23°

„Eigentlich wollte ich Landschaftsgärtner werden“ – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Martin Hettich

Er führt 700 Mitarbeiter, machte 2019 einen Ertrag von rund 20 Millionen Euro und ist ein Chef zum Anfassen: Martin Hettich, Vorstandschef der 530.000 Mitglieder starken Sparda-Bank Baden-Württemberg mit Hauptsitz in Stuttgart. 38 Filialen zählte die Sparda-Bank vor dem Lockdown, jetzt wo die Banken wieder öffnen dürfen, hat sich Martin Hettich schweren Herzens von einer trennen müssen. An seiner Ludwigsburger Zweigstelle, einer der größten, die mit 14 Mitarbeiter 50.000 Kunden betreut, hält der Spitzenbanker auf alle Fälle fest, wie er im Interview mit Ludwigsburg24 verrät.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Hettich, Ihre Ludwigsburger Zweigstelle feiert in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum. Wie zufrieden sind Sie mit dem Standort Ludwigsburg?

Ludwigsburg ist eine unserer ersten und neben Freiburg und Ulm eine der größten Filialen im Ländle. Die Filiale hat sich gut entwickelt, wird täglich stark frequentiert und hat ihren Bestand in den 25 Jahren rund verzehnfacht. Die Kollegen vor Ort betreuen ein großes Kundenvolumen, sind sehr stark involviert in das Thema Baufinanzierung und haben auf diesem Gebiet ein gutes Standing. Wir haben ein leistungsstarkes Team in Ludwigsburg und ich muss sagen, dort einen Standort zu eröffnen ist rückblickend eine sehr erfolgreiche Entscheidung gewesen.

Das heißt, Sie werden auch weiterhin auf Ludwigsburg zählen?

Wir zählen absolut auf den Standort Ludwigsburg und die Region! Den Kornwestheimer Kundenstamm deckt Ludwigsburg durch die enge räumliche Anbindung mit ab. Ludwigsburg ist eine Filiale mit der Perspektive, dauerhaft Nutzen zu erzeugen und wichtiger noch, mit den Kunden im direkten Kontakt zu sein.

Sie unterstützen in Ludwigsburg Events wie das Straßenmusikfestival. Dieses Jahr müssen jedoch alle großen Events abgesagt werden. Wie sehr schmerzt das?

Das schmerzt natürlich sehr, weil ein super Jahr vor uns lag mit rund 600 Projekten, die wir fördern u.a. auch in Schulen oder Kitas in ganz Baden-Württemberg. Jetzt wirken natürlich unsere Impulse, vor allem was die Veranstaltungen angeht, nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir bedauern auch sehr, dass durch die vielen Absagen der großen Events der Mehrwert für unsere Sparda-Kunden wegfällt, vergünstigte Eintrittspreise oder eine Überraschung vor Ort erhalten zu können.

Was bedeutet das in der Praxis für Ihre Projektpartner?

Zu unserem Geschäftsmodell gehört, dass wir eine Bank sind, die in der Region Verantwortung trägt. Deswegen fördern wir die unterschiedlichsten Projekte über unseren Gewinnsparverein und über unsere Stiftungen. Trotz aller Absagen wegen Corona unterstützten wir auch in diesem Jahr unsere Projektpartner, vor allem, wenn sie für die Vorbereitung des geplanten Projekts schon Ausgaben hatten. Ihnen soll so wenig finanzieller Schaden wie möglich entstehen. Und selbstverständlich stehen wir auch im kommenden Jahr wieder als Partner zur Verfügung. Zusätzlich haben wir gerade eine neue Stiftung „Umwelt und Natur“ ins Leben gerufen. Sie ergänzt unsere Bildung- und Sozialstiftung, die Kunst- und Kulturstiftung und die Kinderturnstiftung als weitere Stiftung. Wir haben viele Ideen, wie wir Kinder, Jugendliche, junge Menschen helfen können, das Verständnis zur Natur, zur Umwelt, für das eigene Verhalten durch entsprechende Fördermaßnahmen und entsprechende Bildungs-.und Aufklärungsprojekte näher zu bringen und weiterzuentwickeln. Unser gemeinnütziges, soziales und ökologisches Engagement gehört auch weiterhin zu unserer Geschäftspolitik.

In Ludwigsburg engagieren Sie sich als Bank auch für den Sport, unterstützen vor allem die MHP-Riesen, die es dieses Jahr ins Finale um die Deutsche Meisterschaft geschafft haben. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Wann immer es mein Zeitplan erlaubt, schaue ich bei den Spielen der MHP-Riesen vorbei und fiebere mit. Das Engagement für die MHP-Riesen liegt schon sehr lange zurück. Damals waren sie noch in der Rundsporthalle, heute haben sie ihre eigene Arena, dazu kommt der sportliche Erfolg. Auf diese tolle Entwicklung, übrigens auch dank eines guten Managements, sind wir schon stolz. Umso glücklicher macht es uns, die MHP Riesen bei dieser Entwicklung begleitet haben zu dürfen. Die Vizemeisterschaft ist eine sensationelle Leistung von Spielern, Trainer und Verein, vor allem wenn man die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit den großen Vereinen wie Brose Bamberg oder Bayern München vergleicht. Worauf ich ebenfalls stolz bin und was mir auch immer sehr wichtig war, ist die Förderung der Basketball-Akademie. In diesem Jahr konnten tatsächlich einige der jungen Nachwuchsspieler auf diesem hohen Leistungsniveau im Endturnier mitspielen. Das ist super, so könnte es gerne weitergehen.

Vizemeister ist tatsächlich eine grandiose Leistung. Was hat Sie sonst noch in Ihrem Engagement bei den MHP-Riesen bestärkt.

Mir ist in dieser Saison besonders positiv aufgefallen, dass sehr viel Leidenschaft sowie Teamgeist in der Mannschaft steckt. Darauf legen wir als Genossenschaftsbank ebenfalls größten Wert im Umgang mit unseren Mitgliedern sowie Kunden, im Team mit den Mitarbeitern oder Führungskräften. Gerade auch diese beiden erwähnten Eigenschaften haben viel zum Erfolg beigetragen und die Chance ermöglicht, sich jetzt auf internationaler Bühne zu beweisen, wodurch wir natürlich auch unsere Markenwahrnehmung steigern.

Sie stehen für eine agile Unternehmensstruktur, das ist für eine Bank geradezu revolutionär. Haben Sie sich da etwas aus dem Sport abgeschaut?

Unternehmer orientieren sich am Mannschaftssport, denn die Leistung im Kundenkontakt, das gute Produkt, eine gute Serviceleistung und unsere Konditionen sowie Preise werden gemeinsam erzeugt. Bei uns arbeiten 700 Menschen, was die Verantwortung für möglicherweise 700 Familien bedeutet. Gleichzeitig tragen wir ebenso Verantwortung fürs Unternehmen sowie die Verantwortung, unseren Kunden etwas zu bieten, was uns leistungs- und wettbewerbsfähig macht. Und das alles entsteht nur im Team. Was nutzt es, wenn ich als Vorstand Vorgaben mache, die die Mitarbeiter nicht umsetzen können. Erfahrungsgemäß ist jeder Mensch dort am besten, wofür er eine Leidenschaft mitbringt, was kombiniert mit der Vernetzung der Mitarbeiter dann einen Mehrwert schafft.

Wie sieht Ihr Sparda-„Mannschaftssport“ in der Praxis aus?

Wir haben klassische Arbeitsteilung. In der Filiale wird beraten, hier in der Zentrale wird abgearbeitet, was beispielsweise im Kreditgeschäft anfällt. Das funktioniert nur, wenn die Teams aufeinander abgestimmt arbeiten, damit es keine Reibungsverluste gibt und Übergänge entstehen. Die erste Teamarbeit beginnt bereits in den Filialen. Nehmen wir Ludwigsburg mit dem Filialleiter Herrn Bley und 13 weiteren Kolleginnen und Kollegen. Jeder von ihnen hat seine Aufgabenstellungen innerhalb des Teams zu erledigen. Der eine Mitarbeiter ist eben perfekt im Schnellgeschäft und dem direkten Umgang mit dem Kunden, andere Mitarbeiter sind spezialisiert auf Anlageberatung oder Baufinanzierung. Es ist immer wichtig zu erkennen, was der Kunde genau wünscht und entsprechend übergibt man das an den jeweiligen Kollegen im Team. So erzeugen wir alle gemeinsam Leistung.

Sie legen großen Wert darauf, dass Ihre Mitarbeiter Leidenschaft und Freude an Ihrem Job haben. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Als ich 1979 meine Ausbildung begann und 1984 zur Sparda-Bank in Karlsruhe kam, war es so, dass ganz oben einer saß und sagte, wie es geht. Das wurde dann über die Linienfunktion einfach immer weitergegeben, bis es schließlich ganz unten ankam und ohne Hinterfragen umgesetzt wurde. Das hat sich zum Glück über die Jahre verändert, denn Menschen wollen sich entwickeln, sie wollen teilhaben, mitgestalten und auch mitverantworten. Insofern haben wir jetzt hier bei uns im Haus mehr und mehr Aufgaben so delegiert, dass in Teams Dinge je nach Stärke und Leidenschaft verteilt erledigt und eigenverantwortlich entwickelt werden.

Ist Ihnen dieser Prozess leichtgefallen?

Am Anfang ist es nicht so einfach, denn man gibt ja ab. Agil arbeiten wirft durchaus Fragen auf: Hätte ich es genauso gemacht? Ist es jetzt die Lösung, die ich präferiere? Ist es auch die richtige Lösung? Aber man kann dann wiederum auf die sogenannte Schwarmintelligenz bauen und darauf setzen, dass die Summe der Ideen, Gedanken, Anregungen und Lösungen von mehreren vielleicht doch besser sind als meine direkte, unmittelbare und eventuell engstirnigere Art zu entscheiden oder Dinge zu regeln. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wir sind vier Vorstände und jeder hat seine eigene Meinung zu dem Thema agile Unternehmenskultur. Dem einen Vorstand gefällt das, dem anderen eher weniger. Vertriebler sagen: Ja, machen wir. Der Controller, der eher klar strukturiert vorgeht, der hat mit Abweichungen eventuell seine Schwierigkeiten.

Ihren Führungsstil würden Sie kurz und knapp wie folgt definieren: Vertrauen schenken und eigenverantwortliches Arbeiten zulassen?

Ja, das stimmt so, aber es bewegt sich durchaus innerhalb von Leitplanken. Agilität wird oft verstanden als „Jeder kann alles.“ Das ist aber nicht so. Anfangs einigt man sich schon, in welchem Rahmen man sich bewegt, da weder Geld noch Ressourcen unendlich vorhanden sind. Auch die Regulatorik im Bankkontext – beispielsweise bei Kreditverträgen – stellt bestimmte Anforderungen. Aber es ist schon so, dass ich im Spannungsbogen lebe, Verantwortung zu übergeben und dann auch mit den Ergebnissen zurechtzukommen. Das setzt ein maximales Vertrauen voraus. Ich bin vom Typ her schon immer wieder stark nachfragend, kontrollierend, hinterfragend und als Spiegel mitdenkend. Das ist eine innere Spannung, mit der ich zurechtkommen muss.

Weshalb sind Sie bereit, diesen Spannungsbogen zuzulassen?

Mir selbst wurde in meinem Berufsleben auch immer Vertrauen geschenkt und ich durfte gestalten. Wir als Vorstände und Führungskräfte können die Arbeit nicht allein machen. Deshalb haben wir die agilen Arbeitsweisen und -methoden seit zweieinhalb Jahren so richtig initiiert, haben entsprechend die Arbeitsbereiche verändert und stellen fest, dass es den Menschen unheimlich gut tut, sich selber einzubringen und zu entwickeln. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen zu agilen Coaches ausgebildet, haben Methoden trainiert, damit sich bei allen auch im Kopf die Kultur verändert und in der Praxis umgesetzt werden kann. Das heißt, die Mitarbeiter müssen sich trauen, sich spontan zusammenzusetzen, hierarchische Strukturen zu durchbrechen, ad hoc übergreifende Arbeitsgruppen zu bilden, um Lösungen zu finden. Das muss alles angenommen und gelebt werden. Das ist in der kurzen Zeit noch nicht überall angekommen, aber wir sind auf einem guten Weg.

Sie wirken sehr offen und locker. Wie reagieren Sie, wenn mal was nicht so läuft wie vorgestellt?

Ja, ich bin schon locker, aber auch sehr genau und es fuchst mich schon, wenn es nicht funktioniert. Dann reagiere ich durchaus streng. Ich hole mir den entsprechenden Mitarbeiter zum Gespräch, gleiche ab und frage, wo wir die Abweichung vom Soll-Profil haben. Dann geht es mir darum, gemeinsam Lösungsansätze zu finden, um wieder zum Soll-Profil zu kommen. Oder aber ich muss erkennen, dass wir uns etwas vorgestellt haben, was nicht eins zu eins zu erreichen ist. Dann muss ich mit diesem Ergebnis leben.

Das heißt, Sie diskutieren auf der sachlichen Ebene über das Problem, aber Sie brüllen Ihren Ärger gegenüber dem Mitarbeiter nicht raus?

Ich brülle so gut wie nie. Aber es ist so, dass mich so einiges kümmert. In der Regel habe ich die Ruhe weg, aber wenn es mich total fuchst, kann ich mal lauter werden, wobei ich versuche, immer bei der Sache zu bleiben. Es gab aber durchaus schon Kollegen, die mir rückgespiegelt haben, dass ich mit meiner Kritik zu nah, zu direkt an ihnen dran war. Dann fällt es mir jedoch leicht, auf die betreffende Person zuzugehen und mich zu entschuldigen. Es ist doch wie im Sport, da müssen in manchen Situationen ebenfalls die Emotionen raus. Dann gibt es vielleicht kurz mal Ärger, aber danach rückt das Team wieder zusammen.

Wie oft müssen Sie Ihrem Ärger Luft machen?

Natürlich läuft bei uns noch nicht alles rund. Wenn ich jedoch merke, dass die Mitarbeiter wollen, sich den Herausforderungen stellen, offen und ehrlich mit mir diskutieren, auch rückkoppeln, dass ich mit meiner Meinung vielleicht auf dem falschen Weg bin, dann finden wir durchaus Lösungsansätze. Es geht doch vor allem darum, nach vorn zu schauen und zu einer Unterscheidung von anderen Wettbewerbern zu kommen. Damit der Kunde spüren kann, die Sparda-Bank Baden-Württemberg ist eine Spur direkter, einfacher in der Entscheidungsfindung, vielleicht auch in der Konditionierung besser, persönlicher, jederzeit erreichbar und vieles mehr. Wir müssen unseren Kunden in allen Bereichen eine gute Heimat bieten, das ist unser Auftrag. Letztendlich geht es immer um die Sache.

Sie sind ein Chef zum Anfassen…

Natürlich, denn ich komme ja selbst von ganz unten, bin 1984 als Filialleiter eingestiegen in der Sparda-Bank in Karlsruhe, hatte verschiedene Zwischenetappen, war dann Bereichsleiter für mehrere Filialen, war Generalbevollmächtigter. 2010 wurde ich Vorstand und 2014 schließlich Vorstandsvorsitzender. Ich bin sehr glücklich über diese Karriere und wollte auch nie zu einer anderen Bank, weil ich 1984 von diesem Sparda-Virus infiziert wurde. Ich fühle mich hier nachwievor sehr, sehr wohl. Doch die Nähe zu den Mitarbeitern nimmt ab, wenn Sie Vorstand werden. Sie können zwar ein Büro mit offener Tür haben, aber Sie sind natürlich Stück für Stück weiter weg. Als Filialleiter kannte ich alle Mitarbeiter, als Bereichsleiter mit zehn Filialen auch noch alle, da wurde es als Generalbevollmächtigter schon schwierig, als Vorstand noch schwieriger und als Vorstandsvorsitzender hat man dann am Ende des Tages hoffentlich noch Kontakt über alle Hierarchiestufen. Ich bin schon nahbar, allerdings ist meine Anwesenheit vor Ort durch meine Aufgaben und die vielen Auswärtstermine nur sehr eingeschränkt.

Fehlt Ihnen dieser direkte Kontakt?

Manchmal fehlt mir der direkte Kontakt schon. Es gibt einzelne Kontakte, die nie abgebrochen sind, weil es über die Zeitreise hinweg und durch die vielen verschiedenen Funktionen überall noch irgendwelche Kolleginnen und Kollegen gibt. Trifft man sich, redet man auch intensiver. Aber es ist nun mal ein Teil meiner Aufgabenstellung, dass ich mich nicht mehr um alles kümmern soll.

Sie haben sich nach Ihrer Banklehre und dem Wechsel zur Sparda-Bank vom einfachen Bankangestellten bis an die absolute Vorstandsspitze hochgearbeitet. Eine beachtliche Leistung. Ist heute ein solcher Werdegang ohne Studium überhaupt noch denkbar?

Mit 16 Jahren habe ich eine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert. Innerhalb des genossenschaftlichen Ausbildungswesens kann man sich nebenher in mehreren Aufbaustufen weiterbilden. Dabei werden verschiedene Themen verfestigt wie Rechnungswesen, Vermögensberatung, Steuern, Wirtschaftsrecht und am Ende mündet das Ganze im Bank-Diplom bei der Akademie Deutscher Genossenschaften. Es ist insofern ein nebenberufliches Studium mit der Qualifikation zur Ausübung meines jetzigen Jobs, aber ein klassisches Studium habe ich nicht absolviert. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Diese Ausbildung gibt es noch, aber meinen Weg heute so zu gehen, halte ich eher für schwierig. Die meisten unserer Auszubildenden entscheiden sich anschließend doch noch für ein klassisches Studium oder machen nebenher ein Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

In den 80er und 90er Jahren gab es noch viel mehr Spielraum für einen Karriereweg wie meinen. Und es gehört auch eine Portion Geduld dazu, um so weit zu kommen. Bei mir war die Verbindung mit der Bank auch immer ein Stück weit die Energie für die Geduld.

Was hat Sie als 16-Jähriger gereizt, eine Banklehre anzutreten?

Es war die schlichte Not, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Es war eine Verlegenheitslösung, denn ursprünglich wollte ich Landschaftsgärtner werden, weshalb ich auch nie ans Abitur gedacht habe. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte deshalb die Verbindung zu Tieren, zu Pflanzen, zur Natur. Als ich zehn war, stellten mir meine Eltern hinterm Haus ein kleines Eckchen vom Grundstück zur Verfügung gestellt, das ich bearbeiten durfte. Dort habe ich aus dem Kern raus Kirsch- und Pfirsichbäume und vieles mehr gezüchtet.

Warum sind Sie nicht bei Ihrem Wunschberuf geblieben, sondern haben sich für die Bank entschieden?

Als die Berufswahl anstand, wurde mir ein Unfall als achtjähriger Junge zum Verhängnis. Ich habe damals mein Gehör verloren und bin auf dem linken Ohr taub. Mein Ohrenarzt hat mir von dem Beruf als Landschaftsgärtner dringend abgeraten, weil ich in diesem Beruf mit großen, sehr lärmenden Baumaschinen zu tun gehabt hätte, was für das noch gesunde Ohr eine große Belastung mit möglichen Konsequenzen gewesen wäre. Also blieb nur noch die Dienstleistungsbranche als Berufswahl übrig. Ich habe mich dann bei Versicherungen, Banken, dem Finanzamt sowie IT-Dienstleistern beworben. Aber ich war mit meinen Bewerbungen zu spät dran, die meisten Lehrstellen waren bereits vergeben. Es kam eine Absage nach der anderen. Durch Zufall ist bei der örtlichen Raiffeisenbank ein Lehrling abgesprungen, so dass ich wegen meines guten Zeugnisses die Chance für ein Bewerbungsgespräch bekam und tatsächlich genommen wurde.

Was hat Ihnen in der Ausbildung so Spaß gemacht, dass sie danach dabeigeblieben sind und so eine Karriere hingelegt haben?

Mich hat die Erkenntnis überzeugt, dass man in diesem Beruf etwas gestalten kann, denn die Entwicklung von Menschen hat im übertragenen Sinn etwas mit aufbauen, mit pflanzen, mit fördern, mit gießen und düngen zu tun. Letztlich hat meine Leidenschaft meine erste Ausbildungspatin entfacht. Wir waren eine klassische Ein-Mann-Filiale auf dem Dorf und ich hatte keine Ahnung. Sie sagte zu mir: „Bub, ich zeig dir jetzt zwei Wochen lang wie es geht. In dieser Zeit hast du das so gelernt, dass du hinterher fit bist und alles allein kannst. Ich kümmere mich derweil um die Beratertätigkeit. Wenn ein Kunde ein interessantes Thema hat, dann holst du mich dazu und ich übernehme ihn.“ Ich hatte anfangs immer großen Bammel, ob die Kasse abends stimmt. Aber sie hat mir vertraut, mich gefordert und gefördert, und hat dadurch meine Leidenschaft für diesen Beruf geweckt. Das war mein großes Glück, denn schon 1984, als ich mich 1984 bei der Sparda-Bank bewarb, wurde ich sofort als Filialleiter eingestellt.

Stichwort Corona: Welche Auswirkungen hat Covid-19 für die Bank?

Corona ist ein einschneidendes Ereignis, das uns voraussichtlich dauerhaft beschäftigen wird. In der Bank habe ich positive Erfahrungen gemacht, weil die Mitarbeiter sich alle sehr flexibel gezeigt haben. Sie haben sich auf Wechselschichtbetrieb von morgens 5.00 Uhr bis abends 22.00 Uhr in festen Gruppen eingelassen, um mögliche Infektionsketten durchbrechen zu können. Auch haben sie schnell von stationärer auf mobile Arbeit umgeschaltet. Dadurch habe ich erfahren, dass wir als Unternehmen Prozesse haben, die mobil erledigt werden können, die wir aber noch nie genutzt haben. Ich bin sicher, dass unser Verständnis für mobile Arbeit durch Corona zugenommen hat. Ich bin ebenfalls sehr froh darüber, dass wir bislang nur fünf Infizierte hatten, die alle wieder gesund wurden. Wir hatten gut zu tun in den sechs Wochen des Shutdowns, obwohl unsere Filialen leider vier Wochen davon geschlossen waren. Im Call-Center hatten wir aufgrund vermehrter Anrufe Engpässe, aber durch unsere generelle Erreichbarkeit ein positives Feedback unserer Kunden. Wir konnten durch Videoberatung alle Bankgeschäfte von der Kontoeröffnung über die Baufinanzierung bis hin zur Anlageberatung beibehalten. Dennoch ist geschäftlich nicht absehbar, was die Corona-Krise für die Bank bedeutet, das wird sich im zweiten Halbjahr oder auch erst 2021 zeigen. Eventuell müssen wir mit einer größeren Arbeitslosigkeit rechnen, weil manche Firmen und Branchen regelrechte Alarmsignale senden.

Und was bedeutet die Corona-Krise für Sie und Ihre Familie?

Meiner Lebenspartnerin, meinen Kindern, meiner Enkelin und mir geht es zum Glück gut, wir sind alle gesund. Für mich persönlich hat es dazu geführt, dass viele Termine und Reisen weggefallen sind und ich plötzlich wieder Zeit hatte, dreimal pro Woche eine große Runde zu joggen. Die weggefallenen Reisen sind aber nicht tragisch, weil sich alles in Video- oder Telefonkonferenzen in der Hälfte der Zeit erledigen lässt. Manchmal fehlt mir die Bindung der persönlichen Kontakte und der persönlichen Konferenzen, und je länger diese Zeit der Videokonferenzen dauert, umso mehr gewinne ich den Eindruck, man verliert die Interaktion und Verbundenheit zu Menschen, weil es viel formaler zugeht.

Werden Sie für Ihr Berufsleben etwas aus der Corona-Zeit für sich mitnehmen?

Ja, ich werde Reisen ablehnen, bei denen die Reisezeit länger dauert als die Sitzung selbst. Wenn ich eine zweistündige Routine-Sitzung in Berlin habe, dafür aber sechs Stunden unterwegs bin, dann fordere ich in Zukunft entweder die Zusammenlegung von zwei Terminen für den Tag in Berlin ein oder die Umwandlung der Sitzung in eine Telefon- oder Videokonferenz. Ausgenommen sind natürlich Termine, für die ein persönliches Zusammentreffen wichtig ist. Ich stelle fest, dass das Verständnis für solche Entscheidungen wächst und auch durchaus andere Menschen diese Überlegungen anstellen. Das Thema mobiles Arbeiten werden wir künftig intensivieren, denn die Corona-Zeit hat gezeigt, dass es funktioniert. Wir werden unseren Mitarbeitern auch nach Corona das Vertrauen entgegenbringen, dass sie auch von Zuhause aus ihre Arbeit entsprechend zuverlässig und verantwortungsbewusst erledigen. Außerdem haben wir einige Arbeitsweisen neu entdeckt, die wir künftig nutzen möchten, beispielsweise interaktiv und digital am gleichen Thema zu arbeiten und es weiterzuentwickeln.

Wird sich für Ihre Kunden etwas ändern?

