Wein ist seine Leidenschaft – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Joachim Kölz

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das dachte sich Joachim Kölz als er zum 1. Februar als Vorstandsvorsitzender zur Felsengartenkellerei wechselte. Dafür gab der 57-jährige Vater zweier Töchter nach über elf Jahren mitten in der Corona-Krise seinen krisenfesten Posten als Bürgermeister in Bietigheim-Bissingen auf. „Derzeit arbeite ich mich noch ein und lerne jeden Tag eine Menge dazu“, erzählt der begeisterte Weintrinker. Warum er diesen Schritt gewagt hat und was ihn an seiner neuen Aufgabe reizt, verrät Kölz Ludwigsburg24 in seinem ersten Interview nach Amtsantritt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

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Herr Kölz, die wichtigste Frage in diesen Zeiten zuerst: Wie sind Sie bis jetzt durch die Pandemie gekommen?

Ich persönlich habe bislang alles ganz gut hinter mich gebracht. Allerdings gebe ich zu, dass je länger der Lockdown anhält, umso frustrierender empfinde ich die Situation. Auf all die gewohnten Dinge zu verzichten, wie sich mit anderen Menschen zu treffen, Veranstaltungen zu besuchen, Essen, Einkaufen oder zum Sport zu gehen, kann man mal locker für eine bestimmte Zeit einschränken, aber jetzt wird es langsam mit jedem Tag problematischer. Wenn ich derzeit am Wochenende mit offenen Augen durch meine Umgebung laufe, stelle ich fest, dass die Menschen nachlässiger werden und sich nicht mehr so an die Regeln halten. Beispielsweise im Bürgergarten in Bietigheim sammeln sich wieder Jugendliche, als wenn gar nichts wäre.

Wie kommt Ihr neuer Betrieb, die Felsengartenkellerei, mit den Folgen des Lockdowns zurecht?

Für den Betrieb hat die Pandemie natürlich sehr viele Nachteile. Ich nenne nur mal die Stichworte Veranstaltungen oder Gastronomie, denn beide sind wichtige Kundengruppen. Wenn diese über so einen langen Zeitraum wegfallen, dann fällt auch bei uns einiges an Umsatz weg. Der erfreuliche Umstand ist der, dass im Lebensmittelhandel und im Discount mehr läuft, denn sie sind ja der Krisengewinner. Das ist der einzige Vorteil für uns, so dass wir hier höhere Absatzzahlen in beiden Bereichen haben.

Machen diese Einnahmen den fehlenden Umsatz bei Veranstaltungen und Gastronomie wieder wett?

Nein, ganz können wir die Einbrüche dort nicht ausgleichen, aber wir können zumindest einen großen Teil des Rückgangs bei Veranstaltungen und Gastronomie auffangen. Somit leiden natürlich auch wir als Felsengartenkellerei unter der Pandemie.

Wie gehen Sie persönlich mit Ihrem Lockdown-Frust um?

Ich bin Ausdauersportler, also Läufer, und das ist ein Sport, den man sehr gut allein betreiben kann. Dann drehe ich eben für mich meine Runden als Ausgleich, um mal rauszukommen aus den eigenen vier Wänden. Ansonsten bin ich jetzt natürlich hier so eingebunden, dass Corona gedanklich auch mal ein Stück weiter weg ist.

Müssen Sie sehr viel Neues lernen?

Das muss ich durchaus, denn das ist ein doch recht großer Betrieb mit rund 110 festangestellten Mitarbeitern, zur Lese kommen dann noch zusätzlich viele Aushilfen. Auch betrete ich hier beruflich einen völlig neuen Bereich, den ich erstmal erfassen und auch verstehen muss. Daran arbeite ich jetzt, aber ich denke, das geht ganz flott.

Seit 2009 waren Sie Bürgermeister in Bietigheim, also in einem krisensicheren Job. Jetzt sind Sie als Endfünfziger in die Privatwirtschaft gewechselt, dazu gehören Mut und Risikobereitschaft. Was hat Sie zu diesem Schritt motiviert?

