„Hier bin ich zu Hause, aber im Herzen bin ich auch immer noch Spanier“ – Luciano Moral im Gespräch mit Ludwigsburg24

Mitten im Ditzinger Industriegebiet steht ein unauffälliges, weißes Häuschen, hinter dessen Haustür sich das kreative Reich des spanischen Malers Luciano Moral befindet. Hier lebt und arbeitet der fast 74-jährige Künstler aus Avila, seit er vor knapp sieben Jahren Stuttgart verlassen hat. In seinem Atelier entstehen Bilder, die die Gedanken- und Gefühlswelt des Malers sehr expressiv widerspiegeln. „Ich male ausschließlich Menschen. In meinen Bildern beschäftige ich mich mit deren Emotionen und Geschichten und mache dabei oftmals auf die Vielgesichtigkeit und Maskierung im Umgang miteinander aufmerksam“, beschreibt Moral seine Kunst, die von einer Begegnung im jungen Alter von 14 Jahren mit dem spanischen Künstlergenie Pablo Picasso inspiriert ist. Sein guter Freund Matthias Kleinert, einst Regierungssprecher von Lothar Späth, beschreibt den Stil von Moral wie folgt: „Es ist eine Mischung aus Symbolismus und Kubismus, ich würde seinen Stil aber eher als Moralismus bezeichnen.“ Moral gefiel das so gut, dass er diesem Begriff für seine Malerei treu geblieben ist.

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Dass er neben Talent auch noch ein großes Herz hat, beweist Moral schon seit mehr als zwanzig Jahren. Regelmäßig macht er Kunstprojekte mit benachteiligten Kindern in einer Ditzinger und einer Kornwestheimer Förderschule. Bewegt erzählt er im Interview, warum er mit den Jugendlichen arbeitet und welch wichtige Rolle die Kunst in deren Leben inzwischen spielt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Patricia Leßnerkraus: Herr Moral, für viele Maler ist Malen eine brotlose Kunst. Können Sie von Ihrer Malerei leben?

Inzwischen kann ich von der Malerei leben, aber das eine oder andere Bild habe ich die letzten 50 Jahre auch schon verschenkt. Ich gebe zu: Was meine eigenen Bilder anbelangt, bin ich ein schlechter Händler. Für andere Menschen kann ich tolle Preise herausholen, für meine eigenen Sachen bin ich ein miserabler Verkäufer. Inzwischen habe ich eine reizende Agentin, die sich für mich um alles kümmert. Sie sagt immer: „Luciano, Du sollst malen, vom Geschäft hast Du keine Ahnung.“

Wie entstehen Ihre Bilder? Stehen Sie morgens auf und haben eine Idee im Kopf?

Ich habe in der Regel ein Thema, wie z.B. zuletzt „Die Umarmung“, woraus ich eine Serie gemacht habe. Dann fange ich einfach ein Bild an und habe überhaupt keine Ahnung, wie es am Ende aussehen wird. Es hängt immer davon ab, in welchem emotionalen Zustand ich mich befinde und den versuche ich auf der Leinwand zu verwirklichen. Wenn das Bild fertig ist, kann es manchmal sogar sein, dass ich von meinem Thema ganz weit weg bin.

Heißt das, dass man Ihnen gar keinen konkreten Auftrag geben kann?

Ich nehme schon Auftragsarbeiten an, egal ob für Bilder oder für Weinetiketten. Aber die Erwartungen des Auftraggebers dürfen nicht zu konkret sein. Am besten ist, der Kunde sagt: „Luciano, ich weiß, wie Du malst, ich brauche von Dir ein Bild für mein Wohnzimmer.“ Dann male ich, aber ich muss in meiner Gestaltung frei und unabhängig sein dürfen.

Ich male auch Porträts, am liebsten von Frauen. Aber ich male sie nicht so, wie sie tatsächlich aussehen, sondern so, wie ich sie sehe. Dafür sollte ich die betreffende Person allerdings ein bisschen kennen.

Angeblich sollen Sie von Ihrem Kunstprofessor erst gelobt worden sein, als sie wutentbrannt ein fieses Porträt über ihn gemalt haben.

