu wenig Impfstoff und sind gefühlt zu langsam. Das nimmt jetzt allerdings Fahrt auf und ich bin überzeugt, dass die Impfung der richtige Weg aus der Pandemie ist. Wenn wir allerdings zu langsam impfen, riskieren wir, dass uns das Virus doch wieder ein Schnippchen schlägt. Wenn es sich so verändert, dass die Impfung nicht oder nicht vollständig schützt, dann laufen wir in die nächste Problematik.

Dominiert die britische Virusvariante auch in Ludwigsburg das Geschehen?

Lange war dies nicht so, doch inzwischen haben wir auch hier im Kreis Ludwigsburg überwiegend die britische Variante.

Sie gehören zu den VIPs im Gesundheitswesen. Sind Sie somit schon geimpft?

Letzte Woche hatte ich meine erste Impfung. Ich wollte eigentlich ganz bewusst AstraZeneca, weil ich diesen für einen guten Impfstoff halte, aber weil ich noch unter sechzig bin, habe ich Moderna bekommen. Ich habe alles gut vertragen und hatte nur ganz leichte Impfnebenwirkungen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch und bleiben Sie gesund.

„Ich bin ein ziemlich schlechter Verlierer“: Ludwigsburg24 trifft VfB-Präsident Claus Vogt

Am 18. Juli findet in der Mercedes-Benz-Arena die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart statt. Seit Dezember 2019 ist Claus Vogt Präsident des 1893 gegründeten Vereins für Bewegungsspiele und will es auch nach der Wahl weiter sein. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht der Unternehmer Vogt, wie er die Mitglieder überzeugen will ihn erneut zu wählen, zu seinem Verhältnis mit Präsidentschafts-Mitbewerber Pierre-Enric Steiger, zum Datenskandal beim Bundesligisten und wie der 51-Jährige den Jahrhundertorkan beim VfB überstanden hat.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

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Herr Vogt, vor der letzten Präsidentenwahl sagten Sie: „Ich will kommen, um zu bleiben.“ Was sagen sie am 18. Juli vor der erneuten Wahl?
Passend wäre die Aussage: „Ich will bleiben, um unseren positiv begonnenen Weg weiter voranzutreiben“.

Sie wollen somit also unbedingt gewinnen…
Ich wünsche mir, dass mir die Mitglieder ihr Vertrauen aussprechen und mich wählen. Von daher soll es weder einen Gewinner noch einen Verlierer geben. Die Mitglieder sollen denjenigen wählen, von dem sie sich am besten vertreten und repräsentiert fühlen.

Sie sind seit eineinhalb Jahren im Amt, in der Zeit ist jede Menge passiert. Was haben Sie aus Ihrer Sicht seither gut gemacht, um die Mitglieder von sich zu überzeugen?
Wenn sich jemand in der 2. Liga dem Verein für den Präsidentschaftsposten zur Verfügung stellt, ohne die Garantie des Aufstiegs zu haben, ist das erstmal ein klares Bekenntnis zum VfB. Und wenn er das dann in einer Corona-Pandemie aufrechterhält, plötzlich noch mit einer Datenschutzaffäre, für die er nichts kann, konfrontiert wird und mit beidem umgeht, ohne Planungssicherheit zu haben, dass er bleiben kann, aufzusteigen und sportlichen Erfolg zu haben – dann honorieren das die Mitglieder hoffentlich. Sie können aus meinem Engagement ableiten, dass sie einen verlässlichen, berechenbaren Präsidenten haben, der für ihre Rechte einsteht, sie auch in schweren Zeiten vertritt und nicht einfach alles hinwirft, wenn’s mal richtig schwierig wird. Deshalb möchte ich für alle, die mir damals ihr Vertrauen ausgesprochen und mich gewählt haben, bis zum 18. Juli – und nach Möglichkeit darüber hinaus – mit ganzer Kraft da sein.

