„Am Tag kommen allein hier in die Saarstraße rund 160 Menschen“- Ulrike Bötcher im Interview

Vor wenigen Monaten übernahm die 52-jährige Ulrike Bötcher die Geschäftsführung der Ludwigstafel e.V. in der Ludwigsburger Saarstraße. Als sie sich auf die freiwerdende Stelle bewarb, ahnte die Mutter eines 20-jährigen Sohnes und einer 14-jährigen Tochter allerdings noch nicht das Ausmaß der neuen Herausforderungen, die auf sie und die Tafel zukommen würden. Im Interview mit Ludwigsburg24 spricht die studierte Sozialpädagogin offen über ihre zu kurze Einarbeitungszeit, über die wachsende Zahl der Bedürftigen, die Suche nach neuen ehrenamtlichen Mitarbeitenden und die Dankbarkeit ihrer Kunden.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

LB24: Frau Bötcher, seit vier Monaten sind Sie als Geschäftsführerin verantwortlich für die Ludwigstafel. Sind Sie im neuen Job schon richtig angekommen?

UB: (lacht) Das wäre schön, aber die Arbeit hier ist ein sehr weites Feld mit immer neuen Aufgaben. Ich lerne noch immer jeden Tag dazu.

Haben Sie sich auf die Stelle beworben oder wurden Sie abgeordnet?

Ja, ich habe mich auf die Stelle beworben. Nach 12 Jahren auf der Karlshöhe, wo ich mich mit Maßnahmen für Hartz 4-Empfängern beschäftigt und dabei regelmäßig die Tafel vorgestellt habe, wollte ich mal etwas Anderes machen. Ich kannte die Herausforderung, die mit dem Job verbunden ist, wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nichts vom Ukraine-Krieg.

Bereuen Sie Ihre Entscheidung?

Es gibt immer mal richtig harte Tage, an denen ich abends fix und fertig bin, doch ich bereue den Wechsel deshalb nicht. Im Gegenteil, ich habe großen Ehrgeiz, hier alles richtig gut hinzukriegen und werde auch unterstützt, wo es geht.

Haben Sie schon eine Vorstellung, was und wie Sie hier etwas verändern wollen?

Jetzt habe ich mir mal ein Jahr Zeit gegeben, um zu hundert Prozent in allen Aufgaben mit allen Terminen und Veranstaltungen drin zu sein. Natürlich habe ich meine eigenen Vorstellungen, ob und was ich verändern oder neu einführen kann. Doch diese Gedanken stehen erstmal hinten an, bis ich in sämtlichen Bereichen einen wirklichen Überblick habe.

Was macht Ihre tägliche Arbeit aus, welche Hürden müssen Sie überwinden?

Momentan versuche ich vor allem, den Betrieb am Laufen zu halten. Das Problem liegt darin begründet, dass meine Einarbeitungszeit nur drei Monate betrug. In dieser kurzen Zeit bekommt man nur das Nötigste mit. Das gesamte Aufgabengebiet erfasst man allerdings erst Schritt für Schritt durch die tägliche Praxis.

Wie muss man sich Ihr Tätigkeitsfeld konkret vorstellen?

Morgens überfliege ich zuerst alle Mails, meist mache ich das noch von daheim aus. Heute habe ich noch vor der Arbeit Geburtstagssträuße für zwei Mitarbeiter besorgt und Karten für neue Ausweise abgeholt. Hier angekommen, höre ich zuerst den Anrufbeantworter ab, um zu prüfen, ob sich jemand krankgemeldet hat und ich Ersatz besorgen muss. Jeden Tag werden mit zwei, manchmal auch mit drei Autos zwei Touren gefahren, um die Lebensmittelspenden abzuholen. Diese Touren müssen logistisch und auch personell geplant werden. Wenn die Ware hier ist, muss sie sortiert werden, jedes Stück Obst oder Gemüse wird nochmals genau kontrolliert, bevor es neu verpackt in den Laden kommt. Viele Dinge sind jeden Tag gleich, und trotzdem ist jeder Tag anders, da immer wieder neue Herausforderungen dazukommen.

Neben der Saarstraße gehören außerdem die Außenstellen Kornwestheim, Eglosheim und Grünbühl zu Ihrem Aufgabengebiet.

Ja, weshalb die personelle und logistische Koordination durchaus eine Herausforderung ist. Wir sind zudem noch Regio-Tafel und erhalten Spenden vom Landesverband, die zu einer Firma in Schwieberdingen gebracht und vorbereitet werden, da wir mittwochs immer Austauschtag haben. Das bedeutet, dass dann die Tafeln von Bietigheim, Vaihingen, Marbach, Ditzingen, Waiblingen, Backnang und Heilbronn nach einem bestimmten Verteilerschlüssel die Ware erhalten. Zudem haben wir noch ein Lager in Renningen, an das die ganze Tiefkühlware geliefert wird.  Ich muss daher immer im Auge behalten, wann ich wieder neue Ware abrufen muss, um die Tiefkühltruhen aller Tafeln wieder auffüllen zu können.

Aus welchem räumlichen Umkreis erhalten Sie Ihre Spenden?

Die eine Tour geht bis Stuttgart-Münster und Aldingen, die andere bis Möglingen. Wir haben bestimmte Einkaufscenter, die zu unseren Spendern gehören, und täglich angefahren werden.

Reicht das, was täglich an Spenden reinkommt?

Ja, im Moment reichen die Spenden gut aus, auch wenn es bei den Milchprodukten und bei Fleisch- und Wurstwaren gerne mehr sein dürfte. Selbst in den Monaten vor den Ferien, als wir aufgrund der Ukraine-Flüchtlinge einen größeren Ansturm hatten, waren sie ausreichend. Allerdings sanktionieren wir die Waren auch, damit möglichst jeder etwas bekommt. Und im Zweifelsfall sagen wir halt mal: So, heute gibt es eben nur drei verschiedene Gemüsesorten, oder wir legen fest, dass es an diesem Tag entweder nur Wurst oder nur Käse gibt, aber nicht beides. Das entscheiden wir jeden Tag neu, da wir jeden Tag unterschiedlich Ware bekommen. Wir müssen das so handhaben, da bei uns die Menschen selbst einkaufen und nicht wie bei anderen Tafeln fertig gepackte Tüten ausgehändigt bekommen. Das hat damit zu tun, dass wir unseren Kunden die Würde lassen wollen, die Ware selbst auszusuchen und um zu verhindern, dass jemand etwas bekommt, was er gar nicht will und es dann vielleicht sogar einfach daheim entsorgt. Ich lege großen Wert darauf, dass wir in unserer Tafel die Kunden so behandeln, wie wir auch selbst behandelt werden wollen. Das ist mir ausgesprochen wichtig.

Die Sanktionen werden tatsächlich von jedem akzeptiert?

Nein, die Sanktionen stoßen nicht bei jedem auf Verständnis, aber es ist nun mal, wie es ist. Schließlich sind wir auch kein normaler Supermarkt wie REWE, Kaufland, Lidl oder Aldi, die ständig neue Ware nachlegen. Das können wir nicht. Wir haben zwar ein kleines Lager, in dem wir Festprodukte mit längerem Haltbarkeitsdatum aufbewahren, die wir im Zweifelsfall nachschieben, aber wir dürfen auf keinen Fall Ware dazukaufen, um das Angebot für alle aufrecht zu erhalten. Wenn ich gefragt werde, was wir an Spenden noch brauchen können, nenne ich sehr oft Konservendosen mit Fisch oder Wurst, die ich dann zum Ausgleich rauslegen kann, wenn es woanders fehlt.

Welche Produkte laufen bei Ihnen am besten?

Am besten laufen Grundnahrungsmittel wie Nudeln, Reis oder Olivenöl. Und Toilettenpapier, das wir aber meist nur als Sonderaktionen anbieten können. Wir haben aber durchaus Firmen, die anfragen, was wir gerade benötigen und kaufen das dann für uns ein. Auf Wunsch bekommen sie natürlich eine Spendenquittung über den ausgegebenen Betrag.

Bekommen Sie gelegentlich Geld-Spenden und wie setzen Sie diese ein?