Ja, das stimmt. Egal, welches Bild ich auch malte und ihm vorlegte, er war nie zufrieden. Er schaute drauf, sagte lapidar „schön“ und zerriss es dann vor meinen Augen. Ich war irgendwann so wütend darüber, dass ich ihn mit all meinen hochkochenden Gefühlen so richtig fies auf Papier verewigt habe. Ich habe das Bild dann bei ihm aufgehängt und gedacht, dass er mich vor Zorn umbringen wird. Aber er reagierte ganz anders, sagte: „Genau so musst Du malen, das wollte ich erreichen. Vergiss alles, was Du bisher gemacht hast. Du musst malen, was aus Deinem Bauch kommt. Ich will Dir nicht das Malen beibringen, sondern ich will Dir zeigen, wie Du Dich selbst findest, damit Du weißt, was Du malen willst.“ Das war für mich die Initialzündung gewesen. Seither kommen alle Werke aus der Tiefe meines Innersten. Ich bin in jedem Bild drin, in der Form, in der Farbe, im Thema.

Steckt ein Teil von Ihnen auch in dem Bild mit dem Harlekin?

Ja, darin steckt auch sehr viel Luciano. Als ich 14 Jahre alt war, bin ich von daheim weggelaufen, weil ich mich in eine Tänzerin eines ungarischen Zirkus verliebt hatte. Fünf Monate habe ich mich diesem Zirkus angeschlossen, habe mich dort nützlich gemacht und bin mit von Ort zu Ort gezogen. Der Harlekin symbolisiert genau diese Lebensphase von mir.

Auf vielen Ihrer Werke sieht man mehr oder weniger direkt eine Uhr und/oder einen Stuhl. Was haben diese Motive zu bedeuten?

Das sind in der Tat meine ganz typischen Symbole, die fast auf jedem Bild zu finden sind. Die Uhr ist das Leben, der Stuhl steht für Freundschaft oder Geduld. Aber mein Hauptmotiv sind und bleiben Menschen. Ich zeige in meinen Bildern ihre vielen unterschiedlichen Gesichter. Von daher hat meine Malerei durchaus auch etwas Entlarvendes.

Sind Sie kritisch den Menschen gegenüber?

Meine Haltung den Menschen gegenüber ist immer gut. Mir selbst gegenüber bin ich jedoch kritisch. Ich liebe mich selbst und bin durchaus stolz auf mich, aber eben auch kritisch. Mein Anspruch ist, immer das Beste aus mir rauszuholen.

Was bei Ihren Werken noch auffällt, ist die Wahl Ihrer Farben. Sie arbeiten immer in verschiedenen Weiß-Grau-Schwarz und Rottönen, bisweilen kombiniert mit variierenden Brauntönen. Andere Farben findet man so gut wie nie, warum?

Meine Symbolfarben sind Rot und Schwarz, die spanischen Farben, das Heimweh, das mir geblieben ist. Schwarz ist die Schwermut und Trauer, Rot symbolisiert das Temperament. So bin ich auch immer angezogen, komplett in Schwarz und dazu irgendein roter Akzent. Bei meinen Werken in Braun überwiegen Terracottatöne.

Wie haben Sie die Corona-Pandemie überstanden? Haben Sie während dieser Zeit überhaupt Bilder verkauft?

Mich hat Corona bislang verschont und ich bin auch zweifach geimpft. Das ist erstmal das Wichtigste. Als Künstler war Corona hart, denn mir wurden sieben oder acht Ausstellungen abgesagt, durch die ich meine Bilder hätte verkaufen können. Zum Glück verkaufe ich auch privat, z.B. wenn ich Gäste zu spanischen Tapas-Abenden ins Atelier einlade. Manche kommen und genießen nur den Abend, andere nehmen dann auch gleich noch ein Bild mit. Diese Einladungen waren natürlich während Corona kaum der Fall, aber gelegentlich habe ich trotzdem mal ein Bild verkauft. Sagen wir so: Ich konnte leben, musste weder mein Auto verkaufen noch hier ausziehen. Deshalb beklage ich mich nicht.

Als Privatmann kann ich der Pandemie sogar positive Seiten abgewinnen. Ich hatte sehr viel Zeit für mich und habe mich gefunden. Ich rauche jetzt fast zwei Jahre nicht mehr, höre viel und intensiv Musik, wofür ich vorher nie Zeit hatte. Jeden Tag mache ich Gymnastik und anderen Sport und ich nehme mir Zeit zum Essen, decke den Tisch ein mit Serviette und Weinglas, richte meinen Teller schön. Ich genieße mein Leben jetzt anders.

Hat Corona Sie als Künstler verändert?

