Ludwigsburger Top-Cop hat Herz und eine kreative Ader: Ludwigsburg24 trifft Burkhard Metzger

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Burkhard Metzger ist Polizist mit Leib und Seele und verfügt über fast 40 Jahre Erfahrung sowohl im operativen Geschäft als auch in der Verwaltung. Vom einfachen Streifenpolizisten führte ihn sein Weg über verschiedene Polizeireviere in Pforzheim, Stuttgart, Marbach schließlich nach Ludwigsburg. Seit Juni vergangenen Jahres leitet der 59-Jährige das Polizeipräsidium Ludwigsburg, zuständig für die Landkreise Ludwigsburg und Böblingen. Insgesamt ist er verantwortlich für 1.800 Mitarbeiter, 300 arbeiten in der Verwaltung, 1.500 Mitarbeiter sind Polizisten, 30 Prozent davon Frauen. „Wir sind das Polizeipräsidium in Baden-Württemberg mit dem höchsten Frauenanteil“, sagt Metzger nicht ganz ohne Stolz im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Metzger, eine Frage zu Beginn, die fast jeden von unseren Lesern interessiert: Ist der Landkreis Ludwigsburg sicher?
Ja, der Landkreis ist im Großen und Ganzen sicher, die soziale Kontrolle funktioniert. Laut Kriminalitätsstatistik gibt es keine wesentlichen Zunahmen der Kriminalität und nur wenig Themen, denen wir uns intensiver widmen müssen. Je größer eine Stadt ist, umso höher ist die Kriminalität. Verglichen mit anderen Landkreisen in Baden-Württemberg sind wir sicher.

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Welches sind die Hauptschwerpunkte im kriminellen Bereich?
Diebstahlskriminalität ist weit verteilt, wirkt sich aber nicht aufs subjektive Sicherheitsgefühl aus. Ein sensibleres Thema sind dagegen beispielsweise die leicht gestiegenen sexualisierten Straftaten bezogen auf Frauen und Kinder, deren Ursachen wir erstmal noch sauber analysieren müssen. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sich vielleicht aufgrund der MeToo-Debatte jetzt einfach mehr Leute bei der Polizei melden. Oder ob eventuell eine exhibitionistische Tat gegenüber Kindern dahintersteckt, die dann als sexueller Missbrauch eingestuft wird.

In der Wahrnehmung der Menschen gibt es eine Steigerung der Kriminalitätsrate in allen Bereichen durch den hohen Zuzug von Flüchtlingen. Ist das tatsächlich so?
Zwischenzeitlich haben wir in fast allen Kriminalitätsbereichen, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge beteiligt sind, Rückgänge zu verzeichnen. Das führe ich darauf zurück, dass sie nicht mehr in Erstaufnahmestellen wohnen, sondern dass sie jetzt zersiedelt sind auf die Kommunen. Dort findet in der Regel eine bessere Integration statt, als wenn 200 junge Männer auf engstem Raum zusammenleben. Dass da mit der Zeit die Aggression und das Gewaltpotential steigt, ist nachvollziehbar und wäre auch so, wenn die jungen Männer alle Deutsche wären.

Ein weiteres Problem dürfte sein, dass die Menschen, die zu uns kommen, zwar arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Sie haben aber auch Bedürfnisse und würden gerne das Gleiche kaufen wie wir, den Führerschein machen und viele Dinge mehr, können es aber nicht. Wir brauchen deshalb ein sinnvolles, handhabbares Zuwanderungsgesetz.

Sie glauben also, dass ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz nicht nur gut für eine bessere Integration wäre, sondern sich auch positiv auf die Kriminalitätsstatistik auswirken würde?
Ich glaube, dass wir umso weniger Kriminalität haben, je mehr wir den Menschen an Berufs- und Lebensperspektive geben und da gehört Arbeit dazu.

