„Niemand kann 25 Jahre nur Glück haben“: Ludwigsburg24 im Gespräch mit MHP-Unternehmensgründer Dr. Ralf Hofmann

Gerade feierte Dr. Ralf Hofmann mit seinem Ludwigsburger Unternehmen MHP mit Sitz im Film- und Medienzentrum 25-jähriges Bestehen. Für die Stadt und auch den Kreis ist das Unternehmen ein absolutes Aushängeschild. Als der ehemalige SAP-Berater am 2. Mai 1996 mit seinem Partner Lutz Mieschke das Management- und IT-Beratungsunternehmen, damals Mieschke Hofmann und Partner, mit fünf Mitarbeitern am Standort Karlsruhe gründete, ahnte er nicht, welch eine Erfolgsstory er mit seiner Selbständigkeit schreiben würde. 1998 steigt Autobauer Porsche bei MHP ein, das Unternehmen expandiert, hat mittlerweile rund 3.000 Mitarbeiter an 20 Standorten und macht einen Umsatz von 502 Millionen Euro. Ralf Hofmann hält heute noch 18,2 Prozent der Anteile und könnte sich eigentlich jetzt schon ins Privatleben zurückziehen. Doch der MHP-Chef denkt noch lange nicht daran. „Mir macht die Arbeit noch großen Spaß und ich habe noch immer Ziele, die ich erreichen will“, verrät der agile 58-Jährige im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herzlichen Glückwunsch zum 25-Jährigen. Welche Gefühle kommen da in Ihnen hoch?
Da ist vor allem Stolz, denn wir arbeiten in der sehr schnelllebigen IT-Branche. Viele Unternehmen, die kurz vor oder auch mit uns angefangen haben, gibt es nicht mehr, denn sie sind mittlerweile in größeren Organisationen untergekommen. Uns dagegen gibt es noch. Aber das ist nicht allein mein Erfolg, dafür brauchen Sie immer ein gutes Team.

Natürlich ist es vor allem Ihr Erfolg, Sie waren schließlich einer der beiden Gründer und sind bis heute noch an Bord.
Das ist schon richtig, doch allein sind Sie in der Beratung ein Niemand. Wenn Sie nicht die richtigen Leute haben, kommen Sie in der Beratung nicht weit. Zum Glück hatten wir bei MHP immer gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so dass alles funktioniert hat. Und wir haben mit Porsche einen fantastischen Hauptgesellschafter. Bei uns passen schon einige Faktoren zusammen.

Mit welcher Vision haben Sie 1996 Ihr Unternehmen gegründet?
Am Anfang stand der gemeinsame Wunsch, sich selbständig zu machen. Wir waren beide Berater und haben eine Firma gegründet. Wir haben es getan und uns gesagt: Mal schauen, ob es funktioniert. Wenn nicht, muss man es entweder anpassen oder etwas anderes machen. Zum Glück hat es aber recht schnell recht gut funktioniert und sich immer weiterentwickelt.

Gehörte damals viel Mut zum Schritt in die Selbständigkeit?
Um eine Beratung zu gründen, benötigen Sie keinen Mut und vor allem kein großes Kapital. Es sind keine finanziellen Vorleistungen nötig wie beispielsweise in anderen Unternehmen für die Anschaffung von Maschinen oder Ähnliches. Als Beratungsunternehmen brauchen Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Sie überzeugen müssen, damit sie das Thema mittragen und mit aufbauen. Aber vom Risiko her war unser Schritt in die Selbständigkeit überschaubar, zumal mein Partner und ich beide SAP-Berater waren. Jeder wollte diese Software haben und unser Skill war sehr gefragt.

Sie scheinen mit der Auswahl Ihrer Mitarbeiter meist richtig gelegen zu haben. Haben Sie dafür ein besonderes Näschen oder einfach immer nur Glück?
Niemand kann 25 Jahre nur Glück haben. Vielmehr ist es so, dass bei uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets im Fokus stehen. Jede und jeder kann es spüren, dass wir eine sehr Mitarbeiter-orientierte Company sind. Am Anfang taten wir uns natürlich schwerer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden – auf einem Markt, auf dem jeder gute IT-Leute sucht. Wir mussten uns zunächst etablieren, gezielt suchen und die möglichen Interessenten von uns überzeugen. Heute sind wir etabliert, trotzdem müssen wir noch immer überzeugen, da wir uns auf einem hart umkämpften Recruiting-Markt befinden. Sie müssen dabei die Größenordnung bedenken. In Deutschland haben wir 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und stellen hier jährlich rund 700 bis 800 Leute ein. Das sind monatlich zwischen 50 und 100, runtergerechnet pro Tag sind das 2 bis 3 Leute. Eine Beratung hat eine hohe Fluktuation, die sie auch braucht. Recruiting ist ein ganz wesentlicher Prozess, den man beherrschen muss.

