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Kontrolle des Blitzer-Fotos kann sich lohnen

Es kann sich lohnen, wenn man sich sein Blitzer-Foto genauer anschaut. Denn alleine das Foto und das Kennzeichen reichen für eine Verurteilung nicht aus. Die Datenzeile im Foto, aus der sich unter anderem die gefahrene Geschwindigkeit ergibt, muss lesbar sein. Wie ein Urteil des Amtsgericht Dortmund zeigt, ist der Betroffene freizusprechen, sollte das nicht der Fall sein.

Dem Betroffenen wurde vorgeworfen, statt erlaubter 50 Kilometer pro Stunde innerorts 74 km/h gefahren zu sein. Der Mann bestätigte, dort gefahren zu sein. Aus dem Blitzer-Foto ergab sich auch das Kennzeichen seines Autos.

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Das Gericht sprach den Betroffenen trotzdem frei, weil die Datenzeile des Messfotos nicht “urkundsbeweislich” verlesen werden konnte. Das Gericht identifizierte lediglich nicht lesbare Zeichen, “die offensichtlich Teile von Buchstaben wiedergeben.” Das reiche aber nicht, um den Betroffenen zu überführen. Er wurde freigesprochen. Es kann sich nach Auskunft der DAV-Verkehrsrechtsanwälte also lohnen, sich das Blitzer-Foto genau anzuschauen.

Andreas Reiners / glp

Newcomer schlägt Landtagsabgeordneten bei den Grünen in Bietigheim-Bissingen

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Das Ergebnis war denkbar knapp, sorgte aber für eine Sensation bei den Grünen: der junge Überraschungskandidat Tayfun Tok wurde mit 50 Stimmen zum nächsten Landtagskandidaten für Bietigheim-Bissingen gewählt. Der 50-jährige Amtsinhaber Daniel Renkonen, der zuletzt sogar mit einem Direktmandat in den Stuttgarter Landtag gezogen war, erhielt dagegen nur 47 Stimmen. „Mit diesem Ergebnis habe ich niemals gerechnet“, gesteht der 16 Jahre jüngere Sieger Tok noch sichtlich überwältigt von seinem Erfolg. Eigentlich habe er mit seiner Kandidatur nur ein Angebot an die Partei machen wollen, erzählt er glücklich, aber erschöpft im Gespräch mit Ludwigsburg24.

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Herr Tok, haben Sie schon eine Erklärung für Ihren Sieg über Daniel Renkonen?

Ich habe jetzt sechs Monate parteiinternen Wahlkampf hinter mir. Darauf habe ich mich intensiv vorbereitet, habe mich überall vorgestellt und erzählt, was mir wichtig ist, habe an Radtouren teilgenommen und auf anderen Wegen den Kontakt zu den Mitgliedern gesucht. Während des Lockdowns habe ich beispielsweise einen digitalen Stammtisch ins Leben gerufen und aufgebaut. Dort konnten sich grüne Mitglieder anmelden, mit denen ich über akute Themen diskutiert habe. Das kam gut an, weil die Mitglieder gemerkt haben, dass ich jemand bin, der Lösungen für die heutige Zeit anbietet. Außerdem habe ich versucht, inaktive Mitglieder direkt vor ihrer Haustür anzusprechen und sie zu motivieren, am 15. September zur Abstimmung zu kommen. Sie könnten das Zünglein an der Waage gewesen sein.

Kann auch der Wunsch nach einem Generationswechsel bei den Grünen das Geheimnis Ihres Sieges sein?

Nein, das glaube ich weniger. Ich denke, dass es eher eine Frage des Politikstils war und ist. Herr Renkonen, der bislang sehr gute Arbeit geleistet hat, ist ein ganz anderer Typ als ich. In meiner Vorstellungsrede habe ich auf Emotionen gesetzt und Politik mit meiner eigenen Biografie verknüpft, dabei gleichzeitig praktische Lösungen für Probleme angeboten. Dadurch habe ich das Herz der Mitglieder angesprochen und gepunktet. Daniel Renkonen ist eher der sachliche Typ, der sich bestens auskennt in seinen Kernthemen Verkehr und Klima. Ich schätze ihn sehr. Aber die Art und Weise wie er Politik macht, ist nicht meine. Ich will raus zu den Menschen aller Altersklassen. Mit meiner Biografie spreche ich auch Menschen aus bildungsfernen Schichten oder welche mit Zuwanderungs-Hintergrund an, die wir als Volkspartei alle genauso mitnehmen müssen. Ihnen möchte ich gerne Vorbild sein. Das ist meine Botschaft, die anscheinend gut angekommen ist.

Was überwiegt jetzt bei Ihnen – die Freude über Ihre Nominierung oder der Respekt vor der Verantwortung Ihrer voraussichtlich künftigen Aufgabe als Landtagsabgeordneter?