Stichwort Bahnhof: Was ist die Problematik am Ludwigsburger Bahnhof, dass die Menschen so beunruhigt auf dieses Thema reagieren?
Meiner Meinung nach handelt es sich um eine gefühlte Unsicherheit der Bevölkerung bzw. der Menschen, die ihn benutzen. Andere Bahnhöfe sind groß, licht, haben breite Durchgänge, sind belebt mit Geschäften, Restaurants oder Cafés. Der Ludwigsburger Bahnhof dagegen hat volle, sehr enge und fast nur raumhohe Durchgänge unter den Gleisen, was schnell ein Gefühl der Beklommenheit hervorruft. Von einem Wohlfühl-Bahnhof sind wir in Ludwigsburg noch entfernt. Aber prinzipiell gibt es an Bahnhöfen immer und überall mehr Kriminalität als auf dem Marktplatz einer kleinen Kommune oder auf dem Land. Wir haben zwar schon Schwerpunktaktionen gefahren am Bahnhof und versuchen dort immer präsent zu sein. Aber ein ausgemachter Straftatenschwerpunkt ist dort nicht gegeben, der es rechtfertigen würde,  eine Dauerwache einzurichten.

Wenn Sie nachts durch den Bahnhof laufen, haben Sie kein mulmiges Gefühl?
Ich persönlich habe kein mulmiges Gefühl, aber ich bin auch Polizist und weiß natürlich, wie man mit bestimmten Situationen umgeht. Gelegentlich nutze auch ich den Bahnhof. Aber ich wurde bislang weder angepöbelt noch angegriffen. Dennoch verstehe ich, dass dort durchaus jemand Angst haben kann.

Fahren Sie in Uniform mit der Bahn?
Wenn, dann fahre ich in zivil mit der S-Bahn, aber es kommt nicht so häufig vor. Normalerweise komme ich von Bietigheim-Bissingen täglich mit dem Pedelec nach Ludwigsburg ins Polizeipräsidium. Das geht schneller als mit dem Auto und verschafft mir die tägliche Portion Frischluft und Bewegung.

Sie beklagen bei öffentlichen Auftritten in Ihren Reden immer wieder den mangelnden Respekt und die fehlende Wertschätzung gegenüber der Polizei. Ist es wirklich so schlimm?
Als ich in den 80er Jahren hier als junger Polizist anfing, war noch ein gewisser Respekt vor der Polizei spürbar. Heute bekomme ich von meinen Kolleginnen und Kollegen immer wieder erzählt, dass es ihnen gegenüber an Respekt mangelt. Die Kollegen werden angegangen, werden schon bei den einfachsten Dingen beschimpft, sie müssen sich beleidigen lassen. Gewalt gegenüber der Polizei ist nach wie vor leider auf einem sehr hohen Niveau. Das setzt sich dann beispielsweise fort bei schweren Unfällen, wo Polizei und Rettungskräfte nicht durchkommen, weil Gaffer mit dem Handy drumherum stehen und nicht helfen. Die Feuerwehr hat deshalb jetzt aufblasbare Sichtschutzwände angeschafft, die binnen Sekunden auf 20 Meter Sichtschutz bieten. Aber das Thema findet auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft statt. Lehrer klagen, dass sie Erziehungsdefizite in der Schule richten müssen, es gibt ihnen gegenüber Verunglimpfungen im Netz. Bürgermeister sind ebenso betroffen. Sie müssen viel aushalten, werden beschimpft, bedroht, selbst ihre Familien werden bei unliebsamen Entscheidungen in die Verunglimpfungen einbezogen. Das ist nicht der Umgang, den ich mir für unsere Gesellschaft wünsche.

Warum ist dieser Respekt abhandengekommen?
Es ist ein gesellschaftliches Problem, weil bestimmte Werte wie das Miteinander zugunsten einer individuellen, hedonistischen Entwicklung in den Hintergrund getreten sind. Es fängt in der Familie an, geht weiter in Kitas und Schulen. Aus diesem Grund ist in Baden-Württemberg das Projekt „Rechtsstaat mach Schule“ von Justiz und Polizei gestartet. Polizeiliche Jugendsachbearbeiter, Staatsanwälte, Richter gehen in Schulklassen, um unser Rechtssystem zu verdeutlichen. Es wird vom Jugendsachbearbeiter erklärt was bei Diebstahl, Handy abzocken, Cybermobbing etc. abläuft und welche Folgen das für die Betroffenen mit sich bringt. Im nächsten Schritt wird der polizeiliche Prozess dargestellt und die Schüler dabei pädagogisch in Gruppenarbeiten einbezogen. In der nächsten Doppelstunde kommt der Staatsanwalt und erklärt die juristischen Folgen für jugendliche Straftäter. In der darauffolgenden Doppelstunde wird in der Klasse eine Gerichtsverhandlung nachgespielt mit einem echten Staatsanwalt und einem realen Richter, inklusive einer Zeugenbefragung. Damit wollen wir Bewusstsein schaffen.

