Oberster Hüter im Landkreis Ludwigsburg: Polizeipräsident Thomas Wild im Porträt

Einst gemeinsam auf dem Spielfeld auf Torejagd mit späteren VfB-Legenden wie Jürgen Klinsmann und Karl Allgöwer beim Heimatverein SC Geislingen, hat Polizeipräsident Thomas Wild seitdem das Terrain gewechselt. Seit seiner Ernennung im Januar des vergangenen Jahres ist der 60-Jährige als Oberster Hüter des Gesetzes für die Landkreise Ludwigsburg und Böblingen auf Verbrecherjagd.

Im großen Interview mit Ludwigsburg24 gewährt der bekennende FC Bayern-Fan Einblicke in seine Motivation, Herausforderungen und Visionen für die Sicherheit der Gemeinden und lässt auch gleichzeitig tief in sein Inneres blicken.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Seit Januar vergangenen Jahres sind Sie der neue Polizeipräsident in Ludwigsburg. Haben Sie sich gut eingelebt?

Ja, ich habe mich gut eingelebt und fühle mich auch sehr wohl hier. Meine Kolleginnen und Kollegen habe ich inzwischen kennengelernt und kann sie auch alle einschätzen, vor allem diejenigen, mit denen ich besonders eng zusammenarbeite. Mein berufliches Umfeld ist super und Ludwigsburg ist eine wunderschöne Stadt. Ich habe hier eine Zweitwohnung. Wenn ich viele Abendtermine habe, übernachte ich dort. An mindestens zwei Abenden pro Woche versuche ich aber nach Geislingen zu fahren.

Warum ziehen Sie nicht komplett nach Ludwigsburg?

Mein Herz hängt an Geislingen, denn das ist meine Heimatstadt. Dort bin ich geboren, dort habe ich mein persönliches Umfeld, dort leben auch meine Eltern.

Ihre Frau ist nicht bei Ihnen in Ludwigsburg?

Nein, das ist der einzige Wermutstropfen an der Wohnsituation. Aber meine Frau hat ihre Verpflichtungen in Geislingen und lebt folglich weiterhin da. So sind wir halt leider zeitweilig auseinandergerissen.

Wenn Sie mal privat durch die Stadt laufen, werden Sie dann eigentlich von Ihren Mitarbeitern erkannt? Oder können Sie ihnen auf der Straße ganz inkognito auf den Zahn fühlen?

Nein, das geht nicht, sie erkennen mich und winken mir sogar aus dem Streifenwagen heraus zu. Allerdings bin ich in meiner Anfangszeit abends spontan in den Revieren aufgetaucht und habe mich mit den Dienstgruppen unterhalten. Das hat zunächst etwas für Aufregung gesorgt, weil alle dachten, jetzt kommt der Chef und macht Dienstaufsicht. Dabei wollte ich mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nur ins Gespräch kommen, ihre Meinungen und Einschätzungen hören und ihnen gegenüber auch eine gewisse Wertschätzung ausstrahlen.

Was für ein Typ Chef sind Sie?

Also ich halte mich für einen pragmatischen und mitarbeiterorientierten Chef, dem sehr das Wohl seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Herzen liegt. Wenn die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gerne ins Geschäft kommen, wenn man dort gemeinsam auch mal lachen kann, dann schlägt sich das auf das Arbeitsklima nieder. Das ist mir wichtig. In einem guten Arbeitsklima wird automatisch eine bessere Arbeitsleistung gebracht.

Wie reagieren Sie, wenn Sie richtig sauer sind?

Wenn ich wirklich mal richtig sauer bin, dann verschiebe ich das Gespräch auf den nächsten Tag. Ich versuche immer, meine persönliche Mitte zu finden. Es macht keinen Sinn irgendwie raus zu platzen. Das ist genauso unsinnig, wenn ich aufgeregt bin und gehe in diesem Gemütszustand in eine große Lagesitzung rein. Da übertrage ich diese Aufgeregtheit doch direkt auf alle anderen. Wenn mein Gemütszustand mal kritisch wird, mache ich lieber die Türe zu oder gehe für eine kleine Runde um den Block und überlege dabei, wie ich die Situation nachbereite.

Sie reflektieren sich also durchaus immer wieder selbst.

Ja, ich versuche das tatsächlich. Hin und wieder suche ich mir auch ein, zwei Leute aus dem beruflichen Umfeld, die mir den Spiegel vorhalten und gegebenenfalls Kritik üben. Je höher man aufsteigt, umso weniger trauen sich die Menschen Ihnen fehlerhaftes Verhalten aufzuzeigen. Da bildet sich dann schnell ein  blinder Fleck und man selbst glaubt, man macht alles richtig. Deswegen ist es gut, wenn mir jemand ein bisschen Reflektion geben kann, über die ich mir anschließend meine Gedanken mache.

Stimmt es eigentlich, dass Sie schon als kleiner Junge davon geträumt haben, Polizist zu werden?

Ich war noch gar nicht in der Schule, da war die Polizei tatsächlich schon als Berufswunsch für mich ein Thema. Lokomotivführer oder gar Feuerwehrmann zu werden dagegen nie. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich zur Polizei will.

Was hat den kleinen Thomas Wild an der Polizei gereizt? Welches Bild hatten Sie von dem Beruf?

Meine Vorstellung war sicherlich mit dem Gedanken verknüpft etwas Gutes zu tun. Damals nannte man die Polizei ‚dein Freund und Helfer‘. Ich wollte gerne helfen. Dazu kam, dass einer meiner Fußballbetreuer bei der Polizei war. Er hat immer von ganz spannenden Fällen mit Verbrecherjagd erzählt. Das hat mich beeindruckt und er hat mir als Vorbild gedient. Als ich dann älter war, hat sich mein Berufswunsch nochmal konkretisiert. Ich wollte gerne zur Kriminalpolizei. Das Ermitteln und auch mal hinter die Fassaden zu schauen, das habe ich spannend und interessant gefunden.

Dieses Ziel haben Sie tatsächlich erreicht. Wie war das dann für Sie – immer noch spannend oder eher ernüchternd?

Wie in jedem Beruf gibt es auch hier ein Auf und Ab. Es gibt durchaus Phasen, in denen der Job auch mal weniger Spaß macht, er etwas schwieriger ist. Aber rückblickend betrachtet habe ich definitiv den richtigen Beruf ergriffen. Kaum ein anderer Beruf hat so viele unterschiedliche Facetten und in dem man an die Grenzen der Gesellschaft oder sogar darüber hinaus blicken kann und so intensiv mit Menschen zu tun hat. Der Umgang mit Menschen ist für mich ein sehr wichtiger Aspekt.

Sie sind im September 43 Jahre dabei. Gab es in all den Jahren nicht einmal einen Moment in dem Sie gezweifelt und sich gewünscht haben, etwas anderes gelernt zu haben?

Nein, alles in allem würde ich sagen, es ist der ideale Beruf für mich. Als ich beim Mobilen Einsatzkommando war, wurde es natürlich etwas schwierig mit der Lebensplanung. Man war im Einsatz, kam zurück, war vielleicht ein paar Tage daheim, aber musste dann wieder plötzlich zum Einsatz, während Familie und Freunde Wochenende hatten. Da habe ich schon das ein oder andere Mal gedacht, das will ich auch. Aber im gesamten Rückblick möchte ich keine Stunde missen.

Ihre Familie musste mit Sicherheit immer wieder Kompromisse schließen. War das ein großes Thema daheim?

Sie mussten tatsächlich häufiger auf mich verzichten, vor allem wegen meines Studiums an der Polizeiakademie Hiltrup. Das war schon belastend, denn meine Tochter war damals gerade erst drei Jahre alt. Und jetzt die Distanz zwischen Ludwigsburg und Geislingen ist auch nicht ganz einfach, aber wir haben eigentlich immer einen ganz guten Weg gefunden.

Ein Polizist lebt durchaus gefährlich, riskiert bei Einsätzen u.U. seine Gesundheit oder gar sein Leben. Wie sind Sie und Ihre Familie mit dem Thema Angst umgegangen?

Ich war ja lange Jahre bei den Spezialeinheiten, also dem Mobilen Einsatzkommando und dem Spezialeinsatzkommando, da waren durchaus etwas kniffligere und gefährlichere Einsätze dabei. Aber ich habe zu Hause einfach nie über diese Einsätze gesprochen. Ich habe sie einfach ausgeblendet. Aber ich habe auch nie den Eindruck gehabt, dass das Thema Angst bei uns in der Familie eine Rolle gespielt hat.

Wenn Sie jetzt Ihr erstes Jahr als Polizeipräsident in den Landkreisen Ludwigsburg und Böblingen Revue passieren lassen, wie lautet Ihre Bilanz?

Dazu kann ich nur sagen: Wir haben eine tolle Polizei mit sehr engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sehr gute Arbeit leisten. Schaue ich mir die polizeiliche Kriminalstatistik an, an der wir ja gemessen werden, können die Bürgerinnen und Bürger in unserem Landkreis sicher leben. Entgegen dem Landestrend sind bei uns die Straftaten jetzt wieder zurückgegangen. Das spricht für die gute Arbeit der Polizei.

Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger, um ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich zu motivieren rauszugehen und sich den dort lauernden Gefahren auszusetzen?

Einen direkten Vergleich zu ziehen, finde ich nicht angemessen. Mir persönlich ist es wichtig, mit meinem Führungskreis ganz offen zu diskutieren und gemeinsam Schwerpunkte, Strategien und Maßnahmen festzulegen. Ich will alle ins Boot holen und beteiligen und nicht von oben nach unten einfach nur etwas verordnen. Ich habe zum Beispiel einen Workshop angeboten mit dem Thema: Wo sehen Sie das Polizeipräsidium Ludwigsburg in drei bis fünf Jahren? Ich wollte wissen, was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als gut ansehen und wo wir noch besser werden können. Gerade diejenigen an der Basis, die täglich raus müssen auf die Straße, spüren doch, woran wir gegebenenfalls noch arbeiten müssen. Ihre Meinung ist mir wichtig, um sie in unsere Strategien und Maßnahmen einfließen zu lassen.

Wo läuft es denn gut, wo muss nachgebessert werden?

Die Motivation aller stimmt. Die Leute hier sind sehr kreativ und engagiert. Wenn jemand eine gute Idee hat und diese gefördert wird, dann kommt das Engagement von innen heraus, denn die- oder derjenige macht die Kriminalitätsbekämpfung oder die Verkehrssicherheit dann zur eigenen Sache. Und dadurch kommen gute Ergebnisse heraus. Wenn Sie die Landesstatistiken anschauen, liegen wir hier in vielen Bereichen immer unter den drei, vier Besten.

Wir als Ludwigsburg24 lesen zu unseren Polizeinachrichten sowohl auf der Website als auch auf unseren Social Media-Kanälen, dass die Menschen Ludwigsburg als unsicher empfinden. Nicht generell, aber doch an bestimmten Hotspots wie z.B. am Bahnhof. Jetzt wird befürchtet, dass sich der Arsenal-Platz nach dem Umbau ebenfalls zu einem Brennpunkt entwickeln könnte.

Nehmen wir mal den Bahnhof: Die Zahlen in unserer Statistik spiegeln dieses negative Sicherheitsgefühl der Menschen eigentlich nicht wider. Ich denke, dass andere Faktoren dafür ausschlaggebend sind. Beispielsweise die Gruppen der Jugendlichen rund um den Bahnhof, da man oft in den Medien liest, dass die Gewalt unter jungen Menschen zugenommen hat. Aber auch dunkle und niedrige Räume oder Gänge, ebenso verdreckte Ecken. Das alles wirkt oftmals als vernachlässigter Raum und all das beeinflusst das Sicherheitsgefühlt negativ.

Haben Sie einmal über einen Polizeiposten am Bahnhof nachgedacht?

Nein, ein Polizeiposten dort ist kein Thema, aber wir haben die Lage dort im Blick, zeigen dort mit unseren Sicherheitskräften kontinuierlich Präsenz. Sind wir jedoch zu präsent, erzeugt das wiederum erneut eine Verunsicherung bei den Menschen. Wir können auch nicht überall sein, sondern müssen Schwerpunkte setzen. Wenn wir irgendwo einen Brennpunkt feststellen, dann sind wir da. Darauf können Sie sich verlassen.

Ein Beispiel ist ein Fall aus Ditzingen, wo wir Probleme mit einer Jugendgruppierung hatten, aus der auch Straftaten hervorgingen. Da haben wir zeitnah eine Konzeption entwickelt, die vorsah, dass wir die Ermittlungen verstärken. Wir haben uns personelle Unterstützung geholt vom Polizeipräsidium Einsatz, sind Brennpunkteinsätze gefahren und haben uns auf die Rädelsführer konzentriert. Diese haben wir dann aus der Gruppierung heraus- und festgenommen. Allein das hat schon was mit der Gesamtgruppierung gemacht und deutlich zur Beruhigung der Lage beigetragen.

Wenn Sie jetzt das Gesamtbild der Polizeiarbeit im Blick haben, wo muss Ihrer Meinung nach noch ein wenig justiert werden?

Die Polizei kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme lösen. Was mir Sorge bereitet, ist die Zunahme der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft. Die Rohheitsdelikte haben zugenommen, die Gewalt gegen Helfer hat zugenommen. Da agieren wir natürlich schon durch konsequentes Einschreiten, Ermitteln und Anzeigen der Delikte. Aber dieses Thema muss generell durch Präventionsmaßnahmen in der Gesellschaft angegangen werden. Vielleicht müssen die Menschen wieder lernen, weniger eigensüchtig oder egozentrisch zu sein und erkennen, dass sie nicht allein auf der Welt sind und andere auch Bedürfnisse und Ansprüche haben. Das Denken ist in unserer Gesellschaft augenscheinlich ein wenig verrutscht.

Wie kommt es, dass vermehrt Helfer wie Feuerwehr oder Notärzte bei Einsätzen attackiert werden?

Oftmals spielt Alkohol eine Rolle, der dann anscheinend zur Enthemmung führt. Ein weiterer Aspekt für diese Angriffe sind gruppendynamische Prozesse. Die ersten ein, zwei Leute fangen an zu pöbeln und dann schaukelt sich das langsam hoch. Bei uns in Ludwigsburg sind die Angriffe auf Einsatzkräfte zurückgegangen, wenngleich auf niedrigem Niveau. Im 10-Jahres-Vergleich ist die Gewalt gegen die Polizei tatsächlich angestiegen, aber im Vergleich zum Jahr 2022 hatten wir wieder einen leichten Rückgang. Dennoch wurden 2023 im PP Ludwigsburg 158 Kollegen durch Angriffe bei Einsätzen verletzt. Diese Zahl sagt schon was aus. Die Gewalt gegen Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst ist 2023 deutlich angestiegen. 14 Personen mehr als noch im Vorjahr wurden Opfer solcher Gewalt, das ist ein Anstieg von über 100 %.

Können Sie etwas sagen zum anscheinenden Anstieg der Straftaten durch Nichtdeutsche im Landkreis?

Hier befinden wir uns im Bundes- sowie Landestrend. Die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen ist gestiegen. Genauer gesagt sind wir auf einem 10-Jahres-Hoch, dominiert von Rohheits- und Gewaltdelikten wie Körperverletzung, gefährliche Körperverletzung, Bedrohungen usw. Der Zuwachs der Nichtdeutschen ist exorbitant und das schlägt sich in der Statistik nieder. Darunter ist natürlich eine Vielzahl an Flüchtlingen, vorwiegend junge Männer, so dass hier ein großes Konfliktpotential entsteht. Aber auch die Opferzahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen, insbesondere bei den Flüchtlingen, ist angestiegen. Das heißt doch, dass diese oftmals untereinander Straftaten begehen von Bedrohung bis Körperverletzung. Und warum? Sie sind sozial benachteiligt, leben meist in Sammelunterkünften, haben unterschiedliche Herkunft und Religionen. Das ist doch ein Herd für Auseinandersetzungen.

Ist unsere Gesellschaft überfordert mit dem immensen Zuwachs an Flüchtlingen?

Ja, manchmal habe ich diesen Eindruck.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wo liegen Ihre Sorgen und Nöte?

Momentan brennt mir die Umsetzung des Cannabis-Legalisierungsgesetzes ein wenig auf der Seele und die Frage, wie wir damit umgehen und welche Auswirkungen das auf unsere Arbeit hat. Eine große Rolle spielt dabei die Verkehrssicherheit. Wir machen schon viel Prävention, klären viel auf. Aber wir müssen uns auch verstärkt in die Verkehrsüberwachung und die Kontrolle der Fahrtüchtigkeit einbringen. Landesweit registrierte die Polizei 2023 über 6.000 Fahrten, die unter dem Einfluss von Cannabis erfolgten.

In Berlin werden am grünen Tisch Gesetze erarbeitet mit zum Teil nicht immer ganz klaren Vorgaben. Sie als Gesetzeshüter müssen schauen, wie Sie diese im Alltag umsetzen. Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Sagen wir mal so: Das Cannabis-Legalisierungsgesetzt ist sehr kompliziert und die fein ziselierte Ausgestaltung, wo man und wer konsumieren darf, welche Abstände zu Örtlichkeiten mit Kindern und Jugendlichen eingehalten werden müssen, muss ja von jemandem kontrolliert werden. Wenn ich mein Personal vermehrt in diese Kontrolle schicke, fehlt es mir ja wieder an anderer Stelle. Wir müssen halt sehr viel situativ entscheiden, uns vor allem auf die Präventionsarbeit konzentrieren, um zu sensibilisieren. Da sind wir jetzt in der Pflicht. Das Ziel Entlastung von Justiz und Polizei sehe ich jetzt vordergründig nicht als erreicht.

Die Polizeiarbeit ist zwar vielseitig und umfangreich, aber wie attraktiv ist dieser Beruf heute noch? Haben Sie Probleme Nachwuchs zu rekrutieren?

Seit langer Zeit haben wir tatsächlich zum ersten Mal unsere freien Plätze nicht alle füllen können. Die Polizei steht natürlich in Konkurrenz mit der Wirtschaft und beide buhlen um die kleiner werdenden Kohorten. Da wird es schwieriger, junge Menschen für unseren Beruf zu begeistern. Ich bin jetzt seit über 42 Jahren dabei und kenne keinen facettenreicheren Beruf als den des Polizisten. Wir haben die Streifen, die Diensthundestaffeln, die Wasserschutzpolizei, die Hubschrauber, die Spezialeinheiten, die Kriminalpolizei. Und selbst letztere ist wieder so fein gegliedert von der  K1 über Cyberkriminalität bis hin zur Fahndung. Man kann sich sehr weiterentwickeln, was mich auch nach so vielen Dienstjahren noch begeistert. Ich selbst bin als Streifenpolizist ausgebildet worden, war bei der Bereitschaftspolizei, bin zum Landeskriminalamt, war beim mobilen Einsatzkommando. Ich war bundes- und sogar europaweit im Einsatz. Das alles habe ich mir bei meinem Einstellungstermin am 1.9.1981 niemals vorstellen können.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Amt in Ludwigsburg und Böblingen?

Die Gesamtverantwortung für das Ganze zu haben, macht schon sehr viel Spaß, aber ist auch sehr herausfordernd. Jeden Tag kommt etwas Neues hinzu. Ich bin froh, so viele unterschiedliche Stationen der Polizei kennengelernt zu haben.

Gibt es Fälle, die Sie noch heute gedanklich oder emotional verfolgen?

Es gibt sicherlich Fälle, die mich belastet haben, aber ich versuche das sehr professionell zu handhaben. Bei der Kripo war ich an der der Bearbeitung einer Vielzahl von Kapitaldelikten beteiligt. Das nimmt einen schon mit. Aber es gibt auch viele schöne Erlebnisse, die ich mir positiv im Gedächtnis halte. Zum Beispiel den Entführungsfall eines Zweijährigen in Emmendingen über mehrere Tage. Als wir endlich den Aufenthaltsort des Kindes hatten und es beim Zugriff unversehrt befreien konnten, da standen allen Beteiligten, auch den Spezialisten, die Tränen in den Augen. Dieser Fall berührt mich heute noch.

Wie verarbeiten Sie die weniger schönen Erlebnisse?

Ich versuche Abstand zu gewinnen beispielsweise durch Spaziergänge mit meinem Hund. Der Hund spürt sofort wie ich drauf bin. Selbst einfach nur dazusitzen und ihn zu streicheln, das baut schon Stress ab. Ich fahre gerne Fahrrad, gehe in die Berge zum Wandern. Zum Leidwesen meines privaten Umfelds mache ich das meistens allein. Aber so bekomme ich am besten den Kopf wieder frei und komme runter.

Ihr Vorgänger hatte das Schreiben als Steckenpferd. Welche große Leidenschaft haben Sie?

Meine heimliche Leidenschaft ist Italien und besonders Venedig. Ich liebe die Landschaft Italiens, ich liebe die Sprache, das Essen und Trinken. Für den Hausgebrauch beherrsche ich sogar die Sprache, ein einfaches Gespräch kann ich problemlos führen.

Was fasziniert Sie an Venedig?

Vor zehn Jahren war ich für ein paar Tage dort und es hat mir total gefallen. Ich gehe meist im Januar, Februar hin, dann ist die Stadt nicht so überlaufen und man kommt mit den Leuten ins Gespräch. Das gefällt mir. Venedig strahlt so ein bisschen eine morbide Eleganz aus.

Sind Sie auch ein Fan der Krimiserie von Donna Leon und ihrem Commissario Brunetti?

Ja, ich mag die Brunetti-Romane, aber noch mehr bin ich ein Fan von Commissario Montalbano von Sizilien. Das sind beide meine Lieblingslektüren.

Und welche Krimis schauen sie im TV?

Am liebsten schaue ich den Tatort aus Münster an, weil mir das Duo Axel Prahl und Jan Josef Liefers in den Rollen so gefällt. Bei ihnen ist immer ein gewisses Augenzwinkern und Humor dabei.

Sind Sie Fußball-Fan und wenn ja, von welcher Mannschaft?

Seit meiner Kindheit bin ich Bayern-Fan. Ich selbst habe bei Geislingen gespielt.

Sie haben einen auffälligen, aber sehr schönen Wandteppich hinter Ihrem Schreibtisch hängen. Hat der eine besondere Bedeutung?

Dieser thailändische Teppich gehörte meinem ehemaligen Chef im LKA, dem Dr. Podolski, Erfinder der Vermögensabschöpfung, und er hing bei ihm im Büro an der Wand. Als er in Ruhestand ging, blieb der Teppich und er wurde zu einem Erbstück, das mich seitdem auf meinem dienstlichen Weg begleitet. Von Ulm, über Göppingen schließlich nach Ludwigsburg. Er ist ein wunderschönes Andenken an meinen ehemaligen Chef – einen ganz tollen Menschen

Sie sind jetzt 60 Jahre alt, der Ruhestand rückt näher. Wie stellen Sie sich die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Polizeidienst vor?

Ich sage nur: Italien, ich komme! Einfach mal mit meiner Frau vier, fünf, sechs Wochen mit dem Auto gemütlich durch Italien bis in den Süden runterfahren, die Menschen und Gegend kennenlernen und ohne Zeitdruck bleiben, wo es mir gefällt.

Herr Wild, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

 

 

 

 

 

Handballfieber in Ludwigsburg: Eine vielversprechende Saison mit klaren Zielen

Die Stadt Ludwigsburg erliegt dem Handballfieber, und die Vorfreude auf die neue Saison ist regelrecht spürbar. Mit dem Beginn der Saison am kommenden Samstag richten sich die gespannten Blicke auf das, was da kommen mag. Nachdem der Aufstieg in die Verbandsliga in der letzten Saison nur knapp verpasst wurde, startet das Team des HB Ludwigsburg, angeführt von Trainer Jörg Kaaden, mit klaren Zielen und einem durchdachten Plan in die kommende Spielzeit.