Ganz ehrlich: es überwiegt der Respekt vor der Aufgabe und der damit verbunden Verantwortung, die ich deutlich auf meinen Schultern spüre. Es sind schließlich große Fußstapfen, in die ich als Nachfolger von Herrn Renkonen trete. Entsprechend habe ich eine gewisse Demut gegenüber der Aufgabe, aber ich werde mich da reinfuchsen.

Als erstes muss ich jetzt ein Team aufbauen, das mich unterstützt. Auch möchte ich ein Wahlkreisbüro einrichten, an das sich die Bürger wenden können, um Kontakt zu mir aufzunehmen. Der direkte Austausch zwischen den Bürgern und mir ist für mich ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Politik. Genauso wichtig ist, dass ich mich in alle wichtigen Themen vertiefe und auch diejenigen überzeuge, die mich bei der Nominierung nicht gewählt haben.

Wie ist jetzt der Umgang zwischen dem unterlegenen Daniel Renkonen und Ihnen?

Herr Renkonen hat sich als sehr fairer Verlierer gezeigt, hat mir die Hand gereicht, gratuliert und mir seine Unterstützung angeboten, wenn Fragen auftauchen. Das finde ich wirklich toll. Das Direktmandat von Herrn Renkonen möchte ich natürlich unbedingt verteidigen und auch mit dafür sorgen, dass der neue Ministerpräsident wieder Kretschmann heißt.

Sie fahren jetzt direkt nach diesem Interview in den Urlaub. Hat der unerwartete Erfolg Sie so geschafft?

Die letzten Monate waren tatsächlich sehr anstrengend, das gebe ich zu. Jetzt möchte ich mit meiner Frau und meinem einjährigen Sohn einfach nur abschalten, den Erfolg verarbeiten und ein bisschen genießen. Bis Mitte Oktober bin ich noch in Elternzeit. Die verbleibenden Wochen bis dahin werde ich nutzen und mich schon für den baldigen Wahlkampf vorbereiten.

Sie haben es von der Hauptschule in Steinheim übers Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium zum Lehramts-Abschluss für Politik- und Wirtschaft geschafft. Jetzt machen Sie politisch Karriere. Macht Sie Ihr Werdegang stolz?

Meinen Werdegang nutze ich gerne als Botschaft. Er steht dafür, dass alles möglich ist. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen und bin das Kind einer alleinerziehenden Mutter, einer türkischen Frau. Ich war sechs oder sieben, als sie sich trennte. Damals war es verpönt, sich scheiden zu lassen. Von daher musste sie damals auch schon Kämpfe ausfechten. Meinen Vater kenne ich gar nicht mehr, habe keinen Kontakt zu ihm, obwohl er noch hier lebt. Meine Mutter musste sich als Frau durchboxen, sie war und ist sehr empanzipatorisch und beharrt auf ihre Rechte. Als Bäckergehilfin war sie gewerkschaftlich engagiert. Das hat mir alles schon als Kind sehr imponiert.

Was haben Sie denn von Ihrer Mutter für Ihr eigenes Leben und Ihr politisches Denken mitgenommen?

Von ihr habe ich zum Beispiel schon früh gelernt, dass ich mehr leisten muss als andere Kinder, deren Eltern vielleicht Abitur haben oder Akademiker sind. Ein Beispiel: Ich bekam daheim auch kein richtiges Deutsch beigebracht, deswegen habe ich mir immer selbst Bücher ausgeliehen, viel gelesen und mir Worte rausgeschrieben, die ich nicht verstanden habe. Die habe ich nachgeschlagen, weil ich wissen wollte, was das jeweilige Wort genau bedeutet. So habe ich mir immer mehr Deutsch angeeignet.

Sind Sie sehr ehrgeizig?

Natürlich habe ich einen Ansporn, der durch meine Mutter in mir drinsteckt. Wenn ich etwas mache, will ich es richtig machen. Ich war schon als Kind sehr neugierig auf die Welt, auf die Menschen. Ich habe mich immer interessiert und nachgefragt, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Und dieses Feuer, diese Neugier habe ich heute immer noch. Meine Mutter ist jetzt mächtig stolz und kann meinen Erfolg noch gar nicht richtig fassen. Jetzt will sie, dass ich richtig Gas gebe und am 14. März den Sprung in den Landtag schaffe.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihr politisches Interesse?

Das waren die Anschläge auf die Twin Towers am 11. September 2001, damals war ich selbst 15 Jahre alt. Da ich selbst einen muslimischen Hintergrund habe, fand ich es nicht nur schrecklich, was dort passiert war, sondern fand es furchtbar, dass im Namen meiner Religion Menschen umgebracht wurden. Als ich dann im Jahr 2002 mitbekam, dass ein Attila Tür in Bietigheim-Bissingen als Grüner für den Bundestag kandidierte, dachte ich, da ist jemand mit einem ähnlichen Namen wie Du und der kandidiert. Mit ihm konnte ich mich identifizieren. Ich fand es sehr sympathisch, dass die Grünen solchen Menschen auch eine Chance gaben. Seinetwegen bin ich dann also zu einem Ortsvereinstreffen der Grünen in Steinheim gegangen und bin bis heute dabeigeblieben. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass mein ursprüngliches Interesse an den Grünen auf einem Missverständnis basierte, denn Attila Tür hatte gar keine türkischen Wurzeln, sondern ungarische.

