Im Ukrainekrieg braucht es wieder Diplomatie

Nur Waffen zu liefern führt in eine gefährliche Sackgasse! Ein Gastbeitrag von Konrad Seigfried – ehemaliger Erster Bürgermeister der Stadt Ludwigsburg.

Der menschverachtende Angriffskrieg von Russland gegen die Ukraine hat eine riesige Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst: die Aufnahme von mittlerweile rund einer halben Million geflüchteter Menschen allein in Deutschland, humanitäre Hilfe und jede Menge bürgerschaftliches Engagement, wirtschaftliche Unterstützung und auch die Bereitstellung von Waffen und Munition. Alles geleitet von humanitären Überlegungen und der klaren Überzeugung, dass ein Land seine Souveränität verteidigen darf und muss. Das ist allemal unsere Unterstützung wert, ob auf privater oder staatlicher Ebene.

STOP WAR, STOP PUTIN, stand with Ukraine“ lautete die große gemeinsame Botschaft. Jetzt ist der Krieg aber bereits im dritten Monat und zunehmend stellt sich mir die Frage: was ist denn im Augenblick das Ziel unserer Unterstützung? Moralisch ist das eindeutig, politisch sehe ich aber derzeit keine Initiative. Was sind die Ziele unseres Landes und der westlichen Alliierten? STOP WAR braucht doch erreichbare Ziele, braucht Gespräche, braucht vor allem Verhandlungsgrundlagen. Über was soll verhandelt werden? Waffenstillstand? Der vollständige Rückzug Russlands aus der Ukraine, also auch von der Halbinsel Krim? Wenn ich mir die Verlautbarungen der ukrainischen Regierung anschaue ist das wohl das Ziel. Aber was ist unser Ziel?

Deutschland ist jetzt die Zielscheibe geworden für immer umfassendere Forderungen nach schweren Waffen, also Panzer und Artillerie. Der unsägliche ukrainische Botschafter Andrej Melnik (Ist er eigentlich Botschafter oder Waffenlobbyist, Chefankläger oder Stichwortgeber für geneigte Medien?), der den Präsidenten des Landes in dem er akkreditiert ist, beleidigt, sich über den Bundeskanzler lustig macht, läuft mit einer ganzen Bestellliste an Waffen umher, die wir der Ukraine angeblich schulden.

Während jetzt (fast) alle Politiker/innen von einem Zeitenwechsel sprechen und sich für die Politik der letzten Jahrzehnte entschuldigen, freue ich mich über Stimmen, wie die des Publizisten Theo Sommer. In einer Kolumne für die Wochenzeitung Die Zeit schreibt er unter anderem: “Die Entspannungspolitik war keine Lebenslüge. Außerdem ist Diplomatie, obwohl keine Friedensgarantie, nie eine Zeitverschwendung. Schließlich war Putin nicht von Anfang an der „nihilistische Desperado“ und: „Die Kombination von Abschreckung und Diplomatie hat uns fünf Jahrzehnte Frieden beschert.“

An diplomatischen Impulsen fehlt es zur Zeit völlig. Putin und Russland wollen die Ukraine „entnazifizieren“, was nichts anderes bedeutet, als zumindest zum Teil zu erobern. Die Ukraine möchte die vollständige Wiederherstellung seiner Souveränität, was nichts anderes heißt, als die Krim und die Ostprovinzen. Das wird nicht funktionieren. Hier wird einer verlieren.

Wer den Krieg jetzt wirklich stoppen will, braucht Vorschläge, wie die aktuell ausweglos scheinende Situation befriedet werden kann. Das ist eigentlich die Stunde der Diplomatie. Stattdessen reisen immer mehr westliche Politiker/innen ziemlich zweckfrei nach Kiew, um sich vor Ort vom Schrecken des Krieges zu überzeugen. Solidarität ist wichtig, aber ist das Solidarität oder nicht eher die medienwirksame Produktion von Bildern? Den Schrecken des Krieges kann man an vielen Stellen der Welt erleben. Wer hat zuletzt die Kurdengebiete im Irak oder Syrien besucht, wenn unser NATO-Partner Türkei mal wieder dort einmarschiert ist oder bombardiert hat?

Außenpolitik ist leider, wie es Willy Brandt einmal klug bemerkte:“ der illusionslose Versuch zur friedlichen Lösung von Problemen“ Genau diese illusionslosen Versuche braucht es weiter.

Wenn die Ukraine nach immer mehr und besonders nach schweren Waffen ruft, dann müssen wir klar machen, dass es dafür Bedingungen gibt: nämlich die Bereitschaft zu Verhandlungen mit Russland, der Verzicht darauf diese Waffen für Angriffe in Russland einzusetzen und eine Rückgabeverpflichtung nach Beendigung des Krieges*. Und gegenüber Russland muss klar gemacht werden, dass wir die Ukraine mit schweren Waffen unterstützen, wenn die Angriffe fortgesetzt werden.

Direkte Gespräche führen, verhandeln, Kompromisse suchen, Interessen ausgleichen, Vertrauen aufbauen waren die Erfolgsfaktoren, um den kalten Krieg zu überwinden. Das ist die Aufgabe unserer Regierungen und Diplomaten. Nur mehr Waffen zu liefern ist keine Lösung.

Bei allem was wir heute wissen, ist doch eines klar: Russland wird die Krim nicht mehr aufgeben (die dortige Bevölkerung will auch mit großer Mehrheit zu Russland, wie wir aus unserer Partnerstadt Jewpatoria leider schon lange wissen) und für die östlichen Provinzen der Ukraine, braucht es ein Mandat, dass einen dauerhaften Waffenstillstand (wenn nicht Frieden) sichert. Das könnte zum Beispiel ein UN-Mandat mit einer Volksabstimmung nach 10 oder 15 Jahren sein.

Wenn nicht endlich wieder Diplomatie in den Vordergrund tritt und Lösungen – so schwierig sie auch sind – gesucht werden, steuern wir nahezu ungebremst in einen großen Krieg, vielleicht in einen atomaren oder Weltkrieg. Und sage keiner, das hätte man nicht voraussehen können!

Russland und die Ukraine müssen jetzt an den Verhandlungstisch gezwungen werden. Waffenlieferungen allein sind keine Lösung!

* Unter den europäischen Staaten belegen laut Transparency international in 2019 Russland dicht gefolgt von der Ukraine die Spitzenplätze mit der höchsten Korruption. Was passiert eigentlich mit Waffen und Munition, wenn diese nicht mehr gebraucht werden?