Übersetzt heißt das, dass Sie zufrieden sind mit dem Ergebnis, das Sie während Ihrer bisherigen Amtszeit erzielt haben?
Es war die schwierigste Zeit, die der VfB und seine Mitglieder bislang zu überstehen hatte. Ich glaube, es ist uns gelungen, dass wir – trotz der schweren Zeiten und den im Vorfeld durchaus vorhandenen Vertrauensstörungen bei Fans, Mitgliedern, Partnern und Sponsoren zum Verein – relativ viel aufgebaut haben. Die Datenschutzaffäre musste ich als Präsident sehr ernst nehmen und diese Affäre haben wir gegen alle Widerstände sauber aufgearbeitet, haben die gemachten Fehler eingestanden und haben, auch wenn es hart war, die notwendigen Konsequenzen gezogen. Gerade sind wir dabei, gemeinsam mit dem untersuchenden Unternehmen und dem Datenschutzbeauftragten Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nie wieder passiert. Auch glaube ich bewiesen zu haben, dass ich für die Mitglieder ein Präsident bin, der Angriffe aushält, diese nicht persönlich nimmt und sich somit nicht selbst übers Amt setzt, sondern der sich im Sinne des Vereins eher zurücknimmt und sogar ein paar unsportliche Schläge wegsteckt, der verzeihen kann, der nicht nachtragend ist. Wenn wir es schaffen, dies auf allen Positionen konstant zu halten, tut das dem VfB gut.

Was haben Sie inhaltlich umgesetzt?
Wir haben begonnen die Satzung mit ihren Geburtsfehlern durch eine interne Kommission zu korrigieren, wir haben das Thema „Zukunft Profi-Fußball“ angestoßen, wir haben eine Kommission zum Thema „Fan-Belange“ aufgemacht zur Weiterentwicklung des Fan-Ausschusses und der Stärkung der Fan-Rechte, wir haben eine Frauen-Fußballabteilung gegründet, wir haben die Datenschutzaffäre vernünftig aufgearbeitet. Auch auf der sportlichen Ebene passt es mit Trainer, Kader und allen, die da noch mit dranhängen. Ich finde, wir haben jede Menge gut hinbekommen und das innerhalb der kurzen und schweren Zeit.

Üben Sie rückblickend gelegentlich Kritik an sich nach dem Motto: An der einen oder anderen Stelle hätte ich auch anderes reagieren können oder müssen?
Selbstverständlich tue ich das, sogar recht häufig. Rückblickend könnte man sicherlich auch das eine oder andere anders machen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber in dem Moment macht man es immer nach bestem Wissen und Gewissen.

Gibt es speziell beim VfB etwas, was Sie heute anders machen würden?
Was beim VfB schwer war und was man anders hätte machen können, war die Gremien- und Lobbyarbeit. Die kannte ich bislang aus meinem beruflichen Umfeld so nicht und hätte dafür vielleicht mehr Zeit investieren sollen. Denn im Fußball geht es nicht nur rein um fachlich-sachliche Entscheidungen, sondern auch um sehr viel Emotionen, die da reinspielen. Allerdings wäre eine intensivere Gremien- und Lobbyarbeit unter diesen Corona-Umständen auch nicht möglich gewesen.

Im Vorfeld ist sehr viel passiert, unter anderem gab es ein heftiges Scharmützel zwischen Ihnen und Thomas Hitzlsperger. Wie ist der aktuelle Stand zwischen Ihnen beiden?
Unser Verhältnis ist inzwischen wieder gut und hochprofessionell. Wir arbeiten im Sinne des VfB zusammen und wollen gemeinsam nur das Beste für den Verein. Wahrscheinlich müssen Sie eher Thomas fragen, warum er sich überhaupt bewerben wollte. Für mich ist es nicht erklärbar, außer dass wir in einer schwierigen Lage mit enormem Druck waren, die für uns alle neu war. Er hat sich aber inzwischen entschuldigt und ich habe die Entschuldigung angenommen. Von daher ist die Sache ausgeräumt. Ich bin nicht nachtragend und kann verzeihen. Mir selbst hat man ja auch verziehen, denn ich habe wohl ebenfalls Fehler gemacht. Ich glaube, wir sind beide aus dieser Situation gestärkt hervorgegangen. Wenn man so etwas gemeinsam übersteht, dann schweißt einen das sogar zusammen.