Sie vermitteln den Eindruck eines sehr überzeugten und leidenschaftlichen Polizisten. War das schon immer Ihr Traumberuf?
Nach dem Abitur war ich wie viele junge Menschen etwas unentschlossen und schwankte zwischen Sozialpädagogik und Polizei. Wegen der besseren beruflichen Perspektive habe ich mich letztlich für die Polizei entschieden. Außerdem dachte ich mir, dass ich als Polizist auch viel Gutes tun kann. Anfangs musste ich aber erst lernen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht, in denen man die staatliche Hoheitsgewalt vertritt. Zwischenzeitlich bin ich von der Position her da angekommen, wo es mir tatsächlich möglich ist, innerhalb meines Rahmens das eine oder andere Gute zu tun.

Was tun Sie beispielsweise?
Aktuell bin ich dabei, einen Präventionsverein für den Landkreis zu gründen, dessen Unterstützung auch der neue Landrat Allgaier sofort zugesagt hat. Aber auch die OB’s Keck und Kessing sind mit dabei oder Kreissparkassenchef Dr. Schulte. Wir werben Gelder aus der Wirtschaft oder von Stiftungen für Präventionszwecke ein, mit denen wir dann Projekte fördern, die sich dafür bewerben. Uns geht es darum, der Gesellschaft manches wieder bewusst zu machen, Werte zu vermitteln. Wir reden dabei beispielsweise über einen Preis mit dem man Werte wie Respekt, Toleranz, Zivilcourage in der Öffentlichkeit wiederbelebt. Coronabedingt mussten wir die Gründungsversammlung jetzt leider verschieben.

Geht es um Projekte für bestimmte Zielgruppen wie Jugendliche oder Flüchtlinge?
Projekte für Jugendliche zu fördern, macht schon viel Sinn. Da gibt es zum Beispiel das Projekt „Achtung“, das das Polizeipräsidium ins Leben gerufen hat. Es zeigt jungen Menschen auf, wie man anfällig für Extremismus wird. Dafür referieren wir nicht nur über das Thema in Schulklassen, sondern haben auch ein Theaterstück mit dem Theater „Courage“ realisiert, das in Schulen aufgeführt wird. Es handelt von einem jungen türkischen Mann, der mit einem jungen deutschen Mädchen befreundet war. Der eine wird anfällig für islamistischen Terrorismus, die andere für Rechtsextremismus. Die Akteure auf der Bühne zeigen die Ursachen dafür auf: dass man seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat, dass man Strukturen und Ordnung braucht, dass man anfällig ist für Menschen, die einem genau das versprechen. Die Freunde von früher werden dadurch zu Feinden. Im Anschluss geht man mit den Schülern in die Diskussion zu dem Thema.

Gibt es noch andere Zielgruppen, die sie erreichen wollen?
Bei Projekten für Senioren geht es um falsche Polizeibeamte. Ein Phänomen, das leider immer wieder vorkommt. Diese Zielgruppe erreicht man über die Zeitung. Jetzt planen wir dazu noch eine Aktion als Aufdruck auf Bäckereitüten, um die Senioren zu sensibilisieren, die Echtheit der Polizei zu überprüfen und nicht zu leichtgläubig zu sein. Wir sind auch mit Banken im Gespräch; damit deren Mitarbeitende darauf achten und mit Nachfragen reagieren, wenn ältere Menschen plötzlich hohe Summen abheben. Aber es gibt eine ganze Bandbreite an Themen für die unterschiedlichsten Zielgruppen.

Was hat Sie damals am meisten gereizt am Beruf des Polizisten?
Es war die Möglichkeit, etwas Sinnhaftes und für unsere Gesellschaft Wertvolles zu tun, weil sie Regeln braucht und jemanden, der darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Ich fand schon damals, dass es ein abwechslungsreicher Beruf ist, was sich im Laufe meiner Karriere bestätigt hat. Polizei ist facettenreich, hat sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder wie Streifendienst, Tagesdienst, Jugendsachbearbeitung, man kann Hundeführer werden, zur Kriminalpolizei wechseln, man kann in Stabstellen arbeiten, zu Spezialeinheiten gehen oder zur Wasserschutzpolizei. Das ist einfach ein Beruf, der lebt und viele Möglichkeiten bietet.