Was muss ich außer dem fachlichen Knowhow mitbringen, wenn ich bei Ihnen anheuern will?
Sie sollten auf jeden Fall ins Team, zu uns – zu MHP passen. Stellen Sie sich vor: Wenn Sie zusammen mit 6 bis 7 Kolleginnen und Kollegen für ein halbes Jahr in einem Projekt arbeiten, dann muss das nicht nur arbeitstechnisch funktionieren, sondern eben auch menschlich. Sie sollten ein Teamplayer sein, unseren Spirit leben, leidenschaftlich sein und für die Sache brennen. Und Sie sollten sich mit unseren Werten identifizieren, empathisch, authentisch und integer sein und auch eine gewisse Mobilität sowie Flexibilität mitbringen.

Sie haben mit fünf Mitarbeitern begonnen, weltweit sind es rund 3.000, davon ungefähr 1.500 am Standort Ludwigsburg. Damit gehören Sie zu den größten Playern sowie Arbeitgebern hier im Landkreis.
Als wir angefangen haben mit 5 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wollten wir unsere Firma vor allem erstmal ins Laufen bringen. Jetzt liegen wir bei 3.000 Mitarbeitern. Wir sind immer organisch gewachsen. Ich bin schon stolz auf das, was wir da geschafft haben. Aber wie schon gesagt, beruht der Erfolg auf der Arbeit des gesamten Teams und auch Porsche hat bei dieser Entwicklung eine Rolle gespielt. Es war der entscheidende Meilenstein nach zweieinhalb Jahren, als Porsche 1998 in unser Unternehmen eingestiegen ist. Wir haben diese Entscheidung nicht des Geldes wegen getroffen, denn wir waren zu diesem Zeitpunkt als 37-Mann-Firma noch nicht so viel wert. Wir haben uns dazu entschieden, um unsere Marktposition im Automotive-Umfeld zu stärken. Dafür gibt es eben keinen besseren Namen als Porsche. Porsche hat an uns geglaubt und wir sind damit kein Risiko eingegangen.

In 25 Jahren ging es doch sicherlich nicht immer nur bergauf, gelegentlich muss man auch durch tiefe Täler marschieren. Gab es Situationen, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?
Nein, dieser Gedanke hat sich bei mir nie ergeben. Wir hatten zwei Krisen und die waren schneller vorbei als gedacht. Das war die Wirtschaftskrise Ende 2008, Anfang 2009. Das war ein Riesenthema für uns und wir verzeichneten von einem aufs andere Jahr Umsatzeinbußen von 30 Prozent. Letztes Jahr kam Corona, wobei das für uns als MHP im wirtschaftlichen Sinne keine wirkliche Krise gewesen ist. Wir sind recht gut durch die Corona-Zeit gekommen.

Wenn Unternehmen andere aufkaufen, dann machen sie das in der Regel zu 100 Prozent. Wie kam es dazu, dass Porsche an MHP nur 81,8 Prozent der Anteile hält?
Ja, normalerweise ist das so, doch ich bin sicher, dass MHP sich nicht so entwickelt hätte, wenn es zu einer 100 Prozent-Übernahme gekommen wäre, weil Porsche dann einen anderen Fokus hätte.

Was ist denn Ihre Motivation, selbst die restlichen Anteile zu halten, anstatt das Unternehmen ganz zu verkaufen.
Erstens arbeite ich noch gerne und fühle mich nicht so, dass ich jetzt aufhören sollte. Außerdem ist MHP „mein Baby“, mit dem meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich noch viel vorhaben. Beispielsweise wollen wir uns bis 2025 beim Umsatz auf eine Milliarde verdoppeln, wollen auf 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wachsen und uns in Deutschland vergrößern. In der jetzigen Zeit, in der alles digital wird und wir in Deutschland einen enormen Nachholbedarf bei der Digitalisierung haben, macht das alles viel Spaß und ich habe eine große Motivation, das alles weiter voranzutreiben.

Am Standort Ludwigsburg wird sich aber nichts verändern, es bleibt Headquarter von MHP?
Der Standort Ludwigsburg bleibt, es gibt definitiv keine Überlegungen, von hier wegzugehen. Ich wüsste keinen Grund, Ludwigsburg zu verlassen. Wir fühlen uns dort sehr wohl und sind in der Stadt stark engagiert – mit der MHPArena sowie den MHP Riesen.