Mit unseren Kunden sind wir inzwischen mehr und mehr in digitaler Kommunikation, weil es von ihnen verstärkt gewünscht wird. Außerdem werden wir die eine oder andere einfache Serviceleistung, die bisher stationär, aber immer seltener genutzt wird, digitalisieren. Dazu gehört zum Beispiel die Einführung des digitalen Ausdrucksarchivs, in dem wir dem Kunden seine Auszüge zehn Jahre archivieren und er sie selbst bei Bedarf abrufen und ausdrucken kann. Wir haben die TEO-Banking-App fürs Smartphone eingeführt, mit der noch mehr Interaktion möglich ist. Dennoch möchte ich betonen, dass wir keine Internetbank sein wollen und weiterhin großen Wert auf den direkten Kontakt mit den Kunden legen und auf persönliche Nähe in unseren Filialen sowie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Call-Centern setzen.

Wird es durch mehr Digitalisierung zum Filialen-Sterben kommen?

Nein, es wird nicht zum Filialen-Sterben kommen, gleichwohl die Branche Ertragsdruck hat durch die negative Zinslandschaft bei der EZBDas heißt, es gibt für Geld kein Entgelt, als keinen Zins mehr und das wird voraussichtlich leider noch jahrelang anhalten. Was bedeutet, dass man sich seine Filialpolitik ganz genau überlegen muss. Ich kann Genossenschaftsbanken und Sparkassen verstehen, die nach Corona ein Viertel oder gar Drittel ihrer Filialen nicht mehr öffnen, weil die Krise bewiesen hat, dass es auch ohne diese Filialen geht. Wir hatten in Baden-Württemberg vor der Krise 38 Filialen, jetzt haben wir 37 wieder aufgemacht. Bei einer einzigen Filiale in Karlsruhe haben wir uns dagegen entschieden, weil die nächste nur zwei Kilometer entfernt liegt. Das fünfköpfige Mitarbeiter-Team konnten wir aufteilen auf andere Filialen, so dass kein Mitarbeiter entlassen wurde. Aber jede Filiale, deren Mitvertrag ausläuft, wird auf dem Prüfstand stehen. Ob sie bleibt oder nicht, entscheiden die Kunden insofern mit, wie sie die Filiale frequentieren und mit der Bank Geschäfte machen.

Erstmals in der 124-jährigen Geschichte der Sparda-Bank müssen Ihre Kunden Kontoführungsgebühren zahlen. Ein Schock für viele, denn gerade das kostenfreie Konto war ein Plus und Unterscheidungsmerkmal für Ihre Bank. Warum haben Sie sich zu diesem einschneidenden Schritt entschieden?

Glauben Sie mir, wir haben uns diese Entscheidung alles andere als leicht gemacht und lange sowie intensiv über diesen Schritt nachgedacht. Wir haben seit der Finanzkrise eine zunehmende Regulierung.  Dadurch entstanden zunehmende IT-Kosten sowie Kosten und Aufbau für Personal, um diese Regulatorik beherrschen zu können. Dann haben wir die digitale Transformation, die zwar in großen Teilen hervorragend ist, aber zuerst muss man mal eine Menge an Geld in die Hand nehmen, um die Transformation umsetzen zu können, also um u.a. eine App zu produzieren, Online-Banking einzurichten, die IBAN-Realisierung vorzunehmen. Ein Girokonto zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs, also der privaten Buchhaltung, war schon immer kostenintensiv bezüglich Technik und Personal sowie der Kosten für das Betreiben der Filiale. Die Aufwendung der Bank, für Kunden-Überweisungen per Abbuchung, Dauerauftrag oder Lastschrift digital und beleglos zu erledigen, haben wir bisher aus den Zinserträgen finanziert, die wir aber jetzt nicht mehr haben. Dazu kommt, dass die Menschen mittlerweile Leistungen sehr differenziert nutzen. Wer bei uns sein Girokonto hat, muss nicht zwangsläufig alle Angebote unserer Bank nutzen. Seit 2008 haben wir durch die Regulatorik jährlich 15 Millionen an Mehrkosten und sie werden weiter steigen, da neue Regulierungen hinzukommen. Unsere Kreditmarge dagegen ist von 3,5 % auf 1% gesunken, das heißt 2,5% sind futsch. Wir wollen derzeit eines definitiv nicht: Filialen schließen, Personal abbauen, Negativzins einführen, Verwahr-Entgelder einführen. Da blieb uns als einziger Spielraum die Einführung der Kontoführungsgebühr. Das ist ein gravierender Einschnitt in unsere Unternehmenspolitik, weil wir unser Steckenpferd Gebührenfreiheit aufgeben müssen. Diese Entscheidung ist mir persönlich sehr, sehr schwergefallen und ich habe seit letztem Sommer Monate mit mir gerungen. Aber ich sehe keine Besserung in der Zinspolitik und sage Ihnen auch, dass bei diesem Schuldenstand spätestens nach Corona die öffentlichen Haushalte keine Zinsen mehr zahlen können – weder Städte und Kommunen, noch das Land oder der Bund.

Wie ist die Einführung der Kontogebühren bei Ihren Kunden angekommen?

Die Kunden sind per Brief vor einigen Tagen informiert worden, die Mitgliedervertreter zehn Tage vorher. Wenn Kunden oder Vertreter mich persönlich anschreiben, nehme ich das zum Anlass für ein Telefonat, in dem ich unsere Entscheidung erkläre. Bis jetzt sind die Anrufe vom Aufwand und Umgangston her noch gut zu bewältigen. Die Reaktionen reichen von absolutem Unverständnis, weil es eine Gewohnheit, ein Selbstverständnis, ein genossenschaftlicher Wert war, bis hin zu Verständnis, weil es von einigen erwartet wurde. Dennoch gehen einige der Verständnisvollen jetzt zu einer Direktbank, weil ihnen die Gebühr zu hoch ist. So ungern wir uns für die Gebühr entschieden haben, sie ist leider alternativlos. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Menschen ausblenden, in welch einer finanziellen Schieflage sich die Welt befindet. Wenn ein Staat seine Zinsen nicht mehr bezahlen kann oder vielmehr nur mit Nullzinsen operieren kann, dann ist etwas in Schieflage. Wenn Geld nichts wert ist, dann sind die ganzen Geschäftsmodelle, die an Geldverzinsung dranhängen, natürlich früher oder später weg. Deshalb müssen wir uns umorientieren und machen die Konten kostenpflichtig.

Was kostet ein Girokonto jetzt bei Ihnen?

Alle Konteninhaber bis zum 31. Geburtstag zahlen auch weiterhin nichts, damit wir für junge Leute als Bank attraktiv bleiben, denn im Altersbereich von sieben bis Ende zwanzig wird die Zukunft in den Geschäftsbeziehungen entschieden. Ab dem 31. Geburtstag berechnen wir für jeden Kunden pauschal 5 Euro pro Konto, die EC- sowie Master-Karte sind inkludiert und kosten somit nichts mehr. Das ist fair und transparent.

Zusätzliche Gebühren fallen nicht an, außer, wenn sich Kunden ihre Auszüge unbedingt zuschicken lassen wollen, dann berechnen wir ihnen das Porto. Und jeder Überweisungsbeleg, der in die Filialen gebracht wird, kostet pro Auftrag 1,50 Euro. Das wird kritisch betrachtet von denjenigen, die sich dem Online-Banking, den Apps wegen Sicherheitsbedenken verweigern. Weniger als 20 % der Überweisungen unserer Kunden landen in Papierform in den Bankbriefkästen, aber dafür müssen wir einen großen manuellen Aufwand betreiben und das muss eben künftig bezahlt werden. Häufig handelt es sich bei der beleghaften Buchung ganz oft um regelmäßige Zahlungen, die, werden sie in eine Lastschrift oder einen Dauerauftrag umgewandelt, sofort kostenfrei sind.

Fürchten Sie als Bank Konsequenzen?

Meiner Meinung nach werden drei Effekte entstehen. 1. Es wird ein Bewusstsein entstehen, dass ein Girokonto einer Sparda-Bank einen Wert und eine Leistung hat, die man bepreisen darf. 2. Die Menschen werden bewusster mit Konten umgehen, sie eher zusammenlegen. 3. Wir werden Kunden verlieren. Ich habe mit einem Kunden telefoniert, der hat nur ein Zahlungsverkehrskonto bei uns, seine Kinder lediglich die Zweitbankverbindungen für den Zahlungsverkehr. Ihm habe ich offen und ehrlich gesagt: „Wenn Sie die Bank verlassen, ist der Bank geholfen.“ Denn ein reines Zweitkonto verschafft der Genossenschaft Sparda-Bank Baden-Württemberg keinen Nutzen, vor allen Dingen nicht, wenn es nichts kostet. Wir haben nämlich auch Kunden, die uns nutzen, benutzen, ausnutzen, da ist es höchste Zeit einen Preis als Entgelt zu verlangen, schon aus Gerechtigkeit gegenüber den anderen Sparda-Kunden mit einer gesunden, vollwertigen Geschäftsverbindung.

Herr Hettich, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Das Blühende Barock im Zeichen von Corona: Ein Interview mit Volker Kugel

Seit 6. Mai hat das Blühende Barock endlich seine Tore wieder für Besucher geöffnet. Inzwischen dürfen bis zu 4.000 Menschen gleichzeitig in den Park, worüber BlüBa-Direktor Volker Kugel mehr als erleichtert ist. Wie er und seine Mitarbeiter die Corona-Krise genutzt haben für kreative Ideen, welche Neuerungen auf die Besucher in der laufenden Saison warten und was der Shutdown betriebswirtschaftlich für die herrliche Parkanlage bedeutet, erzählt Volker Kugel bemerkenswert offen im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Die wichtigste Frage vorab: Herr Kugel, wie geht es Ihnen persönlich?

Persönlich geht es mir sehr gut. Meine Frau und ich haben die Krise gut weggesteckt, durften durchgängig beide voll arbeiten. Körperlich fühle ich mich auch fit. Allerdings muss ich zugeben, dass wir wegen Corona viel mehr Zeit daheim verbringen, was ich so eigentlich nie gewohnt war, und dass wir uns dadurch gelegentlich ein, zwei Gläschen Wein mehr genehmigen als früher.

Wie beurteilen Sie derzeit Ihr berufliches Wohlbefinden?

Das Fazit zuerst: Es könnte besser gehen. Zur geplanten Eröffnung hatten wir Blumen im Wert von rund 200.000 Euro gepflanzt, in deren Genuss dann leider nur der SWR und ein paar Fotografen kamen. Dann mussten wir schließen und konnten die Blumen wieder abräumen. Aber jetzt ist im BlüBa natürlich vergleichsweise wieder die Hölle los. Wir waren während des Shutdowns auf null, sind aber jetzt wieder da. Bis hundert fehlt noch ein bisschen, aber wir werden die Krise doch einigermaßen verdauen können, weil wir jetzt wieder so viel Einnahmen haben, so dass wir derzeit unsere laufenden Kosten gerade so decken können. Jetzt hoffe ich, dass hier bald wieder Hochzeiten stattfinden können und all unsere Gastronomen im Park es dadurch ebenfalls schaffen, durch die Krise zu kommen. Das sind die Gedanken, die mich derzeit umtreiben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Publikumszulauf seit Wiedereröffnung?

Ganz am Anfang durften wir nur 2.000 Besucher reinlassen, jetzt steigert sich das Ganze aber schon auf 4.000, Tendenz weiter steigend. Generell bin ich mit dem Publikumszulauf momentan sehr zufrieden, auch wenn die Menschen noch sehr zurückhaltend sind. Viele sind noch immer sehr, sehr ängstlich, fürchten sich vor Ansteckung. Insgesamt schätze ich die Besucherzahl um 30 Prozent geringer als zum Vorjahr um die gleiche Zeit. Jetzt hoffen wir natürlich auf die Sommerferien und auf den Start der Sandskulpturen-Ausstellung. Durch die weiteren Lockerungen trauen sich die Menschen zum Glück wieder her, weil sie durch die steigenden Einlasszahlen nicht mehr fürchten müssen, nicht reingelassen zu werden.

Das hört sich doch positiv an, auch wenn es kein Rekordjahr werden wird. Rechnen sie folglich am Jahresende mit einer schwarzen Null?

Nein, keine Chance, das ist völlig illusorisch. Wir werden Anfang Juli im Aufsichtsrat einen Nachtragshaushalt einbringen, aus dem ganz klar hervorgeht, dass wir voraussichtlich betriebswirtschaftlich ein Minus von rund einer Million machen werden. Wir werden deshalb wohl einen Kredit in Höhe von schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Euro brauchen. Allein an den vier herrlichen Osterfeiertagen haben wir einen Verlust von 200.000 Euro gemacht. Rechnen Sie das mal auf die Zeit der Osterferien hoch, liegen wir bei ca. 350.000 Euro Verlust. Solche Summen holen wir trotz der beschlossenen Saison-Verlängerung, bis 06.12.2020, nicht rein. Sollten wir wider Erwarten doch unter einer halben Million an Kredit bleiben, können wir mit Stolz geschwellter Brust rumrennen.

Noch immer gelten besondere Hygienevorschriften wie beispielsweise Maskenpflicht am Eingang. Halten sich die Besucher an alles?

Es gibt immer ein paar, die wirklich uneinsichtig sind, aber das sind vielleicht 0,1 Prozent. Die überwiegende Mehrheit hält sich an die Anordnungen. Wir haben im Park so viel Platz, dass jeder die Abstandsregeln locker einhalten kann. Für den Betrieb des Märchengartens haben wir eine Einbahn-Regelung eingeführt. Der Eingang ist beim Seerosenkönig/Märchenbach, geht den Berg hoch und verlässt den Märchengarten beim Papierdrachen. Das war eine gute Entscheidung, die auch befolgt wird.

Seit eh und je ist Volker Kugel ein glühender Anhänger der MHP-RIESEN Ludwigsburg. Foto: Ludwigsburg24

Vor der geplanten Eröffnung startete wie immer der Dauerkartenverkauf zu ermäßigten Preisen. Dann kam der Shutdown. Wollten deshalb viele Käufer ihre Karten wieder zurückgegeben?

Es gab tatsächlich einige Käufer, die wollten die Karten wieder zurückgeben, weil sie wegen Corona nicht ins BlüBa kommen können. Die Karten haben wir zwar nicht zurückgenommen, aber wir haben eine anteilige Rückerstattung in Höhe von 7,34 Euro pro Dauerkarte für die 47 Tage Schließzeit angeboten, obwohl wir die Parköffnung bis 6. Dezember verlängert haben. Von diesem Angebot haben aber bislang, zum Glück, nur 320 von rund 33.000 Käufern Gebrauch gemacht. Das ist eine tolle Solidarität, was mich ausgesprochen rührt. Unsere Besucher können auch sicher sein, dass die Preise trotz unserer Verluste durch Corona bis einschließlich 2022 stabil bleiben.

Welche Lockerungen stehen jetzt für die BlüBa-Besucher an?

Am ersten Juli-Wochenende wird mit Eröffnung der Sand-Ausstellung die Besucherobergrenze schon auf 5.000 anwachsen und mit Beginn der Sommerferien sind es bei konstanten Infektionszahlen schon 6.000 Besucher, die sich gleichzeitig im Park aufhalten dürfen. Das sind dann über den Tag verteilt 8.000 bis 9.000 Besucher. Eine Zahl, die wir fast nur bei der anschließenden Kürbis-Ausstellung erreichen. Wir haben jetzt auch im Märchengarten die Herzog-Schaukel wieder offen, die die ganze Zeit über gesperrt bleiben musste. Was wir aus Platzgründen noch geschlossen lassen, ist das Däumelinchen. Diese Räumlichkeiten sind einfach zu eng, so dass da extra ein Mitarbeiter für abgestellt werden müsste, der kontrolliert, dass sich nicht zu viele Personen gleichzeitig darin aufhalten. Dieser Aufwand wäre einfach zu groß.

Mussten Sie während des Shutdowns Kurzarbeit anmelden?

Unsere Mitarbeiter an der Kasse, an der Kontrolle und die vom Märchengarten mussten wir tatsächlich während der knapp sechswöchigen Schließungsphase in die Kurzarbeit schicken. Das betraf ca. 25 Mitarbeiter.

Lichterzauber, Straßenmusikfestival und Feuerwerk sind beliebte BlüBa-Events. Können sie durchgeführt werden?

Nein, leider sind all diese Highlights konsequent für diese Saison abgesagt. Nur unsere Sand- sowie die Kürbisausstellung bleiben erhalten.

Sand-Ausstellung ist ein gutes Stichwort. Auf was dürfen sich die Besucher freuen?

Es geht in diesem Jahr um Tiere und es erwarten uns sehr fantasievolle Figuren in den verschiedensten Formen. Die Schwaben dürfen sich beispielsweise freuen aufs Äffle und Pferdle, die zwei Maskottchen vom SWR. Es gibt einen tollen Uhu, einen Biber und viele andere Tiere. Insgesamt werden es 16 Kunstwerke sein, von denen ich vier noch gar nicht weiß, weil sie erst ab der Ausstellungseröffnung am 3. Juli um 16.00 Uhr in einem Speed Carving Contest innerhalb von 24 Stunden erarbeitet werden. Das finde ich sehr spannend und die Motive werden für uns alle eine Überraschung sein. Der Unterschied zu vorherigen Ausstellungen ist, dass wir bessere Standorte für die Skulpturen haben und nicht alle Motive von Beginn an zeigen. In diesem Jahr haben die Besucher die Möglichkeit innerhalb von drei Tagen mitzuerleben, wie eine solche Sandskulptur Schicht für Schicht wächst und bearbeitet wird.

Die Vorbereitungen dafür laufen trotz Corona normal?

Ja, das läuft alles ganz normal. Sowohl bei uns als BlüBa-Mitarbeiter, als auch bei der Truppe um Stefan Hinner, der für die Sandkunst verantwortlich ist. Wir arbeiten mit dem nötigen Abstand und Respekt, aber ansonsten hat sich nichts verändert.

Kommt der Sand diesmal wieder mit dem Schiff und wie viel Tonnen Sand werden es sein?

Ich rechne mit ungefähr 90 Tonnen Sand, die mit dem Binnenschiff aus den elsässischen Sandabbaustätten der Firma Hubele angeliefert werden. Es ist wichtig, dass der Sand sehr hochwertig ist. Er muss sehr scharfkantig sein, damit die Sandkörnchen sich verdichten lassen, ansonsten kann man keine Skulpturen schnitzen. Rund gewaschener Sand vom Meer ist für die Sandkunst völlig unbrauchbar.

Herr Kugel, Sie sind immer für eine Überraschung gut, deshalb die Frage: Planen Sie eventuell für diese Saison noch etwas, was die Besucher für die ausgefallenen Events entschädigen könnte?

Wir haben die Corona-Phase als Think Tank genutzt und haben tatsächlich neue Ideen ausgebrütet. Ich habe nächste Woche mit unserem Feuerwerker einen Termin, der für den November ein Licht-Konzept entwickelt hat. Das ist jedoch nicht zu vergleichen mit dem Christmas Garden in der Wilhelma oder dem Konzept in der Stuttgarter Innenstadt. Sein Konzept wird über eine Strecke von 1,4 Kilometern mit dem Gelände, mit den Bäumen spielen und wird die Kürbis-Skulpturen zum diesjährigen Thema Musik in Szene setzen. Auch ein Laser-Tunnel ist angedacht. Von den Kosten kommt uns unser Feuerwerker aufgrund 25-jähriger guter Zusammenarbeit enorm entgegen, so dass wir seine Idee wohl durchführen können. Er stellt uns sein Equipment sehr günstig zur Verfügung und berechnet nur die Kosten für seine Mitarbeiter.

Als zweites Highlight kann ich für die Zeit ab 5./6.11. in unserer Orangerie erstmals in der Geschichte des BlüBas eine Adventsausstellung ankündigen. Die wird wunderschön und dürfte unsere Besucher so richtig überraschen.

Wir, als BlüBa-Team sind optimistisch und haben uns geschworen, trotz Corona Gas zu geben und gemeinsam etwas für unsere Besucher zu gestalten.

Sie sind jetzt seit 1997 Direktor des Blühenden Barocks. Haben Sie in all den Jahren schon mal eine ähnlich schwierige Zeit erlebt wie in den vergangenen Monaten?

Nein, das habe ich nicht. Und ich habe auch lange nicht wahrhaben wollen, dass das, was sich seit Ende März abgespielt hat, wirklich Realität ist. Manchmal habe ich tatsächlich gedacht, ich liege träumend im Bett und der Albtraum müsste gleich aufhören. Ich war vor dem BlüBa acht Jahre lang für Landesgartenschauen zuständig. Da war das Schlimmste, dass einmal auf 700 Meter Höhe bei drei Grad minus im September alle Blumen erfroren waren. Rückblickend betrachtet ist das im Vergleich zu jetzt jedoch nur Peanuts. Was mir momentan vor allem Sorge macht, sind die Verhaltensweisen rund um Corona. Die eine Gruppe ist sehr salopp im Umgang mit dem Virus, nimmt die Sicherheitsvorkehrungen auf die leichte Schulter. Andere wiederum sind völlig übervorsichtig und ängstlich. Manche Fachleute sagen, es gibt einen Impfstoff in drei Monaten, dagegen stehen weitere sogenannte Fachleute, die behaupten, dass man nicht vor Herbst nächsten Jahres mit einem Impfstoff rechnen kann. So etwas kann man denken, aber darf es so nicht sagen. Man muss doch den Menschen wenigstens noch ein bisschen Hoffnung lassen.

Was sagen Sie zu den vielen Verschwörungstheoretikern, die sich ja auch in Stuttgart zu Kundgebungen getroffen haben?

Diese Leute nerven mich komplett. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich deshalb sogar zwei, drei persönliche Kontakte abgebrochen habe. Auf so etwas habe ich keine Lust. Ich habe aber auch keine Lust mehr, mir den tausendsten Corona-Witz über WhatsApp schicken zu lassen. Das nervt mich alles. Gedanken mache ich mir darüber, wie alles weitergeht, ob wir das alles auskurieren können, wann wir mal wieder ohne Maske S-Bahn fahren oder zum Einkaufen gehen können. Ich halte mich an die Vorkehrungen im öffentlichen Raum, weil ich sie für richtig halte.

Haben Sie für sich beruflich oder privat auch etwas Positives aus der Corona-Krise ziehen können?

Während der letzten Woche habe ich mich mehr meinen Gartentipps unter Gruenzeug.tv auf YouTube widmen können, so dass wir mit den Klicks hochgeschossen sind. Wir haben inzwischen an die zwei Millionen Views. Nach zwei Jahren war der Spitzenklick im Januar bei 176.000 und mittlerweile liegen wir bei 260.000. Da freue ich mich drüber. Aber noch wichtiger ist mir das Feedback meiner Mitarbeiter, die mit unserem Handling während der Krisenwochen nicht nur einverstanden, sondern auch super zufrieden, teilweise sogar dafür richtiggehend dankbar waren. Zu spüren, dass man dankbar ist für das, was man hat, ist für mich das positive Fazit nach Corona. Auch bin ich richtig stolz, wie Deutschland insgesamt die Krise angegangen ist und – Stand heute – bewältigt hat.

Herr Kugel, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

“In den Bundestag wollte ich nie, aber der Landtag hätte mich schon interessiert” – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Margit Liepins

Mit ihrem kämpferischen Einsatz für einen Zebrastreifen in der Nähe des Kindergartens ihrer Tochter in Ludwigsburg-Neckarweihingen fing einst alles an. Jetzt feierte die SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Liepins ein ganz besonderes Jubiläum: 30 Jahre Mitglied im Ludwigsburger Gemeinderat. Eine bewegte Zeit mit Höhen und Tiefen liegt hinter der engagierten Kommunalpolitikerin, die inzwischen 63 Jahre alt ist und gelegentlich über den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nachdenkt. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt Liepins aus ihrem politischen Leben und gewährt auch den einen oder anderen Blick in ihre persönliche Welt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Frau Liepins, Ihr Einsatz für den Zebrastreifen war der Grundstein für Ihr langjähriges politisches Engagement. Was hat diese Aktion damals bei Ihnen ausgelöst?

Auch wenn die Stadt Ludwigsburg damals den Zebrastreifen abgelehnt und stattdessen Verkehrsinseln bevorzugt hat, hat mich das alles unglaublich motiviert, mich weiterhin für kommunale Fragen intensiver zu interessieren und schließlich einzusetzen. Ich wurde dann zunächst von der ortsansässigen SPD gebeten, in den Stadtteilausschuss Neckarweihingen zu gehen, der einmal jährlich hinter verschlossenen Türen tagte und dessen besprochene Inhalte von mir nicht nach außen kommuniziert werden durften. Mein erstes Engagement dort war mein siegreicher Kampf für ein zweimaliges, vor allem öffentliches Tagen pro Jahr. 1989 wurde ich dann gefragt, ob ich für den Gemeinderat kandidieren möchte.

Warum ist die SPD Ihre politische Heimat geworden?

Ich bin familiär sozialdemokratisch geprägt. Schon mein Urgroßvater saß für die SPD im Gemeinderat. Mein Mann kam zwar aus einer CDU-Familie, er selbst war jedoch SPD-Mitglied. Wir hatten in Neckarweihingen damals eine sehr aktive SPD-Stadtteilgruppe. Auch wenn ich mich bei anderen Parteien ebenfalls informiert habe, bin ich dann letztlich sehr bewusst zur SPD gegangen, weil in dieser Partei soziale Themen immer eine sehr wichtige Rolle gespielt haben, die gerade für mich als junge Mutter, beispielsweise bei Fragen der Kinderbetreuung, ein besonderes Anliegen waren.