Wenn Sie Ihre fast 40 Jahre Polizeidienst Revue passieren lassen, würden Sie aus heutiger Sicht diesen Beruf nochmals wählen?
Ja, ich würde mich wieder dafür entscheiden. Das einzige Manko ist, dass man als Polizist nicht unbedingt sehr viel verdient, verglichen mit den Einkommen in der freien Wirtschaft. Aber bei der Polizei erlebt man viele Situationen, die Sie als Normalbürger nie erleben. Manchmal machen sie betroffen und sind schwer zu verarbeiten. Aber es gibt auch viele Situationen, in denen man denkt, das ist toll, das ist schön. Wer die Tiefe nicht kennt, kann die Höhe nicht schätzen. Ich habe von beidem gleichermaßen genug und das motiviert mich.

Sie haben zwei Bücher geschrieben, eines heißt ‚Streiflichter aus dem Leben eines Polizisten“. Haben Sie das Buch geschrieben, um Ihre eigenen Erlebnisse im Dienst zu verarbeiten?
Mir ging es darum, die vielfältige Arbeit der Polizei etwas bekannter zu machen. Das Buch ist entstanden während meiner Zeit als Leiter des Polizeireviers in Marbach. Damals habe ich einen Verleger kennengelernt, der mich zu diesem Buch ermuntert hat. Mit Verarbeiten hatte es nichts zu tun. Verarbeiten kann man am besten, indem man über das Erlebte redet. Da ist die Polizei heute auch so weit, dass man auch über belastende Erlebnisse spricht. Dafür haben wir einen psychosozialen Dienst innerhalb der Polizei, der automatisch verständigt wird, wenn ein Mitarbeiter eine traumatische Situation erlebt, wo beispielsweise ein Mensch in seinen Händen stirbt oder bei Gewalttaten Kinder ums Leben kommen.

Sie haben aber noch weitere Bücher geschrieben…
Während meiner Zeit in Pforzheim sind zwei Werke entstanden. Damals habe ich im Kollegenkreis lustige Geschichten gesammelt und aufgeschrieben, denn auch wir Polizisten lachen gerne. Es passieren im Dienst oft so schöne, witzige Dinge. Eine Begebenheit fällt mir spontan ein. Da wird ein Zirkus vom Bahnhof abgeholt und während der Elefantenparade durch die Stadt begleitet, als plötzlich ein Elefant aus der Herde ausschert und sich auf einen roten PKW setzt. Der Wagen ist platt, der Elefant macht Törö, steht auf und geht weiter. Hinterher stellt sich heraus, dass die alte Elefantendame nicht mehr gut sehen konnte, aber dass sie sich jeden Abend in der Vorstellung auf einen überdimensionierten roten Hocker setzen und die Zuschauer mit einem freundlichen Törö begrüßen musste. Das hat sich wirklich so abgespielt und ist nur eine von vielen Geschichten. Die beiden Bücher heißen ‚Der betrunkene Kauz‘ und der ‚Der betrunkene Kauz fliegt wieder‘. Außerdem habe ich noch diverse Kinderbücher geschrieben. Manche mit Polizeigeschichten, andere mit Feuerwehr- oder Rettungsgeschichten, manche als Benefizbücher für die Kinderhospizarbeit.

Ist Schreiben eine Leidenschaft von Ihnen, schalten Sie dabei vom Alltag ab?
Mir macht es einfach Spaß. Und ich freue mich natürlich, wenn ich auf meine Geschichten eine Rückmeldung bekomme. Daneben habe ich auch die eine oder andere Kinderlieder-CD  zum Thema Prävention und Verkehrssicherheit gemacht.