 

Ukraine-Krieg: Unsere Freunde – wo sind sie geblieben? Ein Gastbeitrag von Dr. Rainer Haas

Bis zum 24. Februar dieses Jahres waren wir nur von Freunden umgeben – und jetzt ist Krieg! Über Jahrzehnte hatten wir uns an den Frieden gewöhnt. Der Zweite Weltkrieg lag über 75 Jahre zurück, Europa gewährte uns ein Leben in Freiheit, die Mauer fiel, in der Europäischen Union stritt man sich über Schulden, Brexit, Flüchtlingsverteilung und Corona, und die Nato wurde als hirntot bezeichnet. Das alles hat uns blind gemacht, vor allem auch die politischen Ebenen bis hin zur Europäischen Union. In Deutschland wurden die Verteidigungsausgaben heruntergefahren und die „Wehrpflicht“ abgeschafft. Die Wirtschaft florierte und trieb Handel weltweit. Produktion und Fertigung lebenswichtiger Medikamente und zentraler Komponenten unserer Industrie wurden in Länder außerhalb Europas verlagert, wo die Löhne am niedrigsten und die Preise am günstigsten waren, und die für einen Wirtschaftsstandort à la Bundesrepublik dringend notwendige Energie wurde zu einem immer größeren Teil aus Russland bezogen. Heute ist es fast nicht mehr vorstellbar, dass unsere Abhängigkeit von russischem Gas bis noch vor wenigen Wochen durch Nordstream II weiter zementiert werden sollte und dies bedeutende Politiker/innen standhaft als rein wirtschaftliches Projekt bezeichnet hatten. Deutschland bemühte sich darin, allen zu gefallen und entgegenzukommen. Es war die Zeit der „Appeasement-Politik“.

Was für ein böses Erwachen! Niemand auf der politischen Ebene, aber offensichtlich auch nicht in den maßgeblichen Wirtschaftskreisen hatte der Tatsache, dass der russische Präsident die Milliarden-Einnahmen aus dem Verkauf von Kohle, Erdöl und Gas an Deutschland und andere Staaten der Europäischen Union besonders gerne in Waffen und seine Armee investierte, die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt. Seine „militärischen Operationen“ in Tschetschenien, Georgien waren zu weit weg, um bei uns größere Aufmerksamkeit zu erregen, der gelegentliche „Todesfall“ eines Regimekritikers eher unbedeutend, und nicht einmal die Besetzung der Krim stand dem Nordstream II- Projekt entgegen!

Doch jetzt hilft es wenig, über die in der Vergangenheit gemachten Fehler zu lamentieren. Nach der nun eingetretenen „Zeitenwende“ können wir nur nach vorne blicken und rasch die notwendigen Konsequenzen ziehen.

Ganz Europa befindet sich im Krieg! Der russische Präsident hat unserer europäischen, freiheitlich-demokratischen Grundordnung, der Art, wie wir leben, den Kampf angesagt. Diesen Kampf führen für uns die Ukrainerinnen und Ukrainer unter der Führung von Präsident Wolodymyr Selenskyj. Wenn sie den Krieg verlieren sollten, weiß niemand, was der russische Präsident als nächstes plant zur Umsetzung seiner auf langer Hand geplanten Großmacht-Phantasien. Neben der Aufnahme von ukrainischen Kriegs-Flüchtlingen sind wir Europäer auch im eigenen Interesse zu konsequenten Sanktionen gegenüber Russland und Waffenlieferungen an die Ukraine verpflichtet. Es ist zu hoffen, dass beides erfolgt und nicht zu viel davon in politischen Debatten zerredet wird.

Deutschland kann nicht umhin, wieder einen deutlich größeren Verteidigungs-Beitrag zu leisten. Auf Amerika können wir uns nicht mehr verlassen. Das wissen wir seit der Amtszeit von Präsident Trump, aber wir wissen nicht, wie es in Amerika nach Präsident Biden weitergehen wird. Wir sollten – nicht nur deshalb – auch die Situation bei uns in Deutschland überdenken. Die Einführung eines sozialen Jahres für alle jungen Menschen – in einer sozialen Einrichtung in Deutschland, einem europäischen Mitgliedstaat oder aber in der Armee – sowie die stärkere Thematisierung der Bedeutung unseres Staatswesens und Europas im Schulunterricht würden die Verbindung zwischen Bürger und Staat/Europa stärken. Die Politik sollte auch im Übrigen nicht davor zurückschrecken, ihren Bürger/innen außer Ansprüchen und Rechten gelegentlich auch Pflichten aufzuerlegen. Und anstatt in immer größerem Maße Partikularinteressen Beachtung zu schenken, sollte dem Interesse der Allgemeinheit wieder mehr Bedeutung zugemessen werden. Dies ist für die Handlungsfähigkeit eines Staates unabdingbar. Dazu gehört auch die ehrliche Ansage an die Bevölkerung, dass der Krieg in der Ukraine Folgen haben wird für Deutschland und die Staaten der Europäischen Union – nicht nur in emotionaler und politischer Hinsicht, sondern auch wegen seiner finanziellen Konsequenzen. Dies wird auch Einschränkung und Verzicht bedeuten. Man sollte den Menschen nicht vorgaukeln, der Staat könne alles bezahlen und alles laufe weiter wie bisher.

Die letzten Skeptiker müssen endlich erkennen, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht weiter auf die lange Bank geschoben werden darf! Als wäre die drohende Klimakatastrophe nicht schlimm genug, ist jetzt hoffentlich die geo-strategische Bedeutung der Energiegewinnung allen Verantwortlichen klar vor Augen geführt worden. Durch den Kauf fossiler Energien über zu viele Jahre haben wir totalitäre Staaten stark gemacht. Deutschland – und in der Folge Europa – muss energetisch autark werden. Der Ausbau von Windkraft und Photovoltaik muss konsequent und energisch vorangetrieben und darf nicht länger in politischen Hinterzimmern verzögert werden. Parallel dazu müssen wir auch in die Datensicherheit investieren. Spätestens die Abstimmung bei den Briten über den Brexit und die Trump-Wahl in den USA haben uns deutlich gemacht, dass heute von außen versucht wird, auf Abstimmungen und Wahlen auf digitalem Weg Einfluss zu nehmen. Schon lange ist im Netz ein Cyber-Krieg in vollem Gange. Auch sollte es nicht sein, dass die großen Provider vor allem in Amerika sitzen!