Sie sind Stadträtin, Fraktionsvorsitzende, waren lange im Kreistag, sitzen in verschiedenen Ausschüssen, engagieren sich ehrenamtlich in vielen Vereinen. Was treibt Sie an?

Mich treibt tatsächlich an, dass ich gerne mit verschiedenen Menschen, die auch sehr unterschiedliche Interessen haben, zusammen bin. Und die Tatsache, dass man etwas bewegen, verändern und vor allem mitsteuern kann, in welche Richtung sich eine Stadt entwickelt, wenn man das ernsthaft betreibt und Mehrheiten dafür findet. Ludwigsburg ist meine Heimatstadt und mir liegen auch die Stadtteile entsprechend am Herzen. Ich habe in all der Zeit sehr viele positive Rückmeldungen von Bürgern und Bürgerinnen erfahren, habe aber ebenso gelernt, dass man es nicht immer allen recht machen kann.

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis, so dass Sie gesagt haben: Jetzt erst recht?

Es gab im Lauf der Jahre immer mal wieder Themen, die mich zusätzlich motiviert haben. Als ich 1990 in den Gemeinderat kam, war gerade die Wiedervereinigung und die amerikanischen Streitkräfte hatten ihren Abzug angekündigt. Die Frage, was wir mit diesen riesigen Kasernen-Arealen machen, hat mich sehr beschäftigt. Wir haben SPD-intern viel diskutiert, ich habe mit den anderen Fraktionen viele Gespräche geführt und bin stolz, wie wir das alles hingekriegt haben. Zusätzlich wurden die vielen Mietwohnungen in Sonnenberg und Pattonville frei. Vor allem in Sonnenberg und Grünbühl war mir sehr daran gelegen, eine soziale Durchmischung hinzubekommen und die Gebiete somit aufzuwerten. Auch im neuen Baugebiet in Grünbühl hätte ich mir eine zusätzliche Aufwertung durch einige Reihenhäuser gewünscht. Leider gab es dafür keine Mehrheit.

Sozialer Wohnungsbau ist ein sozialdemokratisches Thema und Sie sitzen im Aufsichtsrat der Städtischen Wohnungsbau. Mehrere tausend Wohnungssuchende stehen derzeit dort auf der Liste. Wie sehr schmerzt es gerade Sie, hier nicht helfen zu können?

Zunächst bin ich froh, dass sich die Bundes- sowie Landesförderungen verbessert haben, so dass die WBL wieder sehr viel mehr Sozialwohnungsbau baut. Aber natürlich ist dieses Thema schon immer ein großer Konflikt, wegen dem ich schon mit unserem ehemaligen Oberbürgermeister Spec aneinandergeraten bin. Er sagte bei einer Klausur vor Jahren, wir müssten jährlich 500 neue Wohnungen in Ludwigsburg bauen. Ich habe ihm damals erwidert, dass wir zeitgleich die ganze Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen usw. bedenken und planen müssen. Natürlich schmerzt es mich, wenn nicht genügend, vor allem bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist. Aber man kann nicht einfach nur Wohnungen bauen, ohne dabei die Konsequenzen für alle Bürger- und Bürgerinnen, Kinder, Senioren, Umwelt, Verkehr etc. zu bedenken.

Stimmt eigentlich das Gerücht, dass Sie verantwortlich dafür sind, dass Matthias Knecht heute neuer OB in Ludwigsburg ist?

Ich habe ihn 2019 beim Neujahrsempfang des MTV angesprochen und gefragt, ob das Amt des Oberbürgermeisters in Ludwigsburg nicht etwas für ihn wäre. Er zögerte kurz und sagte: „Wissen Sie, das war schon immer mein Traum, einmal Bürgermeister einer Stadt zu werden. Oberbürgermeister in meiner Heimatstadt würde mich besonders reizen“. Er hat aber auch gleich dazu gesagt, dass es für ihn schwierig sei, weil er mit Werner Spec gut klarkäme. Er hat dann viele Gespräche geführt, auch mit Fraktionen und Parteien und trat letztendlich an.

Im März 2019 sprachen Sie in der Bietigheimer Zeitung von Ihrer Hoffnung, dass bei einer Wahl von Matthias Knecht endlich Ruhe in der Stadtverwaltung einkehren und die Gemeinderäte mehr Respekt erfahren würden. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Dem Gemeinderat gegenüber ist OB Knecht sehr korrekt und respektvoll, da bin ich inzwischen oftmals weit weniger gelassen und ungeduldiger. Also er macht das sehr gut. Ich habe auch sehr positive Rückmeldungen aus der Verwaltung. Aber ich möchte trotzdem betonen, dass sich in den Jahren unter OB Spec in Ludwigsburg viel bewegt hat. Leider hatte er sich zuletzt etwas zu sehr in manche Themen verrannt und die Meinung des Gemeinderats beiseitegeschoben.

Haben Sie in all den Jahren eigentlich mal davon geträumt, über Ludwigsburg hinaus politisch aktiv zu werden?

Ja, das habe ich tatsächlich. In den Bundestag wollte ich nie, aber der Landtag hätte mich schon interessiert. Aber irgendwie hat es zeitlich nicht gepasst. Ich hatte zwei Kinder und einen Mann, der viel im Ausland unterwegs war. Und irgendwann dachte ich, jetzt lasse ich den Jüngeren lieber den Vortritt. Mit Mitte Fünfzig wollte ich dann nicht nochmals eine neue politische Karriere starten. Zudem wurde damals auch mein Mann sehr krank. Jetzt bin ich 63 und muss mir langsam eher Gedanken übers Aufhören machen.

Hat Ihr Mann Ihr politisches Engagement uneingeschränkt unterstützt?

(lacht) Als ich gefragt wurde, ob ich stellvertretende Vorsitzende der AWO werden möchte, sagte er: „Jetzt reicht es aber mal.“ Den Posten mache ich allerdings nun auch schon über 20 Jahre. Aber er hat mich trotzdem immer unterstützt.

Vor 30 Jahren waren Frauen in der Politik noch deutlich in der Minderheit. Wie sind Sie damals im Gemeinderat aufgenommen worden?

In meiner Fraktion wurde ich sehr gut aufgenommen, da es zu diesem Zeitpunkt einen Umbruch gab. Viele langjährige Gemeinderäte haben aufgehört und viele Gemeinderäte sind neu hinzugekommen. Anfangs habe ich mich ziemlich zurückgehalten. Doch schon 1993/94 wurde ich bereits stellvertretende Fraktionsvorsitzende und kam in den Ältestenrat. Dort saßen tatsächlich fast nur ältere Männer. Es herrschte eine sehr konservative Stimmung und das war eher schwierig für mich. Da hatte ich manchmal Themen, bei denen mir nur der damalige Oberbürgermeister Henke zur Seite gesprungen ist, der jung und auch sehr offen für vieles war.

Hatten Sie das Gefühl, von männlichen Kollegen nicht ernstgenommen zu werden?

Eigentlich nur mit meinem Ansinnen nach mehr Offenheit und Transparenz. Damals wurden zum Beispiel Grundstücksangelegenheiten im Verwaltungsausschuss entschieden, dem ich nicht angehörte. Und diese Verkäufe kamen meistens als Tischvorlage in diesen Ausschuss, viele Gemeinderäte und Gemeinderätinnen hatten von den Inhalten dieser Vorlagen oft nichts mitbekommen. Ich war jedoch der Meinung, dass alle Gemeinderäte darüber informiert sein müssten, was die Stadt kauft oder verkauft und welche Mietverträge sie abschließt.

Nicht nur in diesem Fall, sondern die generell fehlende Transparenz hat mich sehr gestört. Die Fraktionsspitzen wurden informiert, die restlichen Gemeinderäte hatten häufig Informationsdefizite. Denke ich an meine Anfänge zurück, da habe ich mir – speziell als Frau – meinen Platz richtig erkämpfen müssen und es herrschte mehr Fraktionszwang. Fraktionszwang halte ich zwar für falsch, aber dass heute häufig, gerade in großen Fraktionen jeder für sich spricht gerade, das geht auch nicht. Diese Meinungen zu kanalisieren und mit einer Stimme als Fraktion zu sprechen, ist heute für die Fraktionschefs schwierig geworden.

Heißt das, Sie haben ein wenig die Lust verloren?

Eigentlich heißt es, dass man im Alter gelassener wird. Das trifft bei mir insofern zu, dass ich heute besser mit persönlichen Angriffen auf mich umgehen kann. Bei Sitzungen dagegen, in denen man sich endlos im Kreis dreht, werde ich inzwischen ungeduldig.

Sind Sie etwa amtsmüde?

Nein, das bin ich nicht. Durch den neuen OB bin ich sogar nochmals neu motiviert, die wichtigen anstehenden Themen anzugehen. Durch Corona ist das jetzt eine sehr spannende Zeit, da wir ja alle noch nicht wirklich wissen, wie es weitergeht. Ich glaube, dass viele schon vergessen haben, wie es ist, wenn man wirklich sparen und überlegen muss, wofür man das Geld tatsächlich ausgibt, was wichtig ist und notwendig ist, und was unter die Rubrik wünschenswert fällt. Das zu definieren, ist die Herausforderung für die nächste Zeit, denn bislang ging es uns in Ludwigsburg wirklich sehr gut.

Durch Corona brechen der Stadt viele Einnahmen weg. Auf was müssen sich die Bürgerinnen und Bürger Ihrer Meinung nach jetzt einstellen?

Selbst wenn sich unsere Wirtschaft eventuell schnell erholen sollte, nutzt uns das nur bedingt. Da wir sehr stark vom Export abhängig sind, müssen wir wahrscheinlich die kommenden Jahre mit deutlich weniger Einnahmen auskommen. Deshalb kann es sein, dass wir mit höheren Steuern rechnen müssen. Kindergartenbeiträge wollen wir nicht erhöhen, das ist uns ganz wichtig. Im Gegenteil, wir setzen uns sogar für gebührenfreie Kitas ein. Aber vielleicht werden künftig manche Leistungen in anderen Bereichen wegfallen. Aber was konkret auf die Bürgerinnen und Bürger zukommt, lässt sich momentan schwer sagen.

Was steht bei Ihnen auf der Prioritätenliste der Ausgaben an oberster Stelle?

Grundsätzlich stehen Schul- und Kinderbetreuungseinrichtungen an erster Stelle. Die weitere Priorität liegt beim ÖPNV und Bahnhof. Wir haben fertige Pläne für einen barrierefreien Umbau und wir sollten damit spätestens nächstes Jahr beginnen. Die Stadt hat dafür entsprechende Flächen gekauft. Aus meiner Sicht wäre auch der Kauf des Nestlé-Areals mehr als wünschenswert, um uns und den kommenden Generationen alle Entwicklungsmöglichkeiten des Bahnhofs und der Stadt aufrecht zu erhalten. Mein Traum ist immer noch, dass wir sogar irgendwann ein komplett neues Bahnhofsgebäude haben. Danach kommen für mich die Projekte Schillerplatz, Arsenalplatz und die Stärkung unserer attraktiven Innenstadt mit all ihrer Vielfältigkeit.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Ich sage mir: ‚Schau nach vorn, irgendwie geht’s immer weiter‘. Das hat mich das Leben gelehrt. Privat war ich schon mit mehreren Schicksalsschlägen konfrontiert. Mein Vater starb, da war ich fünf. Als ich gerade im Abitur steckte, ist meine Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen, gleichzeitig lag mein 15-jähriger Bruder schon seit einem Jahr mit Knochentuberkulose in der Klinik. Ich habe dann meinen Mann kennengelernt und recht jung geheiratet. Tatsächlich bin ich eine Kämpferin, die nicht aufgibt, wenn ich etwas für richtig halte oder ein Ziel habe.

Wenn Sie Ihr bisheriges Leben Revue passieren lassen, gibt es dann eine Entscheidung, von der Sie heute sagen, dass sie falsch getroffen war?

Ich bereue, dass ich nach der Geburt meiner Tochter mein Studium nicht beendet habe. Ich hätte nur noch die Prüfungen ablegen müssen. Damals war die Situation aber so, dass man nur mit einer Einser-Prüfung eine Anstellung bekam, was mich völlig demotiviert hat.

Trauern Sie nur dem Examen oder auch dem Lehrerberuf nach?

Nein, der Gemeinderat hat mir mit ziemlicher Sicherheit mehr Spaß gemacht als eine Tätigkeit als Lehrerin.

Sie haben eben Ihre Ungeduld angesprochen. Wie äußert sich die?

Wenn mich etwas richtig nervt, sieht man mir das deutlich an. Und meine Bemerkungen werden zynischer. Aber ich werde nicht etwa laut gegenüber anderen Personen. Ich versuche, mich bei den Debatten zu beherrschen, mache gelegentlich einen Zwischenruf. Der neue Gemeinderat ist etwa zur Hälfte neu besetzt und ich finde ihn manchmal ein bisschen schwierig.

Sie machen den Eindruck, als würden Sie den alten Gemeinderat richtig vermissen…

Ach, wissen Sie, es ist nicht ganz einfach, wenn man jahrelang mit Menschen – auch über Parteigrenzen hinweg – gut zusammengearbeitet hat und die sind plötzlich nicht mehr da. Wenn dann ein Schnitt kommt und gleich so viele weg sind, muss man erst wieder etwas Neues aufbauen und das dauert einfach.

Wir fragen Sie nochmals: Haben Sie noch Lust, weiterzumachen?

Ja, natürlich, aber mir ist trotzdem wichtig, den richtigen Zeitpunkt für mich zum Aufhören zu finden. Wissen Sie, wenn die Rente näher rückt, überlegen sich die meisten Menschen, wie sie ihre Zeit danach nutzen, welche Hobbys sie haben. Bei mir ist es so, dass Beruf und Hobby quasi eins sind.

Haben Sie Ihren Abschied im Kopf schon durchgespielt?

Darüber nachgedacht habe ich schon, aber noch mehr überlege ich mir, was ich danach machen möchte, es gibt viele ehrenamtliche Tätigkeiten, die denkbar sind. Aber noch ist es nicht soweit, auch wenn ich meine, langsam müssen Jüngere mehr Verantwortung übernehmen. Eines ist für mich klar: Ich werde zu einem Zeitpunkt gehen, an dem mir die Politik noch Spaß macht. Ich will nicht frustriert aus meinem Amt scheiden.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der SPD?

Hier in Ludwigsburg ist die SPD personell gut aufgestellt, auch mit Nachwuchskräften. Größere Sorgen mache ich mir um die Partei in Land und Bund. Die SPD erholt sich nicht, selbst die Corona-Krise hat sich nur zugunsten der CDU ausgewirkt.

Macit Karaahmetoglu, ihr sozialdemokratischer Mitstreiter aus Ditzingen rechnet sich 2021 gute Chancen für einen Regierungschef Olaf Scholz aus, sollte er zum Kanzlerkandidaten gekürt werden.

Mein Optimismus ist deutlich geringer als der von Macit Karaahmetoglu, ich bin da eher Realistin. Ich schätze Olaf Scholz sehr, und was er gerade mit der SPD in dem Konjunkturpaket umgesetzt hat, ist hervorragend. Ich denke, er wäre ein guter Nachfolger für Angela Merkel, er ist ihr in vielen Dingen sehr ähnlich. Machtbewusst, dabei immer sachlich, überlegt, unaufgeregt. Das charismatische Zugpferd ist er leider nicht. Aber vor der Bundestagswahl kommen noch die Landtagswahlen. Hier mache ich mir noch größere Sorgen, obwohl in der Landtagsfraktion durchaus ein paar gute Köpfe sitzen. Sie müssten nur mehr in Erscheinung treten.

Sie wirken sehr nachdenklich…

Was die SPD im Gemeinderat macht, das kann ich vermitteln und da stehe ich auch dazu, Aber darüber hinaus… Warum haben wir bei der letzten Gemeinderatswahl zwei Sitze verloren? Garantiert nicht wegen schlechter Arbeit. Es war die politische Stimmung, die vom Bund bis runter in die Kommunen abgefärbt hat. Wir sind nur noch vierte Kraft im Gemeinderat, daran habe ich mich noch immer nicht richtig gewöhnt. Das muss man erst mal verdauen. Denn wenn man bei Stellungnahmen erst an der vierten Position dran ist, dann ist das meiste schon gesagt.

Also paart sich bei Ihnen die Lust mit dem Frust?

Was ich richtig toll finde, ist meine Fraktion. Jeder kann jeden vertreten. Selbst die Jungen haben sich gleich so eingebracht, dass man sie überall einsetzen kann. Das begeistert mich richtig.

Hatten Sie in all den 30 Jahren ein politisches Vorbild, an dem Sie sich orientiert haben?

Die meisten aus meiner Generation nennen Willy Brandt als ihr Vorbild. Bei mir trifft das nicht zu. Ein direktes Vorbild hatte und habe ich nicht. Es gibt natürlich Politiker, die ich gut finde. Und da steht Barack Obama ganz oben auf meiner Liste. Er wollte die USA wirklich voranbringen und verändern, gerade was die Rassenunruhen anbelangt, und er war weiterhin der Welt eng verbunden. Ich fand ihn als Präsident sehr gut.

Frau Merkel ist zwar kein Vorbild für mich, aber was sie geleistet hat und wie sie mit Krisen umgeht, davor habe ich schon große Achtung. Ich weiß aber, dass sich viele in der CDU mit ihr schwergetan haben und die CDU alles daransetzen wird, dass ihr ein Mann nachfolgt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch ihre Kanzlerschaft für die Frauen in der Politik etwas verändert hat?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Insgesamt ist es doch so, dass sich Frauen in der CDU trotz Angela Merkel schwerer tun. Auf Bundesebene hat sie stets versucht hat, Frauen in Positionen zu bringen. Wenn Sie aber mal auf die Listenaufstellungen beispielsweise für Kommunalwahlen schauen, da sind bei der CDU auf den ersten sieben Plätzen nur Männer, während SPD und Grüne die Quotierung eingeführt haben, um Frauen die gleichen Chancen einzuräumen. Deshalb weiß ich nicht, ob sich wirklich so viel durch ihre Kanzlerschaft verändert hat. Vielleicht ist es für Frauen etwas einfacher geworden, in der Politik Fuß zu fassen. Trotzdem wagen deshalb nicht mehr Frauen diesen Schritt und das zieht sich durch alle Parteien. Die meisten Frauen sind heutzutage berufstätig. Wenn sie sich dann noch für Familie mit Kindern entscheiden, ist dies meist eine Entscheidung gegen die Politik. Sie haben Angst, nicht allen Aufgaben gleichermaßen gerecht zu werden und dass die Kinder darunter leiden könnten. Diese Gedanken haben Männer anscheinend nicht. Deswegen bekommen die Frauen dieser Männer immer einen Blumenstrauß, weil sie ihren Männern den Rücken freigehalten haben.

Frau Liepins, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

“Ja, ich werde auf jeden Fall wieder kandidieren”. Macit Karaahmetoğlu im Gespräch mit Ludwigsburg24

Er steht für Gerechtigkeit, soziales Engagement und gehört zu den wichtigen politischen Köpfen der Region. Macit Karaahmetoğlu ist ein türkischstämmiger Anwalt aus Ditzingen, spezialisiert auf Urheber- und Medienrecht, der mit seinen Fällen auch bundesweit schon für Furore sorgte. So vertrat er vor Gericht die Familie der deutsch-türkischen Lehramtsstudentin Tuğçe Albayrak, die im November 2014 von einem Jugendlichen vor einem Schnellrestaurant tätlich angegriffen wurde und kurze Zeit später an den Folgen der Schläge gegen ihren Kopf starb. Oder die Mutter des kleinen Jungen, der von einer fremden Frau aus seinem Bettchen der Säuglingsstation des Robert-Bosch-Krankenhauses entführt wurde. Der 51-jährige Jurist und Vater eines vierjährigen Sohnes steht aber nicht nur für beruflichen Erfolg, er ist ebenso ein gutes Beispiel für gelungene Integration.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Karaahmetoğlu, Sie waren elf Jahre alt, als Sie aus Rize in der Türkei nach Hemmingen kamen. Können Sie sich noch an Ihre Ankunft in Deutschland und die damit verbundenen Gefühle erinnern?

Ja, daran erinnere ich mich sogar noch sehr gut, denn diesem Umzug ging ja schon eine lange Trennung von meinen Eltern, speziell von meiner Mutter voraus. Sie ging fünf Jahre vor mir nach Deutschland, mein Vater folgte ihr einige Monate später. Eigentlich wollten sie nur für zwei, maximal drei Jahre nach Deutschland. Meine zwei Jahre ältere Schwester und ich blieben in der Türkei und lebten bei meiner Oma. Ich wurde auch noch zusätzlich von verschiedenen Tanten betreut, da ich wohl für meine Oma oftmals zu frech und anstrengend war. Nach insgesamt fünf Jahren haben meine Eltern uns dann doch nach Deutschland geholt. Für mich war diese Entscheidung die allerbeste, ich war einfach nur glücklich und habe mich riesig auf Deutschland gefreut.

Auf was haben Sie sich besonders gefreut, was haben Sie sich vom Leben hier erwartet?

Für mich war es einfach ein unglaubliches Gefühl, zu meinen Eltern zu kommen. Ich hatte schon immer ein sehr inniges Verhältnis zu meiner Mutter und habe sehr an ihr gehangen. Deshalb war die Entscheidung meiner Eltern, uns endlich nachzuholen, das Beste, was mir passieren konnte. Deutschland hat mir sofort gefallen, aber das war nebensächlich. Ich hatte keine großen Erwartungen. Was zählte, war einzig die Nähe zu meiner Mutter.

Wie schnell haben Sie sich eingelebt?

Gut und schnell habe ich mich eingelebt. Wir wohnten in Hemmingen, dort bin ich dann direkt in die 5. Klasse der Hauptschule gegangen, konnte mich nach nicht ganz einem Jahr schon sehr gut auf Deutsch verständigen und hatte auch schnell Freunde gefunden. Die Schule damals war spitze. Wir hatten richtig gute Lehrer, die uns Schüler sehr gefordert und auch viel gefördert haben. Vor allem meine Klassenlehrerin Frau Behrens, zu der ich heute noch gelegentlich Kontakt habe, war ein echter Glücksfall für uns. Zwei meiner Kumpels und Mitschüler von damals sind heute Lehrer und Ingenieur, ich wurde Rechtsanwalt.

Meinen Eltern war klar, dass ihren Kindern die Integration am besten gelingt, wenn sie die deutsche Sprache schnell erlernen. Sie haben mich deshalb dazu animiert, mich in Vereinen zu engagieren. So habe ich beispielsweise im Hemminger Spielmanns- und Fanfaren-Zug Trompete gelernt, habe im Sportverein gekickt und Tischtennis gespielt.

Von der Hauptschule über die Berufsfachschule und schließlich Abitur nach Tübingen zum Jura-Studium. Wann und wodurch hat sich der Wunsch ergeben, Rechtsanwalt zu werden?

Geprägt haben mich da wohl die amerikanischen Serien im Fernsehen. Mir hat das kämpferische Auftreten der Anwälte gefallen und das Klischee, dass diese mit ihrem Job viel Geld verdienen. Und ganz ehrlich: Davon habe ich als 20-Jähriger natürlich auch geträumt. Mit zunehmendem Alter ließ das aber nach, denn die Realität in Deutschland ist ganz anders. Hier wird in der Regel niemand von seinen Händen oder seines Kopfes Arbeit richtig reich. Dafür müsste er schon gut erben.

Sie sind SPD-Kreisvorsitzender in Ludwigsburg, standen 2011 schon als Integrationsminister auf der Schattenkabinettsliste von Nils Schmid, dem einstigen SPD-Spitzenkandidaten für den Landtag. Was reizt sie an der Politik?

Ich war schon als Jugendlicher an Politik interessiert. Mein Vater war ein überzeugter Kommunist, mit ihm habe ich mich immer viel gestritten, weil ich den Kommunismus nicht für den richtigen gesellschaftlichen Weg gehalten habe. Mich dagegen hat die Sozialdemokratie überzeugt, für die die SPD steht, weil ich finde, dass die Gesellschaft vom Eifer der Menschen lebt, wovon am Ende alle profitieren, weil dadurch die Gesellschaft leistungsfähiger und unterm Strich auch gerechter wird.

Ich erinnere mich an eine Klassenreise in der Oberstufe in die frühere DDR. Ein ehemaliger Lehrer von dort hat uns über die DDR sehr einseitig erzählt und hat das ganze Leben dort schlecht geredet. Ihm habe ich deshalb in manchen Teilen widersprochen, zum Beispiel was Gleichstellung von Frauen anbelangt, was in der DDR ja viel ausgeprägter und früher als bei uns gelebt wurde. Wir haben uns so in die Haare bekommen, dass er keine Lust mehr auf unsere Klasse hatte und seinen Vortrag beendete. Mein eigener Lehrer kam hinterher zu mir und sagte: „Ich fand es sehr gut, dass du ihm Paroli geboten hast!“ Es ging mir damals eigentlich gar nicht darum, eine politische Meinung zu vertreten. Ich glaube, mich hat vielmehr gestört, wenn jemand die Dinge zu pauschal gesehen hat. Es gibt keine absolute Wahrheit. Man sollte alles in Frage stellen, denn die Wahrheit liegt fast immer in der Mitte.

Als Jurist glauben Sie also, es gibt keine Wahrheit?

