Mister 800 Volt aus Korea – Neuvorstellung Kia EV6

Kia bringt mit dem EV6 jetzt seinen ersten auf einer Plattform nur für Elektroautos basierenden Stromer an den Start. Bis 2030 sollen Elektro- und Hybridfahrzeuge 40 Prozent des gesamten Marktes der Koreaner ausmachen. Den ersten Schritt hin zu diesem ehrgeizigen Ziel macht jetzt der EV6, für den Kia eine Reichweite von bis zu 528 Kilometern und eine famose Ladezeit von 18 Minuten angibt, um von zehn auf 80 Prozent zu kommen. Der Motor-Informations-Dienst (mid) hat den schicken E-Crossover mit sportlichem Antrieb und pfiffigen Extras in Andalusien getestet.

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Ein Elektroauto mit 229 PS und einem maximalen Drehmoment von 350 Newtonmeter mit gerade mal 35 Prozent Ladestand durch einen Handlingkurs zu jagen, scheint gewagt. Der erste Weg führt also zu einem High-Power-Charger von Ionity. Für eine Pause an der nahen Raststätte reicht der Stopp, es sollte aber nicht mehr als ein Espresso sein. Mit einer maximalen Ladeleistung von 240 kW sind die Akkus binnen 17 Minuten von 28 auf beruhigende 85 Prozent aufgeladen.

Der Innenraum zeigt sich mit seinen beiden Zwölf-Zoll-Displays modern, aber nicht zu futuristisch. © Kia

Der knapp 4,70 Meter lange EV6 lässt sich an, eigentlich Elektroautos der Oberklasse vorbehaltenen, 800- sowie auch an 400 Volt-Ladestationen anschließen. Die Antriebsvarianten sind entweder heckgetrieben (270 und 229 PS) oder mit Allradantrieb (235 und 325 PS). Die Einstiegsmotorisierung ist mit einer 58-kW-Batterie kombiniert, alle anderen Antriebsvarianten kommen mit einem 77,4-kWh-Akku. Für das nächste Jahr kündigt Kia ein Spitzenmodell mit 585 PS an, was den Mittelklassestromer zu einem Supersportwagen mutieren lassen dürfte.

Das schicke Heck dominiert ein LED-Leuchtenband, das sich wie eine Sichel um den Kofferraum legt. © Kia

Doch für den Alltag reicht eigentlich schon die 229 PS starke heckgetriebene Variante des EV6 aus. Zum Bremstest auf dem abgesperrten Handlingkurs tritt der knapp zwei Tonnen schwere asiatische Stromer leichtfüßig und agil an. In 7,3 Sekunden gelingt der Spurt von 0 auf 100 km/h; zuverlässig unterbrochen von kräftig zupackenden Bremsen. Die Tempolimitierung von 185 km/h liegt für ein Elektroauto dieser Klasse im oberen Bereich.

Anders als das eher kantige und nüchterne Schwestermodell Hyundai Ioniq5, das auf der gleichen Plattform steht, aber einen etwas längeren Radstand hat, zeigt sich der Kia EV6 in einer auffallend emotional und elegant gezeichneten Hülle. Der neue Konzern-Chefdesigner Luc Donckerwolke, der früher für den Volkswagen-Konzern arbeitete, ließ sie in Anlehnung an den legendären Lancia Stratos zeichnen und modellieren. Das seinerzeit von Bertone gestylte Sport- und Rallyeauto gilt auch heute noch als eine der Design-Ikonen der 1970er Jahre.

Anders als viele Mitbewerber setzen die Koreaner bei ihrem ersten reinen Elektroauto nicht auf ein SUV-Konzept, sondern auf eine mit 1,55 Metern Höhe relativ flache Karosserie, die mit einem auch optisch niedrigen Schwerpunkt an einen Shooting Brake erinnert. Der Innenraum bietet bei einem Radstand von 2,90 Metern reichlich Platz für Passagiere und Gepäck. Der Kofferraum fasst 520 bis 1300 Liter, es gibt jede Menge Ablagen und zusätzlich noch einen kleinen Frunk (zusammengesetzt aus trunk und front), also einen kleinen Kofferraum unter der Fronthaube.