Nein, als Künstler hat mich Corona überhaupt nicht verändert. Mein Stil und meine Lust zu malen sind geblieben. Die Pandemie hat mich nur als Mensch etwas verändert.

Ein Künstler bekommt seine Impulse in der Regel von dem, was er sieht, was er hört, was er erlebt. Wo kamen Ihre Impulse während des langen Lockdowns her?

Ich bin Künstler durch und durch, brauche meine Theater-, Oper- und Ballettbesuche. Das ging während Corona nicht, also habe ich vermehrt gelesen und aus den Büchern meine Impulse erhalten. Und natürlich durch die Menschen, mit denen ich befreundet bin. Mit ihnen mache ich Karaoke, wir spielen Spiele und führen gute Gespräche. Das Wichtigste dabei ist aber der Humor und das gemeinsame Lachen. So kommen die Impulse automatisch, die ich dann in mir trage. Außerdem träume ich viel, selbst wenn ich nur ganz kurz schlafe, und die Träume finden sich dann ebenfalls wieder in meinen Bildern. Deshalb habe ich stets genügend Leinwände bei mir im Atelier, damit ich immer sofort malen kann, wenn ich einem Impuls folgen muss.

Wie lange malen Sie, bis Sie ein Werk vollendet haben?

In der Regel schaffe ich ein Bild an einem Tag, aber dann muss ich schon durchmalen. Will ich ein Doppelbild oder eine Trilogie fertigen, muss ich die Bilder parallel malen wegen der Farben. Dadurch, dass ich die Farben aus Tusche, Tempera oder Acryl selbst mische, bekomme ich den Farbton ein paar Tage später sonst nicht mehr exakt hin.

Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie von der Malerei nicht hätten leben können?

Die Frage lässt sich leicht beantworten, denn dann wäre ich garantiert Gastronom geworden, so wie alle anderen Mitglieder meiner Familie. Mein Vater hatte noch zehn Geschwister, alle waren Gastronomen mit eigenem Restaurant. Meine Mutter hatte sechs Geschwister, von denen auch jeder ein eigenes Lokal hatte. Meine Eltern hatten ein Traditionslokal mit sechzehn Mitarbeitern. Aber keines ihrer Kinder wurde Gastronom.

Hätte Ihnen denn Gastronomie als Alternative gefallen?

Als ich jung war, hätte ich mir das nicht vorstellen können, obwohl die Leute mich immer mochten, wenn ich bei meinen Eltern im Service geholfen habe. Aber ich wollte frei und ungebunden sein und nicht wie meine Eltern morgens um 6.00 Uhr aufstehen und bis in den späten Abend arbeiten. Heute würde ich hier gerne ein Lokal aufmachen, aber auf meine Art. Klein, fein und ganz locker, mit spanischem Käse und Schinken, ab und zu eine Paella oder Tortilla, dazu leckeren Wein.

Aber Ihr Vater war doch bestimmt stolz auf Sie, als er von Ihren Erfolgen als Maler erfahren hat.

Nein, er hat ziemlich wenig von mir gewusst. Er war ein resoluter Geschäftsmann, ein kleiner Diktator. Ich war das einzige seiner Kinder, das ihm energisch entgegengetreten ist und gesagt hat: „Stopp, ich bin achtzehn, jetzt brems Dich mal bitte.“ Ich habe ein Stipendium bekommen und bin von daheim weggegangen. Ich habe zunächst in Avila, Barcelona und Madrid studiert, bevor ich nach Paris gegangen bin. Als Künstler hat er mich nie akzeptiert, denn für ihn bedeutete das Künstlerdasein, eine Bohème zu sein. Für ihn war Maler kein richtiger Beruf.

Sie arbeiten ehrenamtlich mit Jugendlichen zusammen. Um was geht es dabei konkret?

Ich arbeite insgesamt mit 50 benachteiligten Kindern und Jugendlichen im Alter von acht bis fünfzehn. Seit 20 Jahren in der Wilhelmschule in Ditzingen und zusätzlich seit rund 18 Jahren in der Eugen-Bolz-Schule in Kornwestheim, beides sind Förderschulen. Ich unterrichte aber nicht, weil ich kein Lehrer bin. Ursprünglich habe ich jeweils für den Nachmittag eine Kunst AG gegründet. Doch das Engagement kam so gut an, dass ich in Ditzingen inzwischen jeden Mittwoch von 9.00 Uhr bis 14.00 Uhr bin und mit allen Klassen an verschiedenen Projekten arbeite.