Wie lange brauchen Sie für so ein Buch oder eine CD?
Das kommt immer darauf an. Ein Kinderbuchbeispiel im Kurzüberblick: zwei Glühwürmchen lernen sich kennen und fliegen gemeinsam über Wälder, Felder und das Meer. Sie bekommen ihr Wunschkind, zeigen ihm die Welt. Dann wird das Kind plötzlich krank, wird immer schwächer. Als es zum letzten Flug ansetzt, begleiten die Eltern es bis zu einem bestimmten Punkt und das Kind fliegt allein weiter und bleibt schließlich als schöner Stern am Himmel stehen. Diese Geschichte hatte ich in zwei Stunden geschrieben und habe sie dann nur immer wieder verfeinert. Sie ist entstanden für die Kinderhospizarbeit, weil mir die Mitarbeiter dort sagten, dass es für die Geschwisterkinder wichtig ist, etwas zu haben, womit man ihnen den Tod von Bruder oder Schwester begreifbar machen kann. Ein Buch zum Thema Gewalt gegen die Polizei -„Es reicht!“- hat etwa ein Jahr gebraucht.

Sie wirken ausgesprochen ruhig und ausgeglichen. Woher nehmen Sie die Kraft, alles Erlebte in 40 Jahren Polizeidienst zu ertragen?
Vielleicht liegt es an der Freude, die mir meine Arbeit bereitet. Ich bin sehr gerne Polizist. Ein hohes Maß an Zufriedenheit bekommt man, wenn man gestalten kann. Und das konnte ich eigentlich schon immer.

Welches war das schlimmste Erlebnis Ihrer Dienstzeit, an das Sie bis heute denken?
Dieser Fall liegt schon weiter zurück. Damals ist in Eglosheim ein drei Monate altes Kleinkind gestorben. Eine Streife wurde hingeschickt, die war unsicher über die Todesursache und holte die Kriminalpolizei dazu. Das Kind wurde obduziert und es kam am Ende heraus, dass das Baby von der Mutter mit einem Kissen erstickt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter ebenfalls drei Monate alt. Damals bin ich ganz oft ans Bettchen meiner Tochter, um zu hören, ob sie noch atmet. Ebenfalls schlimm war es immer, Todesnachrichten zu überbringen. Ich habe da Fälle in Erinnerung, wenn man an der Haustür stand und klingelte, die Ehefrau öffnete und direkt auf einen einschlug, weil sie ahnte, was kommen würde. In solchen Momenten war es schwer, die richtigen Worte zu finden, um dem Menschen das Unglück zu erklären. Damals musste die Polizei solche Situationen allein bewältigen. Heute geht zum Glück die Notfallseelsorge mit und betreut die Menschen im Anschluss weiter.

Als Polizist schauen Sie oftmals in die Abgründe der Menschheit. Schaffen Sie es, abends nach Hause zu gehen und das Erlebte im Präsidium zu lassen?
Heute geht es bei mir weniger um die Abgründe der Menschheit, sondern mehr um die Leitungsaufgaben in einer Dienststelle mit mehr als 1.800 Mitarbeitern. Davon nehme ich schon manches mit heim. Jeder, der seinen Beruf ernst nimmt, kann da nicht einfach abschalten.

Wie schalten Sie am besten ab, wie laden Sie Ihre Akkus auf?
Das beginnt mit der Heimfahrt auf dem Pedelec. Diese 30 Minuten nutze ich, um manches nochmals zu durchdenken und dann loszulassen. Wenn ich daheim bin, bin ich abends zuständig für Essen, weil ich sehr gerne koche. Da bin ich auch gerne kreativ. Sport ist ein Muss, egal ob Joggen, Rad- oder Skifahren. Meine Frau und ich sind kulturell sehr interessiert, gehen gerne in Stuttgart ins Schauspielhaus, unternehmen etwas mit unserem Freundeskreis und beim Lesen komme ich ebenfalls gut in den Abschalt-Modus.

Was lesen Sie gerne? Berufsbedingt Krimis oder bevorzugen Sie ein anderes Genre?
Da bin ich sehr breit aufgestellt. Meine Lektüre beginnt bei Zeitungen und Zeitschriften, geht über Krimis bis hin zu schöner Literatur.

Sind Sie heute noch ins operative Geschäft eingebunden?
Ins operative Geschehen greife ich nur noch bei ganz großen Einsätzen ein. Wenn es jetzt einen Terroranschlag wie beispielsweise in Hanau, irgendwelche Unruhen oder eine Katastrophenbewältigung bei uns gäbe, würde ich den jeweiligen Einsatz leiten.