Wenn wir Geldspenden bekommen, dürfen wir diese nur für interne Zwecke verwenden, also für Betriebs- oder Personalkosten, für Sprit oder die Autos.

In unserer Gesellschaft herrschen derzeit sehr viel Frust und leider auch Aggression. Spüren Sie das auch?

Es gibt manchmal Tage, an denen wir hier diese Grundstimmung durchaus merken. Dennoch muss ich sagen, dass es bislang noch sehr ausgeglichen ist. Worüber es gelegentlich Frust gibt, sind einerseits die langen Warteschlangen und andererseits die Ukrainer, die teils mit dem SUV hier zum Einkauf vorfahren und an der Kasse mit gut gefülltem Geldbeutel locker bezahlen. Das ist für jemand, der hier ewig ansteht und nicht weiß, wie er den Monat über die Runden kommt, wirklich frustrierend. Da wird dann schon mal Unmut laut. Aber da das politisch vorgegeben ist, müssen wir immer wieder geduldig erklären, dass die ukrainischen Flüchtlinge ein Recht darauf haben, bei der Tafel einzukaufen.

Wie viele Kunden haben Sie jeden Tag und fürchten Sie, dass es noch mehr werden könnten?

Am Tag kommen allein hier in die Saarstraße rund 160 Menschen. Sobald aber die Strom- und Gasrechnungen raus sind, rechnen wir nochmals mit einem Anstieg der Einkäufer, da viele dann mit ihrem Geld nicht mehr auskommen werden. Dazu kommt der Aufruf vom ukrainischen Präsidenten an seine Landsleute, das Land sicherheitshalber zu verlassen. Folgen sie ihm, werden auch wir hier das sicherlich zu spüren bekommen. Derzeit besteht unsere Kundschaft bereits zu etwas mehr als 50 Prozent aus ukrainischen Flüchtlingen. Bei der anderen Hälfte sind noch die ausländischen Mitbürger in der Überzahl, aber das wird sich ab Herbst/Winter wahrscheinlich angleichen, denn ich gehe davon aus, dass mehr Rentner und Alleinerziehende zu uns kommen werden.

Wie kommt man denn an die Berechtigung für den Einkauf bei der Tafel?

Sie müssen sich an die Caritas, die Diakonie, die Karlshöhe oder das Rote Kreuz wenden. Dort müssen Sie Ihren Mietvertrag sowie Ihre Einkommensnachweise vorlegen, damit Ihre Berechtigung errechnet werden kann. Steht Ihnen der Berechtigungsschein zu, dann gilt er für Rentner zwei Jahre, für alle anderen jeweils ein Jahr. Nach Ablauf muss die Berechtigung erneut nachgewiesen werden. Im Normalfall kann man mit diesem Schein täglich in allen Tafeln des Landkreises nach Bedarf einkaufen, allerdings haben wir das aufgrund des gestiegenen Andrangs etwas eingeschränkt.

Wie schaffen Sie es, dass gerade die ausländischen Mitbürger Ihre wechselnden Auflagen beim täglichen Einkauf verstehen, ohne dass es eskaliert?

Wir haben für die ukrainischen Mitbürger Studenten, die die russische Sprache sprechen und für uns bei jedem Antrag genau übersetzen, was die Tafel ist und welche Regeln gelten. Wir haben auch noch einen russisch sprechenden Kunden, der uns immer wieder unterstützt, wenn es doch mal zu Irritationen und Diskussionen kommt. Wenn alle Stricke reißen, bemühen wir den Google-Übersetzer in der Hoffnung, dass er richtig übersetzt. Bislang funktioniert alles ganz gut. Die Ware ist im guten Zustand und ausreichend. Wenn ich ehrlich bin, haben wir sogar von den Presseaufrufen zur Unterstützung der ukrainischen Flüchtlinge profitiert, so dass wir einen größeren Zulauf an Spenden verzeichnen konnten.

Dürfen Sie und Ihre Mitarbeiter eigentlich in der Tafel einkaufen oder abends die restlichen Waren mitnehmen?

Nein, wir dürfen nichts von der Tafel für uns nehmen, denn wir haben alle keinen Berechtigungsschein. Auch Waren, die abends übrig sind, geraten nicht in die Hände von uns Mitarbeitern. Alle verderblichen Reste wie Gemüse gehen entweder zum Foodsharing, zur Heilsarmee oder zur Suppenküche. Gelegentlich nimmt uns die Karlshöhe ebenfalls Produkte wie Wurst, Fleisch oder Käse ab, deren Mindesthaltbarkeits- oder Verbrauchsdatum erreicht ist und deshalb von uns nicht mehr verkauft werden dürfen.

Wer legt Ihre Verkaufspreise fest?

Die Preise legen wir selbst fest und orientieren uns dabei am regulären Warenwert, den wir in der Regel durch 4 teilen. Ist der Preis für unsere Kundschaft trotzdem noch zu hoch, passen wir ihn nach unten an und sprechen uns mit unseren anderen Tafeln ab, damit die Preise einheitlich sind.

Überall steigen die Preise. Wird die Tafel ebenfalls teurer?

Sicherlich werden wir unsere Preise langfristig anpassen müssen. Aber es wird nicht so extrem wie im klassischen Supermarkt oder Discounter. Wir reden bei der Tafel von Erhöhungen im fünf bis zehn Cent-Bereich.

Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen, was bereitet Ihnen da die größte Sorge?

Am meisten treibt mich die Unterstützung durch die 120-140 Ehrenamtlichen um, falls die Zahl der zum Einkauf Berechtigten weiter steigt. Die Altersstruktur der ehrenamtlichen Mitarbeiter ist recht hoch, weshalb wir dringend jüngeren Nachwuchs brauchen. Auch haben wir durch Corona viele Ehrenamtliche verloren, deren Wegfall wir dringend wieder ausgleichen müssen. Diejenigen, die noch da sind, versuchen wir durch kleine Feste, Blumensträuße zum Geburtstag oder mal durch eine Runde Eis für zwischendurch zu motivieren und zu halten. Bei unserem letzten Sommerfest haben alle zudem einen 20-Euro-Gutschein vom Stadtmarketing LUIS bekommen.

Haben Sie schon eine Idee, wie Sie neue Ehrenamtliche für die Tafel gewinnen können?

Über das Ehrenamtsportal der Stadt und über die Kirche habe ich Anzeigen geschaltet. Zum Glück bekommen wir doch immer wieder Anfragen von Menschen, die sich bei uns engagieren wollen. Voraussetzung dafür ist die hausinterne Hygieneschulung im Rahmen des Vorstellungsgesprächs sowie die Impfung gegen Corona. Danach folgt ein dreimaliges Mitarbeiten in der Gemüseküche. Haben die Bewerber*innen anschließend immer noch Lust auf Mitarbeit, planen wir sie anhand des jeweils persönlichen Zeitbudgets sehr gerne in unserem Team ein. Das Erstellen der Einsatzpläne für Fahrer und Ehrenamtliche ist ein wöchentliches Last-Minute- Puzzlespiel, das immer sehr schnell durch beispielsweise Krankheit oder anderweitige Verhinderung über den Haufen geworfen werden kann. Dann puzzle ich wieder neu und springe im Zweifelsfall selbst ein, falls kein Ersatz gefunden wird.

Inwiefern erfahren Sie selbst Wertschätzung für Ihre Arbeit?

Immer wieder mal kommen Bedürftige auf mich zu und danken mir persönlich für meinen Einsatz. Die Menschen loben meine Arbeit und bitten mich, am Ball zu bleiben und sagen mir, dass ich gebraucht werde. Das finde ich sehr schön, denn das tut einfach gut.

Was macht es mit Ihnen persönlich, wenn Sie täglich das Leid der Menschen mitbekommen?

Hin und wieder nehme ich ein paar meiner mir besonders nahegehenden Eindrücke mit nach Hause, aber im Großen und Ganzen kann ich nach der Arbeit ganz gut abschalten. Mit meinem Mann, der ebenfalls aus einem sozialen Beruf kommt, kann ich mich gut austauschen, wenn ich Redebedarf habe. Außerdem habe ich während der letzten zwölf Jahre gelernt, Job und Emotionen strikt zu trennen, denn das gehört zur Professionalität. Ich sehe es so: Wir sind ein soziales Land, das im Gegensatz zu allen anderen Ländern, ein solch hilfreiches Angebot wie die Tafel hat. Das ist doch positiv, auch wenn mir trotzdem gelegentlich das eine oder andere Schicksal weh tut.