Haben Sie noch andere politische Vorbilder?

Ja, ein großes Vorbild ist mein politischer Ziehvater Rainer Breimaier. Er ist Stadtrat in Steinheim und kennt mich seit meinem 16. Lebensjahr. Er ist ein ehrlicher, authentischer Typ und steht in der Politik für Integrität. Er hat mich sehr geprägt, mir immer kritisches, aber konstruktives Feedback gegeben. Vor ihm habe ich hohen Respekt. Mein anderes Vorbild ist Cem Özdemir. Für ihn habe ich zwei Jahre in seinem Wahlkreisbüro gearbeitet. Er ist ein cooler Typ, verbindet sein selbstverständliches Deutschsein gut mit seinen anatolischen Wurzeln, ist immer offen gegenüber anderen Meinungen. Von ihm habe ich gelernt, wie Politik funktioniert und wie man Menschen für sich gewinnen kann.

Sollten Sie in den Landtag gewählt werden, beginnt für Ihre Familie auch ein neuer Lebensabschnitt. Was sagt Ihre Frau zu Ihren politischen Plänen?

Sie steht voll und ganz hinter mir. Anfangs war sie nicht so ein politisch interessierter Mensch, aber inzwischen kennt sie sich sehr gut aus. Wir reden auch viel über das, was ich tue und wie ich denke. Wir haben auch schon sehr früh darüber gesprochen, dass es eventuell sein kann, dass wir aufgrund unserer türkischen Wurzeln bedroht werden, wenn ich mehr in der Öffentlichkeit stehe. Ich werde wahrscheinlich für viele Rechtspopulisten ein Feindbild sein. Wie das ist und wie sehr das eine Familie belasten kann, habe ich damals bei Cem Özdemir schon mitbekommen.

Hat Ihre Religion Einfluss auf Ihr politisches Denken und Handeln?

Nein, meine Religion spielt dabei überhaupt keine Rolle. In der letzten Zeit wurde ich immer wieder in die Nähe von DITIB gerückt und in die religiöse Ecke abgestempelt, was völlig falsch ist. Ganz im Gegenteil – ich möchte nicht, dass auf Moscheen politisch Einfluss genommen wird wie zum Beispiel in der Türkei. Und von Islamismus und Fanatismus distanziere ich mich ganz klar. Ich bin ein ziemlich liberaler Muslim. Aber mein Glaube ist doch kein Widerspruch zu meiner Nationalität und meiner Politik. Für mich spielt Religion eine untergeordnete Rolle. Im Ramadan faste ich zum Beispiel nicht täglich, sondern einmal im Monat. Ich mache da eher symbolisch mit, weil ich es einfach interessant finde. In die Moschee gehe ich ein- bis zweimal im Jahr, aber auch nur, um dort abzuschalten. Ich bin kein praktizierender Moslem und meine Frau trägt auch kein Kopftuch.

Wie wollen Sie Ihren Sohn erziehen, welche Werte sind Ihnen wichtig?

Alle demokratischen Werte sind mir wichtig, vor allem das Thema Gleichberechtigung. Er soll integer sein, soll neugierig sein und bleiben und seinen eigenen Weg gehen. Dabei muss er es nicht jedem recht machen wollen und schon gar nicht den Leuten nach dem Mund reden, sondern zu seinen eigenen Überzeugungen stehen und sie vertreten. Das habe ich im Laufe meines Lebens ebenfalls lernen müssen. Ansonsten soll er wie jedes andere schwäbische Kind hier ganz normal aufwachsen, Sport treiben und unbeschwert sein.

Wie viel Schwabe steckt in Ihnen?

Davon steckt sehr viel in mir, inklusive des schwäbischen Dialektes, den ich sprechen kann und auch gar nicht unterdrücken will. Ich bin wie mein Sohn in Ludwigsburg geboren und stolz drauf, Schwabe zu sein. Mir gefallen die regionalen Bräuche, ich stehe auf Kässpätzle und Maultaschen, genieße den guten Wein und liebe die wunderschöne Landschaft. Gelegentlich grüße ich sogar mit einem freundlichen Grüß Gott!

Was an Ihnen ist türkisch?

Die meisten bezeichnen mich als sehr deutsch, weil ich ein sehr strukturierter Mensch bin, der früh aufsteht und direkt zum Schwimmen geht und danach einen festen Plan für den Tag hat. Aber was ist türkisch an mir? Vielleicht ist meine emotionale Seite eher türkisch. Ich spreche die Leute persönlich und emotional an, umarme auch gerne mal andere Menschen. Der herzliche Körperkontakt ist tatsächlich eher südländisch.

Herr Tok, wir danken Ihnen für das Gespräch!