Wenn Sie weiter expandieren, bleibt der Fokus auf Automotive sowie Maschinen- und Anlagenbau gerichtet oder wollen Sie weitere Branchen erobern?
In Deutschland ist und bleibt Automotive unsere Kernbranche. Als Berater brauchen Sie Kompetenz für das, was sie tun, und die kann man relativ einfach transferieren in Anlagen und Maschinenbau, also in die Manufacturing-Industrie. Und die ist groß genug in Deutschland für den nächsten Schritt.

Sie haben eben schon Ihre Unterstützung der MHP-Riesen angesprochen, Sie sind aber ebenfalls Sponsor bei den Stuttgarter-Kickers und in der kommenden Saison Hauptsponsor beim Fußball-Zweitligisten Heidenheim. Was ist hier Ihre Motivation und warum haben Sie sich nicht etwa für den VfB Stuttgart entschieden?
Wenn man in Deutschland bekannter werden will, kommt man um ein Fußball-Sponsoring nicht herum. Mein Herz schlägt zwar mehr für Basketball und ich bin extrem glücklich mit den Riesen und ihrem Erfolg, aber trotzdem ist die Präsenz im Fernsehen überschaubar. Da wir wachsen wollen, brauchen wir aber noch mehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und somit dafür noch mehr Bekanntheit auf dem Recruiting-Markt. Warum wir uns für Heidenheim entschieden haben? Heidenheim hat eine ähnliche Geschichte wie MHP, ist wie wir stets organisch gewachsen, der Verein teilt die gleichen Werte z.B. Nachhaltigkeit, Partnerschaft, Integrität. Sie haben den Trainer mit dem längsten Dienstverhältnis. Außerdem liegt es gut erreichbar in Baden-Württemberg, ist seit 30 Jahren sportlich sehr erfolgreich, denn sie haben das Potenzial für den Aufstieg. Das alles passt zu uns. Dazu kommt, dass Heidenheim ein guter Industriestandort ist mit der Nähe zu Ulm.

Werden Sie auch zukünftig den MHP-Riesen sowie den Stuttgarter-Kickers als Sponsor erhalten bleiben?
Wir fühlen uns den Vereinen verbunden. Ich gehe davon aus, dass alles so bleibt, wie es ist.

Treiben Sie selbst auch Sport?
Natürlich treibe ich Sport, mag den Konditionssport. Ich war 30 Jahre lang Jogger, bis vor 10 Jahren bin ich sogar meist jedes Jahr einen Marathon gelaufen, war in Berlin, in Hamburg und sogar schon in New York am Start. Inzwischen fahre ich viel mit dem Mountainbike und im Winter stehe ich auf den Skiern.

Wer viel arbeitet, sollte sich gelegentlich auch etwas gönnen. Was macht Sie als Privatmann glücklich?
Ich bin ein geselliger Mensch, gehe gerne aus und habe meinen Freundes- und Bekanntenkreis gerne um mich rum. Ein schönes Essen mit einem guten Glas Wein und guten Gesprächen in geselliger Runde daheim oder auswärts, das ist so mein Ding und macht mich glücklich.

Haben Sie auch einen persönlichen Traum, den Sie sich noch unbedingt erfüllen möchten?
Es gibt durchaus einige Träume, und einen davon, der mich schon seit Jahrzehnten begleitet, werde ich mir auf jeden Fall auch noch erfüllen – mit dem Auto von meinem Wohnort Bad Rappenau nach Wladiwostock zu fahren. Russland ist einfach ein schönes, weites Land, vor allem Sibirien ist sehr faszinierend. Es gibt zwar von Moskau aus die Transsibirische Eisenbahn, aber ich will die ganze Strecke lieber mit dem Auto bewältigen. Schon als Student habe ich viel über Sibirien gelesen und mir damals vorgenommen, mir diese Reise zu gönnen. Über Google-Maps habe ich mir den Weg dorthin schon angeschaut und ein bisschen vorgeträumt, wie ich mich mit einer alten G-Klasse von Mercedes auf den Weg mache.

Mit einer G-Klasse von Mercedes? Gehen Sie Porsche etwa fremd?
Mein Traum von dieser Reise ist schon so alt, da gab es die Porsche-SUVs noch gar nicht. Deshalb bleibe ich dem Auto meines Traums für diese Reise einfach treu.

Welche Wünsche wollen Sie sich noch erfüllen?
Das alles aufzuzählen, führt jetzt zu weit. Aber ich garantiere Ihnen, wenn ich bei MHP einmal aufhöre, werde ich nicht etwa zu Hause bleiben, sondern meine Wünsche erfüllen und die haben viel mit Reisen zu tun. Ich bin mein ganzes Berufsleben lang gereist und das werde ich im Ruhestand ebenfalls tun, nur mit einem anderen Blickwinkel.