Das Thema Wein ist für mich seit vielen Jahren ein Hobby, etwas, was mich immer interessiert hat. Als sich dann die Chance ergeben hat, mich hier für das Amt zu bewerben, habe ich erkannt, dass mich das Thema Wein auch beruflich reizen würde. Aber natürlich habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht und erkannt, dass ich jetzt noch in einem Alter bin, in dem ich nochmal eine solche Herausforderung suchen kann und ich aufgrund der guten Voraussetzungen auch bereit bin, dieses Risiko einzugehen. Deshalb habe ich diesen Schritt tatsächlich gewagt. In vier, fünf Jahren gehe ich einen solchen Schritt sicher nicht mehr. In der Abwägung der Summe von Vor- und Nachteilen war es am Ende für mich klar, dass ich einen zwar riskanten, aber zugleich klugen Schritt wage, der mir viel Spaß und Freude machen wird.

Wie lange haben Sie für Ihren Entscheidungsprozess gebraucht.

Alles in allem hat es bestimmt drei Monate gedauert, beginnend vom ersten Gespräch mit den Akteuren hier bis zur finalen Entscheidung. Es mussten auf beiden Seiten viele Fragen geklärt werden. Unter anderem musste ich die Auswirkungen auf meinen Beamtenstatus klären. Das ist ein sehr komplexes Thema, das ich erstmal in allen Facetten klären musste, weil ich mich zuvor noch nie damit auseinandergesetzt hatte. Ich musste sichergehen können, dass ich nicht ohne alles dastehe für den Fall, dass das hier schiefgeht. Die Klärung all dieser Dinge brauchte Zeit und parallel dazu lief mein gedanklicher Prozess mit der Überlegung: Was verlasse ich dort, wie verläuft es hier. Aber am Ende war es eine gute und richtige Entscheidung.

Wie hat denn Ihre Frau auf Ihren möglichen Jobwechsel reagiert?

Meine Frau war zunächst genauso überrascht von der neuen Möglichkeit wie ich und wir haben dann auch ein paar Abende darüber gesprochen. Aber sie war von Anfang an mit dabei und fand die Wechselidee gut.

Wo sehen Sie Ihre Vorteile durch den Wechsel?

Die Chance, nochmals in einem ganz neuen Bereich tätig sein zu dürfen und das noch in einer verantwortungsvollen Tätigkeit und mit einem Produkt, das ich selbst liebe, ist natürlich der wesentliche und positive Aspekt bei diesem Wechsel. Meine Frau erhofft sich von meinem neuen Job, dass vielleicht weniger Abend- und Wochenendtermine als bisher anfallen werden. 

Was ist der größte Unterschied vom jetzigen Amt zur letzten Tätigkeit?

Der größte Unterschied ist wahrscheinlich nicht das tägliche Doing, da gibt es viele Überschneidungen. Der Unterschied ist vielmehr inhaltlicher Art insofern, als dass die ganze andere Welt des Weins mit all ihren Facetten sowie deren Vermarktung und Absatzfrage in einem genossenschaftlichen Konstrukt etwas ganz Neues, aber auch sehr Kreatives ist. Deshalb befinde ich mich momentan auch in einem unglaublichen Lernprozess, der sehr schnell stattfinden muss. Die Überschneidungen liegen beispielsweise im Bereich Finanzen, für die ich als Erster Bürgermeister bei der Stadt ebenfalls verantwortlich war. Ich war Geschäftsführer bei den Stadtwerken und bei der städtischen Holding. Die grundsätzlichen Themen einer GmbH berühren auch unsere Genossenschaft. Die Gremienarbeit, die hier in der Felsengartenkellerei ebenfalls eine sehr wichtige Rolle spielt, die kenne ich aus dem Effeff.

Mal ganz frech gefragt: Hier sind sie selbst der Chef. Wie sehr hat das Ihre Entscheidung beeinflusst?

Das hat sicher auch eine Rolle gespielt, aber das war nicht der Hauptgrund für meinen Wechsel.

Wie lauten Ihre Ziele und Visionen für die Felsengartenkellerei?

Mein Anspruch und damit eines meiner Ziele ist, die Weingeldauszahlungen an die einzelnen der 1.400 Mitglieder unserer Winzergenossenschaft nach Möglichkeit wieder zu erhöhen, da diese in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen haben. Das geht allen Genossenschaften derzeit so, was mit dem schwierigen Weinmarkt zusammenhängt. Um die Situation wieder zu verbessern, benötigen wir einige strategische Entscheidungen.

Inwiefern?

