„Ich bin ein ziemlich schlechter Verlierer“: Ludwigsburg24 trifft VfB-Präsident Claus Vogt

Am 18. Juli findet in der Mercedes-Benz-Arena die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart statt. Seit Dezember 2019 ist Claus Vogt Präsident des 1893 gegründeten Vereins für Bewegungsspiele und will es auch nach der Wahl weiter sein. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht der Unternehmer Vogt, wie er die Mitglieder überzeugen will ihn erneut zu wählen, zu seinem Verhältnis mit Präsidentschafts-Mitbewerber Pierre-Enric Steiger, zum Datenskandal beim Bundesligisten und wie der 51-Jährige den Jahrhundertorkan beim VfB überstanden hat.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Vogt, vor der letzten Präsidentenwahl sagten Sie: „Ich will kommen, um zu bleiben.“ Was sagen sie am 18. Juli vor der erneuten Wahl?
Passend wäre die Aussage: „Ich will bleiben, um unseren positiv begonnenen Weg weiter voranzutreiben“.

Sie wollen somit also unbedingt gewinnen…
Ich wünsche mir, dass mir die Mitglieder ihr Vertrauen aussprechen und mich wählen. Von daher soll es weder einen Gewinner noch einen Verlierer geben. Die Mitglieder sollen denjenigen wählen, von dem sie sich am besten vertreten und repräsentiert fühlen.

Sie sind seit eineinhalb Jahren im Amt, in der Zeit ist jede Menge passiert. Was haben Sie aus Ihrer Sicht seither gut gemacht, um die Mitglieder von sich zu überzeugen?
Wenn sich jemand in der 2. Liga dem Verein für den Präsidentschaftsposten zur Verfügung stellt, ohne die Garantie des Aufstiegs zu haben, ist das erstmal ein klares Bekenntnis zum VfB. Und wenn er das dann in einer Corona-Pandemie aufrechterhält, plötzlich noch mit einer Datenschutzaffäre, für die er nichts kann, konfrontiert wird und mit beidem umgeht, ohne Planungssicherheit zu haben, dass er bleiben kann, aufzusteigen und sportlichen Erfolg zu haben – dann honorieren das die Mitglieder hoffentlich. Sie können aus meinem Engagement ableiten, dass sie einen verlässlichen, berechenbaren Präsidenten haben, der für ihre Rechte einsteht, sie auch in schweren Zeiten vertritt und nicht einfach alles hinwirft, wenn’s mal richtig schwierig wird. Deshalb möchte ich für alle, die mir damals ihr Vertrauen ausgesprochen und mich gewählt haben, bis zum 18. Juli – und nach Möglichkeit darüber hinaus – mit ganzer Kraft da sein.

Übersetzt heißt das, dass Sie zufrieden sind mit dem Ergebnis, das Sie während Ihrer bisherigen Amtszeit erzielt haben?
Es war die schwierigste Zeit, die der VfB und seine Mitglieder bislang zu überstehen hatte. Ich glaube, es ist uns gelungen, dass wir – trotz der schweren Zeiten und den im Vorfeld durchaus vorhandenen Vertrauensstörungen bei Fans, Mitgliedern, Partnern und Sponsoren zum Verein – relativ viel aufgebaut haben. Die Datenschutzaffäre musste ich als Präsident sehr ernst nehmen und diese Affäre haben wir gegen alle Widerstände sauber aufgearbeitet, haben die gemachten Fehler eingestanden und haben, auch wenn es hart war, die notwendigen Konsequenzen gezogen. Gerade sind wir dabei, gemeinsam mit dem untersuchenden Unternehmen und dem Datenschutzbeauftragten Maßnahmen zu ergreifen, damit so etwas nie wieder passiert. Auch glaube ich bewiesen zu haben, dass ich für die Mitglieder ein Präsident bin, der Angriffe aushält, diese nicht persönlich nimmt und sich somit nicht selbst übers Amt setzt, sondern der sich im Sinne des Vereins eher zurücknimmt und sogar ein paar unsportliche Schläge wegsteckt, der verzeihen kann, der nicht nachtragend ist. Wenn wir es schaffen, dies auf allen Positionen konstant zu halten, tut das dem VfB gut.

Was haben Sie inhaltlich umgesetzt?
Wir haben begonnen die Satzung mit ihren Geburtsfehlern durch eine interne Kommission zu korrigieren, wir haben das Thema „Zukunft Profi-Fußball“ angestoßen, wir haben eine Kommission zum Thema „Fan-Belange“ aufgemacht zur Weiterentwicklung des Fan-Ausschusses und der Stärkung der Fan-Rechte, wir haben eine Frauen-Fußballabteilung gegründet, wir haben die Datenschutzaffäre vernünftig aufgearbeitet. Auch auf der sportlichen Ebene passt es mit Trainer, Kader und allen, die da noch mit dranhängen. Ich finde, wir haben jede Menge gut hinbekommen und das innerhalb der kurzen und schweren Zeit.

Üben Sie rückblickend gelegentlich Kritik an sich nach dem Motto: An der einen oder anderen Stelle hätte ich auch anderes reagieren können oder müssen?
Selbstverständlich tue ich das, sogar recht häufig. Rückblickend könnte man sicherlich auch das eine oder andere anders machen. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber in dem Moment macht man es immer nach bestem Wissen und Gewissen.

Gibt es speziell beim VfB etwas, was Sie heute anders machen würden?
Was beim VfB schwer war und was man anders hätte machen können, war die Gremien- und Lobbyarbeit. Die kannte ich bislang aus meinem beruflichen Umfeld so nicht und hätte dafür vielleicht mehr Zeit investieren sollen. Denn im Fußball geht es nicht nur rein um fachlich-sachliche Entscheidungen, sondern auch um sehr viel Emotionen, die da reinspielen. Allerdings wäre eine intensivere Gremien- und Lobbyarbeit unter diesen Corona-Umständen auch nicht möglich gewesen.

Im Vorfeld ist sehr viel passiert, unter anderem gab es ein heftiges Scharmützel zwischen Ihnen und Thomas Hitzlsperger. Wie ist der aktuelle Stand zwischen Ihnen beiden?
Unser Verhältnis ist inzwischen wieder gut und hochprofessionell. Wir arbeiten im Sinne des VfB zusammen und wollen gemeinsam nur das Beste für den Verein. Wahrscheinlich müssen Sie eher Thomas fragen, warum er sich überhaupt bewerben wollte. Für mich ist es nicht erklärbar, außer dass wir in einer schwierigen Lage mit enormem Druck waren, die für uns alle neu war. Er hat sich aber inzwischen entschuldigt und ich habe die Entschuldigung angenommen. Von daher ist die Sache ausgeräumt. Ich bin nicht nachtragend und kann verzeihen. Mir selbst hat man ja auch verziehen, denn ich habe wohl ebenfalls Fehler gemacht. Ich glaube, wir sind beide aus dieser Situation gestärkt hervorgegangen. Wenn man so etwas gemeinsam übersteht, dann schweißt einen das sogar zusammen.

Eigentlich standen Sie in dieser Phase tatsächlich mutterseelenallein gegen einen Jahrhundertorkan, angefangen vom Daimler-Vorstand über den Ex-Aufsichtsrats-Boss vom VfB bis hin zu anderen Leuten, die den Verein inzwischen verlassen haben. Trotzdem stehen Sie immer noch fest auf beiden Beinen, wie kommt das?
Ich stand nie allein da, nie. Es ist gut, dass die Mitglieder, die Fans, die Menschen außerhalb des Vereins, ein ganz feines Gespür haben dafür, wer sie ehrlich und richtig vertritt. Ich habe unglaublich viel Zuspruch erfahren, woran ich gesehen habe, dass ich mich für das Richtige einsetze. Dafür musste ich zwar Schläge einstecken, obwohl ich zuvor nie ausgeteilt habe, aber ich tue das für den VfB und muss mich in diesen Momenten eben selbst als Person zurückstellen. Ich glaube, dies muss jeder gute Präsident tun, denn solche Situationen können immer passieren, das liegt einfach an dieser Branche Profi-Fußball. Das muss man wissen und damit entsprechend umgehen. Für mich war das eine Schnellschulung als Präsident in nur 16 Monaten, die mich gestärkt hat, an der ich gewachsen bin. Ich kenne keinen Präsidenten, der Ähnliches in so einer kurzen Zeit mitgemacht hat.

Für Sie persönlich war das sicherlich eine wichtige Erfahrung. Aber wie sehr schadet so ein Zwist dem Verein?
Grundsätzlich gilt für jeden Verein, für jedes Unternehmen: so öffentlich ausgetragene Diskussionen sind absolut schädlich. Das ist keine vertrauensbildende Maßnahme – weder für die Mitglieder noch für die Mitarbeiter, Fans, Partner oder Sponsoren. So eine Situation muss man vermeiden und die würde bzw. werde ich immer vermeiden. Bislang habe ich das jedoch nicht in der Hand gehabt. Deswegen muss ich damit bestmöglich umgehen, Ruhe bewahren, besonnen und ein seriöser und souveräner Präsident sein.

Waren Sie in der Zeit mal davor, alles hinzuwerfen?
Nein, in diesem Zustand war ich nie. Der Zuspruch der Mitglieder, die mich gewählt haben, der war so groß, dass ich täglich erklären konnte, was ich gemacht habe und warum. Und jeder hat gesagt, dass ich es richtig gemacht habe.

Wie ist Ihre Familie mit dem öffentlichen Gegenwind für Sie umgegangen?
Meine zwei Töchter sind mit ihren 22 Jahren durchaus in der Lage, solche Attacken vernünftig einzuordnen. Selbst mein 15-jähriger Sohn Moritz weiß das alles inzwischen gut einzuschätzen. Wir reden daheim darüber, damit die Familie die Zusammenhänge versteht. Aber sie stehen alle hinter mir und unterstützen mich darin, meinen Weg genauso weiterzugehen. Dieser Rückhalt gibt enorme Kraft, das ist ein schönes Gefühl. Die Menschen in meinem Umfeld, viele Mitglieder und Fans stehen hinter mir, als VfB-Präsident, auch weil sie merken, dass ich mir nichts darauf einbilde und immer noch der Selbe geblieben bin. Ich gehe vernünftig damit um, bin bodenständig und versuche, ein guter Vertreter der Mitglieder zu sein.

Kommen wir zur Wahl zurück. Der Vereinsbeirat hat sich entschieden, mit Pierre-Enric Steiger einen zweiten Kandidaten aufzustellen. Kennen Sie sich?
Wir haben uns erst ein einziges Mal gesehen, weshalb ich mir noch kein Bild von ihm machen konnte.

Bei Ihrer ersten Wahl postete Herr Steiger anschließend auf Facebook, dass er Sie gewählt hätte, wenn es ihm zeitlich gereicht hätte, da Sie der richtige Kandidat waren. Ist das rückblickend nicht ein klassisches Eigentor von ihm?
Als wir uns vor einer gemeinsamen Pressekonferenz kurz trafen, habe ich mich nachträglich für seine Glückwünsche zu meiner Wahl bedankt. Er erzählte mir dann, dass er damals nicht zur Wahl kommen konnte, weil sein Vater an diesem Tag seinen 90. Geburtstag hatte. Dafür darf er mich im Juli gerne wieder wählen, so viel hat sich ja nicht geändert. Spaß beiseite: Er meinte, dass er es schade fand, dass es keinen Gegenkandidaten gegeben hätte, wäre schon im März gewählt worden. Das hat ihn wohl aus einem demokratischen Ansatz heraus zu seiner Kandidatur motiviert.

Ist er der angenehmere Gegner für Sie als Volker Zeh, der sich ebenfalls für eine Kandidatur beworben hatte?
So sehe ich das nicht, zumal ich auch ihn persönlich überhaupt nicht kenne. Ehrlicherweise bedauere ich es ein bisschen, dass er in der Öffentlichkeit so schlecht dargestellt wird. Er hat sich im Dezember als Kandidat zur Verfügung gestellt, zu einem Zeitpunkt, wo der Verbleib in der 1. Liga noch nicht gesichert war, wo niemand wusste, wie es mit Corona weitergeht und wo die Datenaffäre auf ihrem Höhepunkt tobte. Niemand wusste, was noch passiert. Und da steht er trotzdem auf und stellt sich für den Verein zur Verfügung. Das zollt mir wirklich Respekt ab. Und obwohl er abgelehnt wird, rafft er sich ein zweites Mal zu einer Kandidatur auf, das finde ich bemerkenswert.

Wie enttäuscht wären Sie, sollten Sie im Juli nicht wiedergewählt werden?
Ich würde es bedauern, aber Wahlen sind ein demokratischer Prozess, die Mitglieder entscheiden. Natürlich würde ich gerne im Amt bleiben, der VfB würde Kontinuität beweisen und dass wir das fortsetzen, was wir jetzt trotz aller Schwierigkeiten gut begonnen haben.

Sie sind Doppelchef als VfB-Präsident und Unternehmer. Was für ein Typ Chef sind Sie – Autoritätsperson, Kumpeltyp oder eher hochexplosives Pulverfass?
Letzteres auf keinen Fall. Ich kann von mir sagen, dass ich es bislang geschafft habe, noch nie aus der Hose zu springen, weder hier im Unternehmen noch daheim bei der Familie oder beim VfB. Ich bin überall gleich, verstelle mich nicht, bin ehrlich, glaubwürdig und nahbar. Jeder kann mit seinen Problemen zu mir kommen, weil ich sie ernstnehme und versuche, immer zu helfen. Außerdem behandele ich jeden Menschen nach dem Motto: Mein Vertrauen kann man nicht gewinnen, sondern nur verlieren.

Selbst beim VfB sind Sie Doppelchef. Wie schwer ist das?
Zugegebenermaßen ist das nicht immer einfach. Im e.V. bin ich demokratisch gewählter Vertreter der Mitglieder, deren Interessen und Rechte ich wahrnehmen muss. Zeitgleich bin ich Aufsichtsratsvorsitzender einer ausgegliederten Kapitalgesellschaft einer Aktiengesellschaft. Das heißt, dass ich oftmals bei ein und derselben Frage zwei unterschiedliche Antworten geben könnte. Deshalb muss ich bei allem, was ich tue, meine Entscheidungen stets abwägen und auf jeder Seite dafür um Verständnis werben und bitten.

Was sagen Sie als VfB-Chef, wenn plötzlich Daimler noch mehr Anteile haben will, aber die Fans dagegen sind?
Daimler passt sehr gut zum VfB und wir sollten wirklich sehr froh sein, so ein Unternehmen aus der Region beim VfB zu haben. Diese beiden Marken verbinden sich richtig klasse, auch wenn wir leider sportlich ein wenig hinterherhinken. Sollte Daimler mehr Anteile wünschen, würde das bei mir und sicherlich auch bei vielen anderen Mitgliedern auf Zuspruch stoßen. Da bin ich mir relativ sicher. Ich bin stolz, dass ein solcher Weltkonzern mit uns als Fußballverein zusammenarbeitet. Daimler ist ein guter Partner für den VfB und ein glaubwürdiger für die Region.

Sollten Sie wiedergewählt werden, dann arbeiten Sie wohl künftig mit einem neuen Aufsichtsratsmitglied, da Herr Porth anscheinend nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten will.
Gehört und gelesen habe ich das auch, ich kann aber nichts dazu sagen. Das ist seine Entscheidung.

Bislang arbeiten Sie beim VfB ehrenamtlich. Finden Sie das okay?
Es ist wohl beschlossen, dass es künftig ein Auto sowie eine Aufwandsentschädigung fürs Präsidium geben soll. Aber mir geht es nicht ums Geld, sonst würde ich mich nicht so engagieren. Allerdings würde ich mir persönlich wünschen, dass nicht nur im Fußball, sondern auch in der Politik, marktübliche Gehälter bezahlt werden, damit man die Besten der Besten für diese Aufgaben bekommt.

Bezahlung ist ein gutes Stichwort: Corona hat viele Vereine in eine finanzielle Schieflage gebracht, weshalb Transfereinnahmen notwendiger sind denn je. Muss der VfB jetzt seine Juwelen verkaufen?
Das ist jetzt der Bereich von Thomas Hitzlsperger und er hat mal gesagt: Niemand ist unverkäuflich. Aber die Frage ist doch, ob der Zeitpunkt für Verkäufe derzeit richtig ist, wenn gar nicht so viel Geld auf dem Transfermarkt vorhanden ist. Es wäre doch schade, einen Spieler unter Wert abgeben zu müssen. Wir haben viele gute Spieler mit einem hohen Entwicklungspotential, die unter normalen Umständen nochmals einen viel höheren Wert haben werden. Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass wir es finanziell schaffen, die ganze Mannschaft langfristig zusammenzuhalten, damit wir sportlich erfolgreich sind.

Sie haben Ihr eigenes Unternehmen mit 50 Millionen Umsatz jährlich, reiben sich zeitgleich noch beim VfB auf. Bleibt da eigentlich noch Zeit für die Familie?
Es bleibt für alles zu wenig Zeit, vor allem unter Corona-Bedingungen plus Datenschutz-Affäre. Überall könnte ich mehr machen und ich versuche natürlich, alles so gut wie möglich zu organisieren. Zum Glück stehen meine Frau und die Kinder zu 100 Prozent hinter mir, denn sie wissen, dass ich alles, was ich tue, mit ganzem Herzen mache. Fürs Unternehmen habe ich mir einen Interimsmanager reingeholt, dem ich ständig verlängert habe. Deshalb wünsche ich mir, dass es mit der Wahl im Juli für die nächsten vier Jahre eine Planungssicherheit gibt – für den VfB, für mich als Unternehmer und als Mensch.

Wir sind noch so ein bisschen auf der Suche nach Ihren Ecken und Kanten. Haben Sie denn Schwächen?
Ja klar, Schwächen habe ich auch. Ich bin beispielsweise ein ziemlich schlechter Verlierer und das nicht nur beim Tischkicker. Wenn der VfB verliert, versuche ich mich ruhig zu verhalten und mir nichts anmerken zu lassen. Im Stadion funktioniert es meist noch ganz gut, während der Autofahrt nach Hause geht es meist auch noch, aber daheim bekommt meine Familie meine Enttäuschung sofort mit. Bei einem Sieg schaue ich mir dazu im Fernsehen alles an. Bei einer Niederlage hat dann das Wochenende sportlich quasi nicht stattgefunden. Aber meine Familie kennt das und kann damit umgehen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde er lauten?
Rein sportlich gesehen wäre mein Wunsch, dass der VfB sportlich erfolgreich mit schönem Fußball dauerhaft in der 1. Bundesliga bleibt. Darüber hinaus würde ich mir wünschen, dass wir der stolze Mittelpunkt der Region sind. Der Erfolg eines Präsidenten ist ja nicht so messbar wie bei Trainer oder Mannschaft am wöchentlichen Spiel und Tabellenplatz. Ein Präsident hält keinen Ball und schießt kein Tor. Der Präsident muss langfristig strategisch für den Verein da und ein ruhiger, besonnener sowie berechenbarer Mensch sein, der nicht beim ersten Sturm ins Ruderboot springt und abhaut. Deshalb erhoffe ich mir für den VfB, dass wir es schaffen, dass Menschen, Mitglieder, Fans, Stadt, Region, Bundesland stolz auf den VfB auch unabhängig vom sportlichen Erfolg sind. Das wäre mein Ziel und ist mein Ansporn, denn dann hätten wir es geschafft, ein Werteverständnis zu verändern.

Was vermissen Sie derzeit am meisten?
Ich vermisse sehr, die nötige Ruhe beim VfB.

Wir hätten gedacht, dass Sie die Zuschauer im Stadion am meisten vermissen.
Ja, natürlich vermisse ich unsere singenden, anfeuernden und mitfiebernden Superfans im Stadion sehr. Auf den Rängen ist es nämlich zu lange schon zu ruhig. Das Paradoxe daran ist doch, dass der Profi-Fußball ausgerechnet nicht von denen gerettet werden kann, die ihn groß gemacht haben.

Herr Vogt, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

„Niemand kann 25 Jahre nur Glück haben“: Ludwigsburg24 im Gespräch mit MHP-Unternehmensgründer Dr. Ralf Hofmann

Gerade feierte Dr. Ralf Hofmann mit seinem Ludwigsburger Unternehmen MHP mit Sitz im Film- und Medienzentrum 25-jähriges Bestehen. Für die Stadt und auch den Kreis ist das Unternehmen ein absolutes Aushängeschild. Als der ehemalige SAP-Berater am 2. Mai 1996 mit seinem Partner Lutz Mieschke das Management- und IT-Beratungsunternehmen, damals Mieschke Hofmann und Partner, mit fünf Mitarbeitern am Standort Karlsruhe gründete, ahnte er nicht, welch eine Erfolgsstory er mit seiner Selbständigkeit schreiben würde. 1998 steigt Autobauer Porsche bei MHP ein, das Unternehmen expandiert, hat mittlerweile rund 3.000 Mitarbeiter an 20 Standorten und macht einen Umsatz von 502 Millionen Euro. Ralf Hofmann hält heute noch 18,2 Prozent der Anteile und könnte sich eigentlich jetzt schon ins Privatleben zurückziehen. Doch der MHP-Chef denkt noch lange nicht daran. „Mir macht die Arbeit noch großen Spaß und ich habe noch immer Ziele, die ich erreichen will“, verrät der agile 58-Jährige im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herzlichen Glückwunsch zum 25-Jährigen. Welche Gefühle kommen da in Ihnen hoch?
Da ist vor allem Stolz, denn wir arbeiten in der sehr schnelllebigen IT-Branche. Viele Unternehmen, die kurz vor oder auch mit uns angefangen haben, gibt es nicht mehr, denn sie sind mittlerweile in größeren Organisationen untergekommen. Uns dagegen gibt es noch. Aber das ist nicht allein mein Erfolg, dafür brauchen Sie immer ein gutes Team.