In einem exklusiven Interview mit LB24 gewährt uns Trainer Kaaden Einblicke in die Pläne seines Teams. Dabei stehen nicht nur vielversprechende Verstärkungen im Mittelpunkt, sondern auch die Strategie, auf die eigene Jugend zu setzen. Was einst als Underdog begann, ist nun ein Team mit klaren Ambitionen. Diese Saison verspricht eine aufregende und spannende Reise für alle Handballfans in Ludwigsburg und darüber hinaus zu werden.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Nachdem der Aufstieg in die Verbandsliga in der letzten Saison nur knapp verpasst wurde, stellt sich die Frage nach den Zielen für die kommende Saison. Welche Ambitionen hat das Team für die bevorstehende Spielzeit?

Jörg Kaaden: Ja, die Erwartungen sind nach unserem Erfolg im letzten Jahr spürbar gestiegen. Dennoch bleibe ich persönlich und in Abstimmung mit unserem Verein am Kurs unseres Dreijahresplans. In der vergangenen Saison war unser Ziel klar definiert: der Klassenerhalt, den wir bereits frühzeitig sichern konnten. Für die kommende Saison lautet unser Ziel, uns im oberen Drittel der Liga zu etablieren, idealerweise unter den Top 3. Wenn wir dieses Ziel früher erreichen sollten, umso besser. Unser Blick richtet sich stets nach oben. Unsere Vorbereitung hat gezeigt, wo wir stehen und welches Potenzial in unserem Team steckt. Daher sind wir voller Zuversicht.

LB24: Im ersten Jahr haben es Aufsteiger oft leichter, da sie von den meisten Gegnern unterschätzt werden. Diese Situation wird sich wahrscheinlich in diesem Jahr ändern. Erwarten Sie eine insgesamt schwierigere Saison ?

JK: Ja und nein, wie Sie sagen, das zweite Jahr wird immer schwieriger. Wobei wir, wenn man die Staffelkonstellation anschaut, auf viele neue Teams treffen, und uns sieht man als drittplatzierten im letzten Jahr in der Landesliga. Wir haben 7 neue Gegner, 7 neue Mannschaften in der Staffel. Wir müssen uns das erarbeiten, dessen sind wir uns bewusst. Das Überraschungsmoment des Underdogs besitzen wir nicht mehr. Entsprechend müssen wir eine Schippe drauflegen

LB24: Welche Verstärkungen und Transfers haben Sie für die Mannschaft vorgenommen, um Ihre Ziele in der kommenden Saison zu erreichen?

JK: Wir haben gezielt nach Verstärkungen gesucht, um unsere Offensivleistung zu steigern. Ein wichtiger Neuzugang ist Nico Schöck (20), ein talentierter Linkshänder mit einer imposanten Größe von 1,98 Metern. Er kommt vom SV Kornwestheim 2 und wird sicherlich unsere Angriffsoptionen erweitern.

Am Kreis haben wir mit Fabian Hilsenbeck ebenfalls vom SV Kornwestheim 2 einen Spieler  mit einem ähnlichen Spielcharakter wie Nick Luithardt gewonnen. Dies wird unsere Variabilität im Angriff erhöhen. Zudem haben wir mit diesen Zugängen unsere Abwehr verstärkt, was uns in der vergangenen Saison zeitweise gefehlt hat. Felix Kerber ist ein weiterer Neuzugang im Tor, er kommt für Sven Bartels, der nach Frankfurt gezogen ist.

LB24: Es gab jedoch auch Abgänge

JK: Ja, es gab auch Abgänge. Unser Mannschaftskapitän Viktor Schneider hat sich im entscheidenden Spiel das Kreuzband gerissen und wird uns leider länger fehlen. Auch Steffen Rook und Moritz Kraak haben ihre Handballkarriere beendet.

Diese Abgänge sollen auch durch unsere eigene A-Jugend kompensiert werden. Wir haben 4-5 vielversprechende Talente in unseren Reihen, auf die ich vollstes Vertrauen habe. Sie werden die Gelegenheit erhalten, im Männerbereich ihre Erfahrungen zu sammeln. Unsere Strategie, auf die Jugend zu setzen, setzt sich also fort und sendet ein starkes Signal an unsere Nachwuchsspieler.

LB24:  Das war schon in der letzten Saison so, dass Sie auf die Jugend gesetzt haben. Welche jungen Spieler werden wir in dieser Saison sehen, und wie schätzen Sie ihre Leistungsfähigkeit ein?

JK: Ja, definitiv. Wie bereits erwähnt, haben wir einige vielversprechende junge Spieler, die eine wichtige Rolle in dieser Saison spielen können. Wir haben aktuell fünf A-Jugendspieler, die in unserem erweiterten Kader sind: Mark Weigand, Finn Würth, Luke Bayer, der bereits letzte Saison gezeigt hat, was er kann, und der neu hinzugekommene Lasse Küchenthal vom TV Bittenfeld sowie Julien Schmidt. Diese jungen Talente werden definitiv ihre Chance bekommen, und ich habe volles Vertrauen, dass sie das Potenzial haben in der Zukunft wichtige Rollen zu übernehmen.

LB24: Hat sich die Qualität des Kaders im Vergleich zur letzten Saison verbessert? Haben Sie ein stärkeres Team?

JK: In der Vorbereitung konnten wir uns steigern. Wir hatten unter anderem Spiele gegen Teams aus der Württemberg-Liga wie Fellbach und Schozach-Bottwartal, bei denen wir teilweise oder auch über 60 Minuten auf Augenhöhe agierten und am Ende nur knapp verloren haben.

Dies war ein entscheidender Schritt für uns und zeigt, dass wir uns verbessert haben. Allerdings müssen wir konstant auf diesem Niveau spielen. Das hat in der Vorbereitung noch gefehlt, aber wir arbeiten hart daran. Letzte Saison hatten wir das Problem, dass wir gut gestartet sind, dann aber unnötige Punkte liegen gelassen haben. Dieses Jahr sind wir einen Schritt weiter. Wir haben auch einige neue Spieler, die unser Team verstärken.

LB24: Wie schätzen Sie den ersten Gegner am kommenden Wochenende, den TSV Willsbach, ein?

JK:  Der TSV Willsbach, Aufsteiger aus Heilbronn, war vor zwei Wochen ein Turniergegner. Dabei traten beide Mannschaften nicht in Bestbesetzung an, und wir haben einige taktische Dinge ausprobiert. Leider waren diese erfolgreich (lacht), was psychologisch gesehen immer schwierig ist. Wenn man einen Gegner in der Vorbereitungsphase deutlich geschlagen hat, muss das schnell aus den Köpfen. Ich habe mir die Details des kommenden Spiels noch nicht genau angesehen. Aber rein von der körperlichen Präsenz her schätze ich sie als eine harte Nuss für uns ein. Es ist jedoch unser erstes Heimspiel, und die Rollen sind klar verteilt.

LB24: Wer sind Ihrer Meinung nach die schärfsten Konkurrenten in dieser Saison?

JK: Es ist immer schwierig, genaue Prognosen zu treffen, da sich die Dynamik im Laufe der Saison ständig ändert. Aber wenn ich einige Teams hervorheben müsste, würde ich Oppenweiler 2, Kornwestheim 2 und Mundelsheim als starke Konkurrenten in dieser Saison betrachten. Reservemannschaften haben oft die Möglichkeit, mit jüngeren, talentierten Spielern zu punkten, die in der ersten Mannschaft möglicherweise weniger Spielzeit erhalten. Daher sind diese Teams oft besonders gefährlich. Auch Asperg sollte nicht unterschätzt werden.

LB24: Dürfen die Fans auf irgendwelche Überraschungen in Ihrer Spielweise in dieser Saison hoffen? Gibt es taktische Neuerungen oder Veränderungen im Vergleich zum letzten Jahr?

JK: Definitiv. Wir werden in dieser Saison unsere taktische Vielfalt ausbauen. Im vergangenen Jahr hatten wir bereits den besten Angriff der Liga, und daran wollen wir anknüpfen. Sie können sich also auf viele Tore von uns freuen. Wir haben auch in der Vorbereitung verstärkt daran gearbeitet, unsere Defensive zu stärken. Dabei haben wir eine offensivere Abwehrvariante hinzugefügt, die Sie in dieser Saison sehen werden. Insgesamt denke ich, dass wir uns taktisch weiterentwickelt haben und einige neue Elemente in unser Spiel integrieren werden.

LB24: Sie haben zu Beginn über den 3-Jahres-Plan Ihres Teams gesprochen. Könnten Sie uns mehr darüber erzählen? Wie sieht dieser Plan aus?

JK: Die Verbandsliga ist als unser langfristiges Ziel klar definiert, sowohl von meiner Seite als auch vom Verein. Wir streben sportliche Erfolge an, wobei natürlich immer im Hinterkopf behalten werden muss, dass diese nicht immer planbar sind. Letzte Saison haben wir bereits eine positive Entwicklung gezeigt, und in dieser Saison wollen wir noch einen Schritt weitergehen. Dabei müssen wir auch unvorhergesehene Ereignisse berücksichtigen, wie beispielsweise Verletzungen. Ein solches unglückliches Ereignis war die Kreuzbandverletzung unseres Kapitäns Viktor Schneider, die uns überraschte und uns vor neue Herausforderungen auf dieser Position stellten. Dennoch sind wir hochmotiviert und freuen uns auf die kommende Saison. Wir werden von Anfang an Vollgas geben und hoffen erneut auf die begeisterte Unterstützung unserer Fans.

LB24: Hat Ihr Kader genug Qualität, um in dieser Saison die Meisterschaft zu gewinnen?

JK: JA

Herr Kaaden, wir danken Ihnen fürs Gespräch und wünschen viel ERFOLG!

Wer ist Jörg Kaaden ?

Jörg Kaaden, ein 45-jähriger Handball-Enthusiast, bringt nicht nur sein Fachwissen in den Sport ein. Als verheirateter Vater von zwei Kindern ist er in der malerischen Stadt Marbach zu Hause. Abseits des Handballfeldes ist er ein leidenschaftlicher Koch und ein versierter Gärtner, der seine grünen Oasen hegt und pflegt.

In seiner eigenen Handballkarriere spielte Kaaden erfolgreich für die Stuttgarter Kickers und den TSV Schmiden und konnte in verschiedenen Ligen beachtliche Erfolge feiern, darunter den Gewinn der Württembergischen Meisterschaft.

Seit 2022 überträgt er seine Leidenschaft und sein Wissen als Trainer des Männer-Teams des HB Ludwigsburg sowie als Handball-BW Stützpunkt Trainer für die aufstrebende männliche Jugend in Bietigheim. Seine jahrelange Erfahrung wird durch eine C-Lizenz seit 2009 und eine B-Lizenz seit 2013 im Handballsport untermauert.

Die Führung einer Stadt inmitten globaler Krisen: Oberbürgermeister Knechts Halbzeit-Bilanz in Ludwigsburg

Am 30. Juni 2019 wählten die Bürgerinnen und Bürger überraschend Dr. Matthias Knecht mit einem deutlichen Zuspruch von 58,45 Prozent bereits im ersten Wahlgang zum neuen Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg. Sein Amt trat der 48-jährige Politiker am 1. September desselben Jahres an und beendete damit die 16-jährige Regentschaft seines Vorgängers Werner Spec. In der frühen Phase seiner Amtszeit wurde der parteilose Knecht unmittelbar mit einer wahrhaftigen Feuerprobe konfrontiert – der verheerenden Corona-Pandemie, gefolgt von einer beispiellosen Abfolge globaler Krisen, darunter der Ukraine-Krieg, die Flüchtlings- und Wirtschaftskrise. Diese epochalen Herausforderungen ließen seine Verantwortung keineswegs leichter erscheinen. Mit nunmehr vier Jahren seiner insgesamt 8-jährigen Amtszeit hinter sich, ziehen Ludwigsburg24 und Dr. Knecht eine Zwischenbilanz. In einem exklusiven Gespräch reflektiert der promovierte Jurist ausführlich über seinen außergewöhnlichen Amtsantritt und schildert über die intensiven Eindrücke und Herausforderungen, denen er von Anfang an gegenübersteht.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Was waren die Höhepunkte Ihrer Amtszeit als Oberbürgermeister von Ludwigsburg in den vergangenen vier Jahren?

OB Knecht: Ich habe das Privileg, mit einem unglaublichen Team zusammenzuarbeiten. Das hat sich insbesondere gleich zu Beginn meiner Amtszeit während der Corona-Pandemie und jetzt auch in der Ukraine-Krise gezeigt. An diesen Herausforderungen sind wir als Stadtverwaltung gewachsen und haben uns auf den Weg gemacht, viele inhaltlichen Themen voranzubringen. Im engen und äußerst vertrauensvollen Zusammenspiel mit dem Gemeinderat haben wir Soforthilfe geleistet und erfolgreiche Maßnahmen ergriffen, wie unter anderem das Aktionsprogramm für den Einzelhandel in der Stadt.

Wir haben wichtige Beschlüsse gefasst, darunter den Neubau des Bildungszentrum West, die Grundlagenbeschlüsse für die Stadtbahn und die Beschlüsse für unverzichtbare Maßnahmen des Klimaschutzes. Die Ansiedlung oder Erweiterung von namhaften Unternehmen wie Roche, Stihl und Lapp Kabel oder Start-Ups wie Instagrid stärkt die wirtschaftliche Stabilität der Stadt. Die Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Rede von  Charles de Gaulle an die deutsche Jugend und der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinermeier zum 75-jährigen Bestehen des Deutsch-Französischen Instituts waren großartige Veranstaltungen.

LB24: Eine neue Städtepartnerschaft hat es ebenfalls gegeben. Das ist heutzutage eher eine Seltenheit.

OB Knecht: Stimmt, Sie sprechen von der Partnerschaft mit Bergamo in Italien. Das ist wirkich etwas Besonderes. Eine wunderbare Stadt, die zu uns paßt. Es ist ein schöner  Erfolg, diese Stadt für uns einnehmen zu können.

LB24: Was waren Ihre größten Herausforderungen?

OB Knecht: Zunächst ist es klar, dass ich die Corona-Pandemie und den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und die damit verbundenen Auswirkungen auf unsere Bürgerschaft in Ludwigsburg nenne. Es ist keine schöne Aufgabe, Sperrzeiten zu kontrollieren, Maskengebote zu erlassen oder Weihnachtsmärkte abzusagen. Und natürlich ist es eine große Herausforderung, die Zivilgesellschaft, die für Integration und sozialen Zusammenhalt unheimlich viel leistet, jetzt auch noch mit Containerdörfern zu belasten. Aber wir tun dies, um Sport- und Kultureinrichtungen offenhalten zu können.

Losgelöst von den beiden Themen gibt es im Bereich Wohnungsbau große Herausforderungen. Obwohl wir mit unserer städtischen Tochter der Wohnungsbau Ludwigsburg eine starke Partnerin haben, stehen wir vor Schwierigkeiten. Die Baupreise sind explodiert und die Finanzierung wird teurer. Ein Beispiel dafür ist das Wohngebiet Grünbühl, wo wir geplant hatten, 420 Wohneinheiten zu errichten, aber bisher nur etwa die Hälfte fertiggestellt wurde.

LB24: Sind steigende Mieten ebenfalls ein Problem?

OB Knecht: Ja sicher! Die Mietpreise steigen und steigen. Momentan bekommen wir das nicht in den Griff, wenn wir auch gewisse Spitzen durch unsere Wohnungsbau abfedern können.

LB24: Fehlen in Ludwigsburg nicht auch Sportstätten?

OB Knecht: Sie sprechen unter anderem vom Sportpark Ost. Wir haben bereits einige kleine Projekte wie die Tennisplätze und das Projekt der Reisser Stiftung umgesetzt. Aber die Sporthalle Ost fehlt unter anderem noch. Hoffentlich können wir noch in diesem Herbst den Baubeschluss für die Sporthalle fassen und mit dem Bau beginnen. Dies hätte ich mir schon vor einigen Jahren gewünscht. Lösungen für Oßweil und Poppenweiler hatte ich eigentlich auch versprochen. Jetzt fehlt uns aber das Geld. In Oßweil könnte eine Sanierung die Lösung sein. Das besprechen wir im Herbst mit dem Stadtteil.

LB24: Der Klimawandel wird den städtischen Haushalt zusätzlich belasten?

OB Knecht: Der Beschluss zum Klimaneutralitätskonzept wurde im Dezember 2022 gefasst. Unser Konzept ist vom Land als vorbildlich ausgezeichnet worden, aber es verursacht auch hohe Kosten, die wir ohne Förderung schlicht nicht stemmen können. Expertinnen und Experten sprechen von rund zwei Milliarden Euro, die bis 2035 auf uns zukommen werden. Das ist für uns ohne Förderung von EU, Bund und Land nicht machbar.

LB24: Sie haben zu Beginn Ihres Amts gesagt, dass Oberbürgermeister zu sein, Ihr Traumberuf sei. Nach vier Jahren im Amt, sind Sie immer noch derselben Meinung oder haben sich Ihre Ansichten geändert?

OB Knecht: Die vier Jahre haben meine Einschätzung zu 200 Prozent bestätigt: Es ist mein Traumberuf!  Was wäre gewesen, wenn ich kein Oberbürgermeister geworden wäre? Vielleicht wäre ich jetzt Präsident einer Hochschule oder weiter in einem juristischen Beruf tätig. Aber aus meiner Sicht wäre das ein Stück weit langweiliger, weil es nur ein Handlungsfeld wäre. Als Oberbürgermeister habe ich unter anderem mit Kultur, Bildung, Klima, Mobilität, Wirtschaftsförderung und Sport zu tun. Es ist eine unglaublich vielfältige Tätigkeit, daher bin ich weiterhin mit Begeisterung dabei! Ich gehe immer noch jeden Tag mit großer Freude zur Arbeit. Ein weiterer Aspekt: In Krisensituationen wie der Corona-Pandemie oder der Flüchtlingskrise merkt man, dass man für die Bevölkerung und die Verwaltung eine immense Verantwortung trägt, und dem stelle ich mich. Es macht unglaublich viel Freude und gibt viel Kraft, wenn man seinen Beitrag zum sozialen Zusammenhalt leisten kann.

LB24: Gibt es Entscheidungen, bei denen Sie im Nachhinein sagen, dass Sie sie vielleicht anders hätten treffen sollen?

OB Knecht: Natürlich gibt es solche Dinge, bei denen man denkt, dass sie nicht optimal waren und man sich anders hätte verhalten können. In Situationen mit hoher Emotionalität, in denen Krieg, Krise und wirtschaftliche Herausforderungen zusammentreffen, ist eine noch größere Sensibilität im Umgang mit den Menschen erforderlich. Beispielsweise beim Thema der Prüfung der Landeserstaufnahmeeinrichtung hätten wir sensibler kommunizieren müssen, nicht nur wir als Stadt, sondern auch das Land Baden-Württemberg. Zudem denke ich oft über die kurzfristige Absage des Weihnachtsmarktes 2021 wegen der Corona-Zahlen nach. Vielleicht hätten wir da früher die Reißleine ziehen sollen oder gar eine Durchführung ermöglichen sollen. Im Freien, mit Abstand und frischer Luft wäre es vielleicht doch vertretbar gewesen. Das trifft sicher auch auf die eine oder andere Corona-Maßnahme wie Maskengebote im Freien zu. Dafür waren sie in den Innenräumen sicher für viele lebensrettend.

LB24: Was haben Sie daraus gelernt?

OB Knecht: Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass Themen und aktuell zu entscheidende Entwicklungen frühzeitig und ausführlich kommuniziert werden. Denn man kann Menschen nicht in einem dreizeiligen Facebook-Eintrag verständlich machen, worum es geht. Die Bedeutung der Kommunikation wird mit jedem Tag, aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen, der Flüchtlingsfrage und der politischen Herausforderungen, noch wichtiger. Ich glaube, in vielen Bereichen tun wir dies bereits, aber es wird jetzt noch zentraler. Wir müssen definitiv mehr Zeit für Erklärungen einräumen, um den sozialen Zusammenhalt zu bewahren.

LB24: Angesichts einiger Vorfälle in Ludwigsburg könnte man den Eindruck gewinnen, dass die Sicherheit in der Stadt beeinträchtigt ist. Wie würden Sie die aktuelle Sicherheitslage in Ludwigsburg einschätzen?

OB Knecht: Ich persönlich habe nicht wirklich dieses Gefühl! Natürlich gibt es bestimmte Ecken, um die wir uns Sorgen machen müssen. Zum Beispiel der Arsenalgarten, wo wir Maßnahmen mit der Polizei ergreifen mussten, oder der Akademiehof, wo wir festgestellt haben, dass sich dort eine inakzeptable Situation entwickelt. Wir schauen sehr genau hin, und reagieren auch entsprechend. Aber aus vielen Gesprächen kann ich sagen, dass die Menschen, auch die älteren,  sich weiterhin wohl in Ludwigsburg fühlen. Es ist eine großartige Stadt zum Leben. Das bestätigen viele Umfragen.

LB24: Die Bevölkerung wird bunter. Kann das nicht auch zum Problem werden?

OB Knecht: In Zeiten wie diesen erfordern der soziale Zusammenhalt und der soziale Frieden höchste Aufmerksamkeit und größtmöglichen Einsatz. Die Ängste, Befürchtungen oder Kritik aus der Bevölkerung nehmen wir ernst und vorverurteilen nicht. Wir versuchen nur zu erklären, dass subjektive Wahrnehmungen oft nicht die allgemeine Lage abbilden. Wir haben klare Statistiken, die belegen, dass zum Beispiel der Bahnhof oder die Innenstadt keine Kriminalitätsschwerpunkte sind.  

LB24: Der Bahnhof scheint ein Brennpunkt zu sein.

OB Knecht: Wie gesagt, es gibt einen Unterschied zwischen dem subjektiven Sicherheitsgefühl und objektiven Daten. Das hat unser Projekt „SiLBer“, das dazu Forschungsarbeit geleistet hat, eindrucksvoll bewiesen. Es ist nicht einfach, subjektive Wahrnehmungen zu ändern. Deswegen laufen bereits seit zwei bis drei Jahren Gespräche mit dem Eigentümer des Bahnhofs. Wir versuchen, eine gemeinsame Lösung zu finden, um das Bahnhofsgebäude besser zu gestalten – in Verbindung mit dem Franck-Areal. Wie schnell ungenutzte Fläche durch junge Unternehmen – die Spaß, Kultur und mehr bieten – aufgewertet wird, lässt sich hier beobachten. Es braucht oftmals keine jahrelang ausgearbeiten Konzepte, sondern manchmal nur den Mut, Neues zu probieren!

LB24: Verliert Ludwigsburg an Strahlkraft?

OB Knecht: Ich denke nicht, dass Ludwigsburg an Attraktivität verliert. Wir haben immer noch viele Menschen in der Stadt, aber ihre Aktivitäten und die Zeiten, in denen sie diesen nachgehen, haben sich teilweise geändert. Die Innenstadt bietet Erlebnisse, Treffen mit Freunden und vieles mehr neben dem so wichtigen klassischen Einkaufen! Unser Einzelhandel ist der Grundpfeiler einer florierenden Innenstadt! Aber das Bewusstsein der Bevölkerung hat sich natürlich auch verändert, es wird mehr online eingekauft. Wir müssen die Innenstadt neu denken und andere Nutzungen fördern. Wohnen sollte eine größere Rolle spielen, vielleicht sogar mit Veränderungen im Baurecht, um Wohnraum auch im Erdgeschoss zu ermöglichen. Gesellschaft, Stadt, Wirtschaft sortieren sich neu. Dafür müssen wir als Politik und Gesetzgeber die Weichen stellen.

LB24: Der Einzelhandel bereitet doch Probleme?