Wir sind hier wie ein großer Gemischtwarenladen mit 750 Hektar Fläche, der abhängig vom Jahrgang bis zu 10 Millionen Liter Wein jährlich produzieren und vermarkten möchte. Das ist allerdings zunehmend schwieriger, weil uns durch Corona jetzt einige Geschäftsfelder fehlen und weil der Weinmarkt inzwischen ein sehr internationaler geworden ist. Die Weintrinker von heute bestehen nicht mehr auf den heimischen Wein, sondern sind international orientiert. Deutschland ist auch das europäische Land, in dem der meiste Wein-Absatz über den Lebensmitteleinzelhandel läuft. In Frankreich, Italien oder anderen Ländern kaufen die Menschen viel mehr direkt beim Winzer oder der Genossenschaft. Deshalb stehen wir hier in einem unglaublichen Wettbewerb zur ganzen Welt des Weins. Da weltweit mehr Wein produziert als getrunken wird und dadurch die Preise enorm unter Druck geraten sind, macht es uns das Geschäft schwieriger als früher. Der Preis pro Flasche Wein hat sich nach unten entwickelt, während die Produktion sich verteuert hat. An dieser Herausforderung müssen wir arbeiten.

Wie lautet also Ihre Strategie?

Wir werden sehr stark auf das Thema Qualität setzen. Das heißt, wir werden unsere Marke, die einen sehr guten Ruf hat und Jahr für Jahr sehr viele Auszeichnungen erhält, in den Vordergrund stellen. Es wird auch sehr wichtig sein, noch andere Vertriebskanäle zu erschließen, so wollen wir zum Beispiel den Online-Verkauf stärken. Dann wollen wir noch mehr auf das Thema Regionalität setzen und die lokale Vermarktung und die lokalen Veranstaltungen weiter ausbauen. Und wir wollen im Kreis der Genossenschaften gegenüber den Lebensmittelhändlern und Discountern gemeinsam eine gute Position erreichen. Um die Wirtschaftlichkeit zu stärken, wird es künftig wahrscheinlich weitere Fusionen sowie Kooperationen der einzelnen Genossenschaften geben.

Als Vorstandsvorsitzender setzen Sie also mehr auf Qualität und somit auf einen höheren Preis oder wollen Sie lediglich den schon guten Standard halten?

Qualität ist für uns ein Schwerpunkt und sehr wichtig, denn sie ist eines von wenigen Unterscheidungsmerkmalen im Vergleich zu anderen Erzeugern von Württemberger Weinen und derer gibt es viele. Wir müssen einfach über die Qualität und unsere Marke kommen und dort punkten, anders hat man sonst keine Chance. Würden wir nur auf die Masse setzen, stünden wir in Konkurrenz zur ganzen Welt, wo in den meisten Ländern die Weinproduktionskosten viel günstiger sind als bei uns.

Wagen Sie doch mal einen Vergleich: In der Autowelt gibt es die Top-Marken wie Bentley, Porsche und andere sowie die günstigeren Marken wie Kia, Hyundai etc. Bei welcher Marke würden Sie denn die Felsengartenkellerei positionieren?

Nachdem wir inzwischen Bad Cannstatt in unserer Genossenschaft dabeihaben, kann es eigentlich nur der Mercedes Benz sein. Das ist aber auch unser Anspruch. Wir wollen im Kreis der Genossenschaften an der Spitze stehen und haben dafür in den letzten Jahren sehr viel dafür getan. Bei allen Preisverleihungen und Vergleichstests sind wir immer vorne mit dabei. 2020 waren wir Deutsches Rosé-Weingut des Jahres und wir haben die Auszeichnung für die beste deutsche Rotwein Cuvée erhalten.

Als Sie uns vor zwei Jahren einen sehr persönlichen Fragebogen ausfüllten, wollten wir wissen, welchen privaten Lebenstraum Sie aufgegeben haben. Ihre Antwort lautete: einen Landsitz in der Toscana zu besitzen.

Jetzt habe ich dafür meinen beruflichen Landsitz hier am Wurmberg, das ist doch auch sehr schön. Aber an meiner Antwort von damals können Sie ja ablesen, dass das Thema Wein und Weinbau schon immer eine große Rolle bei mir spielt. Die Toscana ist eine Wein-Gegend, die mich von jeher fasziniert hat.

Heißt das, Sie sind mehr der Italiener als Franzose?

Der Landsitz in der Provence wäre ebenfalls okay. Da mache ich wenig Unterscheide. Wenn Sie allerdings auf den Wein anspielen, dann kann dieser aus allen Ecken der Welt kommen – sofern er gut ist. Beruflich schaue ich auf den Württembergischen Wein, aber privat schaue ich durchaus über den Tellerrand hinaus. Schließlich muss man die Konkurrenz beobachten.