Natürlich ist es vor allem Ihr Erfolg, Sie waren schließlich einer der beiden Gründer und sind bis heute noch an Bord.
Das ist schon richtig, doch allein sind Sie in der Beratung ein Niemand. Wenn Sie nicht die richtigen Leute haben, kommen Sie in der Beratung nicht weit. Zum Glück hatten wir bei MHP immer gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so dass alles funktioniert hat. Und wir haben mit Porsche einen fantastischen Hauptgesellschafter. Bei uns passen schon einige Faktoren zusammen.

Mit welcher Vision haben Sie 1996 Ihr Unternehmen gegründet?
Am Anfang stand der gemeinsame Wunsch, sich selbständig zu machen. Wir waren beide Berater und haben eine Firma gegründet. Wir haben es getan und uns gesagt: Mal schauen, ob es funktioniert. Wenn nicht, muss man es entweder anpassen oder etwas anderes machen. Zum Glück hat es aber recht schnell recht gut funktioniert und sich immer weiterentwickelt.

Gehörte damals viel Mut zum Schritt in die Selbständigkeit?
Um eine Beratung zu gründen, benötigen Sie keinen Mut und vor allem kein großes Kapital. Es sind keine finanziellen Vorleistungen nötig wie beispielsweise in anderen Unternehmen für die Anschaffung von Maschinen oder Ähnliches. Als Beratungsunternehmen brauchen Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Sie überzeugen müssen, damit sie das Thema mittragen und mit aufbauen. Aber vom Risiko her war unser Schritt in die Selbständigkeit überschaubar, zumal mein Partner und ich beide SAP-Berater waren. Jeder wollte diese Software haben und unser Skill war sehr gefragt.

Sie scheinen mit der Auswahl Ihrer Mitarbeiter meist richtig gelegen zu haben. Haben Sie dafür ein besonderes Näschen oder einfach immer nur Glück?
Niemand kann 25 Jahre nur Glück haben. Vielmehr ist es so, dass bei uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets im Fokus stehen. Jede und jeder kann es spüren, dass wir eine sehr Mitarbeiter-orientierte Company sind. Am Anfang taten wir uns natürlich schwerer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden – auf einem Markt, auf dem jeder gute IT-Leute sucht. Wir mussten uns zunächst etablieren, gezielt suchen und die möglichen Interessenten von uns überzeugen. Heute sind wir etabliert, trotzdem müssen wir noch immer überzeugen, da wir uns auf einem hart umkämpften Recruiting-Markt befinden. Sie müssen dabei die Größenordnung bedenken. In Deutschland haben wir 2.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und stellen hier jährlich rund 700 bis 800 Leute ein. Das sind monatlich zwischen 50 und 100, runtergerechnet pro Tag sind das 2 bis 3 Leute. Eine Beratung hat eine hohe Fluktuation, die sie auch braucht. Recruiting ist ein ganz wesentlicher Prozess, den man beherrschen muss.

Was muss ich außer dem fachlichen Knowhow mitbringen, wenn ich bei Ihnen anheuern will?
Sie sollten auf jeden Fall ins Team, zu uns – zu MHP passen. Stellen Sie sich vor: Wenn Sie zusammen mit 6 bis 7 Kolleginnen und Kollegen für ein halbes Jahr in einem Projekt arbeiten, dann muss das nicht nur arbeitstechnisch funktionieren, sondern eben auch menschlich. Sie sollten ein Teamplayer sein, unseren Spirit leben, leidenschaftlich sein und für die Sache brennen. Und Sie sollten sich mit unseren Werten identifizieren, empathisch, authentisch und integer sein und auch eine gewisse Mobilität sowie Flexibilität mitbringen.

Sie haben mit fünf Mitarbeitern begonnen, weltweit sind es rund 3.000, davon ungefähr 1.500 am Standort Ludwigsburg. Damit gehören Sie zu den größten Playern sowie Arbeitgebern hier im Landkreis.
Als wir angefangen haben mit 5 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wollten wir unsere Firma vor allem erstmal ins Laufen bringen. Jetzt liegen wir bei 3.000 Mitarbeitern. Wir sind immer organisch gewachsen. Ich bin schon stolz auf das, was wir da geschafft haben. Aber wie schon gesagt, beruht der Erfolg auf der Arbeit des gesamten Teams und auch Porsche hat bei dieser Entwicklung eine Rolle gespielt. Es war der entscheidende Meilenstein nach zweieinhalb Jahren, als Porsche 1998 in unser Unternehmen eingestiegen ist. Wir haben diese Entscheidung nicht des Geldes wegen getroffen, denn wir waren zu diesem Zeitpunkt als 37-Mann-Firma noch nicht so viel wert. Wir haben uns dazu entschieden, um unsere Marktposition im Automotive-Umfeld zu stärken. Dafür gibt es eben keinen besseren Namen als Porsche. Porsche hat an uns geglaubt und wir sind damit kein Risiko eingegangen.

In 25 Jahren ging es doch sicherlich nicht immer nur bergauf, gelegentlich muss man auch durch tiefe Täler marschieren. Gab es Situationen, in denen Sie ans Aufhören gedacht haben?
Nein, dieser Gedanke hat sich bei mir nie ergeben. Wir hatten zwei Krisen und die waren schneller vorbei als gedacht. Das war die Wirtschaftskrise Ende 2008, Anfang 2009. Das war ein Riesenthema für uns und wir verzeichneten von einem aufs andere Jahr Umsatzeinbußen von 30 Prozent. Letztes Jahr kam Corona, wobei das für uns als MHP im wirtschaftlichen Sinne keine wirkliche Krise gewesen ist. Wir sind recht gut durch die Corona-Zeit gekommen.

Wenn Unternehmen andere aufkaufen, dann machen sie das in der Regel zu 100 Prozent. Wie kam es dazu, dass Porsche an MHP nur 81,8 Prozent der Anteile hält?
Ja, normalerweise ist das so, doch ich bin sicher, dass MHP sich nicht so entwickelt hätte, wenn es zu einer 100 Prozent-Übernahme gekommen wäre, weil Porsche dann einen anderen Fokus hätte.

Was ist denn Ihre Motivation, selbst die restlichen Anteile zu halten, anstatt das Unternehmen ganz zu verkaufen.
Erstens arbeite ich noch gerne und fühle mich nicht so, dass ich jetzt aufhören sollte. Außerdem ist MHP „mein Baby“, mit dem meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ich noch viel vorhaben. Beispielsweise wollen wir uns bis 2025 beim Umsatz auf eine Milliarde verdoppeln, wollen auf 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wachsen und uns in Deutschland vergrößern. In der jetzigen Zeit, in der alles digital wird und wir in Deutschland einen enormen Nachholbedarf bei der Digitalisierung haben, macht das alles viel Spaß und ich habe eine große Motivation, das alles weiter voranzutreiben.

Am Standort Ludwigsburg wird sich aber nichts verändern, es bleibt Headquarter von MHP?
Der Standort Ludwigsburg bleibt, es gibt definitiv keine Überlegungen, von hier wegzugehen. Ich wüsste keinen Grund, Ludwigsburg zu verlassen. Wir fühlen uns dort sehr wohl und sind in der Stadt stark engagiert – mit der MHPArena sowie den MHP Riesen.

Wenn Sie weiter expandieren, bleibt der Fokus auf Automotive sowie Maschinen- und Anlagenbau gerichtet oder wollen Sie weitere Branchen erobern?
In Deutschland ist und bleibt Automotive unsere Kernbranche. Als Berater brauchen Sie Kompetenz für das, was sie tun, und die kann man relativ einfach transferieren in Anlagen und Maschinenbau, also in die Manufacturing-Industrie. Und die ist groß genug in Deutschland für den nächsten Schritt.

Sie haben eben schon Ihre Unterstützung der MHP-Riesen angesprochen, Sie sind aber ebenfalls Sponsor bei den Stuttgarter-Kickers und in der kommenden Saison Hauptsponsor beim Fußball-Zweitligisten Heidenheim. Was ist hier Ihre Motivation und warum haben Sie sich nicht etwa für den VfB Stuttgart entschieden?
Wenn man in Deutschland bekannter werden will, kommt man um ein Fußball-Sponsoring nicht herum. Mein Herz schlägt zwar mehr für Basketball und ich bin extrem glücklich mit den Riesen und ihrem Erfolg, aber trotzdem ist die Präsenz im Fernsehen überschaubar. Da wir wachsen wollen, brauchen wir aber noch mehr gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und somit dafür noch mehr Bekanntheit auf dem Recruiting-Markt. Warum wir uns für Heidenheim entschieden haben? Heidenheim hat eine ähnliche Geschichte wie MHP, ist wie wir stets organisch gewachsen, der Verein teilt die gleichen Werte z.B. Nachhaltigkeit, Partnerschaft, Integrität. Sie haben den Trainer mit dem längsten Dienstverhältnis. Außerdem liegt es gut erreichbar in Baden-Württemberg, ist seit 30 Jahren sportlich sehr erfolgreich, denn sie haben das Potenzial für den Aufstieg. Das alles passt zu uns. Dazu kommt, dass Heidenheim ein guter Industriestandort ist mit der Nähe zu Ulm.

Werden Sie auch zukünftig den MHP-Riesen sowie den Stuttgarter-Kickers als Sponsor erhalten bleiben?
Wir fühlen uns den Vereinen verbunden. Ich gehe davon aus, dass alles so bleibt, wie es ist.

Treiben Sie selbst auch Sport?
Natürlich treibe ich Sport, mag den Konditionssport. Ich war 30 Jahre lang Jogger, bis vor 10 Jahren bin ich sogar meist jedes Jahr einen Marathon gelaufen, war in Berlin, in Hamburg und sogar schon in New York am Start. Inzwischen fahre ich viel mit dem Mountainbike und im Winter stehe ich auf den Skiern.

Wer viel arbeitet, sollte sich gelegentlich auch etwas gönnen. Was macht Sie als Privatmann glücklich?
Ich bin ein geselliger Mensch, gehe gerne aus und habe meinen Freundes- und Bekanntenkreis gerne um mich rum. Ein schönes Essen mit einem guten Glas Wein und guten Gesprächen in geselliger Runde daheim oder auswärts, das ist so mein Ding und macht mich glücklich.

Haben Sie auch einen persönlichen Traum, den Sie sich noch unbedingt erfüllen möchten?
Es gibt durchaus einige Träume, und einen davon, der mich schon seit Jahrzehnten begleitet, werde ich mir auf jeden Fall auch noch erfüllen – mit dem Auto von meinem Wohnort Bad Rappenau nach Wladiwostock zu fahren. Russland ist einfach ein schönes, weites Land, vor allem Sibirien ist sehr faszinierend. Es gibt zwar von Moskau aus die Transsibirische Eisenbahn, aber ich will die ganze Strecke lieber mit dem Auto bewältigen. Schon als Student habe ich viel über Sibirien gelesen und mir damals vorgenommen, mir diese Reise zu gönnen. Über Google-Maps habe ich mir den Weg dorthin schon angeschaut und ein bisschen vorgeträumt, wie ich mich mit einer alten G-Klasse von Mercedes auf den Weg mache.

Mit einer G-Klasse von Mercedes? Gehen Sie Porsche etwa fremd?
Mein Traum von dieser Reise ist schon so alt, da gab es die Porsche-SUVs noch gar nicht. Deshalb bleibe ich dem Auto meines Traums für diese Reise einfach treu.

Welche Wünsche wollen Sie sich noch erfüllen?
Das alles aufzuzählen, führt jetzt zu weit. Aber ich garantiere Ihnen, wenn ich bei MHP einmal aufhöre, werde ich nicht etwa zu Hause bleiben, sondern meine Wünsche erfüllen und die haben viel mit Reisen zu tun. Ich bin mein ganzes Berufsleben lang gereist und das werde ich im Ruhestand ebenfalls tun, nur mit einem anderen Blickwinkel.

Wissen Sie schon, wann Sie frühestens aufhören wollen?
Übers Aufhören habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Solange mir die Arbeit Spaß macht und ich etwas zum Erfolg beitragen kann, mache ich weiter.

Haben Sie eigentlich Vorbilder?
Typische Vorbilder habe ich nicht wirklich, ich finde aber manche Biografien spannend. Als junger Kerl hat mich der Banker Alfred Herrhausen interessiert, später dann die Lebensgeschichten des Apple-Chefs Steve Jobs oder die von Jeff Bezos, der Amazon ebenfalls im Jahr 1996 gegründet und es in 25 Jahren zum mächtigsten Unternehmen der Welt gemacht hat. Solche Erfolgsstorys faszinieren mich.

Welchen Rat würden Sie mit Ihrer langjährigen Erfahrung einem jungen Menschen mit auf den Weg geben, der sich heute selbständig machen möchte?
Ich finde, man muss immer nach vorne schauen und sich seine Strategie bewusst machen und versuchen, die Dinge langfristig zu sehen und sich klarzumachen, wie das Unternehmen in 5 oder 10 Jahren dastehen soll. Dann kann man Dinge bewusster tun und man hängt nicht vom Zufall ab. Ich hatte Glück, dass alles von Anfang an mit der Selbständigkeit gut lief und dass mein Partner und ich sehr früh – in unseren Anfangsjahren – bei Porsche überzeugen konnten.

Würden Sie rückblickend den gleichen Weg nochmals gehen?
Ja, unbedingt. Ich war immer schon Berater, bis 1995 im Angestelltenverhältnis, danach selbständig. Ich habe nie etwas anderes gearbeitet. Beratung ist einfach für mich gemacht und ich bin sehr gerne Berater, auch wenn ich inzwischen nicht mehr im klassischen operativen Geschäft tätig bin.

Eine letzte Frage: Was hat Ihnen jetzt seit Ausbruch von Corona am meisten in Ihrem Leben gefehlt?
Am meisten habe ich das soziale Leben vermisst, mal abends spontan in eine Kneipe oder ein Restaurant zu gehen. Was mir aber wirklich richtig fehlt, ist, dass man nicht mehr reisen konnte. Wir haben Niederlassungen in Amerika, China, Rumänien und England, und ich bin gerne dahingeflogen. Mal zwei, drei Tage Shanghai oder Atlanta, also das fehlt mir enorm. Ich reise einfach gerne.

 Herr Dr. Hofmann, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

Das große Interview mit Kliniken-Chef Prof. Dr. Jörg Martin: „Die Mitarbeiter in den Corona-Bereichen sind mittlerweile ausgebrannt und leer“

Als Chef der RKH-Kliniken bekommt Professor Dr. Jörg Martin jeden Tag aufs Neue die Auswirkungen von Corona unmittelbar mit. Der 63-jährige Mediziner, der selbst viele Jahre auf der Intensivstation gearbeitet hat, zeichnet dafür verantwortlich, dass seine 11.000 Mitarbeiter in den insgesamt zwölf Kliniken vor dem Virus so gut wie möglich geschützt sind, die Covid 19-Patienten optimal betreut werden und der sonstige Krankenhausalltag weitestgehend unbeeinträchtigt weiterläuft. Keine leichte Aufgabe in Zeiten der nun schon seit über einem Jahr anhaltenden Pandemie. Wie er diese Herausforderung meistert und dabei auf seine eigene Gesundheit achtet, erzählt der erfahrene Klinikchef ausführlich im Interview mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Professor Martin, die wichtigste Frage in diesen Zeiten zuerst: Wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es sehr gut. Wir haben jetzt zwar ein hartes, anstrengendes Jahr hinter uns und es wird auch noch eine Weile so weitergehen, aber dank toller Mitarbeiter haben wir alles ganz ordentlich hinbekommen und die Aufgaben gut bewältigt.

Heißt das, dass Sie selbst bislang nur beruflich mit Corona konfrontiert waren?

Gott sei Dank, ich selbst habe bislang kein Corona gehabt, aber ich habe mich auch immer geschützt und kürzlich meine erste Impfung mit AstraZeneca bekommen. Diesen Impfstoff habe ich mir aus Überzeugung geben lassen, weil ich ihn für sehr, sehr gut halte. Dazu mache ich jeden Tag einen Schnelltest, bislang war er immer negativ.

Testen Sie sich selbst oder lassen Sie testen?

Eine meiner Mitarbeiterinnen in der Verwaltung ist gelernte Krankenschwester. Sie führt jeden Morgen bei mir einen medizinischen Schnelltest durch. Wir bieten dies auch allen anderen Mitarbeitern fünfmal die Woche an, was sehr rege genutzt wird. Zusätzlich testen wir die Patienten ebenfalls zwei- bis dreimal pro Woche, damit versuchen wir wirklich auf der sicheren Seite zu sein, um möglichst früh eine Infektion zu erkennen und isolieren zu können.

Wie achten Sie außerhalb des Berufsalltags auf Ihre Gesundheit? Nehmen Sie zusätzliche Präparate wie beispielsweise Vitamin D?

Nein, ich nehme nichts in diese Richtung und ergreife auch keine anderen Maßnahmen. Ich lebe genauso weiter wie ich sonst auch immer gelebt habe. Natürlich versuche ich, einigermaßen gesund zu essen, gönne mir gelegentlich ein Gläschen Wein dazu.

Treiben Sie regelmäßig Sport?

Wenn es die Zeit erlaubt, dann gehe ich gerne Joggen. Zuhause habe ich ein Heimrudergerät, da setze ich mich hin und wieder drauf. Das hilft, um von den Belastungen herunterzukommen und mich abzureagieren. Ebenso gerne und oft gehe ich mit unserem Hund spazieren. Das ist ein Rauhaar Vizla, ein ungarischer Jagdhund, diese Rasse sieht man aber nur sehr selten.

Hat sich Ihr Arbeitspensum seit Ausbruch der Pandemie sehr erhöht?

Nein, das kann ich so nicht bestätigen, denn ich hatte schon immer ein sehr hohes Arbeitspensum, da wir eine sehr große Organisation sind. Die Anzahl und die Form der Sitzungen haben sich jedoch enorm verändert. Dadurch, dass wir die meisten Sitzungen jetzt per Videokonferenz durchführen, sind diese durch den Wegfall der Wegezeiten natürlich noch enger getaktet. Sie schalten quasi um und sind schon in der nächsten Sitzung drin. Durch diese veränderte Arbeitsweise gönne ich mir alle zwei Wochen auch mal einen Tag Homeoffice. Mit den Videokonferenzen lässt sich das jetzt alles sehr gut organisieren.

Werden Sie diese Arbeitsweise auch nach Corona beibehalten?

Da wir eine große Holding sind, werden wir diese Form der Sitzungen sicherlich in großen Teilen beibehalten, wobei ich dafür plädiere, zwischendurch auch mal eine Präsenzsitzung abzuhalten, um den sozialen Austausch zu ermöglichen. Es ist enorm wichtig, in Pausen mal das eine oder andere Wort zu wechseln. Corona hat tatsächlich in der Digitalisierung einen enormen Schub gebracht und das werden wir auch nicht mehr zurückschrauben.

Wo liegen momentan für Sie die allergrößten Herausforderungen?

Die größten Herausforderungen für uns waren die zweite und dritte Welle. Die erste Welle hatte die größte Herausforderung, ausreichend Schutzkleidung zu beschaffen, was extrem schwierig war. In der zweiten Welle hatten wir einen immensen Ausfall von Mitarbeitern, durch viele Erkrankungen. Die dritte Welle zieht sich nun schon ziemlich lange hin, obwohl die Zahlen rückläufig sind. Da die älteren Menschen meist geimpft sind, behandeln wir inzwischen sehr viel jüngere Patienten, die aber genauso schlimm erkranken und lange bei uns auf Intensiv liegen. Wir haben fünf ECMO-Konsolen, also künstliche Lungen, die sind immer besetzt. Unser Thema ist derzeit, dass die Mitarbeiter in den Corona-Bereichen mittlerweile ausgebrannt und leer sind. Über ein Jahr Krise mit einer Übersterblichkeit, das ist einfach eine enorme Belastung und nimmt die Mitarbeiter doch sehr mit.

Wie werden die Mitarbeiter aufgefangen?

Wir versuchen selbstverständlich mit verschiedenen Angeboten zu helfen. Wir haben ein Sorgentelefon, bieten Yoga und Massage an. Damit wollen wir die Mitarbeiter motivieren, die das mit großem Engagement annehmen.

Gibt es Mitarbeiter, die wegen der Corona-Belastungen aufgegeben und den Dienst quittiert haben?

Von zwei Mitarbeitern weiß ich definitiv, dass sie in diesem Beruf nicht mehr weiterarbeiten werden. Sie suchen sich eine andere Aufgabe eventuell im ambulanten Pflegedienst oder machen etwas ganz Anderes außerhalb der Medizin, weil sie es mental nicht mehr aushalten. Wenn Sie auf einer Intensivstation einen Corona-Beatmungspatienten zwei, drei Wochen versorgen und er dann stirbt, dann erleben Sie das nicht nur einmal, sondern innerhalb dieser Pandemie eben sehr viel häufiger. Nach wie vor liegt die Corona-Sterblichkeit auf den Intensivstationen leider noch sehr hoch.

Wie viel Kontakt haben Sie als Klinikchef überhaupt zu Mitarbeitern und Patienten?

Da ich nicht mehr als Arzt arbeite, habe ich auch keinen Kontakt mehr zu Patienten. Mitarbeiterkontakte habe ich immer wieder, meist dann, wenn ich mal einen Besuch auf einer Station abstatte. Aber bei insgesamt zwölf Kliniken und einem Managementmandat in Reutlingen gibt es jede Menge anfallende Arbeit, um die ich mich kümmern muss, so dass ich auch nicht immer vor Ort sein kann. Was wir allerdings machen, ist zweimal die Woche eine zehn- bis fünfzehnminütige Lageinformation per Videochat, die ich nach Möglichkeit persönlich abhalte.

Wie sieht es bei Ihnen in der Klinik in Ludwigsburg aus, stoßen Sie bereits an die Grenzen Ihrer Kapazitäten?