Wahrheit ist oft subjektiv. Gerade als Anwalt erlebe ich das täglich. Egal, ob sie den Kläger oder den Beklagten vertreten: Meist sind beide davon überzeugt, im Recht zu sein. Es ist immer alles relativ. Natürlich gibt es in der Juristerei einen gewissen Korridor für richtig oder falsch, aber im Leben ist es eben schwierig, die großen Dinge einfach zu erklären.

Gibt es eigentlich Mandanten oder inhaltliche Themen, die Sie als Auftrag ablehnen würden?

Den Auftrag, als Anwalt die AfD oder einen renommierten AfD-Politiker wegen einer politischen Auseinandersetzung vor Gericht zu vertreten, würde ich ohne Wenn und Aber ablehnen.

Das heißt, Ihr moralischer Kompass schwingt immer mit?

Ja, das tut er.

Haben Sie noch Kontakt mit der Familie der toten Tuğçe Albayrak ?

Ja, ich habe noch Kontakt zum Bruder. Der Täter ist inzwischen nach Serbien ausgewiesen, obwohl er hier geboren und aufgewachsen ist. Er ist ein Produkt unserer Gesellschaft und nur, weil seine Eltern nicht die deutsche Staatsbürgerschaft hatten, wurde er abgeschoben. Ich muss ehrlich sagen, dass mir der Täter ebenfalls leid tut. Jeder Mörder tut mir leid. Ich finde es eine menschliche Tragödie, in so einer Situation zu enden. Was bringt einen Menschen dazu? In Tugces Fall war es ein jugendlicher Täter, der keine Tötungsabsicht hatte. Aber er wurde gewalttätig, hat sie geschlagen. Nun muss er sein ganzes Leben mit dieser Schuld leben.

Wäre die Familie des Täters zuerst auf Sie zugekommen, hätten Sie das Mandat angenommen?

Ich mache keine Strafverteidigung, sondern nur Opfervertretung. Wäre ich Strafverteidiger, dann hätte ich diesen Fall nur angenommen, wenn der Täter sich entschuldigt und deutlich Reue und Empathie gezeigt hätte. Das hat mir bei ihm und seinem Umfeld jedoch komplett gefehlt.

Wie lautet Ihr persönliches Lebensmotto?

Es klingt banal: Leben und leben lassen. Ich bin zwar kein gläubiger Mensch, aber ich bin fest davon überzeugt, dass, wenn es wirklich einen Gott gibt, es ihm nicht wichtig sein kann, in welche Religion ein Mensch zufällig hineingeboren wird. Trotzdem glaube ich, dass die Religionen etwas haben, um das Ego zu überwinden. Ich finde es sehr wichtig daran zu arbeiten, gelassener und objektiver zu werden. Je älter ich werde, umso besser gelingt es mir.

Kommen wir zurück zum Politiker Karaahmetoğlu: In der CDU wird darüber diskutiert, den Mindestlohn in Zeiten von Corona einzufrieren oder gar abzusenken. Was sagen Sie zu diesem Vorschlag?

Jeder vernünftige Mensch muss eine solche Idee zurückweisen. Die Menschen verdienen derzeit wegen beispielsweise Kurzarbeit eh schon wenig. Bei Kellnern, Friseuren und ähnlichen Berufen fehlt nicht nur das von Haus aus geringe Gehalt, ihnen fehlt auch das wichtige Trinkgeld. Da noch über eine Kürzung des Mindestlohns zu sprechen, halte ich wirklich für unverschämt.

Ende Mai hat die Arbeitsagentur im Landkreis Ludwigsburg rund 5.200 Unternehmer mit Kurzarbeit gemeldet, davon sind über 85.000 Menschen Arbeitnehmer betroffen. Was bedeutet das konkret für unseren Landkreis?

Da wir im Durchschnitt hier relativ vermögende und gutverdienende Menschen haben, glaube ich, dass wir trotz dieser hohen Zahlen noch immer relativ gut dastehen. Natürlich trifft es den Landkreis und seine Bürger hart, dennoch glaube ich, dass die Maßnahmen vor allem des Arbeitsministers Hubertus Heil und des Finanzministers Olaf Scholz für kleinere Unternehmen eine schnelle sowie unkomplizierte Hilfe waren, um eine Insolvenz abzuwenden und damit Arbeitsplätze zu erhalten.

Wie zufrieden sind Sie generell mit der derzeitigen Krisenbewältigung der Bundesregierung?

Die Bundesregierung leistet hervorragende Arbeit, die getroffenen Maßnahmen waren und sind wichtig, richtig und mit Augenmaß.

Die Coronakrise hat die politische Stimmungslage durcheinander gewirbelt. Während fast alle Parteien an Zustimmung verlieren, die SPD von ihrer Regierungsbeteiligung in Umfragen nicht wirklich profitieren kann, hat sich die CDU auf fast 40% Zustimmung hochgearbeitet…

Das liegt meines Erachtens daran, dass die Bevölkerung die Arbeit der Bundesregierung anerkennt. Die Krise ist eine riesige Herausforderung, die mutige Entscheidungen abverlangt, die in einer Demokratie immer kritisch betrachtet werden. Die Bundesregierung hat bislang aber alles gut gemacht. Da Angela Merkel die Regierung anführt, heimst sie dank ihres Amtsbonus den Erfolg ein. Das muss man aushalten können. Ganz ehrlich: mir ist das im Moment aber nicht so wichtig. Meine Priorität ist, dass wir in der Krise gut vorankommen. Aber jeder, der sich damit beschäftigt, weiß, dass die SPD sehr viel zur Krisenbewältigung beigetragen hat. Ich bin guter Dinge, dass sich das positiv auf die SPD auswirken wird.

Fürchten Sie, dass die Leistungen von Scholz und Heil vom nicht unumstrittenen Tandem Walter-Borjans und Eskens an der Parteispitze wieder zerstört werden könnte?

Nein, das glaube ich nicht. Ursprünglich hatte ich die Sorge, dass sich die Trennung zwischen Parteiführung und Regierung negativ auswirken könnte. Aber es hat sich gezeigt, dass die Menschen das positiv sehen. Bislang fahren wir als SPD jedenfalls gut damit.

Sind Walter-Borjans und Eskens die richtigen Personen an der Parteispitze?

Die Frage stellt sich für mich nicht. Die Parteimitglieder haben die Parteispitze mit deutlicher Mehrheit gewählt. Deshalb erübrigt sich jegliche Diskussion.

Gehören Sie zur Mehrheit?

Nein, in diesem Fall habe ich zur Minderheit gehört. Da ich Olaf Scholz mehrmals in verschiedenen Gesprächen erlebt habe, sage ich ganz klar: Es gibt kaum einen Politiker, der sich in der deutschen Politik in einzelnen Fachbereichen so gut auskennt wie er. Das spüren die Menschen. Deshalb glaube ich, dass Olaf Scholz der richtige Kanzlerkandidat für die SPD ist. Sollte er als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl gehen, hoffe ich nach Ende der Ära Merkel auf einen hohen Zuspruch der Bevölkerung für ihn.

Sie haben bei der letzten Bundestagswahl den Sprung nach Berlin nicht geschafft, weil die SPD insgesamt schlecht abgeschnitten hat. Werden Sie trotzdem wieder kandidieren?

Ja, ich werde auf jeden Fall wieder kandidieren und hoffe, dass es dieses Mal funktioniert.

Was reizt Sie an der Politik mehr als an der Juristerei?

In der Politik kann ich mehr bewegen. Man findet mehr Gehör und kann gemeinsam mit anderen Abgeordneten wichtige Dinge anstoßen.

Wenn Sie 2021 den Einzug in den Bundestag tatsächlich schaffen, in welchen Themenbereichen wollen Sie sich einbringen?

Ein Bereich, bei dem ich mit Herzblut dabei bin, ist die soziale Gerechtigkeit. Natürlich ist es mir auch wichtig, meine Erfahrungen als Rechtsanwalt in die Politik einzubringen, zum Beispiel für einen besseren Schutz des Persönlichkeitsrechts. Gerade in den sozialen Medien spielt das immer wieder eine große Rolle, wenn Menschen regelrecht bloßgestellt werden, indem gegen ihren Willen Details aus ihrer Intimsphäre veröffentlicht werden. Meist trifft so etwas Frauen. Macht man den Täter ausfindig, gehört er hart bestraft. Zudem müssen die Opfer besser entschädigt werden. Das, was Opfer bislang an Entschädigung bekommen, ist absolut lächerlich für das, was ihnen an Schaden zugefügt wurde. Das ist ein Thema, für das ich mich unbedingt engagieren möchte.

Sollte die SPD die Wahl gewinnen, welchen Koalitionspartner wünschen Sie sich?

Eine Koalition mit der CDU sollten wir nicht mehr eingehen, mit ihr haben wir lange genug regiert. Diese Legislaturperiode auch nur, weil wir nach dem Scheitern der Jamaika-Verhandlungen mehr oder weniger dazu genötigt wurden mit dem Argument, wir dürfen das Land nicht im Stich lassen. So eine Argumentation berührt die sozialdemokratische Seele. Wir haben jetzt gute Chancen, die stärkste Partei zu werden und müssen abwarten, welche Konstellationen sich ergeben. Für mich ist alles vorstellbar von den Grünen über die FDP, falls sie es wieder in den Bundestag schafft, bis hin zur Linken, die sich immer mehr in Richtung Gesellschaftsmitte bewegt. Im Gegensatz zur AfD, die immer mehr zum Rand der Gesellschaft wandert und immer radikaler wird. Aber über eine Koalition entscheide nicht ich.

Hat Corona die AfD entzaubert?

Was heißt entzaubert? Meiner Ansicht nach wird die AfD von vielen Menschen nur aus Protest gewählt. Die Partei bedient zudem absichtlich das rechte Spektrum, sonst würde sie bei Wahlen nicht so gut abschneiden. Deshalb glaube ich fest, dass alles über 5 Prozent reine Proteststimmen sind. Die AfD kanalisiert diesen Protest als solchen für sich. Dass man aus Protest die AfD wählt, finde ich unverantwortlich und gefährlich. Denn man sollte schon wissen, welche Kräfte man dabei stärkt.

Was machen die anderen Parteien falsch, dass die AfD so einen Zulauf hat?

Vor Corona hatten wir in Deutschland immer einen besseren wirtschaftlichen Wohlstand als andere Länder. Wir haben ein super Gesundheitssystem. Haben sie wirklich so viel falsch gemacht? Ich denke das nicht. Jetzt, wo der Kern des Wohlstands, und damit meine ich nicht nur den monetären, sondern auch die freiheitlichen Möglichkeiten in ihrem ganzen Ausmaß, plötzlich so eingeschränkt ist, besinnen sich die Leute vielleicht wieder auf die Realität und die Tatsachen und sehen, wie gut es uns doch eigentlich geht. Man muss wahrscheinlich zwischendrin einmal schlechte Phasen haben, damit man die guten wieder spüren und gewisse Dinge schätzen kann.

Wie erklären Sie sich dann die ganzen Verschwörungstheoretiker, die jetzt aus allen Ecken gekrochen kommen?

Das Problem mit den Verschwörungstheoretikern ist, dass diese Gedanken noch von den Algorithmen in den sozialen Medien angefeuert werden. Wenn man als User auf Facebook oder YouTube immer wieder Beiträge dieses Genres anklickt, werden einem immer mehr dieser Beiträge automatisch angeboten. Das schaukelt sich regelrecht hoch. Irgendwann bekommt man dann nur noch diese Beiträge und hat das Gefühl, dass sie die Realität darstellen. Das ist ein großes Problem. Einer der Beweggründe ist sicherlich, dass man plötzlich das Gefühl entwickelt, man gehört zu der Minderheit, die die Realität erkennt und alle anderen sind dumme Schäfchen. Interessant finde ich, dass Männer ab 50 Jahren besonders anfällig sind für Verschwörungstheorien.

Die Mutter aller verbreiteten Verschwörungstheorien in den Social Media ist das Gerücht, Bill Gates sei mitverantwortlich für die Pandemie. Solche Gerüchte können jeden von uns treffen. Wie kann man sich dagegen wehren?

Für einen Bill Gates wird es schwierig sein, sich gegen so eine Massenbewegung zu wehren. Greift er einzelne Leute an, bringt es nicht viel und es heißt sofort: Mit seinem Geld versucht er jetzt dieses oder jenes zu beeinflussen. Er kann da nur drüberstehen.

Wenn Ihnen oder mir das passiert, können wir zwar versuchen uns dagegen zu wehren, aber die Täter ausfindig zu machen, ist oft schwer, weil sie teils mit Fake-Accounts operieren. Kennt man allerdings die Person, dann kann man gegen sie vorgehen, sofern sie unwahre Tatsachen behauptet. Wobei es immer eine Gratwanderung ist zu unterscheiden zwischen einer Meinungsäußerung und einer Tatsache.

Herr Karaahmetoğlu, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Seit 50 Jahren im Dienst der Kinder: Ludwigsburg24 trifft Christa Holtzhausen

Zwölf Jahre ist Christa Holtzhausen nun schon beim Kinderschutzbund in Ludwigsburg tätig. Sie begann als ehrenamtliche Mitarbeiterin am Kinder- und Jugendtelefon. Inzwischen ist sie seit 2010 Vorsitzende des Vereins. Im vergangenen Jahr feierte der Kinderschutzbund in Ludwigsburg sein 50. Jubiläum. Gemeinsam mit 8 festangestellten Mitarbeitern und 80 Ehrenamtlichen stellt sich die 67-Jährige in den Dienst der Kinder und deren Eltern. Ihren Vorstandsjob erledigt sie ebenso ehrenamtlich wie die zusätzlichen Aufgaben eines Geschäftsführers, den sich der Verein aus Kostengründen nicht leisten kann. „Inzwischen ist das mehr als nur ein Vollzeitjob, zu dem jede Menge Herzblut gehört“, sagt Christa Holtzhausen, aber sie klingt dabei alles andere als unzufrieden. 

Frau Holtzhausen, haben Sie während des Corona-Shutdowns einen Anstieg an Hilferufen von Kindern oder Eltern erfahren?

Das kann ich nicht wirklich beantworten, weil die soziale Kontrolle fehlt. Die Kinder gehen nicht in Kita oder Schule, die Frauen sind mehr oder weniger ebenfalls den ganzen Tag weitgehend in der Wohnung eingesperrt. Teilweise gibt es mehr Anrufe, aber es ist nicht so, dass es hier wegen Corona unablässig bimmelt. Laut meinen Ehrenamtlichen am Kinder- und Jugendtelefon ist Corona bei den Anrufern gar kein Thema. Für Eltern hatten wir extra noch eine Corona-Stress-Hotline eingerichtet, aber auch die wurde nicht übermäßig frequentiert. 

Wie erklären Sie sich das? Es wurde doch befürchtet, dass der Shutdown gerade die Familien vor riesige Herausforderungen mit verheerenden Folgen im Zusammenleben stellt.

Das hängt vielleicht damit zusammen, dass der Kinderschutzbund nicht als einzige Institution Hilfsangebote per Telefon oder online anbietet. Was wir aber als einzige Organisation wegen Corona ins Leben gerufen haben, sind die Tele-Paten in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule. Studierende übernehmen jeweils eine Patenschaft für ein Kind und tauschen sich mit diesem online aus. Sei es, dass sie ihm bei den Hausaufgaben helfen, sei es, dass sie mit Flüchtlingskindern Deutsch sprechen, damit diese im Lernfluss bleiben, sei es Lesen, Basteln oder was immer man am Bildschirm machen kann. Das wird sehr gut von den Familien angenommen. Und den Studierenden macht es so viel Spaß, dass wir dieses Angebot auch über Corona hinaus aufrechterhalten würden, wenn es weiterhin so angenommen wird. Viele der Studenten würden auch gerne ihr Tele-Paten-Kind nach Corona einmal persönlich kennenlernen und treffen. Warten wir mal ab, wie sich das alles entwickelt. 

Haben Sie aufgrund von Corona Spendeneinbußen?

In unserem Jubiläumsjahr 2019 hatten wir dank unseres Sozialsponsors Pflugfelder Immobilien unsere Benefizparty mit einem großartigen Spendenergebnis. Wie das 2020 aussehen wird, das kann ich noch nicht sagen. Das Jahr ist noch nicht vorbei und die eigentliche Zeit für Spenden kommt erst Richtung Weihnachten. Erfreulicherweise hatten wir in den vergangenen Wochen immer wieder mal kleinere Spendeneingänge gerade wegen Corona, weil manche Menschen befürchten, dass es gerade für sozialtätige Vereine mit finanzieller Unterstützung eng werden kann. Das finde ich sehr berührend.

Bekommen Sie für Ihre Arbeit Zuschüsse von der Stadt oder dem Land oder finanzieren Sie sich ausschließlich über Spenden?

Die Finanzierung ist gemischt. Unser Angebot „Begleiteter Umgang“ wird von der Wirtschaftlichen Jugendhilfe bezahlt. Unsere Hausbesuche bei Familien mit Neugeborenen finanziert die Stadt. Zusätzlich erhalten wir Zuschüsse vom Landkreis. Aber wir sind trotzdem jährlich auf Spenden in Höhe von 70.000 bis 80.000 Euro angewiesen, um unsere laufenden Projekte aufrecht erhalten zu können. 

Wer bezahlt Ihre acht festen Mitarbeiter und um welche Jobs geht es dabei konkret?

Die acht Mitarbeiter müssen wir selbst bezahlen. Sie teilen sich 3,5 Vollzeitstellen. Neben einer Bürokraft handelt es sich bei den anderen Mitarbeiterinnen um Sozialpädagoginnen oder Sozialarbeiterinnen.

Kommen Sie beruflich ebenfalls aus dem Sozialbereich?

Nein, ich bin eine ehemalige Stewardess, habe viel von der Welt gesehen. Diesen Beruf darf man aber ab dem 55. Lebensjahr nicht mehr ausüben. Doch ich wollte nicht untätig sein und habe mir deshalb für den Ruhestand eine ehrenamtliche Tätigkeit gesucht, die mir Spaß macht und mich erfüllt. Über einen Artikel der damaligen Kanzlergattin und Schirmherrin Doris Schröder-Köpf war ich schon länger aufs Kinder- und Jugendtelefon aufmerksam geworden und habe mir eine Mitarbeit dort sehr gut vorstellen können. Als ich in Ruhestand ging ergab es sich tatsächlich sofort, dass hier im Verein schon einen Monat später eine Ausbildung für die Tätigkeit am Kinder- und Jugendtelefon angeboten wurde. Diese Chance habe ich sofort genutzt. 

Was haben Sie in dieser Ausbildung gelernt?

Ich wurde hundert Stunden in verschiedene Bereiche eingearbeitet, da ich ja später allein am Telefon sitzt musste und während des Gesprächs nirgendwo nachfragen konnte. Ich wurde geschult in Sexualpädagogik und intensiv vorbereitet auf psychische Themen wie beispielsweise Selbstmord oder Missbrauch. Auch Mobbing- vor allem Cyber-Mobbing, ungewollte Schwangerschaft oder Homosexualität sind ebenfalls Bereiche, mit denen die Anrufer einen immer wieder konfrontieren. Ich habe während dieser Ausbildungsphase vor allem gelernt, den Kindern und Jugendlichen gut zuzuhören und wie man selbst ein solches Gespräch führt. 

Sollten Sie die Kinder am Telefon beraten, ihr Problem lösen?

Oberste Priorität der Ehrenamtlichen am Telefon ist, den Kindern das Gefühl zu vermitteln, da ist jemand, der ihnen zuhört. Da es sich um ein anonymes Telefon aus irgendeinem Teil Deutschlands handelt, gilt es im Laufe des Gesprächs herauszufinden, wo das Kind lebt. Nur dann kann ich weiterhelfen, indem ich dem Kind die richtige Beratungsstelle in seinem Lebensumfeld nenne. Dafür habe ich im PC einen speziellen Führer, in dem ich sofort danach suchen kann. 

Sie bekamen bestimmt oftmals viele schreckliche Dinge am Telefon zu hören. Konnten Sie das Gehörte sofort abhaken oder haben Sie länger daran zu knabbern gehabt?

Alle, die an diesem Telefon arbeiten, haben auch Supervision und werden nicht allein gelassen. Die Ehrenamtlichen können auch untereinander über ihre Telefonate sprechen. Wir arbeiten beim Kinder- und Jugendtelefon in zwei Schichten, jeweils täglich von 14.00 bis 17.00 Uhr und von 17.00 bis 20.00 Uhr. An die Koordinatorin der Schichten kann man sich auch jederzeit wenden. Ich versuche auch heute als Vorsitzende noch, eine gute Psychohygiene zu betreiben, um möglichst wenig Belastendes mit nach Hause zu nehmen. 

Gibt es denn einen Fall, der Sie lange nicht losgelassen hat?

An meinem allerersten Tag am Kinder- und Jugendtelefon hatte ich direkt ein Kind in der Leitung, dass tatsächlich missbraucht worden ist. Das war ein sehr langes Gespräch, das mich wirklich fix und fertig gemacht hat. Ich saß an diesem Telefon und hatte eigentlich den Wunsch, diesem Kind nahe zu sein, es in den Arm zu nehmen, Wärme, Schutz und Trost zu spenden. Stattdessen konnte ich meine Hilfe nur aufs Reden konzentrieren. Die Missbrauchsanrufe sind die belastendsten Gespräche.

Wie häufig wird das Telefon als Anlaufstelle von Kindern und Jugendlichen genutzt?

Da es sich nicht nur um eine anonyme, sondern zugleich kostenfreie Hotline handelt, wird viel Schabernack damit betrieben. Der überwiegende Teil sind leider Scherzanrufe, aber das ist normal. Wir versuchen je nach Tagesform cool, gelassen und humorvoll mit diesen Anrufen umzugehen. Veräppeln die Kids uns mit der Bestellung einer Pizza mit Schnürsenkel, dann fragen wir zurück, ob es noch ein paar Knöpfe dazu sein dürfen. Nicht selten passiert es, dass sich aus dem humorvollen Geplänkel doch noch ein ernsteres Gespräch entwickelt. Das Kind oder der/die Jugendliche hat uns erst auf der Spaßebene abgecheckt, ist durch unsere lockere Art aufgetaut, hat Vertrauen gefasst und sich somit geöffnet. 

Sie sind von der Ehrenamtlichen am Telefon zur 1. Vorsitzenden des Vereins aufgestiegen. Was hat Sie bewogen, dieses Amt zu übernehmen. 

Um Verantwortung zu übernehmen. Den Kinderschutzbund noch stärker in das Bewusstsein der Menschen zu bringen. Für die Umsetzung der Kinderrechte für alle Kinder einzutreten. Ganz besonders das Recht auf gewaltfreie Erziehung. Kinder sind unsere Zukunft!

Haben Sie selbst auch Kinder?

Ja, ich habe einen Sohn, der ist aber schon erwachsen. 

Der Kinderschutzbund bietet nicht nur Kindern und Jugendlichen Hilfe an. Eltern, die sich überfordert fühlen, können sich ebenfalls an Sie wenden. Können Sie aus eigener Erfahrung nachvollziehen, dass Eltern an ihre Grenzen geraten und Unterstützung brauchen?

Das kann ich auf jeden Fall nachvollziehen, denn ich war eines Tages alleinerziehende Mutter und musste schauen, wie ich klarkam. Dazu kamen die Auseinandersetzungen mit dem Partner. Ich selbst habe damals keine Hilfe gesucht. Mit meinem Wissen und meiner Erfahrung von heute sehe ich inzwischen einiges in meiner Erziehung meines Sohnes, von dem ich sage, da hätte ich anders reagieren sollen. Auch wenn das alles schon lange zurückliegt, spreche ich mit ihm darüber und entschuldige mich nachträglich. Zum Glück hatten meine falschen Reaktionen oder Ansagen keine dramatische Auswirkung auf ihn, aber es hätte eben auch anders sein können. 

Warum lassen es manche Eltern eskalieren, statt sich Unterstützung in der Erziehung zu holen?

Oftmals ist gar nicht bekannt, was es alles an Hilfsangeboten es gibt. Deshalb gehört es für mich als Vorsitzende vorrangig zu meinen Aufgaben, den Verein mitsamt seinen unterschiedlichen Projekten bekannt zu machen. 

Welche Hilfen bieten Sie konkret für Familien an?

Im Gegensatz zu seinen Anfängen setzt der Kinderschutzbund heute auf Präventivarbeit. „Starke Eltern, starke Kinder“ lautet eines unserer Projekte, in denen die Eltern den Umgang mit ihren Kindern lernen. Außerdem besuchen wir Familien, die ein Baby bekommen haben und zeigen ihnen auf, wo sie sich im Bedarfsfall Hilfe und Unterstützung holen können. Es gibt die Eltern-Hotline sowie die „Sprach- und Spielkiste“ speziell für Familien mit Fluchterfahrung. Für Familien mit Trennungsproblemen bieten wir den begleiteten Umgang an, für den wir hier eigens ein schönes Spielzimmer zur Verfügung stellen. Wichtig zu wissen ist, dass wir keine Beratungsstelle sind. 

Anders als das Jugendamt oder der Soziale Dienst werden Sie nur tätig, wenn die Familien freiwillig auf Sie zukommen und Ihre Angebote annehmen. Erreichen Sie so tatsächlich die Familien, in denen Ihre Unterstützung wirklich wichtig wäre?