OB Knecht: Wichtig ist zu differenzieren. Die Bedeutung des Einzelhandels für das Antlitz einer Innenstadt ist unersetzbar. Mit dem Versanden des klassischen Ladengeschäfts nimmt die Aufenthaltsqualität ab. Das sehen wir bereits in ganz vielen Städten. Dagegen spielt der Einzelhandel im Einkaufsverhalten der Menschen weiterhin eine Rolle, aber seine Bedeutung nimmt ab. Ich klicke zweimal auf mein Smartphone und bekomme mein Lieblingsessen und den Film, den ich lange nicht gesehen habe, gleichzeitig in mein Wohnzimmer. Natürlich leiden die Städte darunter! Deswegen müssen wir mit unserem Innenstadtverein LUIS immer wieder Anreize schaffen, die es lohenswert machen, unsere Stadt zu besuchen. Wer einmal an einem lauen Freitagabend auf dem Marktplatz bei einem guten Essen und dem Freiluftkonzert der Schlossfestspiele saß, der weiß, wovon ich spreche. Das gibt es eben nicht daheim! Die Verbindung zwischen Einzelhandel, Gastronomie und Kultur ist ganz zentral.

LB24: Können Sie die Ängste und Befürchtungen der Protestler, die sich gegen die LEA (Landeserstaufnahmeeinrichtung) richten, nachvollziehen?

OB Knecht: Ja, ich kann die Ängste und Befürchtungen der Protestierenden nachvollziehen. Das System der LEAs ist nicht gut, besteht aber aktuell. Natürlich könnte das Land überlegen, ob es sinnvoller wäre, ein zentrales Zentrum mit größeren Kapazitäten zu schaffen und dann in den Kommunen mit kleineren Einheiten zu arbeiten. Statt 5-6 LEAs mit jeweils etwa 1000 Personen könnte das Land vielleicht eine Einrichtung für 5000 bis 6000 Menschen schaffen. Wer dann nicht zurückgewiesen wird, sollte schnell vor Ort in kleineren Einheiten wohnen und integriert werden.  

Grundsatzproblem an der Sache sind die EU-Außengrenzen bzw. die Verteilung der Menschen in Europa. Es kann doch nicht sein, dass Baden-Württemberg mehr Menschen aufnimmt als beispielsweise ganz Frankreich. Ich verstehe die Kritik am bestehenden EU-System und teile diese. Die demokratischen Kräfte der EU müssen den Menschen wieder viel mehr zeigen, dass sie die Sorgen und Ängste im Blick hat. Wenn wir den ständig den Zusammenhalt in der Bevölkerung fordern, muss das in der Politik vorgelebt werden. Das fehlt mir derzeit auf Bundesebene.

LB24: Ist der LEA-Standort Ludwigsburg eine Option?

OB Knecht: Ich habe im März betont, dass der Standort Schanzacker nur als Notlösung und unter scharfen Bedingungen in Betracht kommt. Meine Bedingungen sind weiter nicht verhandelbar. Durch das Nein der Kommunalpolitik in Tamm, Asperg und Ludwigsburg sehe ich gegenwärtig keine LEA am Standort Ludwigsburg.

LB24: Darf man Neuankömmlinge nur als Belastung sehen?

OB Knecht: Nein, das geht an der gesellschaftlichen Entwicklung tatsächlich vorbei. Ich würde sogar sagen, dass wir dringend eine besser gesteuerte Zuwanderungspolitik benötigen. Es fehlen uns hunderttausende Arbeitskräfte, nicht nur Fachkräfte! Es ist aber entscheidend, dass wir die Zuwanderung klug steuern und die Menschen schnell in Bildung und den Arbeitsmarkt integrieren. Wir sollten keine Angst vor Menschen aus dem Ausland haben, solange sie sich in unsere Gesellschaft einfügen, arbeiten und integrieren möchten. Wir müssen dafür sorgen, dass sie schnell in Arbeit kommen und nicht lange in Flüchtlingsunterkünften bleiben.

LB24: Angesichts des Engagements der Ludwigsburger Firma MHP – a Porsche Company als zukünftiger Namensgeber der Spielstätte des VfB Stuttgart, wie beurteilen Sie diese Entscheidung und welche Auswirkungen erwarten Sie für die MHP-Arena und die Ludwigsburger MHP-Riesen?

OB Knecht: Für MHP ist das eine großartige Sache, ich habe ein tolles Verhältnis zu dem Unternehmen und habe zu diesem Schachzug gratuliert. Als OB von Ludwigsburg muss ich realistisch sein und weiß, dass Fußball die Top-Sportart in Europa ist und enorme Aufmerksamkeit generiert. Natürlich ist es uns wichtig, dass die MHP Riesen weiterhin in gleichem Maße unterstützt werden, denn diese sind unser Ludwigsburger Aushängeschild! Das hat mir CEO Dr. Ralf Hoffmann aber bereits vor der Veröffentlichung des neuen Engagements zugesichert. Deswegen sehe ich keine Konflikte.

LB24: Wie haben Sie von den Änderungen erfahren?

OB Knecht: Wie gesagt, ich hatte vor der Veröffentlichung der Nachricht ein Telefonat mit dem Vorstandsvorsitzenden von MHP, Dr. Ralf Hoffmann. Er versicherte mir, dass das Engagement keine negativen Auswirkungen für den Ludwigsburger Sport haben wird, auch nicht in den nächsten Jahren.

LB24: Bedeutet das, dass wir den Oberbürgermeister von Ludwigsburg häufiger in der MHP Arena in Stuttgart erleben werden als bei den Basketballern in Ludwigsburg?

OB Knecht: Auf gar keinen Fall! Ich bin durch und durch überzeugter Basketball-Fan und werde regelmäßig auch bei anderen Sportarten weiter in den Hallen hier in Ludwigsburg anzutreffen sein. Was den Fußball in Stuttgart betrifft, so wird man mich weiterhin höchstens einmal im Jahr dort sehen. Auch für die Kultur gilt: lieber Ludwigsburger Schloßfestspiele als Staatsoper!

Herr Dr. Knecht, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Türkische Wahl und deutsche Politik: Die türkische Gemeinde im Fokus – Interview mit Macit Karaahmetoglu

Am 28. Mai erzielte Amtsinhaber Erdogan einen knappen Sieg in der Stichwahl um das höchste Amt der Türkei und wird somit weiterhin als Staatspräsident fungieren. Die politischen Ereignisse im Vorfeld und im Nachgang dieser emotional geführten Wahl entfachten leidenschaftliche Diskussionen und hitzige Debatten, sowohl in der Türkei als auch hierzulande in Deutschland. Inmitten dieses aufgeladenen politischen Klimas äußerte sich der SPD-Bundestagsabgeordnete Macit Karaahmetoglu aus Ludwigsburg in einem exklusiven Interview mit Ludwigsburg24 zu den brisanten Themen. Das Gespräch beleuchtet eine Vielzahl facettenreicher Aspekte und bietet einen eindrucksvollen Einblick in das Wahlverhalten türkischer Staatsbürger in Deutschland sowie die Beweggründe deutscher Politiker, die sich entschieden gegen Erdogan positionierten. Zudem äußerte Karaahmetoglu eine kritische Haltung gegenüber Agrarminister Cem Özdemir aufgrund seines umstrittenen Vergleichs, der eine breite Debatte auslöste und zu kontroversen Reaktionen führte.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen, sowohl im ersten Wahlgang als auch in der Stichwahl, haben sich zahlreiche deutsche Politikerinnen, Politiker und Mandatsträger öffentlich geäußert. Die Vorsitzenden der Grünen haben eine eindeutige Haltung gegenüber Präsident Erdogan eingenommen und klar dazu aufgerufen, nicht für ihn zu stimmen. Auch Sie haben sich gegen Erdogan ausgesprochen. Was ist die Motivation solcher Äußerungen?

MK: Es ist ein Unterschied, ob man als einzelner Abgeordneter wie ich sagt, dass man sich einen Erfolg der Opposition wünschen würde oder ob Parteivorsitzende sowie Bundesminister eine explizite Wahlempfehlung abgeben. Zweites halte ich für bedenklich. Es war unterm Strich eine Unterstützung von Erdogan, der sich in seiner Erzählung, westliche Mächte würden sich ständig einmischen, bestätigt sehen konnte. Ich glaube, dass die Grünen eigentlich mit einem außenpolitischen Thema Innenpolitik betrieben haben. Sprich: Sie wollten bei deutschen Wählerinnen und Wählern punkten mit einem populistischen Wahlaufruf.

LB24: Warum wurde im Vorfeld von Wahlen wie beispielsweise in Russland 2018 oder China keine solchen Aussagen und Empfehlungen abgegeben? Was waren die Gründe für diese Zurückhaltung?

MK: Das hat vor allem damit zu tun, dass die Türkei für uns ein besonders wichtiges Land ist. Es hat strategisch gesehen eine große Bedeutung, da es sich in einer Region befindet, in der es viele Konflikte und Krisen gibt. Die Türkei liegt zwischen Europa, Asien und Afrika. Zudem ist sie nach wie vor EU-Beitrittskandidat und NATO-Mitglied, wir haben starke wirtschaftliche Beziehungen und eine bedeutende türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland. Die Geschichte zwischen Deutschland und der Türkei ist tiefgreifend und hat starke Traditionen. Aus diesen Gründen ist die Türkei für uns ein wichtiges Land.

LB24: Russland und China sind ebenfalls bedeutende Länder für Europa und Deutschland, und auch hier leben eine beträchtliche Anzahl an Russlanddeutschen.

MK: China kann man nicht mit Russland oder der Türkei vergleichen, da es geografisch weit entfernt ist und es hier vergleichsweise wenige Chinesen gibt. Die Verbindung zu China ist eine andere. Was Russland betrifft, gibt es hier in Deutschland zwar viele Menschen russlandstämmiger Herkunft, das Land ist aber weder mit der EU noch der NATO verbunden. Entscheidender Unterschied ist zudem, dass die Türkei eine starke Zivilgesellschaft hat und Machtwechsel grundsätzlich durch Wahlen möglich sind. Das hat man bei den Kommunalwahlen 2018 gesehen.

LB24: Viele türkischstämmige Wähler in Deutschland fühlten sich von Politikerinnen und Politikern bevormundet, da diese klare Wahlempfehlungen gegen Erdogan und für die Opposition aussprachen. Es entstand der Eindruck, dass sich die Politik nicht um ihre Belange und Bedürfnisse kümmert, es sei denn, es geht um Erdogan. Hat sich diese Strategie letztendlich als kontraproduktiv erwiesen?

MK: Man muss berücksichtigen, dass wir uns in einem freien Land befinden, in dem man sich auch frei äußern darf. Dass dies auch zu einem Land wie der Türkei passiert, zu dem wir  starke Verbindungen haben, ist daher völlig klar. Millionen von Menschen machen Urlaub in der Türkei, es gibt deutsch-türkische Familien und rund 3 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln leben hier. Daher ist es natürlich, dass sich die Menschen für die Türkei interessieren und ihre Meinung äußern möchten. Ich selbst wurde in der Türkei geboren und habe starke Verbindungen zu diesem Land. Folgerichtig interessiere ich mich für das politische Schicksal der Türkei und äußere auch meinen Wunsch, dass das Land auf den Pfad der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zurückkehrt.

Auf der anderen Seite halte ich es für falsch, wenn nicht nur Einzelpersonen und Abgeordnete sondern Institutionen und sogar Parteien solche Vorschläge machen oder Wahlempfehlungen abgeben. Die türkischstämmigen Menschen haben dann natürlich einen Punkt, wenn sie sagen, dass ihre Anliegen nur selten Beachtung finden, man sich dann aber für sie interessiert, wenn sie Erdogan wählen.

LB24: Würden Sie diese Wahl als Schicksalswahl bezeichnen?

MK: Ich persönlich halte es nicht für angemessen, jede Wahl in der Türkei als Schicksalswahl zu bezeichnen. Die Grundbedingungen der Wahl waren nicht fair dadurch dass Erdogan 90% der Medien kontrolliert. Er führte einen schmutzigen Wahlkampf, in dem er die Opposition mit Lügen überzog. Er präsentierte sogar ein gefälschtes Video vor Zehntausenden von Zuschauern und verbreitete es über die kontrollierten Medien weiter. Alles stand unter dem Ziel, den Oppositionsführer in die Nähe der Terrororganisation PKK zu rücken.

Trotz dieser massiven Propaganda gelang es Erdogan am Ende nur, 52 Prozent der Stimmen zu erhalten. Das zeigt, dass wir in der Türkei eine starke Zivilgesellschaft und eine starke Opposition haben. Mit dieser Wahl ist vielleicht der Weg für die nächsten Jahre aber gewiss nicht das Schicksal des Landes besiegelt worden.

LB24: In Deutschland haben rund 730.000 Wähler (entspricht 67 %) für Erdogan gestimmt, was im Vergleich zur Türkei und anderen Ländern außerhalb der Türkei eine sehr deutliche Mehrheit darstellt. Wie erklären Sie sich das?

MK: Es gibt drei Gründe dafür. Der erste Grund ist, dass viele Türken, die in Deutschland leben, aus den Erdogan-Hochburgen Schwarzes Meer und Inneranatolien stammen, wo die Mehrheit bereits konservativ geprägt ist und daher eine natürliche Nähe zur Partei AKP und Erdogan empfindet.

Der zweite Grund ist – wir haben es eben schon angerissen – dass viele Menschen mit türkisch-muslimischem Hintergrund in Deutschland das Gefühl haben, benachteiligt zu sein. Sie empfinden zudem, dass die Türkei nicht die Wertschätzung erhält, die sie verdient, und dass sie selbst als Bürger dieses Landes abschätzig behandelt werden. Sie haben das Gefühl, als Menschen zweiter Klasse betrachtet zu werden. Viele von ihnen fühlen sich diskriminiert bei der Wohnungssuche und der Jobsuche. Das Thema der doppelten Staatsbürgerschaft betrifft sie ebenfalls, da sie oft davon ausgeschlossen sind. Das kommunale Wahlrecht ist ein weiteres Thema, bei dem sie benachteiligt werden. All diese Formen der Benachteiligung führen dazu, dass Erdogan für viele dann die Antwort ist. Er gibt ihnen das Gefühl, etwas wert zu sein. Er hat die Türkei zu einer regionalen Macht geformt und gilt als starker Mann, der all diesen Ungerechtigkeiten und den Staaten des Westens etwas entgegenzusetzen hat.

Der dritte Grund ist, dass die Türken in Deutschland sich fast ausschließlich aus Medienquellen informieren, die von Erdogan kontrolliert werden. Das betrifft fast 90 Prozent der Medien, die von den Deutsch-Türken nahezu ausschließlich konsumiert werden. Dadurch entsteht natürlich ein Bild von Erdogan, das nicht der Realität entspricht.

LB24: Nachdem bekannt gegeben wurde, dass Erdogan die Stichwahl gewonnen hatte, kam es spontan zu Jubelfeiern und Autokorsos in vielen deutschen Städten, einschließlich Stuttgart und der Region. Es entstand der Eindruck, als hätte die Türkei die Fußballweltmeisterschaft gewonnen, obwohl es eigentlich nur eine innenpolitische Wahl war.

Wie ist das zu erklären?

MK: Das zeigt die emotionale Seite der gesamten Situation. Man kann sagen, dass es zwei Mannschaften gibt: das türkische Team und das türkeikritische Team. Die Menschen haben den Eindruck, dass das pro-türkische Team gewonnen hat, und das ist der Grund für die Feiern. Es ist wichtig zu betonen, dass dies nur ihre persönliche Empfindung ist und nicht die objektive Realität widerspiegelt. Aus ihrer Perspektive haben diejenigen verloren, die die Türkei nicht lieben und den Türken etwas Schlechtes wünschen.

LB24: So gesehen war es mehr als nur eine politische Wahl.

MK: Es ist klar, dass es für die Türken eine emotionale Angelegenheit war. Für viele war die Wahl Erdogans gleichzeitig eine Gelegenheit, der Mehrheitsgesellschaft, die die Türken und die Türkei so wenig wertschätzt, einen Denkzettel zu verpassen. Es ging ihnen um mehr als nur politische Entscheidungen.

LB24: Viele Menschen haben auch für die Opposition gestimmt. Wie gedenken Sie und Ihre Partei nach der Wahl mit diesen enttäuschten Menschen umzugehen?

MK: Es ist wichtig, immer wieder deutlich zu machen, dass eben knapp die Hälfte der Wählenden für die Opposition gestimmt hat. Die pro-demokratische türkische Zivilgesellschaft muss sichtbar bleiben und gehört werden. Das umfasst auch diejenigen, die in Deutschland leben und sich für eine Rückkehr zur Demokratie, die Stärkung von Minderheitenrechten oder den wirtschaftlichen Aufschwung in der Türkei stark machen. Die SPD ist Schwesterpartei der CHP und wird weiter solidarisch an ihrer Seite stehen in der Hoffnung, dass sie eines Tages ein noch besseres Ergebnis zum Wohl der Türkei einfahren kann.

LB24: War es im Großen und Ganzen trotzdem eine demokratische Wahl?

MK: In der Wissenschaft kursiert für die heutige Türkei der Begriff der elektoralen Autokratie. Erdogan ist Autokrat, es finden aber freie Wahlen im Sinne einer weitestgehend freien Stimmabgabe statt. Die Bedingungen vor der Wahl waren aber keineswegs fair. Die einseitige Kontrolle der Medien und die ungleiche Präsenz der Kandidaten haben zu einer Verzerrung des Wahlkampfes geführt. Dies beeinträchtigt die demokratische Legitimation der Wahl. Es ist wichtig, diese Ungleichheiten anzusprechen und sicherzustellen, dass zukünftige Wahlen in der Türkei demokratisch und fair sind, indem gleiche Chancen für alle Kandidaten und Parteien gewährleistet werden.

LB24: Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hatte Bundeskanzler Scholz aufgefordert, in Bezug auf die Türkei eine Zeitenwende einzuläuten, indem er die Wahl Erdogans mit dem Angriffskrieg Russlands verglichen hatte. Wie beurteilen Sie diese Aussage?

MK: Ich finde es völlig unangemessen, die Wahl in der Türkei mit dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands auch nur irgendwie zu vergleichen. Und das tut der Begriff „Zeitenwende“ unweigerlich. Die Situation in der Ukraine ist eine humanitäre Tragödie mit schwerwiegenden Konsequenzen für Millionen von Menschen. Solche Vergleiche sollten mit Vorsicht und Sensibilität gemacht werden, um die Ernsthaftigkeit der Ereignisse angemessen zu würdigen. Es ist wichtig, dass politische Aussagen verantwortungsvoll und fundiert sind, um den tatsächlichen Situationen gerecht zu werden.

Herr Karaahmetoglu, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Welchen Superstar würden Sie gerne nach Ludwigsburg holen ? – Interview mit Schlossfestspiele-Intendant Jochen Sandig

Er kehrte Berlin den Rücken, um als neuer Intendant die Ludwigsburger Schlossfestspiele für ein breiteres Publikum noch attraktiver zu gestalten. Kaum hatte Jochen Sandig jedoch die Stelle angetreten, zwang ihn die Corona-Pandemie zu einer schmerzhaften Vollbremsung. Seine angestrebte Mission steht seither unter keinem guten Stern. Doch Sandig ist ein Überlebenskünstler und will sich weder von Corona noch dem Ukraine-Krieg oder der aktuellen Wirtschaftskrise in die Knie zwingen lassen. Im Interview mit Ludwigsburg24 erzählt der 54-jährige gebürtige Esslinger ausführlich über die derzeit finanziell angespannte Situation der Schlossfestspiele und seinen Plan C, wie er das Festival für ein jüngeres Publikum öffnen will und welchen internationalen Superstar er sofort nach Ludwigsburg holen würde, wenn er das nötige Geld dafür hätte.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Herr Sandig, Sie sind seit 2019 Intendant der Schlossfestspiele. Viele fragen sich, was macht ein Intendant eigentlich, was hat er für eine Aufgabe?

Jochen Sandig: Den Begriff Intendanz kennt man eher aus dem Bereich der Oper oder des Rundfunks. Intendanten sind diejenigen, die die Verträge verantworten mit Mitarbeitern und Künstlern. Sie verkörpern die höchste Ebene der Leitungshierarchie. Sie haben in der Regel sehr viel Macht. Allerdings versuche ich in meiner Funktion, die Hierarchie horizontaler und für mein Verständnis kollegialer zu halten. An meiner Tür hängt das Schild: „Bitte nicht stören“. Wenn meine MitarbeiterInnen ein Problem oder eine Frage haben, wünsche ich mir, dass sie zu mir kommen. Meine Tür steht immer offen, eine Hinterzimmerpolitik ist mir fremd. Jede und jeder kann sich einbringen, Konzepte mit Künstlerinnen und Künstlern entwickeln wir häufig gemeinsam. Als Gastgeber der Schlossfestspiele ist es mir immer wichtig, dass sich nicht nur unsere Gäste, sondern auch unser ganzes Team hier wohlfühlen. Meine Hauptaufgabe jedoch liegt in der finalen Entscheidung der Projekte und Programme. Ich trage dabei die Verantwortung für die Kunst und die Finanzen gleichermaßen. In letzter Instanz bin ich als Geschäftsführer gerade auch für den wirtschaftlichen Erfolg zuständig.

Was muss man für diese Aufgabe an Eigenschaften mitbringen, damit der Spagat zwischen Künstlern und Politik klappt?

Hilfreich ist sicherlich ein diplomatisches Geschick. Ich bin offen und ein Menschenfreund, scheue aber dennoch Konflikte nicht und gehe kreativ und selbstbewusst damit um. Während meines inzwischen 35-jährigen Berufslebens als Kulturmanager habe ich schon einige, teils auch existentielle Krisen erlebt, bei denen die Dinge mit sehr heißer Nadel gestrickt waren. Ich bin nicht verwöhnt, habe teilweise unter ganz schlechten Bedingungen gearbeitet wie beispielsweise in unbeheizten, bisweilen heruntergekommenen Räumlichkeiten ohne Strom und mit sehr wenig Geld. Ich kann also einiges aushalten und bin immer um einen offenen Austausch bemüht, sei es mit den Künstlerinnen und Künstlern oder den Verantwortlichen in der Kommunal- sowie Landespolitik. Inzwischen habe ich auch sehr gute Kontakte in die Bundespolitik, die mit Sicherheit für meine Arbeit hier in Ludwigsburg von Vorteil sind, da wir gerne unsere überregionale Rolle wieder aktiv stärken wollen. Die „Internationalen Festspiele Baden-Württemberg“ haben es verdient, weit über Ludwigsburg hinaus wahrgenommen zu werden. Deswegen war es mir wichtig, so viele finanzielle Ressourcen wie möglich heranzuholen, damit wir stärker ausstrahlen können.

Was hat Sie konkret an dem Job gereizt, dass Sie sich beworben haben?

Die Intendanz der Schlossfestspiele empfinde ich als eine sehr herausfordernde Aufgabe u. a. mit der Frage, wohin die Reise dieser seit 90 Jahren existierenden Institution der Schlossfestspiele von der Gegenwart in die Zukunft geht. Mein Ziel ist es, die Schlossfestspiele auch für ein etwas jüngeres Publikum attraktiv zu gestalten. Mit meiner Bewerbung hatte ich ein entsprechendes Konzept eingereicht, das die Findungskommission offenbar überzeugt hat, mich für fünf Jahre als Intendant auszuwählen. Vorher habe ich vorwiegend in Berlin gewirkt und vor allem neue Kultur-Orte mitgegründet, darunter drei größere, die auch überregionale Bedeutung erlangt haben – das Kunsthaus “Tacheles”, die “Sophiensæle” und das “Radialsystem”. Allerdings war ich eher unternehmerisch unterwegs und habe dabei sehr unter der Mangelwirtschaft gelitten. Wir haben dort in sehr prekären Verhältnissen gearbeitet und mit wenigen Mitteln viel bewegt. Das war jedoch auch in einer Zeit des Umbruchs und des Wandels der 1990er- und frühen 2000er-Jahre. Das wäre heute auch in Berlin mit so wenig Kapital nicht mehr möglich. Und mit dem Wechsel nach Baden-Württemberg ging die Hoffnung einher, in das Land meiner Herkunft zurück zu kehren, in dem dank einer starken Wirtschaft „Milch und Honig“ fließen.

Doch statt Milch und Honig bekamen Sie Corona und den Lockdown, was all Ihre Hoffnung und Pläne zunichtemachte. Wie sehr sind Sie in diesem Zusammenhang von der Politik enttäuscht worden?