Über welche Fälle sind sie detailliert informiert, welche landen nicht auf Ihrem Tisch?
Vom Wissen her eingebunden bin ich rund um die Uhr in alle wesentlichen Fälle, die sich aktuell auftun und in das, was ermittlungstechnisch läuft.

Vermissen Sie manchmal das operative Geschäft?
Das operative Geschäft war sehr schön, aber ich vermisse es nicht. Heute geht es um die Leitung der Dienststelle, um Repräsentation. Ich war und bin eigentlich zu jeder Zeit sehr zufrieden mit dem, was ich tue.

Sie haben eben erzählt, dass Sie eine Tochter haben. Gibt es noch weitere Kinder?
Ich habe zwei eigene Kinder und bin in zweiter Ehe verheiratet. Meine Frau hat drei Kinder mit in die Ehe gebracht. Ihr erster Sohn ist mit 36 Jahren der Älteste, er ist Lehrer. Meine Tochter lebt in der Schweiz und arbeitet dort als Psychologin. Die Tochter meiner Frau leitet den hauswirtschaftlichen Bereich in einem Seniorenheim, mein Sohn hat gerade in Villingen-Schwenningen sein Studium an der Hochschule der Polizei beendet. Der jüngste Sohn meiner Frau studiert noch Mathe und Philosophie.

Sind Sie glücklich darüber, dass Ihr Sohn ebenfalls zur Polizei gegangen ist oder haben Sie ihm eher abgeraten?
Mein Vater war Schreiner und ich hätte meinen Sohn auch jederzeit bei einem handwerklichen Beruf unterstützt. Aber er wollte unbedingt zur Polizei und der Beruf macht ihm großen Spaß. Von daher hat er für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und das zeigt ja auch, dass ich aus dem Geschäft etwas mit nach Hause gebracht habe, von dem er der Meinung war, dass es erstrebenswert ist.

Haben wir genügend Polizisten für die anstehenden Aufgaben?
Momentan gehen wir personell leider durch ein Tal, weil mehr Polizisten in Pension gegangen als neue eingestellt worden sind. Davon merkt die Bevölkerung aber nichts, was dem Engagement all unserer Polizisten zu verdanken ist. Die Kollegen springen auf tolle Weise füreinander ein und helfen sich gegenseitig.

Hat die Polizei Nachwuchssorgen?
Wir haben keine Nachwuchssorgen, denn Polizei ist ein Beruf, den man jungen Menschen wirklich empfehlen kann. Allein das Land Baden-Württemberg stellt in den nächsten Jahren voraussichtlich 1.500 neue Polizistinnen und Polizisten jährlich ein, die alle aufgrund der anstehenden Altersabgänge gute Beförderungsperspektiven haben. Es gibt eine Einstellung im mittleren Dienst und eine im gehobenen Dienst, bei der man im Prinzip das Studium bei Einstellung schon garantiert hat. Außerdem besteht bei der Polizei eine echte Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Wir haben letztes Jahr die Charta der Vielfalt unterschrieben, der fühlen wir uns zu 100 Prozent verpflichtet.

Haben Sie Ihre Kinder aufgrund Ihrer Tätigkeit in Selbstverteidigung ausbilden lassen?
Nein, das habe ich nicht getan. Allerdings habe ich früher an der Grundschule meiner Kinder einen Förderverein ins Leben gerufen, über den wir Kurse zur Selbstbehauptung angeboten haben. Die Kinder sollten spielerisch lernen, nur das zu tun, wobei sie auch ein gutes Gefühl haben. Sie haben einfache Strategien mit auf den Weg bekommen, die ihnen helfen sollten. Wissen meine Eltern wo ich bin? Habe ich ein gutes Gefühl dabei? Wenn man das beide Male positiv beantwortet, ist die Gefahr, in eine schlechte Situation zu kommen, relativ gering. Je selbstbewusster ich auftrete, desto weniger werde ich zum Opfer.