Wissen Sie schon, wann Sie frühestens aufhören wollen?
Übers Aufhören habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Solange mir die Arbeit Spaß macht und ich etwas zum Erfolg beitragen kann, mache ich weiter.

Haben Sie eigentlich Vorbilder?
Typische Vorbilder habe ich nicht wirklich, ich finde aber manche Biografien spannend. Als junger Kerl hat mich der Banker Alfred Herrhausen interessiert, später dann die Lebensgeschichten des Apple-Chefs Steve Jobs oder die von Jeff Bezos, der Amazon ebenfalls im Jahr 1996 gegründet und es in 25 Jahren zum mächtigsten Unternehmen der Welt gemacht hat. Solche Erfolgsstorys faszinieren mich.

Welchen Rat würden Sie mit Ihrer langjährigen Erfahrung einem jungen Menschen mit auf den Weg geben, der sich heute selbständig machen möchte?
Ich finde, man muss immer nach vorne schauen und sich seine Strategie bewusst machen und versuchen, die Dinge langfristig zu sehen und sich klarzumachen, wie das Unternehmen in 5 oder 10 Jahren dastehen soll. Dann kann man Dinge bewusster tun und man hängt nicht vom Zufall ab. Ich hatte Glück, dass alles von Anfang an mit der Selbständigkeit gut lief und dass mein Partner und ich sehr früh – in unseren Anfangsjahren – bei Porsche überzeugen konnten.

Würden Sie rückblickend den gleichen Weg nochmals gehen?
Ja, unbedingt. Ich war immer schon Berater, bis 1995 im Angestelltenverhältnis, danach selbständig. Ich habe nie etwas anderes gearbeitet. Beratung ist einfach für mich gemacht und ich bin sehr gerne Berater, auch wenn ich inzwischen nicht mehr im klassischen operativen Geschäft tätig bin.

Eine letzte Frage: Was hat Ihnen jetzt seit Ausbruch von Corona am meisten in Ihrem Leben gefehlt?
Am meisten habe ich das soziale Leben vermisst, mal abends spontan in eine Kneipe oder ein Restaurant zu gehen. Was mir aber wirklich richtig fehlt, ist, dass man nicht mehr reisen konnte. Wir haben Niederlassungen in Amerika, China, Rumänien und England, und ich bin gerne dahingeflogen. Mal zwei, drei Tage Shanghai oder Atlanta, also das fehlt mir enorm. Ich reise einfach gerne.

 Herr Dr. Hofmann, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

„Ich bin ein ziemlich schlechter Verlierer“: Ludwigsburg24 trifft VfB-Präsident Claus Vogt

Am 18. Juli findet in der Mercedes-Benz-Arena die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart statt. Seit Dezember 2019 ist Claus Vogt Präsident des 1893 gegründeten Vereins für Bewegungsspiele und will es auch nach der Wahl weiter sein. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht der Unternehmer Vogt, wie er die Mitglieder überzeugen will ihn erneut zu wählen, zu seinem Verhältnis mit Präsidentschafts-Mitbewerber Pierre-Enric Steiger, zum Datenskandal beim Bundesligisten und wie der 51-Jährige den Jahrhundertorkan beim VfB überstanden hat.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Vogt, vor der letzten Präsidentenwahl sagten Sie: „Ich will kommen, um zu bleiben.“ Was sagen sie am 18. Juli vor der erneuten Wahl?
Passend wäre die Aussage: „Ich will bleiben, um unseren positiv begonnenen Weg weiter voranzutreiben“.

Sie wollen somit also unbedingt gewinnen…
Ich wünsche mir, dass mir die Mitglieder ihr Vertrauen aussprechen und mich wählen. Von daher soll es weder einen Gewinner noch einen Verlierer geben. Die Mitglieder sollen denjenigen wählen, von dem sie sich am besten vertreten und repräsentiert fühlen.