Wir waren des Öfteren an der Grenze unserer Kapazitäten. Aber genau deshalb haben wir in Baden-Württemberg ein Clustersystem eingeführt, das heißt, dass wir das Bundesland rund um die Standorte der Universitätskliniken in sechs Großregionen eingeteilt haben, also Heidelberg, Ulm, Tübingen und Freiburg plus die Cluster Ludwigsburg-Stuttgart und den Cluster Karlsruhe. Jeder hat die Daten der anderen Kliniken zur Verfügung. Wenn also eine Überfüllung einer Intensivstation drohte, konnte man den oder die Patienten in eine andere Klinik mit noch freien Kapazitäten verlegen, so dass die Versorgung sowohl der Covid-Patienten, aber auch der anderen Notfall-Patienten zu jeder Zeit gewährleistet war. Es hat zu keiner Zeit Grund zur Panik bestanden. Während der zweiten Welle gab es in Baden-Württemberg über 400 Verlegungen, was zwar mit einem großen Organisationsaufwand verbunden war, aber immer für einen guten Ausgleich gesorgt hat.

Eines Ihrer formulierten Ziele ist, die Klinikgruppe als Komplettversorger auf dem allerhöchsten medizinischen Niveau ansiedeln wollen. Wo stehen Sie mit Ihrem Ziel aktuell und hat Corona Ihre Pläne durcheinandergewirbelt?

Wir sind extrem gut aufgestellt, weil wir mit Ludwigsburg einen Maximalversorger haben, der außer Herzchirurgie nahezu alle Fachgebiete hat. Wir haben einen Spezialversorger in Markgröningen und noch kleinere Versorgungskrankenhäuser. Durch den Mangel an Schutzkleidung während der ersten Welle, hat uns das in weiteren Aktivitäten nahezu gelähmt, das muss ich leider sagen. Wir hatten tatsächlich Stillstand und konnten die Pläne nicht so weiterentwickeln, wie wir es wollten. In der zweiten sowie dritten Welle haben wir unsere Vorhaben wieder ein Stück vorangetrieben, was beispielsweise die Vernetzung oder Ambulantisierung betrifft oder die Kooperationen und den Aufbau der Präventionsmedizin.

Wie haben Sie die Gesundheits- und Krisenpolitik auf Bundes- sowie Landesebene empfunden. Waren Sie zufrieden und hatten das Gefühl, die wissen schon was sie tun? Oder haben Sie sich eher im Stich gelassen gefühlt?

In der ersten Welle sind wir wirklich alle überrascht worden, wobei eigentlich schon 2012 Szenarien durchgespielt wurden, was passiert, wenn eine Pandemie kommt. Deswegen war ich schon etwas perplex, dass gerade bei der Schutzkleidung kein Minimalvorrat angelegt worden war. Das haben wir schnell erkannt und haben rechtzeitig vor der zweiten Welle uns einen eigenen Vorrat in Teilbereichen mit einer Reichweite von bis zu fünf Monaten aufgefüllt. Das hat natürlich eine Menge Geld gekostet. In der zweiten und vor allem in der dritten Welle sehe ich schon sehr die Politik in der Verantwortung. Im Oktober letzten Jahres hat man zuerst einen Lockdown light angeordnet. Der hat nicht gewirkt, weshalb man das Ganze zunächst verschärft, aber dann zu Weihnachten wieder gelockert hat. Die Quittung dafür haben wir prompt im Januar erhalten. Danach gingen die Zahlen wieder schön runter. Am 3. März war die Ministerpräsidentenkonferenz und die Inzidenz lag in Deutschland bei 60. Damals hätten sich die Politiker dafür entscheiden müssen, nochmals einen Lockdown von zwei bis drei Wochen dranzuhängen, so, wie es andere Länder auch gemacht haben. Wahrscheinlich hätten die Inzidenzen anschließend nur noch bei rund 20-25 gelegen. Stattdessen hat man wieder aufgemacht und postwendend kam die dritte Welle, weil die Impfungen noch nicht weit genug waren. Das waren rein politische Entscheidungen, über die wir nicht erfreut waren, zumal es die Experten anders vorausgesagt hatten. Wir haben im letzten Jahr knapp 1.900 Covid-Patienten behandelt. In diesem Jahr sind es jetzt schon über 1.000, was eine ganz enorme Zahl ist.

Die Inzidenz im Kreis Ludwigsburg sinkt. Glauben Sie, dass wir den Peak der dritten Welle überschritten haben?

Neben der Inzidenz schaue ich mir auch immer den R-Wert an, der nahezu in allen Altersgruppen inzwischen unter 1 liegt. Am niedrigsten ist er derzeit bei der Gruppe der über 80-Jährigen, weil da die meisten Menschen durchgeimpft sind. Wir haben den Peak sicherlich überschritten, aber wir Krankenhäuser merken das erst drei bis vier Wochen später. Der Peak bei uns ist quasi erst diese Woche erreicht.

Können Sie uns aktuell den jüngsten und den ältesten Patienten auf Ihrer Intensivstation nennen?

Aktuell habe ich es nicht im Kopf, aber ich weiß, dass wir einen 23-Jährigen hatten und über 90-Jährige. Derzeit liegt der Durchschnitt unter 60.

Können Sie die Wirkung der Impfungen bereits erkennen?

Die Wirkung ist da, weil wir jetzt nicht mehr die geimpften über 80-Jährigen auf Intensiv haben, sondern die ungeimpften jüngeren Menschen. Das heißt also, dass die Impfung essenziell etwas bringt. Impfung und Test sind letztlich das A und O, dazu die Einhaltung der Corona-Regeln. Wir müssen schauen, dass wir mit dem Impftempo vorankommen. Wir haben derzeit auf den Intensivstationen sehr hohen Prozentsatz an Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die aus sozial schwierigen Gebieten kommen. Da muss die Politik noch mehr drauf reagieren, indem man in diese Brennpunkte hineingeht, vermehrt Aufklärung auch in den Landessprachen betreibt und vermehrt Impfangebote macht. Denn es sind genau die Menschen, die nicht ins Impfzentrum kommen, aber die müssen wir eben auch erreichen. Wir selbst haben uns die Aufklärungsbogen in zehn Sprachen besorgt und haben unsere Corona-Informationen, AHA-Regeln und Impferklärungen in einfacher Sprache verfasst.

Wie gut wird das Impfen bei Ihren Mitarbeitern angenommen?

Das wird hervorragend angenommen. Die Mitarbeiter sehen ja täglich das Leid der Patienten. Wir haben anfangs nur AstraZeneca zum selber Impfen bekommen, das lief gut an. Dann gab es Diskussionen über diesen Impfstoff, da haben dann zwar ein paar der Mitarbeiter abgesagt, aber laut meiner Betriebsärzte haben wir eine Impfdurchdringung von 70 bis 80 Prozent, was schon sehr gut ist.

Wie geht man mit Mitarbeitern in den Hochrisikobereichen um, die sich einer Impfung verweigern?

Neben der Impfung ist der zweite wichtige Schutz die Testung, die wir wie schon gesagt fünfmal pro Woche anbieten. Diese Möglichkeit nutzen viele fast täglich, weil sie mit dem Ergebnis auf dem Handy somit beispielsweise auch zum Friseur gehen können.

Stichwort Fachkräftemangel: Laut Statistischem Bundesamt verdienen Vollzeit-Fachkräfte im Schnitt 3.500 € brutto. Zu Beginn der Pandemie hat man schnell gesehen, dass es sich hier um eine systemrelevante Berufsgruppe handelt. Es gab von der Bevölkerung Applaus als besondere Wertschätzung. Das reicht den Betroffenen nicht, sie fühlen sich zu schlecht bezahlt…

Insgesamt stimmt das und ich sage das nicht erst seit Ausbruch von Corona. Eine Pflegekraft; die viel Verantwortung trägt und für den Patienten da ist, ist nicht wirklich gut bezahlt. Das betrifft aber auch Erzieherinnen und ähnliche Berufsgruppen. Hier muss ein gesellschaftlicher Konsens her, dass uns deren Arbeit mehr wert ist, so wie es beispielsweise in der Schweiz ist. Aber das muss bezahlt werden können, was im Endeffekt bedeutet, dass die Krankenversicherung eben nicht mehr 15,5 Prozent kostet, sondern evtl. 17 Prozent. Wenn ich Geld ausgeben will, muss ich mir überlegen, woher es kommen soll. Die Politik muss uns zu einem gesellschaftlichen Konsens hinführen und die Tarifparteien müssen es aushandeln. Dennoch: Geld ist sicherlich ein ganz wichtiger Motivator, aber eben auch nicht der einzige.

Woran denken Sie noch als Motivation?

Wir machen uns derzeit Gedanken, wie wir den Pflegeberuf attraktiver machen können. Wir haben deshalb mit einer Akademisierungswelle angefangen, denn der Wissenschaftsrat empfiehlt, dass 10 bis 20 Prozent der Pflegekräfte akademisiert sein sollen, um ihnen mehr Aufgaben übertragen zu können. Die Autonomie der Arbeit ist ein wesentlich größerer Motivator als Geld. Wer diesen Beruf ergreift, weiß zudem, dass er samstags, sonntags und auch nachts arbeiten muss, was in der heutigen Zeit nicht sehr attraktiv ist.

Das monetäre ist nicht alles, richtig, dennoch finden es die Pflegekräfte nicht gerecht, wenn der Gesundheitsminister sich schwertut, noch nicht mal den versprochenen Bonus von 500 € an alle auszuzahlen…

Wir haben jetzt wieder einen Zuschuss bekommen und mit dem Betriebsrat so besprochen, dass wir nicht jedem Mitarbeiter gleich viel auszahlen, sondern splitten, weil die Mitarbeiter bislang unterschiedlich belastet waren. Wir haben eine Vierergruppierung gemacht, die besagt: Intensivkräfte mit Covid bekommen am meisten, die Pflege, die nur gelegentlich mit Covid zu tun hat, bekommt etwas weniger, die im Bettenhaus kriegen nochmal weniger und die Mitarbeiter in Verwaltung und Technik erhalten den Rest. Das ist eine kleine, einmalige Motivationshilfe, aber die hält nicht lange.

Wie begegnen Sie den Menschen, die Corona verleugnen und die angeordneten Maßnahmen als Eingriff in ihre Grundrechte sehen?

Persönlich habe ich damit ein riesiges Problem und meine Mitarbeiter ebenfalls. Wir sehen jeden Tag das Leid, das Corona auslöst. Und wenn ich dann Corona-Demos in Stuttgart auf dem Wasen sehe, wo 10.000 Menschen ohne Maske und Abstand in großen Gruppen zusammenstehen, da frage ich mich schon, wo wir leben. Wir haben Meinungsfreiheit, aber das Bundesverfassungsgericht hat weise erklärt, dass gegen diese Ausgangssperren nicht ad hoc entschieden werden kann, sondern dass das Gericht Zeit dafür braucht. Es hat aber auch gesagt, dass jetzt zunächst alles getan werden muss, um diese Pandemie in den Griff zu bekommen. Allerdings bekommen wir als Deutschland das Problem nicht allein bewältigt, denn wir leben in einer globalen Welt. Und solange Corona in Indien oder Afrika so durch die Decke geht, werden wir alle ein Problem haben.

Wo sehen Sie die Lösung für dieses Problem?

Es bedarf einer weltweiten Impfaktion. Ich bin ein großer Gegner vom Aufhebeln der Patentrechte, weil sonst niemand mehr Lust hat zu forschen. Vielmehr müssen wir die Produktionskapazitäten ausweiten. Jetzt kommt mit Curevac aus Tübingen ein ganz toller Impfstoff, der bei plus fünf Grad lagern kann, also ideal, um ihn auch für die Dritte Welt zu verimpfen.

Was halten Sie von der mRNA-Technologie?

Die ist super, ein Quantensprung. Bevor die ersten Impfstoffe auf dem Markt waren, gab es riesige Ängste und Diskussionen, ob der Stoff in die DNA eingreift. Inzwischen ist es umgekehrt. Die alten Vectorimpfstoffe werden verteufelt und alle wollen mRNA-Technik. Der Vorteil ist, dass man durch diese Technologie sich sehr schnell auf plötzliche Mutanten einstellen und entsprechend reagieren kann. Ich bin sicher, dass die mRNA-Technik weitergehen wird. Nicht nur beim Impfen, sondern vor allem auch in der Tumortherapie. Dafür sind die Firmen ja ursprünglich gegründet worden.

Die dritte Welle ist rückläufig, Experten und Politiker machen Hoffnung auf einen normalen Sommer. Rechnen Sie dennoch mit einer vierten Welle?

Ja, wir werden jetzt ein paar schöne Monate haben, davon bin ich ebenfalls überzeugt. Aber wir stellen uns ab November auf eine vierte Welle ein, doch wird sie nicht so hoch und dramatisch werden. Die Welle wird nicht nur jahreszeitlich bedingt sein. Es ist auch so, dass es sich politisch nicht durchsetzen lässt, die zur Vermeidung einer nächsten Welle notwendigen Beschränkungen so streng aufrecht zu erhalten. Denken Sie einfach mal an die vielen Jugendlichen, die jetzt mehr oder weniger seit einem Jahr quasi wie eingesperrt sind, das ist schon heftig. Wir werden eine Generation Corona haben, und zwar die Generation, die jetzt zur Schule geht. Denen fehlt einfach ein wichtiges Jahr. Doch wir werden diese Pandemie in den Griff bekommen. Mit einer Durchimpfung von 70 bis 80 Prozent haben wir die Herdenimmunität geschaffen, falls nicht irgendein Mutant kommt, der auf den Impfstoff nicht reagiert. Ansonsten fangen wir wieder von vorn an. Aber wir werden uns trotzdem darauf einrichten müssen, mit Corona zu leben. Wir müssen lernen, mit einer gewissen Inzidenz zwischen 0 und 10 umzugehen.

Wie werden Sie persönlich im Sommer mit dem Thema Urlaub umgehen?

Momentan habe ich geplant, im Juli für ein paar Tage nach Wien zu fahren. Dort lebt mein Sohn, den ich seit einem Jahr nicht mehr von Angesicht zu Angesicht gesehen habe. Einen Urlaub im Ferienhaus in Frankreich habe ich ebenfalls gebucht, den kann ich aber bei veränderter Corona-Lage noch drei Tage vor Antritt wieder stornieren.

Sie sind ursprünglich Anästhesist, haben früher selbst viel auf Intensiv gearbeitet. Warum sind Sie ins Gesundheitsmanagement gewechselt?

Wie so oft ist es auch bei mir bedingt durch viele Zufälle. Ich habe mich schon während meiner klinischen Zeit sehr für Qualitätsmanagement und Management interessiert. Und wie es sich gehört für Ärzte und Pfleger, hat man einen gemeinsamen Feind, nämlich die Verwaltung. Man kritisiert, was und wie man alles besser machen muss. Als man mir dann genau diese Aufgabe angetragen hat, musste ich mich entscheiden. Ich war sehr gerne Arzt und es hat mir auch im ersten Jahr meiner Verwaltungstätigkeit sehr weh getan, keinen Patientenkontakt mehr zu haben. Aber ich habe mich der neuen Aufgabe sehr konsequent gewidmet, bin von einem Tag auf den anderen vom Patientenbett weg ins Management gegangen und habe es nie bereut.

Sie sind jetzt hier bis 2023 gewählt. Können Sie sich eine Verlängerung vorstellen oder ist dann eher Schluss?

Das kann ich heute noch nicht sagen, denn darüber habe ich mir bislang noch keine Gedanken gemacht. Ich mache meinen Beruf mit allen Widrigkeiten sehr, sehr gerne, weil ich eine sehr gute Belegschaft habe und viel bewegen kann.

Sie sind gebürtiger Hesse aus Alsfeld, zum Studium ins Schwabenland gekommen und geblieben – aus Überzeugung?

Ich wohne in Stuttgart und bin inzwischen überzeugtester Wahlschwabe. Nachdem ich 15 Jahre Kehrwoche regelmäßig gemacht hatte, merkte ich, dass ich angekommen bin, als mir mein Nachbar seine Stihl-Motorsäge ohne Aufsicht geliehen hat. Das war dann der schwäbische Ritterschlag.

Herr Prof. Martin, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

Dr. Karlin Stark: „Wir müssen unbedingt von den hohen Zahlen runter, es steht auf Messers Schneide“

Seit Februar ist Dr. Karlin Stark die neue Leiterin des Kreisgesundheitsamtes in Ludwigsburg. Zuvor war die engagierte Ärztin für Bevölkerungsgesundheit in leitenden Positionen im Gesundheitsamt Heilbronn tätig, zuletzt leitete sie fünf Jahre lang das Landesgesundheitsamt in Stuttgart. Im Alter von 58 Jahren den Job nochmals zu wechseln und in Ludwigsburg die Nachfolge des langjährigen Gesundheitsdezernenten Dr. Thomas Schönauer anzutreten, dafür entschied sich die mehrfache Mutter und zweifache Oma aus einem Grund: „Ich wollte wieder mehr fachlich arbeiten.“

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Frau Dr. Stark, die ersten drei Monate im Kreisgesundheitsamt sind schon wieder vorbei. Konnten Sie sich gut einleben oder hat das Thema Corona Sie sofort überrannt?

Der Teil der Mitarbeiter, der mit Corona beschäftigt ist, sieht mich natürlich häufig. Aber es gibt tatsächlich auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die ich noch immer nicht auf der Straße erkennen würde.

Tauschen Sie sich mit Ihrem Vorgänger Dr. Thomas Schönauer aus?

Wir kennen uns persönlich schon viele, viele Jahre, von daher habe ich immer noch Kontakt zu Thomas Schönauer. Zuletzt haben wir uns vor etwas über zwei Wochen gesehen. Ich weiß, dass er für mich jederzeit ansprechbar wäre. Er hat auch darauf hingewirkt, dass ich hier einen guten Einstieg hatte und auf ein tolles Mitarbeiterteam sowie ein angenehmes Arbeitsklima gestoßen bin. Den Schritt von Stuttgart nach Ludwigsburg habe ich bis heute nicht bereut. Ich bin eine kommunale Pflanze, kenne die kommunalen Strukturen und fühle mich von daher in Ludwigsburg sehr wohl.

Sie gelten als Workaholic, arbeiten von morgens um 6.00 Uhr bis mindestens 19.00 Uhr abends. Das ist ein taffes Programm. Haben Sie an Ihr Team auch so strenge Erwartungen?

Nein, ich empfinde mich nicht als streng, auch mit mir selbst nicht. Ich ziehe einfach die Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben nicht so strikt wie es andere Menschen tun und lasse mich auch am Wochenende oder im Urlaub anrufen. Das mache ich von jeher so, weil es meinem Selbstverständnis und meinem Pflichtbewusstsein entspricht, aber es muss auch mit dem Privatleben zusammenpassen und sollte ein gewisses Maß nicht überschreiten. Seit Ausbruch von Corona ist mein Leben natürlich sehr dienst- und arbeitslastig. Es gibt kein Wochenende mehr, an dem ich nicht meine Mails durchgehe oder die neuesten Zahlen und Informationen zu Corona checke.

Gleiches erwarten Sie von Ihren Mitarbeitern wirklich nicht?

Natürlich habe ich auch an meine Mitarbeiter eine Erwartungshaltung, denn anders geht es in einem so großen Betrieb nicht. Es muss einfach funktionieren. Auf der anderen Seite habe ich gegenüber meinen Mitarbeitern eine Fürsorgepflicht. Das ist Teil meines Verständnisses als Führungskraft. Ich halte mich für keine gewöhnliche Führungskraft, weil Fürsorge und Befindlichkeit der Mitarbeiter für mich ganz wesentliche Faktoren sind und ich mich wirklich dafür interessiere, wie es ihnen geht. Meine tiefe Überzeugung ist, dass sich die Mitarbeiter wohlfühlen sollten, dass es ihnen gut gehen muss und dass die Arbeitswelt auch zusammenpassen sollte mit dem, was sie an anderen, privaten Belastungen und Anforderungen haben. Wenn man hier das richtige Maß findet, dann arbeiten die Menschen am effektivsten und sind zufrieden. Von daher habe ich kein fixes Anforderungsprofil, sondern es wächst an der Realität. Allerdings habe ich durchaus schon Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gefühlt an ihre Grenzen gefordert, aber ich habe an mich selbst den Anspruch, diese Grenze nicht zu überschreiten. Ich will nicht, dass sich jemand komplett aufopfert und letztlich Schaden nimmt durch seine Arbeit.

Wie halten Sie es mit der eigenen Work-Life-Balance?

Wahrscheinlich antworte ich jetzt anders als mein Mann es tun würde. Ich habe wirklich einen extrem geduldigen Mann, der meine Arbeitsauffassung akzeptiert und sehr stoisch damit umgeht, wenn ich mal später heimkomme oder am Wochenende plötzlich an den PC verschwinde. Persönlich habe ich schon das Gefühl, das richtige Maß zu halten. Unsere sechs Kinder sind glücklicherweise alle gesund und erwachsen, so dass ich mir es von der persönlichen Situation leisten kann, 50 bis 60 Stunden oder mehr pro Woche für die Arbeit aufzubringen. Das ist mir wichtig, weil es die aktuelle Situation auch verlangt.

Ihre Familie nimmt das also mahn- und klaglos hin…

Na ja, meine Kinder und mein Mann machen gelegentlich Bemerkungen, dass ich weniger arbeiten sollte, aber letztlich leidet aktuell niemand hart darunter, dass ich gerade so viel arbeite.

Wenn Sie dann doch mal abschalten, wie regenerieren Sie am besten?

Das Wichtigste für mich ist meine Familie und die soziale Umgebung. Meine älteste Tochter hat zwei Kinder und lebt eigentlich in Hamburg. Momentan ist sie aber quasi Dauergast hier im Süden. Deshalb habe ich im Schnitt einen Tag pro Woche die Enkel bei mir. Meine Enkelin ist vier Jahre alt, ihr Bruder ist drei, beide sind sehr lebendig und aktiv. Sind sie bei mir, gehöre ich voll und ganz ihnen.

Neben der Fachliteratur lese ich jeden Tag in Büchern, die ich gerade spannend finde, selbst wenn es nur wenige Seiten sind. Außerdem bin ich eine leidenschaftliche Brett- und Kartenspielerin. Mit meinem Mann spiele ich häufig zwei Klassiker: Carcassonne und Phase 10, neu entdeckt haben wir jetzt das Kartenspiel SKYO. Ich mag Spiele, die mehrdimensional und strategisch sind. Einmal pro Woche spielt meine Tochter mit ein paar Verwandten online Cluedo, da habe ich mich schon mehrfach eingeklinkt.