Wir alle in Europa müssen uns wieder auf die politisch-strategische Bedeutung der Europäischen Union und der Nato zurückbesinnen! Die Situation in einer von Großmächten dominierten globalen Welt, die drohende Klimakatastrophe, Corona und jetzt der Angriffskrieg auf die Ukraine haben uns eindrücklich vor Augen geführt, welche Rolle Deutschland, aber auch die übrigen europäischen Mitgliedstaaten – jeder für sich – spielen würden ohne das Gewicht der europäischen Gemeinschaft. Deutschland muss bereit sein, in der Europäischen Union mit Freunden und bewährten Partnern, wie den großen EU-Gründerstaaten Frankreich und Italien, eine Führungsrolle zu übernehmen. Mehr Mehrheitsentscheidungen sind das Gebot der Stunde, um Blockaden durch einzelne Mitgliedstaaten zu verhindern. Die Weiterentwicklung der Europäischen Union im Sinne einer immer engeren Zusammenarbeit, wenigstens im Rahmen eines „Europas der zwei Geschwindigkeiten“, ist heute wichtiger denn je – allerdings auch eine klare Kante gegenüber jenen Staaten, die von der Rechtsstaatlichkeit und anderen europäischen Werten abweichen. Europäisches Geld darf es hier nicht geben!

Der Angriffskrieg des russischen Präsidenten auf die Ukraine kann – neben allem furchtbaren menschlichen Leid – auch eine Chance sein. Nutzen wir sie mit unseren europäischen Freunden!

 

„Alle die zur Freiheit nicht die Unfreiheit der anderen brauchen, sollen aufstehn“

Am Sonntag fallen die Masken – geht’s noch? Ein Gastbeitrag von Konrad Seigfried – ehemaliger Erster Bürgermeister der Stadt Ludwigsburg.

Am 2. April enden fast alle Beschränkungen, die mit der noch immer grassierenden Corona-Pandemie zusammenhängen. Nur für Kranken- und Pflegeeinrichtungen gelten noch besondere Regeln und nur noch im öffentlichen Personennahverkehr sind Masken noch Pflicht.

Ich reibe mir die Augen. Hat die aktuelle Infektionswelle nicht gerade ihren Höhepunkt erreicht? Stecken sich nicht gerade immer mehr Menschen an, auch die, die sich immer vorsichtig verhalten haben? (1.800 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner).

Sterben nicht noch täglich mehr als 300 Menschen an oder mit Corona? Seit dem Beginn der Pandemie sind es bereits 130.244 (Quelle: Zeit Online).

Sind die Infektionszahlen nicht so hoch, wie noch nie in dieser nun schon zwei Jahre andauernden Pandemie?

Nun haben glücklicherweise die beiden Omikron-Varianten leichtere Verläufe, als anfangs erwartet. Eine Überlastung der Intensivstationen ist nicht, wie befürchtet, eingetreten. Aber ist das Grund genug (fast) alle Vorsichtsmaßnahmen aufzuheben?

Ehrlich, ich versteh das nicht. Abstand halten und Masken tragen ist nun wirklich keine allzu große Belastung. Warum warten wir mit der Aufhebung dieser Regeln nicht bis die aktuelle Welle abgeflaut ist? Vielleicht noch vier Wochen.

Manche feiern jetzt gar einen Freedom-Day, einen Tag der Freiheit. Welche Hybris! Ich finde das nachgerade schamlos, angesichts eines parallel stattfindenden brutalen Eroberungskrieges von Russland (oder Putin) gegen die Ukraine, angesichts von Menschen in vielen Staaten (ich nenne nur China, Afghanistan, Saudi-Arabien …), die wirklich und unter massiven Bedrohungen für ihre Freiheit kämpfen. Freedom-Day – so verkommen Begriffe.

In welcher Blase leben wir eigentlich? Wir können es uns erlauben, den Wegfall von vernünftigen Maßnahmen zur Bekämpfung einer Pandemie, wie dem Abstandsgebot und der Pflicht zum Masken tragen, als Wiedergewinn unserer Freiheit zu feiern. Absurd! Ich habe in der letzten Woche das Kino besucht, vor zwei Wochen ein Basketballspiel angeschaut, im Restaurant gesessen und Kultur genossen. Immer unter Beachtung der erforderlichen Regelungen. Meine Freiheit war jedenfalls nicht besonders eingeschränkt.

Und die Leidtragenden? Unsere Pandemiebekämpfung hat sich in den zurückliegenden beiden Jahren immer an den besonders Schutzbedürftigen ausgerichtet. Alte Menschen und Vorerkrankte haben und hatten das höchste Risiko lebensbedrohlich zu erkranken. Für sie und natürlich zu unserem eigenen Schutz und zur Bekämpfung einer weltweiten Pandemie haben wir viele Einschränkungen ertragen. Die Lockdowns waren die schlimmsten. Das bisherige Verhalten und die Impfungen habe dazu beigetragen, diese Pandemie ziemlich gut zu bewältigen. Für diese besondere gefährdeten Menschen wird es jetzt darum gehen sich noch mehr selbst zu schützen. Sie sind es jetzt, die beim Einkaufen zusätzlich gefährdet werden. Sie sind es, die jetzt nicht mehr an Veranstaltungen teilnehmen können und Sie sind es, die sich auch privat noch mehr einschränken müssen!

Wie hat der österreichische Sänger Georg Danzer in seinem Lied „Morgenrot“ schon vor vielen Jahren geschrieben: „Alle die zur Freiheit nicht die Unfreiheit der anderen brauchen, sollen aufstehn“. Die neue große Freiheit von Beschränkungen bedeutet für viele alte Menschen und Menschen mit einer Vorerkrankung einen Verlust ihrer Freiheit.

Warum wir jetzt diesen Öffnungsschritt machen, weiß wohl nur die FDP. Die Bundesregierung hat auf ihr Betreiben das Infektionsschutzgesetz so geändert, dass kaum noch Auflagen möglich sind. „Eigenverantwortung“, ist jetzt das Zauberwort. Das Freiheitsverständnis der Liberalen ist nicht geprägt von Verantwortung, denn Freiheit ohne Verantwortung belastet immer andere. Hoffentlich fällt uns das jetzt nicht auf die Füße und wir stehen bald wieder vor härteren Einschränkungen.