Ein großes Problem ist heutzutage, dass bei Streitereien unter Jugendlichen häufiger das Messer zum Einsatz kommt, manchmal mit tödlichem Ausgang. Was raten Sie Jugendlichen, damit sie keiner Messerattacke zum Opfer fallen?
Kommt es zu Streitereien, sollte der Jugendliche nicht auf Konfrontation zum Täter bzw. Angreifer gehen, er sollte sich gegebenenfalls zurückziehen, Verbindung zu anderen Unbeteiligten aufnehmen und sie ganz konkret um Unterstützung bitten, die Polizei verständigen, Hilfe rufen. Alle Information und Ratschläge findet man unter www.aktion-tu-was.de.

Das Gewaltpotential unter Jugendlich scheint gestiegen zu sein. Ist das nur ein Gefühl oder ist das wirklich so?
Die Zahlen aus dem letzten Jahr bestätigen das nicht, sie gehen im Bereich Gewaltkriminalität eher zurück. Man muss sich jedoch fragen, was die Medien dazu beitragen, dass dieses Gefühl besteht. Je nach Berichterstattung haben sie Mitverantwortung dafür, ob ein Unsicherheitsgefühl entsteht oder nicht. Je reißerischer ein Medium mit einer Straftat umgeht, umso mehr schürt es Ängste. Wir wünschen uns eine seriöse und sachliche Berichterstattung.

1994 hat der New Yorker Polizeichef William J. Bratton gemeinsam mit dem Bürgermeister Rudolph Giuliani die Null-Toleranz-Politik eingeführt. Geben Sie Ihren Polizisten einen ähnlich strengen Leitfaden mit auf den Weg?
Null-Toleranz befürworte ich immer im Bereich Terrorismus und Rechtsextremismus. Da müssen wir konsequent sein und klare Kante zeigen. Im Bereich der Jugendkriminalität dagegen muss man anders agieren. Die ist überall verbreitet, kommt mal vor, geht aber auch wieder vorbei. Der Großteil der Jugendlichen begeht keine Straftaten. Bei den 5 Prozent, die Straftaten begehen, ist es oftmals eine einmalige Angelegenheit. Natürlich gibt es auch einen kleinen Prozentsatz derer, die immer wieder straffällig werden. Aber die meisten lernen daraus. Vor allem wenn sie entdeckt worden sind. Danach verläuft ihr Leben normal weiter. Deshalb halte ich die Null-Toleranz-Strategie als durchgängiges Mittel für die Gesellschaft nicht für vertretbar. In manchen Bereichen muss man Tätern einfach auch die Chance anbieten, ihren Platz in der Gesellschaft wieder zu finden.

Wo sehen Sie die Null-Toleranz-Politik als sinnvoll an?
Die Graffiti-Sprayer sind ein gutes Beispiel. Als ich Polizeichef in Pforzheim war, hatten wir ein Haus des Jugendrechts. Dort wurden straffällige Jugendliche sofort zu Arbeitsauflagen verurteilt. So mussten die Sprayer im gesamten Ort alle Graffiti-Sprühereien entfernen. Mit dieser Strafe ist für die Gesellschaft wieder etwas Gutes entstanden, denn die Geschädigten mussten für die Reinigung nicht selbst aufkommen. Der Bereich Pforzheim war damals das einzige Graffiti freie Autobahnstück in der gesamten Bundesrepublik.

Gibt es so ein Haus des Jugendrechts auch in Ludwigsburg?
In der Tat sind wir gerade dabei, ein solches Haus bis 2021 zu realisieren, wo Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe, also Sozialarbeiter, unter einem Dach zusammenarbeiten. Das bringt kurze Wege zueinander, man kann mehrere Institutionen zu einer Fallkonferenz zusammenbringen, um die beste Lösung für den jeweiligen Fall zu finden, die dem Wohl von Tätern und Opfern dient, aber auch sofort einer staatlichen Reaktion, die auf eine Verfehlung folgen muss, gerecht wird.

Sie haben eben das Stichwort Rechtsextremismus gegeben. Welche Rolle spielt der in unserer Region?
Gegen Rechtsextremismus gehen wir hier konsequent und mit aller Härte vor. Leider hat es hier schon vereinzelt Straftaten gegeben, zuletzt vor wenigen Wochen eine antisemitische Farbschmiererei in Marbach. Wenn wir die Täter ermitteln können, werden sie dafür zur Rechenschaft gezogen. Gleichermaßen konsequent gehen wir gegen Reichsbürger vor.