Sport treiben Sie nicht?

Doch, natürlich betätige ich mich sportlich. Zweimal pro Woche fahre ich mit dem Fahrrad von daheim in Freudental bis nach Ludwigsburg und wieder zurück, das sind rund 20 Kilometer pro einfache Strecke. Einmal pro Woche jogge oder walke ich mit einer Freundin. Im Alltag vermeide ich bewusst Aufzüge und Rolltreppen, um mich mehr zu bewegen.

Corona dominiert derzeit Ihren Arbeitsalltag. Haben daneben noch andere Themen Platz?

In Ludwigsburg bin ich zusätzlich zuständig fürs Veterinäramt, was für mich Neuland ist. Wir haben immer wieder Tierschutzfälle und zuletzt die Geflügelpest, wo wir hurtig handeln mussten. Aber auch Tuberkulose oder das Tigermückenproblem in Korntal-Münchingen beschäftigen uns aktuell. Es tauchen ebenso immer wieder andere meldepflichtige Erkrankungen auf, um die wir uns kümmern müssen. Dazu kommen Veranstaltungen, zuletzt zu Todesbescheinigungen und zum Masernschutzgesetz.

Sie haben früher in Praxen für Allgemeinmedizin direkt am Patienten gearbeitet, aber Ihren Facharzt für Gesundheitswesen gemacht und sind dann in den Öffentlichen Gesundheitsdienst gewechselt. Vermissen Sie die Arbeit am Patienten oder wäre das auf Dauer nichts für Sie gewesen?

Doch, ich bin ziemlich sicher, dass mir die Arbeit in einer Praxis sehr gut gefallen hätte, denn ursprünglich wollte ich Internistin werden. In den Öffentlichen Gesundheitsdienst bin ich gewechselt, als mein erstes Kind zweieinhalb Jahre alt war und dieser Wechsel familiär die beste Lösung war. Die Arbeit dort war mir weitestgehend fremd, aber ich habe dann schnell Feuer gefangen für diesen Fachbereich. Individualmedizin fasziniert mich nach wie vor und ich wende sie im kleinen Familienkreis auch durchaus an. Ich habe auch viele Jahre ein Kinderferienprogramm medizinisch betreut als Lagersanitäterin. Dann habe ich im Öffentlichen Gesundheitsdienst sehr viele Jahre Einschulungsuntersuchungen oder Begutachtungen durchgeführt, die ebenfalls zur Individualmedizin gehören, eben nur ohne individuelle Behandlung.

Weshalb haben Sie für den Fachbereich öffentliche Gesundheit Feuer gefangen? Was fasziniert Sie an dieser Arbeit?

Mir gefällt der große Gedanke. Richtig beseelt bin ich von der Primärprävention, die für mich die „goldene Disziplin“ ist. Das heißt, Erkrankungen zu verhindern und darauf hinzuarbeiten, dass die Menschen ein gesundes, selbstbestimmtes, positives Leben führen. Man kann da strukturell sehr viele Dinge durch Verhaltens- und Verhältnisprävention tun, indem man aufklärt und gleichzeitig die dafür notwendigen Lebensbedingungen schafft, damit gesundheitsförderliches Verhalten nahegelegt wird. Das ist ein ganz breites Feld, das wir in Baden-Württemberg versuchen, durch verpflichtende kommunale Gesundheitskonferenzen in allen Landkreisen auf die kommunale Ebene zu projizieren. Dabei wird überlegt, was man in einer Kommune tun kann, um Menschen zu gesunder Lebensweise anzuregen. Das finde ich richtig spannend, denn das beginnt bei der Anlage eines Baugebiets, geht über individuelle Angebote bis hin zu strukturellen Fragen. Beispielsweise, wie bekomme ich einen Landarzt dorthin, wo er benötigt wird? Wie schaffen wir es, dass sich die Kinder in der Schule gesund ernähren? Was können wir tun, damit sich ältere Menschen mehr bewegen? Unsere drei großen Themen sind: Ernährung, Bewegung und soziales Miteinander. Schon allein das hinzukriegen ist ein Lebenswerk. Wenn das aber gut gelingt, werden die ganzen Lebensstil-assoziierten Erkrankungen wie zum Beispiel Diabetes oder Erkrankungen, die mit dem Bewegungsapparat zu tun haben, vermindert.

Wenn man Sie so hört, darf man davon ausgehen, dass Sie selbst keine gesundheitsschädlichen Laster haben.

Leider bin auch ich immer wieder Opfer meiner Gelüste und kenne meine Schwachstelle „Essen“ sehr gut. Ich esse sehr gerne und viel Süßes, ich esse überhaupt gerne zu viel. Aber ich toleriere durchaus meine eigenen Schwächen und sage mir, dass es schlimmere Probleme gibt.

Kommen Sie bei Ihrem Arbeitsaufwand noch dazu, selbst am Herd zu stehen und dabei auf gesunde Ernährung zu achten?

Nein, mein Mann musste sich damit abfinden, dass er keine Hausfrau geheiratet hat. Ich koche nur im absoluten Ausnahmefall und putze so gut wie nicht. Es ist für mich zudem eine Zeitfrage. Das Kochen hat mein Mann übernommen, auch am Wochenende. Er macht das ganz gern und auch sehr gut. Dafür lobe ich ihn, denn ich schätze das sehr. Dafür mache ich neben meinem Job noch sehr viel ehrenamtliche Arbeit. Vielleicht entdecke ich das Kochen später, wenn ich irgendwann mehr Zeit habe.

Nochmal zurück zu Corona: Zum jetzigen Zeitpunkt unseres Gesprächs liegt der Inzidenzwert bei 206,1. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation im Kreis Ludwigsburg?

Es ist besorgniserregend, denn die Entwicklung ist wirklich problematisch. Wir müssen unbedingt von den hohen Zahlen runter, es steht auf Messers Schneide. Momentan ist alles noch kompensierbar, aber wenn das Virus, aus welchen Gründen auch immer, exponentielles Wachstum aufnimmt, dekompensiert das System. Der wichtigste Indikator für mich ist die Belegung und die Kapazität von Intensivbetten und das wird wirklich immer knapper. In Ludwigsburg sieht es noch relativ gut aus, aber andere Kliniken melden bereits Notstand. Derzeit liegen vermehrt jüngere Menschen mit längerer Verweildauer auf Intensivstationen. Wenn wir jetzt nicht ganz schnell von den hohen Zahlen runterkommen, steuern wir geradewegs auf eine Versorgungsproblematik zu. Diese „englische Variante“ ist eigentlich ein neues Virus, das alles nochmals losgetreten hat mit problematischeren Eigenschaften, insbesondere einer leichteren Übertragbarkeit als das ursprüngliche Virus.

Seit letztem Wochenende gibt es eine Bundesnotbremse. Sind Sie mit den neuen und vor allem bundesweiten Einschränkungen einverstanden?

Was ich sehr begrüße und für den größten Gewinn halte, ist die Bundeseinheitlichkeit und deren Klarheit. Beides ist sehr wichtig für die Akzeptanz. Ich merke im privaten sowie beruflichen Umfeld, dass die Menschen es einfach nicht verstehen, dass die Situation nicht besser wird und sie sich weiterhin so einschränken müssen, was aber anscheinend nichts bringt. Auch die unterschiedlichen Handhabungen der Bundesländer verstehen die Menschen nicht. Ob die Maßnahmen der Bundesnotbremse ausreichen, werden die nächsten Wochen zeigen. Beim alten Virus wären die Maßnahmen ausreichend, ob sich aber der B1.1.7, die englische Virus-Mutante, so eindämmen lässt, damit wir den R-Wert unter Eins bekommen, bleibt abzuwarten.

Ist die Corona-Politik in Berlin und auf Landesebene für Sie vor Ort hilfreich oder eher hinderlich?

Es ist immer die Frage, was überwiegt. In der Corona-Bewältigung gab es in Bundes- und Landespolitik Phasen, in denen die fachlichen Argumente überwogen haben, und dann gab es Phasen, in denen andere Aspekte – beispielsweise politischer oder juristischer Art – wichtiger wurden. Ich habe bei Bundes- oder Landespolitik immer dann ein Problem, wenn das Leitende nicht die fachlichen Argumente ist. Dann wird es in meinen Augen immer schwierig.

Der Inzidenzwert, der den Besuch der Schule regelt, liegt bei 165 pro 100.000 Menschen an sieben Tagen. Halten Sie diesen Richtwert für angemessen oder liegt er zu hoch?

Die Inzidenzzahl 165 ist willkürlich, es gibt dafür keine wissenschaftliche Basis. Es kommt natürlich auch immer darauf an, wie man den Unterricht und die Kinderbetreuung durchführt. Und da haben wir sehr viel gelernt, so dass wir Ausbrüche in Einrichtungen durch Einsicht und gute Mitarbeit der Lehrer, Erzieher und Betreuer gut abgrenzen können. Es ist bekannt, dass ich eine große Befürworterin bin, die Schulen und Kitas so früh wie möglich zu öffnen und möglichst lange offen zu lassen. Vor allem im Kita- und Grundschulbereich hat eine zu lange Schließung weitreichende Folgen. In diesem Alter beziehen Kinder alles auf sich, weshalb ich es für schwierig halte, ein Kind als Gefahr zu erfassen und darzustellen. Für eine gesunde Entwicklung brauchen Kinder unbedingt andere Kinder, die ich als Erwachsener daheim nicht ersetzen kann. Deshalb muss man hier einfach die Maßnahmen und das Kindeswohl abwägen. Richtig ist, dass beim B1.1.7 Kinder eine große Rolle spielen. Wir hatten noch nie so hohe altersspezifische Inzidenzen bei Kindern wie zurzeit. Das Offenlassen von Schulen und Kitas darf nicht dazu führen, dass uns die Pandemie aus dem Ruder gerät. Insofern halte ich die Schließungen aktuell für eine wirksame und vertretbare Maßnahme. Trotzdem würde ich persönlich ehrlicherweise lieber andere Bereiche einschränken.

Welche Einschränkungen wären Ihrer Ansicht nach sinnvoller?

Der Schlüssel ist Kontaktbeschränkungen und die sollten wir ausschöpfen. Das bedeutet, kontaktlos in den Unternehmen und Betrieben zu arbeiten, wo immer das möglich ist. Ich selbst habe bei Lebensmitteleinkäufen Situationen erlebt, die weit entfernt von den notwendigen Abständen waren, wo es viel zu eng und zu voll war. Auch beim öffentlichen Nahverkehr läuft es nicht immer optimal, vor allem dann nicht, wenn Busse und Bahnen voll werden. Da es dort keine vorgeschriebenen Sitzplatzregeln gibt, müssen es die Fahrgäste selbst regeln und das klappt häufig nicht. Das könnte alles optimiert werden.

Kann man konkret sagen, wo die meisten Infektionen stattfinden?

Nein, bei einem großen Anteil der Infektionen wissen wir nicht, woher sie kommen. Das Dunkelfeld ist auch genau das, was uns von Anfang an Probleme macht. Den Feind, den man sieht, kann man bekämpfen. Aber wenn man ihn nicht kennt, wird es schwierig. Bei hohen Inzidenzen muss man letztlich davon ausgehen, dass jeder positiv sein könnte, der einem näher als 1,50 Meter kommt.

Das Blühende Barock darf wieder öffnen. Befürworten Sie diese Entscheidung?

Das Blühende Barock liegt mitten in der Stadt und stellt eine Möglichkeit zur Naherholung dar, wo Menschen zu Fuß hingehen und sich im Freien bewegen können. Von daher befürworte ich die Öffnung, denn ansonsten nimmt man einen großen Freiraum weg, in dem man sich bei Einhaltung der Hygieneregeln mit einem geringen Infektionsrisiko draußen bewegen kann. Als das BlüBa zu war, bin ich regelmäßig mit dem Fahrrad durch die Bärenwiese gefahren und dort war es sehr voll. Durch das geschlossenen BlüBa wurde die verfügbare innerstädtische Grünfläche offensichtlich mehr frequentiert. Deswegen macht es für mich Sinn, Parkanlagen wie das Blühende Barock für eine kontrollierte Naherholung bei entsprechenden Hygienekonzepten wieder aufzumachen.

Um die Pandemie zu bekämpfen, sind die Infektionszahlen die eine Säule, eine andere ist das Impfen. Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung der Impfzahlen bei uns im Kreis? Derzeit liegen wir bei etwas über 65.000 Personen.

In dieser Zahl nicht erfasst sind die Impfungen in den Hausarztpraxen und die Impfungen, die unsere Bürgerinnen und Bürger in einem anderen Landkreis erhalten haben. Von daher zeigt diese Zahl nicht die wirkliche Durchimpfung im Landkreis Ludwigsburg, denn es sind definitiv mehr Menschen hier geimpft. Richtig zufrieden bin ich dennoch nicht. Wir haben noch immer zu wenig Impfstoff und sind gefühlt zu langsam. Das nimmt jetzt allerdings Fahrt auf und ich bin überzeugt, dass die Impfung der richtige Weg aus der Pandemie ist. Wenn wir allerdings zu langsam impfen, riskieren wir, dass uns das Virus doch wieder ein Schnippchen schlägt. Wenn es sich so verändert, dass die Impfung nicht oder nicht vollständig schützt, dann laufen wir in die nächste Problematik.

Dominiert die britische Virusvariante auch in Ludwigsburg das Geschehen?

Lange war dies nicht so, doch inzwischen haben wir auch hier im Kreis Ludwigsburg überwiegend die britische Variante.

Sie gehören zu den VIPs im Gesundheitswesen. Sind Sie somit schon geimpft?

Letzte Woche hatte ich meine erste Impfung. Ich wollte eigentlich ganz bewusst AstraZeneca, weil ich diesen für einen guten Impfstoff halte, aber weil ich noch unter sechzig bin, habe ich Moderna bekommen. Ich habe alles gut vertragen und hatte nur ganz leichte Impfnebenwirkungen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch und bleiben Sie gesund.

„Jens Spahn hat für mich jegliche Reputation verloren“ – Konrad Seigfried im Interview mit Ludwigsburg24

Der Countdown läuft für Konrad Seigfried, denn am 30. April feiert der Erste Bürgermeister der Stadt Ludwigsburg seinen Abschied aus dem Amt. Nach 45 Jahren Berufstätigkeit und davon 15 Jahre erfolgreiches Wirken in der schwäbischen Barockstadt, tritt er nun in den verdienten Ruhestand. „Mal schauen, was der 1. Mai so für mich bereithält“, sagt er schmunzelnd, denn gedanklich so richtig vorbereitet auf den neuen Lebensabschnitt hat er sich anscheinend noch nicht. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht er jedenfalls zum Abschluss seiner Diensttätigkeit nochmal richtig Klartext.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Seigfried, freuen Sie sich auf den Ruhestand oder graut Ihnen eher davor?
Weder freue ich mich, noch graut mir davor. Ich bin noch voll im Arbeitsprozess und werde dies auch bis zum letzten Arbeitstag bleiben. Für Vorfreude oder Trauer habe ich keine Zeit. Ich merke aber, dass die Zeit langsam knapp wird, denn auf meinem Schreibtisch liegt noch so viel, was ich erledigen möchte, weil ich gerne eine solche Aufgabe geordnet übergebe. Allerdings ist das Ende schon spürbar eingeläutet. Gestern bin ich vom Integrationsrat verabschiedet worden. Auf meinem Tisch steht das Abschiedsgeschenk – ein großer Korb, der von allen Mitgliedern des Integrationsrates mit schönen Kleinigkeiten, die jeweils ihr eigenes Land repräsentieren. Das finde ich richtig schön und hochinteressant. Ich liebe den Austausch und bin den Menschen von jeher sehr zugewandt. Von daher war der Bürgermeister-Job für mich immer ideal.

Haben Sie sich mit dem Ruhestand gedanklich überhaupt schon auseinandergesetzt?
Vor einiger Zeit habe ich mich durchaus mit diesem Umstand beschäftigt und mich mit dieser Tatsache vertraut gemacht, wobei ich jetzt mal gespannt bin auf die Realität. Meine ganze private Umgebung hat Sorge, was nach dem 30. April passiert und fragt sich: Kommt er damit zurecht? Ich selbst bin optimistisch.

Wie stellen Sie sich die Zeit ab Mai vor?
Ich habe noch gar keine Pläne, sondern möchte künftig die Dinge tun, die ich bislang auch gerne mache. Ich werde weiterhin meinen Interessen frönen, nur jetzt eben ohne den Druck eines Terminkalenders. Ich fahre beispielsweise gerne Rennrad. Derzeit muss ich das immer irgendwo dazwischen quetschen, entweder Indoor nachts oder je nach Gelegenheit eben am Wochenende draußen. Demnächst fahre ich Rad, wenn ich Lust dazu habe.

Gibt es weitere Hobbys oder Interessen für den Zeitvertreib?
Ich bin historisch sehr interessiert, bin unternehmungslustig, reise gerne und werde mich auch weiterhin mit unserem Förderkreis für Burkina Faso engagieren. Außerdem nehme ich noch das eine oder andere ehrenamtliche Engagement wahr. Ich habe das Gefühl, einerseits viel Zeit dazu zu gewinnen für meine Familie, meine Frau und mich, und auf der anderen Seite bin ich jemand, der gerne etwas zurückgibt. Meine Aufgaben und die Gesellschaft haben mir sehr viel gegeben, um sie werde ich mich auch in der Zukunft kümmern, nur eben aus einem anderen Blickwinkel heraus und mit weniger Verpflichtungen.

Welche ehrenamtlichen Engagements liegen Ihnen neben Burkina Faso besonders am Herzen?
Das wären die Themen ‚Fairer Handel oder ‚Synagogenkreis‘. Den Rest lasse ich auf mich zukommen.

Denken Sie nicht doch manchmal mit ein bisschen Magengrummeln an den Ruhestand?
Solche Momente gibt es natürlich gelegentlich. Ich blicke auf 45 Jahre Berufstätigkeit zurück, 25 Jahre davon als Dezernent und Bürgermeister, in denen ich sehr eingebunden war und viel öffentliche Aufmerksamkeit hatte. Das war manchmal lästig, oft aber auch schön, deshalb bin ich selbst mal gespannt darauf, ob mir etwas fehlen wird.

Bleiben Sie als Privatmann in Ludwigsburg wohnen?
Prinzipiell bin ich immer dorthin gezogen, wo ich gearbeitet habe. Ich wollte immer den Ort spüren, in dem ich eine Aufgabe wahrnehme. Vor Jahren schon haben wir unser Haus im Bonner Raum verkauft und wohnen jetzt in Pflugfelden. Dort werden wir auch bleiben.

Es zieht Sie also nicht ins Rheinland zurück?
Es gibt nur wenige Regionen in Deutschland, in denen ich gerne wohnen würde. Das Rheinland gehört dazu, ich habe nur positive Erinnerungen daran. Mir wurden dort gute berufliche Perspektiven geboten und es ist eine Region, in der Menschen sehr gut ankommen können und bestens aufgenommen werden. Wir haben den Karneval dort kennen und lieben gelernt und wir lieben auch das etwas leichtere Leben im Rheinland. Es ist eine Gegend, die mir vertraut bleibt, da ich auch noch viele, viele Freunde dort habe und auch meine Tochter, eine Richterin, lebt mit ihrer Familie dort. Somit bleiben wir dem Rheinland verbunden, aber unsere Heimat ist Ludwigsburg.

Wechseln wir mal zum aktuellen Thema Corona-Politik: Was geht Ihnen als Erstem Bürgermeister und Bürger unserer Stadt durch den Kopf, wenn Sie die Diskussion und Beschlüsse rund um den Oster-Lockdown verfolgen.
Man sollte nicht in elend langen Nachtsitzungen irgendwelche Beschlüsse fassen, die man nicht zu Ende gedacht hat. Mein Credo lautet bei allem, was ich tue: Bedenke das Ende! Und wenn ich mitkriege, dass dieser Gründonnerstag geplant wurde, ohne zu wissen, wie man ihn rechtlich umsetzt, dann nenne ich das eine klassische Fehlleistung, ein absolutes No-Go. Das führt zu Irritationen und ist nicht zu verantworten. Bislang habe ich die verfolgte Pandemie-Strategie immer mitgetragen und hier vor Ort umgesetzt. Den Low Down im Herbst fand ich zu wenig, da hätte man meiner Meinung nach härter einsteigen sollen. Aber was ich überhaupt nicht verstehen kann ist diese ständige Kakophonie, die man uns bietet. Damit meine ich diese ständig unterschiedlichen Botschaften. Irgendwann kann ich sie meinen Bürgern auch nicht mehr vermitteln und sie fürs Mitziehen gewinnen.

Wo genau liegt da das Problem? Ist es eher inhaltlich bedingt oder liegt es daran, wie es kommuniziert wird?
Beides trifft zu. Wir haben keine klar erkennbare Strategie, was sich daran erkennen lässt, dass es ständig Ankündigungen gibt, die entweder nicht umgesetzt werden oder nicht umsetzbar sind. Denken wir nur mal an die Problematik mit der Impfstrategie, in der sich Bund und Länder in nichts nachstehen. Wenn ich ankündige, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt Tests gibt, dann muss ich entsprechend vorher was dafür tun oder ich sage es erst gar nicht. Dazu kommt ein doppeltes Kommunikationsproblem. Heutzutage habe ich doch sofort eine Schlagzeile, wenn ich irgendwas raushaue. Und auf dieser Klaviatur spielen im Moment alle. Um 7.30 Uhr äußert sich Herr Lauterbach, um 7.35 Uhr der Vertreter der Intensiv-Ärzte, um 7.40 Uhr hat der Nächste was Schlagzeilenverdächtiges zu verkünden. Und die Medienwelt reagiert auf das alles prompt und trägt jede Information sofort nach außen. So kann man keine Bevölkerung informieren. Die Hauptverantwortung für die schlechte Kommunikation liegt jedoch klar bei den Verantwortlichen in der Politik. Ich sage aber auch: Ohne jemandem zu nahe zu treten, möchte ich den Kindergarten der Ministerpräsidenten nicht hüten müssen.