Was nehmen Sie für sich an Positivem aus Ihrer Arbeit mit?

Das Schöne an meinem Job ist die Arbeit mit Menschen und dass ich eine kleine Unterstützung leisten kann, damit es ihnen etwas bessergeht. Schön ist auch, dass ich zu der ein oder anderen Person persönlichen Kontakt habe, und dass wir in der Tafel nachhaltig arbeiten und so Lebensmittel retten und dazu beitragen können, dass weniger weggeworfen wird. Mir gefällt auch das gute Team aus Festangestellten und Ehrenamtlichen und dass es sich lohnt gemeinsam dafür zu kämpfen, die Tafel weiterhin am Leben zu erhalten.

Was steht bei Ihnen jetzt als nächstes an?

Mit der Familie in den Urlaub gehen, und die Akkus wieder aufladen. Ein bisschen Meer genießen, ein bisschen Kultur, ein wenig Wandern, in Ruhe lesen und ausgiebig entspannen. Das Handy bleibt aus und die Gedanken werden auf keinen Fall um den Job kreisen.

Frau Bötcher, wir danken Ihnen für das Gespräch!

„Basketball ist mein Leben“ – John Patrick im Interview

John Patrick ist der Architekt der erfolgreichsten Ära der MHP-RIESEN Ludwigsburg. Viele Spieler kamen und gingen in den fast zehn Jahren seiner Trainerlaufbahn in der Barockstadt. Nur Patrick blieb. Er war die Konstante in einer fast jährlich nahezu komplett neu aufgestellten Mannschaft. Die Philosophie des US-Amerikaners war stets einfach: Respekt und Siege sammeln mit einem der berüchtigtsten Defensiv-Teams der Basketball-Bundesliga. Im Interview spricht der 54-Jährige über die Licht- und Schattenseiten eines Trainerjobs und warum es jetzt für ihn an der Zeit ist, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Wann immer ich Sie während und nach den Spielen beobachtet habe, waren Sie die Ruhe in Person, souverän und kontrolliert. Werden Sie nie nervös?

JP: Es bringt weder für den Spieler noch für den Coach etwas, wenn man hochemotional reagiert. Außerdem versuche ich so ruhig wie möglich zu bleiben. Ein wichtiger Faktor für sportlichen Erfolg ist eine gute Vorbereitung, darauf konzentriere ich mich. Dennoch weiß ich, dass wir trotzdem Spiele verlieren können. Als Spieler und als Coach muss man sich immer fragen, was alles falsch laufen kann. Die besseren Mannschaften stellen sich darauf ein, dass der Gegner ihnen das Leben schwer machen wird. Nach jedem Spiel, besonders wenn man gewonnen hat, tritt eine Erleichterung ein. Verliert man, hat man sich eventuell nicht gut genug vorbereitet.

Ihre Trainerzeit bei den MHP-RIESEN ist jetzt beendet. Mit welchem Gefühl sind Sie in den immerhin 10 Jahren in Ludwigsburg zur Arbeit gegangen und wie ist Ihr aktuelles Gefühl morgens beim Aufstehen?

Basketball ist mein Hobby und gleichzeitig mein Job. Schon als Spieler und danach als Trainer war mir bewusst, dass es schlechtere Jobs gibt und ich glücklich bin, das ich mein Hobby als Job ausüben durfte. Als Student bekam ich ein Stipendium für Stanford, damals dachte ich schon: Wahnsinn, ich mache hier das, was ich normalerweise in meiner Freizeit machen würde und werde sogar noch in Form eines Stipendiums dafür bezahlt. Ich habe schon immer Pick-up Basketball Streetbasketball gespielt mit wem und wann immer ich konnte, und beschäftige mich bis heute noch in meiner Freizeit mit Basketballthemen, deswegen hatte und habe ich nie das Gefühl, dass meine Tätigkeit wirklich unbequeme Arbeit ist. Obwohl es viel Zeit braucht, um den Job richtig auszuüben.

Als bekannt wurde, dass Sie vorzeitig Ihren Vertrag auflösen, wurden Sie zitiert mit der Aussage, dass es zehn sehr intensive Jahre in Ludwigsburg waren und es jetzt Ihrer Meinung nach Zeit sei für einen Tapetenwechsel. Woran haben Sie das festgemacht?

Ich hatte das Gefühl, dass ich mal eine Pause brauche. Neben meinem Job als Coach war ich zusätzlich Sportdirektor, habe mich auch um das Jugend-Recruiting gekümmert und mit Agenten Verhandlungen von Anfang bis zum Ende geführt, Verträge vorbereitet, für den Trainerstab als auch für die Spieler. Auch in der Nebensaison lief die Tätigkeit als Cheftrainer und Sporttrainer selbstverständlich weiter. Spieler wurde gesichtet und auch Verhandlungen mit Teams geführt, die an unseren Spielern interessiert waren. Diese Arbeiten haben sich vor allem auf den Sommer konzentriert. Natürlich habe ich als Trainer und Sportdirektor keinen geregelten Job von 9.00 bis 17.00 Uhr, weder während noch außerhalb der Saison. Und natürlich war es auch interessant für mich, meine zwei eigenen Söhne im Team zu haben und ihnen Vater und Trainer zugleich zu sein, was gleichermaßen super wie herausfordernd war. Dann kam die Corona-Zeit, in der wir international, aber ohne Fanbegleitung gespielt haben. Es waren sehr intensive und erfahrungsreiche Zeiten. Manchmal wäre es gut gewesen eine Pause einzulegen aber der Wettbewerb, in dem wir uns befanden, ließ das einfach nicht zu.

War es schwierig, den Vertrag vorzeitig aufzulösen? Hat man Ihnen keine Steine in den Weg gelegt?

Ich hatte seit 2013 eine Ausstiegsklausel in meinem Vertrag. Ich sprach mit den Vereinsverantwortlichen und gemeinsam fanden wir einen Weg, wie das Team weiterhin seine erfolgreiche Entwicklung fortführen könnte. Dem Verein stehe ich jedoch weiterhin in einer beratenden Rolle zur Seite.

Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie Ihnen von Ihren Wechselplänen erzählt haben?

Die Familie hat sehr positiv auf meine Entscheidung reagiert, da sie mit der Zeit bemerkt haben, dass eine kleine Verschnaufpause mir guttun würde.

Es ist nachvollziehbar, dass Ihre Frau mit Ihrer Entscheidung glücklich ist. Aber was sagen Ihre Söhne dazu?

Sie verstehen mich und akzeptieren meine Entscheidung. Alle drei sind sehr fleißig. Mein erster Sohn Julian war in der Saison 2017/18 unser Teammanager. Er war damals erst 17 oder 18 Jahre alt, hat aber gearbeitet wie ein Erwachsener. Oft hat er bis in die tiefe Nacht hinein die Mannschaftswäsche gewaschen und hat die Mannschaft durch halb Europa begleitet. Auch wenn ich sein Vater war, habe ich von ihm erwartet, dass er seinen Job perfekt macht. Meine beiden anderen Söhne Johannes und Jacob spielen regelmäßig im Team. Sie haben Abitur gemacht ohne jeglichen Sonderstatus. Sie mussten ihre Sachen für die Schule erledigen. Das war auch nicht einfach für sie als junge Spieler, gerade während Corona, mit wenigen sozialen Kontakte, nur Schule und Basketball.

Ihre Jungs sind fleißig und ehrgeizig. Wie stolz sind Sie als Vater auf ihre drei Söhne?

Ich bin sehr stolz auf alle drei. Vor allem darauf, wie sie die Herausforderungen angenommen haben und dabei positiv geblieben sind. Ich muss ihnen gar nichts sagen, sie wissen selbst, was ihnen beispielsweise ein Individualtraining bringt, das machen sie von ganz allein. Julian als Trainer und Johannes und Jacob als Spieler.

Es macht mir große Freude zu sehen, dass alle drei verstanden haben, das zusätzliches Training einen großen Nutzen und einen Wettbewerbsvorteil bringen kann.