Um welche Projekte geht es dabei?

Ich habe mit den Schülern beispielsweise schon eigene Bilderbücher gestaltet mit ihrem Autorenfoto auf dem Buchrücken. Jetzt in der Vorweihnachtszeit basteln wir wieder schöne Weihnachtskarten, die wir dann an Freunde, Schüler oder Lehrer verkaufen. Von dem eingenommenen Geld gehe ich mit den Kindern hinterher Pizza essen. Darüber freuen sie sich immer sehr.

Was ist Ihre Intention für dieses Engagement?

Es handelt sich dabei meist um Kinder mit Migrationshintergrund, die zum Teil Schreckliches erlebt haben, die traumatisiert sind und auch vom Elternhaus nicht gefördert werden. Deshalb möchte ich ihnen das Gefühl geben, dass auch sie wertvoll sind, obwohl sie vielleicht nicht perfekt lesen, schreiben, rechnen oder malen können. Sie sollen durch die verschiedenen Projekte zudem die Möglichkeit haben, sich zu öffnen und ihre eigenen Emotionen, Gedanken und Ängste auszudrücken, ohne Worte benützen zu müssen. Aber ich bringe ihnen auch ein gewisses Grundwissen über Farben und ihr Zusammenwirken bei.

Warum sind Sie eigentlich 1970 nach Deutschland gekommen?

Ich war Student der 68er in Madrid, habe massiv gegen Staatschef Franco demonstriert. Gemeinsam mit anderen Studenten wurde ich festgenommen und als Strafe hat der Staat uns allen das Studium gestrichen. Daraufhin ging ich nach Paris und konnte als Gast der Kunstakademie, also ohne Immatrikulation, mein Studium beenden. In dieser Zeit habe ich meine erste Frau kennengelernt. Sie war Spanierin wie ich und war in der Nähe von Rottweil in Deutschland Sprachlehrerin für Gastarbeiterkinder. Ich selbst hatte dort ein Angebot als Karikaturist bekommen, welches ich annahm. Die Beziehung zerbrach leider bereits nach zwei Jahren, weil wir wahrscheinlich noch zu jung waren.

Sie sind trotzdem in Deutschland geblieben und nicht wieder nach Spanien zurück?

Ich wäre auf keinen Fall nach Spanien zurück, da Franco zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Und solange er lebte, galt ich als Revolutionär, sowohl in Spanien als auch beim spanischen Konsulat in Deutschland. Aber ich bin natürlich auch der Liebe wegen in Rottweil geblieben, denn ich hatte eine Ärztin kennengelernt, die ich dann geheiratet habe. Sie ist die Mutter meiner ältesten Tochter.

Es scheint, Sie lieben die Frauen…

Frauen sind in meinem Leben das Allerwichtigste. Jeder erfolgreiche Mann hat eine Frau hinter sich, egal ob Ehefrau, Freundin, Mutter oder Schwester. Ich kann mir ein Leben ohne Frauen definitiv nicht vorstellen und komme mit allen Frauen gut aus. Frauen sind für mich als Künstler die Musen, ohne, dass ich sie malen muss.

Nach langen 50 Jahren in Deutschland haben Sie inzwischen sicherlich die deutsche Staatsangehörigkeit?

Nein, ich hätte sie beantragen können, vor allem, weil ich hier wirklich zu Hause bin. Meine Kinder leben in Deutschland, ebenso meine ganzen Freunde. Aber im Herzen bin ich doch immer auch noch Spanier.

Was ist denn typisch spanisch an Ihnen und was typisch deutsch?

Das Spanische an mir ist, dass ich ein sehr stolzer Mensch bin, nicht arrogant, aber stolz. Doch ich fühle mich zu achtzig Prozent als Deutscher. Ich träume auf Deutsch, denke auf Deutsch und bin ein sehr korrekter, sehr pünktlicher Mensch und erwarte dies umgekehrt von anderen Menschen. Die Pünktlichkeit habe ich zu hundert Prozent von den Deutschen übernommen, denn Spanier kommen typischerweise immer eine Stunde später.