Welche internationalen Weine treffen Ihren Geschmack am ehesten?

Neben den Weinen aus Württemberg liebe ich spanische Weine. Ein langjähriger Freund von mir hat eine spanische Ehefrau, die aus dem Gebiet Rioja stammt. Wir haben deshalb schon sehr früh begonnen, im Freundeskreis spanischen Wein zu trinken, weil die beiden den immer mitgebracht haben. Somit ist der spanische Wein nicht nur für mein Geschmacksempfinden sehr gut, sondern auch emotional positiv besetzt.

Wie würden Sie den Satz beenden: Ein Leben ohne Wein ist….

… möglich, aber etwas trauriger.

Die Genossenschaft hat rund 60 verschiedene Weine im Angebot. Welche sind Ihre Favoriten?

Bei den Weißweinen mag ich einen trockenen Riesling, von dem wir einige gute Produkte haben. Was Rotwein anbelangt, bin ich ein Fan des Spätburgunders. Und auch hier habe ich genug Auswahl an guten Flaschen.

Sie leben weiterhin in Bietigheim. Kommen die Menschen dort weiterhin mit ihren Wünschen und Meinungen auf Sie zu?

Das wird wahrscheinlich nicht ausbleiben, aber ich werde mich ganz sicher nicht in das Geschäft dort einmischen, schon gar nicht, wenn mein Posten wieder besetzt ist. Ich hatte immer gern und viel Kontakt mit den Bürgern, das wird trotzdem bleiben, aber eben als Privatmann.

Könnten Sie sich eine Rückkehr nach Bietigheim als Oberbürgermeister vorstellen?

Die Amtszeit des amtierenden OBs dauert noch sieben Jahre, dann bin ich 64. Deshalb wird diese Frage für mich zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr spielen.

Vermissen Sie etwas aus Ihrer letzten Tätigkeit?

Wir waren im Dezernat ein sehr gutes Team, weshalb ich die Kolleginnen und Kollegen vermissen werde. Hier muss ich erstmal alle Mitarbeiter kennenlernen, die Distanz ab- und die Nähe aufbauen, die ich mit meinem alten Team nach 12 Jahren Zusammenarbeit natürlich hatte. Sicherlich werden mir auch die Zusammentreffen und Gespräche mit den Bürgern fehlen.

Wie viel Genussmensch steckt in Ihnen?

Es steckt viel Genussmensch in mir, da ich jemand bin, der tatsächlich das Leben in vollen Zügen genießt, der gerne reist, gerne isst und trinkt. So koche ich auch gerne zusammen mit meiner Frau, denn Essen und den passenden Wein dazu zu trinken, war mir schon immer wichtig. Auch das war ein Aspekt, der mich zum Jobwechsel bewogen hat.

Ist das jetzt Ihr Traumjob?

Ja, sicher, sonst hätte ich nicht unterschrieben.

Was für ein Typ Chef sind Sie?

Ich denke, dass ich einen sehr kooperativen Führungsstil pflege, ich spreche und entscheide gerne im Team.

Sie wirken sehr ruhig und ausgeglichen. Was muss passieren, dass Sie explodieren?

Das kann schon mal vorkommen, aber es ist eher selten, weil ich auch in schwierigen Situationen versuche, ruhig zu bleiben. Aber wenn es wirklich erforderlich ist, kann ich auch laut und deutlich in der Ansage werden.

Sind Sie nachtragend?

Welcher Mensch ist nicht ein Stück weit nachtragend? Aber ich versuche, es möglichst wenig zu sein. Aber gänzlich ausschließen kann das wohl niemand für sich.

Was ist das Schlimmste, was Mitarbeiter Ihnen antun können?

Da ich versuche, meinen Mitarbeitern möglichst viel Vertrauen entgegenzubringen, mag ich es überhaupt nicht, wenn dieses Vertrauen nicht erwidert wird und der Mitarbeiter eventuell genau das Gegenteil mir gegenüber praktiziert. Das sind so Momente, die ich alles andere als gut finde und die mich regelrecht stören.

Aber Fehler verzeihen Sie?

Ja, natürlich, Fehler kommen immer vor. Hier wird sehr viel von den Mitarbeitern verlangt, Fehler passieren jeden Tag und man muss eben versuchen, dass sie so folgenlos wie möglich bleiben.