Viele Menschen hier im Landkreis sagen, Sie sind das Gesicht der MHP-RIESEN. Sehen Sie das selbst auch so?

Nein, denn ich möchte nicht im Rampenlicht sein und auch nicht in der Öffentlichkeit über Basketball sprechen. Ich bevorzuge den Hintergrund, um meine Aufgaben erfolgreich zu erledigen.

Werden Sie außerhalb der MHP-Arena in Ludwigsburg oft angesprochen?

Manchmal schon, aber es ist ehrlich gesagt nicht ein Thema für mich.

Ihr Job ist ein 24-Stunden-Job, der viel Energie, Kraft und Zeit kostet. Wo nehmen Sie Kraft und Energie her, um das alles zu stemmen?

Mein ganzes Leben lang habe ich Sport getrieben und Wettbewerbe bestritten. Deshalb verspüre ich diesbezüglich auch keinen unerwarteten Stress. Ich war immer bereit, den Wettbewerb an- bzw. aufzunehmen, wollte stets meine Jobs als Cheftrainer und Sportdirektor seriös ausüben. Nur die Öffentlichkeitsarbeit mit Interviews war noch nie mein Ding. Ich würde lieber weniger sagen und das Rampenlicht den Spielern und dem Präsidenten überlassen. Das wird mir in Japan besser gelingen, denn da werde ich lediglich Cheftrainer sein.

Was tun Sie sich Gutes, wenn Sie mal entspannen wollen?

Ich liebe einfach Basketball, auch in der Freizeit. Aber ich mag auch die Natur, lese viel, zum Beispiel über Politik. Aber es macht mir auch einfach Spaß, mit jüngeren Menschen auf dem Spielfeld zu arbeiten, es macht Spaß mit Coaches zu reden. Basketball ist mein Leben. Außerdem ist es für mich als Familienvater faszinierend zu sehen, wie unsere Kinder groß geworden sind und sich entwickeln, wie selbständig sie geworden sind über die Jahre.

Über Sie als Trainer wird gesagt, dass Sie knallhart sind und von Ihren Spielern fordern, immer bis zum Äußersten zu gehen. Erwartet das der Ehemann und Familienvater John Patrick auch von seiner Familie?

Die Menschen, die das behaupten haben mich wahrscheinlich nie bei meiner Arbeit erlebt und auch nicht zuhause. Zu Hause bin ich kein Coach. Zusammen mit meiner Frau bilden wir ein gutes Team. Wir mussten auch früh den Kindern einiges zutrauen, sei es das Kümmern um den Hund und die Pferde oder um Dinge im Haus wie beispielsweise den Müll oder Shoppen. Auch müssen sie sich um die Oma kümmern, die schon älter ist und bei uns ganz in der Nähe wohnt.

Junge Spieler, die zu uns kommen, tun das, um sich zu entwickeln. Ältere Spieler kommen um zu siegen und erfolgreich zu sein. Ich denke, dass wir mit zu den Top-Mannschaften gehören, aber diesen Erfolg schafft man eben nur durch harte Arbeit.

Sind Sie ein Trainer zum Anfassen, eine Art Vaterfigur, oder ist Ihnen Distanz und Respekt lieber?

Ich bin relativ offen und jeder kann mit seinen Problemen auch außerhalb des Basketballs zu mir kommen. Eine gewisse Distanz im Training ist wichtig. Jedoch ist auch das persönliche Interesse am Spieler relevant.

Wir haben hier auch einen Teammanager, Yannick Rohatsch, der für die täglichen Dinge zuständig ist. Er ist noch näher an den Spielen dran. Das hilft sehr.

Kommen wir zum Thema Corona, dass uns alle die letzten zwei Jahre beschäftigt hat. Wie hat sich Corona auf den Basketball ausgewirkt?

Während der Coronakrise hatten wir als MHP RIESEN zweieinhalb sehr gute Spielzeiten, aber es war natürlich nicht einfach. Schlimmer noch war es jedoch für die Kinder und Jugendlichen, die ihren Bewegungstrieb, ihre Sportbegeisterung und ihre sozialen Kontakte in den Vereinen nicht ausleben durften. Für uns war es aufreibend, dass wir so viele PCR-Tests machen mussten, manchmal zweimal am Tag. Die ganzen Regeln damals waren notwendig. Zum Glück hatten wir unsere Spieler auf der Bank, die für Stimmung während der Spiele gesorgt haben. Dieser Teamgeist und die Energie, die da von der Bank kamen, das war schon ein Vorteil für uns. In der Saison 2019-2020 hatten wir  mit 17 Siegen und drei Niederlagen, im letzten Jahr mit 30 Siegen und vier Niederlagen und in diesem Jahr mit 23 Siegen und elf Niederlagen eine extrem erfolgreiche Zeit. Das war schon alles sehr gut. Komisch waren unsere Geisterspiele in vielen Teilen Deutschlands, während auf internationaler Ebene wieder ganz andere Regeln galten, sei es bei den Reisebedingungen oder für die Anwesenheit von Fans während der Spiele. Das war alles recht kompliziert, aber wir sind als Team gut durch diese Zeit gekommen.

Hatten Sie selbst Corona?

Ich glaube, dass ich es zweimal hatte, aber ich wurde nie positiv getestet.

Wenn Sie die letzten zehn Jahre Revue passieren lassen, was werden Sie in Zukunft vermissen?

Ludwigsburg als Stadt mit all seinen Menschen werde ich vermissen. Ich liebe Ludwigsburg, es ist ein toller Ort für meine Familie und mich. Hier verschmelzen so viele Nationen, Sprachen und Kulturen, das mag ich. Das wird in Japan anders sein, denn dort leben zu 99 Prozent Japaner, nur Tokio ist relativ international. Dort fühle ich mich auch wohl. Ich werde am Rand von Tokio wohnen und fahre fünf Minuten mit dem Fahrrad, dann bin ich in der Natur, fahre viele Kilometer am Fluss entlang, sehe Tempel und Reisfelder. In vierzig Minuten bin ich an einem Surfing-Strand, das ist alles wunderbar, vor allem auch deshalb, weil wir in Japan nur einmal am Tag trainieren dürfen. Hier in Ludwigsburg brauche ich allerdings nur 15 Sekunden, schwupps bin ich im Favoritenpark.

Während Ihrer Zeit hier als Trainer sind viele namhafte Spieler gekommen, einige sind gegangen. Wer war der herausragendste Spieler?

Jeder Spieler hat etwas mitgebracht. Es gibt Spieler, die vielleicht nicht so herausragend auf dem Spielfeld performt haben, aber die legen anderweitig so viel Power und Einstellung an den Tag wie beispielsweise Chris von Fintel. Oder Spieler wie Jon Brockman, Tom Walkup, Jaleen Smith, die einen unbeschreiblichen Einfluss auf die Mitspieler hatten, so motiviert jeden Tag trainiert haben und im Spiel in der Offensive wie Defensive dominant aufgetreten sind. Wir hatten viele hier, nicht nur in der spielenden Mannschaft, sondern auch im Verein wie Lukas Robert oder Mario Probst, die den administrativen Bereich geregelt haben. Es wird so bleiben, unabhängig davon ob ich da bin oder nicht. Führung kommt von allen.

Gibt es weltweit einen Spieler, der für Sie der Größte war bzw. ist?

Da sage ich sofort Michael Jordan. Der Mann hat nicht nur auf dem Feld mehr als jeder andere geleistet, er war eine Ikone und hat Basketball international populär gemacht. Er spielt in seiner eigenen Liga.

In jeder Saison hatten Sie die Aufgabe, eine Mannschaft fast komplett neu zusammenzustellen. Und fast jedes Mal ist es Ihnen gelungen, ein sehr erfolgreiches Team daraus zu formen. Wie haben Sie das geschafft, was ist Ihr Geheimnis?