In Hamburg beispielsweise haben die politisch Verantwortlichen jede Kultureinrichtung persönlich angerufen und gefragt, was sie unterstützend tun können. Hier bei uns war der Reflex der Politik: „Wir haben jetzt Corona, wir müssen ganz viel sparen.“ Bei den Schlossfestspielen ging es statt mit Hilfsmitteln direkt mit einer Einsparmaßnahme von 20 Prozent los, 2021 waren es 10 Prozent. Das hat uns sehr hart getroffen, zumal sich die öffentliche Förderung für die Festspiele seit 15 Jahren nicht mehr erhöht hat. Außerdem ist es so, dass die Mittel, die wir von der Stadt bekommen, in gleicher Höhe vom Land fließen. Durch diese Komplementärfinanzierung hatten wir somit in den beiden ersten Jahren meiner Intendanz insgesamt 480.000 Euro weniger zur Verfügung. Geld, das eigentlich fest eingeplant war. Ich gehe jetzt davon aus, dass es bei diesen zurückliegenden Kürzungen bleibt und keine weiteren vorgenommen werden.

Warum war das für Sie schlimm? Sie konnten doch eh nicht aktiv werden durch den Lockdown.

Das stimmt, wir hatten auch weniger Ausgaben. Aber hätten wir zumindest einen Teil dieser 480.000 Euro bekommen, wären wir in der Lage gewesen Rücklagen zu bilden für noch schwierigere Zeiten, in denen wir uns jetzt befinden. Die Schlossfestspiele haben keine Reserven, um längere Durststrecken zu überbrücken. Nach zwei Jahren Pandemie sind viele Menschen, vor allem die älteren, die im Schwerpunkt unser Stammpublikum bilden, immer noch sehr vorsichtig. Sie haben ihr Sozialverhalten komplett umgestellt, weil sie Angst vor einer Ansteckung haben. Dazu kommen seit 24. Februar 2022 der Krieg und die steigende Inflation sowie wachsende Energie- und Heizkosten. Das alles führt zu einer großen Verunsicherung sowie einer wirtschaftlich sehr schwierigen Situation.

Wie schaffen Sie es, sich trotz dieser widrigen Umstände weiterhin zu motivieren?

Als hätte ich es geahnt, schrieb ich in meiner Begrüßung in unserem ersten Fest Spiel Buch: „2020 – eine neue Dekade hat begonnen, in der Gesellschaft wächst das Bewusstsein, dass wir uns in einer Zeitenwende befinden. Die Kunst will von uns, dass wir nicht stehenbleiben – das forderte schon Ludwig van Beethoven.“ Deswegen war es für mich keine Frage der Motivation, denn wir mussten ja auf die Situation reagieren, als die Menschen nicht wie gewohnt zusammenkommen konnten. Also haben wir mit der Unterstützung u. a. von Porsche und MHP eine Digitale Bühne gegründet. Mein Team und ich hatten alle Hände voll zu tun und haben gefühlt doppelt so viel gearbeitet wie in einem normalen Jahr. Sowohl in der Kultur als auch der Wirtschaft geht es ab sofort nicht mehr nur um Wachstum, also höher, schneller, weiter, sondern vorrangig auch um Qualität, weshalb sich alle Beteiligten konstant in einer Transformation befinden. Auch wir als Kulturbetriebe müssen uns durchaus fragen, wie können wir uns weiterentwickeln – auch gemeinsam mit einem neuen Publikum. Was sind zukünftige künstlerische Prozesse, Produktionen und Projekte, in denen auch ein traditioneller Betrieb wie die Schlossfestspiele eine besondere Dringlichkeit bekommt? Die Dringlichkeit beschäftigt mich eigentlich am meisten.

Was schwebt Ihnen da vor?

Ich bin ein großer Fan neuer Formate und suche neben den traditionellen Konzerten Projekte, bei denen sich das Publikum frei bewegen kann, bei denen man nicht an seinem Platz festgenagelt ist, bei denen man eine gewisse Freiheit in der Partizipation und Wahrnehmung erleben kann. Ein Beispiel ist das „human requiem“ mit dem Rundfunkchor Berlin, das wir im Sommer 2022 in der Liederhalle Stuttgart zu Gast hatten, meine Inszenierung des „Deutschen Requiems“ von Johannes Brahms, bei dem die Grenzen zwischen Chor und Publikum komplett aufgelöst werden. Oder wir zeigten ein Konzert mit Videoprojektionen eines bedrohten Planeten zu dem Werk „Das Lied von der Erde“ von Gustav Mahler.

Hat die Pandemie quasi ungewollt die Veränderungsprozesse beschleunigt?

Ja, das hat sie unbedingt. Die Pandemie ist ein Katalysator. Mein Lebensmotto lautet: Suche nach dem Plan C. Einen Plan A oder einen alternativen Plan B zu haben, bedeutet lineares Denken. Komplexes Denken bedeutet jedoch, den dritten Weg, den Ausweg zu suchen. Wenn es wirklich eng wird, dann hilft kein Plan B, denn der ist nur die Variation von Plan A. Der Plan C muss komplett neu entwickelt werden und in dieser Situation befinden wir uns jetzt in einer Welt des Wandels.

Vertragen sich Kunst und Kultur mit der Digitalisierung?

Das verträgt sich absolut. Ich bin ein großer Fan von Livekonzerten, aber das Digitale bietet eine interessante parallele Welt. Wir haben eine digitale Bühne entworfen, die wir gerne noch weiterentwickeln möchten. Dass digital funktioniert, beweist unser Konzert mit Vitali Alekseenok, das ARTE aufgezeichnet hat. Das haben wir Maria Kolesnikowa gewidmet, der belarussischen Freiheits- und Demokratieaktivistin. Wir nannten dieses Konzert „Die unvollendete Revolution“, und es war lange noch auf ARTE Concert nach zu erleben. Unser Eröffnungskonzert 2023 wird für ein analoges Publikum im Forum mit bis zu 1.200 Plätzen aufgeführt, in der Planung ist aber auch wieder, dass es die Web-Community live und darüber hinaus noch ein halbes Jahr weiterhin anschauen kann. Natürlich werden wir weiterhin so viele analoge Veranstaltungen wie möglich machen vor realem Publikum. Unser Motto: Erfüllte Seelen in gefüllten Sälen. Aber Veranstaltungen aufzuzeichnen, nachhaltig zu bewahren oder reproduzierbar zu machen hilft, uns von überall auf der Welt erreichbarer zu machen.

Kommen wir mal zu den harten Fakten. Wie haben sich seit Ihrem Amtsantritt die Besucherzahlen entwickelt?

Leider haben wir unsere Planzahlen nicht erreicht. Wir hätten im letzten Jahr gerne viel mehr Menschen hier begrüßt. Wir hatten lediglich eine Auslastung von ca. 50 Prozent und haben rund 20.000 Besucherinnen und Besucher erreicht. Das sind nicht mehr die goldenen Zeiten von Wolfgang Gönnenwein, allerdings ging das Festival damals länger als drei Monate. Dazu kommt, dass unser Platzangebot in den Räumlichkeiten reduziert wurde. Früher durften in den Ordenssaal 400 Zuhörer, inzwischen sind es nur noch 280.

Woran liegt der Besucherrückgang noch. Sparen die Menschen an der Kultur?

Wir wollen uns nicht nur als Festspiele der klassischen Musik weiter etablieren, sondern wollen moderner werden, zeigen beispielsweise auch mehr zeitgenössischen Tanz als früher. Aber das dafür notwendige Mehr-Generationen Publikum muss sich erst noch entwickeln, das braucht einfach seine Zeit. Und das tradierte Publikum entscheidet sich heute kurzfristiger und stürmt nicht mehr wie früher mit Listen an Veranstaltungswünschen den Vorverkauf. Inzwischen spielen Corona, Inflation und die gesamte wirtschaftliche Situation eine Rolle. Häufig überwiegen Urlaubswünsche oder diverse Anschaffungen die Sehnsucht nach kulturellen Veranstaltungen. Und wir haben als Festival anders als die meisten Opern- und Konzerthäuser überhaupt keine klassischen Abonnenten.

Wie wollen Sie neben einem moderneren Programm-Angebot noch ein jüngeres Publikum gewinnen?

Das wollen wir schaffen, indem wir familienkompatibler werden. So haben wir z.B. unser Kartensystem für Schüler, Auszubildende und Studierende attraktiver gestaltet. Früher konnte sie vergünstigte Karten nur an der Abendkasse kaufen, wenn die Veranstaltung nicht ausverkauft war. Jetzt bekommen sie auch schon im Vorverkauf auf allen Plätzen diese Tickets für 15 Euro. Das macht uns für das junge Publikum natürlich sehr viel attraktiver.

Wie viel finanzielle Unterstützung bekommen Sie in normalen Zeiten von Stadt und Land und reicht das Geld, um Ihre künstlerischen Pläne umzusetzen?

Wir bekommen von Stadt und Land pro Jahr je 800.000 Euro. Eigentlich benötigen wir deutlich mehr, damit das, was wir hier machen wollen, dauerhaft funktioniert. Deswegen bin ich dankbar, dass wir insgesamt drei Millionen Euro an Bundesmitteln für drei Jahre bewilligt bekommen haben für unseren modellhaften Transformationsprozess in ein „Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit“. Aktuell rechne ich nicht damit, dass wir von Stadt und Land mehr bekommen. Wir müssen mit den bestehenden Mitteln klarkommen, auch wenn die Kosten überall extrem wachsen. Wir haben Preissteigerungen bei Mieten, Neben- oder Personalkosten – falls man überhaupt Personal bekommt – von bis zu 40 Prozent. Der gesamte Veranstaltungssektor ist sehr hart davon betroffen. Leider haben wir keine Gelddruckmaschine, und die Preise können wir auch nicht erhöhen. Wir haben hier zwar tolle Künstler, Weltstars oder „Rising Stars“, doch es soll bitte möglichst wenig kosten. Die Sparsamkeit und die Kurzfristigkeit der Kaufentscheidung machen uns allen zu schaffen. Hier sitzen alle Kulturschaffenden in einem Boot.

Inwieweit wirkt sich die finanzielle Situation auf Ihr künstlerisches Angebot aus? Müssen Sie deshalb mit den Künstlern noch härter verhandeln?

Leider mussten wir unser Programmangebot in der Quantität reduzieren, was sehr wehtut. In der Qualität machen wir keine Kompromisse. Für die Künstler gilt, dass sie alle innerhalb Europas möglichst CO2-freundlich anreisen, vorzugsweise mit der Bahn. Zum Glück denken die meisten Künstler sehr nachhaltig und verhalten sich entsprechend umweltfreundlich und kostengünstig. Wir zahlen gute Honorare, aber es sind uns Grenzen gesetzt, wir suchen daher eher die Weltstars der Zukunft und halten Ausschau nach jungen hochtalentierten Künstlerinnen und Künstlern, deren Gagen noch bescheidener sind. Somit arbeiten wir nicht nur ökologisch, sondern ebenfalls sehr ökonomisch, ohne dass die Qualität dabei leidet.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, und Sie dürften sich einen Megastar für Ludwigsburg wünschen, wer wäre das?

Da brauche ich nicht lange überlegen. Ich würde sofort Billie Eilish engagieren. Sie ist ein absoluter Stadion-Act, der die Massen anlockt. Eine tolle Sängerin mit einer Botschaft und ohne Starallüren, die ein junges bis mittelaltes Publikum anzieht. Doch für so einen Stargast bräuchte ich tatsächlich einen großen Geldgeber, der die Finanzierung übernimmt.

Fakt ist, Ludwigsburg hat ein eher konservatives Publikum und keine hippen Veranstaltungsorte. Dazu eher unbekannte Künstler, die für das bestehende Publikum nicht wirklich ziehen. Eigentlich klingt der Konflikt schier unlösbar…

Es klingt nach der Quadratur des Kreises, dennoch glaube ich an eine Lösung des Problems. Gerade in der Klassik gibt es unheimlich viel Bewegung durch sehr gute junge Künstler. Ich selbst komme eher von der elektronischen Musik, habe früher Keyboard gespielt in zwei Esslinger Bands, und stehe dieser Musik und ihren Künstlern sehr nahe. Ich glaube auch fest an die Open-Air-Konzerte im Monrepos. Das Klassik-Open-Air muss selbstverständlich bestehen bleiben, aber wir müssen das ausweiten mit anderen attraktiven Acts und in einer Größenordnung von Billie Eilish würde ich auf den größtmöglichen Veranstaltungsort zurückgreifen und das wäre dann eine Location in Stuttgart. Denn als internationale Festspiele von Baden-Württemberg bin ich auch in der Pflicht, überregionale Veranstaltungen zu machen.

Empfinden Sie Ludwigsburg als zu klein für so große Namen?

Nein, überhaupt nicht. Mir fehlt es eher an attraktiven Veranstaltungsorten. In Ludwigsburg gibt es das Franck-Areal, es könnte sich noch zu einem kreativen Knotenpunkt entwickeln. Das Wüstenrot-Hochhaus soll als Projekt für die IBA 2027 ausgeschrieben werden. Das könnte ein Inkubator für Kreative werden. Da können Studios entstehen für Startups aber auch für Film-, Musik- und Kunstschaffende. Ich sehe in Ludwigsburg durchaus Potentiale, die es so in Stuttgart immer seltener gibt. Dort ist alles noch teurer. Die Band „Die Nerven“ sind hier gegründet worden und ich halte sie für eine der bedeutendsten neuen Bands in Deutschland. Wir haben hier eine sehr lebendige HipHop-und Rap-Szene. Auch da gibt es Entwicklungspotential, vielleicht wird auch bald ein neuer Musikstil erfunden.

Kommen wir mal zu Ihnen persönlich. Sie wurden in Esslingen geboren und sind mit Anfang 20 für viele Jahre nach Berlin.

Das ist richtig und ich pendele auch immer noch zwischen Berlin und Ludwigsburg. Ich habe hier einen zweiten Wohnsitz, verbringe die Hälfte der Zeit hier und die andere Hälfte in Berlin.

Verglichen mit Berlin, was macht Ludwigsburg aus künstlerischer Sicht so besonders?

Ich kenne Ludwigsburg noch aus meiner Kindheit. Meine frühen Erlebnisse waren natürlich das Blühende Barock mit dem Märchengarten. Meine Frau Sasha Waltz hat hier 1995 in der Karlskaserne mit großem Erfolg ihre erste Choreographie aufgeführt. Als mich der damalige OB Werner Spec das erste Mal wegen der Intendanz anrief, habe ich zunächst abgewunken. Ich konnte mir den Job zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen, da ich auch noch nicht weg wollte aus Berlin. Er blieb aber hartnäckig und zwei Jahre später dachte ich dann: „Warum eigentlich nicht.“ Statt wieder etwas Neues in Berlin zu gründen, konnte ich mir dann doch vorstellen, für ein Festival Verantwortung zu übernehmen und meiner alten Heimat auf diesem Weg etwas zurückzugeben. Als Stadt ist Ludwigsburg auch deshalb interessant, weil sie im Ballungsraum Mittlerer Neckar mit 2,8 Millionen Menschen liegt – Kultur und Wirtschaft blühen hier. Diese beiden durchaus gegensätzliche Welten stärker zu vernetzen, betrachte ich als meinen Auftrag.

Wohnen Sie in Ludwigsburg?

Ja ich wohne im Landkreis, in Bietigheim-Bissingen, wo wir übrigens die Alte Kelter bespielen. In Ludwigsburg selbst habe ich bislang keine Wohnung gefunden, die für mich gepasst hat. Aber das schöne Umland mit seiner herrlichen Natur begeistert mich genauso wie die Stadt. Meist fahre ich von meiner Wohnung mit dem Fahrrad zur Arbeit. Dabei bekommt man dann den Kopf schön frei. Mein Hauptbezugspunkt in meinem Leben ist aber schon viele Jahre eher New York, weil ich häufig dort war und viele Produktionen nach Berlin eingeladen habe. Auch in Ludwigsburg setze ich dies fort und hole einige Ensembles aus dieser kulturellen Weltmetropole hierher, wie 2022 die Wooster Group oder 2023 Brooklyn Rider.

Derzeit suche ich den Kontakt zu Pfizer in New York, und hoffe, dass daraus etwas entsteht. Der Gründervater Karl Pfizer wurde vor knapp 200 Jahren als Sohn der Stadt in Ludwigsburg geboren und wanderte mit jungen Jahren nach Williamsburg aus, wo er sein Pharmaunternehmen gründete, das u.a. jüngst zusammen mit BioNTech aus Mainz einen sehr erfolgreich Covid-Impfstoff entwickelte. Ich bin immer kreativ auf der Suche nach Firmen, die zu uns passen, wie Porsche, MHP, Mann + Hummel, Trumpf und Stihl. Sie engagieren sich alle und fördern uns, wollen mit dabei sein, weil sie alle an die Zukunft der Schlossfestspiele glauben. Deshalb bin ich auch davon überzeugt, dass uns Stadt und Land als öffentliche Träger weiterhin treu unterstützen. Aber das Geld, das wir zusätzlich benötigen, können wir uns im Moment nur bei der Wirtschaft oder Stiftungen holen. Mit dem Thema Drittmittelakquise verbringe ich wirklich viel Zeit.

Sie sind international gut vernetzt, kennen sich weltweit bestens aus. Welches Festival steht für Sie auf Platz eins?

Das bedeutendste Festival im klassischen Kulturbetrieb sind die Salzburger Festspiele. Sie sind herausragend und solitär, wurden 1920 von Max Reinhardt gemeinsam mit Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg als humanistisches Festival in einer relativ kleinen Stadt gegründet. Damals schon haben die Festspielgründer dafür gesorgt, dass es möglichst viele Nachahmer gibt. Nur zwölf Jahre später wurde daraufhin in Ludwigsburg die Mozart-Gemeinde mit ersten Schlosskonzerten ins Leben gerufen. Deshalb wurde Ludwigsburg früher gerne als kleine Schwester von Salzburg bezeichnet. Finanziell gesehen sind wir allerdings eine sehr kleine Schwester. Der Etat der Salzburger Festspiele dürfte mittlerweile das Fünfzehnfache von unserem Etat betragen. Es ist ein Festival von nationalem Rang, was die Förderung betrifft, und international das Festival mit Tourismusfaktor schlechthin, für das die Menschen aus der ganzen Welt anreisen und viel Geld ausgeben.

In Deutschland ist das wichtigste spartenübergreifende Festival aus meiner Sicht die Ruhr-Triennale in Nordrhein-Westfalen an alten Industriestandorten. Deren Etat ist zirka fünfmal größer als unserer, und die können dadurch viel Musiktheater und Uraufführungen auf die Beine stellen.

Wo liegt Ludwigsburg deutschlandweit im Ranking?

Das ist schwer zu sagen. Es gibt noch die Bayreuther Festspiele, die allerdings nur Werke von Richard Wagner auf die Bühne bringen. In Baden-Württemberg gibt es mit dem Heidelberger Frühling für Kammermusik und mit den Schwetzinger SWR Festspielen noch zahlreiche andere Festivals u.a. in Baden-Baden. Ich mache mir über ein Ranking keinen großen Kopf. Ich würde sagen, wir liegen im Mittelfeld. Für alles andere fehlt uns das Budget. Dennoch ist es wichtig, dass Ludwigsburg auch durch uns ein qualitativ sehr hochwertiges Kulturangebot vorweisen kann. Wir befinden uns in einer Region, die einen hohen Bedarf an gut bezahlten Fachkräften hat. Um diese Menschen hier in die Region zu holen, muss man ihnen einen gewissen Standard bieten, und da gehört eine breitgefächerte wie hochwertige Kulturlandschaft eindeutig mit dazu, die sich übrigens eindeutig vom benachbarten Stuttgart unterscheiden sollte.

Wie wollen Sie das erreichen?

Das hat beispielsweise Sasha Waltz 2021 mit einem großartigen Open Air geschafft, als sie das gesamte Blühende Barock inklusive des Schlosshofs mit ihrem internationalen Tanzensemble und bewegtem Publikum bespielt hat. Wir setzen auf Vielfältigkeit, auf die ganze Bandbreite der Weltmusik, haben gute Ideen und trauen uns Neues. Wir wollen nicht exklusiv, sondern inklusiv sein, sozusagen Glamour für Alle! Diese Öffnung stellen wir immer wieder her, 2023 durch das 17 Ziele Camp in der Karlskaserne und die populäre Frei Luft Musik-Reihe auf dem Marktplatz oder in den vergangenen Jahren durch unseren Residenzkünstler Brad Hwang, den Klangkreis im Schlosshof und Kooperationen wie das Straßen Musik Festival im BlüBa. Aber um für diese tollen und außergewöhnlichen Projekte das Publikum zum Kartenkauf zu animieren, benötigen wir neben den Printmedien ebenso dringend die Unterstützung von TV-, Radio- sowie Onlinemedien. Ich bin guter Dinge für die Zukunft, wir vertrauen auf die Neugier des Publikums. Wir glauben an das, was wir tun, und geben die Hoffnung nicht auf.

Herr Sandig, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

Info der Redaktion: Das Interview wurde Anfang Dezember geführt.

Die Spielzeit der Schlossfestspiele 2023 findet vom 11. Mai bis zum 22. Juli statt.

Der Vorverkauf der ersten Höhepunkte hat begonnen.  Weitere Infos finden Sie hier.

Ex-Gang-Chef von Ludwigsburg: Exklusiv-Interview mit “Der Boxer”

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Sein Vorstrafenregister ist ellenlang: Wegen 100-facher Körperverletzung sowie 157-facher räuberischen Erpressung wurde er bereits verurteilt. Die Rede ist von Mustafa Arpacik. In der Szene besser bekannt als, „Der Boxer“. Der in Ludwigsburg geborene Speditionskaufmann ist der ehemalige Chef der größten Ludwigsburger Gang, die seinerzeit sehr oft im Konflikt mit den Gesetzeshütern stand und regelmäßig für Schlagzeilen sorgte.

Der heutige Familienvater von zwei Kindern erzählt im Exklusiv-Interview mit Ludwigsburg24, wie er auf die falsche Bahn geriet, weshalb er sich als Robin Hood sieht und warum er aus seiner Sicht der Polizei mehr Rechte geben würde.

Ludwigsburg24: Mustafa, in Ludwigsburg bist Du kein Unbekannter. Du bist hier geboren, aufgewachsen und hast Dir als junger Mann einen Ruf erarbeitet, der für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Warst Du schon als Kind ein “Bad Boy” ?

Mustafa Arpacik: Nein, so würde ich das nicht sehen. Ich war auch später nicht wirklich ein böser Bube. Laut meiner Mutter war ich bis einschließlich erster Klasse eher zurückhaltend bis ängstlich. Aber schon in der zweiten Klasse habe ich gespürt, dass ich größer und kräftiger bin als meine Mitschüler. Ich kann zurecht behaupten, dass ich schon in der Schule der Stärkste war. Irgendwann während der Grundschulzeit fing ich dann mit Kampfsport an: Judo beim MTV und Karate bei Dieter Wolf. Das war nicht nur gut für den Körper, sondern ebenso fürs Selbstbewusstsein.

Wie waren eure familiären Verhältnisse, was hat Dich geprägt?

Ich habe noch einen älteren Bruder und eine ältere Schwester, war also das Nesthäkchen. Meine Eltern gehörten zur ersten Generation Einwanderer und waren einfache Leute. Mama war 30 Jahre bei Mann+Hummel beschäftigt, Papa hat über 20 Jahre immer wieder durch Gelegenheitsjobs auf verschiedenen Baustellen gearbeitet, beide sind jetzt in Rente. Mal sind sie hier, mal leben sie in der Türkei. Wir hatten nie besonders viel Geld, aber mir ging es trotzdem nicht schlecht, auch wenn meine Eltern sich nicht übermäßig mit mir beschäftigen konnten. Trotzdem sind meine Geschwister und ich anständig erzogen worden. Wir können uns benehmen, sind höflich und hilfsbereit und haben Werte mit auf den Weg bekommen.