Herr Kölz, wir danken Ihnen für das Gespräch!  

„Warum ich VfB-Präsident werden will“ – Ein offener Brief von Volker Zeh

Volker Zeh (56) will Präsident vom VfB Stuttgart 1893 e.V. werden und richtet sich mit dem nachfolgenden Schreiben an die Leserinnen und Leser. Ludwigsburg24 veröffentlicht den Brief im genauen Wortlaut:

„Seit meine Bewerbung für das Amt des VfB-Präsidenten bekannt geworden ist, werde ich immer wieder gefragt, warum und ob ich mir das wirklich antun möchte. Dabei habe ich mir das wirklich gut überlegt, dem Drängen zahlreicher, bekannter und unbekannter VfB-Mitglieder Folge zu leisten. Im Kreis meiner Familie habe ich alle Argumente abgewogen und bin absolut überzeugt, mit meiner Bewerbung das Richtige zu tun.

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Ex-Präsident Erwin Staudt hat den VfB und sein Umfeld einen „Kriegsschauplatz“ genannt. Ein hartes Wort, aber es umschreibt überdeutlich und ungeschminkt die aktuellen Verhältnisse. Gerade deshalb will ich VfB-Präsident werden. Als Unternehmer bin ich es gewohnt, Schwierigkeiten und Herausforderungen zu bewältigen. Ich bleibe also beinhart dabei, dass ich mich trotz der Turbulenzen darauf freue, mich in einer demokratischen Abstimmung als Präsidentschaftskandidat der Mitgliederversammlung dieses großartigen Vereins zur Wahl zu stellen.

Der VfB-Beirat hatte meine Bewerbung aus welchen Gründen auch immer als „nicht mehrheitsfähig“ ohne Begründung abgelehnt und nur den aktuellen Präsidenten Claus Vogt als Kandidaten nominiert. Die Mehrheitsmeinung von rund 72.000 Mitgliedern von einem kleinen Gremium derart vorweg zu nehmen, ist alles andere als demokratisch. Dieser Vorgang hat im VfB-Beirat zu turbulenten Diskussionen geführt, die zwei Beiratsmitglieder veranlasst haben, ihr Amt vor der entscheidenden Abstimmung, wer als Kandidat antreten darf, niederzulegen. Diese Entwicklung bedauere ich sehr, denn der VfB ist für mich seit meiner Kindheit im Remstal „mein Verein“.

Der VfB hat nun seine Mitgliederversammlung auf den Sommer verschoben und das Kandidatenverfahren startet von vorne. Natürlich werde ich mich wieder bewerben und hoffe, dass mich der Beirat nicht wieder als Kandidat ausschließt. Selbst Ehrenpräsident Erwin Staudt hält mich als Präsident für geeignet. Wer Herrn Staudt kennt, weiß, dass er sich eine solche Aussage genau überlegt hat: „Ich weiß aus meiner Zeit als Präsident, dass die Mitglieder wählen wollen – und das heißt auswählen! Ich finde es schade, dass diese Erwartungshaltung nicht bedient wurde vom Beirat. Zumal wir neben Vogt noch einen Bewerber hatten: Volker Zeh. Warum stellen sie den nicht auf? Ich kenne ihn. Ein Mann, den man wirklich ernst nehmen muss für so eine Aufgabe. Der kann das. Der ist wählbar!“

Wer wie ich die letzten Monate auf den VfB Stuttgart 1893 geblickt hat, muss sich enttäuscht fühlen. Immer wieder negative Schlagzeilen in der Presse, obwohl der Verein wieder in die 1. Bundesliga aufgestiegen und sportlich erfolgreich ist wie zuletzt beim 5:1 gegen Schalke 04. Während der sportliche Erfolg mit AG-Vorstand Thomas Hitzlsperger und seinem Super-Team dazu geführt hat, auf dem 10. Platz in der Liga zu stehen, gibt es weiter Verwerfungen im VfB-Universum. Die Ergebnisse zur Daten-Affäre sind noch nicht veröffentlicht worden, das Verhältnis zwischen Präsident Claus Vogt und Thoma Hitzlsperger bleibt angespannt und scheint nur oberflächlich gekittet.

