
500 Gäste und klare Warnungen: Beim IHK-Jahresempfang in Ludwigsburg zeigt sich die wachsende Nervosität der Wirtschaft. Unternehmer zweifeln am Standort, kritisieren Politik und fehlende Umsetzung und machen deutlich: Die Zeit zum Handeln wird knapp.
Von Ayhan Güneş – 10.23 Uhr
Ludwigsburg. Wer an diesem Abend das „speisewerk“ im urbanharbor betrat, spürte schnell: Der IHK-Jahresempfang ist mehr als ein gesellschaftlicher Pflichttermin. Es ist einer der Abende, an denen sichtbar wird, wer die Region prägt und wie sie über ihre Zukunft denkt.
Rund 500 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aus der Region waren am Montag gekommen. Zwischen Gesprächen, Begegnungen und dichtem Gedränge wurde deutlich: Hier geht es nicht nur um Austausch, sondern auch um Einfluss, Verantwortung und Perspektiven.
Ein Blick in den Saal zeigte die Dichte an Verantwortungsträgern aus der Region: Landrat Dietmar Allgaier und Ludwigsburgs Oberbürgermeister Matthias Knecht prägten ebenso das Bild wie Vertreter der Landespolitik sowie zentrale Akteure aus Wirtschaft, Finanzwesen und Kultur.
Der Abend machte deutlich: Hier trifft sich nicht nur die regionale Öffentlichkeit – hier versammelt sich ein Querschnitt jener, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen tatsächlich gestalten.
Deutliche Worte von der Bühne
Während im Saal genetzwerkt wurde, war der Ton auf der Bühne bemerkenswert klar. IHK-Präsident Axel Kunkel und die leitende Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling zeichneten ein Bild einer Wirtschaft, die zunehmend unter Druck steht.
Wir Unternehmerinnen und Unternehmer, wir zweifeln ganz gewiss nicht an unseren Fähigkeiten, wir zweifeln – und das zurecht – an den Fähigkeiten dieses Standorts. Wir haben ein Wettbewerbsproblem, sagte Kunkel – ein Satz, der im Raum nachwirkte.
Bereits im vergangenen Jahr hatte er gewarnt, es sei „fünf vor zwölf“. Diesmal ließ er die Antwort offen, formulierte aber unmissverständlich: „Was ist es dann heute? Die Zeit zum Handeln wird knapp.“
Kritik gab es vor allem an schleppenden Reformen, wachsender Bürokratie und fehlender Planungssicherheit. Viele Maßnahmen seien angekündigt, kämen aber in den Betrieben kaum an.
„Kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem“
Geschäftsführerin Sigrid Zimmerling griff diese Kritik auf – und brachte sie auf eine zugespitzte Formel: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Sie verwies zugleich auf eine alarmierende Entwicklung: „Allein im November 2025 haben so viele Betriebe in Deutschland ihre Pforten geschlossen, wie seit zehn Jahren nicht mehr.“
Für den Landkreis Ludwigsburg bedeutet das konkret steigende Insolvenzzahlen und eine spürbare Belastung für den Wirtschaftsstandort.
Die Botschaft beider Redner war eindeutig: Die Probleme sind längst erkannt – doch es fehlt an Tempo und Konsequenz bei der Umsetzung.
KI zwischen Aufbruch und Abhängigkeit
Einen anderen Blick auf die Zukunft warf der Impulsvortrag von Isabel Hartung. Unter dem Titel „Zwischen Aufbruch und Abhängigkeit“ stellte sie Künstliche Intelligenz als zentrale strategische Ressource für Unternehmen dar.
KI sei längst kein Experiment mehr, sondern prägt bereits heute Prozesse, Entscheidungen und Geschäftsmodelle und werde damit zum entscheidenden Faktor für Wettbewerbsfähigkeit.
Doch auch hier bleibt ein Spannungsfeld: Während die technologischen Möglichkeiten wachsen, bleiben viele Unternehmen abhängig von Rahmenbedingungen, die sie selbst nicht steuern können.
Netzwerk, Gespräche – und leise Zwischentöne
Im Anschluss verlagerte sich das Geschehen wieder in den Saal. Gespräche vertieften sich, neue Kontakte entstanden, bekannte Netzwerke wurden gepflegt. Doch zwischen den Begegnungen war mehr zu hören als nur Small Talk. Es ging um Themen, die die Menschen umtreibt: Fachkräftemangel, Energiepreise, Bürokratie, politische Verlässlichkeit und auch die vergangene Landtagswahl.
Der Eindruck des Abends: Die Region ist stark, gut vernetzt und voller Potenzial. Gleichzeitig wächst die Ungeduld.
Ein Abend als Seismograf
So bleibt der IHK-Jahresempfang das, was er längst ist: ein Seismograf für die wirtschaftliche Stimmung in der Region. Zwischen Aufbruch und Unsicherheit, zwischen technologischer Dynamik und politischer Trägheit.
Oder, wie es Axel Kunkel indirekt formulierte: Die Zeit läuft.
Wer beim IHK-Jahresempfang vor Ort war
Unter den Gästen waren unter anderem: Landrat Dietmar Allgaier, Oberbürgermeister Matthias Knecht, Erste Bürgermeisterin Renate Schmetz, die Grüne-Landtagsabgeordneten Silke Gericke, Meike Günter und Tayfun Tok sowie die CDU-Abgeordneten Konrad Epple und Lukas Tietze.
Aus Wirtschaft und öffentlichem Leben nahmen unter anderem teil: Der Vorstand der Kreissparkasse Ludwigsburg: Dr. Heinz-Werner Schulte, Thomas Raab, Marco Beckbissinger, Petra Herrling (BlüBa), Johannes Rager (SWLB), Barbara und Peter Watzl (Kunsthaus Watzl), Jan Hambach (Bürgermeister Freiberg), Uwe Skrzypek (Oberbürgermeister Vaihingen), Helmut Ernst (Gebrüder Lotter) , Event-Unternehmer Michael Scholz, Lucas Reuter (Schlossfestspiele) sowie Karl, Tanja und Rainer Hildenbrand (Karl Ott). Ergänzt wurde das Bild durch zahlreiche Kreis- und Stadträte sowie weitere Vertreter aus Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.