Wir haben versucht, charakterstarke Spieler zu gewinnen, die Basketball richtig lieben und leben. Wir haben in dieser tollen Stadt Ludwigsburg in allen Bereichen super Trainingsmöglichkeiten, so dass sich jeder Spieler wohlfühlen und wir gute Spiele abliefern konnten. Wir spielen national in einer starken Liga, der BBL, und in der Champions League spielen wir gegen Topteams in ganz Europa. Wir sind bei NBA- und Euroleague-Scouts eine bekannte Größe. So konnten wir unseren Spielern behilflich sein um sie in die Euroleague oder in die NBA zu schicken. Sie kamen als Rohdiamanten zu uns, und einige Spieler haben es als großes Sprungbrett genutzt.

Mit unserem Jugendprogramm gehören wir übrigens mittlerweile zu den Besten in Deutschland und meiner Meinung nach zu den Top-Acht in Europa. allerdings hat es vier, fünf Jahre gedauert, bis wir so weit waren, dass Jugendliche mit den Profis trainieren  konnten. Davon wird die Mannschaft auch in der Zukunft künftig profitieren.

Was war bislang Ihr schönstes Erlebnis bei oder mit den MHP RIESEN?

Neben Superlativen wie Hauptrundmeisterschaft und Final Fours machte mir auch das tägliche Training großen Spaß. Spielern zuzusehen wie sie besser werden.

Bleibt Ihnen auch ein negatives Erlebnis in Erinnerung?

In schlechter Erinnerung bleiben mir natürlich all die Verletzungen, aber auch meine Sorge beim Spiel um die Meisterschaft in München gegen Alba Berlin, als ich Angst hatte, dass mein bester Spieler (Anm. der Redaktion: Marcos Knight) nicht auflaufen kann. Und so kam es dann leider auch.

Gab es mal den Moment in Ihrer Trainerzeit, in dem Sie ans Aufhören dachten?

Nein, einen solchen Moment gab es nie. Selbst in meiner Zeit als Spieler an der Highschool oder in Stanford, wo ich mehrere Spielzeiten wenig zum Einsatz kam, habe ich nicht eine Sekunde ans Aufhören gedacht. „Da musst Du durch. Es ist halt ein Kampf.“

Sind Sie eine Kämpfernatur?

Als Trainer habe ich die Einstellung, dass ich einen Weg finde, um zu gewinnen. Ja, denn es gibt immer einen Weg und eine Lösung. Es gibt auch immer eine Rolle, die man in einer Mannschaft finden kann, auch wenn es vielleicht nicht die Wunschrolle ist. Wenn man nicht zum Goalgetter wird, ist man vielleicht in der Verteidigung wertvoll für die Mannschaft. Kämpfen ist notwendig, (manchmal auch gegen das eigene Ego) wenn du gewinnen willst.

Wie geht es jetzt mit John Patrick weiter?

Den Sommer über habe ich frei. Das war mein Wunsch und das ist auch gut vereinbar mit meinem künftigen Job als Cheftrainer der Chiba Jets in Japan, wo ich Ende August hin wechseln werde. Ich helfe zudem meinem Nachfolger Josh King, wir telefonieren jeden Tag. Da ich einen Beratervertrag mit den MHP RIESEN habe, bleibt die Verbindung zu Ludwigsburg auf jeden Fall bestehen. Meine Familie bleibt hier. Zwei meiner Kinder werden hier weiterhin spielen. Beide wollten unbedingt mindestens noch ein Jahr bei den RIESEN bleiben. Das finde ich gut, denn sie identifizieren sich total mit Ludwigsburg und den Riesen.

Welche Visionen und Träume haben Sie noch?

Oh, da gibt es vieles, was ich noch machen möchte. Zuerst möchte ich zurück nach Japan gehen. Ich war schon mal lange Zeit dort, aber ich will jetzt mehr an der Sprache arbeiten, wieder reinkommen und mich verbessern. Ich möchte mich wieder in Form bringen, will meine amerikanischen sowie japanischen Freunde dort wieder treffen. Das alles habe ich mir vorgenommen. Allerdings war ich noch nie jemand, der sich große Ziele gesetzt hat. Ich will natürlich erfolgreich sein.

Wäre die NBA kein Traum für Sie?

Nein.

Wäre Bundestrainer eine Option?

Ich hatte Angebote, aber im Moment macht es für mich wenig Sinn. Ich genieße es den Wettkämpfen der Nationalmannschaften in der Sommersaison zuzusehen.

Herr Patrick, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Werden die Ludwigsburger Haushalte im Winter im Kalten sitzen müssen, Herr Rager?

Johannes Rager ist einer der beiden Geschäftsführer der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim GmbH (SWLB). Im Interview mit Ludwigsburg24 erzählt der 46-Jährige über die Situation auf dem Energiemarkt, wie sich die Gaskrise auf Ludwigsburg auswirkt und was er den Menschen empfiehlt. 

Ein Interview von Ayhan Güneş

Ludwigsburg24: Eine persönliche Frage zum derzeitigen Angstthema Energieversorgung: Heizen Sie Ihre privaten Räumlichkeiten mit Gas?

Johannes Rager: Nein, ich bin Kunde am Fernwärmenetz der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim.

Werden Ihre Gaskunden im kommenden Winter im Warmen sitzen?

Unsere Privatkunden sind geschützt und wir werden alles dafür tun, dass sie im Warmen sitzen werden und es genießen können. Die Verantwortung, die wir als Stadtwerke übernehmen, liegt in einer sicheren Versorgung unserer Netzgebiete mit Erdgas in Ludwigsburg, Kornwestheim, Tamm, Asperg, Möglingen, Marbach, Markgröningen entsprechend dem Energiewirtschaftsgesetz. Sollte zu wenig Gas zur Verfügung stehen, müssen wir die Mangellage gemäß den gesetzlichen Regelungen steuern und ich kann versprechen, dass wir unseren bestmöglichen Job machen werden.

Es ist nachvollziehbar, dass sich viele Menschen Sorgen machen. Können Sie diese Menschen beruhigen?

Ich glaube, es wird auf allen Ebenen alles dafür getan, dass die Menschen im Winter eine warme Wohnung haben. Und dennoch ist der Appell richtig, dass es auch mit etwas weniger Wärme geht und in diesem Fall Solidarität nötig ist. In einem großen Haus zum Beispiel, muss nicht jedes Zimmer beheizt sein. Es sollte jeder darauf achten, seinen Energieverbrauch zu senken. Und 1 bis 2 Grad weniger an Zimmertemperatur hat auch schon großes Einsparpotenzial.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation und ihre längerfristige Auswirkung: Befindet sich Deutschland, bzw. der Landkreis Ludwigsburg in einer Energienotlage?

Nein, aktuell ist alles im grünen Bereich. Wir sind zwar in der Alarmstufe, doch jetzt sind wir mitten im Sommer und die Gaslage ist stabil. Mit Sorge verbunden der anstehende Winter. Bis dahin müssen die bundesdeutschen Gasspeicher gefüllt sein. Da gibt es das vom Bundestag erlassene Gesetz, laut dessen bis 1. Oktober 80%, bis 1. November 90% des Vorrats gefüllt sein müssen. Dies zu erreichen, muss das große Ziel sein. Eine wesentliche Frage wirft jedoch die Wiederinbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 1 auf. Sollte dies nicht wie geplant nach der Wartung erfolgen, werden sicherlich weitere Maßnahmen durch die Bundesregierung eingeleitet.

Haben die Stadtwerke eigene Gasspeicher?

Ja, wir haben die Gaskugel und das Gasnetz an sich, denn auch ein Netz speichert Gas, aber das ist keine Menge, die über Tage oder gar Wochen reicht.

Wie lange halten deren Gasreserven? Gibt es dafür eine Statistik? Und gibt es eine Mindestreserve, die absolut notwendig ist?

Oft wird uns die Frage gestellt, wie lange unsere Gaskugel über den Winter reicht. Mit der großen Gaskugel, die sie bei der Autobahneinfahrt Ludwigsburg-Süd steht, gleichen wir nur die Tagesspitzen aus, ansonsten ist sie vom Volumen her für unsere Gasnetzgebiete zu klein. Wenn jedoch die großen Kavernenspeicher wie zum Beispiel Rheden in Norddeutschland zum Winterbeginn mit den vorgeschriebenen Mengen gefüllt sein werden, dann schaffen wir es, gemeinsam mit den anderen Bezugsquellen und allen Einsparungen über den Winter zu kommen.