„Gib niemals Deinen Traum auf!“ Street-Art-Künstler „Fosi“ im großen Ludwigsburg24-Interview

Über Kunst lässt sich für gewöhnlich herrlich streiten. Für die einen sind es lediglich Schmierereien auf öffentlichen Flächen, für die anderen ist es Kunst. Doch egal, wie man darüber denkt, eines muss man dem Streetart-Künstler Fosi, lassen: Mit seinen aufgesprühten Graffity macht der 29-jährige Ludwigsburger unsere Welt ein bisschen bunter und geheimnisvoller. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 plaudert Fosi über die Graffity-Szene, welches Gebäude er in Ludwigsburg am liebsten künstlerisch komplett umgestalten würde und über nächtliche Verfolgungsjagden mit der Polizei.

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Ein Interview von Ayhan Güneş

Ludwigsburg24: Wie kommt man zu dieser Art von Kunst?

Fosi: Ich war 14 Jahre alt, hatte nur wenig Freunde und die Mädels interessierten sich auch nicht für mich. Damals habe ich angefangen zu überlegen, wie ich mich besonders machen und herausstechen kann. Dass ich ausgerechnet dann bei Graffiti und Street-Art gelandet bin, war eher zufällig. Mein großer Bruder hat es mal gemacht und es hat mich damals schon beeindruckt. Es gab mächtig Ärger, als bei ihm Sprühflaschen entdeckt wurden. Ich war damals noch ein Knirps und habe das alles gar nicht geblickt. Das kam alles erst ein paar Jahre später.

Was hat Sie gereizt, ebenfalls zu sprühen, obwohl der Bruder deshalb schon Ärger bekommen hatte?

Mir war schnell bewusst, was Graffity in seiner Gänze bedeutete: ein spezieller Lifestyle, man hat Freunde, eine Crew und führt in gewisser Weise ein Doppelleben. Tagsüber bist du der einfache Schüler, der seinen Realschulabschluss macht. Nachts um eins jedoch triffst du dich mit den Kumpels und kämpfst für deine Rechte, gewissermaßen als Batman für Arme. Ich war damals natürlich vermummt, lief durch die Nacht der Polizei davon. Das war schon sehr reizvoll. Zu diesem Zeitpunkt war mir der kreative Teil noch gar nicht wichtig.

Worum ging es Ihnen dann?

Es ging um die Connection, darum, jemand zu sein, Verantwortung für sich zu tragen und dafür einzustehen, was man tat, auch wenn es gegen das Gesetz ging. Das war damals mein Einstieg in diese Kunstrichtung. Bei meinem Bruder war das alles nur Hobby und er hörte irgendwann damit auf, doch ich wollte mehr. Aber er ist und bleibt bis heute mein schärfster Kritiker, dessen Meinung mir sehr wichtig ist.

Woher haben Sie Ihr Talent für diese Malerei?

Das Talent liegt in der Familie mütterlicherseits. Mein Opa war Steinmetzmeister, mein Uropa war Maler. Kein van Gogh, aber er hat seine Bilder tatsächlich verkauft und einen Künstler-Lifestyle gehabt. Das hat mir meine Mutter jedoch erst erzählt, als die Malerei bei mir erfolgreicher wurde. Also habe ich das Talent wohl vererbt bekommen. Es auszubauen, war dann wieder meine Aufgabe.

Sie kommen aus der Region Ludwigsburg. Wie beurteilen Sie Ludwigsburg aus Sicht eines Street-Art-Künstlers? Gibt es hier überhaupt eine Szene?

Der Großteil spielt sich eindeutig in Stuttgart ab. In Ludwigsburg gibt es Newcomer, die sich dann zu Gruppen zusammenschließen. Die Stadt ist überschaubar und es gibt nicht viele Spots, wo es legal ist zu sprühen. Wenn hier jemand damit anfängt, hat er schnell eine Gruppe von bis zu acht Leuten zusammen. So war das damals bei uns, so ist das heute noch.

Wo sind in Ludwigsburg die legalen Spots?

Es gibt inzwischen drei, der letzte ist gerade eröffnet worden und befindet sich in Eglosheim, die anderen sind in Kornwestheim und Oßweil. In Oßweil stand schon damals ein Abrissgebäude, zu dem uns die Stadt den Zutritt genehmigt hatte.

Gibt es eine Stadt in Deutschland, die als der absolute Hotspot für die Szene gilt?

Nein, das kann man so nicht sagen, jede Stadt hat ihren eigenen Charme. In Berlin beispielsweise ist Masse. Da wird gebombt, was bedeutet groß, Chrom, Schwarz. München ist ruhiger als Stuttgart, Hamburg ist ein Mischmasch aus beidem. Mittlerweile gibt es überall alles. In Stuttgart sind es eher Leute, die mehr Wert legen auf Farbe und Formen, und die meist den Sprung schaffen in die Kunst.