Woran liegt es, dass Deutschland gefühlt nichts geregelt bekommt. Sind unsere Politiker unfähig, sind sie einfach nur überfordert oder ist die Problematik so komplex, dass es gar nicht funktionieren kann? Wo liegt die Ursache für dieses Chaos?
Wir haben die Pandemie lange in einer Art und Weise bewältigen können, dass bei uns eben kein Bergamo entstanden ist, dass bei uns keine Triage wie in Straßburg durchgeführt werden musste, dass bei uns kein Massensterben eingesetzt hat und dass selbst die vulnerablen Gruppen relativ gut durchgekommen sind. Das ist die positive Seite. Die negative ist die, dass für eine Pandemiesteuerung der Föderalismus schädlich ist. Wir brauchen rechtlich eine andere Pandemieregelung, denn die aktuelle macht keinen Sinn. Es geht beispielsweise nicht, dass die Kulturhoheit hochgehalten wird, denn es geht hier nicht um Schulpolitik, sondern um Pandemiebekämpfung. Und da kann man nicht in sechzehn Bundesländern sechzehn unterschiedliche Strategien fahren. Pandemiebekämpfung ist Notstand und Notstand bedarf anderer Regeln als fröhliche Tänze auf der Kulturhoheit über Schulschließungen oder Maskenpflicht zu führen. Wir sprechen über einen Virus und der treibt in jedem Bundesland gleichermaßen sein Unwesen. Für solche Katastrophen brauchen wir andere Instrumente.

Haben Sie noch weitere Kritikpunkte?
Weg muss auch der Verlautbarungspolitikstil, damit man nicht irgendwelche Botschaften einfach nur raushaut. Für diesen Stil steht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, der für mich jegliche Reputation verloren hat, aber auch viele andere Ministerpräsidenten und Politiker stehen für diesen Stil. Ein weiterer Punkt, der sich jedoch nur schwer erklären lässt, ist der Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit. Warum dürfen die Menschen nach Mallorca in Urlaub fliegen, aber bei uns im eigenen Land ist Urlaub verboten. Wir sind ein Rechtsstaat, in dem man auf bestimmte Dinge klagen kann. Und rein rechtlich ist es eben nicht möglich, jemandem zu verbieten, ins Ausland zu fliegen, denn dafür gibt es keine Rechtsgrundlage. Aber ich kann dagegen bestimmte Regelungen im eigenen Land schaffen und die Öffnung der Gastronomie und Hotellerie verbieten. Das hat mit Gerechtigkeit nichts zu tun und ist natürlich schwer vermittelbar.

Haben Sie Mitleid mit der Kanzlerin?
Ja, denn eigentlich hatte sie immer recht. Frau Merkel hatte eine Strategie, die deutlich schärfer war und wir alle, mich eingeschlossen, haben uns von dem Sommer blenden lassen, der super verlief. Wir alle wussten doch, dass wir es mit einer Pandemie zu tun haben und dass Pandemien einen deutlich längeren Verlauf haben. Wir hätten auf die Erfahrungen früher Pandemien wie die Spanische Grippe zurückgreifen müssen. Frau Merkel wollte das.

Ärgern Sie sich, dass Sie als Kommune ausbaden müssen, was Bund und Länder falsch machen, wie z.B. leere Impfzentren, weil nicht genügend Impfstoff beschafft wurde?
Da bin ich zurückhaltender in der Kritik, denn ich weiß auch, wo wir mal Fehler gemacht haben, und ein Dritter sagt, dass hätten die aber früher wissen müssen. Nehmen wir das Beispiel Impfstoff. Es ist doch unglaublich, was Firmen in so kurzer Zeit geleistet haben, um Impfstoff zu besorgen. Und jetzt im Nachhinein zu sagen, da hätte man früher größere Mengen bestellen müssen oder Optionen bei Impfstoffen, die noch in der Entwicklung waren, das finde ich schwierig. Heute würde ich dem natürlich zustimmen, aber der Prophet ist immer dann am klügsten, wenn Ereignisse eingetreten sind.

Was bedeutet denn die ganze Situation für Ludwigsburg?
Wir sind nicht nur abhängig davon, was der Bund beschließt und das Land letztlich in die Corona-Verordnung schreibt, wir sind immer auch noch abhängig von dem, was der Landkreis tut. Wir sind keine kreisfreie Stadt. Wenn wir beispielsweise ein Maskengebot in der Innenstadt verhängen wollen, dann können wir das nicht ohne die Zustimmung vom Kreis. Wir sind somit fast ein rein ausführendes Organ und unsere Möglichkeiten für eine eigene Strategie sind sehr, sehr gering.

Dennoch bekommen Sie die Wut der Bürger zu spüren. Wie gehen Sie damit als Politiker und Mensch um?
Das gehört zu einem solchen Job dazu. Ich bekomme diese Wut ab, wenn Kindergartenplätze fehlen, wenn etwas in einem meiner Ämter schiefläuft und kann damit professionell umgehen.

Aber momentan wird die Wut der Menschen sehr viel schärfer, persönlicher und durchaus auch gefährlicher…
Das erlebe ich im Augenblick so unmittelbar nicht. Da habe ich schon Härteres erlebt, nehmen Sie nur mal die Flüchtlingskrise, als wir die Unterbringung von Flüchtlingen umgesetzt haben. Da habe ich geschätzt bis zu 25 Bürgerversammlungen gemacht, auf denen ich härter, direkter und menschenverachtender angegangen wurde.

Wo sehen Sie momentan die größten Herausforderungen für die Stadt Ludwigsburg?
Die Pandemiebekämpfung wird uns noch einige Monate beschäftigen. Unsere massivsten Herausforderungen der nächsten Jahre in Ludwigsburg liegen darin, dass wir einen Neustart hinkriegen für den gewonnenen Vorsprung auf diversen Feldern, auf denen wir gute Qualität entwickelt haben wie beispielsweise im Ausbau des Bildungs- und Betreuungssystems, in der Kultur, beim wirklichen herausragenden bürgerschaftlichen Engagement in unserer Stadt. Soweit es möglich ist, arbeiten wir in der Vorbereitung bereits daran. Und an den anderen Aufgaben hat sich nichts verändert: Kampf um die Innenstadt, Förderung des Einzelhandels, Rückgewinnung der Urbanität, das Thema der Mobilität und des knappen Wohnraums. Auch da arbeiten wir beständig im Hintergrund an der Vorbereitung und Durchführung. Wir haben unter anderem noch ein gigantisches Schulbauprogramm vor uns, wir stehen vor einem Stadtumbau an mehreren Stellen wie dem Bahnhof oder der ZOB. Da liegen große Aufgaben vor uns bei gleichzeitig schwieriger werdenden finanziellen Rahmenbedingungen. Da beneide ich meine Nachfolgerin nicht. So ein bisschen Lust daran mitzuwirken, hätte ich durchaus noch, aber ich werde lernen, diese Lust zu zügeln.

Seit August 2006 sind Sie in Ludwigsburg Bürgermeister. Blicken wir mal in die Vergangenheit, auf was sind Sie besonders stolz?
Da gibt es große und kleine Dinge. Für mich war der Ausbau der schulischen und frühkindlichen Bildung ein Riesenthema. Eigentlich war meine Zeit hier ein riesengroßes Bauprogramm mit diversen Schulen. Was mir richtig am Herzen lag war die frühkindliche Bildung und da bin ich richtig stolz auf unser Konzept der Kinder- und Familienzentren, auf unsere Kindernester, unser Sprachförderprogramm und so ein richtiger Schlüssel war direkt in meiner Anfangszeit die Erschließung in der Weststadt mit der MHPArena. Wir haben damals das ganze Areal aufgeschlossen, haben den Bahnhofsdurchbruch, der über 20 Jahre gewünscht war, geschafft und haben neue Gewerbeoptionen eröffnet. Mit einem damals wirklich sehr dynamischen und inspirierenden OB, einer klasse aufgestellten Bauabteilung, mir als Sportdezernenten und den MHP-Riesen haben wir innerhalb kürzester Zeit ein Projekt auf die Beine gestellt. Das war genial und hat richtig Spaß gemacht.

Zu Ihrem alten Chef Werner Spec sollen Sie mal gesagt haben: „Werden Sie eigentlich nie müde?“ Sie sollen ihm geraten haben, gelegentlich innezuhalten, damit andere aufschließen können. Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen dem damaligen und dem heutigen Oberbürgermeister?
Das ist eine schwierige Frage. Werner Spec war ein unglaublich dynamischer OB, der aus der Verwaltung kam und die Klaviatur der Verwaltung und Steuerung einer Stadt hervorragend beherrschte. Dabei hat er viel Reibung erzeugt, die letzten Endes trotz hervorragender Leistungen in der Bevölkerung zu seiner Abwahl geführt hat. Der neue OB Matthias Knecht ist ein unglaublich kommunikativer Mensch, ein guter Oberbürgermeister, der aber einen ganz anderen Ansatz hat, ganz andere Voraussetzungen mitbringt und daher einen ganz anderen Stil prägen wird.

Sie kamen bzw. kommen mit beiden klar?
Ja, ich kann mit beiden gut. Wenn ich schon einen Chef habe, dann will ich ihn auch respektieren können und Werner Spec konnte ich respektieren. Und Dr. Knecht kenne ich ja schon lange als Stadtverbandsvorsitzenden, insoweit war auch das Vertrauen da. Eines ist mir sehr wichtig: Ich lege großen Wert auf gegenseitige Loyalität. Die stimmte bei Spec – anders, und die stimmt auch bei Knecht.

Sie sagten eben: „Wenn ich schon einen Chef habe…“ Hat es Sie nie gereizt, selbst einmal die Number One zu sein?
Ja, ich habe tatsächlich einmal darüber nachgedacht, aber ich bin auch Familienernährer. Das klingt jetzt komisch, hat aber etwas mit den Eigentümlichkeiten der Versorgung von Wahlbeamten zu tun. Konkret bedeutet das: Wäre ich irgendwo als Oberbürgermeister angetreten und nach einer Amtsperiode nicht wiedergewählt worden, wären mir meine Jahre davor nicht angerechnet worden und ich hätte keine Versorgungsansprüche mehr gehabt. Das wollte ich meiner Familie nicht antun.

Was macht für Sie als Privatmann Ludwigsburg so lebens- und liebenswert?
Aufgewachsen bin ich im Großraum Ludwigshafen-Mannheim und wurde dann zum Zivildienst in eine Kleinstadt geschickt. Das habe ich damals als unglaublich bereichernd für mich erlebt, weil ich diese Kleinstadt komplett erfassen konnte. Ludwigsburg bietet mir diese Wahrnehmbarkeit ebenfalls. Ludwigsburg hat kleinstädtische Züge, zum Beispiel wenn ich samstags auf den Markt gehe, und bietet mir aber gleichzeitig ein Angebot wie in einer viel, viel größeren Stadt – kulturell, von der Urbanität her, von den vielen verschiedenen Möglichkeiten hier. Das hat mich von Anfang an fasziniert. Als ich anfangs hier noch allein gelebt und meinen Kindern von Ludwigsburg erzählt habe, sagten sie, ich wäre regelrecht verknallt in die Stadt. Und diese Liebe hat bis heute gehalten. Zum Einstieg in die Rente gönne ich mir deshalb einen kleinen Elektroroller eines Berliner Startup-Unternehmens. Ich freue mich schon drauf, mit diesem Roller auf den Marktplatz zu fahren und dort die Urbanität zu genießen, wenn man dann hoffentlich wieder draußen sitzen kann.

Der Marktplatz ist also einer Lieblingsecken der Stadt?
Absolut, denn auf dem Marktplatz kann man Stadtleben sehen. Der Markt selbst und wenn Sie zu bestimmten Zeiten hingehen, haben Sie auf der einen Seite des Brunnens eine italienische Fraktion, auf der anderen Seite eine türkische, dazwischen je nach Tageszeit junge Familien, Mütter oder Väter mit ihren Kindern, junge und alte Menschen. So stelle ich mir Urbanität vor. Aber ich entdecke auch noch immer neue Stellen der Stadt, die mir bislang noch nicht so bekannt waren. Ludwigsburg ist eine Stadt mit sehr vielen Nischen. Sie glauben gar nicht, wie viele Glaubensgemeinschaften es bei uns gibt, oder wie viele migrantische Vereine, die nochmal kleine Welten in der großen Welt sind. Das ist total interessant und hochspannend.

Eine letzte Frage zum Abschluss: Lassen Sie sich impfen?
Ja, ich werde mich impfen lassen, auch mit AstraZeneca, da habe ich keine Bedenken.

Herr Seigfried, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen für Ihren Ruhestand alles Gute.

„Man schläft nicht mehr so tief wie früher und man macht sich viele Gedanken“ – Volker Schoch im Interview

Volker Schoch ist als Geschäftsführer der Bietigheim Steelers GmbH in Zeiten von Corona mehr gefordert denn je. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht der 55-Jährige über die sportliche Situation der Steelers und die großen Herausforderungen in der aktuellen Saison.

Ein Interview von Ayhan Güneş

Wie sehr werden Ihre sportlichen Erwartungen in der laufenden Saison vom Team erfüllt?
Wir sind absolut voll im Soll. Unser vorgegebenes Saisonziel war unter die ersten vier zu kommen und dort haben wir uns in den letzten Wochen etabliert. Man gewinnt in Frankfurt, wenn alle voll dabei sind. Man verliert in Landshut, wenn man nicht mehr hundert Prozent bringt und mit dem Kopf nicht mehr ganz dabei ist. Wir sind körperlich topfit und gut durch die Corona-Krise und aus der Quarantäne gekommen. Für das, was wir uns wirtschaftlich leisten können und vorgenommen haben, sind wir absolut im Soll.

Sehen Sie einen körperlichen Unterschied bei den Spielern vor und während Corona? Sind sie fitter oder weniger fit?
Unsere Spieler sind Profis, die haben sich alle ordentlich auf die Saison vorbereitet und wer keine Corona mit kritischem Verlauf hatte, ist genauso fit wie im Vorjahr. Ich würde sogar sagen, dass unsere Spieler noch fitter sind, weil wir im Sommer mehr Zeit hatten. Aber wie wir aus der Presse wissen, gibt es natürlich auch Fälle unter den Sportlern, die es richtig hart erwischt hat, die heftige Lungenprobleme haben.

Wie oft wird das Team auf Corona getestet?
Wir machen täglich eine Symptomabfrage, das bedeutet, dass jeder Spieler, bevor er zu uns in die Arena kommt, von zu Hause aus einen Onlinebogen ausfüllen muss. Wenn er Symptome hat, bleibt er zu Hause und wird getestet. Wenn er negativ ist, darf er kommen, fällt der Test positiv aus, muss er in Quarantäne. Dann werden alle anderen Spieler automatisch auch getestet.

Ligaverbleib, Aufstieg oder sogar Oberliga – wie lautet Ihre Prognose?
Unser Ziel ist es, wirtschaftlich zu arbeiten. Das bedeutet konkret, zu sparen und nur dort Geld auszugeben, wo es notwendig ist. Im Moment haben wir bei den Sponsoren ein Minus von 30 Prozent zum Vorjahr, dazu fehlen Zuschauereinnahmen aus VIP-, Dauer- und Tageskarten in Höhe von 1,27 Millionen Euro. Ich hoffe deshalb auf weiterhin positive Signale unserer Sponsoren, und darauf, dass sie ihre Verträge erfüllen, trotzdem wir leider im Gegenzug nicht viel an Werbemaßnahmen leisten können. Dann hoffen wir ebenso auf die staatlichen Unterstützungen, damit wir die Steelers am Ende dieser Saison in der Liga halten, alle Spieler und Rechnungen bezahlt haben und sauber aus der Saison gehen können. Der Aufstieg hängt davon ab, ob wir Meister werden, denn nur dann haben wir ja die Aufstiegsberechtigung. Den Lizenzantrag dafür haben wir gestellt und im Fall der Meisterschaft wird die DEL ihn dann prüfen, damit wir zur zugelassen werden. Wir werden dann ein Budget aufbauen, das zu uns passt. Es wird zwar nicht reichen, um sofort in der DEL Meister zu werden, aber wir werden ein Budget haben, um eine Mannschaft zu finanzieren, die in der Liga mitspielen kann.

Was ist, wenn Sie den Aufstieg nicht schaffen?
Wenn wir es nicht schaffen, dann verbleiben wir in der DEL 2 und versuchen den Aufstieg mit dem zweiten Anlauf.

Hand aufs Herz. Es muss doch Ihre oberste Priorität sein, für die Zuschauer sowie die Sponsoren aus finanziellen Gründen, den Aufstieg unbedingt jetzt schon zu schaffen.
Auf sportlicher Ebene lautet unsere Priorität, so lange wie möglich erfolgreich Eishockey zu spielen. Was am Ende dabei rauskommt ist das, was zu bewerten ist. Ich wiederhole nochmal: Wenn wir am Ende Meister sind, werden wir ein Budget aufstellen, das wir uns leisten können. Wird dieses anerkannt, steigen wir auf und dann werden wir mit diesem Budget wirtschaften müssen. Corona und die Reduzierung von Sponsorengelder betrifft ja nicht nur Bietigheim, sondern alle anderen Clubs gleichermaßen. Ebenso die Clubs, die in der DEL in der hinteren Hälfte stehen. Bei denen werden die Rosen auch nicht vom Himmel fallen. Jeder muss sich nach der Decke strecken. Wir werden die Decke so definieren, wie wir sie uns leisten können. Reicht es, ist es schön. Reicht es nicht, steigen wir wieder ab, aber so ist Sport. Wir werden zu keiner Zeit und in keiner Liga Harakiri betreiben.

Sie sind Mieter der EgeTrans Arena. Kommt die Stadt Ihnen hier entgegen?
Nein, das tut sie bislang nicht. Wir sind auch derzeit in einem ganz regulären Mietverhältnis, aber sind mit den Stadtwerken als Betreiber in Gesprächen darüber, wie wir uns gegenseitig unterstützen können, um diese schwierigen Zeiten zu überstehen.

Wie sehr belastet Sie persönlich die aktuelle Situation in der Halle?
Ein Spieltag ohne Zuschauer, ist ein besonderer Spieltag. Es fehlt die Stimmung, Emotionen finden nur noch auf dem Eis statt. Es fehlt der Geruch nach der Bratwurst oder dem verschütteten Bier, es fehlen die Menschenmassen, die sich durch die Halle schieben. Es ist niemand da, der einen in der Arena oder im VIP-Raum anspricht, es sind keine Menschen da, die einem Tipps geben, was man bessermachen muss. Es fehlt der direkte Kontakt zu Fans, Unterstützern und Kunden. Aber man gewöhnt sich sehr schnell daran. Man hält sich in der Drittelpause nicht durch eine Suppe oder ein warmes Getränk am Leben, sondern man dreht Runden durch die Halle, weil die einfach kalt ist. Es ist Eishockey einer ganz anderen Art, aber der Sport ist im Endeffekt der gleiche geblieben. Wir müssen uns sportlich so gut wie möglich präsentieren und den Menschen zeigen, dass wir auch in diesen schwierigen Zeiten den Sport ernstnehmen. Und wir müssen es wirtschaftlich darstellen können und hoffen, dass wenn sich alles wieder Richtung Normalität entwickelt, wir die Zuschauer dazu bewegen können, sich wieder Karten zu kaufen und die Sponsoren zu halten, damit es weitergeht.

Können Sie als Geschäftsführer der Steelers bei den fehlenden finanziellen Mitteln noch ruhig schlafen?
Man schläft nicht mehr so tief wie früher und man macht sich viele Gedanken, weil man Verantwortung hat für die Mitarbeiter und auch für den Standort. Man will das Eishockey weiterhin in Bietigheim etabliert haben, man will weiterhin Menschen haben, die einen zukünftig unterstützen. Deshalb muss man jetzt Zeichen setzen. Es ist uns trotz aller Auflagen bis zum heutigen Tag sehr gut gelungen, uns wirtschaftlich sauber darzustellen und die monatliche Prüfung, der wir unterliegen, immer positiv zu bestehen. Es gibt keine Mahnungen oder Anmerkungen, sondern es wird so gesehen, dass wir hier ordentlich arbeiten und den ganzen Apparat am Laufen halten. Im Moment habe ich keine Sorge, aber wir wissen natürlich nicht, was in Zukunft noch kommt. Wir müssen jeden Tag hoffen, dass die noch ausstehenden Fördermittel genehmigt und von der Regierung freigegeben werden und bei uns ankommen. Aber das betrifft nicht nur Eishockey, sondern auch Hand-, Basket- und Volleyball in ähnlichem Umfang. Aber Hoffnung ist keine Strategie. Unsere Strategie lautet ganz klar: Sparen, Kostenbewusstsein zeigen und den Kader so aufbauen, wie wir ihn uns leisten können. Wir nehmen nur das Geld für neue Spieler, das eh geplant war und versuchen dabei auch noch unter dem bereitgestellten Budget zu bleiben. Wir kaufen von dem Geld keine Spitzenspieler, sondern gehen lieber in die Breite, weil wir übers Kollektiv kommen wollen. Für uns sind Spieler interessant, die charakterlich zu uns passen und die Rolle annehmen, die wir ihnen geben. Wir haben gute Spieler und gute Trainer, die mit den Spielern und ihren Fähigkeiten umgehen können. Wir sind von unserer Mannschaft überzeugt und werden mit diesem Team die Saison beenden.

Woher nehmen Sie die Kraft, Energie und Motivation, die derzeit schwierige Situation zu stemmen?
Ich habe keine ausgefallenen Methoden, sondern versuche, die ganze Situation realistisch einzuschätzen. Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst gegenüber allen Spielern und Mitarbeitern sowie deren Vertrauen in uns. Also motiviere ich mich darüber, die Verantwortung wahrzunehmen und daran zu glauben, dass wir auch die Verpflichtung haben, den Zweiflern an unserem Tun zu zeigen, dass wir mit unserem Handeln auf dem richtigen Weg waren. Wir haben viel Kritik kassiert die letzten zwei Jahre, weil wir mit einem jungen Trainer etwas versucht haben. Leider hat er die Erwartungen nicht erfüllt, aber dieses Risiko war uns bewusst. Wir sind also nicht sehenden Auges gegen die Wand gefahren, sondern an ihr entlang geschrammt. In dem Jahr, in dem es dann wirklich um was ging, haben wir entsprechende Maßnahmen eingeleitet, die, Stand heute, uns bestätigen. Wir haben immer noch Chancen, sportlich dabei zu bleiben und auch wirtschaftlich sind wir noch voll im Rennen. Es motiviert mich zu wissen, was wir tun und dass wir alles andere als im Sinkflug sind.