Die Gaspipeline NordStream1 wurde diese Woche wegen notwendiger Wartungsarbeiten und aufgrund scheinbar technischer Probleme von den Betreibern abgeschaltet. Die Wartungsarbeiten sollen bis 21. Juli dauern. Was passiert, wenn die Wartungsarbeiten länger dauern sollten?

Die Speicher werden in diesem Fall nicht in dem Maße gefüllt, wie wir es uns erhoffen und das Gesetz vorsieht. Deshalb laufen schon jetzt im Hintergrund die Überlegungen, welche Maßnahmen bereits heute ergriffen werden müssen, um vorbereitet zu sein. Im Grunde steht uns alles, was wir über den Sommer sparen, im Winter zur Verfügung, weil diese Menge – soweit technisch möglich – eingespeichert wird.
Die Arbeiten, die derzeit an der Pipeline NordStream 1 stattfinden, sind normal und finden jährlich statt. Es ist also nicht ungewöhnlich, dass wir zu diesem Zeitpunkt kein Gas über diese Pipeline beziehen. Wird sie wieder regulär in Betrieb genommen, dann ist alles in Ordnung. Passiert das jedoch nicht, müssen die Überlegungen weitergehen, wie die Speicher durch andere Bezugsquellen gefüllt werden können und wie wir die Abnahme der Vorräte über den Sommer reduzieren.

Wie muss man sich das ganze Gaskonstrukt als Laie vorstellen?

Es gibt mehrere Pipelines, die durch andere Länder nach Deutschland führen und auch aus Deutschland raus, da wir auch Transit-Land sind. Im Wesentlichen wird das Gas im Förderland, hier Russland, unter hohem Druck in die Pipeline gepumpt und dann in Deutschland entnommen oder weitergeleitet an die Nachbarländer.
Das sind Hochdruckleitungen, damit jeweils eine große Menge an Gas durchkommt. In Deutschland wird das angekommene Gas danach in die unterschiedlichen Regionen transportiert. Das Netz wird nach unten immer feinmaschiger und so gelangt das Gas schließlich nach Ludwigsburg, Kornwestheim und unsere weiteren Netzgebiete. Mit reduziertem Druck leiten wir dies an unsere Kunden weiter. An diesen eben genannten Hochdruckleitungen hängen auch die Gasspeicher. In diesen wird das Gas nochmals mehr verdichtet, damit eine möglichst große Menge gespeichert werden kann.

Kann man beziffern, wie viel russisches Gas in Ludwigsburg ankommt?

Zu Beginn des Ukraine-Kriegs, also zum Ende des Winters, waren es 55 % der Gasmenge. Da unterscheidet sich Ludwigsburg nicht von anderen Städten.

Warum ist das so? Weil wir unser Gas über die Börse beziehen. Und an der Börse wird für uns als Stadtwerke nicht gehandelt, woher das Gas kommt, sondern es werden reine Erdgasmengen und Lieferzeitpunkte gehandelt. Auf der anderen Seite sind Händler, die wiederrum viele Verträge in den unterschiedlichen Förderländern, auch Russland, haben.

Wir als Stadtwerke kaufen an der Börse eine bestimmte Menge an Gas zu einem gewissen Zeitpunkt und für ein bestimmtes Lieferjahr. Wir arbeiten mit Systemen, die anhand der Wettervorhersage die voraussichtliche Menge für die nächsten Tage prognostizieren. Auf Grundlage dieser Berechnung wird die entsprechende Gasmenge aus diesen Verträgen bestellt und geliefert. So läuft, vereinfacht gesagt, im Normalfall die Gasversorgung.

Wenn wir jetzt aber in eine Gasmangellage kommen, was passiert dann?

Tritt dieser Fall ein, würden wir immer noch bestellen, aber unter Umständen das Gas gar nicht oder nicht in der bestellten Menge geliefert bekommen. Wenn das passiert, müssen wir natürlich reagieren.

Da Sie als Stadtwerke Ihr Gas selbst einkaufen, könnten Sie da auch theoretisch Ihren Einkauf direkt bei anderen Ländern tätigen?

Theoretisch gesehen wäre das möglich, aber es ist nicht üblich. Unser Know-how und unser Geschäftsfeld ist das Verteilen von Gas und das Beliefern von Endkunden. Stadtwerke unserer Größenordnung tun das also nicht und es bringt auch für die eventuell anstehende Notfalllage keinen Vorteil. Tritt sie ein, geht es darum, wie verteilt wird und nicht, wer sein Gas woher bezieht.

Spüren Sie als Unternehmen wegen der im Raum stehenden Gaskrise schon eine Veränderung hinsichtlich dem Gasverbrauch bei den Menschen?

Nein, bis jetzt stellen wir keine signifikanten Veränderungen fest. Es ist nicht erkennbar, dass der Gasverbrauch deutlich abgenommen hat, denn er hängt ganz stark von der Witterung ab. Je wärmer es wird, umso weniger wird geheizt. Und für den Warmwasserverbrauch rechnet man lediglich mit zirka 10% des Energiebedarfs im Vergleich zur Heizenergie. An dieser geringen Menge lässt sich ein möglicher Rückgang schlecht festmachen. Wir gehen davon aus, dass wir im kommenden Winter stärkere Einspareffekte sehen werden.

Der Energiepreise sind derzeit sehr hoch, weshalb der Städte- und Gemeindebund letztens vor drohenden Pleiten von Gasversorgern gewarnt hat. Wie gefährdet ist die SWLB?

Die SWLB ist aktuell sehr gut aufgestellt. Wir haben einen eigenen Energiehandel und beschaffen unser Erdgas selbst. Das ist ein komplexes System. Vereinfacht gesagt schätzen wir die zukünftige Kundenzahl und den Verbrauch ab und beschaffen die dafür notwendige Erdgasmenge. Und das tun wir regelmäßig für die nächsten drei Jahre und kaufen das Erdgas scheibchenweise ein. Das gibt unser Risikohandbuch so vor und daraus ergibt sich ein Mischpreis. Wir kaufen also die gesamte Energie nicht zu einem bestimmten kurzfristigen Zeitpunkt ein und sind somit dann auch nicht dem Preis zu diesem einen Zeitpunkt ausgeliefert. Im Gegenteil, durch unsere Einkaufsstrategie kaufen wir auch immer wieder zu preislich günstigeren Zeiten ein. Von dieser Strategie profitieren jetzt unsere Kunden mit Energiepreisgarantie, da wir vor dem Ausbruch des Krieges noch günstiger eingekauft haben und sich dies im Produktpreis der Kunden günstig auswirkt.

Das Risiko, dass Stadtwerke finanzielle Probleme bekommen, kann daran liegen, dass zu wenig Energie in der Vergangenheit eingekauft wurde. Diese Stadtwerke müssten dann die fehlende Energie nachkaufen und die ist im Augenblick exorbitant teuer, wodurch ein Unternehmen wirtschaftliche Probleme bekommen kann. Ob dies bei anderen Unternehmen tatsächlich so ist, kann ich nicht sagen.

Können Sie schon abschätzen, wie stark diese Preisanpassungen ausfallen werden?

Eine pauschale Aussage fällt mir schwer, weil wir viele unterschiedliche Kundengruppen haben, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten Verträge abgeschlossen haben. Für jede dieser Kundengruppen errechnen wir den Preis anhand der aktuellen Situation neu. Früher waren alle Kunden in einem einzigen Tarif, der zu einem gewissen Zeitpunkt angehoben wurde. Heute ist es so, dass die Kunden zu unterschiedlichen Zeitpunkten und Tarifen bei uns einsteigen und entsprechen müssen dann die Preise zu unterschiedlichen Zeiten angepasst werden. Das muss man immer genau kalkulieren. Aber Fakt ist: Die Preise sind an den Börsen beim Erdgas um das 5-fache im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das müssen wir in der Kalkulation berücksichtigen und das wird sich auf die Kundenpreise wesentlich auswirken.

Der Präsident der Bundesnetzagentur hat letzte Woche erklärt, dass er eine Mehrbelastung bis zu 3.000 Euro jährlich für den privaten Haushalt befürchtet. Halten Sie das für realistisch?