Alle ernst zu nehmenden Virologen sagen deutlich: die Pandemie ist nicht vorbei. Und spätestens im Herbst ist wieder mit einer erneuten bedrohlichen Welle zu rechnen. Wer jetzt zu früh lockert und damit falsche Signale versendet, ist mit dafür verantwortlich, wenn die Impfpflicht nicht kommt und wenn wir im Herbst wieder neue Einschränkungen erleben. Was bleibt ist nichts als Hoffnung.

 

Zum Protest gegen den Ukraine-Krieg – raus aus der Komfortzone

Ein Gedankensplitter von Uwe Roth

An diesem Donnerstag haben sich erneut ein paar Hundert Menschen auf dem Ludwigsburger Marktplatz versammelt. Sie zeigten – auch in Gebeten – Solidarität mit der Bevölkerung in der Ukraine. Solche friedlichen Aktionen gegen Russland sind wichtig. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass dies die Verantwortlichen im Kreml in keiner Weise beeindruckt. Putin schonmal gar nicht. Den Menschen im Kriegsgebiet hilft es wenig, wenn Eltern und ihre Kinder mit Ökokreide Friedenszeichen auf öffentliche Flächen in Ludwigsburg malen und danach die Bilder in den sozialen Netzwerken verteilen. Ein solcher Aufruf war in Facebook zu lesen.

Die Lage hat sich in dieser Woche dramatisch zugespitzt, dass man diese provokante Frage stellen darf: Wer will mit seinem Handeln tatsächlich etwas ändern? Oder wem geht es nur darum, mit den eigenen Ängsten vor einem möglichen Krieg klarzukommen. Helfen, ohne die geliebte Komfortzone zu verlassen, bringt in diesem Stadium der Krise nur noch wenig. Dazu zählt beispielswiese das Spenden von Klamotten, die man sowieso nicht mehr tragen will. Ein Helfer an der polnisch-ukrainischen Grenze hat flehentlich in die Kamera gesagt, wir sollen keine Textilien mehr schicken… Wer helfen will, der soll Geld an Organisationen überweisen, die dafür kompetent sind. Wer Flüchtende ein Zuhause gibt, zeigt seine Bereitschaft, die Wohlfühlzone zu verlassen.

Es gibt drei Formen des Handelns: Aktionen, die symbolischer Natur sind und letztlich nichts verändern. Da sind zum anderen humanitäre Hilfen aller Art für die ukrainische Bevölkerung und zum dritten der persönliche Verzicht, der in der Summe Putin schwächen kann. Man darf gespannt sein, wer alles bereit ist, freiwillig seine Komfortzone zu verlassen, wenn die Verbraucherkosten weiter durch die Decke gehen. Es ist nicht nur fehlendes Erdgas, das unser Leben verteuert, sondern auch ausbleibendes Getreide aus Russland und der Ukraine.

Echter Verzicht darf ruhig wehtun. Muss wehtun. Am 25. November 1973 hat es wegen der damaligen Ölkrise den ersten autofreien Sonntag gegeben. Die Straßen waren vollkommen leer! Gut, es war eine staatliche Anordnung. Aber die Autofahrer*innen haben diese ohne Murren befolgt. Es wäre ein öffentlich wahrnehmbares Zeichen gegen Putin, wenn wir ihm Bilder von leeren Straßen senden könnten. Wir brauchen dein blutgetränktes Gas nicht! Wir finanzieren nicht deinen Krieg an unseren Tankstellen! Oder über horrende Gasrechnungen, weil immer noch zu vielen glauben, jeden Tag duschen zu müssen und kuschelig in der Wohnung beginnt bei weit über 20 Grad.

Wenn es darum geht, sich wesentlich einzuschränken (was immer noch ein Klacks im Vergleich zu dem wäre, was die ukrainische Bevölkerung aushalten muss), kommen weinerliche Mimimi-Ausreden. Das Fernsehen zeigt Autofahrer, für die das Vehikel aus beruflichen Gründen unverzichtbar ist. Es zeigt Politiker, die eine Senkung der Energiesteuer fordern. Medien berichten über den Autokorso, der durch Ludwigsburg fährt, um gegen Corona-Regeln zu protestieren. Das Auto ist für viele zur Droge geworden, von der sie nicht so leicht loskommen.

In Baden-Württemberg hat die Umweltministerin einen autofreien Sonntag ins Gespräch gebracht. Doch ein solcher wäre im März 2022 im Gegensatz zu dem vor 50 Jahren alles andere als autofrei. Schließlich will man auf die Sonntagsbrötchen nicht verzichten. Dabei wäre es so wichtig, aus eigenem Antrieb die eigene Komfortzone zu verlassen und nicht darauf zu warten, bis einen die äußeren Zwänge (zum Beispiel staatliche Anordnungen) aus dieser verdrängen. Das schafft nur weiteren Frust und bringt neue Querdenker hervor.

„Krieg und Frieden“ – Ein Gedankensplitter von Oberbürgermeister Matthias Knecht

„Jeder denkt daran, die Welt zu verändern, aber niemand denkt daran, sich selbst zu verändern“, hat der russische Schriftsteller Leo N. Tolstoi einmal geschrieben. Der russische Staatspräsident Wladimir Putin zitiert gerne und häufig aus den Schriften Tolstois, der das Jahrhundertwerk „Krieg und Frieden“ im 19. Jahrhundert verfasst hat.

Diese beiden im Titel enthaltenen größten Gegensätze, die die Menschheitsgeschichte überhaupt aufweist, sind in unfassbar trauriger Art und Weise seit kurzer Zeit wieder omnipräsent. Mit dem Start militärischer Aktionen gegen die Ukraine in der Nacht auf Donnerstag hat die russische Regierung einen tiefgreifenden Völkerrechtsbruch begangen, der Leid, Zerstörung und Verzweiflung nach sich zieht und weiter ziehen wird. Bilder, die den Beschuss der ukrainischen Hauptstadt Kiew zeigen, machen fassungslos. Man fragt sich, ob das nicht ein böser, seinen Ursprung in der Vergangenheit besitzender Traum ist: Aber es ist das 21. Jahrhundert und damit die Gegenwart.