Eigentlich standen Sie in dieser Phase tatsächlich mutterseelenallein gegen einen Jahrhundertorkan, angefangen vom Daimler-Vorstand über den Ex-Aufsichtsrats-Boss vom VfB bis hin zu anderen Leuten, die den Verein inzwischen verlassen haben. Trotzdem stehen Sie immer noch fest auf beiden Beinen, wie kommt das?
Ich stand nie allein da, nie. Es ist gut, dass die Mitglieder, die Fans, die Menschen außerhalb des Vereins, ein ganz feines Gespür haben dafür, wer sie ehrlich und richtig vertritt. Ich habe unglaublich viel Zuspruch erfahren, woran ich gesehen habe, dass ich mich für das Richtige einsetze. Dafür musste ich zwar Schläge einstecken, obwohl ich zuvor nie ausgeteilt habe, aber ich tue das für den VfB und muss mich in diesen Momenten eben selbst als Person zurückstellen. Ich glaube, dies muss jeder gute Präsident tun, denn solche Situationen können immer passieren, das liegt einfach an dieser Branche Profi-Fußball. Das muss man wissen und damit entsprechend umgehen. Für mich war das eine Schnellschulung als Präsident in nur 16 Monaten, die mich gestärkt hat, an der ich gewachsen bin. Ich kenne keinen Präsidenten, der Ähnliches in so einer kurzen Zeit mitgemacht hat.

Für Sie persönlich war das sicherlich eine wichtige Erfahrung. Aber wie sehr schadet so ein Zwist dem Verein?
Grundsätzlich gilt für jeden Verein, für jedes Unternehmen: so öffentlich ausgetragene Diskussionen sind absolut schädlich. Das ist keine vertrauensbildende Maßnahme – weder für die Mitglieder noch für die Mitarbeiter, Fans, Partner oder Sponsoren. So eine Situation muss man vermeiden und die würde bzw. werde ich immer vermeiden. Bislang habe ich das jedoch nicht in der Hand gehabt. Deswegen muss ich damit bestmöglich umgehen, Ruhe bewahren, besonnen und ein seriöser und souveräner Präsident sein.

Waren Sie in der Zeit mal davor, alles hinzuwerfen?
Nein, in diesem Zustand war ich nie. Der Zuspruch der Mitglieder, die mich gewählt haben, der war so groß, dass ich täglich erklären konnte, was ich gemacht habe und warum. Und jeder hat gesagt, dass ich es richtig gemacht habe.

Wie ist Ihre Familie mit dem öffentlichen Gegenwind für Sie umgegangen?
Meine zwei Töchter sind mit ihren 22 Jahren durchaus in der Lage, solche Attacken vernünftig einzuordnen. Selbst mein 15-jähriger Sohn Moritz weiß das alles inzwischen gut einzuschätzen. Wir reden daheim darüber, damit die Familie die Zusammenhänge versteht. Aber sie stehen alle hinter mir und unterstützen mich darin, meinen Weg genauso weiterzugehen. Dieser Rückhalt gibt enorme Kraft, das ist ein schönes Gefühl. Die Menschen in meinem Umfeld, viele Mitglieder und Fans stehen hinter mir, als VfB-Präsident, auch weil sie merken, dass ich mir nichts darauf einbilde und immer noch der Selbe geblieben bin. Ich gehe vernünftig damit um, bin bodenständig und versuche, ein guter Vertreter der Mitglieder zu sein.

Kommen wir zur Wahl zurück. Der Vereinsbeirat hat sich entschieden, mit Pierre-Enric Steiger einen zweiten Kandidaten aufzustellen. Kennen Sie sich?
Wir haben uns erst ein einziges Mal gesehen, weshalb ich mir noch kein Bild von ihm machen konnte.

Bei Ihrer ersten Wahl postete Herr Steiger anschließend auf Facebook, dass er Sie gewählt hätte, wenn es ihm zeitlich gereicht hätte, da Sie der richtige Kandidat waren. Ist das rückblickend nicht ein klassisches Eigentor von ihm?
Als wir uns vor einer gemeinsamen Pressekonferenz kurz trafen, habe ich mich nachträglich für seine Glückwünsche zu meiner Wahl bedankt. Er erzählte mir dann, dass er damals nicht zur Wahl kommen konnte, weil sein Vater an diesem Tag seinen 90. Geburtstag hatte. Dafür darf er mich im Juli gerne wieder wählen, so viel hat sich ja nicht geändert. Spaß beiseite: Er meinte, dass er es schade fand, dass es keinen Gegenkandidaten gegeben hätte, wäre schon im März gewählt worden. Das hat ihn wohl aus einem demokratischen Ansatz heraus zu seiner Kandidatur motiviert.