Der Strompreis an der Börse hat sich versechsfacht, der Gaspreis verfünffacht. Der Staat versucht mit Maßnahmen entgegenzuwirken, so zum Beispiel mit der Abschaffung der EEG-Umlage. Aber diese Maßnahmen werden die Preissteigerungen nicht aufwiegen können. Daher können, je nach Energieverbrauch, solche Steigerungen auf die Kunden zukommen.

Spüren Sie als Stadtwerke einen größeren Zulauf an Neukunden?

Wir spüren diese Zunahme sowohl beim Gas als auch beim Strom. Aber wir spüren es auch darin, dass viele Kunden weg vom Gas und hin zur Fernwärme wechseln wollen. Die Fernwärme hat für den Kunden den Vorteil, dass wir uns als Stadtwerke um die Wärmeerzeugung kümmern. Durch unsere unterschiedlichen Erzeugungsanlagen haben wir zum Beispiel die Möglichkeit, auch unterschiedliche Brennstoffe einzusetzen. In der Fernwärme hatten wir dann innerhalb von zwei Monaten so viele Anfragen, wie sonst im ganzen Jahr. Das war signifikant und selbstverständlich versuchen wir, die Kunden schnellstmöglich ans Netz zu bekommen, was in der Fernwärme nicht ganz so einfach ist, da es sich um das komplexeste Medium handelt und ein Hausanschluss Zeit benötigt.

Über welche Quellen sprechen wir?

Wir haben die Solarthermie-Anlage, unser Vorzeigeprojekt, die im Wesentlichen im Sommer ihre Leistung zeigt. Wir haben ein Holzheizkraftwerk, wo wir zum Beispiel Holz aus Straßenbegleitgrün einsetzen. Des Weiteren haben wir Holzpellet-Anlagen sowie Biomethan- und Biogasanlagen, Geothermie, eine Abwasserwärmepumpe und viele weitere energieeffiziente Anlagen, die an unserem Netz hängen.
Klar ist aber auch, dass ein Großteil der Fernwärme über Gas erzeugt wird. Im Unterschied zum Einfamilienhaus mit einer Gastherme erzeugen wir aus Gas in Blockheizkraftwerken Strom und Wärme unter anderem für die Haushalte. Wir nutzen also das Potenzial von Erdgas viel besser aus.

Was empfehlen Sie potenziellen Kunden, die ein Haus bauen möchten?

Die Fernwärme bietet, wo immer es möglich ist, eine nachhaltige, bequeme und zukunftsgerichtete Möglichkeit zur Wärmeversorgung des Eigenheims. Da sorgen wir für eine zuverlässige Versorgung und mit unseren Nachhaltigkeitszielen auch für eine gute Wärmequalität. Außerhalb der Fernwärmegebiete kommt es stark auf die Gegebenheiten an. In erster Linie sollte ein Neubau so wenig wie möglich Heizenergiebedarf haben.

Was bietet sich stattdessen an?

Es geht mehr in Richtung Wärmepumpe, Photovoltaik und Akkuspeicher. Auch dafür bieten wir Lösungen an. Hinzu kommt das Thema Elektromobilität mit Wallboxen in der Garage und dann merkt man schnell: Es geht immer um Strom, Strom, Strom.
Im Fachjargon bringen wir diese Themen mit dem Begriff Sektorenkopplung zusammen. Es geht dabei im Wesentlichen darum, die Energie aus erneuerbaren Energien möglichst effizient zu speichern und zu verwenden. Damit soll die Energiewende gelingen. Dazu gehören auch die Gasnetze, trotz aller Diskussionen um den Krieg in der Ukraine. Allerdings soll das Gasnetz künftig einen wesentlichen Anteil von Wasserstoff transportieren. Dieser soll aus den erneuerbaren Energien, also zum Beispiel Windkraft, erzeugt werden. Damit das Gasnetz dafür geeignet ist, sind wir Teil des Projektes H2Ready. Ziel ist es, unsere Netze so schnell wie möglich für Wasserstoff fit zu machen. Daher ist jedes Bauteil, welches wir jetzt in unser Netz einbauen, wasserstofftauglich.

Verbraucht der durchschnittliche Privathaushalt im Kreis Ludwigsburg mehr oder weniger als der Bundesdurchschnitt?

Ich vermute wir liegen wir im Durchschnitt. Da dies vom Wohnungs- und Haustyp, vom Alter der Gebäude und vielen weiteren Faktoren abhängig ist, kann ich dazu keine genaue Aussage treffen.

Ein weiteres großes Thema der Bundesnetzagentur: Falls tatsächlich ein Gasnotstand eintreten sollte, wer hätte für die Stadtwerke Priorität – die privaten Haushalte oder die Unternehmen?

Das Energiewirtschaftsgesetz sieht klar vor, dass die privaten Haushalte vorrangig versorgt werden. Zudem haben wir bereits 77 Unternehmen identifiziert, die wir im ersten Schritt vom Netz nehmen müssten. Das Energiewirtschaftsgesetz besagt, dass ab einer bestimmten Größenordnung die Kunden nicht mehr geschützt sind. Aus diesen großen Kunden mussten wir nur noch die herausfiltern, die trotz Größe zu den geschützten Kunden zählen, weil sie zu den grundlegenden sozialen Diensten wie zum Beispiel Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen etc. gehören. 

Rechnen Sie mit Klagen, falls es tatsächlich zu Abschaltungen kommen sollte?

Es ist absolut nachvollziehbar, wenn möglicherweise betroffene Unternehmen versuchen, ihren Schaden ersetzt zu bekommen. Neben den Entschädigungsversuchen wird es sicher auch eine politische Diskussion und gewisse Regularien dazu geben, was in solch einem Fall passiert. Wir hoffen, dass dann möglichst unbürokratisch vorgegangen wird. Es ist weder im Interesse der Politik noch in unserem als Stadtwerk, dass womöglich Arbeitsplätze aufgrund dieser Gasmangellage gefährdet werden.

Wie lautet in der derzeitigen Situation Ihre persönliche Empfehlung an die Bürger?

Meine Empfehlung und gleichzeitig Bitte ist, sich wirklich solidarisch gegenüber der Gesellschaft zu zeigen, gegenüber den Nachbarn, der Familie, dem Umfeld und wann immer möglich, versuchen Energie zu sparen.
Das können Menschen mit großen Wohnflächen leichter bewerkstelligen als die, die auf engerem Raum leben. Es gibt viele Tipps, um Energie zu sparen und in Summe zeigen auch kleine Taten eine große Wirkung. Wichtig zu wissen ist es, dass 90 % des Energiebedarfes im Haushalt für die Heizung benötigt werden. Hier liegt also das größte Einsparpotenzial. Familien mit geringem Einkommen oder auf engem Wohnraum können natürlich weniger einsparen, zumal diese von den Preiserhöhungen auch härter betroffen sein werden. Dennoch sollte sich jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten solidarisch zeigen und versuchen sich einzubringen.

Herr Rager, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Was die Pandemie mit Kindern und Jugendlichen gemacht hat: Ein Interview mit Christian Hofberger

Christian Hofberger ist nicht nur Lehrer am Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart, sondern auch offizieller Ausbilder vom Württembergischen Fußballverband (WfV) für angehende Trainer im Jugend- und Erwachsenenbereich. Der in Ditzingen lebende 49-Jährige erzählt im Interview mit Ludwigsburg24, wie sehr die Corona-Pandemie die Entwicklung und das Verhalten von Schülern und Fußballern in seinen Augen beeinträchtigte, was er ehrgeizigen Fußballer-Eltern rät und was ein erneuter Lockdown für Kinder und Jugendliche bedeuten würde.

Ein Interview von Ayhan Güneş

LB24: Wie kommt man dazu, in den Trainerlehrstab des WFV einzutreten?

Christian Hofberger: In diesen Trainerlehrstab wird man berufen. Voraussetzung ist die DFB Trainer A- Lizenz. Nachdem ich meine in der Tasche hatte, rieten mir ein paar ältere, erfahrene Trainer wie Lothar Mattner, Wolfgang Lamitschka oder mein damaliger Ausbilder an der Uni, Dirk Mack, mal eine Weile beim Trainerlehrstab reinzuschnuppern, da junge Leute gesucht wurden. Nach einer halbjährigen Hospitanz bei der ich mich hoffentlich nicht allzu unglücklich angestellt habe und aufgrund meiner schon längeren Trainertätigkeit im Amateurfußball wurde ich dann in den WFV Trainerlehrstab aufgenommen und bin nun um die 20 Jahre dabei.

