Underdog ohne Respekt: Wie die U19 vom SGV Freiberg die DFB-Nachwuchsliga aufmischt

Von Ayhan Güneş – 22.09  Uhr

Viele Beobachter rechneten mit einem schnellen Realitätsabgleich. Ein Aufsteiger aus der Oberliga, ein Verein mit begrenzten infrastrukturellen Möglichkeiten, Heimspiele nicht einmal in der eigenen Stadt und dann gleich Top-Gegner wie Eintracht Frankfurt, der TSV 1860 München oder der SC Freiburg. Die DFB-Nachwuchsliga gilt als Hochgeschwindigkeitszone des deutschen Jugendfußballs.

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Doch schon am zweiten Spieltag war zu spüren, dass hier mehr auf dem Spiel stand als nur drei Punkte. Rund 350 Zuschauer strömten nach Benningen, darunter Vereinspräsident Emir Cerkez sowie die Regionalliga-Mannschaft des SGV Freiberg um Cheftrainer Kushtrim Lushtaku. Das Interesse war riesig – man wollte sehen, ob der Aufsteiger aus Freiberg in dieser Liga bestehen kann.

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Nach zwei Spieltagen zeigt sich: Der SGV Freiberg ist nicht angereist, um zu staunen. Er ist gekommen, um mitzuhalten.

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Das 0:0 gegen Eintracht Frankfurt zum Auftakt war ein erstes Signal. Der 3:1-Erfolg gegen den TSV 1860 München nun ein Ausrufezeichen. Der Underdog aus dem kleinen Freiberg am Neckar wirkt weder eingeschüchtert noch überfordert, sondern geschlossen, mutig und erstaunlich reif.

Vielleicht liegt genau darin das Besondere dieser Mannschaft: Sie lebt nicht vom Namen, nicht vom Budget, nicht von großen Versprechen. Sondern vom Zusammenhalt, vom klaren Plan und vom unbedingten Glauben daran, auch auf dieser Bühne bestehen zu können.

Tempo, Mut und ein klarer Plan: Warum Freiberg mithalten kann

Für U19-Trainer Ihsan Başaran ist die neue Liga kein Mythos, sondern vor allem eine sportliche Realität – eine deutlich schnellere.

„Neben den großen Namen ist der größte Unterschied das Tempo und die Körperlichkeit. Alles läuft zwei- bis dreimal schneller ab“, ordnet Başaran ein. Technisch, sagt er, könnten viele Spieler mithalten. „Das Problem ist nicht die Technik, es ist die Geschwindigkeit. Entscheidungen müssen in Sekundenbruchteilen getroffen werden.“

Genau darauf habe man sich vorbereitet.

Training unter Druck – bewusst im kleinen Raum

Auf die Frage, wie sich die Mannschaft auf die DFB-Nachwuchsliga vorbereitet habe, wird deutlich, dass hinter dem Erfolg kein Zufall steckt. „Wir haben intensiver in kleinen Gruppen trainiert. Enge Räume, hoher Druck, schnelle Entscheidungen. Das ist die Kunst auf diesem Niveau.“

Im Kern habe man dabei nichts neu erfunden. „Die Inhalte sind im Grunde dieselben geblieben. Was wir gut gemacht haben, wollten wir noch besser machen. Und was nicht optimal war, haben wir gezielt verbessert.“

Trainiert wird fünf- bis sechsmal pro Woche – individuell gesteuert, angepasst an Belastung und Bedarf. Für das Trainerteam Ihsan Başaran, Noah Welter und Luc Ziegler bedeutet das nahezu Dauerpräsenz. „Wir sind sechs, sieben Tage pro Woche da. Es ist faktisch ein Fulltime-Job“, sagt Başaran. „Aber die Erfahrung ist Gold wert. Es ist Wahnsinn, was wir jeden Tag dazulernen.“

3:1 gegen 1860 – vom Respekt zur Dominanz

Auch das Spiel gegen den TSV 1860 München am vergangenen Sonntag folgte zunächst dem Muster eines Aufsteigers gegen ein großes NLZ. Die ersten 20 Minuten wirkten verhalten. „Wir haben dem Gegner anfangs zu viel überlassen. Die Jungs waren angespannt und hatten großen Respekt“, analysiert Başaran offen.

Doch die Mannschaft wuchs in die Partie hinein. Nach dem Rückstand blieb sie ruhig – ein entscheidender Moment. „Wir sind nach dem Gegentor nicht nervös geworden, sondern sind bei unserem Matchplan geblieben..“

Taktische und personelle Anpassungen in der Pause zeigten Wirkung. Der Ausgleich durch Marlon Kohler per Elfmeter brachte spürbar Ruhe ins Freiberger Spiel – doch Zufriedenheit stellte sich nicht ein. „Nach dem 1:1 waren wir hungrig. Wir haben 1860 dominiert und mehrere hundertprozentige Chancen herausgespielt“, ordnete Trainer Ihsan Başaran die Phase ein. Kohler krönte seine starke Leistung in der 81. Minute mit seinem zweiten Treffer. In der Nachspielzeit setzte Robert Schneider den Schlusspunkt zum 3:1. „Der Sieg war am Ende hochverdient“, so Başaran.

Überraschend sei das für ihn nicht gewesen. „Ich hatte vollstes Vertrauen in unsere Mannschaft. Wir wussten, dass wir eine realistische Chance haben und genau mit dieser Überzeugung sind wir ins Spiel gegangen.“

Benningen statt Freiberg und trotzdem Heimspielgefühl

Dass der SGV seine Heimspiele nicht in Freiberg austragen darf, sondern nach Benningen ausweichen muss, ist ein weiterer Beleg für die besonderen Rahmenbedingungen des Vereins. Bundesliga-Niveau auf dem Spielplan, aber keine eigene Spielstätte auf diesem Level.

Und dennoch spricht Başaran nicht von Nachteilen, sondern von Gemeinschaft. „Die Organisation war überragend. Unser Teammanager Ibrahim Tekin und Jugendleiter Ivo Popić haben das hervorragend gemacht. Wir haben uns sehr wohlgefühlt.“

Rund 350 Zuschauer unterstützten die Mannschaft.

Eine Liga ohne Schonfrist

Auf die Frage, ob Frankfurt und 1860 bereits zu den stärksten Teams der Staffel gehören, bleibt Başaran nüchtern. „Einen klaren Favoriten gibt es hier nicht. Selbst der andere Aufsteiger ist stark. In dieser Liga kann jeder jeden schlagen.“ Das Ziel bleibt dennoch ambitioniert: ein Platz unter den Top vier. Die Plätze fünf bis sieben bedeuten den Abstieg.

Am kommenden Sonntag wartet mit dem SC Freiburg das nächste Schwergewicht und erneut in Benningen, erneut gegen ein Nachwuchsleistungszentrum. „Unser Ziel ist klar: Wir wollen wieder drei Punkte holen.“

Underdog mit Haltung

Vielleicht liegt die eigentliche Besonderheit dieser U19 nicht in einzelnen Ergebnissen, sondern in ihrer Haltung. Ein Verein mit begrenzten strukturellen Möglichkeiten, ohne große Infrastruktur, aber mit klarer Linie. Kein Pathos, keine Überhöhung – stattdessen Arbeit, Struktur und Gemeinschaft.

Der Traum vom Mitspielen auf höchstem Nachwuchsniveau geht weiter. Und je länger diese Mannschaft in der DFB-Nachwuchsliga nicht nur mithält, sondern Akzente setzt, desto deutlicher wird: Freiberg mag der Underdog sein.

Aber einer, der genau weiß, was er tut.