Sie sind seit eineinhalb Jahren im Amt, in der Zeit ist jede Menge passiert. Was haben Sie aus Ihrer Sicht seither gut gemacht, um die Mitglieder von sich zu überzeugen?
Wenn sich jemand in der 2. Liga dem Verein für den Präsidentschaftsposten zur Verfügung stellt, ohne die Garantie des Aufstiegs zu haben, ist das erstmal ein klares Bekenntnis zum VfB. Und wenn er das dann in einer Corona-Pandemie aufrechterhält, plötzlich noch mit einer Datenschutzaffäre, für die er nichts kann, konfrontiert wird und mit beidem umgeht, ohne Planungssicherheit zu haben, dass er bleiben kann, aufzusteigen und sportlichen Erfolg zu haben – dann honorieren das die Mitglieder hoffentlich. Sie können aus meinem Engagement ableiten, dass sie einen verlässlichen, berechenbaren Präsidenten haben, der für ihre Rechte einsteht, sie auch in schweren Zeiten vertritt und nicht einfach alles hinwirft, wenn’s mal richtig schwierig wird. Deshalb möchte ich für alle, die mir damals ihr Vertrauen ausgesprochen und mich gewählt haben, bis zum 18. Juli – und nach Möglichkeit darüber hinaus – mit ganzer Kraft da sein.

Übersetzt heißt das, dass Sie zufrieden sind mit dem Ergebnis, das Sie während Ihrer bisherigen Amtszeit erzielt haben?
Es war die schwierigste Zeit, die der VfB und seine Mitglieder bislang zu überstehen hatte. Ich glaube, es ist uns gelungen, dass wir – trotz der schweren Zeiten und den im Vorfeld durchaus vorhandenen Vertrauensstörungen bei Fans, Mitgliedern, Partnern und Sponsoren zum Verein – relativ viel aufgebaut haben. Die Datenschutzaffäre musste ich als Präsident sehr ernst nehmen und diese Affäre haben wir gegen alle Widerstände sauber aufgearbeitet, haben die gemachten Fehler eingestanden und haben, auch wenn es hart war, die notwendigen Konsequenzen gezogen. Gerade sind wir dabei, gemeinsam mit dem untersuchenden Unternehmen und dem Datenschutzbeauftragten Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nie wieder passiert. Auch glaube ich bewiesen zu haben, dass ich für die Mitglieder ein Präsident bin, der Angriffe aushält, diese nicht persönlich nimmt und sich somit nicht selbst übers Amt setzt, sondern der sich im Sinne des Vereins eher zurücknimmt und sogar ein paar unsportliche Schläge wegsteckt, der verzeihen kann, der nicht nachtragend ist. Wenn wir es schaffen, dies auf allen Positionen konstant zu halten, tut das dem VfB gut.

Was haben Sie inhaltlich umgesetzt?
Wir haben begonnen die Satzung mit ihren Geburtsfehlern durch eine interne Kommission zu korrigieren, wir haben das Thema „Zukunft Profi-Fußball“ angestoßen, wir haben eine Kommission zum Thema „Fan-Belange“ aufgemacht zur Weiterentwicklung des Fan-Ausschusses und der Stärkung der Fan-Rechte, wir haben eine Frauen-Fußballabteilung gegründet, wir haben die Datenschutzaffäre vernünftig aufgearbeitet. Auch auf der sportlichen Ebene passt es mit Trainer, Kader und allen, die da noch mit dranhängen. Ich finde, wir haben jede Menge gut hinbekommen und das innerhalb der kurzen und schweren Zeit.

Üben Sie rückblickend gelegentlich Kritik an sich nach dem Motto: An der einen oder anderen Stelle hätte ich auch anderes reagieren können oder müssen?
Selbstverständlich tue ich das, sogar recht häufig. Rückblickend könnte man sicherlich auch das eine oder andere anders machen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber in dem Moment macht man es immer nach bestem Wissen und Gewissen.

Gibt es speziell beim VfB etwas, was Sie heute anders machen würden?
Was beim VfB schwer war und was man anders hätte machen können, war die Gremien- und Lobbyarbeit. Die kannte ich bislang aus meinem beruflichen Umfeld so nicht und hätte dafür vielleicht mehr Zeit investieren sollen. Denn im Fußball geht es nicht nur rein um fachlich-sachliche Entscheidungen, sondern auch um sehr viel Emotionen, die da reinspielen. Allerdings wäre eine intensivere Gremien- und Lobbyarbeit unter diesen Corona-Umständen auch nicht möglich gewesen.

Im Vorfeld ist sehr viel passiert, unter anderem gab es ein heftiges Scharmützel zwischen Ihnen und Thomas Hitzlsperger. Wie ist der aktuelle Stand zwischen Ihnen beiden?
Unser Verhältnis ist inzwischen wieder gut und hochprofessionell. Wir arbeiten im Sinne des VfB zusammen und wollen gemeinsam nur das Beste für den Verein. Wahrscheinlich müssen Sie eher Thomas fragen, warum er sich überhaupt bewerben wollte. Für mich ist es nicht erklärbar, außer dass wir in einer schwierigen Lage mit enormem Druck waren, die für uns alle neu war. Er hat sich aber inzwischen entschuldigt und ich habe die Entschuldigung angenommen. Von daher ist die Sache ausgeräumt. Ich bin nicht nachtragend und kann verzeihen. Mir selbst hat man ja auch verziehen, denn ich habe wohl ebenfalls Fehler gemacht. Ich glaube, wir sind beide aus dieser Situation gestärkt hervorgegangen. Wenn man so etwas gemeinsam übersteht, dann schweißt einen das sogar zusammen.