Zum Problem werden mittlerweile die Hochzeitskorsos, auf denen zur Feier des Brautpaares die Autobahnen blockiert werden oder wild in die Luft geschossen wird. Wie können Sie dieses Problem lösen?
Wir kontrollieren, weisen darauf hin, was man darf und was nicht. Selbst in Facebook haben wir eine spezielle Seite mit Piktogrammen dazu erstellt. Wer auf der Autobahn den Verkehr runterbremst, wird wegen Nötigung angezeigt. Wenn dadurch ein Unfall passiert, gibt es eine Anzeige wegen Straßenverkehrsgefährdung oder fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr. Wenn sie mit irgendwelchen Waffen schießen, kommt eine Anzeige nach dem Waffengesetz. Was für die Betroffenen meistens das Schlimmste ist, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten meist so verzögert werden, dass sich jeder darüber ärgert. Das ist auch unser Argument, mit dem wir mit Flyern, die in Standesämtern übergeben werden, an die entsprechenden Gruppierungen herantreten und sie zur Vernunft aufrufen.

Es heißt immer, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Gab es trotzdem Situationen in Ihrem Berufsleben, in denen Sie Angst verspürt haben, weil es gefährlich war?
Denke ich an operative Zeiten zurück, dann ist Angst in bestimmten Situationen wie bei einer Hausdurchsuchung oder dem Eindringen in ein Haus, in dem sich jemand mit einer Waffe aufhält, ein guter Begleiter, weil sie für Vorsicht sorgt. Solche Momente kamen auch bei mir vor.

Wie gehen Sie mit dieser Angst um?
Als Polizist ist man trainiert, man weiß, wie man vorgehen muss und kann normalerweise darauf vertrauen, dass die mitgegebenen Werkzeuge gut funktionieren. Wir haben ein gutes Einsatztraining, auf das man sich verlassen kann. Aber Angst sensibilisiert einfach für eine gefährliche Situation und das ist gut.

Eine Frage, die nicht fehlen darf: Wie geht die Polizei mit dem Corona-Virus um?
Im Polizeipräsidium gibt es bisher noch keinen bestätigten Infizierungsfall. Wir bereiten uns ohne Panik und Hysterie mit Augenmaß auf Situationen vor, die eine Ausbreitung des Coronavirus mit sich bringen könnte. Im Vordergrund steht die Gesundhaltung der Polizei, damit wir die öffentliche Sicherheit auch in Krisenzeiten aufrechterhalten können.

Dafür treffen wir alle sinnvollen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, stellen mögliche Verdachtsfälle vom Dienst frei, planen Vertretungen in kritischen Bereichen und haben uns mit einem landesweit abgestimmten polizeilichen Eskalationsplan auf das,was kommen könnte, vorbereitet. Momentan befassen wir uns mit Maßnahmen zur Einhaltung der von der Landesregierung erlassenen Corona-Verordnung.

Wir stehen in ständigen Kontakt mit den Gesundheitsbehörden und auf Chefebene mit dem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration, das wiederum im interministeriellen Krisenstab vertreten ist.

Was meint der Mensch Burkhard Metzger zu Corona? Könnte die Krise auch Gutes mit sich bringen?
Die Coronapandemie bringt neben der Krankheitsgefahr enorme Gefahren für unsere Wirtschaft und damit für unseren Wohlstand mit sich. Ich hoffe, dass der Schutzschirm der Regierung hier positiv wirkt. Die Pandemie könnte aber auch manches bewusst machen, was vielleicht in unserer Gesellschaft etwas in Vergessenheit geraten ist:

Dass es keine Selbstverständlichkeit in der Welt ist, dass Supermarktregale immer so voll sind, wie sie es bei uns gewesen sind.

Dass es uns diesbezüglich sehr gut geht.

Dass eine Landwirtschaft in Deutschland Sinn macht.

Dass Medikamente und Zulieferer aus bzw. im eigenen Land in Krisenzeiten wichtig sind.

Dass – angesichts der Möglichkeit einer Ausgangssperre – Bewegung, Sport und Gesundhaltung einen Wert haben.

Und insbesondere, dass eine Gesellschaft zur Bewältigung derartiger Krisen die Solidarität und den Zusammenhalt der Menschen braucht.

Herr Metzger, wir danken Ihnen für das Gespräch!