Das heißt also, dass in Ludwigsburg nicht wirklich Spannendes stattfindet?

Na gut, die S-Bahnen werden seit neuestem nachts illegal besprüht, was natürlich sehr spannend ist, egal ob sie in Asperg oder sonst wo im Umfeld stehen. Dafür sind viele Leute involviert und aktiviert.

Hatten Ihre illegalen Sprühaktivitäten jemals Konsequenzen für Sie?

Illegales Graffiti ist zwangsweise damit verbunden, dass man sich immer wieder in sehr unangenehmen Situationen wiederfindet. Sei es eine nächtliche Verfolgungsjagd durch Menschenleere Straßen mit der Polizei oder lebensgefährliche Momente, wenn ein Zug nachts mit 150 Stundenkilometern nur einen Meter an dir vorbei rauscht.

Erzählen Sie

Wir mussten, um an eine bestimmte Wand zu kommen, durch einen etwa fünfzig Meter langen Tunnel entlang der Schienen. Da es Nacht war und man in dem Tunnel nicht die Hand vor Augen sehen konnte, versuchten wir uns neben den Schienen an der Tunnelwand entlang bis zum Ausgang langsam und leise zu bewegen. So etwa in der Mitte des Tunnels, schaltete die Signalampel für die kommenden Züge auf Grün. Zu weit bis zum Ausgang, nicht genügend Zeit, um wieder umzukehren. Also machten wir uns alle bereit darauf, das der nahende Zug mit voller Geschwindigkeit in diesem engen Tunnel direkt an unseren Köpfen vorbeirasen wird. Liegend an die Wand gedrückt und die Ohren zuhaltend, wurde der nachtschwarze Tunnel immer heller erleuchtet. Die Erde fing an zu beben und ein gefühlt endlos langer Zug fuhr mit hellen Funken an den Rädern und unglaublichem Lärm an uns vorbei. Das war natürlich mega riskant, aber ich will rückblickend diese und auch die anderen Erfahrungen nicht missen. Sie haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Neben berechtigter Kritik an illegalen Sprühereien, wird Graffity inzwischen mehr und mehr als künstlerische Leistung anerkannt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Das liegt immer im Auge des Betrachters. Für viele Menschen ist Graffity einfach nur Besprühen irgendwelcher Flächen und wird als Sachbeschädigung bewertet. Ich erlebe das bis heute selbst, dass, wenn ich irgendwo legal eine Wand bemale, ich mir von vorbeilaufenden Leuten so Sachen anhören muss: „Du Schmierfink“, „Arschloch“! Aber immer öfter rutscht Graffity in ein ganz anderes Spektrum, weil es inzwischen mehr ist, als nur Buchstaben auf S-Bahnen oder Wände zu sprühen. Immer mehr Sprüher probieren sich mit anderen Motiven aus. Das tue ich auch, durch Porträts, Farben, Formen und andere Techniken. Man kann mit diesen Dosen so viel Unterschiedliches machen, deshalb begeistert es mittlerweile auch viel mehr Menschen. Sie sind dafür offener geworden und die Graffityszene verkörpert längst nicht mehr nur den 16-jährigen Gangsterjungen, der Baggy Hosen und seine Mütze verkehrt herumträgt. Wir sind alles junge Erwachsene teils schon mit eigener Familie, sind höflich, zuvorkommend und betreiben halt Kunst, aber im Außenbereich und mit der Dose.

Inwieweit hat sich Ihre Motivation für diese Kunstform verändert. Am Anfang wollten Sie auffallen, herausstechen. Was ist es heute, das Sie antreibt? Geht es um bestimmte Botschaften?

Heute lodert nicht mehr das Feuer des Batman in mir. Ich habe einfach gemerkt, dass ich die Menschen wirklich erreichen kann. Für mich ist es wahnsinnig spannend zu erleben, wie ich mein Leben mit der Kunst reflektiere. Und die Menschen interessieren sich dafür, finden es gut, feiern mich und wollen noch mehr darüber wissen. Das empfinde ich als eine Riesenehre und es macht mir eine wahnsinnige Freude den Menschen nahezubringen, was ich tue. Natürlich freut es mich auch, wenn ich damit auch ein bisschen Geld verdienen kann, doch wichtiger ist mir, dass es die Menschen berührt, worüber ich mir Gedanken mache, wie ich mit Niederlagen umgehe und wofür ich mir – mit Verlaub gesagt – den Arsch aufreiße. Ich bin einfach nur wahnsinnig glücklich, denn ich hätte nie gedacht, dass sich in meinem Leben die Menschen überhaupt einmal für mich interessieren.