Wie verlief Deine schulische Karriere?

Das war zunächst die klassische Laufbahn eines Sohnes von Einwanderern. Ich habe die Grund- und anschließend die Hauptschule absolviert. Dann bin ich sogar weiter auf eine Wirtschafts-Realschule und danach noch aufs Berufskolleg I, wo ich mein Fachabitur abgelegt habe. Im Anschluss habe ich bei Kühne&Nagel eine solide Ausbildung zum Speditionskaufmann durchlaufen.

Du hast sogar mal ein Studium begonnen…

Stimmt, ich habe angefangen Produktion und Logistik zu studieren, habe dann aber abgebrochen. Zum einen hatte ich wenig Lust dazu, zum anderen war ich damals schon verlobt und brauchte dringend Geld.

Das hört sich eigentlich alles ganz normal an. Doch irgendwann muss es einen Wendepunkt in Deinem Leben gegeben habe. Wann war der und wie kam es dazu?

Als ich ungefähr 15 oder 16 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich einfach extrem viel Kraft und Energie habe. Ich konnte sehr früh schon Gewichte stemmen, bei denen selbst ein gut trainierter Erwachsener Probleme hatte. Dadurch bin ich dann bereits in sehr jungen Jahren in die Türsteherszene reingerutscht. Mein Freund Yüksel hatte bereits mehr als 10 Jahre Erfahrung im Nachtleben, er hat mich behutsam in die Szene eingeführt, mich mit Rat und Tat unterstützt und mir Taekwondo beigebracht. So habe ich mir langsam meinen Namen erarbeitet, man wusste irgendwann, wer ich bin. Irgendwie habe ich mich zu einer Respektsperson entwickelt, der man nicht gerne widersprach. Nicht umsonst bin ich inzwischen einschlägig wegen 100-facher Körperverletzung vorbestraft. Für mich war es egal, wer vor mir stand, ich war so durchtrainiert, dass ich es immer mit jedem aufnehmen konnte.

Wer nicht spurte, der bekam also eine auf die Zwölf?

Das wäre zu einfach ausgedrückt. Wir waren Sportler, weshalb wir beispielsweise nichts mit Drogen zu tun haben wollten. Auch Zuhälterei war nicht unser Ding. Wer das alles nicht kapierte, musste halt irgendwie vermittelt bekommen, dass er bei uns falsch war. Wir verstanden uns als klassische Türsteher, die den Club aus Überzeugung beschützten.

Was haben Deine Eltern zu Deinem Job gesagt?

Meine Eltern haben lange nichts gemerkt. Sie dachten einfach, ich gehe abends aus. Mein Bruder kam irgendwann dahinter und sagte nur zu mir: „Als Bruder bin ich nicht dabei, also musst du auf deinen Hintern selbst aufpassen. Wenn du das kannst, mach weiter. Kannst du es nicht, lass es.“ Ich war mir meiner Kraft bewusst, zudem musste ich das Geld als Türsteher mitnehmen, denn ich war arbeitslos. Neben diesem Job habe ich mit Boxen begonnen. Schnell stellte sich heraus, dass ich absolut talentiert bin. Da war ich Anfang 20. Dann mit Mitte 20 hatte ich auf einmal verstanden, dass ich eine absolute Respektsperson geworden war, und gründete auf Wunsch eines damaligen Kumpels eine Gruppe, man kann dazu türkische Mafia sagen, deren alleiniger Chef ich war. Die Gruppe umfasste Ludwigsburg, Markgröningen und einen Teil von Stuttgart.

Wer wurde in die Gang aufgenommen?

Jeder, der dazugehören wollte, war willkommen, unabhängig von Nationalität oder Religion. Wichtig innerhalb der Gruppen waren aber Eigenschaften wie Hilfsbereitschaft, Loyalität und korrekter Umgang miteinander. Allerdings kamen nicht alle mit den gleichen Erwartungen dorthin. Es kamen halt auch welche, die ihre eigenen Probleme mitgebracht haben und dachten, sie könnten diese mithilfe der Gruppe lösen.

Irgendwann schmolz deine Gang mit einer noch größeren Gruppe zusammen.

Richtig, ich einigte mich mit deren Präsidenten und wir traten seiner Gang bei. So wurde ich Chef einer Gruppe mit auf einmal 300 bis 400 Mitgliedern und einem eigenem Club-Haus. Das war alles so um 2010/2011 ab.

Was war das Ziel oder die Aufgabe der Gang?

Meine Mentalität kam der von Robin Hood gleich. Ich hatte die Absicht, Leute von der Straße aufzunehmen und sie auf einen guten Weg zu lenken: z.B. den Schulabschluss und eine Ausbildung zu machen. Aber meine Absicht war leider nicht die Realität. Jeder wollte plötzlich dazugehören, selbst der Dümmste oder der Schwächste. Das war mir aber anfangs ziemlich egal, denn für mich war vor allem die Mitgliederanzahl und die Menge an Mitgliedsbeiträgen interessant. Das war ein Fehler, denn plötzlich hatten wir u.a. auch Drogendealer in unseren Reihen. Das lag mit daran, dass ich mir nebenher noch einen Autohandel aufgebaut hatte und mich bei der Gruppe nicht mehr um alles selbst kümmerte. Es wurde alles zu viel und ich hatte keinen Einblick mehr in die Details, weil ich vieles an einen Club-Kollegen abgegeben hatte. Der setzte dann halt die Arbeit auf seine Art fort.

Warst Du mit seiner Arbeit nicht zufrieden?

Na ja, was soll ich dazu sagen? Eines Tages bekam ich einen Anruf von einem Hauptkommissar, der sagte: „Arpacik, komm mal bei mir vorbei, wir müssen sprechen“. „Mit der Polizei gibt es nichts zu sprechen“, antwortete ich nur kurz und knapp. „Wenn du nicht kommst, dann kommen wir“, erklärte er knapp. Ich bin dann zwar hin, war aber ziemlich brachial. Im Rückblick frage ich mich, wie blöd, wie dumm kann man sein, aber damals hatte ich die absolute Power und war der Meinung, mir kann keiner was. Ich bin dann zu ihm ihn, wurde sogar mit Kaffee empfangen. Seine Aussage war deutlich: „Arpacik, das hier ist meine Stadt, da hat sich jeder an Regeln zu halten. Ich habe ein Auge auf Dich.“ Ich Idiot habe leider geantwortet: „Pass auf wie du mit mir redest, sonst kommst du nicht nach Hause.“ Nach diesem Satz von mir hat er das Gespräch sofort beendet. Bis heute bereue ich meine dumme Aussage, aber leider lässt sie sich nicht rückgängig machen.

Was ist passiert?

Die Konsequenz für mich folgte prompt, denn man kannte mich bei der Polizei und erkannte meine aufgemotzten Autos jederzeit und überall. Bei jeder Polizeikontrolle wurde ich sofort raus gewunken. Teilweise hatte ich Kontrollen mit bis zu 24 Polizeifahrzeugen. Sie haben das volle Programm abgezogen inklusive Ganzkörperkontrolle. Heute kann ich das Vorgehen nachvollziehen und finde es richtig, denn ich habe schließlich versucht, mich mit der Staatsgewalt anzulegen. Inzwischen weiß ich, dass Polizisten keine Feinde, sondern Freunde sind. Damals fühlte ich mich aber einfach nur von ihnen gemobbt. Und dann kam der Haftbefehl, es war ein Dienstag, genauer gesagt der 25. Oktober 2011. In den frühen Morgenstunden, also um 6.00 Uhr, wurde gegen unsere Tür geknallt, um mich in einem Großeinsatz abzuholen.

Wie lief die Festnahme ab? Angeblich sollen laut eines damaligen Presseberichts der LKZ 450 teils vermummte Beamte zeitgleich 22 Wohnungen im Kreis Ludwigsburg und Stuttgart durchsucht haben.

Ja, über 400 Beamte waren unterwegs und sogar Helikopter waren dafür im Einsatz. Ich dachte, gleich fliegt das Haus weg. Viele der Beamte stürmten in unsere recht kleine Wohnung, Scharfschützen hielten mir Laser vors Gesicht und schrien: „Beweg dich nicht!“. Manche hatten Kabelbinder dabei. Es war gespenstisch und meine arme Frau und meine vier Monate alte Tochter waren mittendrin.

Warum war der Aufwand der Polizei so immens, du warst doch kein gefährlicher Terrorist oder Massenmörder?

Aber mein Täterprofil, das die Polizei von mir angefertigt hatte, war entsprechend. Ich galt als gefährlich, als Kampfsportler, der sich knallhart zur Wehr setzt. Dafür hatten sie sogar das SEK aus Sachsen-Anhalt eingeflogen. Zum Glück war meine Wohnung zu klein, so dass der Großteil der Polizisten vor dem Haus warten musste. Der erste Polizist, der mit Schild reinstürmte, warf sich auf mich, dann sind wir in die Bettkante gestürzt und ich lag plötzlich auf ihm. Die andern dachten, der Arpacik wehrt sich, also haben sie mich sofort mit Kabelbindern gefesselt und ich hatte überall Knie und Fäuste auf meinem Körper. Mit Fußfessel, Handfessel und verpackt wie einer in der Zwangsjacke wurde ich abgeführt. Das war ganz großes Kino.

Was wurde Dir vorgeworfen?

Vorgeworfen wurde mir Bedrohung und räuberische Erpressung sowie Körperverletzung. Ebenso der Besitz von 7 Kilo Kokain, Drogenhandel und Hehlerei, wofür ich aber dann in beiden Punkten freigesprochen wurde, da ich damit definitiv nichts zu tun hatte. Aber einige Gruppenmitglieder hatten damit zu tun und haben behauptet: „Mein Präsident weiß über alles Bescheid.“ Das stimmte aber nicht, denn bei über 300 Mitgliedern weiß ich nicht im Detail, was jeder Einzelne tut. Mir war immer nur wichtig zu wissen, dass jeder seinen Beitrag zahlt, damit wir das Clubhaus und unser Essen und die Getränke finanzieren konnten. Das war leider nur geschäftlich und von daher falsch gedacht.

Welche Anklagepunkte waren denn berechtigt?

Den Vorwurf der 100-fachen Körperverletzung sowie der 157-fachen räuberischen Erpressung kann ich nicht abstreiten. Allerdings habe ich diese Dinge nie aus Streitlust und für mich selbst getan. Ich habe es nur getan, um anderen Menschen zu helfen. Ein Beispiel: Ein Ehepaar hatte einem Freund Geld geliehen, das zahlte er ihnen einfach nicht mehr zurück. Sie brauchten das Geld aber dringend und benötigten Hilfe. Dann kamen wir ins Spiel. Und statt 5.000 Euro haben wir halt 7.000 Euro von ihm geholt. Schließlich musste unsere Gruppe auch von etwas leben, deshalb haben wir die Angst des Schuldners ausgenutzt. Dafür bin ich jetzt einschlägig vorbestraft. Und dass, obwohl ich mich mit 18, 19 Jahren selbst bei der Polizei beworben hatte. Die wollten mich nicht, da habe ich die Seiten gewechselt.

Was ist danach passiert?

Man brachte mich in die JVA Karlsruhe, wo ich in Einzelhaft kam. Das bedeutete für mich 23 Stunden einsitzen in der Zelle, 1 Stunde Einzel-Ausgang. Die Justizvollzugsbeamten habe ich immer höflich und respektvoll behandelt, so dass die irgendwann merkten, dass ich gar nicht so böse bin wie behauptet wurde, weshalb ich endlich beim Ausgang immerhin mit zwei anderen Insassen herumlaufen durfte. Der eine saß wegen Zuhälterei, ihn kannte ich vom Namen. Der andere saß wegen Ehrenmord. Später kam noch ein Dritter aus Anatolien hinzu, der in der Türkei gefälschte Glücksspiele verkauft hatte, aber in Deutschland dafür festgenommen wurde. Dem habe ich sogar meine Hausschuhe gegeben, weil er selbst keine hatte. War ein armer Kerl, der mir allerdings noch eine Menge Ärger einbrachte.

Inwiefern?

Während wir unsere Runden drehten, sagte der eine Insasse: „Ich hau hier bald ab.“ Woraufhin ich erwiderte: „Wenn Du abhaust, haue ich auch ab, mir wurden nämlich neun Jahre angedroht.“ Und was macht der Penner aus der Türkei? Der speicherte sich anscheinend unser Gespräch ab, denn kurze Zeit später musste ich zum Anstaltsleiter. Ich freute mich, denn ich dachte, nun bekomme ich nach 9 Monaten U-Haft in der Einzelzelle endlich eine Erleichterung, darf vielleicht wieder Sport treiben oder etwas einkaufen. Ich sollte mich vorher aber noch ordentlich anziehen, dann wurden mir sogar Handschellen angelegt. Doch statt einer Erleichterung bekam ich einen neuen Haftbefehlt wegen versuchten Mordes und versuchten Ausbruchs. Wieder alle Eliteeinheiten sowie Helikopter vor Ort, Hand- und Fußfessel im Einsatz so wurde ich nach Stammheim verlegt. Normalerweise darf kein SEK-Beamter mit Waffen in eine JVA, in meinem Fall gab es eine Ausnahme. Und wieder kam ich in Einzelhaft. Insgesamt saß ich 1 Jahr und 2 Monate in U-Haft und bin verurteilt wegen einer leeren Flasche Anabolika, wegen mehrfacher räuberischer Erpressung, von denen lediglich zwei bewiesen werden konnten und nur auf Bewährung rausliefen, da sie nicht vollendet waren. Und der letzte Haftbefehl war der wegen einer Schlägerei.

Welchen Weg hast Du nach dem Gefängnis eingeschlagen und wie hat Dich diese Zeit geprägt?

Ende 2012 wurde ich entlassen, mein erster Wunsch war ein richtig guter Döner. Ich wurde draußen zwar noch immer als Chef anerkannt, auch wenn es die Gruppe als solche nicht mehr gab. Weil der Kopf im Gefängnis war, gingen viele ihren eigenen Weg. Das Gefängnis war eine sehr lehrreiche Zeit, weil man da merkt, wer wirklich für einen da ist und sich um die Familie kümmert. Ansonsten sah es nach der Entlassung zunächst trüb aus für mich. Ich war arbeitslos, bezog Hartz IV. Und natürlich habe ich weiterhin anderen Menschen geholfen, die in Schwierigkeiten steckten, die benachteiligt waren oder unterdrückt wurden. Mein Robin Hood-Syndrom hat dann zu einer zweiten Verhaftung geführt.

Wie kam es dazu und wann war das?

Das war 2016, da wurde ich für acht Wochen wegen Bedrohung einer anderen Person eingebuchtet. Ich selbst hatte aber nichts gemacht, war nur anwesend, als ein Kollege einen anderen Mann bedrohte. Deshalb wurde ich am Ende freigesprochen. Zu dieser Zeit machte ich gerade meinen LKW-Führerschein, denn ich hatte zwischenzeitlich eine Partnerschaft mit einem kleinen Unternehmen, das für Ikea Möbel fuhr.

Hast Du die Gründung der Gang und Deine Taten bereut? Schließlich hast Du dadurch Deine Familie in Schwierigkeiten gebracht…

Hätte ich die Gang nicht gegründet, dann hätte es irgendein anderer getan mit einem weniger guten Herzen. Ich war mit der Gang prinzipiell nicht auf Krawall gebürstet, allerdings sind wir bei Ärger nicht davongelaufen. Wenn ich etwas bereue, dann nur, dass ich mich für die falschen Leute eingesetzt habe. Auch heute würde ich jederzeit Menschen helfen, die es verdient haben, wenn sie mich um Hilfe bitten. So bin ich nun mal, das sitzt tief in mir drin. Aber ich würde es heute natürlich anders machen, denn nach zwei Gefängnis-Aufenthalten wird man durchaus schlauer. Man ändert sein Auftreten und auch die Ausdrucksweise.

Wie hast Du Dich zu Deinen Gang-Zeiten gefühlt, wenn Du durch Ludwigsburg gelaufen bist?

Ich bin nie mit meiner Kutte durch die Stadt gelaufen, denn man kannte mich ja als „der Boxer“, „der Türsteher“ oder „der mit dem Porsche“. Allerdings fühlte ich mich unantastbar, weil wir so eine große Gruppenstärke hatten. Man läuft draußen rum mit der Einstellung: „Wer unbedingt paar aufs Maul haben will, der soll sich melden.“ Natürlich hatten die Leute Respekt vor mir. Das gilt bis heute. Es gab sogar Gerüchte, dass selbst die Polizisten sich noch nicht mal getraut hätten, mir einen Strafzettel für falsches Parken zu verpassen. Das stimmt zwar so nicht, denn ich durfte immer hohe Summen abdrücken. Aber wahr ist, dass ich nie einen von den Brüdern gesehen habe. Die haben den Strafzettel zwar ans Auto geklemmt, waren dann aber sofort verschwunden. Begegnen wollte mir wohl niemand. Aber es gibt auch enge Freunde, die sich von mir abgewendet haben, weil sie mit mir nicht gesehen werden wollen. Ich akzeptiere das und es hat mich zum Nachdenken gebracht. Würde ich jetzt die Zeit zurückdrehen können, würde ich dem Mustafa von damals sagen: Mach Deine Schule, mach eine gute Ausbildung und halte dich fern von den falschen Leuten, die du vielleicht gar nicht mal wirklich magst.

Fühlst Du Dich von Polizei und Justiz ungerecht behandelt oder falsch verstanden?

Nein, im Gegenteil, die Bestrafung hat gutgetan. Diese Erfahrungen haben mich zu der Person gemacht, die ich jetzt bin – erfolgreich und finanziell gut gestellt. Heute sage ich sogar: Die Polizei hat viel zu wenig Macht, sie darf zu wenig. Bis es hier zu einem Haftbefehl kommt, dauert es ewig. In Ludwigsburg ist für meinem Geschmack zu wenig Polizeipräsenz, auch wenn die Stadt im Vergleich zu vielen anderen Orten relativ sicher ist.

Wie geht Deine Frau mit Deiner Vergangenheit und dem heutigen Mustafa um?

Meine Frau Demet, sie arbeitet übrigens als Zahnarzthelferin, hat natürlich viel mit mir mitgemacht, aber sie hat immer hinter und zu mir gestanden, was sicherlich nicht immer einfach für sie war. Sie hat mir für die schwierigen Zeiten die nötige Kraft gegeben, alles durchzustehen und auf den richtigen Weg zu kommen. Ihr danke ich von ganzem Herzen für ihre uneingeschränkte Liebe und Unterstützung.

Was hat Dich bewogen, umzudenken und Dein Leben neu zu ordnen?

Ich wollte das für meine Familie tun. Denn inzwischen habe ich sogar zwei Töchter, eine mit 11 Jahren und die andere ist 3. Das ist der eine Punkt. Der andere Grund war schon zu Kinderzeiten ein großer Wunsch von mir: Ich wollte immer finanziell unabhängig und gut gestellt sein. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, bin nicht im Wohlstand aufgewachsen und bekam erst ein Fahrrad, als mein Bruder für seines zu groß geworden war. Ich hatte keinen Nintendo oder andere Dinge, die bei anderen Kindern selbstverständlich waren. Mein Umdenken hat nach dem zweiten Gefängnis-Aufenthalt eingesetzt und von da ab habe ich mein Wunschziel verfolgt.

Wie ist Dir das gelungen?

Ich hatte anfangs Menschen, die mir vertraut und mich unterstützt haben. Ihnen bin ich ebenfalls dankbar. Mit einem LKW und Aufträgen der Spedition Schenker habe ich angefangen und habe meine Flotte Stück für Stück ausgebaut. Inzwischen besitze ich eine Spedition in Heilbronn mit 60 Mitarbeitern vor Ort und insgesamt 200 bundesweit und bin finanziell bestens abgesichert. Mit Stolz sage ich: Ich habe mich zu einem guten Geschäftsmann und wichtiger noch zu einem verantwortungsbewussten, liebevollen Familienvater entwickelt. Ich behaupte sogar, ich bin reich. Denn reich ist man, wenn man teilen kann. Und genau das tue ich. Momentan lebe ich die schönste Phase meines Lebens und kann nachts reinen Gewissens ins Bett gehen.

Mustafa, wir danken Dir für das Gespräch!

 

 

 

“Am Tag kommen allein hier in die Saarstraße rund 160 Menschen”- Ulrike Bötcher im Interview

Vor wenigen Monaten übernahm die 52-jährige Ulrike Bötcher die Geschäftsführung der Ludwigstafel e.V. in der Ludwigsburger Saarstraße. Als sie sich auf die freiwerdende Stelle bewarb, ahnte die Mutter eines 20-jährigen Sohnes und einer 14-jährigen Tochter allerdings noch nicht das Ausmaß der neuen Herausforderungen, die auf sie und die Tafel zukommen würden. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht die studierte Sozialpädagogin offen über ihre zu kurze Einarbeitungszeit, über die wachsende Zahl der Bedürftigen, die Suche nach neuen ehrenamtlichen Mitarbeitenden und die Dankbarkeit ihrer Kunden.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

LB24: Frau Bötcher, seit vier Monaten sind Sie als Geschäftsführerin verantwortlich für die Ludwigstafel. Sind Sie im neuen Job schon richtig angekommen?

UB: (lacht) Das wäre schön, aber die Arbeit hier ist ein sehr weites Feld mit immer neuen Aufgaben. Ich lerne noch immer jeden Tag dazu.

Haben Sie sich auf die Stelle beworben oder wurden Sie abgeordnet?

Ja, ich habe mich auf die Stelle beworben. Nach 12 Jahren auf der Karlshöhe, wo ich mich mit Maßnahmen für Hartz 4-Empfängern beschäftigt und dabei regelmäßig die Tafel vorgestellt habe, wollte ich mal etwas Anderes machen. Ich kannte die Herausforderung, die mit dem Job verbunden ist, wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nichts vom Ukraine-Krieg.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Es gibt immer mal richtig harte Tage, an denen ich abends fix und fertig bin, doch ich bereue den Wechsel deshalb nicht. Im Gegenteil, ich habe großen Ehrgeiz, hier alles richtig gut hinzukriegen und werde auch unterstützt, wo es geht.

Haben Sie schon eine Vorstellung, was und wie Sie hier etwas verändern wollen?

Jetzt habe ich mir mal ein Jahr Zeit gegeben, um zu hundert Prozent in allen Aufgaben mit allen Terminen und Veranstaltungen drin zu sein. Natürlich habe ich meine eigenen Vorstellungen, ob und was ich verändern oder neu einführen kann. Doch diese Gedanken stehen erstmal hinten an, bis ich in sämtlichen Bereichen einen wirklichen Überblick habe.

Was macht Ihre tägliche Arbeit aus, welche Hürden müssen Sie überwinden?

Momentan versuche ich vor allem, den Betrieb am Laufen zu halten. Das Problem liegt darin begründet, dass meine Einarbeitungszeit nur drei Monate betrug. In dieser kurzen Zeit bekommt man nur das Nötigste mit. Das gesamte Aufgabengebiet erfasst man allerdings erst Schritt für Schritt durch die tägliche Praxis.

Wie muss man sich Ihr Tätigkeitsfeld konkret vorstellen?

Morgens überfliege ich zuerst alle Mails, meist mache ich das noch von daheim aus. Heute habe ich noch vor der Arbeit Geburtstagssträuße für zwei Mitarbeiter besorgt und Karten für neue Ausweise abgeholt. Hier angekommen, höre ich zuerst den Anrufbeantworter ab, um zu prüfen, ob sich jemand krankgemeldet hat und ich Ersatz besorgen muss. Jeden Tag werden mit zwei, manchmal auch mit drei Autos zwei Touren gefahren, um die Lebensmittelspenden abzuholen. Diese Touren müssen logistisch und auch personell geplant werden. Wenn die Ware hier ist, muss sie sortiert werden, jedes Stück Obst oder Gemüse wird nochmals genau kontrolliert, bevor es neu verpackt in den Laden kommt. Viele Dinge sind jeden Tag gleich, und trotzdem ist jeder Tag anders, da immer wieder neue Herausforderungen dazukommen.