Dort findet sich auch neben dem Aufladekabel auch ein Adapter, über den man den Stromer entweder mit einem anderen Stromer, mit einer Kaffeemaschine oder einem Laptop verbinden kann. Der Kia EV6 kann nämlich durch seine intelligente Rekuperation, deren Elektronik in Abhängigkeit von Abstand, Tempo, Topografie und Streckenbeschilderung die maximale Effizienz regelt, im Akku gespeicherte Energie auch wieder abgeben. Sehr löblich. Auch das Thema Nachhaltigkeit nimmt Kia ernst. Pro Fahrzeug hat man 100 PET-Flaschen recycelt, um daraus die Sitzbezüge hinten zu fertigen.

Passend zum grünen Gewissen ertönt jetzt aus den 15 Lautsprechern der Premium-Audio-Anlage aus dem Hause Meridian Vogelgezwitscher. Alternativ sorgen ein Kaminfeuer, Meeresrauschen oder das Gemurmel in einem Straßencafe für eine gehörige Portion Ausgeglichenheit während der Fahrt über die Serpentinen hinauf nach Ronda. Der straff abgestimmte EV6 beeindruckt mit kraftvollem, gleichmäßigem Schub aus dem Heck und durcheilt die Kurven sportlich. Die leichtgängige Lenkung könnte etwas mehr Rückmeldung vertragen und das Navigationssystem etwas sorgfältiger arbeiten.

Den Kia EV6 gibt es zum Preis von ab 44. 900 Euro. Zieht man die Förderprämie ab, kostet er 35.420 Euro.

Technische Daten Kia EV6 RWD

Länge / Breite / Höhe: 4,68 / 1,79 / 1,88 Meter

Antrieb: Elektromotor, 168 kW / 229 PS, 350 Nm max. Drehmoment

Batteriekapazität / Reichweite nach WLTP: 77,4 kWH/ 528 km

Ladeleistung AC: bis 10,5 DC: bis 240 kW

Beschleunigung: 7,3 von 0 auf 100 km/h

Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h (abgeregelt)

Energieverbrauch: 17, 2 kW auf 100 km (WLTP)

Preis: ab 44.900 Euro

Solveig Grewe / mid

Nissan Qashqai in der dritten Generation

Im Jahr 2007 hatte Nissan den richtigen Riecher und brachte den Nissan Qashqai als einen der ersten Kompakt-SUVs auf den Markt. Sieben Jahre später – 2014 – kam dann die zweite Generation und weitere sieben Jahre später – 2021 – läuft die aktuellste dritte Generation vom Band. Der Motor-Informations-Dienst (mid) konnte das mittlerweile über 5 Millionen Mal verkaufte Automobil im Praxistest unter die Lupe nehmen.

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Wir haben den Nissan Qashqai in der „N-Connecta 1.3 DIG-T Mild-Hybrid 140 PS 6 MT“ Ausführung im Test. Dieser baut auf die in Kooperation mit Renault entwickelten CMF-C-Plattform auf, ein Renault Schwestermodell auf dieser Plattform soll ebenfalls 2022 erscheinen. Doch was bedeutet jetzt der kryptische Name des Qashqai in technischen Daten ausgedrückt?

Das Fahrzeug wird von einem Reihen-Vierzylinder-Turbomotor mit 1,3 Litern Hubraum angetrieben. Zur Hilfe kommt außerdem ein Mild-Hybrid-System mit 12V Bordnetz, welches einen Riemenstartergenerator antreibt, der beim Anfahren und Beschleunigen unterstützt. Die Systemleistung beläuft sich auf 103 kW/140 PS bei 5.000 U/min, das maximale Drehmoment von 240 Nm liegt zwischen 1.650 – 4.000 U/Min an.

Bei einem Leergewicht inklusive Fahrer je nach Ausstattung zwischen 1.405 – 1.534 kg beschleunigt der Fronttriebler mit der 6-Gang Handschaltung von 0 auf 100 km/h in 10,2 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit wird bei 196 km/h erreicht. Bei den Verbrauchswerten gibt Nissan im Mix einen Verbrauch von 5,8 l/100 km und einen CO2-Ausstoß von 131 g/km an. In unserem Test mit Winterbereifung und aktiver Klimaanlage lagen wir real zwischen 7 und 8 Litern auf 100 km, dabei waren wir aber hauptsächlich in den Fahrmodi Standard und Sport unterwegs. Sparsame Fahrer können im ECO Modus den Verbrauch sicherlich noch etwas geringer gestalten. Für ein Automobil aus dem SUV-Segment, das im Vergleich zum Vorgänger um 3,5 Zentimeter in der Länge, 3 Zentimeter in der Breite und 3 Zentimeter in der Höhe gewachsen ist, gute Werte (Außenabmessung: 4,43 m Länge x 1,84 m Breite x 1,64 m Höhe). Der Qashqai fährt sich angenehm laufruhig und ist auch langstreckentauglich.