Das ist sehr gemischt, aber ehrlicherweise wäre es gut, wir würden unsere konkrete Zielgruppe noch besser erreichen. Deshalb präsentieren wir uns regelmäßig mit einem Infostand auf Kinderfesten, beim Familientag oder auf der Messe Kids & Co, wo viele Familien hinkommen. Da gehen wir auf Kinder wie Eltern zu, sprechen sie konkret an und weisen auf unsere vielen Angebote hin. Das ist wichtige Basisarbeit. Genauso sind wir auf die Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen, ebenso auf den Wiedererkennungswert. ‚Da kommt der Kinderschutzbund‘ statt ‚da kommt Frau Holtzhausen‘, sollte es heißen, wenn ich irgendwo auftauche. Das ist mein Ziel, denn dann ist der Kinderschutzbund in den Köpfen der Menschen auch wirklich installiert.

Sie garantieren den Familien Vertraulichkeit und Anonymität. Was passiert jedoch, wenn Sie schwerwiegende Auffälligkeiten wie Missbrauch bzw. psychische oder physische Gewalt in einer Familie vermuten. Zeigen Sie die Familie an?

Unser Prinzip lautet, gemeinsam mit den Familien am Problem zu arbeiten und eine Lösung zu finden. Dafür arbeiten wir eng mit unterschiedlichen Organisationen zusammen, die wir ins Boot holen, um ihnen in Absprache mit der Familie den Fall zu übergeben. Geht es beispielsweise um Übergriffe oder sexuellen Missbrauch würden wir uns an die Fachstelle Silberdistel wenden. Besorgte Anrufer von außerhalb, die beispielsweise in ihrer Nachbarschaft Missbrauch und/oder Gewalt vermuten, bitten wir dagegen darum, sich ans Jugendamt oder den ASD zu wenden. Die können im Gegensatz zu uns direkt in die Familie gehen. Wir sind keine Behörde. 

Haben Sie in Ihren zwölf Jahren Kinderschutzbund schon Übergriffe von wütenden Elternteilen auf sich selbst oder Ihre Mitarbeiter erlebt?

Wenn, dann besteht diese Gefahr am ehesten beim „Begleiteten Umgang“. Beim ‚Begleiteten Umgang“ darf ein Elternteil ausschließlich hier sein Kind für einen bestimmten Zeitraum sehen. Da kam es schon zu lautstarken Situationen oder dass ein Vater nicht gehen wollte. Ich weiß, dass es bei anderen Kinderschutzvereinen schon zu körperlichen Attacken auf die Begleitpersonen kam, aber bei uns ist das bislang zum Glück noch nie passiert. Falls das doch einmal passieren sollte, wäre auf jeden Fall die Polizei blitzschnell da. 

Laut der jüngsten Kriminalstatistik steigen die sexuellen Übergriffe auf Kinder um 9 Prozent, bei mehr als 4.000 Kindern wurde im vergangenen Jahr sexueller Missbrauch nachgewiesen. Wie erklären Sie sich diese steigenden Zahlen?

Das liegt meines Erachtens daran, dass heutzutage die Aufmerksamkeit größer ist und sich Opfer oder deren Angehörige sich eher trauen Missbrauch anzuzeigen, weil das Thema auch durch die Berichterstattung in den Medien viel präsenter ist. Früher gab es den Missbrauch auch, nur war einfach die Dunkelziffer sehr viel höher. Was mir aber noch mehr Sorge bereitet, ist die Steigerungsstufe bei der Kinderpornografie. 

Sehen Sie langfristig neue Aufgabenfelder auf den Kinderschutzbund Ludwigsburg zukommen?

Für die nächste Zukunft haben wir Familienpaten angedacht. Sie unterstützen Familien mit kleinen Kindern und einem Neugeborenen. Die Paten spielen dann mit den Kindern, damit die Mutter sich ums Baby kümmern kann oder sie versorgen alle Kinder, damit die Mutter mal eine kleine Auszeit hat. Diese Unterstützung ist zunächst angelegt auf ein Jahr und dann schaut man, ob die Familie ohne Unterstützung klarkommt. 

Welche Wünsche oder Träume haben Sie für die zukünftige Arbeit Ihres Vereins?

Ein wirklicher Traum von mir wäre, dass es in Ludwigsburg eine Art Kinderschutzzentrum gäbe, wo alle wichtigen Organisationen unter einem Dach säßen, um Hand in Hand zu arbeiten und die Familien so nur einen Weg hätten. 

Wären Sie nochmals jung und müssten sich für eine Berufsausbildung entscheiden, würden Sie mit Ihren heutigen Erfahrungen die Stewardess gegen eine sozialpädagogische Ausbildung eintauschen?

Beides hat seine Zeit, deswegen ist die Antwort darauf sehr schwer. Aber ich glaube eher nicht, dass ich Sozialpädagogik studieren würde. Diesen Beruf ein Leben lang auszuüben, ist schon eine große Herausforderung. Die Arbeit an den Menschen ist dauerhaft eine ziemliche Anstrengung. Durch meine vorwiegende Vorstandstätigkeit habe ich da doch eine etwas größere Distanz, wenngleich ich über alle Vorgänge hier Bescheid weiß. Ich bin dankbar für das, was ich in den letzten 12 Jahren alles gelernt habe und möchte es nicht missen.

Sie haben durch Ihre Arbeit beim Kinderschutzbund in viele Abgründe des menschlichen Daseins geschaut. Hat das Ihren Blick auf Menschen, aufs Leben verändert?

Heute sehe ich Dinge, die ich vorher nicht so gesehen habe. Als Beispiel nehme ich jetzt mal die Wasserspiele in der Fußgängerzone. Wie oft sitzen Eltern gemütlich im Café und lassen ihr nackiges Kind dort unter dem Wasser rumspringen. Früher hätte ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Heute denke ich jedoch: Okay, wie viele Personen sitzen jetzt noch im Café, die dieses Kind vielleicht mit irgendwelchen Hintergedanken ganz anders sehen oder vielleicht sogar heimlich fotografieren. Da hat sich mein Blickwinkel sehr verändert. 

Sie sehen also heute viel schneller und klarer, wo eventuell Gefahren für das Kind lauern? 

Richtig, da bin ich sensibel geworden. Ich sehe zum Beispiel auch ein großes Problem in der Herstellung von Kalendern, die an Großeltern, Tanten oder Freunde verschenkt werden. Wie oft verwenden Eltern dabei süße Nacktfotos des Kindes in der Badewanne, am Strand, beim Spielen im Garten. Wissen wir, wo diese Kalender gedruckt werden und in welchen Datenbanken die Fotos danach landen? Das ist sehr gefährlich. Aber wenn ich dann schon mal Eltern gebeten habe, sich darüber Gedanken zu machen, stoße ich trotzdem oftmals auf Unverständnis, obwohl inzwischen bewiesen ist, dass diese Bilder häufig auf Pornoseiten landen. 

Haben wir generell in unserer hochzivilisierten Gesellschaft noch zu wenig Aufklärung, wenn es um Themen wie Missbrauch oder Gewalt an Kindern geht?

Das beantworte ich deutlich mit ja. Außerdem weise ich darauf hin, dass wir 2020 gerade mal erst 20 Jahre „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ feiern. Das ist keine lange Zeit, da sind uns die skandinavischen Länder weit voraus. 

Gewalt fängt schon bei einer leichten Ohrfeige an. Aber es gibt ebenso die verbale oder psychische Gewalt, die gleichfalls schwere Schäden anrichtet. Wir müssen darüber noch viel mehr aufklären, damit sich das in den Köpfen der Menschen manifestiert. Man sagt aber, dass die Umsetzung mehr als eine Generation braucht. Glücklicherweise werden in den meisten Schulen heute die Kinderrechte thematisiert, so dass das Thema gewaltfreie Erziehung immer präsenter wird. Gewaltfreie Erziehung ist ein Thema, an dem wir ebenso unbedingt dranbleiben müssen wie an Missbrauch oder Mobbing. 

Patricia Leßnerkraus

 

1.000 Good Vibes für Corona

Hilfe, Engagement und positive Gedanken auf den unterschiedlichsten Ebenen sind mehr denn je gefragt in den schwierigen Zeiten von Corona. Das weiß auch Susanne Spieß, Diplom-Psychologin und Leiterin des Instituts für Personalförderung und Organisationsentwicklung. Deshalb hat die 1965 geborene Ditzingerin sich gleich nach dem Lock Down dazu entschieden „Good Vibes“ in die Welt zu bringen, die positive Energien, Gedanken und Gefühle aufrecht erhalten. Sie folgte sofort dem Aufruf des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP), der ehrenamtliche Mitarbeiter für seine frischgeschaltete Corona-Hotline suchte. Außerdem hat die Psychologin und Künstlerin mit einer Ausmal-Idee die Benefizaktion „1000 Good Vibes für Corona“ ins Leben gerufen.

Frau Spieß, Sie wirken voller Engagement und sprühen vor guter Laune. Kann Ihnen die Corona-Krise nichts anhaben?Meine Familie ist gesund, ich bin gesund. Es ist Frühling und nicht November, in dem die Tage jeden Tag dunkler würden. Wir haben einen Garten, können hinaus in die Natur. Ich kann aktiv sein und meine persönliche sowie berufliche Kompetenz sinnvoll und nutzbringend einsetzen. Ich habe mich gleich zu Beginn der Krise dazu entschieden, mich dem Positiven zuzuwenden und mich nicht auf Angstgedanken oder Sorgen zu fokussieren. Manchmal kommen diese natürlich trotzdem auf, doch dann fallen mir relativ schnell alle meine mir zur Verfügung stehenden Techniken ein. Ich konzentriere mich dann auf Dankbarkeit, Chancen, Lösungen bis es mir wieder gut geht und ich positiv und aktiv gestaltend vorwärts gehen kann.

Als Leiterin des Instituts für Personalförderung und Organisationsentwicklung, coachen Sie Führungskräfte und Mitarbeiter von Unternehmen und öffentlichen Verwaltungen. Aufgrund der Kontaktsperre sind klassische Coachings jetzt jedoch verboten…
Das ist richtig. Doch allmählich lassen meine Kunden ihren Seminar- und Coaching-Betrieb wieder anlaufen, indem wir gemeinsam experimentieren mit den Möglichkeiten, die das Internet für beispielsweise Webinare und Videocoachings bietet, um so viel Lebendigkeit, interaktives Lernen, angenehmes Gruppengefühl und Nutzen wie möglich zu schaffen. Es macht mir Spaß, all diese Methoden zu erproben. Auf diese Weise hat zwischenzeitlich das ein oder andere Coaching per Video, Telefon und einmal sogar auf einer Parkbank mit dem nötigen Sicherheitsabstand stattgefunden. Ich suche und nutze alle sich bietenden Möglichkeiten, um weiterhin für meine Kunden da zu sein und stoße erfreulicherweise auf positive Resonanz. Für meine eigene psychische und physische Gesundheit ist mir wichtig, dass ich in dieser Zeit die drastisch veränderten Rahmenbedingungen akzeptiere und dass ich all meine Ressourcen und meine Kreativität nutze, um möglichst viel Positives in die Welt zu bringen: für mich, mein Umfeld, meine Kunden, die Gesellschaft.

Im Gegensatz zu Ihnen arbeiten viele Menschen inzwischen in Kurzarbeit, manche haben ihre Jobs auch ganz einstellen müssen. Viele haben Angst vor dem finanziellen Ruin. Was bedeutet das für deren Psyche?
Das hängt davon ab, wie jeder einzelne Mensch diese Situation betrachtet. Forschungsergebnisse zu den Themen Sinnerleben, Gesundheit, Stärken des Immunsystems und Resilienz, also die innere Widerstandsfähigkeit, zeigen, dass den Situationen einen Sinn zu geben, Dankbarkeits- und Zugehörigkeitsgefühle zu entwickeln sowie das Fokussieren auf Ressourcen Menschen enorm helfen, mit widrigen Situationen umzugehen. Die Forschungsergebnisse räumen auch ein, dass Stressgefühle, die sich je nach Persönlichkeitstyp, bildlich gesprochen in „Angriff“, „Flucht“ oder „Totstellen“ äußern, zunächst durchaus entstehen können. Wichtig ist jedoch, wie mit diesen dann umgegangen und bewusst weiter agiert wird. Ein Beispiel für aktives Sinnerleben für eine Person in Kurzarbeit könnte sein: ‚Jetzt nutze ich die Zeit, um all das zu tun, was ich schon lange vorhatte: den Keller aufräumen, Fotoalben gestalten, eine selbständige Nebentätigkeit vorbereiten oder mich ehrenamtlich engagieren, zum Beispiel im Nachbarschafts-Einkaufsdienst. Der Möglichkeiten gibt es viele, wenn der Blick darauf gerichtet wird.

Es ist weiterhin sehr wichtig zu wissen, dass wir nicht gleichzeitig Freude und Angst empfinden können. Wenn wir uns also darauf fokussieren, welche Gefahr in Form des Virus auf uns lauert oder wie sehr unser Alltagsleben derzeit eingeschränkt ist, dann stellen sich immer mehr negative Gedanken und Gefühle ein. 

Was raten Sie diesen Menschen, wie können Sie ihnen ihre Ängste nehmen?
Eine sehr gute, bewährte und sehr einfache Methode, Stress- und Angstgedanken zu entrinnen, ist, das Fokussieren auf das, was an Gutem vorhanden ist. Ich empfehle, nachfolgende Technik über einen Monat hinweg auszuprobieren, auch wenn ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass bereits nach einer Woche oder schon früher ein äußerst positiver Effekt der Stimmungsaufhellung eintritt: Schreiben Sie sich morgens, spätestens nach dem Frühstück 10 Dinge auf, für die Sie dankbar sind und weshalb Sie dafür dankbar sind. Das kann beispielsweise so aussehen: ‚Ich bin dankbar dafür, dass ich laufen kann, denn so kann ich in die Natur hinausgehen. Ich bin dankbar dafür, dass ich lesen kann, denn so kann ich Bücher, Zeitungen, das Internet nutzen. Ich bin dankbar, dass ich meine Wohnung, mein Haus habe, weil ich mich darin wohl fühle.‘ Halten Sie diese Dinge unbedingt in einem Heft, Notizbuch oder in einer eigens dafür eingerichteten Datei eines digitalen Gerätes fest. Die Übung schließen Sie abends vor dem Einschlafen ab, indem Sie an 10 Dinge denken, die an diesem Tag schön oder positiv waren. Das Wundervolle ist, je länger man diese kleine Übung praktiziert, desto mehr Dinge fallen einem ein und desto angenehmer wird der Alltag.

Indem sich dadurch unsere Stimmung aufhellt, kommen uns neue Chancen und Möglichkeiten in den Sinn. Wir setzen uns Ziele, stellen uns vor, was möglich ist, was wiederum zu weiterer Stimmungsaufhellung führt. 
o kann ich mir auch gut vorstellen, dass wir über kurz oder lang in unserer Wirtschaft eine Innovationswelle erleben werden. Unsere Gesellschaft ist momentan den gewohnten Alltagsroutinen entrissen und wird nach dieser Zeit erstens die Alltags- und Arbeitswelt mit anderen Augen betrachten, da sie neue Erfahrungen gesammelt hat. Zweitens weiß man aus der Kreativitäts- und Intuitionsforschung, dass Innovationen oft dann entstehen, wenn wir uns eine Weile mit ganz anderen Dingen beschäftigen, die im Idealfall noch durch Entspannung und Muße unterstützt werden. Deshalb vermute ich stark, dass bald ganz viele neue Vorschläge auftauchen, die unsere Wirtschaft wieder ankurbeln. Vieles ist bereits im Entstehen, darunter sehr viele kreative Aktionen zur Aufmunterung der Bevölkerung: Gymnastik zu Hause, bemalte Steine am Wegrand, Nachbarschaftsdienste, Ausloten und kreatives Nutzen der Online-Möglichkeiten zum Aufrechterhalten der Wirtschaft und des Weiterlernens in den Unternehmen und Schulen, Online-Konzerte, virtuelle Ausstellungsbesuche.

Was macht es mit der Psyche der Menschen, die trotz höchster Ansteckungsgefahr arbeiten müssen, beispielsweise in Supermärkten, Apotheken, Altenheimen, Krankenhäusern, bei der Polizei?
Da ich noch nichts davon gehört oder gelesen habe, dass unter dieser Bevölkerungsgruppe eine sehr große Ansteckungswelle ausgebrochen ist, obwohl sie den meisten Kontakt zu vielen verschiedenen Menschen hat, vermute ich folgendes: Diese Menschen haben ihr normales Arbeitsumfeld behalten und dadurch ihre Alltagsroutinen, ebenso ihr gewohntes Einkommen, was ein Grundsicherheitsgefühl aufrecht erhält. Zudem werden sie in den Medien als „Helden der Gesellschaft“ benannt, was eine große verbale Anerkennung und Wertschätzung ist. Wichtig finde ich allerdings, dieser Wertschätzung auch Taten in Form von finanzieller Honorierung folgen zu lassen und diese Wertschätzung auch nach Corona weiter zu pflegen. Durch ihren Einsatz halten sie für mich kostbare Normalität aufrecht, wofür ich ihnen persönlich sehr dankbar bin. Dort, wo ich mit diesen Personengruppen in Kontakt bin, äußere ich mich im direkten Gespräch und bedanke mich für ihre Arbeit. Wo es möglich ist, füttere ich außerdem gerne die Trinkgeldkasse. Bis jetzt bin ich dabei immer auf positive Resonanz gestoßen und dies gibt mir wiederum das gute Gefühl, ihnen ein kleines bisschen zurückgeben zu können.

Birgt die derzeitige Krise Ihrer Ansicht nach Chancen für Veränderungen im künftigen Arbeitsleben?
Davon gehe ich fest aus. Gerade aufgrund der notwendigen Umstrukturierung der Arbeitswelt mit Homeoffice, Videokonferenzen und anderen Maßnahmen während des Kontaktverbots und der strengen Sicherheitsregelungen, ist einiges erprobt worden, was in vielen Unternehmen und Öffentlichen Verwaltungen noch gar nicht oder nur wenig gelebt und teilweise sogar für undenkbar gehalten wurde: Arbeit im Home-Office und gar Führung im Home-Office, Integration von Familienleben, Kinderbetreuung und Home-Office. All dies war und ist für viele Familien einerseits eine große Belastung, andererseits eine neue Art von Flexibilität und Chance. Darüber hinaus sind viele Hemmungen und Ängste vor einer vermehrten Digitalisierung verschwunden, weil der Umgang mit all den neuen medialen Möglichkeiten für viele durch die Corona-Krise jetzt so normal geworden ist. Es werden inzwischen Geburtstagsfeiern per Zoom abgehalten, Telefonkonferenzen geführt, vermehrt online eingekauft. Wichtig wird es aber sein, sich zu besinnen, welche Vorteile und Chancen man weiterhin nutzen und was will man unbedingt auch künftig im analogen Bereich verortet wissen. Ich bin optimistisch, dass alle Maßnahmen, die sich während Corona als Alternative bewährt haben, auch künftig einen Platz in der Arbeits- und Alltagswelt finden werden.

Sie arbeiten derzeit ehrenamtlich für die Corona-Hotline Ihres Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Wer nutzt diese Hotline? 
Jeder, der Gesprächsbedarf hat, kann diese Hotline für sich kostenfrei nutzen. Die Hotline ist von morgens 8.00 Uhr bis abends um 20.00 Uhr besetzt und wird stark frequentiert. Bei den Anrufenden handelt es sich in der Regel um Menschen, die entweder aktuell in einer starken depressiven Stimmung sind oder unter großen Ängsten leiden, sei es vor Ansteckung oder allgemeiner Art. Viele dieser Anrufenden leiden auch sonst unter Ängsten und Depressionen bzw. hatten bereits früher eine derartige Krankheitsgeschichte. Manche sind auch aufgrund von Aussagen in den Medien verängstigt, durch Formulierungen, wie: Menschen mit psychischer Vorerkrankung oder Lungenerkrankungen sind besonders gefährdet. Manche berichten auch, ihr Arzt habe ihnen gesagt, sie seien besonders gefährdet zu erkranken und eventuell daran zu sterben, was sie in große Panik versetzt habe. Verstärkt werden diese Stimmungen und Ängste durch das Erleben von Einsamkeit, aufgrund der weggebrochenen oder minimierten familiären und beruflichen sozialen Kontakte. Videotelefonie und Telefongespräche werden von den Betroffenen nicht als adäquater Ersatz erlebt. Aufgrund der aktuellen Krisensituation, die von ihnen als bedrohlich und die gewohnte Lebensqualität massiv einschränkend erlebt wird, verlieren diese Menschen manchmal den aktiven Zugang zu ihren Ressourcen und Selbsthilfemechanismen.

Wie können Sie den Anrufern helfen?
Wir hören zu, unterstützen dabei, Ressourcen und Bewältigungsstrategien zu (re-)aktivieren, Ängste zu relativieren, in dem wir empfehlen, auf seriöse Informationsquellen zu achten. Wir rufen die insgesamt recht geringe Infektionswahrscheinlichkeit ins Bewusstsein, weisen auf Möglichkeiten hin, das Immunsystem zu stärken, beraten über Handlungsmöglichkeiten in als schwierig erlebten Situationen. Ein Beispiel ist die Frage eines Vaters, der wissen wollte, wie er Kontakt zu meinem Kind halten kann, das im Haushalt der Mutter lebt und das er aufgrund des Kontaktverbotes nicht sehen kann. Eine andere Anruferin war sich unsicher, ob sie mit ihrerer alten Mutter wegen einer Routine-Untersuchung zum Arzt gehen oder lieber warten soll bis nach Corona. Die Entscheidung in all diesen Situation liegt natürlich bei den Anrufenden, doch wir können sie dabei unterstützen, sich der eigenen Bedürfnisse, Einstellungen, Gefühle klarer zu werden und dabei, sich bietende Möglichkeiten zu erkennen. Wir unterstützen verängstigte oder depressive Anrufende in dem Telefonat dabei, aus dem aktuell beeinträchtigenden Zustand herauszukommen, und wieder Zugang zu positiven Gedanken und Ressourcen zu erhalten. Dass dies hilft merke ich dann daran, dass die Anrufenden während des Telefonats in wesentlich bessere, freudigere, tatkräftigere Stimmung geraten, sich sehr dankbar zeigen und froh sind, angerufen zu haben. Ich habe aber auch schon dreimal die gleiche Person am Telefon gehabt, die immer morgens in einer schlechten Verfassung ist und jedes Mal aufs Neue Hilfe benötigt, um aus dem Stimmungstief herauszufinden. Die Anrufenden müssen aber wissen, dass die Beratung durch die Corona-Hotline natürlich keine intensive therapeutische Behandlung und Betreuung ersetzen kann. Dort, wo es nötig ist, empfehlen wir den Menschen, sich eine vertiefte Unterstützung zu holen.

Aus meinen Erfahrungen, aus vielen Gesprächen mit Bekannten, Freunden, Kunden, den Anrufenden bei der Corona-Hotline und beim Blick in die Presse finde ich es wichtig, dass nicht nur auf die äußeren Schutzmaßnahmen in Form von Schutzmasken tragen, Hygienevorschriften und Abstand halten geachtet wird. Ebenso wichtig ist der Blick auf die immunsystemstärkenden Aspekte wie positive soziale Kontakte, gegenseitiges Zulächeln, eine erfüllende Arbeit auszuüben, das Verbreiten optimistischer, vertrauensvoller, Gedanken, die helfen, die Herausforderungen zu bewältigen. Es ist wichtig, den Raum zu bekommen, der dabei hilft, gesund zu bleiben. 

Reflektieren wir die eingeleiteten Maßnahmen zur Bekämpfung von Covid-19, dürfen wir nicht außer Acht lassen, welch große Verantwortung die politischen Entscheider übernommen haben. Sie waren zu Beginn des Ausbruchs der Krise, zu einem Zeitpunkt, als sie noch nicht abschätzen konnten, wie diese sich in ihrer Komplexität entwickeln wird, bereit, Entscheidungen zu treffen, die in der jeweiligen Situation, deutschlandweit- und global betrachtet, die sinnvollsten und gesündesten zu sein schienen. Davor habe ich höchsten Respekt, auch wenn manchen die eine oder andere Entscheidung rückwirkend betrachtet vielleicht nicht als richtig erscheint. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Die persönliche Freiheit eines jeden einzelnen Menschen besteht auch in der Krise darin, aus jeder gebotenen Situation das Allerbeste zu machen. 

Vor kurzem haben Sie die Benefizaktion „1000 Good Vibes für Corona“ ins Leben gerufen. Wie kamen Sie auf diese Idee und was steckt genau dahinter? 
Durch Covid-19 sind viele Menschen verängstigt. Die Furcht, sich selbst mit dem Virus anzustecken oder geliebte Menschen durch diese Krankheit zu verlieren, beschäftigt viele Menschen ebenso sehr wie die Frage, wie es für sie nach Corona finanziell weitergeht. Viele beschwören dabei finstere Zukunftsszenarien herauf.