Neben der Saarstraße gehören außerdem die Außenstellen Kornwestheim, Eglosheim und Grünbühl zu Ihrem Aufgabengebiet.

Ja, weshalb die personelle und logistische Koordination durchaus eine Herausforderung ist. Wir sind zudem noch Regio-Tafel und erhalten Spenden vom Landesverband, die zu einer Firma in Schwieberdingen gebracht und vorbereitet werden, da wir mittwochs immer Austauschtag haben. Das bedeutet, dass dann die Tafeln von Bietigheim, Vaihingen, Marbach, Ditzingen, Waiblingen, Backnang und Heilbronn nach einem bestimmten Verteilerschlüssel die Ware erhalten. Zudem haben wir noch ein Lager in Renningen, an das die ganze Tiefkühlware geliefert wird.  Ich muss daher immer im Auge behalten, wann ich wieder neue Ware abrufen muss, um die Tiefkühltruhen aller Tafeln wieder auffüllen zu können.

Aus welchem räumlichen Umkreis erhalten Sie Ihre Spenden?

Die eine Tour geht bis Stuttgart-Münster und Aldingen, die andere bis Möglingen. Wir haben bestimmte Einkaufscenter, die zu unseren Spendern gehören, und täglich angefahren werden.

Reicht das, was täglich an Spenden reinkommt?

Ja, im Moment reichen die Spenden gut aus, auch wenn es bei den Milchprodukten und bei Fleisch- und Wurstwaren gerne mehr sein dürfte. Selbst in den Monaten vor den Ferien, als wir aufgrund der Ukraine-Flüchtlinge einen größeren Ansturm hatten, waren sie ausreichend. Allerdings sanktionieren wir die Waren auch, damit möglichst jeder etwas bekommt. Und im Zweifelsfall sagen wir halt mal: So, heute gibt es eben nur drei verschiedene Gemüsesorten, oder wir legen fest, dass es an diesem Tag entweder nur Wurst oder nur Käse gibt, aber nicht beides. Das entscheiden wir jeden Tag neu, da wir jeden Tag unterschiedlich Ware bekommen. Wir müssen das so handhaben, da bei uns die Menschen selbst einkaufen und nicht wie bei anderen Tafeln fertig gepackte Tüten ausgehändigt bekommen. Das hat damit zu tun, dass wir unseren Kunden die Würde lassen wollen, die Ware selbst auszusuchen und um zu verhindern, dass jemand etwas bekommt, was er gar nicht will und es dann vielleicht sogar einfach daheim entsorgt. Ich lege großen Wert darauf, dass wir in unserer Tafel die Kunden so behandeln, wie wir auch selbst behandelt werden wollen. Das ist mir ausgesprochen wichtig.

Die Sanktionen werden tatsächlich von jedem akzeptiert?

Nein, die Sanktionen stoßen nicht bei jedem auf Verständnis, aber es ist nun mal, wie es ist. Schließlich sind wir auch kein normaler Supermarkt wie REWE, Kaufland, Lidl oder Aldi, die ständig neue Ware nachlegen. Das können wir nicht. Wir haben zwar ein kleines Lager, in dem wir Festprodukte mit längerem Haltbarkeitsdatum aufbewahren, die wir im Zweifelsfall nachschieben, aber wir dürfen auf keinen Fall Ware dazukaufen, um das Angebot für alle aufrecht zu erhalten. Wenn ich gefragt werde, was wir an Spenden noch brauchen können, nenne ich sehr oft Konservendosen mit Fisch oder Wurst, die ich dann zum Ausgleich rauslegen kann, wenn es woanders fehlt.

Welche Produkte laufen bei Ihnen am besten?

Am besten laufen Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Reis oder Olivenöl. Und Toilettenpapier, das wir aber meist nur als Sonderaktionen anbieten können. Wir haben aber durchaus Firmen, die anfragen, was wir gerade benötigen und kaufen das dann für uns ein. Auf Wunsch bekommen sie natürlich eine Spendenquittung über den ausgegebenen Betrag.

Bekommen Sie gelegentlich Geld-Spenden und wie setzen Sie diese ein?

Wenn wir Geldspenden bekommen, dürfen wir diese nur für interne Zwecke verwenden, also für Betriebs- oder Personalkosten, für Sprit oder die Autos.

In unserer Gesellschaft herrschen derzeit sehr viel Frust und leider auch Aggression. Spüren Sie das auch?

Es gibt manchmal Tage, an denen wir hier diese Grundstimmung durchaus merken. Dennoch muss ich sagen, dass es bislang noch sehr ausgeglichen ist. Worüber es gelegentlich Frust gibt, sind einerseits die langen Warteschlangen und andererseits die Ukrainer, die teils mit dem SUV hier zum Einkauf vorfahren und an der Kasse mit gut gefülltem Geldbeutel locker bezahlen. Das ist für jemand, der hier ewig ansteht und nicht weiß, wie er den Monat über die Runden kommt, wirklich frustrierend. Da wird dann schon mal Unmut laut. Aber da das politisch vorgegeben ist, müssen wir immer wieder geduldig erklären, dass die ukrainischen Flüchtlinge ein Recht darauf haben, bei der Tafel einzukaufen.

Wie viele Kunden haben Sie jeden Tag und fürchten Sie, dass es noch mehr werden könnten?

Am Tag kommen allein hier in die Saarstraße rund 160 Menschen. Sobald aber die Strom- und Gasrechnungen raus sind, rechnen wir nochmals mit einem Anstieg der Einkäufer, da viele dann mit ihrem Geld nicht mehr auskommen werden. Dazu kommt der Aufruf vom ukrainischen Präsidenten an seine Landsleute, das Land sicherheitshalber zu verlassen. Folgen sie ihm, werden auch wir hier das sicherlich zu spüren bekommen. Derzeit besteht unsere Kundschaft bereits zu etwas mehr als 50 Prozent aus ukrainischen Flüchtlingen. Bei der anderen Hälfte sind noch die ausländischen Mitbürger in der Überzahl, aber das wird sich ab Herbst/Winter wahrscheinlich angleichen, denn ich gehe davon aus, dass mehr Rentner und Alleinerziehende zu uns kommen werden.

Wie kommt man denn an die Berechtigung für den Einkauf bei der Tafel?

Sie müssen sich an die Caritas, die Diakonie, die Karlshöhe oder das Rote Kreuz wenden. Dort müssen Sie Ihren Mietvertrag sowie Ihre Einkommensnachweise vorlegen, damit Ihre Berechtigung errechnet werden kann. Steht Ihnen der Berechtigungsschein zu, dann gilt er für Rentner zwei Jahre, für alle anderen jeweils ein Jahr. Nach Ablauf muss die Berechtigung erneut nachgewiesen werden. Im Normalfall kann man mit diesem Schein täglich in allen Tafeln des Landkreises nach Bedarf einkaufen, allerdings haben wir das aufgrund des gestiegenen Andrangs etwas eingeschränkt.

Wie schaffen Sie es, dass gerade die ausländischen Mitbürger Ihre wechselnden Auflagen beim täglichen Einkauf verstehen, ohne dass es eskaliert?

Wir haben für die ukrainischen Mitbürger Studenten, die die russische Sprache sprechen und für uns bei jedem Antrag genau übersetzen, was die Tafel ist und welche Regeln gelten. Wir haben auch noch einen russisch sprechenden Kunden, der uns immer wieder unterstützt, wenn es doch mal zu Irritationen und Diskussionen kommt. Wenn alle Stricke reißen, bemühen wir den Google-Übersetzer in der Hoffnung, dass er richtig übersetzt. Bislang funktioniert alles ganz gut. Die Ware ist im guten Zustand und ausreichend. Wenn ich ehrlich bin, haben wir sogar von den Presseaufrufen zur Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge profitiert, so dass wir einen größeren Zulauf an Spenden verzeichnen konnten.

Dürfen Sie und Ihre Mitarbeiter eigentlich in der Tafel einkaufen oder abends die restlichen Waren mitnehmen?

Nein, wir dürfen nichts von der Tafel für uns nehmen, denn wir haben alle keinen Berechtigungsschein. Auch Waren, die abends übrig sind, geraten nicht in die Hände von uns Mitarbeitern. Alle verderblichen Reste wie Gemüse gehen entweder zum Foodsharing, zur Heilsarmee oder zur Suppenküche. Gelegentlich nimmt uns die Karlshöhe ebenfalls Produkte wie Wurst, Fleisch oder Käse ab, deren Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum erreicht ist und deshalb von uns nicht mehr verkauft werden dürfen.

Wer legt Ihre Verkaufspreise fest?

Die Preise legen wir selbst fest und orientieren uns dabei am regulären Warenwert, den wir in der Regel durch 4 teilen. Ist der Preis für unsere Kundschaft trotzdem noch zu hoch, passen wir ihn nach unten an und sprechen uns mit unseren anderen Tafeln ab, damit die Preise einheitlich sind.

Überall steigen die Preise. Wird die Tafel ebenfalls teurer?

Sicherlich werden wir unsere Preise langfristig anpassen müssen. Aber es wird nicht so extrem wie im klassischen Supermarkt oder Discounter. Wir reden bei der Tafel von Erhöhungen im fünf bis zehn Cent-Bereich.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, was bereitet Ihnen da die größte Sorge?

Am meisten treibt mich die Unterstützung durch die 120-140 Ehrenamtlichen um, falls die Zahl der zum Einkauf Berechtigten weiter steigt. Die Altersstruktur der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist recht hoch, weshalb wir dringend jüngeren Nachwuchs brauchen. Auch haben wir durch Corona viele Ehrenamtliche verloren, deren Wegfall wir dringend wieder ausgleichen müssen. Diejenigen, die noch da sind, versuchen wir durch kleine Feste, Blumensträuße zum Geburtstag oder mal durch eine Runde Eis für zwischendurch zu motivieren und zu halten. Bei unserem letzten Sommerfest haben alle zudem einen 20-Euro-Gutschein vom Stadtmarketing LUIS bekommen.

Haben Sie schon eine Idee, wie Sie neue Ehrenamtliche für die Tafel gewinnen können?

Über das Ehrenamtsportal der Stadt und über die Kirche habe ich Anzeigen geschaltet. Zum Glück bekommen wir doch immer wieder Anfragen von Menschen, die sich bei uns engagieren wollen. Voraussetzung dafür ist die hausinterne Hygieneschulung im Rahmen des Vorstellungsgesprächs sowie die Impfung gegen Corona. Danach folgt ein dreimaliges Mitarbeiten in der Gemüseküche. Haben die Bewerber*innen anschließend immer noch Lust auf Mitarbeit, planen wir sie anhand des jeweils persönlichen Zeitbudgets sehr gerne in unserem Team ein. Das Erstellen der Einsatzpläne für Fahrer und Ehrenamtliche ist ein wöchentliches Last-Minute- Puzzlespiel, das immer sehr schnell durch beispielsweise Krankheit oder anderweitige Verhinderung über den Haufen geworfen werden kann. Dann puzzle ich wieder neu und springe im Zweifelsfall selbst ein, falls kein Ersatz gefunden wird.

Inwiefern erfahren Sie selbst Wertschätzung für Ihre Arbeit?

Immer wieder mal kommen Bedürftige auf mich zu und danken mir persönlich für meinen Einsatz. Die Menschen loben meine Arbeit und bitten mich, am Ball zu bleiben und sagen mir, dass ich gebraucht werde. Das finde ich sehr schön, denn das tut einfach gut.

Was macht es mit Ihnen persönlich, wenn Sie täglich das Leid der Menschen mitbekommen?

Hin und wieder nehme ich ein paar meiner mir besonders nahegehenden Eindrücke mit nach Hause, aber im Großen und Ganzen kann ich nach der Arbeit ganz gut abschalten. Mit meinem Mann, der ebenfalls aus einem sozialen Beruf kommt, kann ich mich gut austauschen, wenn ich Redebedarf habe. Außerdem habe ich während der letzten zwölf Jahre gelernt, Job und Emotionen strikt zu trennen, denn das gehört zur Professionalität. Ich sehe es so: Wir sind ein soziales Land, das im Gegensatz zu allen anderen Ländern, ein solch hilfreiches Angebot wie die Tafel hat. Das ist doch positiv, auch wenn mir trotzdem gelegentlich das eine oder andere Schicksal weh tut.

Was nehmen Sie für sich an Positivem aus Ihrer Arbeit mit?

Das Schöne an meinem Job ist die Arbeit mit Menschen und dass ich eine kleine Unterstützung leisten kann, damit es ihnen etwas bessergeht. Schön ist auch, dass ich zu der ein oder anderen Person persönlichen Kontakt habe, und dass wir in der Tafel nachhaltig arbeiten und so Lebensmittel retten und dazu beitragen können, dass weniger weggeworfen wird. Mir gefällt auch das gute Team aus Festangestellten und Ehrenamtlichen und dass es sich lohnt gemeinsam dafür zu kämpfen, die Tafel weiterhin am Leben zu erhalten.

Was steht bei Ihnen jetzt als nächstes an?

Mit der Familie in den Urlaub gehen, und die Akkus wieder aufladen. Ein bisschen Meer genießen, ein bisschen Kultur, ein wenig Wandern, in Ruhe lesen und ausgiebig entspannen. Das Handy bleibt aus und die Gedanken werden auf keinen Fall um den Job kreisen.

Frau Bötcher, wir danken Ihnen für das Gespräch!

“Basketball ist mein Leben” – John Patrick im Interview

John Patrick ist der Architekt der erfolgreichsten Ära der MHP-RIESEN Ludwigsburg. Viele Spieler kamen und gingen in den fast zehn Jahren seiner Trainerlaufbahn in der Barockstadt. Nur Patrick blieb. Er war die Konstante in einer fast jährlich nahezu komplett neu aufgestellten Mannschaft. Die Philosophie des US-Amerikaners war stets einfach: Respekt und Siege sammeln mit einem der berüchtigtsten Defensiv-Teams der Basketball-Bundesliga. Im Interview spricht der 54-Jährige über die Licht- und Schattenseiten eines Trainerjobs und warum es jetzt für ihn an der Zeit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Wann immer ich Sie während und nach den Spielen beobachtet habe, waren Sie die Ruhe in Person, souverän und kontrolliert. Werden Sie nie nervös?

JP: Es bringt weder für den Spieler noch für den Coach etwas, wenn man hochemotional reagiert. Außerdem versuche ich so ruhig wie möglich zu bleiben. Ein wichtiger Faktor für sportlichen Erfolg ist eine gute Vorbereitung, darauf konzentriere ich mich. Dennoch weiß ich, dass wir trotzdem Spiele verlieren können. Als Spieler und als Coach muss man sich immer fragen, was alles falsch laufen kann. Die besseren Mannschaften stellen sich darauf ein, dass der Gegner ihnen das Leben schwer machen wird. Nach jedem Spiel, besonders wenn man gewonnen hat, tritt eine Erleichterung ein. Verliert man, hat man sich eventuell nicht gut genug vorbereitet.

Ihre Trainerzeit bei den MHP-RIESEN ist jetzt beendet. Mit welchem Gefühl sind Sie in den immerhin 10 Jahren in Ludwigsburg zur Arbeit gegangen und wie ist Ihr aktuelles Gefühl morgens beim Aufstehen?

Basketball ist mein Hobby und gleichzeitig mein Job. Schon als Spieler und danach als Trainer war mir bewusst, dass es schlechtere Jobs gibt und ich glücklich bin, das ich mein Hobby als Job ausüben durfte. Als Student bekam ich ein Stipendium für Stanford, damals dachte ich schon: Wahnsinn, ich mache hier das, was ich normalerweise in meiner Freizeit machen würde und werde sogar noch in Form eines Stipendiums dafür bezahlt. Ich habe schon immer Pick-up Basketball Streetbasketball gespielt mit wem und wann immer ich konnte, und beschäftige mich bis heute noch in meiner Freizeit mit Basketballthemen, deswegen hatte und habe ich nie das Gefühl, dass meine Tätigkeit wirklich unbequeme Arbeit ist. Obwohl es viel Zeit braucht, um den Job richtig auszuüben.

Als bekannt wurde, dass Sie vorzeitig Ihren Vertrag auflösen, wurden Sie zitiert mit der Aussage, dass es zehn sehr intensive Jahre in Ludwigsburg waren und es jetzt Ihrer Meinung nach Zeit sei für einen Tapetenwechsel. Woran haben Sie das festgemacht?

Ich hatte das Gefühl, dass ich mal eine Pause brauche. Neben meinem Job als Coach war ich zusätzlich Sportdirektor, habe mich auch um das Jugend-Recruiting gekümmert und mit Agenten Verhandlungen von Anfang bis zum Ende geführt, Verträge vorbereitet, für den Trainerstab als auch für die Spieler. Auch in der Nebensaison lief die Tätigkeit als Cheftrainer und Sporttrainer selbstverständlich weiter. Spieler wurde gesichtet und auch Verhandlungen mit Teams geführt, die an unseren Spielern interessiert waren. Diese Arbeiten haben sich vor allem auf den Sommer konzentriert. Natürlich habe ich als Trainer und Sportdirektor keinen geregelten Job von 9.00 bis 17.00 Uhr, weder während noch außerhalb der Saison. Und natürlich war es auch interessant für mich, meine zwei eigenen Söhne im Team zu haben und ihnen Vater und Trainer zugleich zu sein, was gleichermaßen super wie herausfordernd war. Dann kam die Corona-Zeit, in der wir international, aber ohne Fanbegleitung gespielt haben. Es waren sehr intensive und erfahrungsreiche Zeiten. Manchmal wäre es gut gewesen eine Pause einzulegen aber der Wettbewerb, in dem wir uns befanden, ließ das einfach nicht zu.

War es schwierig, den Vertrag vorzeitig aufzulösen? Hat man Ihnen keine Steine in den Weg gelegt?

Ich hatte seit 2013 eine Ausstiegsklausel in meinem Vertrag. Ich sprach mit den Vereinsverantwortlichen und gemeinsam fanden wir einen Weg, wie das Team weiterhin seine erfolgreiche Entwicklung fortführen könnte. Dem Verein stehe ich jedoch weiterhin in einer beratenden Rolle zur Seite.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie Ihnen von Ihren Wechselplänen erzählt haben?

Die Familie hat sehr positiv auf meine Entscheidung reagiert, da sie mit der Zeit bemerkt haben, dass eine kleine Verschnaufpause mir guttun würde.

Es ist nachvollziehbar, dass Ihre Frau mit Ihrer Entscheidung glücklich ist. Aber was sagen Ihre Söhne dazu?

Sie verstehen mich und akzeptieren meine Entscheidung. Alle drei sind sehr fleißig. Mein erster Sohn Julian war in der Saison 2017/18 unser Teammanager. Er war damals erst 17 oder 18 Jahre alt, hat aber gearbeitet wie ein Erwachsener. Oft hat er bis in die tiefe Nacht hinein die Mannschaftswäsche gewaschen und hat die Mannschaft durch halb Europa begleitet. Auch wenn ich sein Vater war, habe ich von ihm erwartet, dass er seinen Job perfekt macht. Meine beiden anderen Söhne Johannes und Jacob spielen regelmäßig im Team. Sie haben Abitur gemacht ohne jeglichen Sonderstatus. Sie mussten ihre Sachen für die Schule erledigen. Das war auch nicht einfach für sie als junge Spieler, gerade während Corona, mit wenigen sozialen Kontakte, nur Schule und Basketball.

Ihre Jungs sind fleißig und ehrgeizig. Wie stolz sind Sie als Vater auf ihre drei Söhne?

Ich bin sehr stolz auf alle drei. Vor allem darauf, wie sie die Herausforderungen angenommen haben und dabei positiv geblieben sind. Ich muss ihnen gar nichts sagen, sie wissen selbst, was ihnen beispielsweise ein Individualtraining bringt, das machen sie von ganz allein. Julian als Trainer und Johannes und Jacob als Spieler.

Es macht mir große Freude zu sehen, dass alle drei verstanden haben, das zusätzliches Training einen großen Nutzen und einen Wettbewerbsvorteil bringen kann.

Viele Menschen hier im Landkreis sagen, Sie sind das Gesicht der MHP-RIESEN. Sehen Sie das selbst auch so?

Nein, denn ich möchte nicht im Rampenlicht sein und auch nicht in der Öffentlichkeit über Basketball sprechen. Ich bevorzuge den Hintergrund, um meine Aufgaben erfolgreich zu erledigen.

Werden Sie außerhalb der MHP-Arena in Ludwigsburg oft angesprochen?

Manchmal schon, aber es ist ehrlich gesagt nicht ein Thema für mich.

Ihr Job ist ein 24-Stunden-Job, der viel Energie, Kraft und Zeit kostet. Wo nehmen Sie Kraft und Energie her, um das alles zu stemmen?

Mein ganzes Leben lang habe ich Sport getrieben und Wettbewerbe bestritten. Deshalb verspüre ich diesbezüglich auch keinen unerwarteten Stress. Ich war immer bereit, den Wettbewerb an- bzw. aufzunehmen, wollte stets meine Jobs als Cheftrainer und Sportdirektor seriös ausüben. Nur die Öffentlichkeitsarbeit mit Interviews war noch nie mein Ding. Ich würde lieber weniger sagen und das Rampenlicht den Spielern und dem Präsidenten überlassen. Das wird mir in Japan besser gelingen, denn da werde ich lediglich Cheftrainer sein.

Was tun Sie sich Gutes, wenn Sie mal entspannen wollen?

Ich liebe einfach Basketball, auch in der Freizeit. Aber ich mag auch die Natur, lese viel, zum Beispiel über Politik. Aber es macht mir auch einfach Spaß, mit jüngeren Menschen auf dem Spielfeld zu arbeiten, es macht Spaß mit Coaches zu reden. Basketball ist mein Leben. Außerdem ist es für mich als Familienvater faszinierend zu sehen, wie unsere Kinder groß geworden sind und sich entwickeln, wie selbständig sie geworden sind über die Jahre.

Über Sie als Trainer wird gesagt, dass Sie knallhart sind und von Ihren Spielern fordern, immer bis zum Äußersten zu gehen. Erwartet das der Ehemann und Familienvater John Patrick auch von seiner Familie?

Die Menschen, die das behaupten haben mich wahrscheinlich nie bei meiner Arbeit erlebt und auch nicht zuhause. Zu Hause bin ich kein Coach. Zusammen mit meiner Frau bilden wir ein gutes Team. Wir mussten auch früh den Kindern einiges zutrauen, sei es das Kümmern um den Hund und die Pferde oder um Dinge im Haus wie beispielsweise den Müll oder Shoppen. Auch müssen sie sich um die Oma kümmern, die schon älter ist und bei uns ganz in der Nähe wohnt.

Junge Spieler, die zu uns kommen, tun das, um sich zu entwickeln. Ältere Spieler kommen um zu siegen und erfolgreich zu sein. Ich denke, dass wir mit zu den Top-Mannschaften gehören, aber diesen Erfolg schafft man eben nur durch harte Arbeit.

Sind Sie ein Trainer zum Anfassen, eine Art Vaterfigur, oder ist Ihnen Distanz und Respekt lieber?

Ich bin relativ offen und jeder kann mit seinen Problemen auch außerhalb des Basketballs zu mir kommen. Eine gewisse Distanz im Training ist wichtig. Jedoch ist auch das persönliche Interesse am Spieler relevant.

Wir haben hier auch einen Teammanager, Yannick Rohatsch, der für die täglichen Dinge zuständig ist. Er ist noch näher an den Spielen dran. Das hilft sehr.

Kommen wir zum Thema Corona, dass uns alle die letzten zwei Jahre beschäftigt hat. Wie hat sich Corona auf den Basketball ausgewirkt?