Eigentlich standen Sie in dieser Phase tatsächlich mutterseelenallein gegen einen Jahrhundertorkan, angefangen vom Daimler-Vorstand über den Ex-Aufsichtsrats-Boss vom VfB bis hin zu anderen Leuten, die den Verein inzwischen verlassen haben. Trotzdem stehen Sie immer noch fest auf beiden Beinen, wie kommt das?
Ich stand nie allein da, nie. Es ist gut, dass die Mitglieder, die Fans, die Menschen außerhalb des Vereins, ein ganz feines Gespür haben dafür, wer sie ehrlich und richtig vertritt. Ich habe unglaublich viel Zuspruch erfahren, woran ich gesehen habe, dass ich mich für das Richtige einsetze. Dafür musste ich zwar Schläge einstecken, obwohl ich zuvor nie ausgeteilt habe, aber ich tue das für den VfB und muss mich in diesen Momenten eben selbst als Person zurückstellen. Ich glaube, dies muss jeder gute Präsident tun, denn solche Situationen können immer passieren, das liegt einfach an dieser Branche Profi-Fußball. Das muss man wissen und damit entsprechend umgehen. Für mich war das eine Schnellschulung als Präsident in nur 16 Monaten, die mich gestärkt hat, an der ich gewachsen bin. Ich kenne keinen Präsidenten, der Ähnliches in so einer kurzen Zeit mitgemacht hat.

Für Sie persönlich war das sicherlich eine wichtige Erfahrung. Aber wie sehr schadet so ein Zwist dem Verein?
Grundsätzlich gilt für jeden Verein, für jedes Unternehmen: so öffentlich ausgetragene Diskussionen sind absolut schädlich. Das ist keine vertrauensbildende Maßnahme – weder für die Mitglieder noch für die Mitarbeiter, Fans, Partner oder Sponsoren. So eine Situation muss man vermeiden und die würde bzw. werde ich immer vermeiden. Bislang habe ich das jedoch nicht in der Hand gehabt. Deswegen muss ich damit bestmöglich umgehen, Ruhe bewahren, besonnen und ein seriöser und souveräner Präsident sein.

Waren Sie in der Zeit mal davor, alles hinzuwerfen?
Nein, in diesem Zustand war ich nie. Der Zuspruch der Mitglieder, die mich gewählt haben, der war so groß, dass ich täglich erklären konnte, was ich gemacht habe und warum. Und jeder hat gesagt, dass ich es richtig gemacht habe.

Wie ist Ihre Familie mit dem öffentlichen Gegenwind für Sie umgegangen?
Meine zwei Töchter sind mit ihren 22 Jahren durchaus in der Lage, solche Attacken vernünftig einzuordnen. Selbst mein 15-jähriger Sohn Moritz weiß das alles inzwischen gut einzuschätzen. Wir reden daheim darüber, damit die Familie die Zusammenhänge versteht. Aber sie stehen alle hinter mir und unterstützen mich darin, meinen Weg genauso weiterzugehen. Dieser Rückhalt gibt enorme Kraft, das ist ein schönes Gefühl. Die Menschen in meinem Umfeld, viele Mitglieder und Fans stehen hinter mir, als VfB-Präsident, auch weil sie merken, dass ich mir nichts darauf einbilde und immer noch der Selbe geblieben bin. Ich gehe vernünftig damit um, bin bodenständig und versuche, ein guter Vertreter der Mitglieder zu sein.

Kommen wir zur Wahl zurück. Der Vereinsbeirat hat sich entschieden, mit Pierre-Enric Steiger einen zweiten Kandidaten aufzustellen. Kennen Sie sich?
Wir haben uns erst ein einziges Mal gesehen, weshalb ich mir noch kein Bild von ihm machen konnte.

