
Von Ayhan Güneş
LUDWIGSBURG – Drei Jahre nach dem Grundsatzbeschluss für das größte Infrastrukturprojekt der Region hat der Ludwigsburger Gemeinderat am Mittwochabend eine weitreichende Kehrtwende vollzogen: Die Planungen für die Stadtbahn LUCIE werden in großen Teilen gestoppt.
Eine politische Mehrheit aus CDU, Freien Wählern, FDP, AfD und Teilen der Grünen beschloss, sämtliche innerstädtischen Streckenführungen ruhen zu lassen. Auch der Streckenast in Richtung Pattonville ist davon betroffen. Die Reaktivierung der bereits bestehenden Bahntrasse zwischen Markgröningen, Möglingen und dem Bahnhof Ludwigsburg bleibt hingegen als einziges Teilprojekt bestehen. Der Zweckverband wird beauftragt, sämtliche weiteren Planungen und Ausgaben sofort einzustellen.
Volle Ränge, klare Mehrheiten
Der Sitzungssaal war am Mittwochabend (19.11.) bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Vorfeld hatte Grünen-Stadtrat Jürgen Medinger noch versucht, mit einem Antrag auf Vertagung der Entscheidung Zeit zu gewinnen – dieser Vorstoß wurde jedoch von nahezu allen Fraktionen zurückgewiesen. Die Mehrheitsverhältnisse im Rat waren damit bereits vor der Abstimmung klar absehbar.
Die entscheidende Dynamik ging dabei von der CDU-Fraktion aus. Sie hatte sich in den vergangenen Wochen zunehmend von dem Gesamtprojekt distanziert und war damit zur Zünglein an der Waage geworden. Die parteiübergreifende Skepsis gegenüber Trassenführung, Projektfortschritt und Kostenentwicklung gipfelte schließlich im Beschluss für einen harten Schnitt.
Reaktivierung statt Neuausbau
Im Fokus des nun verabschiedeten Konzepts steht ausschließlich die Reaktivierung der westlichen Bahntrasse. Der Bahnhof in Ludwigsburg soll demnach als Endpunkt dienen – weitere Planungen innerhalb der Stadt oder in Richtung Osten werden auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Die Stadtverwaltung empfiehlt ein Ruhenlassen sämtlicher weiterer Projektteile für mindestens zehn Jahre.
Parallel bleibt die Stadt Mitglied im Zweckverband Stadtbahn. Eine aktive Weiterentwicklung über das Reaktivierungsprojekt hinaus ist jedoch aus Sicht des Gemeinderats aktuell nicht realistisch – auch angesichts der angespannten Haushaltslage.
Wie viel LUCIE ist noch leistbar?
Im Zentrum der Debatte stand die zentrale Frage: Wie viel Stadtbahn kann sich Ludwigsburg in Zeiten leerer Kassen noch leisten? Oberbürgermeister Dr. Matthias Knecht unterstrich in seiner Rede, dass sich die finanziellen Rahmenbedingungen seit dem Grundsatzbeschluss im Jahr 2022 dramatisch verschärft haben. Angesichts massiver Haushaltsrisiken sieht die Stadtverwaltung deshalb die Pflicht, sämtliche Großprojekte – darunter auch die Stadtbahn – neu zu bewerten und auf ihre Tragfähigkeit im aktuellen Kontext zu prüfen. Die Entscheidung, bestimmte Teile des Projekts ruhen zu lassen, sei kein Bruch mit dem Zweckverband, sondern Ausdruck verantwortungsvoller Finanzpolitik.
Projekt im freien Fall
Hintergrund der Entscheidung ist eine Kombination aus finanziellen Risiken, ungelösten technischen Fragen und wachsender politischer Unzufriedenheit. Seit Monaten gab es innerstädtisch keine einheitliche Linie zur Trassenführung. Mehrere Varianten – etwa über den ZOB, durch die Kurfürstenstraße oder via Leonberger Straße – wurden verworfen oder blieben in der Bewertung offen. Auch die barrierefreie Anbindung am Bahnhof sowie technische Fragen zum Vorlaufbetrieb und Betriebshof galten als ungeklärt.
Im Oktober hatte die Stadtverwaltung ihre Haltung in einer öffentlichen Beschlussvorlage dargelegt und empfohlen, sich auf die Reaktivierung zu beschränken. Der Zweckverband kritisierte diese Linie in einem offenen Brief scharf. Aus Sicht der Verbandsverantwortlichen widerspricht das Ludwigsburger Vorgehen dem gemeinsamen Projektziel. Unter anderem wurde gewarnt, dass bereits rund 15 Millionen Euro investiert worden seien – ein Großteil davon durch andere Kommunen.
Reaktionen und Ausblick
Der Beschluss des Gemeinderats dürfte den Zweckverband schwer belasten. Zwar liegt die formale Entscheidungshoheit bei der Verbandsversammlung, doch ohne Rückhalt der Stadt Ludwigsburg wird eine Weiterverfolgung zentraler Projektbestandteile kaum realistisch erscheinen. Auch mögliche juristische Auseinandersetzungen – etwa über Schadensersatzforderungen – stehen nun im Raum.
Die Debatte um LUCIE ist damit nicht beendet, sondern tritt in eine neue Phase. Der politische Riss zwischen Stadt und Zweckverband ist offensichtlich, ebenso wie der wachsende Druck aus Teilen der Bürgerschaft und Initiativen. Was bleibt, ist ein Projekt, das mit ambitionierten Zielen gestartet ist und nun auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Vision zusammengeschrumpft wurde.