Auch an uns, den Menschen in Ludwigsburg, gehen diese Tage nicht spurlos vorbei. Mit dem Hissen der Flaggen der Ukraine und der EU am Donnerstag haben wir ein klares Zeichen gesetzt, auf welcher Seite wir in diesem Konflikt stehen – noch nie haben wir in so kurzer Zeit so viele betroffene und nachdenkliche Rückmeldungen über die sozialen Medien erhalten. Das am Abend organisierte Friedensgebet auf dem Marktplatz besuchten trotz der geringen Vorlaufzeit über 300 Menschen. Die unglaubliche Solidarität Menschen aller Nationen für das unerträgliche Leid der Ukrainerinnen und Ukrainern ist überall spürbar.

Es liegt jetzt an unserer politischen Führung und ihrer Verbündeten, Russland und seine Regierung mit so weitreichenden Sanktionen zu belegen, dass die Diplomatie wiederaufgenommen wird und die Vernunft siegen kann: Der Weg zum Frieden wird niemals über Waffen und Krieg begangen werden können, sondern über das gesprochene Wort, über Empathie und Rücksichtnahme aufeinander: Das Handeln eines Einzelnen und seiner wenigen Verbündeten darf das gegenseitige Verständnis der Menschen in Europa nicht gefährden. Und so ist es mir auch ein Anliegen, dass wir nicht alle Russinnen und Russen für das unsägliche Geschehen verantwortlich machen. Wir dürfen nicht ein gesamtes Volk verurteilen: Es ist das Machtstreben eines Autokraten, der in der Welt von heute eine Gefahr sieht und nicht bemerkt, dass er selbst die größte Bedrohung darstellt.

Hoffen wir darauf, auch wenn es völlig undenkbar erscheint, dass der russische Präsident zur Einsicht kommt: Dass er es ist, der sich ändern muss, damit wieder Frieden herrscht.

Dr. Matthias Knecht Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg am 25.2.2022 .

Gedanken zur Winterolympiade in Peking von Andreas Wagner

Ein Gedankensplitter zu Olympia von Andreas Wagner – Leiter Abteilung Sport Hörfunk im SWR

Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Kritik an einem Ausrichter Olympischer Spiele schon einmal so heftig gewesen wäre wie im Vorfeld von Peking 2022. Um es vielleicht an zwei zentralen Aspekten festzumachen: Olympischer Geist und Menschenrechtsverletzungen sind nicht miteinander vereinbar; der Sport sollte im Mittelpunkt stehen, nicht der Kommerz. Dem dürfte kaum jemand widersprechen. Aber wo ist im öffentlichen Diskurs ein konstruktiver Ansatz, diese Themen anzupacken? Wir spielen den Ball da gerne in das Feld des Internationalen Olympische Komitees und seines Präsidenten Thomas Bach. Das IOC mag in so mancher Hinsicht zurecht kritisiert werden, aber beim Thema Menschenrechte machen wir es uns ein bisschen einfach. Wie soll ein Weltsportverband, dessen Mitgliedsverbände nur zum kleineren Teil aus Ländern mit funktionierender Demokratie stammen, zu Entscheidungen kommen, die in das Wertesystem von uns „funktionierenden Demokraten“ passen? Wie verhindern, dass Diktaturen die Spiele ausrichten? Und vergessen wir nicht: München wollte Olympia 2022 nicht haben. Oder sollen wir etwa sagen „Ohne uns“ und uns ein kleines feines IOC nach EU-Wertestandard basteln? Wobei wir dabei nicht übersehen dürften, dass sich selbst die EU schwertut, all ihre Mitglieder auf (Werte-)Kurs zu halten.

Beim Thema Kommerz liegt der Fall anders. Natürlich hat das IOC daran einen entscheidenden Anteil. Aber der Kommerz basiert auf marktwirtschaftlichen Mechanismen; ist also Teil unseres Wertesystems. Und er braucht Kunden. Mögen die ein bestimmtes Produkt nicht, wird der Anbieter das Produkt im Sinne der Kunden verbessern oder ganz vom Markt nehmen. Hier hätten wir es also selbst in der Hand, zu Veränderungen beizutragen. Das tun wir aber nicht. Wenn die Wettbewerbe einmal laufen; wenn sie Triumphe und Tränen produzieren – oder auch Ärger über einen allzu pingelig vermessenen Skispringer-Anzug –, dann rücken die kritischen Aspekte weit in den Hintergrund. Das Unbehagen, das die Olympia-Stadt Peking transportiert, drückt uns am Ende eben doch weniger, als uns die Emotionen der Spiele beflügeln. Und wenn wir darauf schauen, wer die nächsten Olympischen Spiele ausrichtet, dann haben wir da Paris im Sommer 2024, Mailand im Winter 2026 und Los Angeles im Sommer 2028. Das sind die Guten. Passt doch. In Mailand war es diese Woche übrigens sonnig mit Temperaturen bis zu 16 Grad. Vielleicht ist es da in vier Jahren ja noch ein bisschen wärmer. Im Parco Sempione blühen dann schon die Tulpen, und unsere Gold-Rodler, die wie immer alles abräumen werden, kommen im T-Shirt zur Siegerehrung auf die Medals Plaza. Freuen wir uns drauf!

„Es ist Zeit“ – Ein Gedankensplitter von Ayhan Güneş

Liebe Leserinnen und Leser,

dunkle und schwierige Tage liegen hinter uns und wahrscheinlich noch vor uns. Es ist eine Zeit, die uns sehr viel abverlangt, manch einem sogar zu viel. Seit Anbeginn der Zeit war die Menschheit immer wieder mit Katastrophen konfrontiert, doch sie schaffte es immer wieder diese zu überwinden.

Gerade an Weihnachten, der Zeit der Liebe und des Innehaltens, sollten wir uns unserer Stärke und Widerstandsfähigkeit bewusst sein und uns daran erinnern, dass wir die größten Herausforderungen nur gemeinsam bestehen können.

Es ist die Zeit des Glaubens und der Hoffnung.

Eine Zeit des Vertrauens und nicht des Täuschens.

Es ist die Zeit des Gebens.

Eine Zeit des Vergebens und des Vergessens.

Eine Zeit, in der das Hassen und das Kämpfen aufhört

Eine Zeit, um sich über das Gute zu freuen, das trotz alledem uns in jedem Augenblick umgibt.

Es ist Zeit!