Spüren sie eine Unterstützung der Stadt oder Region für die Graffity-Szene oder begegnet Ihnen eher Ablehnung?

Das variiert durchaus. Ich hatte schon gemeinsam mit einem Kollegen Aufträge der Stadt Benningen für ganze Unterführungen, aber da sind einem natürlich Fesseln angelegt insofern, dass Benningen als Römerstadt uns die Römer-Motive kombiniert mit Blümchen und Vögelchen vorgab. Wenn man mit einer Stadt zu tun hat, dann geht es meistens um eine reine Dienstleistung, alles andere ist richtig schwierig und hoch bürokratisch. Sie kommen einem zwar schon entgegen, wenn man ein gewisses Auftreten, Benehmen und auch etwas zu sagen hat, aber es ist nicht einfach.

Wenn man das Hobby zum Beruf macht, kann man dann als Streetart-Künstler tatsächlich seinen Lebensunterhalt damit verdienen?

Wenn es so weitergeht, wie es bei mir gerade anläuft, bin ich sehr zufrieden und kann davon problemlos leben.

Wovon haben Sie bisher gelebt?

Ich arbeite im Auftrag der AWO in der Inklusionsklasse einer Ludwigsburger Grundschule als Schulbegleiter für ein autistisches Kind und helfe ihm bei den täglichen schulischen Abläufen. Ich bin mit im Unterricht, bin Ansprechperson für das Kind und für die Lehrer. Diese Aufgabe finde ich sehr spannend und ich bin froh, dass ich an diese Aufgabe herangegangen bin, ohne vorher dicke Wälzer über Autismus zu lesen. Ich habe alles auf mich zukommen lassen und behandele dieses Kind so, wie es ist. Es darf mit allem auf mich zukommen, wann immer es mich braucht und das funktioniert sehr gut.

Beeinflusst Sie diese Erfahrung auch in Ihrem künstlerischen Wirken?

Es beeinflusst mich nicht bewusst. Es ist eher so, dass mir spontan ein Motiv einfällt, das ich dann entsprechend umsetze. Wenn ich dieses Bild dann einige Zeit später betrachte und darüber nachdenke, dann fällt mir auf: „Ach ja, jetzt ist mir alles klar. das war doch zu dem Zeitpunkt als ich in der Grundschule angefangen habe oder als dieses oder jenes in der Schule passiert ist.“ Im Moment des Malens kann ich es nicht nachvollziehen, da mache ich einfach nur intuitiv mein Ding.

Wo soll die Reise hingehen?

In den Louvre nach Paris. (lacht) Nein, Spaß beiseite. Ich versuche in Etappen zu denken, um einmal so viel Geld zu verdienen, dass ich einfach sagen kann: „Hey Leute, ich brauche neue Einflüsse, neue Inspiration und bin jetzt mal für eine Woche in Rom, mach’s Handy aus und werde nur zeichnen.“ Genug Geld zu verdienen, dass ich diese Freiheit habe, wäre für mich das Größte, mein absoluter Traum.

Stichwort Banksy, ist das derzeit der angesagteste Streetart-Künstler?

In der Szene ist er es definitiv nicht, auch nicht für mich, obwohl ich ein riesiger Fan von ihm bin. Ich finde es echt geil, was er macht, aber ich habe auch ganz andere Künstler auf meiner Liste, die sind in meinen Augen mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser.

Sind Sie ihm schon einmal begegnet?

Nein, bislang nicht, obwohl ich schon zweimal in London war und dort auch gemalt habe. Aber da ich nicht wusste, wie er aussieht und mein Englisch zum damaligen Zeitpunkt so schlecht war, hätte ich es noch nicht einmal geblickt, wenn er sich mir vorgestellt hätte.