Ist er der angenehmere Gegner für Sie als Volker Zeh, der sich ebenfalls für eine Kandidatur beworben hatte?
So sehe ich das nicht, zumal ich auch ihn persönlich überhaupt nicht kenne. Ehrlicherweise bedauere ich es ein bisschen, dass er in der Öffentlichkeit so schlecht dargestellt wird. Er hat sich im Dezember als Kandidat zur Verfügung gestellt, zu einem Zeitpunkt, wo der Verbleib in der 1. Liga noch nicht gesichert war, wo niemand wusste, wie es mit Corona weitergeht und wo die Datenaffäre auf ihrem Höhepunkt tobte. Niemand wusste, was noch passiert. Und da steht er trotzdem auf und stellt sich für den Verein zur Verfügung. Das zollt mir wirklich Respekt ab. Und obwohl er abgelehnt wird, rafft er sich ein zweites Mal zu einer Kandidatur auf, das finde ich bemerkenswert.

Wie enttäuscht wären Sie, sollten Sie im Juli nicht wiedergewählt werden?
Ich würde es bedauern, aber Wahlen sind ein demokratischer Prozess, die Mitglieder entscheiden. Natürlich würde ich gerne im Amt bleiben, der VfB würde Kontinuität beweisen und dass wir das fortsetzen, was wir jetzt trotz aller Schwierigkeiten gut begonnen haben.

Sie sind Doppelchef als VfB-Präsident und Unternehmer. Was für ein Typ Chef sind Sie – Autoritätsperson, Kumpeltyp oder eher hochexplosives Pulverfass?
Letzteres auf keinen Fall. Ich kann von mir sagen, dass ich es bislang geschafft habe, noch nie aus der Hose zu springen, weder hier im Unternehmen noch daheim bei der Familie oder beim VfB. Ich bin überall gleich, verstelle mich nicht, bin ehrlich, glaubwürdig und nahbar. Jeder kann mit seinen Problemen zu mir kommen, weil ich sie ernstnehme und versuche, immer zu helfen. Außerdem behandele ich jeden Menschen nach dem Motto: Mein Vertrauen kann man nicht gewinnen, sondern nur verlieren.

Selbst beim VfB sind Sie Doppelchef. Wie schwer ist das?
Zugegebenermaßen ist das nicht immer einfach. Im e.V. bin ich demokratisch gewählter Vertreter der Mitglieder, deren Interessen und Rechte ich wahrnehmen muss. Zeitgleich bin ich Aufsichtsratsvorsitzender einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft einer Aktiengesellschaft. Das heißt, dass ich oftmals bei ein und derselben Frage zwei unterschiedliche Antworten geben könnte. Deshalb muss ich bei allem, was ich tue, meine Entscheidungen stets abwägen und auf jeder Seite dafür um Verständnis werben und bitten.

Was sagen Sie als VfB-Chef, wenn plötzlich Daimler noch mehr Anteile haben will, aber die Fans dagegen sind?
Daimler passt sehr gut zum VfB und wir sollten wirklich sehr froh sein, so ein Unternehmen aus der Region beim VfB zu haben. Diese beiden Marken verbinden sich richtig klasse, auch wenn wir leider sportlich ein wenig hinterherhinken. Sollte Daimler mehr Anteile wünschen, würde das bei mir und sicherlich auch bei vielen anderen Mitgliedern auf Zuspruch stoßen. Da bin ich mir relativ sicher. Ich bin stolz, dass ein solcher Weltkonzern mit uns als Fußballverein zusammenarbeitet. Daimler ist ein guter Partner für den VfB und ein glaubwürdiger für die Region.

Sollten Sie wiedergewählt werden, dann arbeiten Sie wohl künftig mit einem neuen Aufsichtsratsmitglied, da Herr Porth anscheinend nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten will.
Gehört und gelesen habe ich das auch, ich kann aber nichts dazu sagen. Das ist seine Entscheidung.

Bislang arbeiten Sie beim VfB ehrenamtlich. Finden Sie das okay?
Es ist wohl beschlossen, dass es künftig ein Auto sowie eine Aufwandsentschädigung fürs Präsidium geben soll. Aber mir geht es nicht ums Geld, sonst würde ich mich nicht so engagieren. Allerdings würde ich mir persönlich wünschen, dass nicht nur im Fußball, sondern auch in der Politik, marktübliche Gehälter bezahlt werden, damit man die Besten der Besten für diese Aufgaben bekommt.