Bei Ihrer ersten Wahl postete Herr Steiger anschließend auf Facebook, dass er Sie gewählt hätte, wenn es ihm zeitlich gereicht hätte, da Sie der richtige Kandidat waren. Ist das rückblickend nicht ein klassisches Eigentor von ihm?
Als wir uns vor einer gemeinsamen Pressekonferenz kurz trafen, habe ich mich nachträglich für seine Glückwünsche zu meiner Wahl bedankt. Er erzählte mir dann, dass er damals nicht zur Wahl kommen konnte, weil sein Vater an diesem Tag seinen 90. Geburtstag hatte. Dafür darf er mich im Juli gerne wieder wählen, so viel hat sich ja nicht geändert. Spaß beiseite: Er meinte, dass er es schade fand, dass es keinen Gegenkandidaten gegeben hätte, wäre schon im März gewählt worden. Das hat ihn wohl aus einem demokratischen Ansatz heraus zu seiner Kandidatur motiviert.

Ist er der angenehmere Gegner für Sie als Volker Zeh, der sich ebenfalls für eine Kandidatur beworben hatte?
So sehe ich das nicht, zumal ich auch ihn persönlich überhaupt nicht kenne. Ehrlicherweise bedauere ich es ein bisschen, dass er in der Öffentlichkeit so schlecht dargestellt wird. Er hat sich im Dezember als Kandidat zur Verfügung gestellt, zu einem Zeitpunkt, wo der Verbleib in der 1. Liga noch nicht gesichert war, wo niemand wusste, wie es mit Corona weitergeht und wo die Datenaffäre auf ihrem Höhepunkt tobte. Niemand wusste, was noch passiert. Und da steht er trotzdem auf und stellt sich für den Verein zur Verfügung. Das zollt mir wirklich Respekt ab. Und obwohl er abgelehnt wird, rafft er sich ein zweites Mal zu einer Kandidatur auf, das finde ich bemerkenswert.

Wie enttäuscht wären Sie, sollten Sie im Juli nicht wiedergewählt werden?
Ich würde es bedauern, aber Wahlen sind ein demokratischer Prozess, die Mitglieder entscheiden. Natürlich würde ich gerne im Amt bleiben, der VfB würde Kontinuität beweisen und dass wir das fortsetzen, was wir jetzt trotz aller Schwierigkeiten gut begonnen haben.

Sie sind Doppelchef als VfB-Präsident und Unternehmer. Was für ein Typ Chef sind Sie – Autoritätsperson, Kumpeltyp oder eher hochexplosives Pulverfass?
Letzteres auf keinen Fall. Ich kann von mir sagen, dass ich es bislang geschafft habe, noch nie aus der Hose zu springen, weder hier im Unternehmen noch daheim bei der Familie oder beim VfB. Ich bin überall gleich, verstelle mich nicht, bin ehrlich, glaubwürdig und nahbar. Jeder kann mit seinen Problemen zu mir kommen, weil ich sie ernstnehme und versuche, immer zu helfen. Außerdem behandele ich jeden Menschen nach dem Motto: Mein Vertrauen kann man nicht gewinnen, sondern nur verlieren.

Selbst beim VfB sind Sie Doppelchef. Wie schwer ist das?
Zugegebenermaßen ist das nicht immer einfach. Im e.V. bin ich demokratisch gewählter Vertreter der Mitglieder, deren Interessen und Rechte ich wahrnehmen muss. Zeitgleich bin ich Aufsichtsratsvorsitzender einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft einer Aktiengesellschaft. Das heißt, dass ich oftmals bei ein und derselben Frage zwei unterschiedliche Antworten geben könnte. Deshalb muss ich bei allem, was ich tue, meine Entscheidungen stets abwägen und auf jeder Seite dafür um Verständnis werben und bitten.

Was sagen Sie als VfB-Chef, wenn plötzlich Daimler noch mehr Anteile haben will, aber die Fans dagegen sind?
Daimler passt sehr gut zum VfB und wir sollten wirklich sehr froh sein, so ein Unternehmen aus der Region beim VfB zu haben. Diese beiden Marken verbinden sich richtig klasse, auch wenn wir leider sportlich ein wenig hinterherhinken. Sollte Daimler mehr Anteile wünschen, würde das bei mir und sicherlich auch bei vielen anderen Mitgliedern auf Zuspruch stoßen. Da bin ich mir relativ sicher. Ich bin stolz, dass ein solcher Weltkonzern mit uns als Fußballverein zusammenarbeitet. Daimler ist ein guter Partner für den VfB und ein glaubwürdiger für die Region.

Sollten Sie wiedergewählt werden, dann arbeiten Sie wohl künftig mit einem neuen Aufsichtsratsmitglied, da Herr Porth anscheinend nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten will.
Gehört und gelesen habe ich das auch, ich kann aber nichts dazu sagen. Das ist seine Entscheidung.