Wie schalten Sie ab, um mal nicht ans harte Tagesgeschäft denken zu müssen?
Nach einem langen Arbeitstag schaue ich im Internet, was über uns geschrieben wurde und wie die Versteigerung unserer Trikots lief. Nein, Spaß beiseite: Ich wohne auf dem Land, bin sofort in der Natur und gehe deshalb wann immer möglich an die frische Luft. Ich beschäftige mich viel mit meiner Familie und versuche dabei, an etwas anderes zu denken, was aber in diesen Zeiten extrem schwierig ist. Denn die Aufgaben, die Nöte und die Folgen hängt man nicht mit der Jacke an die Garderobe. Das alles blendet man nicht so einfach aus. Man ist in der Verantwortung und das beschäftigt einen Tag und Nacht. Du wachst nachts auf und überlegst: Mensch, habe ich auch an alles gedacht, sind alle informiert, wer könnte jetzt wieder beleidigt sein oder sich übergangen fühlen? Dann geht es um die Frage der Außenwirkung und vieles mehr. Aber wir sind eben auch nicht in voller Leistungsfähigkeit, haben Kurzarbeit und arbeiten in verminderter Mannschaftsstärke, dafür aber am Limit.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?
Mein Wunsch wäre, dass morgen jemand sagt: „Corona ist vorbei, lebt euer Leben!“

Herr Schoch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Wein ist seine Leidenschaft – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Joachim Kölz

Wenn nicht jetzt, wann dann? Das dachte sich Joachim Kölz als er zum 1. Februar als Vorstandsvorsitzender zur Felsengartenkellerei wechselte. Dafür gab der 57-jährige Vater zweier Töchter nach über elf Jahren mitten in der Corona-Krise seinen krisenfesten Posten als Bürgermeister in Bietigheim-Bissingen auf. „Derzeit arbeite ich mich noch ein und lerne jeden Tag eine Menge dazu“, erzählt der begeisterte Weintrinker. Warum er diesen Schritt gewagt hat und was ihn an seiner neuen Aufgabe reizt, verrät Kölz Ludwigsburg24 in seinem ersten Interview nach Amtsantritt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Kölz, die wichtigste Frage in diesen Zeiten zuerst: Wie sind Sie bis jetzt durch die Pandemie gekommen?

Ich persönlich habe bislang alles ganz gut hinter mich gebracht. Allerdings gebe ich zu, dass je länger der Lockdown anhält, umso frustrierender empfinde ich die Situation. Auf all die gewohnten Dinge zu verzichten, wie sich mit anderen Menschen zu treffen, Veranstaltungen zu besuchen, Essen, Einkaufen oder zum Sport zu gehen, kann man mal locker für eine bestimmte Zeit einschränken, aber jetzt wird es langsam mit jedem Tag problematischer. Wenn ich derzeit am Wochenende mit offenen Augen durch meine Umgebung laufe, stelle ich fest, dass die Menschen nachlässiger werden und sich nicht mehr so an die Regeln halten. Beispielsweise im Bürgergarten in Bietigheim sammeln sich wieder Jugendliche, als wenn gar nichts wäre.

Wie kommt Ihr neuer Betrieb, die Felsengartenkellerei, mit den Folgen des Lockdowns zurecht?

Für den Betrieb hat die Pandemie natürlich sehr viele Nachteile. Ich nenne nur mal die Stichworte Veranstaltungen oder Gastronomie, denn beide sind wichtige Kundengruppen. Wenn diese über so einen langen Zeitraum wegfallen, dann fällt auch bei uns einiges an Umsatz weg. Der erfreuliche Umstand ist der, dass im Lebensmittelhandel und im Discount mehr läuft, denn sie sind ja der Krisengewinner. Das ist der einzige Vorteil für uns, so dass wir hier höhere Absatzzahlen in beiden Bereichen haben.

Machen diese Einnahmen den fehlenden Umsatz bei Veranstaltungen und Gastronomie wieder wett?

Nein, ganz können wir die Einbrüche dort nicht ausgleichen, aber wir können zumindest einen großen Teil des Rückgangs bei Veranstaltungen und Gastronomie auffangen. Somit leiden natürlich auch wir als Felsengartenkellerei unter der Pandemie.

Wie gehen Sie persönlich mit Ihrem Lockdown-Frust um?

Ich bin Ausdauersportler, also Läufer, und das ist ein Sport, den man sehr gut allein betreiben kann. Dann drehe ich eben für mich meine Runden als Ausgleich, um mal rauszukommen aus den eigenen vier Wänden. Ansonsten bin ich jetzt natürlich hier so eingebunden, dass Corona gedanklich auch mal ein Stück weiter weg ist.

Müssen Sie sehr viel Neues lernen?

Das muss ich durchaus, denn das ist ein doch recht großer Betrieb mit rund 110 festangestellten Mitarbeitern, zur Lese kommen dann noch zusätzlich viele Aushilfen. Auch betrete ich hier beruflich einen völlig neuen Bereich, den ich erstmal erfassen und auch verstehen muss. Daran arbeite ich jetzt, aber ich denke, das geht ganz flott.

Seit 2009 waren Sie Bürgermeister in Bietigheim, also in einem krisensicheren Job. Jetzt sind Sie als Endfünfziger in die Privatwirtschaft gewechselt, dazu gehören Mut und Risikobereitschaft. Was hat Sie zu diesem Schritt motiviert?

Das Thema Wein ist für mich seit vielen Jahren ein Hobby, etwas, was mich immer interessiert hat. Als sich dann die Chance ergeben hat, mich hier für das Amt zu bewerben, habe ich erkannt, dass mich das Thema Wein auch beruflich reizen würde. Aber natürlich habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht und erkannt, dass ich jetzt noch in einem Alter bin, in dem ich nochmal eine solche Herausforderung suchen kann und ich aufgrund der guten Voraussetzungen auch bereit bin, dieses Risiko einzugehen. Deshalb habe ich diesen Schritt tatsächlich gewagt. In vier, fünf Jahren gehe ich einen solchen Schritt sicher nicht mehr. In der Abwägung der Summe von Vor- und Nachteilen war es am Ende für mich klar, dass ich einen zwar riskanten, aber zugleich klugen Schritt wage, der mir viel Spaß und Freude machen wird.

Wie lange haben Sie für Ihren Entscheidungsprozess gebraucht.

Alles in allem hat es bestimmt drei Monate gedauert, beginnend vom ersten Gespräch mit den Akteuren hier bis zur finalen Entscheidung. Es mussten auf beiden Seiten viele Fragen geklärt werden. Unter anderem musste ich die Auswirkungen auf meinen Beamtenstatus klären. Das ist ein sehr komplexes Thema, das ich erstmal in allen Facetten klären musste, weil ich mich zuvor noch nie damit auseinandergesetzt hatte. Ich musste sichergehen können, dass ich nicht ohne alles dastehe für den Fall, dass das hier schiefgeht. Die Klärung all dieser Dinge brauchte Zeit und parallel dazu lief mein gedanklicher Prozess mit der Überlegung: Was verlasse ich dort, wie verläuft es hier. Aber am Ende war es eine gute und richtige Entscheidung.

Wie hat denn Ihre Frau auf Ihren möglichen Jobwechsel reagiert?

Meine Frau war zunächst genauso überrascht von der neuen Möglichkeit wie ich und wir haben dann auch ein paar Abende darüber gesprochen. Aber sie war von Anfang an mit dabei und fand die Wechselidee gut.

Wo sehen Sie Ihre Vorteile durch den Wechsel?

Die Chance, nochmals in einem ganz neuen Bereich tätig sein zu dürfen und das noch in einer verantwortungsvollen Tätigkeit und mit einem Produkt, das ich selbst liebe, ist natürlich der wesentliche und positive Aspekt bei diesem Wechsel. Meine Frau erhofft sich von meinem neuen Job, dass vielleicht weniger Abend- und Wochenendtermine als bisher anfallen werden. 

Was ist der größte Unterschied vom jetzigen Amt zur letzten Tätigkeit?

Der größte Unterschied ist wahrscheinlich nicht das tägliche Doing, da gibt es viele Überschneidungen. Der Unterschied ist vielmehr inhaltlicher Art insofern, als dass die ganze andere Welt des Weins mit all ihren Facetten sowie deren Vermarktung und Absatzfrage in einem genossenschaftlichen Konstrukt etwas ganz Neues, aber auch sehr Kreatives ist. Deshalb befinde ich mich momentan auch in einem unglaublichen Lernprozess, der sehr schnell stattfinden muss. Die Überschneidungen liegen beispielsweise im Bereich Finanzen, für die ich als Erster Bürgermeister bei der Stadt ebenfalls verantwortlich war. Ich war Geschäftsführer bei den Stadtwerken und bei der städtischen Holding. Die grundsätzlichen Themen einer GmbH berühren auch unsere Genossenschaft. Die Gremienarbeit, die hier in der Felsengartenkellerei ebenfalls eine sehr wichtige Rolle spielt, die kenne ich aus dem Effeff.

Mal ganz frech gefragt: Hier sind sie selbst der Chef. Wie sehr hat das Ihre Entscheidung beeinflusst?

Das hat sicher auch eine Rolle gespielt, aber das war nicht der Hauptgrund für meinen Wechsel.

Wie lauten Ihre Ziele und Visionen für die Felsengartenkellerei?

Mein Anspruch und damit eines meiner Ziele ist, die Weingeldauszahlungen an die einzelnen der 1.400 Mitglieder unserer Winzergenossenschaft nach Möglichkeit wieder zu erhöhen, da diese in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen haben. Das geht allen Genossenschaften derzeit so, was mit dem schwierigen Weinmarkt zusammenhängt. Um die Situation wieder zu verbessern, benötigen wir einige strategische Entscheidungen.

Inwiefern?

Wir sind hier wie ein großer Gemischtwarenladen mit 750 Hektar Fläche, der abhängig vom Jahrgang bis zu 10 Millionen Liter Wein jährlich produzieren und vermarkten möchte. Das ist allerdings zunehmend schwieriger, weil uns durch Corona jetzt einige Geschäftsfelder fehlen und weil der Weinmarkt inzwischen ein sehr internationaler geworden ist. Die Weintrinker von heute bestehen nicht mehr auf den heimischen Wein, sondern sind international orientiert. Deutschland ist auch das europäische Land, in dem der meiste Wein-Absatz über den Lebensmitteleinzelhandel läuft. In Frankreich, Italien oder anderen Ländern kaufen die Menschen viel mehr direkt beim Winzer oder der Genossenschaft. Deshalb stehen wir hier in einem unglaublichen Wettbewerb zur ganzen Welt des Weins. Da weltweit mehr Wein produziert als getrunken wird und dadurch die Preise enorm unter Druck geraten sind, macht es uns das Geschäft schwieriger als früher. Der Preis pro Flasche Wein hat sich nach unten entwickelt, während die Produktion sich verteuert hat. An dieser Herausforderung müssen wir arbeiten.

Wie lautet also Ihre Strategie?

Wir werden sehr stark auf das Thema Qualität setzen. Das heißt, wir werden unsere Marke, die einen sehr guten Ruf hat und Jahr für Jahr sehr viele Auszeichnungen erhält, in den Vordergrund stellen. Es wird auch sehr wichtig sein, noch andere Vertriebskanäle zu erschließen, so wollen wir zum Beispiel den Online-Verkauf stärken. Dann wollen wir noch mehr auf das Thema Regionalität setzen und die lokale Vermarktung und die lokalen Veranstaltungen weiter ausbauen. Und wir wollen im Kreis der Genossenschaften gegenüber den Lebensmittelhändlern und Discountern gemeinsam eine gute Position erreichen. Um die Wirtschaftlichkeit zu stärken, wird es künftig wahrscheinlich weitere Fusionen sowie Kooperationen der einzelnen Genossenschaften geben.

Als Vorstandsvorsitzender setzen Sie also mehr auf Qualität und somit auf einen höheren Preis oder wollen Sie lediglich den schon guten Standard halten?

Qualität ist für uns ein Schwerpunkt und sehr wichtig, denn sie ist eines von wenigen Unterscheidungsmerkmalen im Vergleich zu anderen Erzeugern von Württemberger Weinen und derer gibt es viele. Wir müssen einfach über die Qualität und unsere Marke kommen und dort punkten, anders hat man sonst keine Chance. Würden wir nur auf die Masse setzen, stünden wir in Konkurrenz zur ganzen Welt, wo in den meisten Ländern die Weinproduktionskosten viel günstiger sind als bei uns.

Wagen Sie doch mal einen Vergleich: In der Autowelt gibt es die Top-Marken wie Bentley, Porsche und andere sowie die günstigeren Marken wie Kia, Hyundai etc. Bei welcher Marke würden Sie denn die Felsengartenkellerei positionieren?

Nachdem wir inzwischen Bad Cannstatt in unserer Genossenschaft dabeihaben, kann es eigentlich nur der Mercedes Benz sein. Das ist aber auch unser Anspruch. Wir wollen im Kreis der Genossenschaften an der Spitze stehen und haben dafür in den letzten Jahren sehr viel dafür getan. Bei allen Preisverleihungen und Vergleichstests sind wir immer vorne mit dabei. 2020 waren wir Deutsches Rosé-Weingut des Jahres und wir haben die Auszeichnung für die beste deutsche Rotwein Cuvée erhalten.

Als Sie uns vor zwei Jahren einen sehr persönlichen Fragebogen ausfüllten, wollten wir wissen, welchen privaten Lebenstraum Sie aufgegeben haben. Ihre Antwort lautete: einen Landsitz in der Toscana zu besitzen.

Jetzt habe ich dafür meinen beruflichen Landsitz hier am Wurmberg, das ist doch auch sehr schön. Aber an meiner Antwort von damals können Sie ja ablesen, dass das Thema Wein und Weinbau schon immer eine große Rolle bei mir spielt. Die Toscana ist eine Wein-Gegend, die mich von jeher fasziniert hat.

Heißt das, Sie sind mehr der Italiener als Franzose?

Der Landsitz in der Provence wäre ebenfalls okay. Da mache ich wenig Unterscheide. Wenn Sie allerdings auf den Wein anspielen, dann kann dieser aus allen Ecken der Welt kommen – sofern er gut ist. Beruflich schaue ich auf den Württembergischen Wein, aber privat schaue ich durchaus über den Tellerrand hinaus. Schließlich muss man die Konkurrenz beobachten.

Welche internationalen Weine treffen Ihren Geschmack am ehesten?

Neben den Weinen aus Württemberg liebe ich spanische Weine. Ein langjähriger Freund von mir hat eine spanische Ehefrau, die aus dem Gebiet Rioja stammt. Wir haben deshalb schon sehr früh begonnen, im Freundeskreis spanischen Wein zu trinken, weil die beiden den immer mitgebracht haben. Somit ist der spanische Wein nicht nur für mein Geschmacksempfinden sehr gut, sondern auch emotional positiv besetzt.

Wie würden Sie den Satz beenden: Ein Leben ohne Wein ist….

… möglich, aber etwas trauriger.

Die Genossenschaft hat rund 60 verschiedene Weine im Angebot. Welche sind Ihre Favoriten?

Bei den Weißweinen mag ich einen trockenen Riesling, von dem wir einige gute Produkte haben. Was Rotwein anbelangt, bin ich ein Fan des Spätburgunders. Und auch hier habe ich genug Auswahl an guten Flaschen.

Sie leben weiterhin in Bietigheim. Kommen die Menschen dort weiterhin mit ihren Wünschen und Meinungen auf Sie zu?

Das wird wahrscheinlich nicht ausbleiben, aber ich werde mich ganz sicher nicht in das Geschäft dort einmischen, schon gar nicht, wenn mein Posten wieder besetzt ist. Ich hatte immer gern und viel Kontakt mit den Bürgern, das wird trotzdem bleiben, aber eben als Privatmann.

Könnten Sie sich eine Rückkehr nach Bietigheim als Oberbürgermeister vorstellen?

Die Amtszeit des amtierenden OBs dauert noch sieben Jahre, dann bin ich 64. Deshalb wird diese Frage für mich zu diesem Zeitpunkt keine Rolle mehr spielen.

Vermissen Sie etwas aus Ihrer letzten Tätigkeit?

Wir waren im Dezernat ein sehr gutes Team, weshalb ich die Kolleginnen und Kollegen vermissen werde. Hier muss ich erstmal alle Mitarbeiter kennenlernen, die Distanz ab- und die Nähe aufbauen, die ich mit meinem alten Team nach 12 Jahren Zusammenarbeit natürlich hatte. Sicherlich werden mir auch die Zusammentreffen und Gespräche mit den Bürgern fehlen.

Wie viel Genussmensch steckt in Ihnen?

Es steckt viel Genussmensch in mir, da ich jemand bin, der tatsächlich das Leben in vollen Zügen genießt, der gerne reist, gerne isst und trinkt. So koche ich auch gerne zusammen mit meiner Frau, denn Essen und den passenden Wein dazu zu trinken, war mir schon immer wichtig. Auch das war ein Aspekt, der mich zum Jobwechsel bewogen hat.

Ist das jetzt Ihr Traumjob?

Ja, sicher, sonst hätte ich nicht unterschrieben.

Was für ein Typ Chef sind Sie?

Ich denke, dass ich einen sehr kooperativen Führungsstil pflege, ich spreche und entscheide gerne im Team.

Sie wirken sehr ruhig und ausgeglichen. Was muss passieren, dass Sie explodieren?

Das kann schon mal vorkommen, aber es ist eher selten, weil ich auch in schwierigen Situationen versuche, ruhig zu bleiben. Aber wenn es wirklich erforderlich ist, kann ich auch laut und deutlich in der Ansage werden.

Sind Sie nachtragend?

Welcher Mensch ist nicht ein Stück weit nachtragend? Aber ich versuche, es möglichst wenig zu sein. Aber gänzlich ausschließen kann das wohl niemand für sich.

Was ist das Schlimmste, was Mitarbeiter Ihnen antun können?

Da ich versuche, meinen Mitarbeitern möglichst viel Vertrauen entgegenzubringen, mag ich es überhaupt nicht, wenn dieses Vertrauen nicht erwidert wird und der Mitarbeiter eventuell genau das Gegenteil mir gegenüber praktiziert. Das sind so Momente, die ich alles andere als gut finde und die mich regelrecht stören.

Aber Fehler verzeihen Sie?

Ja, natürlich, Fehler kommen immer vor. Hier wird sehr viel von den Mitarbeitern verlangt, Fehler passieren jeden Tag und man muss eben versuchen, dass sie so folgenlos wie möglich bleiben.

Herr Kölz, wir danken Ihnen für das Gespräch!  

Volker Zeh im Interview: „Nur einen Kandidaten aufzustellen ist kein demokratischer Prozess!“

Von Ayhan Güneş

Vom Vereinsbeirat des VfB Stuttgart gab es keine Begründung, warum er nicht für die Wahl nominiert wurde. Doch der Schorndorfer Volker Zeh will die vermeintliche Niederlage nicht akzeptieren und zeigt Kämpferherz. Der 56-Jährige will weiter um das Präsidenten-Amt beim VfB-Stuttgart fighten. „Die Mitglieder verdienen eine echte Wahl und die Möglichkeit, zwischen zwei Kandidaten zu entscheiden“, stellt er klar und verdeutlicht gegenüber Ludwigsburg24: So einen respektlosen Umgang habe ich im Geschäftsleben noch nie erlebt. Sollte ich ohne objektive Begründung nicht als Kandidat aufgestellt werden, spricht das allerdings nicht gegen mich.

Wie fühlen Sie sich persönlich nach der Entscheidung, dass nur Claus Vogt für die Präsidentschaftswahl nominiert wurde?
Zunächst war ich etwas enttäuscht, denn mit diesem Ausgang hatte ich nicht gerechnet, zumal mich der Beirat erst hingehalten und dann lediglich per Mail informiert hat. Ich bin zu hundert Prozent davon überzeugt, dass ich das Anforderungsprofil erfülle, um für das Amt des Präsidenten des VfB zu kandidieren, vor allem nach meinem langen Gespräch mit den Beiräten des Vereins am 11. Januar. Danach habe ich von ihnen nichts mehr gehört, weshalb ich mir eigentlich sicher war, von ihnen aufgestellt zu werden. 

Hat dieses Verhalten Sie verletzt?
Ich finde das Verhalten ziemlich stillos vom Beirat und muss sagen, dass er offensichtlich die demokratischen Regeln missachtet. Es wurden wohl auch Teile des Beirats unter Druck gesetzt. Es muss doch der Anspruch des VfB Stuttgart sein, für faire und demokratische Wahlen zu stehen. 

Werden Sie gegen diese Entscheidung konkret etwas unternehmen?
Nein, ich werde nichts unternehmen und denke, dass der VfB oder auch Claus Vogt Interesse daran haben müssen, dass es einen zweiten Kandidaten gibt. Nur so kann man nach der Wahl sagen, dass alle demokratischen Spielregeln beachtet worden sind. Das hat Herr Vogt im Vorfeld ja auch selbst gesagt, dass alles demokratisch ablaufen soll. Dazu gehören dann auch zwei Kandidaten. Was ist ein Wahlrecht ohne mindestens zwei Wahlmöglichkeiten.