Ich weiß nicht, wie oft ich die Floskel von einem Neuanfang beim VfB in den letzten Jahren schon gehört habe: Die Wahrheit ist, dass doch noch alles beim Alten geblieben zu sein scheint. Die Fans sind wegen der Datenweitergabe aufgebracht, ja sogar wütend und kritisieren die Vereinsführung, der Beirat hat sich im Zuge der Kandidaten-Kür fürs Präsidentenamt zerstritten, zwei Präsidiumsmitglieder haben ihren Rücktritt erklärt, leitende Angestellte der VfB AG wurden im Zuge der Daten-Aufklärung entlassen. Für alle, denen der VfB eine Herzensangelegenheit ist, müssen diese Vorgänge Schmerzen bereiten.

Das darf so nicht weitergehen!

Gerade jetzt ist die Chance am größten, dem VfB ein neues Image zu geben, die öffentliche Wahrnehmung substanziell zu verbessern. Meine Erfahrungen beim Eishockey-Verein in Kitzbühel haben mich vor allem eines gelehrt: Der Präsident eines Sportvereins – und da unterscheidet sich ein kleiner Verein nicht von einem großen – muss alle mitnehmen, immer wieder streitende Parteien bzw. unterschiedliche Meinungen zusammenbringen und auch selbst lernfähig bleiben. Er muss Brücken bauen und eine Art Friedensstifter sein. Mein Motto, zum WIR gehören alle, möchte ich auch beim VfB umsetzen.

Dazu gehört meiner Überzeugung nach ein enger und regelmäßiger Kontakt zu den Fan-Gruppen und zu den Mitgliedern, aber auch zu den rund 30.000 Dauerkartenbesitzern, Lounge-Inhabern und Sponsoren. Auch zum wichtigsten Sponsorenpartner Daimler und deren Vertreter im Aufsichtsrat müssen die Kontakte auf eine sachlich-freundschaftliche, an Vereinsinteressen orientierte Basis gestellt werden.

Ein wichtiges Thema auf meiner Agenda steht ganz oben: Der Besuch im Stadion muss auch für nicht begüterte Familien bezahlbar werden. Dies sollte zu Diskussionen in der gesamten Bundesliga führen. Wenn ein Normalverdiener mit seinen Kindern ins Stadion will, muss das finanziell günstiger werden. Als glücklicher Familienmensch mit Kindern weiß ich, wovon ich rede. Ich denke an eine grundsätzliche Bezahlbarkeit, die nicht durchgängig gegeben ist. Dies gilt auch für die Gastronomie im Stadion. Insgesamt muss das Stadion-Erlebnis für breite Schichten möglich sein. Dafür möchte ich sorgen: Die Preise müssen runter.

Mit einer regelmäßigen Fan-Sprechstunde soll der Meinungsaustausch mit Mitgliedern und Fans intensiviert und so das Vertrauen zur Vereinsführung gestärkt werden. Ich möchte als „anfassbarer“ Präsident agieren, dessen Bürotür – auch für die Mitarbeiter – jederzeit offen steht. Die Wogen in der Fan-Szene zu glätten sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben in naher Zukunft. Andere Bereiche des Vereins wie Garde, Faustball, Hockey, Leichtathletik, Tischtennis und Schiedsrichter möchte ich massiv unterstützen und deren Bedeutung im Verein stärken. Auch der Mädchen- und Frauenfußball steht auf meiner To-do-Liste. Die Struktur der Sportstätten rund um die Mercedes-Benz-Arena will ich mit dem neuen Oberbürgermeister von Stuttgart, Frank Nopper, besprechen und gegebenenfalls optimieren. Darüber hinaus ist die finanzielle Schieflage des VfB schnellstens zu ordnen, die durch die Corona-Pandemie an Dringlichkeit gewonnen hat. Es gibt viel zu tun. Ich möchte es anpacken. Nicht allein, sondern im Team. Zum WIR gehören alle!“

Zur Person:
Volker Zeh (56) ist Unternehmer aus dem Remstal und seit 2017 Präsident des österreichischen Eishockeyclubs EC Kitzbühel. 1990 gründete der gelernte Kaufmann in Schorndorf die Metalltechnikfirma Alvo. 1999 wurde Zeh Motorsport-Manager und betreute unter anderem Formel 1-Pilot Markus Winkelhock. Vor kurzem wurde der 56-Jährige zum Honorarkonsul der Republik Montenegro für den Konsularbezirk Baden-Württemberg ernannt.

Volker Zeh.
Volker Zeh. Bild: EC Kitzbühel