Bislang arbeiten Sie beim VfB ehrenamtlich. Finden Sie das okay?
Es ist wohl beschlossen, dass es künftig ein Auto sowie eine Aufwandsentschädigung fürs Präsidium geben soll. Aber mir geht es nicht ums Geld, sonst würde ich mich nicht so engagieren. Allerdings würde ich mir persönlich wünschen, dass nicht nur im Fußball, sondern auch in der Politik, marktübliche Gehälter bezahlt werden, damit man die Besten der Besten für diese Aufgaben bekommt.

Bezahlung ist ein gutes Stichwort: Corona hat viele Vereine in eine finanzielle Schieflage gebracht, weshalb Transfereinnahmen notwendiger sind denn je. Muss der VfB jetzt seine Juwelen verkaufen?
Das ist jetzt der Bereich von Thomas Hitzlsperger und er hat mal gesagt: Niemand ist unverkäuflich. Aber die Frage ist doch, ob der Zeitpunkt für Verkäufe derzeit richtig ist, wenn gar nicht so viel Geld auf dem Transfermarkt vorhanden ist. Es wäre doch schade, einen Spieler unter Wert abgeben zu müssen. Wir haben viele gute Spieler mit einem hohen Entwicklungspotential, die unter normalen Umständen nochmals einen viel höheren Wert haben werden. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass wir es finanziell schaffen, die ganze Mannschaft langfristig zusammenzuhalten, damit wir sportlich erfolgreich sind.

Sie haben Ihr eigenes Unternehmen mit 50 Millionen Umsatz jährlich, reiben sich zeitgleich noch beim VfB auf. Bleibt da eigentlich noch Zeit für die Familie?
Es bleibt für alles zu wenig Zeit, vor allem unter Corona-Bedingungen plus Datenschutz-Affäre. Überall könnte ich mehr machen und ich versuche natürlich, alles so gut wie möglich zu organisieren. Zum Glück stehen meine Frau und die Kinder zu 100 Prozent hinter mir, denn sie wissen, dass ich alles, was ich tue, mit ganzem Herzen mache. Fürs Unternehmen habe ich mir einen Interimsmanager reingeholt, dem ich ständig verlängert habe. Deshalb wünsche ich mir, dass es mit der Wahl im Juli für die nächsten vier Jahre eine Planungssicherheit gibt – für den VfB, für mich als Unternehmer und als Mensch.

Wir sind noch so ein bisschen auf der Suche nach Ihren Ecken und Kanten. Haben Sie denn Schwächen?
Ja klar, Schwächen habe ich auch. Ich bin beispielsweise ein ziemlich schlechter Verlierer und das nicht nur beim Tischkicker. Wenn der VfB verliert, versuche ich mich ruhig zu verhalten und mir nichts anmerken zu lassen. Im Stadion funktioniert es meist noch ganz gut, während der Autofahrt nach Hause geht es meist auch noch, aber daheim bekommt meine Familie meine Enttäuschung sofort mit. Bei einem Sieg schaue ich mir dazu im Fernsehen alles an. Bei einer Niederlage hat dann das Wochenende sportlich quasi nicht stattgefunden. Aber meine Familie kennt das und kann damit umgehen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde er lauten?
Rein sportlich gesehen wäre mein Wunsch, dass der VfB sportlich erfolgreich mit schönem Fußball dauerhaft in der 1. Bundesliga bleibt. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass wir der stolze Mittelpunkt der Region sind. Der Erfolg eines Präsidenten ist ja nicht so messbar wie bei Trainer oder Mannschaft am wöchentlichen Spiel und Tabellenplatz. Ein Präsident hält keinen Ball und schießt kein Tor. Der Präsident muss langfristig strategisch für den Verein da und ein ruhiger, besonnener sowie berechenbarer Mensch sein, der nicht beim ersten Sturm ins Ruderboot springt und abhaut. Deshalb erhoffe ich mir für den VfB, dass wir es schaffen, dass Menschen, Mitglieder, Fans, Stadt, Region, Bundesland stolz auf den VfB auch unabhängig vom sportlichen Erfolg sind. Das wäre mein Ziel und ist mein Ansporn, denn dann hätten wir es geschafft, ein Werteverständnis zu verändern.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?
Ich vermisse sehr, die nötige Ruhe beim VfB.

Wir hätten gedacht, dass Sie die Zuschauer im Stadion am meisten vermissen.
Ja, natürlich vermisse ich unsere singenden, anfeuernden und mitfiebernden Superfans im Stadion sehr. Auf den Rängen ist es nämlich zu lange schon zu ruhig. Das Paradoxe daran ist doch, dass der Profi-Fußball ausgerechnet nicht von denen gerettet werden kann, die ihn groß gemacht haben.

Herr Vogt, wir danken Ihnen für das Gespräch!