Bezahlung ist ein gutes Stichwort: Corona hat viele Vereine in eine finanzielle Schieflage gebracht, weshalb Transfereinnahmen notwendiger sind denn je. Muss der VfB jetzt seine Juwelen verkaufen?
Das ist jetzt der Bereich von Thomas Hitzlsperger und er hat mal gesagt: Niemand ist unverkäuflich. Aber die Frage ist doch, ob der Zeitpunkt für Verkäufe derzeit richtig ist, wenn gar nicht so viel Geld auf dem Transfermarkt vorhanden ist. Es wäre doch schade, einen Spieler unter Wert abgeben zu müssen. Wir haben viele gute Spieler mit einem hohen Entwicklungspotential, die unter normalen Umständen nochmals einen viel höheren Wert haben werden. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass wir es finanziell schaffen, die ganze Mannschaft langfristig zusammenzuhalten, damit wir sportlich erfolgreich sind.

Sie haben Ihr eigenes Unternehmen mit 50 Millionen Umsatz jährlich, reiben sich zeitgleich noch beim VfB auf. Bleibt da eigentlich noch Zeit für die Familie?
Es bleibt für alles zu wenig Zeit, vor allem unter Corona-Bedingungen plus Datenschutz-Affäre. Überall könnte ich mehr machen und ich versuche natürlich, alles so gut wie möglich zu organisieren. Zum Glück stehen meine Frau und die Kinder zu 100 Prozent hinter mir, denn sie wissen, dass ich alles, was ich tue, mit ganzem Herzen mache. Fürs Unternehmen habe ich mir einen Interimsmanager reingeholt, dem ich ständig verlängert habe. Deshalb wünsche ich mir, dass es mit der Wahl im Juli für die nächsten vier Jahre eine Planungssicherheit gibt – für den VfB, für mich als Unternehmer und als Mensch.

Wir sind noch so ein bisschen auf der Suche nach Ihren Ecken und Kanten. Haben Sie denn Schwächen?
Ja klar, Schwächen habe ich auch. Ich bin beispielsweise ein ziemlich schlechter Verlierer und das nicht nur beim Tischkicker. Wenn der VfB verliert, versuche ich mich ruhig zu verhalten und mir nichts anmerken zu lassen. Im Stadion funktioniert es meist noch ganz gut, während der Autofahrt nach Hause geht es meist auch noch, aber daheim bekommt meine Familie meine Enttäuschung sofort mit. Bei einem Sieg schaue ich mir dazu im Fernsehen alles an. Bei einer Niederlage hat dann das Wochenende sportlich quasi nicht stattgefunden. Aber meine Familie kennt das und kann damit umgehen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde er lauten?
Rein sportlich gesehen wäre mein Wunsch, dass der VfB sportlich erfolgreich mit schönem Fußball dauerhaft in der 1. Bundesliga bleibt. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass wir der stolze Mittelpunkt der Region sind. Der Erfolg eines Präsidenten ist ja nicht so messbar wie bei Trainer oder Mannschaft am wöchentlichen Spiel und Tabellenplatz. Ein Präsident hält keinen Ball und schießt kein Tor. Der Präsident muss langfristig strategisch für den Verein da und ein ruhiger, besonnener sowie berechenbarer Mensch sein, der nicht beim ersten Sturm ins Ruderboot springt und abhaut. Deshalb erhoffe ich mir für den VfB, dass wir es schaffen, dass Menschen, Mitglieder, Fans, Stadt, Region, Bundesland stolz auf den VfB auch unabhängig vom sportlichen Erfolg sind. Das wäre mein Ziel und ist mein Ansporn, denn dann hätten wir es geschafft, ein Werteverständnis zu verändern.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?
Ich vermisse sehr, die nötige Ruhe beim VfB.

Wir hätten gedacht, dass Sie die Zuschauer im Stadion am meisten vermissen.
Ja, natürlich vermisse ich unsere singenden, anfeuernden und mitfiebernden Superfans im Stadion sehr. Auf den Rängen ist es nämlich zu lange schon zu ruhig. Das Paradoxe daran ist doch, dass der Profi-Fußball ausgerechnet nicht von denen gerettet werden kann, die ihn groß gemacht haben.

Herr Vogt, wir danken Ihnen für das Gespräch!