Ich habe so ein immenses Bedürfnis stattdessen positive, optimistische, das Immunsystem und damit die persönliche Gesundheit stärkende Impulse zu setzen, „Good Vibes“ zu fördern, damit ich mir selbst in den Spiegel schauen und sagen kann: ich habe meinen Teil dazu beigetragen.
Als mir schließlich die Idee zu „1000 Good Vibes für Corona!“ in den Sinn kam, war ich glücklich und fing in der gleichen Sekunde an diese tatkräftig umzusetzen. Der Kern der Aktion besteht darin, dass 1000 Menschen ein Ausmal-Motiv auf 1000 individuelle Arten ausmalen. Als Ausmal-Motiv habe ich eines meiner Motive meiner 3i Sammel-Karten genommen, die ich in Coachings und Seminaren verwende. Dieses Motiv, ich nenne es den „Schwanenkranich“, habe ich gewählt, weil seine „Denkblase“ für positive Gedanken steht, die weitausgebreiteten Schwingen dafür, dass Good Vibes, also optimistische, gute Gedanken und Gefühle sich in die Welt ausbreiten. Die fertig gestalteten 1000 Bilder werden am Ende zu einem faszinierenden Gesamtkunstwerk zusammengefügt, das beeindruckende 21 x 3 Meter messen wird. Daraus möchte ich unter anderem einen Kunstdruck zum Verkauf fertigen lassen, für dessen Umsetzung ich noch unterstützungsfreudige Sponsoren suche. Nach Abzug aller Kosten soll der Verkaufserlös gemeinnützigen Projekten zugutekommen.

Inwiefern hat diese Aktion Einfluss auf die Psyche?
Der Einfluss zeigt sich durch mehr als fünf verschiedene Arten. 1. Malen entspannt. Während des Malens entsteht Freude, was sich in den Kommentaren der Menschen widerspiegelt, die ich auf meiner Homepage zusammengestellt habe. Die Menschen sind zu Recht stolz auf ihr schönes Bild, 2. Indem die Ausmalenden ihre Farben wählen und somit ihre ganz persönliche Version des Bildes entstehen lassen, sind sie schöpferisch tätig und dies erzeugt das für konstruktive Lebensbewältigung so wichtige Gefühl von Selbstwirksamkeit, das Gefühl, aktiv Ideen und Lösungen zu entwickeln. 3. Als ein Mosiakstein von vielen an so einem großen Projekt beteiligt zu sein, schafft ein Verbundenheitsgefühl zu den anderen Mitmalenden und dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit fördert wiederum die Gesundheit. 4. Schon während die Bilder eingereicht werden, wird durch die über 40 Exemplare, die auf meiner Homepage eingestellt sind, bereits deutlich: jedes Bild ist einzigartig, jedes Bild ist auf seine Art schön und es wäre schade, wenn irgendeines nicht dabei wäre. Das ist eine Einladung an jeden Menschen, sich über sich selbst zu freuen und so zu sein, wie er ist! Genau das ist das Gefühl, nach dem sich viele Menschen sehnen und das sich ebenfalls sehr positiv auf die Gesundheit auswirkt. 5. Das Gesamtkunstwerk zeigt plakativ: es gibt in jeder Situation mindestens 1000 verschiedene Möglichkeiten und das fördert Kreativität und Optimismus.

Mein Herzenswunsch ist deshalb, dass das Gesamtkunstwerk auch über Corona hinaus ein Symbol mit einer großen Strahlkraft wird. Ein Symbol dafür, dass wir alle ganz individuell sind, und gemeinsam ein wunderbares Ganzes ergeben. Es ist Platz für alle da, niemand nimmt dem anderen etwas weg. Und es wird verdeutlichen, welche Potentiale und Ressourcen in jedem von uns stecken, wenn wir sie zulassen und zeigen. Das wiederum führt dann zu dem Bewusstsein, dass jeder viele Möglichkeiten hat, sein Leben eigenverantwortlich und in einem guten ethischen Miteinander zu gestalten. 

Wer kann sich an Ihrer Aktion beteiligen?
Die Aktion läuft bis 3. Juni und es kann jeder daran teilnehmen, der sich davon angesprochen fühlt. Auf meiner Homepage www.ipos-institut.de unter der Rubrik „1000 Good Vibes für Corona“ findet man sowohl alle notwendigen Informationen als auch das Ausmalbild zum Herunterladen. Ich freue mich sehr über jedes einzelne Kunstwerk, das seinen Weg zu mir findet.

Patricia Leßnerkraus

 

„Ich will endlich wieder nach Hause!“ – Ludwigsburgerin sitzt in Südafrika fest

Es begann am 14. März als Traumurlaub in Südafrika. Tolles Essen, traumhafte Landschaft und eine unvergessliche Safari am 40. Geburtstag. Doch dann kam am 27. März die totale Ausgangssperre, weil das Corona-Virus auch den afrikanischen Kontinent erreicht hat. Seither sitzt Eveline Czekalski in einer Privatvilla in einem Vorort von Kapstadt und wartet darauf, dass die Bundesregierung sie und ihre zwei guten Freunde zusammen mit anderen deutschen Touristen zurück nach Deutschland holt. Im Interview mit Ludwigsburg24 erzählt die Ludwigsburgerin über die häusliche Quarantäne rund 13.000 Kilometer entfernt der Heimat.

Frau Czekalski, Sie sitzen seit knapp zwei Wochen in der Nähe von Kapstadt fest. Was heißt das für Ihr tägliches Leben?
In Südafrika gab es den kompletten Lockdown, was bedeutet, dass wir außer für den Einkauf nicht mehr aus dem Haus dürfen. Vor ein paar Tagen wollte ich mit meiner Freundin eine Runde am Strand joggen. Nach nur 10 Metern sind wir sofort von der Polizei angehalten worden und mussten direkt wieder nach Hause. Am 2. April wäre eigentlich unser Rückflug gewesen. Aber der Flughafen ist komplett dicht für 21 Tage. Es kommen weder Flugzeuge ins Land rein, noch fliegen welche raus.

Das heißt, auch bei Ihnen sind alle Restaurants, Bars und Geschäfte geschlossen?
Ja, so ist es. Nur Supermärkte und Apotheken haben geöffnet. Wir hatten zwar mitbekommen, dass das ganze öffentliche Leben durch den Lockdown still liegt. Aber uns war, trotzdem unser Freund Einheimischer ist, anfangs nicht bewusst, dass das auch zugleich die totale Ausgangssperre bedeutet. Wir sitzen hier in seinem Elternhaus in diesem wunderschönen Land, haben das Meer direkt vor der Tür und dürfen nirgendwo hin. Zum Glück dürfen wir hier in seinem Haus umsonst leben, ansonsten hätten wir wirklich ein finanzielles Problem.

Welche Möglichkeiten bestehen für Sie, die Heimreise wieder anzutreten? Oder sitzen Sie jetzt bis mindestens 16. April tatsächlich fest?
Wir mussten uns beim Auswärtigen Amt in Berlin registrieren, damit man dort weiß, wie viele Touristen sich derzeit überhaupt in Südafrika befinden. Zusätzlich mussten wir uns für das Rückholprogramm eintragen lassen. Das alles hat eine rund eine Woche gedauert. Ab jetzt fängt die Regierung langsam mit den Rückholflügen an. Man hat sich mit dem Präsidenten darauf geeinigt, dass die South African Airlines sowohl von Kapstadt als auch von Johannesburg aus starten darf, um die rund 9.000 deutschen Touristen in den nächsten zwei bis drei Wochen nach Hause zu fliegen. Es könnte also sein, dass wir irgendwann die Nachricht bekommen, dass es in den nächsten 12 Stunden losgeht. Die Regierung sagt, dass das größte Problem ein Logistisches sein wird, nämlich die Touristen von ihren Unterkünften zum Flughafen zu bringen, da für alle die totale Ausgangssperre besteht. Geht man trotzdem raus, drohen 6 Monate Gefängnis.

Müssen Sie für den Rückflug zahlen?
Dieser Rückflug kostet mich 800 bis 1.000 Euro zusätzlich zu den 600 Euro, die ich ursprünglich für Hin- und Rückflug gezahlt habe. Ein weiterer Kostenfaktor ist der Mietwagen, den wir heute telefonisch auf unbestimmte Zeit verlängern mussten.

Sie arbeiten im Export eines weltweit tätigen Unternehmens im Audio-Bereich. Was bedeutet Ihre unfreiwillige Urlaubsverlängerung für Ihren Job?
Meinen Chef habe ich über die Situation sofort informiert. Mit Ablauf meines offiziellen Urlaubs befinde ich mich jetzt seit dieser Woche im unbezahlten Urlaub. Sobald ich wieder zurück bin, erwartet mich die Kurzarbeit im Home Office. Meine Freundin arbeitet in der Pflege, sie würde jetzt dringend auf der Arbeit gebraucht.

Ist Ihr Traumurlaub jetzt eher ein Horrortrip?
Ganz ehrlich: Uns geht es hier eigentlich sehr gut, weil wir hier in diesem Haus leben und auch einkaufen gehen können. Zum Glück haben wir die ersten beiden Wochen sehr, sehr viel unternommen und gesehen. Wir waren zum Beispiel zum Paragliding am Tafelberg und an meinen 40. Geburtstag haben wir eine traumhafte Safari gemacht. Das war ein unwiederbringliches Erlebnis, diese wilden Tiere aus nächster Nähe zu sehen. Doch mit einem Schlag ist das natürlich alles unwichtig.

Wie vertreiben Sie sich Ihre Zeit während der Urlaubs-Quarantäne?
Wir gehen getrennt einkaufen, was für jeden von uns das tägliche Highlight ist. Ansonsten beschäftigen wir uns viel in der Küche und kochen sehr viel aufwendiger, als wir das Zuhause tun würden. Wir schauen Filme, putzen das Haus, spielen gemeinsam. Das Haus ist groß und hat eine riesengroße Terrasse, so dass wir ein bisschen Sport machen können. Und ich habe zum Glück noch ein paar Bücher dabei. Aber natürlich geht man sich zwischendrin auch gegenseitig mal auf den Keks, so dass sich jeder dann für ein, zwei Stunden in sein Zimmer zurückzieht. Die Situation ist für jeden für uns nicht leicht, weil eigentlich jeder nur noch nach Hause will. Doch es kommt demnächst noch eine weitere Herausforderung auf uns zu, denn es werden nirgendwo mehr Zigaretten verkauft. Das betrifft mich persönlich zwar nicht, aber meine beiden Freunde sind Raucher. Zum Quarantäne-Frust kommt dann demnächst noch der Entzug. Wir können auch keinen Wein mehr kaufen, denn die Liquidshops haben ebenfalls alle geschlossen. Dafür gibt es hier genügend Desinfektionsmittel und Toilettenpapier zu kaufen. 

Haben Sie Angst vor Ansteckung?
In Südafrika gibt es noch nicht so viele Infizierte, dennoch steigt die Zahl ununterbrochen. Aber bereits vor dem Lockdown war es so, dass man sich schon desinfizieren musste, egal, ob man in den Supermarkt oder in ein Restaurant wollte. Und in den Supermärkten selbst stehen überall Desinfektionsspender. Angst vor Ansteckung habe ich deshalb nicht, und wenn, dann kann es mir genauso in Deutschland passieren. Sollte es doch passieren, weiß ich, dass das Gesundheitssystem hier in Kapstadt mit den vielen deutschen Ärzten gut ist.

Verändert Sie diese extreme Situation?
In dieser Zeit wird mir schon sehr bewusst, welche Freiheit ich in Deutschland habe. Einfach rauszugehen, ans Meer, in den Wald, über die Felder, an den See, in die Stadt. Das sind ganz belanglose Dinge, die man eigentlich gar nicht richtig wertschätzt. Meine Arbeit fehlt mir, denn der Mensch braucht eine vernünftige Aufgabe, die ihn auslastet. Ich merke gerade tatsächlich, wie gut es uns in Deutschland doch geht. Jeder meckert zwar über vieles, aber ich denke, dass sich das nach der Corona-Krise vielleicht ändern wird. Ich merke aber auch, dass ich mit dem Nichtstun träge und faul werde. Das finde ich schlimm. Es ist für mich alles so ungewiss, weshalb eine gewisse Angst aufsteigt. Was ist, wenn jetzt mit meinen Eltern etwas passiert? Es ist nicht möglich, einfach den Urlaub abzubrechen und heimzureisen. Es geht einfach nicht, das habe ich im Hinterkopf. Ich wäre gerne näher bei meiner Familie, denn die große Entfernung macht mir doch ein wenig Panik.

Welches Gefühl löst dieses Eingesperrtsein in Ihnen aus?
Es ist ein Gefühl der Abhängigkeit und Ohnmacht. Bislang konnte ich selbst entscheiden, was ich tue, jetzt entscheiden es andere für mich. Die Freiheit weggenommen zu bekommen wie das hier der Fall ist, ist für uns alle etwas ganz Neues. Natürlich hätte ich jetzt auch in Deutschland massive Einschränkungen, aber das Ausharren in meinen eigenen vier Wänden wäre mit einem Heimatgefühl verbunden. Ich habe mein Zuhause schon immer wertgeschätzt, aber jetzt wird es wahrscheinlich noch bewusster sein. Auch wenn das hier ein wunderschönes Land mit unglaublich herzlichen, liebenswerten Menschen ist, freue ich mich unglaublich auf Zuhause – wann immer es auch sein wird.

Interview: Patricia Leßnerkraus

 

 

 

 

 

 

“In Deutschland haben wir einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 50 Mrd. Euro die Woche”: Ludwigsburg24 trifft Fabian Gramling

Für den Landtagsabgeordneten Fabian Gramling herrscht gerade Hochkonjunktur. Der CDU-Politiker aus Bietigheim-Bissingen ist Arbeitsmarktpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion und Mitglied im Ausschuss Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau sowie im Europaausschuss. Gemeinsam mit den Wirtschaftsexperten seiner Fraktion ist er mitverantwortlich für die schnell eingeleiteten Maßnahmen für die Corona-Soforthilfe. Seit Tagen kümmert er sich intensiv um besorgte Unternehmen, die vor großen finanziellen Herausforderungen stehen und nicht mehr weiterwissen. Auch um den Engpass bei den Schutzkleidungen für Ärzte, Pflege- sowie Heilberufe sorgt er sich. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 gibt er persönliche Einblicke in seine Arbeit und hofft auf die Vernunft der Menschen im Umgang mit dem Covid-19-Virus.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Günes

Herr Gramling, viele Selbständige und Unternehmer fürchten, bald vor dem Ruin zu stehen. Ein Soforthilfeantrag für staatliche Zuschüsse soll das verhindern, aber viele Antragsteller sind verunsichert aufgrund der ständig wechselnden Bedingungen für die Soforthilfe. Wie kann man hier Abhilfe schaffen?
Die Soforthilfe ist ein Instrument, um die Unternehmen in dieser schweren Zeit zu unterstützen, damit sie nicht insolvent gehen. Unser politisches Ziel war, dass die Hilfe möglichst unbürokratisch und schnell erfolgt. Unter normalen Umständen hätte die Ausarbeitung einer solchen Maßnahme rund ein halbes Jahr in Anspruch genommen. Das ganze Programm wurde aber jetzt aufgrund der dynamischen Lage innerhalb kürzester Zeit mit heißer Nadel gestrickt. Da ist es ganz normal, dass infolge aufkommender Fragen bei den ersten Soforthilfeanträgen nachgebessert und präzisiert wird. Deshalb war ich sowohl mit unserer Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, als auch mit meinen Bundestagskollegen im engen Kontakt. Es war ein Kraftakt, aber ich bin froh, dass wir durch eine Richtlinienänderung aus Berlin die Notwendigkeit der Überprüfung von liquiden Mitteln aus dem Antragsverfahren streichen konnten. Jetzt können die Soforthilfen wirklich unbürokratisch und schnell ausbezahlt werden.

Haben Sie schon einen Überblick, wie viele Anträge eingehen und auch bewilligt werden?
Bis Donnerstag waren in Baden-Württemberg bereits rund 210.000 Soforthilfeanträge gestellt, Fördermittel in Höhe von 36 Millionen Euro wurden bereits ausgezahlt. Kommt es bei der Antragsprüfung zu Unklarheiten, wird der Antrag nicht sofort abgelehnt. Ich bin den Kammern sehr dankbar, dass hier gewissenhaft nachgearbeitet wird, wenn aufgrund von Missverständnissen ein Antrag fehlerhaft ausgefüllt wurde.

Es ist noch nicht absehbar, wie lange der aktuelle Zustand anhält und die Beschränkungen notwendig sind. In Deutschland haben wir einen volkswirtschaftlichen Schaden von bis zu 50 Mrd. Euro die Woche. Deswegen müssen wir die Entwicklung der Fallzahlen genau beobachten und bei den Hilfsmaßnahmen für unsere Wirtschaft gegebenenfalls nochmals nachsteuern. Das ist ein Kraftakt von allen politischen Ebenen. Der Bund hat wichtige Maßnahmen wie zum Beispiel das Kurzarbeitergeld und die Stundung der Sozialversicherungsbeiträge ermöglicht. Im Land werden wir genau hinschauen, wo und wie wir mit Bürgschaften oder zinsfreien Krediten die Liquidität der Unternehmen erhalten können. Auch für Startups ergreifen wir Maßnahmen, dass junge Firmen nicht direkt in die Zahlungsunfähigkeit und Insolvenz gehen.

Laufen bei den Politikern schon Planungen für Maßnahmen, falls die Soforthilfe über die drei Monate hinaus notwendig wäre?
Das Allerwichtigste ist, dass sich wirklich jeder Bürger an die eigene Nase fasst und sich fragt, wo er seinen Beitrag leisten kann, damit sich der Virus nicht weiterhin so schnell verbreitet und die Fallzahlen rückläufig werden. Ist das der Fall, geht es darum, inwieweit wir die Maßnahmen behutsam lockern können und die Wirtschaft wieder langsam anlaufen kann. Wir benötigen sehr viel Fingerspitzengefühl, um wieder in die Normalität zurückkehren zu können. Das Wirtschaftsministerium arbeitet an weiteren Maßnahmen. Je nach Situation und der weiteren Entwicklung werden wir politische entscheiden müssen, welche Maßnahmen notwendig sind.

Wie lautet Ihre persönliche Einschätzung: Werden die Kinder nach den Osterferien wieder in die Schule gehen können?
Ich glaube, es ist ein Fehler, wenn man politisch in der Öffentlichkeit zu viel von einer Exitstrategie spricht. Das suggeriert den Menschen, dass die Gefahr jetzt vorbei sei. Intern müssen wir es natürlich diskutieren. Die Landtagsverwaltung plant aktuell, dass wir nach den Osterferien wieder in den normalen Sitzungsrhythmus einsteigen – ob mit körperlicher Präsenz in Stuttgart oder per Videokonferenz wird sich zeigen. Die Einschätzung von den Experten ist jedoch, dass wir in knapp zwei Wochen ähnlich erschreckende Bilder aus unseren Krankenhäusern zu sehen bekommen wie zuletzt aus dem Elsass. Ich betone bei jedem Gespräch, dass die Entwicklung der Fallzahlen für weitere Maßnahmen ausschlaggebend ist. Wenn das Wetter in den nächsten Tagen besser wird habe ich die Sorge, dass die Disziplin bei dem ein oder anderen nachlässt. Aus Gesprächen weiß ich, dass viele Menschen endlich wieder mehr Normalität in ihrem Leben haben möchten. Aber das birgt eben die Gefahr, dass die Fallzahlen nochmals ordentlich zulegen könnten. Das wäre für den Schulbeginn, für die anstehenden Schulprüfungen, für den Semesterbeginn an Universitäten, aber auch für die Wirtschaft verheerend.

In Bayern hat man jetzt den ersten Bürger, der die Auflagen missachtet, ins Gefängnis gesetzt. Sollte man bundesweit generell konsequenter bestrafen, wenn die Menschen nicht zur Vernunft kommen? 
Es ist wichtig, dass wir den Menschen unmissverständlich klarmachen, dass wir ihr Leben nicht zum Spaß einschränken. Deshalb ist es wichtig, dass bei einer Missachtung der Schutzauflagen auch deutliche Konsequenzen drohen. Gerade die jüngere Generation ist sehr individuell und frei aufgewachsen. Dass sich in dieser Altersgruppe einige mit den Einschränkungen nur schwer arrangieren können, kann ich nachvollziehen. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen zu unterstreichen: Wir stützen unsere Wirtschaft mit Milliarden von Euros, damit gerade die junge Generationen auch künftig noch attraktive Arbeitsplätze haben wird. Dafür erwartete ich im Gegenzug auch die notwendige Disziplin.

Wie sieht Ihr persönlicher Corona-Alltag aus?
Von Beginn an habe ich den Virus sehr ernst genommen. Vor zwei Wochen wäre ich beispielsweise noch mit der Polizei auf Streife unterwegs gewesen, damit ich mir ein genaueres Bild über den Streifenalltag der Polizei verschaffen kann. Diesen Termin habe ich abgesagt, um sowohl die Polizisten als auch mich zu schützen. Aber ich habe auch alle anderen Termine, unabhängig von der teilnehmenden Personenzahl, komplett gestrichen. Seither beschränke ich mich auf Homeoffice, was bedeutet, dass ich von morgens bis abends in Telefonkonferenzen sitze oder ich telefoniere mit Unternehmern, Kollegen, der Presse – und ich beantworte unzählige Mails. Ich spüre, dass viele Menschen verunsichert sind und ein großer Bedarf an Informationen vorhanden ist. Deshalb nutze ich auch die sozialen Netzwerke intensiv, um über die neuesten Entwicklungen zu informieren und die Menschen weiter für das Thema zu sensibilisieren. Meine Wohnung verlasse ich momentan tatsächlich nur für den Lebensmitteleinkauf oder für einen gelegentlichen Spaziergang auf den Feldern – um nach einen langen Tag den Kopf ein bisschen freizubekommen.

Was wird am Ende dieser Corona-Krise für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft die große Lehre sein? Mit welchen positiven Erkenntnissen oder gar Veränderungen werden wir nach der Pandemie in die Zukunft starten?
Von Lehren möchte ich jetzt noch nicht sprechen, weil wir noch mittendrin stecken. Was ich aber feststelle ist, dass die Gesellschaft in den letzten zwei, drei Wochen deutlich digitaler geworden ist. Der Umgang mit digitalen Medien ist in der Breite der Gesellschaft zum Alltag geworden. Politisch werden wir rückblickend ein Fazit ziehen. Ich finde, dass alle Entscheidungsträger bisher sehr besonnen und schnell reagiert haben.

Ich erinnere nur an die konsequente Rückholaktion von Deutschen aus China, die zuerst unter Quarantäne gestellt wurden, bevor sie zu ihren Familien heim durften. Als das Virus in Italien und Österreich während der Ski-Hochsaison in Europa ausbrach, war mir sofort klar, dass das Virus jetzt auch bei uns sehr schnell ankommen würde. Die Politik hat trotz der dynamischen Entwicklung ihre Handlungsfähigkeit bewiesen und schnell entsprechende Maßnahmen für den Schutz der Bürger, für den Gesundheitssektor und die Wirtschaft unternommen. Ich beobachte auch eine gewachsene Solidarität bei den Unternehmen sowie in der Gesellschaft. Die gewachsene Solidarität und eine größere Wertschätzung füreinander sind ein schönes Zeichen für die Zukunft. 

Glauben Sie, dass die Menschen nach der überstandenen Krise bewusster leben werden?
Da kann ich zunächst mal nur für mich sprechen, denn bei mir ist es definitiv so. Ich merke jetzt schon, dass ich Dinge bewusster wahrnehme, im Lebensalltag auf scheinbare Nebensächlichkeiten achte und mich daran erfreue. Zwar habe ich schon vor sechs, sieben Jahren damit begonnen, mich bewusster und gesünder zu ernähren – insbesondere auch mit regionalen Produkten. Ich will mich künftig regelmäßiger bei meinen Eltern melden, was in der Vergangenheit bei großem Stress oftmals in den Hintergrund gerückt ist. Ich nehme auch die gemeinsame Zeit mit meiner Verlobten noch viel intensiver und wertschätzender wahr.

Was macht Ihre Verlobte beruflich? Ist sie auch im Home Office?
Leona studiert gerade Wirtschaftsrecht im Masterstudium in Nürnberg. Ihr Semesterbeginn hat sich, wie in Baden-Württemberg auch, um fünf Wochen verschoben. Folglich sitzen wir jetzt gemeinsam daheim und haben schon gesagt: Wenn wir diesen Ausnahmezustand zusammen gut überstehen werden, dann kann uns auch im zukünftigen Leben nichts aus der Bahn werfen.

Wann werden Sie heiraten?
Zum Glück stehen wir am Anfang der Hochzeitsplanung. Ich hätte nicht gedacht, an wieviel Dinge man denken muss und was es bereits Monate im Voraus zu planen gilt – auch wegen der großen Vorfreude fühle ich gerade umso mehr mit all jenen mit, die ihr großes Fest jetzt verschieben mussten. Unsere Hochzeit wird mit Sicherheit erst 2021, wenn nicht sogar 2022 stattfinden. Im Augenblick suchen wir noch nach einer geeigneten Lokalität. Im April wollten wir bei einer Location ein Testessen machen, das wir jetzt aber verschieben mussten. Deswegen liegt unsere weitere Planung gerade auf Eis.

Sind Sie ein Romantiker?
Persönlich würde ich die Frage eher verneinen. Meine Verlobte sagt aber, dass ich durchaus romantische Seiten habe, was sie gerade am Anfang unserer Beziehung überrascht hat.