Äußerlich fällt sofort die moderne Optik mit dem neuen Kühlergrill auf, welcher fließend in die langgezogenen LED-Scheinwerfer übergeht, die es bereits ab der Einstiegsversion serienmäßig gibt. Sehr passend ist die Lackvariante „Ceramic Grey“ (Aufpreis 850 Euro), eine von 11 auswählbaren Lackierungen. Auch Zweifarbenlackierungen sind bei der Konfiguration möglich.

Der Testwagen steht auf 18-Zoll-Leichtmetallfelgen mit 235/55er Winterbereifung rundum. Als Kunde hat man die Wahl zwischen 17 – 20 Zoll Bereifung, da der Qashqai aber kein Adaptives Fahrwerk mitbringt, empfiehlt es sich des Komforts wegen, nicht die größtmögliche Bereifung zu wählen.

Im Innenraum gibt es viel moderne Technik, die Anzeigen teilen sich in ein aufgesetztes Nissan-Connect Touch-Infotainment-System mit 9 Zoll, ein digitales Cockpit mit 12,3 Zoll und ein sehr helles, jederzeit gut ablesbares, projiziertes Head-up-Display mit 10,8 Zoll. Der Homebildschirm lässt sich individuell konfigurieren und die wichtigsten Funktionen (Lautstärke, Klimasteuerung) werden weiterhin über haptische Tasten bedient. Das generelle Bedienkonzept ist sehr intuitiv gehalten, man steigt ein und kann direkt loslegen, ohne groß nach Einstellungen zu suchen – entweder über das Menü im Infotainment-System oder über die Tasten am unten abgeflachten Multifunktionslenkrad. Sehr schön auch die Parkkamera mit Hilfslinien, 360 Grad Ansicht und hochaufgelöstem Bild.

Um das Mobiltelefon zu verbinden gibt es in der Mittelkonsole jeweils einen USB-C und einen USB-A Anschluss, die gleiche Anschlussvielfalt findet sich im Fondbereich. Android Auto und Apple Car Play sind ebenfalls mit an Bord. Und eine Ladeschale zum Kabellos Laden, welche ausreichend dimensioniert ist, darf da natürlich nicht fehlen.

Erwähnenswert: Die Sitze gibt es in den Bezügen Stoff oder Kunstleder, es wird kein Tierleder mehr verbaut! Die Türen sind von innen ebenfalls mit Kunstleder verkleidet (in der Front und im Fondbereich) und das allgemeine Interieur wirkt sehr wertig.

Im Innenraum ist reichlich Platz, es gibt diverse Ablagemöglichkeiten (es passt eine 1,5 Liter Flasche in die Türablagen vorn) und auch im Fond nehmen zwei Erwachsene bequem Platz, der „Notsitz“ in der Mittelreihe ist eher nur für die Kurzstrecke ausgelegt. Um Kindersitze zu befestigen gibt es im Fond zwei Isofix Anschlüsse an den äußeren Sitzen.

Für den Großeinkauf reicht das Ladevolumen vom Kofferraum mit 479 Litern ebenfalls aus. Wird mehr Platz benötigt, lässt sich die Rückbank in 60/40 Aufteilung umklappen (mit sehr geringer Ladekante im Übergang) und zwei Zwischenböden entfernen. So erweitert sich das Platzangebot auf 1.447 Liter.

Der Einstiegspreis für die Qashqai Welt liegt bei 25.790 Euro, ist also im Compact-SUV Segment im Vergleich mit den Mitbewerbern (VW Tiguan, Ford Kuga) im unteren Preisbereich anzusiedeln. Der Testwagen mit etwas mehr Sonderausstattung liegt bei 35.990 Euro.

Mike Neumann / mid