Stichwort „ehrenamtlich“: Gerüchten zufolge will Claus Vogt für seine Tätigkeit künftig bezahlt werden. Sie hingegen würden laut einem BILD-Interview jedoch ehrenamtlich dieses Amt ausüben wollen. Stehen Sie auch weiterhin zu dieser Aussage?
Wie ich gehört habe, stellt sich Claus Vogt einen sechsstelligen Betrag als Ausgleich für seine Tätigkeit vor. Ich habe schon im Januar bei meiner Präsentation gesagt, dass ich das Amt ehrenamtlich ausüben würde. In der jetzigen Situation des Vereins halte ich es für unredlich, über hohe Vergütungen für den Präsidenten zu sprechen. Ich bin der Meinung, dass der zukünftige Präsident finanziell unabhängig sein muss, damit er das Amt auch richtig ausüben kann und nicht Gefahr läuft, in irgendwelche Verquickungen zu geraten oder Interessenskonflikte angedichtet zu bekommen. 

Was könnte der inoffizielle Grund für Ihre Nicht-Nominierung sein?
Wenn ich das wüsste. Tatsächlich habe ich keine Vermutung. Wie Sie wissen, habe ich erst letztes Jahr am 9. November meine Exequatur zum Honorarkonsul von Montenegro in Baden-Württemberg erhalten. Bevor einem diese Ehre zuteil wird, wird man von den Behörden auf Herz und Nieren überprüft und komplett durchleuchtet. Von daher kann ich mir nicht vorstellen, was gegen mich als Kandidat sprechen soll.

Hat sich in der Zwischenzeit ein Offizieller des VfB bei Ihnen gemeldet?
Nein, bis jetzt hat sich niemand bei mir gemeldet. 

Im Schreiben des Beirats wurde Ihnen lediglich mitgeteilt, dass Sie nicht nominiert werden für die Wahl, Gründe dafür hat man Ihnen aber nicht genannt. Fühlen Sie sich diskriminiert?
Ja, natürlich fühle ich mich diskriminiert und ich sage Ihnen nochmals: demokratisches Handeln sieht anders aus. Was spricht dagegen, mich ebenfalls als Präsidentschaftskandidat aufzustellen? Eine Wahl kann man verlieren. Doch unbegründet erst gar nicht antreten zu dürfen, ist im höchsten Grad unsportlich und für mich persönlich nicht akzeptabel. 

Möchten Sie trotz der Beiratsentscheidung noch immer Präsident dieses Vereins werden?
Ja, das will ich absolut. Ich kann mir sehr gut vorstellen, mit Thomas Hitzlsperger zusammenzuarbeiten, denn er macht nach meiner Ansicht einen großartigen Job und ist menschlich sympathisch. Thomas Hitzlsperger ist einfach ein guter Typ. Ich würde mich auf eine Zusammenarbeit wirklich sehr freuen. 

Eines ist mir aber für die Wahl noch wichtig: Es muss sichergestellt sein, dass die über 72.000 Mitglieder, egal ob sie mobil sind oder nicht, egal ob sie im Stuttgarter Umfeld oder sogar im Ausland leben, auch wirklich wählen dürfen. Wir leben in einer digitalisierten Welt, da darf es keine Frage sein, dass jeder von seinem Stimmrecht Gebrauch machen kann. Deswegen plädiere ich für eine Hybridveranstaltung, also eine Präsenz- und Online-Versammlung, soweit das in Bezug auf Hygiene-Regeln machbar ist. Mein Motto lautet: Das Wir schließt alle ein!

„So einen respektlosen Umgang habe ich im Geschäftsleben noch nie erlebt": Volker Zeh
Volker Zeh: „Eine Wahl kann man verlieren. Doch unbegründet erst gar nicht antreten zu dürfen, ist im höchsten Grad unsportlich und für mich persönlich nicht akzeptabel“

 

„Die Impfung allein macht nicht glückselig“ – Ludwigsburg24 im Gespräch mit OB Matthias Knecht

Der Lockdown trifft auch den Ludwigsburger Einzelhandel hart. Oberbürgermeister Matthias Knecht hofft nicht nur daher auf eine baldige Rückkehr zur Normalität. Auch weil er seine Pläne, mit denen er im September 2019 hoffnungsvoll sein neues Amt angetreten hat, endlich in die Tat umsetzen kann. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 verrät das Stadtoberhaupt der Barockstadt, wie er beruflich und privat durch die Corona-Zeit gekommen ist, was er an der Corona-Politik von Bund und Ländern hält und mit welchen Maßnahmen die Stadtverwaltung den lokalen Einzelhandel unterstützt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Oberbürgermeister, zwei Tage vor Silvester haben Sie Ihren 45. Geburtstag gefeiert. Mit welchen Vorsätzen sind Sie sowohl ins neue Jahr als auch ins neue Lebensjahr gestartet?
Der dienstliche Vorsatz ist, dass wir den Strategieprozess, denn wir bereits im März 2020 beginnen wollten, wegen Corona nun mit einem Jahr Verspätung starten und konsequent durch- und umsetzen. Ich möchte auch unbedingt wieder stärker erlebbar und erreichbar sein für die Bürgerinnen und Bürger der Stadt, was während des Lockdowns leider stark zurückgefahren werden musste und weitestgehend nur über die sozialen Medien, übers Telefon oder sonstige Kommunikationsmittel möglich war.

Privat habe ich mir fest vorgenommen, wieder mehr Sport zu treiben. Eigentlich habe ich in der Vergangenheit regelmäßig pro Woche dreimal Sport gemacht. Das ist natürlich einerseits mit dem neuen Amt eine zeitliche Herausforderung, andererseits konnte ich wegen der Corona-Maßnahmen meine beiden Lieblingssportarten Tennis und Basketball auch gar nicht ausüben.

Heißt das, dass Sie derzeit nicht fit sind?
Doch, selbstverständlich fühle ich mich fit, aber ich würde gerne mehr tun. Das ist für mich nicht nur eine Frage der Fitness, sondern auch der Freude und des Spaßes am Sport.

Fehlt Ihnen der Sport als Ausgleich zum Job?
Was die Work-Live-Balance während Corona anbelangt: Ich hatte viel weniger Veranstaltungstermine Zwar habe ich viel und intensiv Zeit im Rathaus verbracht, aber tatsächlich auch gelegentlich mal die Möglichkeit gehabt, abends um 19.00 Uhr mit meinem Sohn Lego zu spielen, zu malen oder ein Buch vorzulesen. Das war dann auch Ausgleich, weniger in körperlicher Betätigung, dafür im familiären Miteinander, was ich sehr genossen habe.

Sie können Corona also etwas Positives abgewinnen…
Auf mich persönlich trifft das tatsächlich zu. Für die Gesellschaft an sich ist der Corona-Lockdown eine dramatische Veränderung mit großen Einschränkungen, die für viele Menschen bedrohlich waren oder noch sind. Dabei denke ich beispielsweise an den Einzelhandel, die Gastronomie oder an alle Mitarbeiter im Gesundheitswesen. Aber für uns als Familie hatte der Lockdown durchaus auch positive Seiten.

Was vermissen Sie als Mensch denn am meisten durch die Pandemie?
Im Wahlkampf und während des ersten halben Jahres meiner Amtszeit habe ich über Bürgergespräche am Marktplatz, bei Besuchen von unglaublich vielen Veranstaltungen von Vereinen, von Kunst, Kultur und Sport wirken können als Person Matthias Knecht. Und diesen persönlichen Kontakt vermisse ich definitiv am meisten.

Als Belastung empfinde ich, dass uns als Stadtverwaltung oftmals die Hände gebunden sind. Nehmen wir nur mal als Beispiel die Themen Kreisimpfzentren, Impfstoff, Informationen über Impfkampanien. Da erleben wir vor Ort einen unglaublichen Handlungsbedarf, doch wir sind selbst oft nur Zuschauer. Zwar können wir über den Städtetag an Land und Bund unser Missfallen bekunden oder konstruktive Vorschläge machen, aber mehr können wir als Stadt leider nicht tun. Das ist deshalb belastend, weil man sich natürlich als OB verantwortlich fühlt für seine Stadt, seine Wirtschaft, seine Mitmenschen.

Haben Sie selbst belastende Einschnitte im persönlichen Bereich erlebt?
Direkt zu Beginn der Pandemie und des ersten Lockdowns ist die Mutter meiner Frau verstorben, allerdings nicht an Covid 19. Sie wurde mit einer Schultersprengung ins Krankenhaus eingeliefert und operiert. Im Anschluss mussten wir sie aufgrund ihres Krankheitsbildes in Pflege geben, was sehr schwierig für uns war, weil wir gezwungen waren, den direkten persönlichen Kontakt zu ihr aufzugeben. Das hatte zur Folge, dass sie an der Verletzung, den Schmerzen und dem Alleingelassensein innerhalb von wenigen Wochen verstorben ist. Das war ein schwerer familiärer Schlag. Und auch jetzt beim zweiten Lockdown fällt es uns sehr schwer, auf den persönlichen Kontakt zu Eltern und Großeltern zu verzichten, obwohl ich weiß, dass gewisse Maßnahmen notwendig sind, um die Welle der Pandemie zu brechen.

Es sind also die Menschen, die Ihnen fehlen. Sie klagen weniger über die fehlenden Friseur- und Restaurantbesuche oder vermissen sonstigen Lifestyle?
Wenn Sie jetzt auf meine Haarpracht anspielen, dann vermisse ich den Friseur wie alle anderen auch. Gestern sagte ein sehr enger Mitarbeiter im Scherz: “Herr Knecht, wenn das jetzt nochmal vier Wochen dauert, dann schneiden wir Ihnen notfalls die Haare.“ Natürlich würde ich gerne die Friseure unterstützen oder wieder mal essen gehen. Aber wenn man abwägt zwischen Todesfällen und familiären Schicksalsschlägen, dann kommen Bedürfnisse wie Friseur oder Restaurant erst im dritten Glied, selbst wenn eine Unterstützung aus der Sicht dieser Betroffenen existentiell wichtig wäre.

Die Corona-Anordnungen kommen aus Berlin bzw. von der Landesregierung, Sie setzen sie lediglich um. Was erwidern Sie wütenden BürgerInnen, die Ihnen vorwerfen, ihnen die Freiheit zu nehmen?
Egal ob Bund, Land, Kreis oder Stadt, wir alle haben die Notwendigkeit der Maßnahmen erkannt. Also Kontaktbeschränkungen, Maskenpflicht, Abstand halten, das alles haben wir mitgetragen und halten es für sinnvoll. Ich entgegne diesem Vorwurf, dass beispielsweise das Tragen der Maske oder der Verzicht auf persönliche Kontakte und vertrauliche Gesten wie Umarmungen zur Begrüßung für einen relativ kurzen Zeitraum eine geringe Einschränkung sind, verglichen damit, dass an anderer Stelle Menschen in Krankenhäusern um ihr Leben kämpfen, oder dass die Mitarbeiter im Gesundheitswesen täglich gefährlichen Ansteckungen ausgesetzt sind. Ich finde, eine Gesellschaft muss dies für einen begrenzten Zeitraum aushalten können, zumal es uns selbst mit den Einschränkungen noch deutlich besser geht als vielen anderen Ländern. Wobei ich selbstverständlich nicht ausschließe, dass diese Einschränkungen im Einzelfall schlimme Auswirkungen haben können.

Rechnen Sie denn mit einer weiteren Spaltung unserer Gesellschaft durch die erneuten Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung?
Als Corona letztes Jahr bei uns angekommen war und wir Mitte März das erste Mal in den Lockdown gingen, gab es ein großes Einvernehmen im ganzen Land für diesen Schritt. Fast jeder hatte Angst und fühlte sich in seiner Gesundheit bedroht. Ab dem 4. Mai sind wir dann wochenweise in die Aufweichung dieser Einschränkungen gegangen. Im Juli/August gab es sogar eine Phase von zehn Tagen ohne neue Fälle und die Hoffnung, Corona im Griff zu haben. Seit wir im Herbst in den immer härteren Lockdown gehen, merken wir mit jeder Verschärfung und Verlängerung, dass der soziale Frieden und Zusammenhalt immer mehr gefährdet wird. Es gibt immer mehr Menschen, die beklagen diese Schere zwischen den verständlichen Maßnahmen zugunsten der Gesundheit aller und den massiven Auswirkungen im öffentlichen Leben wie Insolvenzen in der freien Wirtschaft, in der Gastronomie, im Einzelhandel oder den Einschränkungen im persönlichen Bereich zum Beispiel durch Homeschooling unter mittelmäßig guten Bedingungen in einer halbwegs digitalisierten Schulwelt. Bis 14. Februar kann man den Lockdown jetzt noch durchhalten, aber dann müssen wir übers Impfen, Maskenpflicht und disziplinierte Hygiene mit einer Exitstrategie wieder Stück für Stück in ein normales Leben zurückkommen, vorausgesetzt, es kommt, insbesondere wegen der Mutationen, keine neue Welle.

Was haben Sie selbst gefühlt, als Sie von der Lockdown-Verlängerung gehört haben und was bedeutet das für die Stadt Ludwigsburg, vor allem wenn dann der eigene Ministerpräsident zeitgleich zu der Verkündung der Bundeskanzlerin andeutet, eventuell eigene Wege zu gehen?
Wenn die Bundeskanzlerin einen gemeinsamen Beschluss für die Bevölkerung verkündet und zeitgleich einzelne Bundesländer wieder ausscheren, wird immer wieder die Glaubwürdigkeit solcher Entscheidungen infrage gestellt. Wir in Ludwigsburg hätten uns schon während der ganzen Pandemie gewünscht, dass bundesweit eine einheitliche Linie verfolgt wird. Ich bin ein großer Freund des Föderalismus. Aber in solchen Ausnahmesituationen, in denen wir als Gesellschaft in ganz besonderem Maße herausgefordert sind und wir in der Glaubwürdigkeit und Wirkung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern unbedingt Einheitlichkeit brauchen, sollten Entscheidungen vom Bund über das Land, über die Kreise bis zu den Kommunen gemeinsam getragen werden. Und so war auch mein Empfinden bei der Verkündung der Kanzlerin. Ja, wir brauchen diese zwei Wochen nochmal, um die Inzidenzwerte zu senken, um dann in kleinen Schritten wieder eine Lockerung einzuführen. Gleichzeitig habe ich mich dann aber beim Ausscheren der ersten Bundesländer gefragt, ob wirklich eine einheitliche Linie gefunden wurde und wir sie durchhalten. Und natürlich ist jede weitere Woche Lockdown nicht nur eine gesellschaftliche Herausforderung, sondern auch eine für uns als Stadt. Wir wollen wieder mit den Bürgern, den Unternehmen, den Mitarbeitern zusammenkommen, wir wollen Projekte auf den Weg bringen, diskutieren und im positiven Sinne streiten, was über die digitalen Wege weitaus schwieriger ist als in der persönlichen Begegnung.

Was würde passieren, wenn in Ludwigsburg der Inzidenzwert unter 50 fallen würde? Müssen Sie sich dann trotzdem an die Vorgaben halten oder haben Sie als Stadt bzw. Kreis die Möglichkeiten zur Lockerung der Auflagen?
Das ist ja der Hoffnungsschimmer, dass wir bei besseren Werten die Auflagen langsam lockern können. Im Kreis liegen wir bei ca. 90, als Stadt bei rund 110 (Anm. der Redaktion – Stand: 20.01). Seit mehreren Tagen sinken die Zahlen kontinuierlich. Bleibt dieser Trend stabil und die Zahlen verbessern sich weiter, muss damit einhergehen, dass die Verantwortlichen in der Politik den Menschen ein Licht am Ende des Tunnels zeigen. Doch auch hier müssen wir gemeinsam an einem Strang ziehen. Jedes Ausscheren, egal von wem, führt erneut zu sozialem Unfrieden und Ungleichheit.

Glauben Sie, dass die Impfung die Lösung sein wird in dieser Pandemie?
Zunächst herrscht große Frustration, dass wir gar nicht genügend Impfstoff zur Verfügung haben. Der Landrat und das Gesundheitsamt haben gute Arbeit geleistet und ein technisch absolut gut funktionierendes Kreisimpfzentrum in der Weststadt geschaffen. Wir hoffen, dass dort bald ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht, damit wir wirklich 1.600 bis 2.500 Menschen am Tag impfen können. Trotzdem glaube ich, dass der Impfstoff allein nicht glückselig macht. Es wird eine Kombination sein aus Impfung und weiterer Zurückhaltung bei den Begegnungen im privaten wie öffentlichen Bereich. Aber auch die weitere Erforschung sowie die Weiterentwicklung der medizinischen Therapie gehören unabdingbar dazu.

Würden Sie sich selbst impfen lassen?
Ja, ich würde mich impfen lassen.

Wie würden Sie die Covid-19-Impfung für Ihren Sohn Jakob, der in die erste Klasse der Grundschule geht, entscheiden?
Die Impfung von Kindern ist ja noch nicht möglich. Wenn sie es wäre, würden wir einer Covid-19-Impfung aber zustimmen. Meine Frau und ich sind mit Impfen generell sehr vorsichtig und Jakob hat bislang nur die aus medizinischer Sicht notwendigen Impfungen bekommen.

Aus der Politik kommen immer wieder Stimmen, die sagen, dass geimpfte Menschen schneller wieder ins normale Leben zurückkehren sollten, sei es bei Restaurantbesuchen oder auch Reisen. Was halten Sie davon?
Diese Bevorzugung lehne ich ab, weil ich sicher bin, dass solche Unterscheidungen den sozialen Frieden und Zusammenhalt gefährden. Natürlich würde ich verstehen, wenn der Einzelhandel, die Gastronomie oder Friseure diese geimpften Menschen gerne als Kundschaft hätten, um endlich wieder Geld zu verdienen. Trotzdem glaube ich, dass wir bei einem solchen Zugeständnis auch in eine Diskussion geraten, die wir dann auch bei anderen Krankheiten führen müssten. Ich kann mir aus verfassungsrechtlichen Gründen auch nur in sehr eingeschränkten Bereichen einen Zwang vorstellen Die Arbeit im Gesundheits- und Schulwesen könnte z.B. an eine Impflicht gekoppelt werden. Vergleichbares haben wir beispielsweise für Kitas und Schulen mit einer Verpflichtung zur Masern-Impfung . Nur das halte ich rechtlich und moralisch für haltbar.

Der Einzelhandel tut sich sehr schwer, viele Geschäfte kämpfen um ihre Existenz. Wie kann die Stadt den Geschäften in Ludwigsburg konkret helfen?
Mit unserer Wirtschaftsförderung und dem Einzelhandelsverein LUIS haben wir zwei Akteure, die sich sehr um diese Problematik kümmern. Schon im letzten Jahr haben wir beispielsweise der Gastronomie ohne Gebührenerhöhung im Außenbereich mehr Fläche zur Verfügung gestellt. Wir haben im ersten Schritt unseren städtischen Mietern und Pächtern ihre monatlichen Zahlungen gestundet und im zweiten Schritt auf Beschluss des Wirtschaftsausschusses bei dramatischen Fällen Mieten und Pachten sogar erlassen. Im Einzelhandel haben wir im Herbst über vier Wochen die Parkgebühren zwischen 15.00 und 19.00 Uhr in unseren städtischen Parkhäusern erlassen. Gleichzeitig haben wir im Wert von 12.000 Euro LUIS-Einkaufsgutscheine verteilt. Wir haben jetzt versucht, die Aktionen ‚Call and Collect‘ sowie ‚Click and Collect‘ zu unterstützen. Außerdem überlegen wir gemeinsam mit den Stadtwerken, ob wir bei der Versorgung zusätzlich Reduzierungen anbieten können. Wir werden uns auf jeden Fall weitere Aktionen für die Geschäfte einfallen lassen. Auch das Märzklopfen soll nicht ersatzlos ausfallen, falls wir bis dahin noch nicht so weit sein sollten. Wir haben mit dem Gemeinderat beschlossen, dieses Event notfalls auf den Termin des Pferdemarktes zu verschieben.

Helfen Sie auch als Privatmann dem Ludwigsburger Einzelhandel?
Ja, gerade in den letzten Wochen haben wir als Familie darauf geachtet, ausschließlich über den Ludwigsburger Einzelhandel einzukaufen. Ich habe drei Paar Schuhe erstanden über ‚Call and Collect‘. Ich habe dort angerufen, der Einzelhändler hat mir dann über WhatsApp Bilder geschickt und ich habe dann drei verschiedene Modelle in Größe 11 bestellt und abgeholt. Wir haben auf diese Weise für Jakob Spielzeug gekauft, ein Wellholz für die Küche und Bücher. Ich kann das jedem nur empfehlen, das funktioniert wunderbar.

Bleibt es auch bei der Aussetzung der Kita-Gebühren während der Lockdown-Verlängerung?
Ja, da sind wir sehr konsequent, auch wenn wir vor Weihnachten im Gemeinderat beschlossen haben, grundsätzlich die Gebühren um drei bzw. fünf Prozent zu erhöhen, weil wir andererseits enorm in diesem Bereich investieren müssen. Dafür erstatten wir konsequent in dem Moment, in dem wir keine Leistungen erbringen können und das Kind nicht in der Notbetreuung ist. Das sind erhebliche Beträge. So ein monatlicher Ausfall kostet uns rund 700.000 Euro. Aber wir machen das jetzt wirklich jeden Monat und hoffen wieder sehr auf eine Gebührenrückerstattung von Bund oder Land. Im ersten Lockdown haben wir vom Land rund 2 Millionen Euro zurückbekommen für erlassene Kita-Gebühren. Doch momentan gehen wir für unsere Familien in Vorleistung, die noch nicht abgesichert ist.