Bansky hat es geschafft, der hängt in den Museen und kann die Kunstszene verarschen, die Obersten der Obersten. Der Typ hat es wirklich geschafft. Ich habe mir auch schon mal überlegt, mal einen Gag oder was ganz Provokantes zu machen, beispielsweise eine schlichte schwarze Leinwand mit einem Phallus drauf. Jeder würde wie wild interpretieren, bis hin zum Gendering, alle Zeitungen würden berichten. Doch dafür musst Du den Namen und auch die nötigen Eier haben. Wenn ich den Namen habe, dann reißen sich die Leute darum, habe ich den Namen nicht, zerreißen sie mich. Deshalb habe ich das auf meiner Liste mal weit nach hinten geschoben.

Welche Themen möchten Sie als nächstes angehen?

Ich bleibe bei Porträt, das hat sich für mich bislang am besten bewährt.

Haben sie Vorbilder?

Aus der Kunstszene gibt es nicht eine bestimmte Person als Vorbild, es ist ein bunter Mischmasch an Künstlern, mit denen ich mich beschäftigt habe oder beschäftige. Das fing an mit einer Biografie über Picasso, die ich mir mit großem Interesse reingezogen habe, dann kam van Gogh, dann Hundertwasser, Kandinsky, Franz Marc und wie sie alle heißen. Wenn man dann rückblickend meine Bilder anschaut, sieht man genau, wann ich mich mit welchem Künstler beschäftigt habe. Ich habe nie abgemalt, sondern mir in der jeweiligen Phase selbst Skizzen angefertigt und überlegt, wie ich etwas anders malen könnte. Aber davon löse ich mich gerade. Ich will jetzt eher meinen ganz eigenen Stil malen, weil ich merke, dass das den Leuten sehr gut gefällt.

Noch werden Sie aber auf der Straße nicht erkannt als der Künstler Fosi, das verhindert eine Maske.

Richtig, und das ist gut, denn ich will nicht alles von mir preisgeben. Ich möchte nicht, dass die Leute wissen, wer ich bin. Nicht wegen Graffity und möglicher illegaler Aktionen, die ich gar nicht mache, sondern ich will erstmal für mich bleiben, meine Ruhe haben. Da ich meinen Namen nicht geändert habe, weiß ich leider auch nicht, wem ich eventuell in der Vergangenheit auf die Füße getreten bin. Sollte es einen überambitionierten Polizisten geben, der aus meiner illegalen Graffitiy-Zeit noch eine Akte von mir hat und mir noch gerne einen mitgeben möchte, dann ist es mir doch lieber, wenn ich mir aussuchen kann, wem ich mich zeige und vertraue. Ich möchte Familie und Privatleben gerne privat halten auch im Hinblick darauf, dass ich vielleicht noch erfolgreicher werden könnte.

Aber es ist doch normal, dass man wissen will, welcher Mensch hinter dem Kunstwerk steckt.

Die Leute bekommen doch schrittweise kleine Bruchstücke von mir mit, aber im Endeffekt muss man als Künstler ein Stück weit spannend und geheimnisvoll bleiben. Außerdem finde ich es extrem faszinierend, wenn ich unerkannt dabeistehe und höre, was die Leute in meine Bilder interpretieren. Das sind immer witzige Momente, das finde ich richtig geil. Ich nehme auf, was sie so sagen und mache mir daraufhin dazu selbst meine Gedanken, was ich mir bei der Entstehung eines Bildes eigentlich gedacht habe und schreibe das dann auf. Deshalb gibt es zu einigen meiner Bilder auf dem Rücken der Leinwand auch kurze Texte, die meine Reflexionen festhalten. Dieser Prozess ist ebenfalls ein Ansporn für meine künstlerische Arbeit.

Angenommen, morgen würde der OB Knecht anrufen und sagen: „Fosi, Du hast freie Hand, such Dir ein Objekt aus und mach was draus…

Da wüsste ich sofort, welches Gebäude ich nehme. Das hässlichste Stadtbild ist das Hochhaus vom Marstall-Center. Da würde ich von oben bis unten alle vier Seiten komplett bunt gestalten. Daraus würde ich ein riesiges Kunstobjekt mitten in Ludwigsburg machen. Das wär’s!

Haben Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leser?

Meine Botschaft richtet sich an alle, die malen: „Gib niemals Deinen Traum auf, malt auf jeden Fall immer weiter, egal, was passiert und was andere dazu sagen. Einfach immer weitermachen. Und: Regeln und Gesetze muss man manchmal auch brechen, wenn man wirklich für etwas brennt.“

Fosi, wir danken Ihnen für das Gespräch!