Während der Coronakrise hatten wir als MHP RIESEN zweieinhalb sehr gute Spielzeiten, aber es war natürlich nicht einfach. Schlimmer noch war es jedoch für die Kinder und Jugendlichen, die ihren Bewegungstrieb, ihre Sportbegeisterung und ihre sozialen Kontakte in den Vereinen nicht ausleben durften. Für uns war es aufreibend, dass wir so viele PCR-Tests machen mussten, manchmal zweimal am Tag. Die ganzen Regeln damals waren notwendig. Zum Glück hatten wir unsere Spieler auf der Bank, die für Stimmung während der Spiele gesorgt haben. Dieser Teamgeist und die Energie, die da von der Bank kamen, das war schon ein Vorteil für uns. In der Saison 2019-2020 hatten wir  mit 17 Siegen und drei Niederlagen, im letzten Jahr mit 30 Siegen und vier Niederlagen und in diesem Jahr mit 23 Siegen und elf Niederlagen eine extrem erfolgreiche Zeit. Das war schon alles sehr gut. Komisch waren unsere Geisterspiele in vielen Teilen Deutschlands, während auf internationaler Ebene wieder ganz andere Regeln galten, sei es bei den Reisebedingungen oder für die Anwesenheit von Fans während der Spiele. Das war alles recht kompliziert, aber wir sind als Team gut durch diese Zeit gekommen.

Hatten Sie selbst Corona?

Ich glaube, dass ich es zweimal hatte, aber ich wurde nie positiv getestet.

Wenn Sie die letzten zehn Jahre Revue passieren lassen, was werden Sie in Zukunft vermissen?

Ludwigsburg als Stadt mit all seinen Menschen werde ich vermissen. Ich liebe Ludwigsburg, es ist ein toller Ort für meine Familie und mich. Hier verschmelzen so viele Nationen, Sprachen und Kulturen, das mag ich. Das wird in Japan anders sein, denn dort leben zu 99 Prozent Japaner, nur Tokio ist relativ international. Dort fühle ich mich auch wohl. Ich werde am Rand von Tokio wohnen und fahre fünf Minuten mit dem Fahrrad, dann bin ich in der Natur, fahre viele Kilometer am Fluss entlang, sehe Tempel und Reisfelder. In vierzig Minuten bin ich an einem Surfing-Strand, das ist alles wunderbar, vor allem auch deshalb, weil wir in Japan nur einmal am Tag trainieren dürfen. Hier in Ludwigsburg brauche ich allerdings nur 15 Sekunden, schwupps bin ich im Favoritenpark.

Während Ihrer Zeit hier als Trainer sind viele namhafte Spieler gekommen, einige sind gegangen. Wer war der herausragendste Spieler?

Jeder Spieler hat etwas mitgebracht. Es gibt Spieler, die vielleicht nicht so herausragend auf dem Spielfeld performt haben, aber die legen anderweitig so viel Power und Einstellung an den Tag wie beispielsweise Chris von Fintel. Oder Spieler wie Jon Brockman, Tom Walkup, Jaleen Smith, die einen unbeschreiblichen Einfluss auf die Mitspieler hatten, so motiviert jeden Tag trainiert haben und im Spiel in der Offensive wie Defensive dominant aufgetreten sind. Wir hatten viele hier, nicht nur in der spielenden Mannschaft, sondern auch im Verein wie Lukas Robert oder Mario Probst, die den administrativen Bereich geregelt haben. Es wird so bleiben, unabhängig davon ob ich da bin oder nicht. Führung kommt von allen.

Gibt es weltweit einen Spieler, der für Sie der Größte war bzw. ist?

Da sage ich sofort Michael Jordan. Der Mann hat nicht nur auf dem Feld mehr als jeder andere geleistet, er war eine Ikone und hat Basketball international populär gemacht. Er spielt in seiner eigenen Liga.

In jeder Saison hatten Sie die Aufgabe, eine Mannschaft fast komplett neu zusammenzustellen. Und fast jedes Mal ist es Ihnen gelungen, ein sehr erfolgreiches Team daraus zu formen. Wie haben Sie das geschafft, was ist Ihr Geheimnis?

Wir haben versucht, charakterstarke Spieler zu gewinnen, die Basketball richtig lieben und leben. Wir haben in dieser tollen Stadt Ludwigsburg in allen Bereichen super Trainingsmöglichkeiten, so dass sich jeder Spieler wohlfühlen und wir gute Spiele abliefern konnten. Wir spielen national in einer starken Liga, der BBL, und in der Champions League spielen wir gegen Topteams in ganz Europa. Wir sind bei NBA- und Euroleague-Scouts eine bekannte Größe. So konnten wir unseren Spielern behilflich sein um sie in die Euroleague oder in die NBA zu schicken. Sie kamen als Rohdiamanten zu uns, und einige Spieler haben es als großes Sprungbrett genutzt.

Mit unserem Jugendprogramm gehören wir übrigens mittlerweile zu den Besten in Deutschland und meiner Meinung nach zu den Top-Acht in Europa. allerdings hat es vier, fünf Jahre gedauert, bis wir so weit waren, dass Jugendliche mit den Profis trainieren  konnten. Davon wird die Mannschaft auch in der Zukunft künftig profitieren.

Was war bislang Ihr schönstes Erlebnis bei oder mit den MHP RIESEN?

Neben Superlativen wie Hauptrundmeisterschaft und Final Fours machte mir auch das tägliche Training großen Spaß. Spielern zuzusehen wie sie besser werden.

Bleibt Ihnen auch ein negatives Erlebnis in Erinnerung?

In schlechter Erinnerung bleiben mir natürlich all die Verletzungen, aber auch meine Sorge beim Spiel um die Meisterschaft in München gegen Alba Berlin, als ich Angst hatte, dass mein bester Spieler (Anm. der Redaktion: Marcos Knight) nicht auflaufen kann. Und so kam es dann leider auch.

Gab es mal den Moment in Ihrer Trainerzeit, in dem Sie ans Aufhören dachten?

Nein, einen solchen Moment gab es nie. Selbst in meiner Zeit als Spieler an der Highschool oder in Stanford, wo ich mehrere Spielzeiten wenig zum Einsatz kam, habe ich nicht eine Sekunde ans Aufhören gedacht. „Da musst Du durch. Es ist halt ein Kampf.“

Sind Sie eine Kämpfernatur?

Als Trainer habe ich die Einstellung, dass ich einen Weg finde, um zu gewinnen. Ja, denn es gibt immer einen Weg und eine Lösung. Es gibt auch immer eine Rolle, die man in einer Mannschaft finden kann, auch wenn es vielleicht nicht die Wunschrolle ist. Wenn man nicht zum Goalgetter wird, ist man vielleicht in der Verteidigung wertvoll für die Mannschaft. Kämpfen ist notwendig, (manchmal auch gegen das eigene Ego) wenn du gewinnen willst.

Wie geht es jetzt mit John Patrick weiter?

Den Sommer über habe ich frei. Das war mein Wunsch und das ist auch gut vereinbar mit meinem künftigen Job als Cheftrainer der Chiba Jets in Japan, wo ich Ende August hin wechseln werde. Ich helfe zudem meinem Nachfolger Josh King, wir telefonieren jeden Tag. Da ich einen Beratervertrag mit den MHP RIESEN habe, bleibt die Verbindung zu Ludwigsburg auf jeden Fall bestehen. Meine Familie bleibt hier. Zwei meiner Kinder werden hier weiterhin spielen. Beide wollten unbedingt mindestens noch ein Jahr bei den RIESEN bleiben. Das finde ich gut, denn sie identifizieren sich total mit Ludwigsburg und den Riesen.

Welche Visionen und Träume haben Sie noch?

Oh, da gibt es vieles, was ich noch machen möchte. Zuerst möchte ich zurück nach Japan gehen. Ich war schon mal lange Zeit dort, aber ich will jetzt mehr an der Sprache arbeiten, wieder reinkommen und mich verbessern. Ich möchte mich wieder in Form bringen, will meine amerikanischen sowie japanischen Freunde dort wieder treffen. Das alles habe ich mir vorgenommen. Allerdings war ich noch nie jemand, der sich große Ziele gesetzt hat. Ich will natürlich erfolgreich sein.

Wäre die NBA kein Traum für Sie?

Nein.

Wäre Bundestrainer eine Option?

Ich hatte Angebote, aber im Moment macht es für mich wenig Sinn. Ich genieße es den Wettkämpfen der Nationalmannschaften in der Sommersaison zuzusehen.

Herr Patrick, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Werden die Ludwigsburger Haushalte im Winter im Kalten sitzen müssen, Herr Rager?

Johannes Rager ist einer der beiden Geschäftsführer der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim GmbH (SWLB). Im Interview mit Ludwigsburg24 erzählt der 46-Jährige über die Situation auf dem Energiemarkt, wie sich die Gaskrise auf Ludwigsburg auswirkt und was er den Menschen empfiehlt. 

Ein Interview von Ayhan Güneş

Ludwigsburg24: Eine persönliche Frage zum derzeitigen Angstthema Energieversorgung: Heizen Sie Ihre privaten Räumlichkeiten mit Gas?

Johannes Rager: Nein, ich bin Kunde am Fernwärmenetz der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim.

Werden Ihre Gaskunden im kommenden Winter im Warmen sitzen?

Unsere Privatkunden sind geschützt und wir werden alles dafür tun, dass sie im Warmen sitzen werden und es genießen können. Die Verantwortung, die wir als Stadtwerke übernehmen, liegt in einer sicheren Versorgung unserer Netzgebiete mit Erdgas in Ludwigsburg, Kornwestheim, Tamm, Asperg, Möglingen, Marbach, Markgröningen entsprechend dem Energiewirtschaftsgesetz. Sollte zu wenig Gas zur Verfügung stehen, müssen wir die Mangellage gemäß den gesetzlichen Regelungen steuern und ich kann versprechen, dass wir unseren bestmöglichen Job machen werden.

Es ist nachvollziehbar, dass sich viele Menschen Sorgen machen. Können Sie diese Menschen beruhigen?

Ich glaube, es wird auf allen Ebenen alles dafür getan, dass die Menschen im Winter eine warme Wohnung haben. Und dennoch ist der Appell richtig, dass es auch mit etwas weniger Wärme geht und in diesem Fall Solidarität nötig ist. In einem großen Haus zum Beispiel, muss nicht jedes Zimmer beheizt sein. Es sollte jeder darauf achten, seinen Energieverbrauch zu senken. Und 1 bis 2 Grad weniger an Zimmertemperatur hat auch schon großes Einsparpotenzial.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation und ihre längerfristige Auswirkung: Befindet sich Deutschland, bzw. der Landkreis Ludwigsburg in einer Energienotlage?

Nein, aktuell ist alles im grünen Bereich. Wir sind zwar in der Alarmstufe, doch jetzt sind wir mitten im Sommer und die Gaslage ist stabil. Mit Sorge verbunden der anstehende Winter. Bis dahin müssen die bundesdeutschen Gasspeicher gefüllt sein. Da gibt es das vom Bundestag erlassene Gesetz, laut dessen bis 1. Oktober 80%, bis 1. November 90% des Vorrats gefüllt sein müssen. Dies zu erreichen, muss das große Ziel sein. Eine wesentliche Frage wirft jedoch die Wiederinbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 1 auf. Sollte dies nicht wie geplant nach der Wartung erfolgen, werden sicherlich weitere Maßnahmen durch die Bundesregierung eingeleitet.

Haben die Stadtwerke eigene Gasspeicher?

Ja, wir haben die Gaskugel und das Gasnetz an sich, denn auch ein Netz speichert Gas, aber das ist keine Menge, die über Tage oder gar Wochen reicht.

Wie lange halten deren Gasreserven? Gibt es dafür eine Statistik? Und gibt es eine Mindestreserve, die absolut notwendig ist?

Oft wird uns die Frage gestellt, wie lange unsere Gaskugel über den Winter reicht. Mit der großen Gaskugel, die sie bei der Autobahneinfahrt Ludwigsburg-Süd steht, gleichen wir nur die Tagesspitzen aus, ansonsten ist sie vom Volumen her für unsere Gasnetzgebiete zu klein. Wenn jedoch die großen Kavernenspeicher wie zum Beispiel Rheden in Norddeutschland zum Winterbeginn mit den vorgeschriebenen Mengen gefüllt sein werden, dann schaffen wir es, gemeinsam mit den anderen Bezugsquellen und allen Einsparungen über den Winter zu kommen.

Die Gaspipeline NordStream1 wurde diese Woche wegen notwendiger Wartungsarbeiten und aufgrund scheinbar technischer Probleme von den Betreibern abgeschaltet. Die Wartungsarbeiten sollen bis 21. Juli dauern. Was passiert, wenn die Wartungsarbeiten länger dauern sollten?

Die Speicher werden in diesem Fall nicht in dem Maße gefüllt, wie wir es uns erhoffen und das Gesetz vorsieht. Deshalb laufen schon jetzt im Hintergrund die Überlegungen, welche Maßnahmen bereits heute ergriffen werden müssen, um vorbereitet zu sein. Im Grunde steht uns alles, was wir über den Sommer sparen, im Winter zur Verfügung, weil diese Menge – soweit technisch möglich – eingespeichert wird.
Die Arbeiten, die derzeit an der Pipeline NordStream 1 stattfinden, sind normal und finden jährlich statt. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass wir zu diesem Zeitpunkt kein Gas über diese Pipeline beziehen. Wird sie wieder regulär in Betrieb genommen, dann ist alles in Ordnung. Passiert das jedoch nicht, müssen die Überlegungen weitergehen, wie die Speicher durch andere Bezugsquellen gefüllt werden können und wie wir die Abnahme der Vorräte über den Sommer reduzieren.

Wie muss man sich das ganze Gaskonstrukt als Laie vorstellen?

Es gibt mehrere Pipelines, die durch andere Länder nach Deutschland führen und auch aus Deutschland raus, da wir auch Transit-Land sind. Im Wesentlichen wird das Gas im Förderland, hier Russland, unter hohem Druck in die Pipeline gepumpt und dann in Deutschland entnommen oder weitergeleitet an die Nachbarländer.
Das sind Hochdruckleitungen, damit jeweils eine große Menge an Gas durchkommt. In Deutschland wird das angekommene Gas danach in die unterschiedlichen Regionen transportiert. Das Netz wird nach unten immer feinmaschiger und so gelangt das Gas schließlich nach Ludwigsburg, Kornwestheim und unsere weiteren Netzgebiete. Mit reduziertem Druck leiten wir dies an unsere Kunden weiter. An diesen eben genannten Hochdruckleitungen hängen auch die Gasspeicher. In diesen wird das Gas nochmals mehr verdichtet, damit eine möglichst große Menge gespeichert werden kann.

Kann man beziffern, wie viel russisches Gas in Ludwigsburg ankommt?

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs, also zum Ende des Winters, waren es 55 % der Gasmenge. Da unterscheidet sich Ludwigsburg nicht von anderen Städten.

Warum ist das so? Weil wir unser Gas über die Börse beziehen. Und an der Börse wird für uns als Stadtwerke nicht gehandelt, woher das Gas kommt, sondern es werden reine Erdgasmengen und Lieferzeitpunkte gehandelt. Auf der anderen Seite sind Händler, die wiederrum viele Verträge in den unterschiedlichen Förderländern, auch Russland, haben.

Wir als Stadtwerke kaufen an der Börse eine bestimmte Menge an Gas zu einem gewissen Zeitpunkt und für ein bestimmtes Lieferjahr. Wir arbeiten mit Systemen, die anhand der Wettervorhersage die voraussichtliche Menge für die nächsten Tage prognostizieren. Auf Grundlage dieser Berechnung wird die entsprechende Gasmenge aus diesen Verträgen bestellt und geliefert. So läuft, vereinfacht gesagt, im Normalfall die Gasversorgung.

Wenn wir jetzt aber in eine Gasmangellage kommen, was passiert dann?

Tritt dieser Fall ein, würden wir immer noch bestellen, aber unter Umständen das Gas gar nicht oder nicht in der bestellten Menge geliefert bekommen. Wenn das passiert, müssen wir natürlich reagieren.

Da Sie als Stadtwerke Ihr Gas selbst einkaufen, könnten Sie da auch theoretisch Ihren Einkauf direkt bei anderen Ländern tätigen?

Theoretisch gesehen wäre das möglich, aber es ist nicht üblich. Unser Know-how und unser Geschäftsfeld ist das Verteilen von Gas und das Beliefern von Endkunden. Stadtwerke unserer Größenordnung tun das also nicht und es bringt auch für die eventuell anstehende Notfalllage keinen Vorteil. Tritt sie ein, geht es darum, wie verteilt wird und nicht, wer sein Gas woher bezieht.

Spüren Sie als Unternehmen wegen der im Raum stehenden Gaskrise schon eine Veränderung hinsichtlich dem Gasverbrauch bei den Menschen?

Nein, bis jetzt stellen wir keine signifikanten Veränderungen fest. Es ist nicht erkennbar, dass der Gasverbrauch deutlich abgenommen hat, denn er hängt ganz stark von der Witterung ab. Je wärmer es wird, umso weniger wird geheizt. Und für den Warmwasserverbrauch rechnet man lediglich mit zirka 10% des Energiebedarfs im Vergleich zur Heizenergie. An dieser geringen Menge lässt sich ein möglicher Rückgang schlecht festmachen. Wir gehen davon aus, dass wir im kommenden Winter stärkere Einspareffekte sehen werden.

Der Energiepreise sind derzeit sehr hoch, weshalb der Städte- und Gemeindebund letztens vor drohenden Pleiten von Gasversorgern gewarnt hat. Wie gefährdet ist die SWLB?

Die SWLB ist aktuell sehr gut aufgestellt. Wir haben einen eigenen Energiehandel und beschaffen unser Erdgas selbst. Das ist ein komplexes System. Vereinfacht gesagt schätzen wir die zukünftige Kundenzahl und den Verbrauch ab und beschaffen die dafür notwendige Erdgasmenge. Und das tun wir regelmäßig für die nächsten drei Jahre und kaufen das Erdgas scheibchenweise ein. Das gibt unser Risikohandbuch so vor und daraus ergibt sich ein Mischpreis. Wir kaufen also die gesamte Energie nicht zu einem bestimmten kurzfristigen Zeitpunkt ein und sind somit dann auch nicht dem Preis zu diesem einen Zeitpunkt ausgeliefert. Im Gegenteil, durch unsere Einkaufsstrategie kaufen wir auch immer wieder zu preislich günstigeren Zeiten ein. Von dieser Strategie profitieren jetzt unsere Kunden mit Energiepreisgarantie, da wir vor dem Ausbruch des Krieges noch günstiger eingekauft haben und sich dies im Produktpreis der Kunden günstig auswirkt.

Das Risiko, dass Stadtwerke finanzielle Probleme bekommen, kann daran liegen, dass zu wenig Energie in der Vergangenheit eingekauft wurde. Diese Stadtwerke müssten dann die fehlende Energie nachkaufen und die ist im Augenblick exorbitant teuer, wodurch ein Unternehmen wirtschaftliche Probleme bekommen kann. Ob dies bei anderen Unternehmen tatsächlich so ist, kann ich nicht sagen.

Können Sie schon abschätzen, wie stark diese Preisanpassungen ausfallen werden?

Eine pauschale Aussage fällt mir schwer, weil wir viele unterschiedliche Kundengruppen haben, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten Verträge abgeschlossen haben. Für jede dieser Kundengruppen errechnen wir den Preis anhand der aktuellen Situation neu. Früher waren alle Kunden in einem einzigen Tarif, der zu einem gewissen Zeitpunkt angehoben wurde. Heute ist es so, dass die Kunden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Tarifen bei uns einsteigen und entsprechen müssen dann die Preise zu unterschiedlichen Zeiten angepasst werden. Das muss man immer genau kalkulieren. Aber Fakt ist: Die Preise sind an den Börsen beim Erdgas um das 5-fache im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das müssen wir in der Kalkulation berücksichtigen und das wird sich auf die Kundenpreise wesentlich auswirken.

Der Präsident der Bundesnetzagentur hat letzte Woche erklärt, dass er eine Mehrbelastung bis zu 3.000 Euro jährlich für den privaten Haushalt befürchtet. Halten Sie das für realistisch?

Der Strompreis an der Börse hat sich versechsfacht, der Gaspreis verfünffacht. Der Staat versucht mit Maßnahmen entgegenzuwirken, so zum Beispiel mit der Abschaffung der EEG-Umlage. Aber diese Maßnahmen werden die Preissteigerungen nicht aufwiegen können. Daher können, je nach Energieverbrauch, solche Steigerungen auf die Kunden zukommen.

Spüren Sie als Stadtwerke einen größeren Zulauf an Neukunden?

Wir spüren diese Zunahme sowohl beim Gas als auch beim Strom. Aber wir spüren es auch darin, dass viele Kunden weg vom Gas und hin zur Fernwärme wechseln wollen. Die Fernwärme hat für den Kunden den Vorteil, dass wir uns als Stadtwerke um die Wärmeerzeugung kümmern. Durch unsere unterschiedlichen Erzeugungsanlagen haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, auch unterschiedliche Brennstoffe einzusetzen. In der Fernwärme hatten wir dann innerhalb von zwei Monaten so viele Anfragen, wie sonst im ganzen Jahr. Das war signifikant und selbstverständlich versuchen wir, die Kunden schnellstmöglich ans Netz zu bekommen, was in der Fernwärme nicht ganz so einfach ist, da es sich um das komplexeste Medium handelt und ein Hausanschluss Zeit benötigt.

Über welche Quellen sprechen wir?

Wir haben die Solarthermie-Anlage, unser Vorzeigeprojekt, die im Wesentlichen im Sommer ihre Leistung zeigt. Wir haben ein Holzheizkraftwerk, wo wir zum Beispiel Holz aus Straßenbegleitgrün einsetzen. Des Weiteren haben wir Holzpellet-Anlagen sowie Biomethan- und Biogasanlagen, Geothermie, eine Abwasserwärmepumpe und viele weitere energieeffiziente Anlagen, die an unserem Netz hängen.
Klar ist aber auch, dass ein Großteil der Fernwärme über Gas erzeugt wird. Im Unterschied zum Einfamilienhaus mit einer Gastherme erzeugen wir aus Gas in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme unter anderem für die Haushalte. Wir nutzen also das Potenzial von Erdgas viel besser aus.

Was empfehlen Sie potenziellen Kunden, die ein Haus bauen möchten?

Die Fernwärme bietet, wo immer es möglich ist, eine nachhaltige, bequeme und zukunftsgerichtete Möglichkeit zur Wärmeversorgung des Eigenheims. Da sorgen wir für eine zuverlässige Versorgung und mit unseren Nachhaltigkeitszielen auch für eine gute Wärmequalität. Außerhalb der Fernwärmegebiete kommt es stark auf die Gegebenheiten an. In erster Linie sollte ein Neubau so wenig wie möglich Heizenergiebedarf haben.

Was bietet sich stattdessen an?

Es geht mehr in Richtung Wärmepumpe, Photovoltaik und Akkuspeicher. Auch dafür bieten wir Lösungen an. Hinzu kommt das Thema Elektromobilität mit Wallboxen in der Garage und dann merkt man schnell: Es geht immer um Strom, Strom, Strom.
Im Fachjargon bringen wir diese Themen mit dem Begriff Sektorenkopplung zusammen. Es geht dabei im Wesentlichen darum, die Energie aus erneuerbaren Energien möglichst effizient zu speichern und zu verwenden. Damit soll die Energiewende gelingen. Dazu gehören auch die Gasnetze, trotz aller Diskussionen um den Krieg in der Ukraine. Allerdings soll das Gasnetz künftig einen wesentlichen Anteil von Wasserstoff transportieren. Dieser soll aus den erneuerbaren Energien, also zum Beispiel Windkraft, erzeugt werden. Damit das Gasnetz dafür geeignet ist, sind wir Teil des Projektes H2Ready. Ziel ist es, unsere Netze so schnell wie möglich für Wasserstoff fit zu machen. Daher ist jedes Bauteil, welches wir jetzt in unser Netz einbauen, wasserstofftauglich.

Verbraucht der durchschnittliche Privathaushalt im Kreis Ludwigsburg mehr oder weniger als der Bundesdurchschnitt?