Nach Gabriele Nießen verlassen nun weitere wichtige Mitarbeiter den Bürgermeisterstab wie Konrad Seigfried und Michael Ilk. Macht Ihnen das Sorge oder nehmen Sie es, wie es ist?
Als ich mich 2019 zur Wahl gestellt habe, wusste ich bereits, dass Konrad Seigfried aufgrund seines Alters und dem Gesetz nach bald in Ruhestand gehen würde. Das ist jetzt im April 2021 der Fall. Ich habe die gemeinsame Zeit mit ihm als Mentor und erfahrenem Ersten Bürgermeister sehr genossen. Ich habe immer gesagt, dass ich ein Jahr brauche, um mich in alles einarbeiten zu können. Dieses Jahr hatte ich und nun bin ich absolut in der Lage, meinen eigenen Weg mit der Stadt und der Stadtverwaltung zu gehen und darauf freue ich mich auch. Mit Frau Schwarz als Nachfolgerin von Frau Nießen habe ich eine tolle Kollegin dazubekommen. Die einzige Überraschung war, dass Michael Ilk, nicht wieder kandidiert. Ich bedauere dies sehr. Kann aber seine Entscheidung, die er nach reiflicher Überlegung getroffen hat, als Mediator in die Privatwirtschaft zu gehen, gut verstehen. Jetzt werden wir zunächst einen Nachfolger für Konrad Seigfried finden, danach einen für Michael Ilk. Für den Posten des Ersten Bürgermeisters liegen uns 33 Bewerbungen vor, davon zehn sehr gute – das zeigt, dass die Stadt interessant ist und etwas zu bieten hat. In zwei Schritten werden wir die Auswahl so reduzieren, dass sich am 24. März die besten Bewerber dem Gemeinderat vorstellen werden.

Würden Sie sagen, Sie gehen aus dem Krisenjahr 2020 gestärkt hervor und sind gewappnet für alles, was noch kommt?
Ja, definitiv würde ich sagen, dass nicht nur ich als Person, sondern wir als Stadt gestärkt hervorgehen, weil wir einiges gelernt haben in der Krise. Wir müssen uns im Bereich Digitalisierung noch verbessern. Wir haben gelernt, wie wir uns im Bereich Notfallstrukturen richtig aufstellen müssen. Wir gehen also gestärkt als Stadt insgesamt hervor, wenn wir – und das ist die Bedingung – auch für die Innenstadtentwicklung, also für Einzelhandel, Gastronomie etc. die richtigen Weichen stellen. Unabhängig von Corona müssen wir jetzt wieder an die Zukunft denken und geplante Projekte endlich in die Hand nehmen.

Herr Dr. Knecht, wir danken Ihnen für das Gespräch.

„Würden Sie sich impfen lassen?“ – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Gesundheitsamtleiter Thomas Schönauer

Er ist der Chef des Ludwigsburger Gesundheitsamtes und hat in seinen 31 Berufsjahren schon jede Menge Krisensituationen gemeistert. Die aktuelle Corona-Pandemie jedoch fordert selbst dem erfahrenen Mediziner all sein Wissen und Können ab. Ende Januar geht Dr. Thomas Schönauer in den Vorruhestand und überlässt seiner Nachfolgerin ein gut bestelltes Feld.

Ein Interview von Ayhan Güneş

Dr. Schönauer, das Thema Impfung ist gerade sehr aktuell. Es gibt jetzt neben der klassischen Impfmethode auch die neue, revolutionäre Technologie mRNA. In England wurde jetzt als erste Patientin eine 90-jährige alte Dame geimpft. Würden Sie sich impfen lassen?
Das ist eine sehr provokative Frage und ich muss sagen: Zwei Seelen sind in meiner Brust. Die eine bejaht vor dem Hintergrund, nicht krank werden zu wollen, da ich Risikopatient bin. Ich gehe deswegen etwas früher in Rente, denn ich habe eine chronische Krankheit. Die Entwicklung des Impfstoffs ist unter hohem Druck entstanden, weshalb ich persönlich gerne noch ein bisschen abwarten möchte, bis sich im Feldversuch beim Impfen breiter Bevölkerungsschichten die Impfung mit ihrer Auswirkung etwas etabliert hat. Ich bin eigentlich ein Verfechter des Impfens und habe bis letzten Februar selbst eine Impfstelle für Auslandsreisende innegehabt. Seit Corona ist jedoch damit Schluss. Von daher bin ich auch ein Fachmann auf diesem Gebiet. Ich habe auch keine Angst vor der neuen Technologie, dass sich der Impfstoff ins Erbgut einlagert oder was sonst noch so alles kolportiert wird. Das ist alles weit hergeholt. Aber wie bei jedem anderen neuen Impfstoff auch, kennt man die seltenen Nebenwirkungen noch nicht. Ich hätte mir etwas mehr Ruhe gewünscht bei der Einführung in der Bevölkerung. Deswegen bin ich für mich noch nicht zu einer abschließenden Entscheidung gekommen. Ich bin noch keine neunzig und auch kein therapeutisch tätiger Mensch. Und wenn ich das Landratsamt verlasse, gehöre ich auch nicht mehr zum Schlüsselestablishment. Also kann ich mir meine Entscheidung in aller Ruhe überlegen. 

Noch sind Sie im Landkreis der oberste Gesundheitshüter. Was empfehlen Sie dem Bürger?
Wenn ich als Mensch, als Bürger in einer Funktion bin, in der ich gebraucht werde oder in der ich eine Weiterverschleppung verhindern kann, dann würde ich es ohne Kompromisse machen und mich der Verantwortung stellen, da ich sie durch den jeweiligen Beruf übernommen habe. Ich denke da beispielsweise an Ärzte, Krankenschwestern, Pflegepersonal. Sie alle sollten sich so schnell wie möglich impfen lassen. Erstens werden sie gebraucht und zweitens sollen sie geschützt sein und das Virus nicht weitertragen. Da ich aber nicht zu dieser Berufsgruppe gehöre, ist es für mich noch nicht so dringlich, dass ich mich für oder gegen eine Impfung entscheiden muss. Aber im Zweifelsfall entscheide ich mich dafür. Doch jetzt wird die Impfung zuerst den älteren Menschen angeboten und danach gibt es die verschiedenen Graduierungen. Ich finde diese Entscheidung ethisch sehr gut. 

Können Sie uns in wenigen Sätzen das Bahnbrechende an der neuen Impftechnologie mRNA erklären?
Normalerweise ist es so, dass man einen Bestandteil vom Virus oder einen abgeschwächten Virus oder einen Oberflächenteil vom Virus impft bis hin zum Lebendvirus bei Masern oder Gelbfieber. Bei mRNA impft man weder den Virus selbst noch irgendwelche Bestandteile, sondern man impft eine Erbinformation, die dazu führt, dass die Zellen im Körper es nicht mehr schaffen, Viren zu bauen. Normalerweise dockt so ein Virus an die Zelle an, gibt ihr seine Erbinformationen ab und zwingt sie, diese Viren zu bauen, bis die Zelle voll ist und platzt, dann kommt die nächste Zelle dran. Durch diesen Zelltod werden wir krank. Nach der Impfung kann das Virus zwar eindringen, aber dadurch, dass sie vorher durch eine Messenger (m)RNA vorgeimpft sind, können die Zellen keinen Virus mehr bauen und damit ist es beim ersten Mal schon vorbei. Ich bin kein Virologe, finde diese Technologie aber absolut bahnbrechend und toll. 

Verschiedene Firmen entwickeln gerade Impfstoffe sowohl in der herkömmlichen als auch in der neuen Variante. Wenn Sie die Wahl hätten, für welche Technologie würden Sie sich entscheiden?
Das ist mir völlig egal. Hauptsache, es wirkt! Das ist zwar etwas flapsig ausgedrückt, bringt es aber auf den Punkt. Ich würde mich für die Technologie entscheiden, die wirksamer ist. Bei den neuen Technologien spricht man von einer 95-prozentigen Wirksamkeit aufgrund von bislang lediglich wenigen 40.000 Probanden. Wenn wir mal bei einer Million angekommen sind, dann erst kann man wirklich konkrete Aussagen treffen. Bisher wissen wir auch über die Langzeitwirkung noch nichts Definitives, es sieht aber gut aus.

Seit Juni ist Testphase drei abgeschlossen, jetzt wird wohl auch bei uns eine Notfallimpfung zugelassen. Es werden Menschen indirekt zur Impfung gezwungen, weil es beispielsweise Fluggesellschaften gibt, die ohne Impfung die Leute nicht befördern. Was würde denn passieren, wenn innerhalb der nächsten zwölf oder achtzehn Monate tatsächlich schwerwiegende Nebenwirkungen entstehen?
Das wäre das Fatalste für den Impfstoff, was man sich überhaupt vorstellen kann. Das wäre das Aus, denn dann ließe sich keiner mehr impfen. Allein mit den klassischen Impfnebenwirkungen, die bei jedem Impfstoff beobachtbar sind, haben wir in der Argumentation schon genug zu tun. Wenn mehr dazukommen würde, müssten sich bestimmte Leute gut überlegen, wie sie das der Bevölkerung erklären. Medizinisch mag es zwar völlig irrelevant sein. Die Frage wäre dann aber, wie transportiert man das politisch und psychologisch. 

Wenn jetzt der Worst Case eintreten sollte, wer übernähme dann die Verantwortung?
Es gibt zwei Ebenen:. Die formale ist, der Staat übernimmt diese für die öffentlich empfohlene Impfung, deswegen würden dann mögliche Schäden durch den Staat ausgeglichen, d.h.. , man bekommt Versorgung nach dem Sozialgesetzbuch. Das alles übernimmt Vater Staat, so steht es im Infektionsschutzgesetz. Jedes Bundesland hat eine Verordnung, in der festgehalten ist, welche Impfungen öffentlich  empfohlen sind, meist auf Grundlage der STIKO (ständige Impfkommission am RKI). In Baden-Württemberg sind darüber hinaus beispielsweise die Influenza oder die FSME öffentlich empfohlen und von daher übernimmt der Staat die Folgekosten, wenn etwas schiefgeht. 

Die politische Verantwortung ist die zweite Ebene. Wer die dann übernähme, darüber lässt sich trefflich spekulieren. 

Das Thema Lockdown ist sehr umstritten, gerade für Weihnachten und Silvester. Was raten Sie den Menschen?
Auch da habe ich wieder zwei Seelen in meiner Brust. Ich bin Vater und Opa, das heißt, dass ich natürlich meine Familie an Heiligabend um mich haben möchte. Das gehört bei uns zur Tradition und zur Kultur und das würde ich mir auch nur ungern nehmen lassen. Silvester ist schon was anderes. Ich denke, man sollte das eine tun und das andere nicht lassen. Man sollte eventuell an Heiligabend die Beschränkungen lockern und dann einen deutlichen Lockdown anordnen. Aber speziell an Heiligabend ist es menschlich und politisch nicht vermittelbar, dass die Leute zu zweit vorm Christbaum sitzen und den Kerzen beim Brennen zuschauen. Aber vom 1. Weihnachtsfeiertag bis zum 6. Januar konsequent einen harten Lockdown durchziehen, damit hätte ich gar kein Problem. 

Warum sind Sie für einen knallharten Lockdown?
Meiner Meinung nach hat man bislang die falschen aus dem Verkehr genommen, nämlich die Gaststätten, die so viel in Hygiene- und Sicherheitskonzepte investiert haben. Die Leute treffen sich trotzdem, und zwar zu Hause. Die nächtliche Ausgangssperre aber verhindert, dass die Leute außerhalb der Arbeit zusammenkommen und bewirkt genau das, was man ursprünglich mit der Schließung der Gastronomie erzielen wollte. 

Kommen wir zur generellen Maskenpflicht in der Ludwigsburger Innenstadt – was soll die bringen?
Im Freien braucht man eine Maskenpflicht eher nicht. Aber die Leute sind nicht in der Lage, die Abstände korrekt einzuhalten, d.h., sieben bis zehn Quadratmeter um jede Person von anderen Menschen freizuhalten, funktioniert in der Innenstadt nicht. Also ist die Maskenpflicht ein guter Schutz und außerdem für sich selbst und die Mitmenschen ein Signal und eine Erinnerung, dass wir in einer Sondersituation leben, in der man sich entsprechend verhalten muss. Von daher ist die Maskenpflicht vielleicht weniger eine fachliche als eine psychologische Maßnahme. 

Bis 31. Januar sind Sie noch Chef des Ludwigsburger Gesundheitsamtes. Wie verbringen Sie Ihre Zeit ab 1. Februar?
Ich werde mich furchtbar ärgern, weil ich im Februar eigentlich nach Portugal wollte, um Abstand zu gewinnen. Das war schon so lange in meinem Kopf. Aber das funktioniert halt jetzt wegen Corona leider nicht. Von daher wird erstmal eine ziemlich langweilige Zeit auf mich zukommen. Man kann noch nicht in den Garten, man kann nicht Radfahren, weil das Wetter schlecht ist, man kann nicht ins Kino, darf keine Kontakte haben. Bei allem Komfort, den ich genießen werde, weil ich morgens nicht früh aufstehen und deshalb abends nicht früh ins Bett muss, werde ich mich trotzdem ziemlich ärgern, auch wenn’s wahrscheinlich ein zufriedener Ärger ist. 

Um es mal bildhaft auszudrücken: Sie leben gerade in Höchstgeschwindigkeit und legen Ende Januar quasi eine Vollbremsung hin…
Das mag von außen so wirken, aber ich habe mir den Antrag zu meinem Ausscheiden ja bereits im Sommer sehr wohlüberlegt und mit meinem Chef entsprechend kommuniziert. Da ich Landesbediensteter bin, musste mein Antrag weitergeleitet werden, so dass ich zwar formal schon noch die volle Verantwortung trage, aber trotzdem wurden intern bereits die Strukturen verändert. Ich habe viel Verantwortung an meine Stellvertreterin abgeben können, weshalb ich mich bereits im Bremsweg befinde und mein Ausscheiden im kommenden Monat nicht als Vollbremsung empfinde. 

So eine außergewöhnliche Situation wie Corona haben Sie in Ihrer Karriere wahrscheinlich noch nicht erlebt. Als Chef des Gesundheitsamtes sind Sie einer der Kapitäne auf dem Schiff. Wie fühlt man sich da, wenn man in so einer wichtigen Phase von Bord geht?
Ich fühle mich mies, habe ein schlechtes Gewissen, auch wenn ich meinen Abschied offen kommuniziert habe. Aber ich habe eine Grundkrankheit, die sich in diesem Jahr deutlich verschlimmert hat durch den Stress. Ich habe gemerkt, dass ich die Notbremse ziehen muss, sonst geht die Sache für mich schlimm aus. Ich hätte natürlich noch zwei weitere Jahre im Amt bleiben können, vielleicht hätte man mich dann jedoch mit den Füßen voran hier raustragen müssen. Aber ich möchte noch gerne ein paar Jahre haben. In diesem Fall muss ich jetzt auch ein bisschen an mich selbst denken und dafür bitte ich um Verständnis. Zum Glück habe ich eine Nachfolgerin, die ich sehr gut kenne und die diesen Job mindestens so gut macht wie ich, vielleicht sogar noch ein bisschen besser. 

Haben Sie in Ihrem Berufsleben denn schon ähnliche Situationen erlebt wie die aktuelle?
Insgesamt habe ich in meinem beruflichen Leben fünf oder sechs Mal solche Hypes hinter mich gebracht, Influenza-Pandemie, die keine war, Vogelgrippe, Sars 1, weißes Pulver, das den gefährlichen Milzbrand hervorruft, Pocken. Es ist jedes Mal mordsmäßig losgegangen, dann brach es relativ schnell wieder ein und das Interesse an diesen Themen versandete. Dementsprechend hat man im Land den Gesundheitsschutz heruntergefahren. Als Corona im Februar anfing, dachte ich mir: „Die Werkzeuge kennst Du, im Sommer ist die Sache wieder rum. Fang halt mal an.“ Und genauso entspannt bin ich an die Arbeit rangegangen und dabei ziemlich auf den Bauch gefallen. Die Werkzeuge sind wirklich die alten geblieben, aber die Manpower hat nicht mehr gereicht und dann ging es richtig zur Sache. Das hat echt keiner erwartet, dass es so dramatisch wird. Ich war mir auch sicher, dass eine zweite Welle kommen wird, aber dass sie in dieser Heftigkeit kommt, ist wirklich schlimm und hat uns dann doch überrascht. 

Wie sind Sie denn aktuell aufgestellt?
Wir haben ausreichend Menschen, die sich um  die Kontaktpersonenverfolgung kümmern, denn da werden wir zum einen durch recht viele Mitarbeiter des Landratsamtes unterstützt sowie zum anderen durch unseren Bürgern in Uniform. Ebenso haben wir genug Helfer, die Kontakt zu den Fällen aufnehmen. Aber wir haben zu wenig Menschen mit fundierter medizinischer Ausbildung, die sich zum Beispiel bei Erkrankungshäufungen in Altenheimen, in Schulen, in Firmen dieser Sache annehme. Wir haben zu wenig Ärzte, zu wenig medizinisch gebildetes Personal wie Krankenschwestern, MFAs oder sonstige Pflegerinnen und Pfleger. Diese fehlenden Menschen mit guter medizinischer Kompetenz werden wir leider auch nicht bekommen, denn die werden woanders ebenfalls gebraucht und…. besser bezahlt. Für diejenigen, die trotzdem zu uns wollen, drohe ich überspitzt mit : „Blood, sweat and tears, but no money“. Zum Glück lassen sich doch immer wieder ein paar gute Mediziner oder medizinisches Assistenzpersonal auf uns ein, weil sie einfach die Arbeit aus Sicht eines Gesundheitsamtes einmal miterleben wollen. Die meisten sind dann doch sehr überrascht über die Gradwanderung zwischen Medizin, Jurisprudenz und Presse, die wir bewältigen müssen.

Sie machen diese Arbeit nun seit 31 Jahren. Was werden Sie am meisten vermissen?
Am meisten werde ich viele gute, befreundete Kollegen vermissen. Natürlich werde ich versuchen, die Beziehungen aufrecht zu erhalten, aber es ist schwierig. Wenn man sich hier zum Mittagessen trifft, ist es einfach etwas anderes. Und auch wenn es jetzt arrogant klingen mag, sage ich es trotzdem: Meine Impfstelle werde ich ebenfalls vermissen. Ich habe reisemedizinische Impfberatung gemacht, war einer von wenigen Ärzten im Landkreis, die selbst die Zulassung des Landes hatte für die Gelbfieber-Impfungen. Die Menschen kamen vor ihrem Urlaub zu mir und ich habe sie beraten, was sie für das jeweilige Land an Impfungen benötigen. Einmal pro Woche, mittwochs ab 16.00 Uhr bis manchmal 222.00 Uhr abends, war ich noch richtiger Medizinier und zwar für Menschen, die nicht krank, sondern gesund und aufgrund der anstehenden Reise optimistisch gestimmt waren. Das war stressig, aber es hat mir riesigen Spaß bereitet. Ich hatte einen guten Ruf und darauf bin ich stolz. 

Haben Sie ein bisschen Bammel vor dem Ruhestand oder werden Sie nebenher beispielsweise als Gutachter noch tätig sein?
Fachlich werde ich nichts mehr machen können, denn wegen meines vorzeitigen Ruhestandes darf ich nur ein sehr kleines Kontingent dazu verdienen, deshalb würde sich der ganze Aufwand nicht lohnen. Außerdem ist es jetzt wirklich wichtig, einmal Abstand zu gewinnen von der Medizin und dem ganzen Drumherum. Ich habe eine Sch… Angst, das gebe ich offen zu. Aber ich muss es einfach durchstehen und muss mich dann mal konsolidieren. Zum Glück bin ich in meinem Heimatort gut vernetzt, habe gute Freunde, aber trotzdem habe ich Angst. Vor einem halben Jahr habe ich nicht geglaubt, dass es so sein wird. Doch jetzt steht der Abschied kurz bevor, da sieht es plötzlich ganz anders in mir aus. Natürlich ist es schön, mich morgens im Bett nochmal umzudrehen und weiterzuschlafen, obwohl der Wecker klingelt und meine Frau mir sagt, was alles erledigt werden muss. Da muss ich aufpassen, dass ich nicht in einen Müßiggang verfalle. Deswegen bin ich auch so sauer auf Corona, denn dadurch tue ich mich sehr schwer mit meiner Tagesstruktur. Aber ich werde relativ viel Sport machen und dadurch vieles kompensieren, was das Wetter und Corona verhindern. 

Ist Ihre Hoffnung, dass wir Corona mit einer Impfung in den Griff bekommen?
Es sind zwei Impfungen, aber ich habe eine eher distanzierte Hoffnung, weil ich meine Mitbürger und die Politik kenne. Dieses Thema ist gerade so etwas von ungeeignet, denn wir haben sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene Wahlkampf. Aber ich hoffe, dass der Impfstoff wirken und die Akzeptanz bei der Bevölkerung vorhanden sein wird. Und dass hier niemand durch politische Schnellschüsse das Thema Impfung kaputt macht, wie Putin das in Russland getan hat. Putin hat den Impfstoff bei seiner Bevölkerung falsch eingetütet nach dem Motto: „Hier ist Sputnik 5, wir sind die Allergrößten.“ Und dann hätte er sich z.B. selbst öffentlich zuerst impfen lassen müssen, um ein Signal zu setzen. Man muss einen Impfstoff so sensibel einführen, dass die Menschen sich aus innerer Überzeugung heraus impfen lassen wollen, sonst geht das daneben. 

Was glauben Sie, wie lange wird uns Corona noch begleiten?
Seien Sie sicher, dass es Sie und mich definitiv noch ein Leben lang begleiten wird. Wir werden uns mit Corona – so wie mit vielen anderen Viren auch im Rahmen  unseres Daseins abfinden müssen. Deswegen werden wir impfen. Sobald man weiß, ob und wie lange die Impfung hält, werden wir z. B nach fünf oder zehn Jahren erneut impfen, dann vielleicht nach zwanzig und mit Glück vielleicht dann nie wieder. Das wird sich alles zeigen, aber das Thema wird uns ein Leben lang erhalten bleiben, auch wenn es unser Leben nicht mehr so massiv bestimmen wird wie derzeit. Wir werden es in den Griff bekommen und uns daran adaptieren, so wie wir das aufgrund der Impfmöglichkeiten mit Hepatitis A und B, den Masern oder Polio (Kinderlähmung) geschafft haben. Letztere steht ja kurz vor der weltweiten Ausrottung und bei Masern arbeiten wir dran, wenn uns denn Corona eines Tages wieder lässt.

Auf welcher Stufe – eins gleich sehr gut, zehn totale Katastrophe – liegen wir bezüglich Covid-19 derzeit im Landkreis?
Derzeit liegen wir vielleicht bei Stufe sechs. 

Herr Dr. Schönauer, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

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