Wie macht sich Ihre romantische Seite bemerkbar? Stellen Sie in der ganzen Wohnung Kerzen auf und verstreuen Rosenblätter?
Meine romantische Ader zeichnet sich eher durch kleine Aufmerksamkeiten aus. Als Politiker ist man viel unterwegs, hat wenig freie Zeit. Deshalb versuche ich ihr im Alltag mit kleinen Überraschungen eine Freude zu machen. Auch als Wertschätzung dafür, dass sie mich immer unterstützt und mir den Rücken freihält.

Stichwort Wertschätzung: Die Solidaritäts- und Respektsbekundungen gegenüber Ärzten und dem Pflegepersonal sind gewachsen. Reicht das aus oder werden die Pflegekräfte auch weiterhin unter Wert geschätzt?
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat die Pflegeberufe wieder in die Öffentlichkeit und ins Bewusstsein der Bürger gebracht. Und ich finde es für diese Branche extrem wichtig, dass sie sich selbstbewusst darstellt und zeigt, dass sich das Berufsbild im Laufe der Jahre gewandelt hat. Gerade bei den jungen Menschen geht es bei der Berufswahl ums richtige Image eines Betriebs, damit sie sich wohl- und gut aufgehoben fühlen. Worüber wir ganz klar reden müssen ist, was der Gesellschaft die Pflegeberufe wert sind. Das eine ist die gestiegene Wertschätzung in der gegenwärtigen Situation, das andere ist, dass wir diesen Mitarbeitern die gleiche Solidarität entgegenbringen müssen, wenn es künftig um eine bessere Bezahlung geht oder um bessere Arbeitsbedingungen. In der Vergangenheit habe ich leider immer wieder gemerkt, dass in Sonntagsreden gerne gelobt wird. Wenn es aber konkret wird, sehen viele die Sache wieder ganz anders. Es ist unsere politische Aufgabe den Druck so zu erhöhen, dass wir tatsächlich zu Verbesserungen kommen. Es ist im Gesundheitsbereich immer ein schwieriger Spagat. Auf der einen Seite der Wunsch nach einem besseren Gehalt und einer besseren Ausstattung, auf der anderen Seite steht die Finanzierbarkeit.

Glauben Sie, dass die Corona-Krise auch unsere politische Landschaft verändern wird? Dass die rechten und linken Ränder an Bedeutung verlieren und Volksparteien künftig wieder auf einem festeren Fundament stehen?
In einer Krise werden immer Entscheidungen getroffen, die es in normalen Zeiten so nie geben würde. Der Druck zu reagieren ist sehr hoch. Eine politische Lösung die normalerweise undenkbar ist, wird plötzlich konsensfähig. Die Politik beweist damit Handlungsfähigkeit, dass wir Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein in allen gesellschaftlichen Bereichen haben. Der Fokus der Bürgerinnen und Bürger und auch der Medien liegt somit fast ausschließlich auf den handelnden Ministern, den Länderchefs und der Kanzlerin. Weil eine große Herausforderung das Tagesgeschehen dominiert, verlieren die teils kruden politischen Forderungen von Links wie Rechts weniger Beachtung. Weniger Aufmerksamkeit bedeutet für sie automatisch weniger Bedeutung. Deswegen stärkt die Krise gerade die politische Mitte, was sowohl in Deutschland als auch in Europa für alle anstehenden Wahlen sehr wichtig ist. Die Volksparteien brauchen einfach wieder mehr Rückenwind. Mit einem klaren Wählerauftrag können wir eine zuverlässige, vernünftige Politik für Deutschland machen. Das ist unser Anspruch.

Wird die Corona-Krise sich auf die anstehenden personellen Veränderungen an der CDU-Spitze auswirken?
Wir wollten auf dem CDU-Bundesparteitag am 25. April einen neuen Vorsitzenden wählen. Der Parteitag wurde bereits vor einigen Wochen abgesagt, einen neuen Termin gibt es noch nicht. Wir haben eine Auswahl an sehr geeigneten Kandidaten, was die Stärke der CDU verdeutlicht. Jeder Einzelne von ihnen hat seine Stärken und Vorteile.

In schwierigen Zeiten ist der Konsens und die Geschlossenheit für eine Partei sehr wichtig. Ich sehe die Chance, dass wir uns auf einen Kandidaten für das Amt des Parteivorsitzenden und damit auch als nächsten Kanzlerkandidaten im Vorfeld einigen können. Aber auch wenn es zu einer demokratischen Abstimmung um den Vorsitz kommt: Die CDU hat in den letzten Tagen bewiesen, dass wir uns als Partei in den Dienst des Landes und der Menschen stellen und Verantwortung übernehmen. An dieser Geschlossenheit wird auch eine mögliche Auswahl unter fähigen Kandidaten nichts ändern.

Letzte Woche haben Sie für unseren Landkreis einen Corona-Drive-Through bei Landrat Allgaier eingefordert. Warum?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir ehrliche Fallzahlen benötigen und wissen sollten, wie viele Menschen wo infiziert sind. Nur wenn man das weiß, kann man auch effizient die entsprechenden Maßnahmen einleiten. Wir haben in Ludwigsburg einen qualitativ hochwertigen Ansatz, den ich respektiere und von dem ich denke, dass er in der aktuellen Situation gut ist. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass wir an einem Punkt ankommen werden, wo es vor allem darum geht, schnell zu wissen, ist eine Person infiziert oder nicht. Ein Drive-Through ist dafür prädestiniert. Im Auto ist man vor der Ansteckung geschützt und kann selbst niemanden anstecken, es ist bequem und ein Abstrich kann schnell gemacht werden. Die Herausforderung liegt aktuell jedoch auch an der Kapazität in den Laboren. Jeder Abstrich muss zeitnah auf das Virus überprüft werden können. Gerade hat die Firma Bosch ein Verfahren angekündigt, mit dem man binnen kürzester Zeit zu einem Ergebnis kommt. Ich werde die Entwicklung im Landkreis weiter beobachten und mit dem Landrat im Gespräch bleiben, ab wann eine solche Einrichtung sinnvoll ist.

Viele Menschen haben ihr Leben verloren, wirtschaftlich wurden viele Existenzen vernichtet. Kann man eigentlich irgendjemand dafür zur Rechenschaft ziehen?
Dass man irgendwen dafür verantwortlich machen und zur Rechenschaft ziehen kann, sehe ich weder auf der persönlichen noch auf der politischen Ebene. Es gab schon immer Seuchen und Katastrophen, die die Menschheit heimgesucht haben. Den Nachrichten habe ich entnommen, dass betroffene Skiurlauber aktuell eine mögliche Klage prüfen. In Tirol war ja gerade Ischgl einer der Hotspots für das Virus.

Politisch halte ich nichts davon, als deutscher Politiker auf unsere Nachbarländer zu zeigen. Das hilft niemandem weiter. Aber natürlich wird man rückblickend diskutieren müssen, wie man die Ausbreitung von einem solchen Virus in Zukunft besser unterbinden kann. Wie man gemeinsam besser agieren kann. Gerade der Austausch und Abgleich von Informationen wird hier immer wichtiger. Das hat man bei der Flüchtlingskrise gesehen und wir sehen es jetzt bei der Corona-Krise wieder. 

Der Corona-Virus zeigt, vor welchen ungeahnten Herausforderungen unsere Demokratie in Zeiten von Globalisierung und Digitalisierung steht. Dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass wir in Frieden, in Freiheit und Wohlstand leben. In einer freien Gesellschaft, die für Offenheit und für Toleranz steht, die aber auch mit ihren Werten und Traditionen fest verwurzelt ist. Ich hoffe und bin davon überzeugt, dass viele Menschen diesen Segen, hier in Deutschland leben zu dürfen, in Zukunft wieder bewusster wertschätzen und mit ihrem Gang zur Wahlurne unsere Demokratie stärken. 

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn das Leben wieder zur Normalität übergeht?
Ich habe am 5. April meinen Geburtstag, den ich eigentlich wie jedes Jahr mit Freunden und meiner Familie feiern wollte. Das Corona-Virus hat mir hier einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber deshalb freue ich mich umso mehr, wenn ich meinen Geburtstag im Sommer nachfeiern kann.

Herr Gramling, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

 

Für Landrat Dietmar Allgaier gibt es täglich frischen Ingwer-Shot: Ludwigsburg24 im Gespräch mit Bettina Allgaier

Seit Dietmar Allgaier Mitte Januar dieses Jahres zum Landrat gekürt wurde, ist seine Frau Bettina die First Lady im Landkreis Ludwigsburg. Momentan muss die 51-jährige Mutter zweier Töchter im Alter von 18 und 20 ihrem Mann eine besonders starke Stütze sein, da dieser schon nach zwei Monaten im Amt aufgrund der Corona-Krise vor einer seiner größten beruflichen Herausforderungen steht. Um mehr Zeit für ihn und ihre offiziellen Aufgaben an seiner Seite zu haben, gibt sie am Monatsende schweren Herzens sogar ihren Job in einer Anwaltskanzlei auf. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt Bettina Allgaier wie sie ihrem Mann derzeit den Rücken stärkt und wie das Ehepaar während der strengen Ausgehbeschränkungen trotzdem seine sozialen Kontakte pflegt.

Frau Allgaier, Ihr Mann steht derzeit beruflich unter hohem Druck, es geht um Leben und Tod. Was können Sie für ihn tun, um ihm ein bisschen Druck und Sorgen zu nehmen?
m Privatleben versuche ich, ihm komplett den Rücken freizuhalten, indem ich alle Aufgaben und Anfragen aus unserem persönlichen Umfeld direkt erledige, damit er sich damit nicht auch noch abends oder am Wochenende beschäftigen muss. Ich schaffe ihm daheim möglichst eine Wohlfühl-Atmosphäre. Wenn er nach einem langen, harten Arbeitstag nach Hause kommt, darf er sich an den gedeckten Tisch setzen, muss nichts mehr tun und darf im ruhigen Beisammensein mit unserer Tochter Franzi und mir abschalten und auftanken.

Wie verwöhnen Sie ihn kulinarisch, gibt es derzeit alle seine Lieblingsgerichte?
Ja, ich mache ihm alles, worauf er gerade Appetit hat oder was er besonders mag. Das kann ein einfaches Vesper mit Schnittlauch-Laugenbrötchen oder einem herzhaften Wurstsalat sein und reicht bis hin zu Fleischküchle mit Kartoffelsalat oder seinem absolutem Lieblingsessen Käseschnitzel mit Nudelsalat. Als leckeres Dessert mag er gern einen Erdbeerquark.

Er liebt also bodenständige Hausmannskost?
Er genießt schon auch mal ein feines Restaurant, aber genauso liebt er das zünftige, bodenständige Essen.

Drehen sich die häuslichen Gespräche ebenfalls rund um Corona oder klammern Sie dieses Thema im Privatleben eher aus?
Eigentlich wollten mein Mann und ich das Thema Corona weitestgehend im privaten Gespräch ausklammern, aber das funktioniert nicht. Es nimmt sowohl in seinem Berufsalltag als auch in unserem allgemeinen Alltag zu viel Raum ein. Wenn meinem Mann danach ist uns etwas zu erzählen, hören unsere Tochter und ich ihm gerne zu. Das Gespräch mit uns nutzt er, um seinen Tag zu verarbeiten. Aber es gibt auch Abende, da möchte mein Mann gar nichts erzählen und das Thema Corona ruhen lassen. Franzi und ich spüren das und reagieren entsprechend. Will er in den Dialog gehen, dann gehen wir darauf ebenso ein wie auf seinen Wunsch, über ganz andere Themen zu sprechen, die ihn von seinem Arbeitstag ablenken. Dann reden wir über unsere Tochter in Amerika, den Hund, die Familie. Oder wir machen Musik, wie zum Beispiel letzten Sonntag, als in den Haushalten der Stadt Kornwestheim um 18.00 Uhr von vielen Bürgern Freude schöner Götterfunken gesungen und gespielt wurde.

Da haben Sie beide mitgewirkt?
Ich habe mit meiner Querflöte mitgespielt und mein Mann hat die Musik einfach freudig genossen und applaudiert.

Sie haben eben gesagt, dass Sie noch eine zweite Tochter haben, die gerade als Aupair in Amerika ist. 
Lisa lebt bei einer tollen Familie in Washington D.C. und fühlt sich dort sehr wohl. Wir sprechen fast täglich mit ihr, oftmals per Skype/Facetime. Das ist momentan deshalb sehr schön, weil wir so auch einen Einblick in ihren Alltag mit den Kindern und der Familie sowie ihren neugewonnenen amerikanischen Freundinnen bekommen. Das lenkt uns alle hier ein bisschen ab.

Haben Sie dabei ein gutes Gefühl oder hätten Sie sie gerade wegen der Corona-Pandemie lieber hier daheim?
Natürlich wissen wir, dass der Virus in den USA genauso heftig, vielleicht sogar noch stärker als bei uns angekommen ist. Aber wir waren vor kurzem für wenige Tage auf Besuch dort und haben uns überzeugen können, dass Lisa bei ihrer Familie gut aufgehoben ist. Die Fotos von unserem Kurztrip schaut mein Mann sich übrigens immer wieder gerne an. Die Familie lebt in einer guten und sicheren Wohngegend, ihnen allen geht es momentan gut, Lisa ist zudem ein junger, gesunder, sportlicher Mensch. Wir sind überzeugt, dass, sollte sie erkranken, nach allem, was wir über das Virus inzwischen wissen, sie das dort überstehen würde. Natürlich ist das keine Situation, die man sich wünscht und gerne hätten wir sie hier. Aber wir sind jetzt nicht beunruhigt deswegen oder wollen sie gar nach Deutschland zurückfliegen lassen.

Würde Lisa denn kommen wollen?
Nein, sie sagt, dass die Familie sie gerade jetzt braucht, da die Kinder nicht zur Schule gehen und beide Elternteile arbeiten müssen. Für Lisa ist es selbstverständlich, dass sie gerade jetzt dortbleibt, weil die Familie sie in dieser schwierigen Situation besonders dringend braucht.

Als Familie des Landrats müssen sie Vorbild sein und alle Auflagen von Bund, Land und Kommune einhalten. Wie vertreiben Sie sich als Familie die Zeit?
Bei uns ist es so, dass wir uns intern wie auch in der Kommunikation mit anderen strikt an alle Vorgaben halten, selbst mit meinen Eltern bzw. meiner Schwiegermama, die verständlicherweise da etwas ungeduldig sind. Wir haben einen Familienchat und nutzen sehr oft die Facetime-Funktion, damit wir ein „gefühltes“ Miteinander erleben und uns wenigstens so „sehen“ können. Das geht zwischenzeitlich so weit, dass sich jeder daheim seinen Kaffee macht und sich gemütlich mit dem Handy an den Tisch oder die Couch setzt. Das machen wir im Übrigen auch gerne mit unseren Freunden, soweit es die Zeit zulässt. Es ist richtig schön und eine ganz, ganz wertvolle Zeit geworden.

Ich persönlich vertreibe mir im Moment tagsüber die Tage tatsächlich mit dem Frühjahrsputz und nutze die Gelegenheit, im Haus Dinge zu erledigen, für die bislang nicht wirklich viel Zeit war. Und ab und an haben wir sogar Gelegenheit, als Familie mal wieder gemeinsam in der Küche zu stehen und zu kochen. Das ist wunderbar. Man besinnt sich wieder auf die wesentlichen Dinge und erkennt einfach die wahren Werte des Lebens, für die man in der Vergangenheit zu wenig Zeit hatte – sei es, weil man sie wirklich nicht hatte oder sie sich nur nicht genommen hat. 

Verbringen Sie als Familie oder auch nur als Ehepaar noch Zeit mit Spielen?
Oh ja, das tun wir tatsächlich, schon immer und auch unheimlich gerne, meist im Urlaub, weil wir im Alltag normalerweise kaum Gelegenheit dazu haben. Wir spielen gerne die Klassiker wie Kniffel, Binokel oder Phase 10.

Was tun Sie, um Ihre Familie während dieser Pandemie gesund zu halten? Das ist vor allem für Ihren Mann wichtig, der momentan einer erhöhten Arbeitsbelastung ebenso ausgesetzt ist wie vielen Kontakten, so dass jederzeit ein großes Ansteckungsrisiko vorhanden ist. 
Ich koche immer frisch, mit viel Gemüse. Es gibt regelmäßig Salat oder Rohkost. Ebenso Obst pur oder mit Quark. Aber wenn er sich z.B. Tortellini mit Schinken-Sahne-Soße wünscht, dann mache ich ihm diese natürlich auch gern. Das ist dann sicherlich nicht das Gesündeste, aber es tut seiner Seele gut. Wichtig ist der morgendliche sowie abendliche Ingwer-Shot mit Zitrone und Honig, eine wahre Vitaminbombe, die wir von Oktober bis Mai täglich alle regelmäßig frisch zubereitet zu uns nehmen.

Schicken Sie Ihren Mann jetzt auch öfter mit dem Hund raus, damit er regelmäßig an die frische Luft kommt?
Normalerweise dreht mein Mann jeden Tag vor dem Zubettgehen mit unserer Zwergmalteserhündin Amy eine letzte Runde. Aber derzeit übernehme ich das gerne für ihn, da er so viel und rund um die Uhr arbeitet. Aber wenn er am Wochenende Lust hat, dann gönnt er sich mit Amy eine entspannte Auszeit an der frischen Luft, falls er nicht doch wieder im Landratsamt sitzt und arbeitet. Amy ist für uns alle eine Bereicherung, vor allem aber für meinen Mann, der mit einem Dackel großgeworden und von jeher sehr hundeaffin ist.

Eine letzte, sehr persönliche Frage: Haben Sie schon einen Corona-Test machen müssen?
Ja, ich habe einen Test gemacht, weil ich Husten, leicht erhöhte Temperatur und starke Halsschmerzen hatte. Der Test war negativ. Mein Mann hatte keinerlei Anzeichen

Herzlichen Dank für das Gespräch und bleiben Sie gesund.

Interview: Patricia Leßnerkraus

 

Ludwigsburger Top-Cop hat Herz und eine kreative Ader: Ludwigsburg24 trifft Burkhard Metzger

Burkhard Metzger ist Polizist mit Leib und Seele und verfügt über fast 40 Jahre Erfahrung sowohl im operativen Geschäft als auch in der Verwaltung. Vom einfachen Streifenpolizisten führte ihn sein Weg über verschiedene Polizeireviere in Pforzheim, Stuttgart, Marbach schließlich nach Ludwigsburg. Seit Juni vergangenen Jahres leitet der 59-Jährige das Polizeipräsidium Ludwigsburg, zuständig für die Landkreise Ludwigsburg und Böblingen. Insgesamt ist er verantwortlich für 1.800 Mitarbeiter, 300 arbeiten in der Verwaltung, 1.500 Mitarbeiter sind Polizisten, 30 Prozent davon Frauen. „Wir sind das Polizeipräsidium in Baden-Württemberg mit dem höchsten Frauenanteil“, sagt Metzger nicht ganz ohne Stolz im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Metzger, eine Frage zu Beginn, die fast jeden von unseren Lesern interessiert: Ist der Landkreis Ludwigsburg sicher?
Ja, der Landkreis ist im Großen und Ganzen sicher, die soziale Kontrolle funktioniert. Laut Kriminalitätsstatistik gibt es keine wesentlichen Zunahmen der Kriminalität und nur wenig Themen, denen wir uns intensiver widmen müssen. Je größer eine Stadt ist, umso höher ist die Kriminalität. Verglichen mit anderen Landkreisen in Baden-Württemberg sind wir sicher.

Welches sind die Hauptschwerpunkte im kriminellen Bereich?
Diebstahlskriminalität ist weit verteilt, wirkt sich aber nicht aufs subjektive Sicherheitsgefühl aus. Ein sensibleres Thema sind dagegen beispielsweise die leicht gestiegenen sexualisierten Straftaten bezogen auf Frauen und Kinder, deren Ursachen wir erstmal noch sauber analysieren müssen. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sich vielleicht aufgrund der MeToo-Debatte jetzt einfach mehr Leute bei der Polizei melden. Oder ob eventuell eine exhibitionistische Tat gegenüber Kindern dahintersteckt, die dann als sexueller Missbrauch eingestuft wird.

In der Wahrnehmung der Menschen gibt es eine Steigerung der Kriminalitätsrate in allen Bereichen durch den hohen Zuzug von Flüchtlingen. Ist das tatsächlich so?
Zwischenzeitlich haben wir in fast allen Kriminalitätsbereichen, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge beteiligt sind, Rückgänge zu verzeichnen. Das führe ich darauf zurück, dass sie nicht mehr in Erstaufnahmestellen wohnen, sondern dass sie jetzt zersiedelt sind auf die Kommunen. Dort findet in der Regel eine bessere Integration statt, als wenn 200 junge Männer auf engstem Raum zusammenleben. Dass da mit der Zeit die Aggression und das Gewaltpotential steigt, ist nachvollziehbar und wäre auch so, wenn die jungen Männer alle Deutsche wären.

Ein weiteres Problem dürfte sein, dass die Menschen, die zu uns kommen, zwar arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Sie haben aber auch Bedürfnisse und würden gerne das Gleiche kaufen wie wir, den Führerschein machen und viele Dinge mehr, können es aber nicht. Wir brauchen deshalb ein sinnvolles, handhabbares Zuwanderungsgesetz.

Sie glauben also, dass ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz nicht nur gut für eine bessere Integration wäre, sondern sich auch positiv auf die Kriminalitätsstatistik auswirken würde?
Ich glaube, dass wir umso weniger Kriminalität haben, je mehr wir den Menschen an Berufs- und Lebensperspektive geben und da gehört Arbeit dazu.

Stichwort Bahnhof: Was ist die Problematik am Ludwigsburger Bahnhof, dass die Menschen so beunruhigt auf dieses Thema reagieren?
Meiner Meinung nach handelt es sich um eine gefühlte Unsicherheit der Bevölkerung bzw. der Menschen, die ihn benutzen. Andere Bahnhöfe sind groß, licht, haben breite Durchgänge, sind belebt mit Geschäften, Restaurants oder Cafés. Der Ludwigsburger Bahnhof dagegen hat volle, sehr enge und fast nur raumhohe Durchgänge unter den Gleisen, was schnell ein Gefühl der Beklommenheit hervorruft. Von einem Wohlfühl-Bahnhof sind wir in Ludwigsburg noch entfernt. Aber prinzipiell gibt es an Bahnhöfen immer und überall mehr Kriminalität als auf dem Marktplatz einer kleinen Kommune oder auf dem Land. Wir haben zwar schon Schwerpunktaktionen gefahren am Bahnhof und versuchen dort immer präsent zu sein. Aber ein ausgemachter Straftatenschwerpunkt ist dort nicht gegeben, der es rechtfertigen würde,  eine Dauerwache einzurichten.

Wenn Sie nachts durch den Bahnhof laufen, haben Sie kein mulmiges Gefühl?
Ich persönlich habe kein mulmiges Gefühl, aber ich bin auch Polizist und weiß natürlich, wie man mit bestimmten Situationen umgeht. Gelegentlich nutze auch ich den Bahnhof. Aber ich wurde bislang weder angepöbelt noch angegriffen. Dennoch verstehe ich, dass dort durchaus jemand Angst haben kann.

Fahren Sie in Uniform mit der Bahn?
Wenn, dann fahre ich in zivil mit der S-Bahn, aber es kommt nicht so häufig vor. Normalerweise komme ich von Bietigheim-Bissingen täglich mit dem Pedelec nach Ludwigsburg ins Polizeipräsidium. Das geht schneller als mit dem Auto und verschafft mir die tägliche Portion Frischluft und Bewegung.

Sie beklagen bei öffentlichen Auftritten in Ihren Reden immer wieder den mangelnden Respekt und die fehlende Wertschätzung gegenüber der Polizei. Ist es wirklich so schlimm?
Als ich in den 80er Jahren hier als junger Polizist anfing, war noch ein gewisser Respekt vor der Polizei spürbar. Heute bekomme ich von meinen Kolleginnen und Kollegen immer wieder erzählt, dass es ihnen gegenüber an Respekt mangelt. Die Kollegen werden angegangen, werden schon bei den einfachsten Dingen beschimpft, sie müssen sich beleidigen lassen. Gewalt gegenüber der Polizei ist nach wie vor leider auf einem sehr hohen Niveau. Das setzt sich dann beispielsweise fort bei schweren Unfällen, wo Polizei und Rettungskräfte nicht durchkommen, weil Gaffer mit dem Handy drumherum stehen und nicht helfen. Die Feuerwehr hat deshalb jetzt aufblasbare Sichtschutzwände angeschafft, die binnen Sekunden auf 20 Meter Sichtschutz bieten. Aber das Thema findet auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft statt. Lehrer klagen, dass sie Erziehungsdefizite in der Schule richten müssen, es gibt ihnen gegenüber Verunglimpfungen im Netz. Bürgermeister sind ebenso betroffen. Sie müssen viel aushalten, werden beschimpft, bedroht, selbst ihre Familien werden bei unliebsamen Entscheidungen in die Verunglimpfungen einbezogen. Das ist nicht der Umgang, den ich mir für unsere Gesellschaft wünsche.

