
Ein Gedankensplitter von Ayhan Güneş, Chefredakteur Ludwigsburg24
Es sind Nachrichten, die erneut atemlos machen: Ein nächtlicher Militärangriff auf die Hauptstadt Venezuelas. Explosionen in Caracas. Die Festnahme von Präsident Nicolás Maduro und seiner Ehefrau in seinem Schlafzimmer. Bestätigt vom US-Präsidenten persönlich – live, fast stolz. Und während das politische Beben weltweit spürbar ist, bleiben viele demokratisch gewählte Regierungen zunächst stumm.
Natürlich kann – und muss – man das Regime in Venezuela scharf kritisieren. Natürlich muss man über Menschenrechtsverletzungen, Wahlmanipulationen und Unterdrückung sprechen.
Aber rechtfertigt das einen militärischen Alleingang ohne UN-Mandat?
Oder gar die Entführung eines Staatsoberhaupts, mit dem man zuvor jahrelang lukrative Geschäfte gemacht hat?
Die offizielle Begründung: Drogenbekämpfung. Verteidigung der Freiheit. Schutz der eigenen Bevölkerung. Ein großer Zugriff gegen das Böse.
Klingt vertraut. Dieser Moment erinnerte mich in einer Weise an eine Geschichte, die viele von uns kennen: die Geschichte von Jesus und seiner Festnahme.
Nicolás Maduro ist bei Gott kein Unschuldiger. Kein Prophet. Kein Heiliger.
Und um es unmissverständlich zu sagen: Dieser Text ist keine Verteidigung seiner Person, seiner Politik oder seines Regimes.
Und doch sind die Mechanismen seltsam ähnlich:
Vorgeschobene Vorwürfe. Klare Machtinteressen. Ein medienwirksamer Zugriff.
Die öffentliche Vorführung des Schuldigen.
Und ein kollektives Schweigen derer, die es vielleicht besser wissen müssten.
Was mich bewegt, ist nicht nur der Bruch des Völkerrechts. Es ist das Déjà-vu.
Dass wir – trotz aller Aufklärung, trotz aller Technik, trotz globaler Kommunikation in Echtzeit – als Menschheit offenbar nichts Wesentliches gelernt haben.
Wir sind aufgeklärter – aber nicht mutiger. Wir sind vernetzter – aber nicht gerechter.
Und die Spiele, die gespielt werden, sind die gleichen wie damals, nur eben mit anderen Mitteln.
Noch ein Gedanke, der mich beschäftigt:
Angenommen, ein anderes Land hätte den US-Präsidenten samt Ehefrau aus dem Bett geholt und außer Landes gebracht, um ihm den Prozess zu machen.
Sagen wir mal: der Iran. Oder Nordkorea. Oder irgendein x-beliebiges Land.
Ich wage keine Antwort. Aber jeder weiß, was das für Konsequenzen mit sich bringen würde.
„Unrecht bleibt Unrecht – egal, wer es begeht und auch gegen wen.“ Wer Gerechtigkeit für sich beansprucht, muss sich auch an ihr messen lassen.