Frohe Weihnachten wünscht Ihnen
Ayhan Eren Güneş

Geschäftsführer und Mitglied der Chefredaktion von Ludwigsburg24

60 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei: Eine Gastkolumne von Nejdet Niflioğlu

Am 30. Oktober jährt sich die Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei zum sechzigsten Mal. Über die Gründe der Anwerbung von Arbeitskräften aus dem europäischen und nordafrikanischen Ausland wurde schon viel geschrieben. Auch über das Für und Wider dieser Maßnahmen wurde schon viel diskutiert. Diese Diskussion möchte ich hier nicht fortsetzen.

Kontroverse Themen sachlich zu besprechen ist per se nicht leicht. Vorbehalte gegenüber Meinungen, die wir nicht teilen, konnten wir noch nie wegdiskutieren. Im besten Fall verließen wir die Diskussion mit dem Gefühl, unsere besten Argumente auf die Mitdiskutanten abgefeuert zu haben. Doch ist es uns jemals gelungen, diese tatsächlich umzustimmen? Wahrscheinlich nicht.

Eine gute Moderation von kontrovers geführten Gesprächen ist hilfreich. Leider fehlt uns diese gute Moderation wenn es um Themen der Zuwanderung, Integration und friedvolles Zusammenleben verschiedener Kulturen geht. Wir hangeln uns von Erfolgsgeschichte zu Musterbeispiel gelungener Integration. Wir genießen die erfolgreichen sportlichen, wirtschaftlichen, kulinarischen oder kulturellen Bereicherungen, die Zuwanderer in unsere Gesellschaft einbringen. Doch leider empören wir uns auch häufig über Probleme, die es ohne Zuwanderung gar nicht gäbe.

Natürlich empören wir uns zurecht darüber. Doch zu glauben, nur Angehörige der sogenannten Aufnahmegesellschaft würden sich ärgern ist nicht richtig. Leider kennen wir alle das Gefühl des Fremdschämens nur zu gut.

Verallgemeinerungen und Schubladen Denken sollten wir sowieso vermeiden. Denn Verallgemeinerungen schaffen Trugbilder von Menschen und Dingen. Wie oft mussten wir im Ausland schon klarstellen? Nein, Deutsche tragen nicht immer Lederhosen und Gamsbarthut, ernähren sich nicht ausschließlich von Bier, Bockwurst und Kartoffelsalat, trinken Sangria nicht gewohnheitsmäßig aus Eimern…

Bezogen auf uns selbst reagieren wir auf Voreingenommenheit individuell verschieden. Wir sind je nach Gemütslage amüsiert, entsetzt, verärgert oder beleidigt. Da sollte es uns doch möglich sein zu akzeptieren, dass nicht alle Niederländer einen Wohnwagen besitzen, nicht jeder Kenianer ein begnadeter Langstreckenläufer ist, oder nicht jeder Türke ein Gemüsehändler?

Ebenfalls interessant: Nicht jeder Einwanderer aus der Türkei ist muslimisch, konservativ oder Anhänger der aktuellen Regierungspartei der Türkei. Wahrscheinlich ist eine viel größere Gruppe dieser Menschen all das nicht, was bestehende Ressentiments über den typischen türkischen Mitbürger verbreiten. Leider geht es diesen Menschen fast so, wie den deutschen Urlaubern auf Mallorca. Die öffentliche Wahrnehmung konzentriert sich nicht auf die mehrheitlich friedlichen Urlauber aus Deutschland, sondern auf die relativ kleine Gruppe der lärmenden, grölenden Ballermann-Touristen. Macht es Sinn, sich vom Verhalten dieser Gruppe zu distanzieren? Wie könnte ein Gespräch aussehen, die diese Gruppe zur Vernunft bringt?  In unregelmäßigen Abständen sehen sich auch die türkeistämmigen Menschen in Deutschland mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Die Empörung über Unangepasstheit, Bildungsverweigerung etc. ist in dieser Community genauso groß, wie in der Aufnahmegesellschaft, doch viele sehen sich gar nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun.

Wir alle zusammen bilden gemeinsam die Gesellschaft in Deutschland. In dieser Gesellschaft teilen wir nicht nur Lebensräume. Wir gehen darin gemeinsam zur Schule, zur Ausbildung, zur Arbeit. Wir erziehen unsere Kinder darin, unterstützen unsere Notleidenden, pflegen unsere Kranken und Alten. Gemeinsam leben wir in einem Sozialsystem, um das uns die ganze Welt beneidet. Doch dieses Sozialsystem fußt zu einem großen Teil auf das weit verbreitete Ehrenamt in Deutschland. Freiwillige Feuerwehr, DLRG, Rotes Kreuz, THW um nur einige Organisationen zu nennen, sind unverzichtbare Bestandteile dieses vorbildlichen Sozialsystems. Doch die demographische Entwicklung reißt vielerorts gewaltige Lücken in die Funktionsfähigkeit der Freiwilligenorganisationen. Gemeinden ohne eigene Berufsfeuerwehr sind angewiesen auf ihre Freiwillige Feuerwehr. Nicht auszudenken, was passiert, wenn im Schadensfall diese mangels Nachwuchs nicht ausrücken kann. Wenn Bühnenveranstaltungen nicht stattfinden können, weil die Anwesenheit eines Feuerwehrmannes vorgeschrieben ist. Wenn medizinische Notfälle nicht schnell genug versorgt werden können,  Sportveranstaltungen ausfallen müssen weil keine ehrenamtlichen Ersthelfer des Rot Kreuz, Johanniter etc. vor Ort sind. Badeanstalten und Badeseen geschlossen bleiben weil es keine Rettungsschwimmer gibt. Dieser Fall ist im Sommer 2019 in einer Gemeinde im Schwarzwald bereits eingetreten. Alle Badeanstalten mussten mitten im Sommer geschlossen bleiben. Meine persönliche Meinung ist, dass sich diese Organisationen ganz dringend öffnen müssen. Sie müssen für Migranten zugänglich und attraktiver werden. Diese Organisationen werden einen großen Beitrag zur guten Integration von zugewanderten Menschen leisten, wie es viele Sportvereine bereits tun.

Integration bedeutet, sich gesellschaftlich einzubringen. Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen sehe ich als wichtigen Faktor einer gelungenen Integration. Je schneller wir diese Zugänge schaffen, desto beständiger erhalten wir das vorbildliche Sozialsystem, das uns allen so wichtig ist.

