Geburtsstadt des Stadttickets steigt aus: Ludwigsburgs Gemeinderat beschließt das Ende

Die Entscheidung fiel denkbar knapp zwischen Haushaltssanierung und Mobilitätsförderung aus: Der Ludwigsburger Gemeinderat hat das Ende des Stadttickets beschlossen. Damit verschwindet ausgerechnet in der Stadt ein Angebot, das einst Vorbild für den gesamten VVS wurde. Kritiker warnen vor Folgen für soziale Teilhabe und die Mobilitätswende.

Von Ayhan Güneş – 15.57 Uhr

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Ludwigsburg. Es ist eine Entscheidung mit Symbolkraft. Ausgerechnet in Ludwigsburg, wo das Stadtticket einst seinen Ursprung nahm und später Vorbild für zahlreiche Kommunen im Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart wurde, endet die Erfolgsgeschichte nun zum Jahresende.

Der Gemeinderat beschloss am Mittwochabend, das Stadtticket zum 31. Dezember 2026 zu kündigen. Für die Abschaffung stimmten CDU, Grüne mit Ausnahme einer Stadträtin, FDP sowie Oberbürgermeister Matthias Knecht. Dagegen votierten Freie Wähler, SPD und AfD.

Ab dem 1. Januar 2027 wird das vergünstigte Ticketangebot damit nicht mehr zur Verfügung stehen.

Sparzwang trifft Mobilitätsangebot

Die Entscheidung fällt nicht zufällig in eine Zeit erheblicher finanzieller Probleme der Stadt.

Erst vor wenigen Wochen hatte das Regierungspräsidium Stuttgart den Haushalt 2026 zwar genehmigt, gleichzeitig aber deutliche Sparauflagen verhängt. Hinzu kommt eine Haushaltssperre, nachdem die Gewerbesteuereinnahmen um rund 25 Millionen Euro hinter den ursprünglichen Erwartungen zurückgeblieben sind.

Mit der Abschaffung des Stadttickets sollen künftig jährlich zwischen 750.000 und 900.000 Euro eingespart werden.

Das Ticket ermöglichte bisher vergünstigte Fahrten innerhalb Ludwigsburgs. Die Nutzer zahlten zuletzt vier Euro, den verbleibenden Betrag übernahm die Stadt.

Damit wird das Stadtticket nun selbst Teil jener Konsolidierungsmaßnahmen, die das Regierungspräsidium von Ludwigsburg verlangt.

Ein politisches Dilemma

Der Beschluss macht zugleich deutlich, in welchem Spannungsfeld sich die Stadt derzeit bewegt.

Einerseits verfolgt Ludwigsburg seit Jahren das Ziel, den öffentlichen Nahverkehr zu stärken, den Autoverkehr zu reduzieren und klimafreundliche Mobilität attraktiver zu machen. Andererseits zwingt die angespannte Haushaltslage die Stadt dazu, selbst bei etablierten Angeboten den Rotstift anzusetzen.

Für Oberbürgermeister Matthias Knecht, der für die Abschaffung stimmte, spiegelt die Entscheidung genau dieses Dilemma wider: Mobilität fördern und gleichzeitig Millionen einsparen.

„Schnell gespart, aber für welchen Preis?“

SPD-Stadtrat Nathanael Maier. Bild: Privat

Besonders kritisch sieht die Entscheidung SPD-Stadtrat Nathanael Maier. Für ihn hat das Thema auch eine persönliche Dimension.

„Die Erfolgsgeschichte Stadtticket endet nun ausgerechnet dort, wo sie begonnen hat: in Ludwigsburg. Für mich ist das besonders schmerzlich, weil ich das Stadtticket 2016 mit einer Petition angestoßen habe. Es war mein erstes politisches Projekt in dieser Stadt und wurde 2018 Wirklichkeit“, erklärt Maier.

Das Ticket sei weit mehr gewesen als ein vergünstigter Fahrschein. Es habe älteren Menschen, Familien, Menschen ohne Auto und Besuchern der Stadt den Alltag erleichtert.

„Die Abschaffung ist deshalb eine schnelle Sparlösung, aber keine gute mobilitätspolitische Antwort“, so Maier.

Gericke: „Mobilität muss für alle zugänglich bleiben“

Auch die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Silke Gericke, bedauert die Entscheidung grundsätzlich.

„Das Ludwigsburger Stadtticket war ein niedrigschwelliges Angebot für Menschen, die Bus und Bahn nicht täglich nutzen und deshalb weder vom Deutschlandticket noch vom JugendTicketBW profitieren“, erklärt die Landtagsabgeordnete.

Gleichzeitig äußert sie Verständnis für die schwierige finanzielle Situation der Kommunen.

„Die Gemeinderätinnen und Gemeinderäte sowie die Stadtverwaltung stehen unter erheblichem Druck und müssen sehr schwierige Entscheidungen treffen“, sagt Gericke.

Die Abschaffung werde die Mobilitätswende zwar nicht grundsätzlich infrage stellen. Sie sende jedoch das Signal, „dass finanzielle Spielräume bei Angeboten für die Fahrgäste immer kleiner werden“.

Mehr als nur eine Ticket-Debatte

Die Diskussion um das Stadtticket reicht damit weit über die Frage eines einzelnen Tarifangebots hinaus.

Sie steht exemplarisch für die Herausforderungen vieler Kommunen: Klimaschutz, soziale Teilhabe und attraktive Mobilität sollen vorangebracht werden. Gleichzeitig steigen die finanziellen Belastungen, während die Handlungsspielräume schrumpfen.

Mit dem Beschluss endet zum Jahreswechsel nicht nur ein Ticketmodell. Es endet auch ein Kapitel Ludwigsburger Verkehrsgeschichte – ausgerechnet dort, wo es einst begonnen hat.


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