Ich vermute wir liegen wir im Durchschnitt. Da dies vom Wohnungs- und Haustyp, vom Alter der Gebäude und vielen weiteren Faktoren abhängig ist, kann ich dazu keine genaue Aussage treffen.

Ein weiteres großes Thema der Bundesnetzagentur: Falls tatsächlich ein Gasnotstand eintreten sollte, wer hätte für die Stadtwerke Priorität – die privaten Haushalte oder die Unternehmen?

Das Energiewirtschaftsgesetz sieht klar vor, dass die privaten Haushalte vorrangig versorgt werden. Zudem haben wir bereits 77 Unternehmen identifiziert, die wir im ersten Schritt vom Netz nehmen müssten. Das Energiewirtschaftsgesetz besagt, dass ab einer bestimmten Größenordnung die Kunden nicht mehr geschützt sind. Aus diesen großen Kunden mussten wir nur noch die herausfiltern, die trotz Größe zu den geschützten Kunden zählen, weil sie zu den grundlegenden sozialen Diensten wie zum Beispiel Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen etc. gehören. 

Rechnen Sie mit Klagen, falls es tatsächlich zu Abschaltungen kommen sollte?

Es ist absolut nachvollziehbar, wenn möglicherweise betroffene Unternehmen versuchen, ihren Schaden ersetzt zu bekommen. Neben den Entschädigungsversuchen wird es sicher auch eine politische Diskussion und gewisse Regularien dazu geben, was in solch einem Fall passiert. Wir hoffen, dass dann möglichst unbürokratisch vorgegangen wird. Es ist weder im Interesse der Politik noch in unserem als Stadtwerk, dass womöglich Arbeitsplätze aufgrund dieser Gasmangellage gefährdet werden.

Wie lautet in der derzeitigen Situation Ihre persönliche Empfehlung an die Bürger?

Meine Empfehlung und gleichzeitig Bitte ist, sich wirklich solidarisch gegenüber der Gesellschaft zu zeigen, gegenüber den Nachbarn, der Familie, dem Umfeld und wann immer möglich, versuchen Energie zu sparen.
Das können Menschen mit großen Wohnflächen leichter bewerkstelligen als die, die auf engerem Raum leben. Es gibt viele Tipps, um Energie zu sparen und in Summe zeigen auch kleine Taten eine große Wirkung. Wichtig zu wissen ist es, dass 90 % des Energiebedarfes im Haushalt für die Heizung benötigt werden. Hier liegt also das größte Einsparpotenzial. Familien mit geringem Einkommen oder auf engem Wohnraum können natürlich weniger einsparen, zumal diese von den Preiserhöhungen auch härter betroffen sein werden. Dennoch sollte sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten solidarisch zeigen und versuchen sich einzubringen.

Herr Rager, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Was die Pandemie mit Kindern und Jugendlichen gemacht hat: Ein Interview mit Christian Hofberger

Christian Hofberger ist nicht nur Lehrer am Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart, sondern auch offizieller Ausbilder vom Württembergischen Fußballverband (WfV) für angehende Trainer im Jugend- und Erwachsenenbereich. Der in Ditzingen lebende 49-Jährige erzählt im Interview mit Ludwigsburg24, wie sehr die Corona-Pandemie die Entwicklung und das Verhalten von Schülern und Fußballern in seinen Augen beeinträchtigte, was er ehrgeizigen Fußballer-Eltern rät und was ein erneuter Lockdown für Kinder und Jugendliche bedeuten würde.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Wie kommt man dazu, in den Trainerlehrstab des WFV einzutreten?

Christian Hofberger: In diesen Trainerlehrstab wird man berufen. Voraussetzung ist die DFB Trainer A- Lizenz. Nachdem ich meine in der Tasche hatte, rieten mir ein paar ältere, erfahrene Trainer wie Lothar Mattner, Wolfgang Lamitschka oder mein damaliger Ausbilder an der Uni, Dirk Mack, mal eine Weile beim Trainerlehrstab reinzuschnuppern, da junge Leute gesucht wurden. Nach einer halbjährigen Hospitanz bei der ich mich hoffentlich nicht allzu unglücklich angestellt habe und aufgrund meiner schon längeren Trainertätigkeit im Amateurfußball wurde ich dann in den WFV Trainerlehrstab aufgenommen und bin nun um die 20 Jahre dabei.

Was sind Ihre konkreten Aufgaben dort?

Wir treffen uns mehrmals im Jahr, um neue Konzepte auszuarbeiten und zu erörtern, wo wir im „Forschungsbereich“ des Fußballs tätig werden können, welche neuen Entwicklungen sich ergeben haben, was man vom Profifußball auf den Amateurbereich oder den Jugendfußball runterbrechen kann. Dies fließt in unsere Dezentralen Fortbildungen ein, die zur Lizenzverlängerung dienen. Und natürlich kümmern wir uns vor allem um den Ausbildungsbereich. Es geht darum, wie wir möglichst viele Kinder- und engagierte Jugendtrainer erreichen, die Input wollen. Deshalb bin ich sowohl in Ruit, als auch dezentral in Basis-Lehrgängen tätig. Aktuell wird die Ausbildungsstruktur dahingehend verändert, dass es ab 2023 ein „Kindertrainerzertifikat“ geben wird und eine Ausbildung zum „DFB Basiscoach“.

Sie sind quasi Trainerlehrer. Vergleicht man die Zeit vor mit der nach Corona, was hat sich verändert?

Vor Corona hatten wir sehr viele Interessierte an den dezentralen Angeboten, da war ganz eindeutig ein Trend zu erkennen. Man kann nämlich nicht von jedem erwarten, dass er sich für den Erwerb einer C-Lizenz vier Wochen Urlaub nimmt, um den Schein in Ruit zu erwerben. Deshalb wollten wir versuchen vor allem die Basislehrgänge dezentral in den Bezirken und Vereinen anzubieten, damit man möglichst mit zwei Wochenenden schon den ersten Teil abdecken kann. Das kam sehr gut an. Während Corona mussten wir vorwiegend auf online umstellen, was aber nicht jeden Trainer ansprach. Wenn man vielleicht beruflich schon viel mit Videokonferenzen zu tun hat, will man nicht auch noch einen Trainerlehrgang online machen. Aber jetzt nach Corona ist es wieder besser und es boomt total. Wir haben wirklich eine große Nachfrage an Trainerausbildungen, so dass sehr viele Lehrgänge schon voll sind.

Woran liegt das?

Das liegt mit daran, dass viele Trainer ihre Ausbildung vor Corona begonnen haben und sie nun endlich beenden wollen. Aber es scheint auch so, dass viele „neue“ Trainer nach der langen Auszeit plötzlich Lust bekommen haben auf Fußball im Verein, mit Kindern, Fußball im Ehrenamt.

Hat sich bei den Trainertypen irgendetwas in den zwei Jahren der Pandemie verändert?

Eigentlich, von den Typen her, ist es in etwa gleichgeblieben. Es sind hauptsächlich Leute, die selbst mal gekickt haben und die jetzt eigene Kinder haben, die im Verein spielen. Das sind hauptsächlich Väter, die größtenteils in den Vereinen schon verwurzelt sind, werden dann oftmals von den Vereinsverantwortlichen angesprochen, ob sie nicht Lust hätten, eine Jugendmannschaft zu trainieren. Es handelt sich meist um sehr engagierte Leute, die Input suchen und dankbar sind, Wissen über neue Trainingsformen und deren Umsetzung für die jeweiligen Altersklassen zu erlernen. Immer mehr kommen aber auch schon junge, engagierte Mädels und Jungs in die Lehrgänge, die selbst aktiv spielen und oft noch zur Schule gehen oder studieren.

Sie bilden aber auch Trainer für den Erwachsenen-Fußball aus. Wie muss ein guter Trainer zu Kindern, wie zu Erwachsenen sein?

Trainer für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind eigentlich drei ganz unterschiedliche Felder. Im Kinderbereich ist es ganz wichtig, dass die Kinder Spaß haben, dass sie sich bewegen und austoben können. Mit ihnen kann ich viele Dinge machen, um sie zu motivieren, die manchmal auch nur am Rande mit Fußball zu tun haben. Bei Kindern muss ich als Trainer außerdem unbedingt darauf achten, dass jeder sehr oft am Ball ist, jeder mal die Möglichkeit hat, ein Tor zu schießen. Allein deswegen gehen Kinder nämlich zum Fußball. Ich selbst habe damals bis zum Alter von zehn oder elf Jahren meist nur auf der Kickwiese gespielt, konnte von daher schon spielen und bin dann erst in den Verein, um zu trainieren. Heutzutage kommen die Kinder schon mit fünf, sechs Jahren in die Vereine und haben oftmals noch große motorische Defizite. Mit diesen Kindern kann ich natürlich nicht trainieren, sondern muss deren Freude am Spielen aufrechterhalten.

Was ist beim Jugendtraining wichtig?

Mit den Jugendlichen können wir schon ins spezifischere Training einsteigen, können vor allem technische und koordinative Fertigkeiten schulen und den Kids den Teamgedanken beibringen. Wobei wir – und das hat gerade Corona wieder gezeigt -darauf achten müssen, dass in der heutigen Zeit verdammt viel auf die jungen Menschen einprasselt. Zu meiner Zeit ging man in die Schule, machte fix die Hausaufgaben, um dann schnell auf dem Bolzplatz sein zu können. Heute hat man 10.000 Möglichkeiten, dazu kommt zwei-, dreimal Nachmittagsunterricht sowie andere Anforderungen. Darauf müssen wir eingehen und immer genau schauen, wo steht der Jugendliche gerade, was ist im Elternhaus los, wie sieht es jetzt gerade durch Corona in der Schule aus. Da haben wir Jugendtrainer eine ganz besondere Verantwortung, da die Kinder uns ab einem bestimmten Alter als Vorbilder sehen, mehr noch als die Eltern.

Sind die Erwachsenen somit am unkompliziertesten?

Da kommt es immer darauf an in welchem Bereich man trainiert. Aber wenn es da um Leistung geht, dann kann ich diese hier auch einfordern- im Training wie im Spiel. Wobei für mich im Amateurfußball in allen Ligen auch das gemeinsame Miteinander außerhalb des Fußballplatzes eine zentrale Rolle spielt.

Während der zweijährigen Coronazeit konnten die Kinder die meiste Zeit nicht zum Training kommen. Inwiefern hat diese erzwungene Pause die Kinder verändert?

Den Kindern fehlt auf jeden Fall etwas, vor allem denen, die in zwei Lockdowns waren. In der Schule haben wir jetzt viel mehr Verhaltensauffälligkeiten als früher. Wir beobachten ausgeprägtere Konzentrationsprobleme und wir stellen, trotzdem wir eine Eliteschule des Sports und Fußballs sind, eine Gewichtszunahme bei vielen Schülern fest. Außerdem ist ein unglaublicher Drang vorhanden, ständig am Handy zu hängen. Das sind alles Punkte, die aus den vergangenen zwei Jahren resultieren, und die bei den Kindern Spuren hinterlassen haben. Deshalb müssen wir genau schauen, wie wir da gegensteuern können. Wir machen gerade am Ende dieses Schuljahres mit allen Klassen Schullandheime.

Zahlen wir als Gesellschaft für die Lockdowns einen hohen Preis, bzw. waren die Lockdowns gerechtfertigt?

Dazu kann ich mir kein finales Urteil anmaßen. Wer den Preis für diese Zeit gezahlt hat ist allerdings klar: das sind die Kinder und Jugendlichen. Sie sind zurückgetreten aus Verantwortung gegenüber den älteren Generationen, die die Gefährdetsten waren und noch sind. Das sollten wir nicht so schnell wieder vergessen. Allerdings habe ich momentan den Eindruck, als wäre schon wieder alles beim Alten und als würde man von allen das gleiche Leistungsvermögen erwarten wie vor Corona. Aber diejenigen, die jetzt oder im nächsten Jahr Prüfungen machen, waren auch in zwei Lockdowns. Von daher denke ich, dass wir da noch sehr aufpassen und nachsichtig sein müssen. Zwei Jahre sind sehr lange bei sehr jungen Menschen, die gehen nicht so schnell an ihnen vorbei.

Wie fatal wäre es, sollte es aufgrund steigender Inzidenzen zu einem dritten Lockdown kommen?

Für die Schüler wäre es sehr fatal, deshalb sollten wir unbedingt schauen, dass wir die Schulen nach Möglichkeit offenhalten, selbst wenn wir den Preis dafür zahlen, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrer konsequent Masken tragen und wir permanent testen müssen. Natürlich schränkt das den Schulalltag extrem ein, aber es ist allemal besser als wieder zu schließen und die Schüler vor den PC zu verbannen, wo wir uns nur online bei mehr oder weniger guten Verbindungen sehen. Schule lebt von Interaktion und von Austausch. Wenn ich meine Schüler direkt vor mir sehe, kann ich ihre Reaktionen auf das Gesagte besser einschätzen als bei 16 Schüler-Kacheln auf dem IPad. Den Schülern geht es nicht anders. Von daher sollten Schulschließungen unbedingt vermieden werden.

Zurück zum Fußball: Speziell im Jugendbereich gibt es häufig extrem ehrgeizige Eltern, die auch nicht selten ihre Kinder nötigen, Höchstleistungen zu erbringen. Sie pushen ihre Kinder, auch wenn diese selbst vielleicht gar nicht den Drang dazu haben. Was raten Sie solchen Eltern?

Fußball nimmt mittlerweile in der Gesellschaft einen Stellenwert ein, der exorbitant hoch und nicht gerechtfertigt ist. Wenn ein Kind sich für Fußball interessiert und auch selbst spielt, dann hat es logischerweise seine berühmten Vorbilder. Das war früher auch schon so. Aber der Preis, den Kinder oftmals dafür zahlen den übertriebenen Vorstellungen ihrer Eltern nachzueifern, ist verdammt hoch. Das kann man mit der Schulkarriere vergleichen: Schickt man ein Kind auf eine Schule, für die es eigentlich nicht geeignet ist, wird es in der Mehrzahl Misserfolge haben. Muss es trotzdem dort bleiben und weitermachen, tut man dem Kind keinen Gefallen damit. Eher das Gegenteil ist der Fall, da es durch die Misserfolge automatisch die Lust und das Selbstvertrauen verliert. Baut man beim Fußball spielen einen zu großen Druck auf und überfordert das Kind, wird es wird kaum Leistung erbringen können. Es wird frustriert, weil es nicht mehr um den Sport und die Freude am Kick mit Kumpels geht, sondern nur noch darum, die Wünsche der Eltern zu erfüllen. Eltern tragen da eine ganz große Verantwortung.

Wie erklären Sie sich das?

Das liegt vielleicht daran, dass die Träume und finanziellen Möglichkeiten im Fußball unendlich sind und man immer von einem herausragenden Beispiel ausgeht. Es wird aber nicht jeder wie ein Bellingham mit 17 Jahren schon ein Weltstar, selbst wenn Talent vorhanden ist. Und wenn, sind die Wege nach oben sehr individuell und daher sehr unterschiedlich und andere Faktoren wie z.B. Verletzungen spielen eine oft nicht kalkulierbare Rolle. Das Wichtigste bei allem ist der permanente Spaß am Fußball und den erhält man durch die nötigen Erfolgserlebnisse. Ebenfalls wichtig ist breite Ausbildung statt einer zu frühen Spezialisierung.

Bis wann sollte ein Spieler den Sprung ins richtige Team geschafft haben? Gibt es aus Ihrer Sicht dafür eine Deadline?

Das ist schwer zu generalisieren, Ich persönlich halte vor dem 13., 14. Lebensjahr nichts vom Scouting und davon, Kinder quer durch Deutschland zu schicken, die dann irgendwo bei Gastfamilien leben. Ich finde es im jungen Alter besser, das Kind in seinem gewohnten Umfeld zu lassen. In Deutschland gibt es mit der U15 die erste Juniorennationalmannschaft, dafür schaut man natürlich nach den größten Talenten. Dann gibt es unterschiedliche Konzepte mit den Nachwuchsleistungszentren, die mit Sicherheit sinnvoll sind. Ich denke aber auch, dass ein regionaler Ansatz einfach mehr Sinn macht. Warum muss ein Spieler von Stuttgart nach Berlin wechseln, wenn er hier im Nachwuchsleistungszentrum unterkommen könnte. Dazu spielen so viele andere Faktoren eine Rolle wie Persönlichkeitsentwicklung, die schulische Entwicklung und wieder mögliche Verletzungen. Den goldenen Weg gibt es nicht, wenngleich es wichtig ist, dass man ab einem bestimmten Zeitpunkt gefordert und gefördert wird und im Training mit gleich starken Mannschaftskollegen spielt, man einen Trainer hat, der einen besser macht und man vor allem auch besser werden will. All das sind entscheidende Punkte. Und das alles spricht dann für die rund 200 bis 300 Toptalente in Deutschland, die es in die Bundesliga- Nachwuchsleistungszentren schaffen; und auch von denen schaffen es dann die wenigsten in die Bundesliga. Die große Masse des Fußballs sind aber Zehntausende. Nicht aus jedem kann ein Profi werden. Wer in seinem Heimatverein am Ende der Juniorenzeit in der zweiten Mannschaft kickt und dazu noch Betreuer macht, ist für seinen Verein genauso wichtig wie der Spieler, der in der 1. Mannschaft 18 Tore schießt. Fußball ist der beliebteste Sport in Deutschland und hat den größten Verband, in dem sich die meisten Menschen meist ehrenamtlich engagieren. Alle sollten sich dort zu Hause fühlen, wo sie einen Beitrag leisten können.

Sie haben die Trainer-A-Lizenz. Was bedeutet das in der Praxis?

Die Trainer-A-Lizenz gilt für den gesamten Amateurbereich. International gesehen ist es die UEFA-Pro-Licence, die höchste Lizenz in vielen europäischen Ländern. Bei uns berechtigt sie zu allem außerhalb des Profi-Fußballs. Als ich sie absolviert habe, war sie noch aufgesplittet in die beiden Teile Elite-Jugendlizenz und Erwachsenentraining, heute gehört alles zusammen. Ich habe damals meinen Schein für beide Bereiche gemacht. Von der Kreisliga A bis zur jetzigen Regionalliga habe ich alle Ligen mindestens ein Jahr trainiert. In der Amateurliga bin ich also gut durchgekommen, für den Profibereich bräuchte man jedoch den Fußball-Lehrer-Schein, dessen Erwerb für mich nicht mehr in Frage kommt.

Haben Sie nicht den Traum, einmal die Profis zu trainieren?

Natürlich hatte ich früher den Traum vom Profitrainer, doch die Zeit dafür ist (wahrscheinlich) vorbei. Die Bayern brauchen eh nicht bei mir anrufen, da ich 1860 Fan bin. Aber jeder andere Bundesligaverein dürfte sich gerne bei mir melden, wenn sie mich bräuchten. Doch das wird leider nicht passieren, weil wir jedes Jahr neue, gute DFB-Lehrer kriegen, die diese Posten besetzen. Ich habe damals entschieden, mich hauptsächlich auf den schulischen Bereich zu konzentrieren. Ich bin in erster Linie passionierter Lehrer, obwohl der Fußball als „schönste Nebensache der Welt“ in vielen Formen natürlich eine gewichtige Rolle in meinem Leben spielt. Glücklicherweise bin ich jetzt an einer Eliteschule des Fußballs, an der ich auch Sport als Hauptfach unterrichten darf.

Wie wurde Ihre Fußball-Leidenschaft ursprünglich geweckt? Liegt sie in der Familie?

Ja, mein Vater hat auch gekickt in der Kreisliga in Kochel am See und in Bichl in Oberbayern… da ging es ums Kicken und um das Bierchen danach – super! Ich habe heute noch genau vor Augen, als ich zum ersten Mal nach unserem Umzug ins „Ländle“ im Neckarstadion war beim Spiel VfB gegen den 1. FC Nürnberg, Anfang der Achtziger. Das war faszinierend. Und in meiner Freizeit war ich in jeder freien Minute mit den Kumpels auf dem Kickplatz. So ist alles entstanden. Im Verein habe ich in Hirschlanden in der E2 angefangen und spätestens ab da war Fußball fester Bestandteil meines Lebens. Meine Mutter und mein Vater haben mich in allem unterstützt und sich engagiert, manchmal natürlich zähneknirschend, wenn mal wieder ein Hallenturnier war und sie zehn Stunden dort verbringen mussten.

Sie leben in Ditzingen und haben sich im Landkreis Ludwigsburg sehr engagiert.

Als Trainer habe ich angefangen beim TSV Flacht im Jahre 1998, die sind damals abgestiegen in die Kreisliga A. Zu dieser Zeit habe ich noch bei Dirk Mack an der Uni Stuttgart Sport studiert und er ermunterte mich, nicht nur als Spieler, sondern gleichzeitig auch als Trainer in der Praxis erste Erfahrungen zu sammeln. Dann habe ich dort angefangen und wir sind sofort wieder in die Bezirksliga aufgestiegen und wurden in der nächsten Saison mit nur einem Punkt Rückstand Zweiter hinter 07 Ludwigsburg II. Damals gab es leider noch keine Relegation, deshalb war kein direkter Durchmarsch in die Landesliga möglich. Danach bin ich zum TSV Eltingen in die Landesliga gewechselt, dort hatte ich schon in der Jugend gespielt. Leider habe ich mir dort in der Vorbereitung direkt die Achillessehne gerissen, was ein großer Einschnitt in meine aktive Spielertrainerkarriere mit 28 Jahren war. Ich kam dann zwar auf den Platz zurück, aber war nie wieder so gut wie vor der Verletzung.

Für wen haben Sie danach noch gespielt?

Vier Spieltage vor Saisonende 2002 kam ich als „Feuerwehrmann“ nach Rutesheim in die Bezirksliga. Wir haben mit der Mannschaft den Abstieg damals abgewendet. Danach sind wir in die Landesliga aufgestiegen. Nach drei Jahren in Rutesheim bin ich für ein Jahr zum VFL Kirchheim, damals Oberliga und vierthöchste Spielklasse. Das schon interessant, wenn man dann Freitagabend gegen Waldhof Mannheim vor dreieinhalbtausend Zuschauern im Carl- Benz Stadion gespielt hat. Da war schon richtig was los. Nach einem weiteren Jahr in Gechingen bin ich erneut drei Jahre zurück nach Rutesheim. Danach war ich in der U21 der Sonnenhof Großaspach tätig. Die letzten Stationen waren im engeren Raum Ludwigsburg. Bei 07 war ich nur ein halbes Jahr, es war sehr chaotisch. Mein letztes Team war für eineinhalb Jahre bis kurz vor Corona der TV Pflugfelden.

Wer ist für Sie persönlich der beste Spieler?

Durch meine DFB-Referententätigkeit im Rahmen der „Fußballhelden- Bildungsreisen“ bin ich häufiger in Barcelona. Messi mal live zu sehen, war schon eine Offenbarung. Allein schon das Aufwärmen von Messi und Iniesta war sehenswert. Die haben sich volley die Bälle vom Sechzehner bis zur Mittellinie zugespielt, haben sich nebenher unterhalten. Der eine hat den Ball mit der Brust gestoppt, hat ihn volley zurückgespielt, dann hat der andere mit der Brust gestoppt und ebenfalls wieder volley zurückgespielt. Das ging über viele Minuten so, ohne dass der Ball einmal auf den Boden gefallen wäre. Die Selbstverständlichkeit hat mich total beeindruckt. Einmal durfte ich bei einem “Classico” dabei sein, dem Abschiedsspiel von Iniesta. Da hat Real mit Cristiano Ronaldo, Benzema, Ramos und Co. auf der anderen Seite gestanden, das war schon großer Sport. Seit Messi in Paris ist, hat er für mich jedoch massiv an Sympathie verloren. Momentan finde ich Kevin De Bruyne wahnsinnig gut, er hat unheimlichen Einfluss auf das Spiel von Man City. Aber ich wüsste derzeit keinen Spieler, der alle anderen so in den Schatten stellt, wie das Messi die letzten zehn Jahre getan hat.

Herr Hofberger, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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