„Das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung“: Ein Gastbeitrag von Martin Pfaff

Gastbeitrag von Martin Pfaff:

Ich wurde in einem Umfeld groß, in welchem man seine Meinung sagen und vertreten durfte. Das hat auch zu Spannungen geführt, jedoch wurde um die Fakten gerungen und nicht um die Klassifizierung der Person, welche eine andere Meinung vertritt.

Was möchte ich damit ausdrücken? Mit großer Sorge beobachte ich die Entwicklung der letzten Jahre, dass Menschen zu kritischen Themen schweigen! Sie haben Angst mit einem Label versehen zu werden, das mit dem Thema zwar nichts zu tun hat, aber die Person diskreditiert und ausgrenzt. Angst vor freier Meinungsäußerung darf es in unserer Demokratie aber nicht geben.

Leider haben sowohl Politiker verschiedenster Parteien als auch viele Medien vergessen, dass eine andere Meinung, gedeckt durch unser Grundgesetz, zulässig ist. Stattdessen wird derjenige durch Standardlabels (rechts-/linksradikal, ausländerfeindlich, unsozial, Querdenker, Verschwörungstheoretiker etc.) lautstark mundtot gemacht.

Eine ältere Dame sagte mir kürzlich, sie hätte Angst davor, ob wir weitere Flüchtlinge so integrieren können, dass es nicht zu weiteren Parallelgesellschaften kommt. Sie traue sich aber nicht das laut zu sagen, da sie dann sofort als „fremdenfeindlicher N…“ abgestempelt werden würde.

Oder aktuell immer wieder zu hören, dass Menschen einfach Angst davor haben sich impfen zu lassen, jedoch die Diskussion dazu scheuen, weil Sie dann sofort in die Schublade der „unsozialen Impfverweigerer und Verschwörungstheoretiker“ gesteckt werden.

Ich rede hier nicht von den „Spinnern“, die extreme, teilweise weltfremde Positionen vertreten. Dabei bitte aber daran denken, die hatten wir schon immer in allen Lagern, rechts, links und auch in der Mitte.

Man muss sich mit diesen Meinungen in einem konstruktiven Dialog auseinandersetzen. Jedoch wird dies lieber durch pauschale Stigmatisierung ersetzt. Der Dialog wird willentlich unterdrückt, da er scheinbar anstrengend und unangenehm ist. Man versucht damit seine eigene Meinung als alleingültige Wahrheit zu etablieren. Es wird nicht mehr differenziert zwischen unverbesserlichen „Spinnern“ und den Menschen, welche man mit einem offenen Dialog mitnehmen könnte.

Dadurch wird aber das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung massiv eingeschränkt.

Die Ansprache an die Bürger, welche aktuell von bestimmten Politikern verwendet wird, kennt nur noch das Extreme in der Bezeichnung von Menschen, die anders denken. Das wird leider mit denselben Worten in den Medien weitergereicht. Dadurch entsteht das Bild, dass alle die nicht auf der Linie der vorgegebenen Meinung liegen, unrecht haben.

Leider mit einer fatalen Folgewirkung! Das Verhalten findet sich mittlerweile in allen gesellschaftlichen Bereichen wieder. Ein Beispiel: Arbeitskollegen „prügeln“ verbal auf den anderen ein, weil er sich noch nicht hat impfen lassen. Das Warum ist völlig egal, er wird dem Sprachgebrauch der Politik und Medien folgend beschimpft und ausgegrenzt. Seine Argumente und Gründe werden beiseite gewischt mit einem der allgegenwärtigen Totschlagargumente. Die Beispiele ließen sich endlos fortsetzen.

Die Pandemie hat uns allen sehr, sehr viel abverlangt. Lassen Sie uns aber trotzdem nicht vergessen, wir sind eine freie Gesellschaft, welche auf bestimmten Werten und Rechten aufbaut. Daher gehen sie mit jedem respektvoll um und suchen das Gespräch. Verpassen Sie ihrem Gegenüber nicht pauschal einen Stempel, nur weil sie vielleicht keinen Konsens finden.

Druck und Zwang ohne offenen Diskurs führen zu Gegendruck und Widerstand, zu einer Spaltung unserer Gesellschaft! Und letzten Endes bleibt dann das Risiko, dass die, die sich unterdrückt fühlen, irgendwann tatsächlich radikal werden. Dann hat man sie „endlich“ in der Ecke, in welche man sie von Anfang an gestellt hat. Ist das wirklich das Ziel?

Als Schlusswort: Es geht hier nicht um Impfen ja oder nein, es geht nicht darum, wie viele Asylanten können wir integrieren etc. etc.

Es geht nur darum, wie wir mit komplexen Sachverhalten umgehen, wie wir miteinander umgehen und GEMEINSAM einen Weg finden ohne dabei unbequeme, weil anderslautende Meinungen, zu unterdrücken.

Ihr Martin Pfaff

„Wie viel unter meinen Hut passt?“ Ein Gastbeitrag von Ender Engin

„Herr Engin, wie machen sie das?“

..fragt mich letztens jemand.

„Wie mache ich was?“, frage ich.

„Na alles, wie kriegen Sie all das unter einen Hut?“, bohrt er nach.

Ich schmunzle und frage mich, ob „Superkraft“ als Antwort durchgehen würde. Eher nein. Aber mit der Wahrheit wäre er womöglich auch nicht zufrieden. So lache ich die Frage beiseite und zucke mit den Schultern. „Melde mich, sobald ich es weiß“, sage ich und gehe.

Mein Kopfkino läuft aber weiter

Er hat Recht, wie mache ich das?
Die Frage ist berechtigt. Als Stadtrat, Kreisrat, Chef, Model, Leistungssportler und Familienvater (Ok. Das mit Leistungssport stimmt nicht ganz), sind 24 Stunden schon sehr schnell aufgebraucht.

Dann gibt es eben noch die Nacht, aber auch Feiertage, Familienfeste, die nur halbherzig gefeiert werden können, Geburtstage (auch eigene) die auf der Strecke bleiben. Hobbys, die es nicht geben kann, Urlaub (der letzte vor 3 Jahren) und besonders erwähnenswert noch die Freizeit, die man so hat.

Diese lässt sich in genau zwei Streckenabschnitten darlegen:
1. Die Autofahrt zwischen Büro und zu Hause (2km) und
2. Die Autofahrt zwischen Rathaus / Kreishaus und zu Hause (1km – 5km).

Warum erzähle ich das?