Warum ist dieser Respekt abhandengekommen?
Es ist ein gesellschaftliches Problem, weil bestimmte Werte wie das Miteinander zugunsten einer individuellen, hedonistischen Entwicklung in den Hintergrund getreten sind. Es fängt in der Familie an, geht weiter in Kitas und Schulen. Aus diesem Grund ist in Baden-Württemberg das Projekt „Rechtsstaat mach Schule“ von Justiz und Polizei gestartet. Polizeiliche Jugendsachbearbeiter, Staatsanwälte, Richter gehen in Schulklassen, um unser Rechtssystem zu verdeutlichen. Es wird vom Jugendsachbearbeiter erklärt was bei Diebstahl, Handy abzocken, Cybermobbing etc. abläuft und welche Folgen das für die Betroffenen mit sich bringt. Im nächsten Schritt wird der polizeiliche Prozess dargestellt und die Schüler dabei pädagogisch in Gruppenarbeiten einbezogen. In der nächsten Doppelstunde kommt der Staatsanwalt und erklärt die juristischen Folgen für jugendliche Straftäter. In der darauffolgenden Doppelstunde wird in der Klasse eine Gerichtsverhandlung nachgespielt mit einem echten Staatsanwalt und einem realen Richter, inklusive einer Zeugenbefragung. Damit wollen wir Bewusstsein schaffen.

Sie vermitteln den Eindruck eines sehr überzeugten und leidenschaftlichen Polizisten. War das schon immer Ihr Traumberuf?
Nach dem Abitur war ich wie viele junge Menschen etwas unentschlossen und schwankte zwischen Sozialpädagogik und Polizei. Wegen der besseren beruflichen Perspektive habe ich mich letztlich für die Polizei entschieden. Außerdem dachte ich mir, dass ich als Polizist auch viel Gutes tun kann. Anfangs musste ich aber erst lernen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht, in denen man die staatliche Hoheitsgewalt vertritt. Zwischenzeitlich bin ich von der Position her da angekommen, wo es mir tatsächlich möglich ist, innerhalb meines Rahmens das eine oder andere Gute zu tun.

Was tun Sie beispielsweise?
Aktuell bin ich dabei, einen Präventionsverein für den Landkreis zu gründen, dessen Unterstützung auch der neue Landrat Allgaier sofort zugesagt hat. Aber auch die OB’s Keck und Kessing sind mit dabei oder Kreissparkassenchef Dr. Schulte. Wir werben Gelder aus der Wirtschaft oder von Stiftungen für Präventionszwecke ein, mit denen wir dann Projekte fördern, die sich dafür bewerben. Uns geht es darum, der Gesellschaft manches wieder bewusst zu machen, Werte zu vermitteln. Wir reden dabei beispielsweise über einen Preis mit dem man Werte wie Respekt, Toleranz, Zivilcourage in der Öffentlichkeit wiederbelebt. Coronabedingt mussten wir die Gründungsversammlung jetzt leider verschieben.

Geht es um Projekte für bestimmte Zielgruppen wie Jugendliche oder Flüchtlinge?
Projekte für Jugendliche zu fördern, macht schon viel Sinn. Da gibt es zum Beispiel das Projekt „Achtung“, das das Polizeipräsidium ins Leben gerufen hat. Es zeigt jungen Menschen auf, wie man anfällig für Extremismus wird. Dafür referieren wir nicht nur über das Thema in Schulklassen, sondern haben auch ein Theaterstück mit dem Theater „Courage“ realisiert, das in Schulen aufgeführt wird. Es handelt von einem jungen türkischen Mann, der mit einem jungen deutschen Mädchen befreundet war. Der eine wird anfällig für islamistischen Terrorismus, die andere für Rechtsextremismus. Die Akteure auf der Bühne zeigen die Ursachen dafür auf: dass man seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat, dass man Strukturen und Ordnung braucht, dass man anfällig ist für Menschen, die einem genau das versprechen. Die Freunde von früher werden dadurch zu Feinden. Im Anschluss geht man mit den Schülern in die Diskussion zu dem Thema.

Gibt es noch andere Zielgruppen, die sie erreichen wollen?
Bei Projekten für Senioren geht es um falsche Polizeibeamte. Ein Phänomen, das leider immer wieder vorkommt. Diese Zielgruppe erreicht man über die Zeitung. Jetzt planen wir dazu noch eine Aktion als Aufdruck auf Bäckereitüten, um die Senioren zu sensibilisieren, die Echtheit der Polizei zu überprüfen und nicht zu leichtgläubig zu sein. Wir sind auch mit Banken im Gespräch; damit deren Mitarbeitende darauf achten und mit Nachfragen reagieren, wenn ältere Menschen plötzlich hohe Summen abheben. Aber es gibt eine ganze Bandbreite an Themen für die unterschiedlichsten Zielgruppen.

Was hat Sie damals am meisten gereizt am Beruf des Polizisten?
Es war die Möglichkeit, etwas Sinnhaftes und für unsere Gesellschaft Wertvolles zu tun, weil sie Regeln braucht und jemanden, der darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Ich fand schon damals, dass es ein abwechslungsreicher Beruf ist, was sich im Laufe meiner Karriere bestätigt hat. Polizei ist facettenreich, hat sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder wie Streifendienst, Tagesdienst, Jugendsachbearbeitung, man kann Hundeführer werden, zur Kriminalpolizei wechseln, man kann in Stabstellen arbeiten, zu Spezialeinheiten gehen oder zur Wasserschutzpolizei. Das ist einfach ein Beruf, der lebt und viele Möglichkeiten bietet.

Wenn Sie Ihre fast 40 Jahre Polizeidienst Revue passieren lassen, würden Sie aus heutiger Sicht diesen Beruf nochmals wählen?
Ja, ich würde mich wieder dafür entscheiden. Das einzige Manko ist, dass man als Polizist nicht unbedingt sehr viel verdient, verglichen mit den Einkommen in der freien Wirtschaft. Aber bei der Polizei erlebt man viele Situationen, die Sie als Normalbürger nie erleben. Manchmal machen sie betroffen und sind schwer zu verarbeiten. Aber es gibt auch viele Situationen, in denen man denkt, das ist toll, das ist schön. Wer die Tiefe nicht kennt, kann die Höhe nicht schätzen. Ich habe von beidem gleichermaßen genug und das motiviert mich.

Sie haben zwei Bücher geschrieben, eines heißt ‚Streiflichter aus dem Leben eines Polizisten“. Haben Sie das Buch geschrieben, um Ihre eigenen Erlebnisse im Dienst zu verarbeiten?
Mir ging es darum, die vielfältige Arbeit der Polizei etwas bekannter zu machen. Das Buch ist entstanden während meiner Zeit als Leiter des Polizeireviers in Marbach. Damals habe ich einen Verleger kennengelernt, der mich zu diesem Buch ermuntert hat. Mit Verarbeiten hatte es nichts zu tun. Verarbeiten kann man am besten, indem man über das Erlebte redet. Da ist die Polizei heute auch so weit, dass man auch über belastende Erlebnisse spricht. Dafür haben wir einen psychosozialen Dienst innerhalb der Polizei, der automatisch verständigt wird, wenn ein Mitarbeiter eine traumatische Situation erlebt, wo beispielsweise ein Mensch in seinen Händen stirbt oder bei Gewalttaten Kinder ums Leben kommen.

Sie haben aber noch weitere Bücher geschrieben…
Während meiner Zeit in Pforzheim sind zwei Werke entstanden. Damals habe ich im Kollegenkreis lustige Geschichten gesammelt und aufgeschrieben, denn auch wir Polizisten lachen gerne. Es passieren im Dienst oft so schöne, witzige Dinge. Eine Begebenheit fällt mir spontan ein. Da wird ein Zirkus vom Bahnhof abgeholt und während der Elefantenparade durch die Stadt begleitet, als plötzlich ein Elefant aus der Herde ausschert und sich auf einen roten PKW setzt. Der Wagen ist platt, der Elefant macht Törö, steht auf und geht weiter. Hinterher stellt sich heraus, dass die alte Elefantendame nicht mehr gut sehen konnte, aber dass sie sich jeden Abend in der Vorstellung auf einen überdimensionierten roten Hocker setzen und die Zuschauer mit einem freundlichen Törö begrüßen musste. Das hat sich wirklich so abgespielt und ist nur eine von vielen Geschichten. Die beiden Bücher heißen ‚Der betrunkene Kauz‘ und der ‚Der betrunkene Kauz fliegt wieder‘. Außerdem habe ich noch diverse Kinderbücher geschrieben. Manche mit Polizeigeschichten, andere mit Feuerwehr- oder Rettungsgeschichten, manche als Benefizbücher für die Kinderhospizarbeit.

Ist Schreiben eine Leidenschaft von Ihnen, schalten Sie dabei vom Alltag ab?
Mir macht es einfach Spaß. Und ich freue mich natürlich, wenn ich auf meine Geschichten eine Rückmeldung bekomme. Daneben habe ich auch die eine oder andere Kinderlieder-CD  zum Thema Prävention und Verkehrssicherheit gemacht.

Wie lange brauchen Sie für so ein Buch oder eine CD?
Das kommt immer darauf an. Ein Kinderbuchbeispiel im Kurzüberblick: zwei Glühwürmchen lernen sich kennen und fliegen gemeinsam über Wälder, Felder und das Meer. Sie bekommen ihr Wunschkind, zeigen ihm die Welt. Dann wird das Kind plötzlich krank, wird immer schwächer. Als es zum letzten Flug ansetzt, begleiten die Eltern es bis zu einem bestimmten Punkt und das Kind fliegt allein weiter und bleibt schließlich als schöner Stern am Himmel stehen. Diese Geschichte hatte ich in zwei Stunden geschrieben und habe sie dann nur immer wieder verfeinert. Sie ist entstanden für die Kinderhospizarbeit, weil mir die Mitarbeiter dort sagten, dass es für die Geschwisterkinder wichtig ist, etwas zu haben, womit man ihnen den Tod von Bruder oder Schwester begreifbar machen kann. Ein Buch zum Thema Gewalt gegen die Polizei -„Es reicht!“- hat etwa ein Jahr gebraucht.

Sie wirken ausgesprochen ruhig und ausgeglichen. Woher nehmen Sie die Kraft, alles Erlebte in 40 Jahren Polizeidienst zu ertragen?
Vielleicht liegt es an der Freude, die mir meine Arbeit bereitet. Ich bin sehr gerne Polizist. Ein hohes Maß an Zufriedenheit bekommt man, wenn man gestalten kann. Und das konnte ich eigentlich schon immer.

Welches war das schlimmste Erlebnis Ihrer Dienstzeit, an das Sie bis heute denken?
Dieser Fall liegt schon weiter zurück. Damals ist in Eglosheim ein drei Monate altes Kleinkind gestorben. Eine Streife wurde hingeschickt, die war unsicher über die Todesursache und holte die Kriminalpolizei dazu. Das Kind wurde obduziert und es kam am Ende heraus, dass das Baby von der Mutter mit einem Kissen erstickt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter ebenfalls drei Monate alt. Damals bin ich ganz oft ans Bettchen meiner Tochter, um zu hören, ob sie noch atmet. Ebenfalls schlimm war es immer, Todesnachrichten zu überbringen. Ich habe da Fälle in Erinnerung, wenn man an der Haustür stand und klingelte, die Ehefrau öffnete und direkt auf einen einschlug, weil sie ahnte, was kommen würde. In solchen Momenten war es schwer, die richtigen Worte zu finden, um dem Menschen das Unglück zu erklären. Damals musste die Polizei solche Situationen allein bewältigen. Heute geht zum Glück die Notfallseelsorge mit und betreut die Menschen im Anschluss weiter.

Als Polizist schauen Sie oftmals in die Abgründe der Menschheit. Schaffen Sie es, abends nach Hause zu gehen und das Erlebte im Präsidium zu lassen?
Heute geht es bei mir weniger um die Abgründe der Menschheit, sondern mehr um die Leitungsaufgaben in einer Dienststelle mit mehr als 1.800 Mitarbeitern. Davon nehme ich schon manches mit heim. Jeder, der seinen Beruf ernst nimmt, kann da nicht einfach abschalten.

Wie schalten Sie am besten ab, wie laden Sie Ihre Akkus auf?
Das beginnt mit der Heimfahrt auf dem Pedelec. Diese 30 Minuten nutze ich, um manches nochmals zu durchdenken und dann loszulassen. Wenn ich daheim bin, bin ich abends zuständig für Essen, weil ich sehr gerne koche. Da bin ich auch gerne kreativ. Sport ist ein Muss, egal ob Joggen, Rad- oder Skifahren. Meine Frau und ich sind kulturell sehr interessiert, gehen gerne in Stuttgart ins Schauspielhaus, unternehmen etwas mit unserem Freundeskreis und beim Lesen komme ich ebenfalls gut in den Abschalt-Modus.

Was lesen Sie gerne? Berufsbedingt Krimis oder bevorzugen Sie ein anderes Genre?
Da bin ich sehr breit aufgestellt. Meine Lektüre beginnt bei Zeitungen und Zeitschriften, geht über Krimis bis hin zu schöner Literatur.

Sind Sie heute noch ins operative Geschäft eingebunden?
Ins operative Geschehen greife ich nur noch bei ganz großen Einsätzen ein. Wenn es jetzt einen Terroranschlag wie beispielsweise in Hanau, irgendwelche Unruhen oder eine Katastrophenbewältigung bei uns gäbe, würde ich den jeweiligen Einsatz leiten.

Über welche Fälle sind sie detailliert informiert, welche landen nicht auf Ihrem Tisch?
Vom Wissen her eingebunden bin ich rund um die Uhr in alle wesentlichen Fälle, die sich aktuell auftun und in das, was ermittlungstechnisch läuft.

Vermissen Sie manchmal das operative Geschäft?
Das operative Geschäft war sehr schön, aber ich vermisse es nicht. Heute geht es um die Leitung der Dienststelle, um Repräsentation. Ich war und bin eigentlich zu jeder Zeit sehr zufrieden mit dem, was ich tue.

Sie haben eben erzählt, dass Sie eine Tochter haben. Gibt es noch weitere Kinder?
Ich habe zwei eigene Kinder und bin in zweiter Ehe verheiratet. Meine Frau hat drei Kinder mit in die Ehe gebracht. Ihr erster Sohn ist mit 36 Jahren der Älteste, er ist Lehrer. Meine Tochter lebt in der Schweiz und arbeitet dort als Psychologin. Die Tochter meiner Frau leitet den hauswirtschaftlichen Bereich in einem Seniorenheim, mein Sohn hat gerade in Villingen-Schwenningen sein Studium an der Hochschule der Polizei beendet. Der jüngste Sohn meiner Frau studiert noch Mathe und Philosophie.

Sind Sie glücklich darüber, dass Ihr Sohn ebenfalls zur Polizei gegangen ist oder haben Sie ihm eher abgeraten?
Mein Vater war Schreiner und ich hätte meinen Sohn auch jederzeit bei einem handwerklichen Beruf unterstützt. Aber er wollte unbedingt zur Polizei und der Beruf macht ihm großen Spaß. Von daher hat er für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und das zeigt ja auch, dass ich aus dem Geschäft etwas mit nach Hause gebracht habe, von dem er der Meinung war, dass es erstrebenswert ist.

Haben wir genügend Polizisten für die anstehenden Aufgaben?
Momentan gehen wir personell leider durch ein Tal, weil mehr Polizisten in Pension gegangen als neue eingestellt worden sind. Davon merkt die Bevölkerung aber nichts, was dem Engagement all unserer Polizisten zu verdanken ist. Die Kollegen springen auf tolle Weise füreinander ein und helfen sich gegenseitig.

Hat die Polizei Nachwuchssorgen?
Wir haben keine Nachwuchssorgen, denn Polizei ist ein Beruf, den man jungen Menschen wirklich empfehlen kann. Allein das Land Baden-Württemberg stellt in den nächsten Jahren voraussichtlich 1.500 neue Polizistinnen und Polizisten jährlich ein, die alle aufgrund der anstehenden Altersabgänge gute Beförderungsperspektiven haben. Es gibt eine Einstellung im mittleren Dienst und eine im gehobenen Dienst, bei der man im Prinzip das Studium bei Einstellung schon garantiert hat. Außerdem besteht bei der Polizei eine echte Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Wir haben letztes Jahr die Charta der Vielfalt unterschrieben, der fühlen wir uns zu 100 Prozent verpflichtet.

Haben Sie Ihre Kinder aufgrund Ihrer Tätigkeit in Selbstverteidigung ausbilden lassen?
Nein, das habe ich nicht getan. Allerdings habe ich früher an der Grundschule meiner Kinder einen Förderverein ins Leben gerufen, über den wir Kurse zur Selbstbehauptung angeboten haben. Die Kinder sollten spielerisch lernen, nur das zu tun, wobei sie auch ein gutes Gefühl haben. Sie haben einfache Strategien mit auf den Weg bekommen, die ihnen helfen sollten. Wissen meine Eltern wo ich bin? Habe ich ein gutes Gefühl dabei? Wenn man das beide Male positiv beantwortet, ist die Gefahr, in eine schlechte Situation zu kommen, relativ gering. Je selbstbewusster ich auftrete, desto weniger werde ich zum Opfer.

Ein großes Problem ist heutzutage, dass bei Streitereien unter Jugendlichen häufiger das Messer zum Einsatz kommt, manchmal mit tödlichem Ausgang. Was raten Sie Jugendlichen, damit sie keiner Messerattacke zum Opfer fallen?
Kommt es zu Streitereien, sollte der Jugendliche nicht auf Konfrontation zum Täter bzw. Angreifer gehen, er sollte sich gegebenenfalls zurückziehen, Verbindung zu anderen Unbeteiligten aufnehmen und sie ganz konkret um Unterstützung bitten, die Polizei verständigen, Hilfe rufen. Alle Information und Ratschläge findet man unter www.aktion-tu-was.de.

Das Gewaltpotential unter Jugendlich scheint gestiegen zu sein. Ist das nur ein Gefühl oder ist das wirklich so?
Die Zahlen aus dem letzten Jahr bestätigen das nicht, sie gehen im Bereich Gewaltkriminalität eher zurück. Man muss sich jedoch fragen, was die Medien dazu beitragen, dass dieses Gefühl besteht. Je nach Berichterstattung haben sie Mitverantwortung dafür, ob ein Unsicherheitsgefühl entsteht oder nicht. Je reißerischer ein Medium mit einer Straftat umgeht, umso mehr schürt es Ängste. Wir wünschen uns eine seriöse und sachliche Berichterstattung.

1994 hat der New Yorker Polizeichef William J. Bratton gemeinsam mit dem Bürgermeister Rudolph Giuliani die Null-Toleranz-Politik eingeführt. Geben Sie Ihren Polizisten einen ähnlich strengen Leitfaden mit auf den Weg?
Null-Toleranz befürworte ich immer im Bereich Terrorismus und Rechtsextremismus. Da müssen wir konsequent sein und klare Kante zeigen. Im Bereich der Jugendkriminalität dagegen muss man anders agieren. Die ist überall verbreitet, kommt mal vor, geht aber auch wieder vorbei. Der Großteil der Jugendlichen begeht keine Straftaten. Bei den 5 Prozent, die Straftaten begehen, ist es oftmals eine einmalige Angelegenheit. Natürlich gibt es auch einen kleinen Prozentsatz derer, die immer wieder straffällig werden. Aber die meisten lernen daraus. Vor allem wenn sie entdeckt worden sind. Danach verläuft ihr Leben normal weiter. Deshalb halte ich die Null-Toleranz-Strategie als durchgängiges Mittel für die Gesellschaft nicht für vertretbar. In manchen Bereichen muss man Tätern einfach auch die Chance anbieten, ihren Platz in der Gesellschaft wieder zu finden.

Wo sehen Sie die Null-Toleranz-Politik als sinnvoll an?
Die Graffiti-Sprayer sind ein gutes Beispiel. Als ich Polizeichef in Pforzheim war, hatten wir ein Haus des Jugendrechts. Dort wurden straffällige Jugendliche sofort zu Arbeitsauflagen verurteilt. So mussten die Sprayer im gesamten Ort alle Graffiti-Sprühereien entfernen. Mit dieser Strafe ist für die Gesellschaft wieder etwas Gutes entstanden, denn die Geschädigten mussten für die Reinigung nicht selbst aufkommen. Der Bereich Pforzheim war damals das einzige Graffiti freie Autobahnstück in der gesamten Bundesrepublik.

Gibt es so ein Haus des Jugendrechts auch in Ludwigsburg?
In der Tat sind wir gerade dabei, ein solches Haus bis 2021 zu realisieren, wo Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe, also Sozialarbeiter, unter einem Dach zusammenarbeiten. Das bringt kurze Wege zueinander, man kann mehrere Institutionen zu einer Fallkonferenz zusammenbringen, um die beste Lösung für den jeweiligen Fall zu finden, die dem Wohl von Tätern und Opfern dient, aber auch sofort einer staatlichen Reaktion, die auf eine Verfehlung folgen muss, gerecht wird.

Sie haben eben das Stichwort Rechtsextremismus gegeben. Welche Rolle spielt der in unserer Region?
Gegen Rechtsextremismus gehen wir hier konsequent und mit aller Härte vor. Leider hat es hier schon vereinzelt Straftaten gegeben, zuletzt vor wenigen Wochen eine antisemitische Farbschmiererei in Marbach. Wenn wir die Täter ermitteln können, werden sie dafür zur Rechenschaft gezogen. Gleichermaßen konsequent gehen wir gegen Reichsbürger vor.

Zum Problem werden mittlerweile die Hochzeitskorsos, auf denen zur Feier des Brautpaares die Autobahnen blockiert werden oder wild in die Luft geschossen wird. Wie können Sie dieses Problem lösen?
Wir kontrollieren, weisen darauf hin, was man darf und was nicht. Selbst in Facebook haben wir eine spezielle Seite mit Piktogrammen dazu erstellt. Wer auf der Autobahn den Verkehr runterbremst, wird wegen Nötigung angezeigt. Wenn dadurch ein Unfall passiert, gibt es eine Anzeige wegen Straßenverkehrsgefährdung oder fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr. Wenn sie mit irgendwelchen Waffen schießen, kommt eine Anzeige nach dem Waffengesetz. Was für die Betroffenen meistens das Schlimmste ist, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten meist so verzögert werden, dass sich jeder darüber ärgert. Das ist auch unser Argument, mit dem wir mit Flyern, die in Standesämtern übergeben werden, an die entsprechenden Gruppierungen herantreten und sie zur Vernunft aufrufen.

Es heißt immer, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Gab es trotzdem Situationen in Ihrem Berufsleben, in denen Sie Angst verspürt haben, weil es gefährlich war?
Denke ich an operative Zeiten zurück, dann ist Angst in bestimmten Situationen wie bei einer Hausdurchsuchung oder dem Eindringen in ein Haus, in dem sich jemand mit einer Waffe aufhält, ein guter Begleiter, weil sie für Vorsicht sorgt. Solche Momente kamen auch bei mir vor.

Wie gehen Sie mit dieser Angst um?
Als Polizist ist man trainiert, man weiß, wie man vorgehen muss und kann normalerweise darauf vertrauen, dass die mitgegebenen Werkzeuge gut funktionieren. Wir haben ein gutes Einsatztraining, auf das man sich verlassen kann. Aber Angst sensibilisiert einfach für eine gefährliche Situation und das ist gut.

Eine Frage, die nicht fehlen darf: Wie geht die Polizei mit dem Corona-Virus um?
Im Polizeipräsidium gibt es bisher noch keinen bestätigten Infizierungsfall. Wir bereiten uns ohne Panik und Hysterie mit Augenmaß auf Situationen vor, die eine Ausbreitung des Coronavirus mit sich bringen könnte. Im Vordergrund steht die Gesundhaltung der Polizei, damit wir die öffentliche Sicherheit auch in Krisenzeiten aufrechterhalten können.

Dafür treffen wir alle sinnvollen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, stellen mögliche Verdachtsfälle vom Dienst frei, planen Vertretungen in kritischen Bereichen und haben uns mit einem landesweit abgestimmten polizeilichen Eskalationsplan auf das,was kommen könnte, vorbereitet. Momentan befassen wir uns mit Maßnahmen zur Einhaltung der von der Landesregierung erlassenen Corona-Verordnung.

Wir stehen in ständigen Kontakt mit den Gesundheitsbehörden und auf Chefebene mit dem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration, das wiederum im interministeriellen Krisenstab vertreten ist.

Was meint der Mensch Burkhard Metzger zu Corona? Könnte die Krise auch Gutes mit sich bringen?
Die Coronapandemie bringt neben der Krankheitsgefahr enorme Gefahren für unsere Wirtschaft und damit für unseren Wohlstand mit sich. Ich hoffe, dass der Schutzschirm der Regierung hier positiv wirkt. Die Pandemie könnte aber auch manches bewusst machen, was vielleicht in unserer Gesellschaft etwas in Vergessenheit geraten ist:

Dass es keine Selbstverständlichkeit in der Welt ist, dass Supermarktregale immer so voll sind, wie sie es bei uns gewesen sind.

Dass es uns diesbezüglich sehr gut geht.

Dass eine Landwirtschaft in Deutschland Sinn macht.

Dass Medikamente und Zulieferer aus bzw. im eigenen Land in Krisenzeiten wichtig sind.

Dass – angesichts der Möglichkeit einer Ausgangssperre – Bewegung, Sport und Gesundhaltung einen Wert haben.

Und insbesondere, dass eine Gesellschaft zur Bewältigung derartiger Krisen die Solidarität und den Zusammenhalt der Menschen braucht.

Herr Metzger, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Seite 1 von 4
1 2 3 4