Na ganz einfach: „Schreib das, was dir auf dem Herzen liegt“, wurde ich von der Redaktion gebeten. Und mir liegt es auf dem Herzen, der örtlichen Bürgerschaft aufzuzeigen: Wir sind greifbare Menschen, die ihr Leben genauso hart bestreiten müssen wie alle anderen es auch tun. Denn genau wie mich gibt es noch viele andere Menschen, die Familie, Beruf und kommunales Ehrenamt zu vereinen versuchen. Menschen die jeden Tag für die anderen, für die Familie, aber auch für sich selbst kämpfen. Daher, ein Splitter aus meinem Alltag. Ein kleiner Einblick, in meine große Welt.

(Allein der Text bis hierhin hat mich 4 Stunden gekostet, weil mich mein kleiner Sohn schon 6x in die Spielecke gerufen hat.)

Zurück zur Kernfrage:

Wie mache ich das?

(Nebenher frage ich meine Frau, ob ich unseren Tagesablauf öffentlich machen darf.)

Die Frage verwirrt mich. Solche Fragen stellt man doch heutzutage nicht. Heutzutage erwartet man! Man fordert. Leistungsgesellschaft! Man setzt voraus, dass etwas so ist, wie es eben ist. Der Kunde bezahlt dich für deine Leistung. Der Wähler gibt dir seine Stimme, damit du etwas erschaffst. Die Natur setzt voraus. Die Familie braucht dich. Alles Erwartungen und Aufgaben, die erfüllt werden müssen. Du musst da sein, du musst liefern, du musst funktionieren. Die Welt dreht sich von Tag zu Tag schneller und keiner – nicht einmal ich selbst – stelle mir die Frage, wie ich das eigentlich alles mache. Ich mache es einfach, weil ich keine Zeit habe, um darüber nachzudenken.

(Freigabe für den Tagesablauf erteilt)

Morgens um 03:00 klingelt der Wecker. Stiller Kuss auf Babybacke und ab Richtung Küche. Kaffee 1 von 14. Wenn Sitzungen anstehen: Vorlagen lesen. Ansonsten erstmal in Ruhe 160 E-Mails einzeln beantworten
(Pro Tag, ohne Spam). Dann um 06:00 Fahrt Richtung Lager. Mitarbeiter treffen, einweisen, verteilen. Material einladen. Ab 07.30 dann Ankunft im Büro. Parallel klingelt die erste WhatsApp-Gruppe (Von 20). Screenshots von Zeitungsartikel, in denen wir als FDP erwähnt werden – oder eben auch nicht. Telefonate, weitere E-Mails, Tagesgeschäft. Während um halb zehn in Deutschland mancherorts die Leute Knoppers essen, kommt der erste Parteikollege ins Büro und möchte über die letzten Entwicklungen sprechen. Ich mache klar, dass ich während der Arbeitszeit keine politische Revolution anzetteln kann und schicke ihn weg. Kurz vor der Mittagszeit…

(Wenn ich „Mittagszeit“ sage, soll das nur die Uhrzeit verdeutlichen. Ich mache kein Mittag. Niemals!)

…besucht mich meine Frau mit dem Kleinen. Ich spiele 2 Minuten lang „fang mich doch“ im Büro, drei Umarmungen – bevor mich dann wieder der Alltag einholt. Hier kein Material, da Elektroplan vergessen, hier Kabel durchgeschnitten. Angebot zu hoch, zu niedrig, zu spät. Steuerberater hier, Coronaverdacht da. Azubi war mal wieder nicht in der Schule, Lehrer ruft an.

Meine Frau verabschiedet sich wieder. Ich merke es nicht einmal. Die Zeit mit dem Junior reicht nicht.

Wenn Sitzung, dann 13.00 Uhr – Kreishaus. Mitten am Tag. An der Ampel E-Mails lesen. Am Parkplatz beantworten. Rückfahrt zwischen 14.30 und 15.00 Uhr. Gerade noch rechtzeitig, denn um 15.30 kommen alle Monteure rein. Rapporte kontrollieren, Folgetag besprechen, Probleme lösen, für alle da sein. Ein Bürgeranliegen zwischendurch: Kind von KITA abgewiesen, bitte dringend weiterleiten. Erstmal recherchieren, telefonieren, aufklären. Dann um 18.00 Uhr AUT (Ausschuss für Umwelt und Technik) mit anschließender Vorstandssitzung. 23.46 Uhr, du liegst im Bett. Niemand sieht, wie viel du machst.
Du und andere Mandatsträger haben heute wieder für die Bürgerinnen und Bürger gekämpft. Nicht mal einer, der in die Sitzung kommt. Ein „Danke Herr Stadtrat“ erwartest du nicht. Das wärst nicht du. Wäre auch vergebens. Dafür aber Leserbriefe, die dir einen reindrücken. Egal, immer weiter.

Die Frage: „WIE“ ich das alles unter meinen Hut kriege, lässt sich vielleicht mit einem „WIESO“, erklären:

Wir kommunale Mandatsträger, halten die Stadt zusammen. Wir passen auf, hören zu, geben Impulse und investieren Lebenszeit in die Zukunft der Gemeinde. In die Zukunft unserer Gemeinschaft. Wir wollen bewegen, verbessern, Spuren hinterlassen und den Bürgerinnen und Bürgern ein lebenswertes Umfeld ermöglichen. Wir übernehmen große Verantwortung und sind gerne für andere da. Merke auch: Wir sind keine Berufspolitiker. Wir sind auch kein Spielball zwischen Verwaltung, ortsansässigen Firmen, Institutionen und der Bürgerschaft. Wir sind Menschen. Ganz normale Menschen mit Privatleben, Familie und Beruf die Ihre Aufgaben und Verpflichtungen mit großer Hingabe, aber vor allem mit Liebe annehmen.

Ich liebe meine Arbeit, meine Bestimmung, jede einzelne Verpflichtung. Würde also jemand die „Liebe“ als Superkraft bezeichnen, dann wäre dies womöglich mein Geheimnis. Mein Antrieb. Die Antwort.

Danke an meine Familie für die Erlaubnis und Unterstützung meinen gesellschaftlichen Pflichten nachkommen zu dürfen. Danke an den Fragesteller (Daniel Güthler, erster Bürgermeister der Stadt Kornwestheim). Ohne Frage, keine Gedankenexplosion. Danke auch an Ludwigsburg24. Mein Kopf ist wieder frei – zumindest für heute.

 

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