Was sind Ihre konkreten Aufgaben dort?

Wir treffen uns mehrmals im Jahr, um neue Konzepte auszuarbeiten und zu erörtern, wo wir im „Forschungsbereich“ des Fußballs tätig werden können, welche neuen Entwicklungen sich ergeben haben, was man vom Profifußball auf den Amateurbereich oder den Jugendfußball runterbrechen kann. Dies fließt in unsere Dezentralen Fortbildungen ein, die zur Lizenzverlängerung dienen. Und natürlich kümmern wir uns vor allem um den Ausbildungsbereich. Es geht darum, wie wir möglichst viele Kinder- und engagierte Jugendtrainer erreichen, die Input wollen. Deshalb bin ich sowohl in Ruit, als auch dezentral in Basis-Lehrgängen tätig. Aktuell wird die Ausbildungsstruktur dahingehend verändert, dass es ab 2023 ein „Kindertrainerzertifikat“ geben wird und eine Ausbildung zum „DFB Basiscoach“.

Sie sind quasi Trainerlehrer. Vergleicht man die Zeit vor mit der nach Corona, was hat sich verändert?

Vor Corona hatten wir sehr viele Interessierte an den dezentralen Angeboten, da war ganz eindeutig ein Trend zu erkennen. Man kann nämlich nicht von jedem erwarten, dass er sich für den Erwerb einer C-Lizenz vier Wochen Urlaub nimmt, um den Schein in Ruit zu erwerben. Deshalb wollten wir versuchen vor allem die Basislehrgänge dezentral in den Bezirken und Vereinen anzubieten, damit man möglichst mit zwei Wochenenden schon den ersten Teil abdecken kann. Das kam sehr gut an. Während Corona mussten wir vorwiegend auf online umstellen, was aber nicht jeden Trainer ansprach. Wenn man vielleicht beruflich schon viel mit Videokonferenzen zu tun hat, will man nicht auch noch einen Trainerlehrgang online machen. Aber jetzt nach Corona ist es wieder besser und es boomt total. Wir haben wirklich eine große Nachfrage an Trainerausbildungen, so dass sehr viele Lehrgänge schon voll sind.

Woran liegt das?

Das liegt mit daran, dass viele Trainer ihre Ausbildung vor Corona begonnen haben und sie nun endlich beenden wollen. Aber es scheint auch so, dass viele „neue“ Trainer nach der langen Auszeit plötzlich Lust bekommen haben auf Fußball im Verein, mit Kindern, Fußball im Ehrenamt.

Hat sich bei den Trainertypen irgendetwas in den zwei Jahren der Pandemie verändert?

Eigentlich, von den Typen her, ist es in etwa gleichgeblieben. Es sind hauptsächlich Leute, die selbst mal gekickt haben und die jetzt eigene Kinder haben, die im Verein spielen. Das sind hauptsächlich Väter, die größtenteils in den Vereinen schon verwurzelt sind, werden dann oftmals von den Vereinsverantwortlichen angesprochen, ob sie nicht Lust hätten, eine Jugendmannschaft zu trainieren. Es handelt sich meist um sehr engagierte Leute, die Input suchen und dankbar sind, Wissen über neue Trainingsformen und deren Umsetzung für die jeweiligen Altersklassen zu erlernen. Immer mehr kommen aber auch schon junge, engagierte Mädels und Jungs in die Lehrgänge, die selbst aktiv spielen und oft noch zur Schule gehen oder studieren.

Sie bilden aber auch Trainer für den Erwachsenen-Fußball aus. Wie muss ein guter Trainer zu Kindern, wie zu Erwachsenen sein?

Trainer für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sind eigentlich drei ganz unterschiedliche Felder. Im Kinderbereich ist es ganz wichtig, dass die Kinder Spaß haben, dass sie sich bewegen und austoben können. Mit ihnen kann ich viele Dinge machen, um sie zu motivieren, die manchmal auch nur am Rande mit Fußball zu tun haben. Bei Kindern muss ich als Trainer außerdem unbedingt darauf achten, dass jeder sehr oft am Ball ist, jeder mal die Möglichkeit hat, ein Tor zu schießen. Allein deswegen gehen Kinder nämlich zum Fußball. Ich selbst habe damals bis zum Alter von zehn oder elf Jahren meist nur auf der Kickwiese gespielt, konnte von daher schon spielen und bin dann erst in den Verein, um zu trainieren. Heutzutage kommen die Kinder schon mit fünf, sechs Jahren in die Vereine und haben oftmals noch große motorische Defizite. Mit diesen Kindern kann ich natürlich nicht trainieren, sondern muss deren Freude am Spielen aufrechterhalten.

Was ist beim Jugendtraining wichtig?

Mit den Jugendlichen können wir schon ins spezifischere Training einsteigen, können vor allem technische und koordinative Fertigkeiten schulen und den Kids den Teamgedanken beibringen. Wobei wir – und das hat gerade Corona wieder gezeigt -darauf achten müssen, dass in der heutigen Zeit verdammt viel auf die jungen Menschen einprasselt. Zu meiner Zeit ging man in die Schule, machte fix die Hausaufgaben, um dann schnell auf dem Bolzplatz sein zu können. Heute hat man 10.000 Möglichkeiten, dazu kommt zwei-, dreimal Nachmittagsunterricht sowie andere Anforderungen. Darauf müssen wir eingehen und immer genau schauen, wo steht der Jugendliche gerade, was ist im Elternhaus los, wie sieht es jetzt gerade durch Corona in der Schule aus. Da haben wir Jugendtrainer eine ganz besondere Verantwortung, da die Kinder uns ab einem bestimmten Alter als Vorbilder sehen, mehr noch als die Eltern.

Sind die Erwachsenen somit am unkompliziertesten?

Da kommt es immer darauf an in welchem Bereich man trainiert. Aber wenn es da um Leistung geht, dann kann ich diese hier auch einfordern- im Training wie im Spiel. Wobei für mich im Amateurfußball in allen Ligen auch das gemeinsame Miteinander außerhalb des Fußballplatzes eine zentrale Rolle spielt.

Während der zweijährigen Coronazeit konnten die Kinder die meiste Zeit nicht zum Training kommen. Inwiefern hat diese erzwungene Pause die Kinder verändert?

Den Kindern fehlt auf jeden Fall etwas, vor allem denen, die in zwei Lockdowns waren. In der Schule haben wir jetzt viel mehr Verhaltensauffälligkeiten als früher. Wir beobachten ausgeprägtere Konzentrationsprobleme und wir stellen, trotzdem wir eine Eliteschule des Sports und Fußballs sind, eine Gewichtszunahme bei vielen Schülern fest. Außerdem ist ein unglaublicher Drang vorhanden, ständig am Handy zu hängen. Das sind alles Punkte, die aus den vergangenen zwei Jahren resultieren, und die bei den Kindern Spuren hinterlassen haben. Deshalb müssen wir genau schauen, wie wir da gegensteuern können. Wir machen gerade am Ende dieses Schuljahres mit allen Klassen Schullandheime.

Zahlen wir als Gesellschaft für die Lockdowns einen hohen Preis, bzw. waren die Lockdowns gerechtfertigt?

Dazu kann ich mir kein finales Urteil anmaßen. Wer den Preis für diese Zeit gezahlt hat ist allerdings klar: das sind die Kinder und Jugendlichen. Sie sind zurückgetreten aus Verantwortung gegenüber den älteren Generationen, die die Gefährdetsten waren und noch sind. Das sollten wir nicht so schnell wieder vergessen. Allerdings habe ich momentan den Eindruck, als wäre schon wieder alles beim Alten und als würde man von allen das gleiche Leistungsvermögen erwarten wie vor Corona. Aber diejenigen, die jetzt oder im nächsten Jahr Prüfungen machen, waren auch in zwei Lockdowns. Von daher denke ich, dass wir da noch sehr aufpassen und nachsichtig sein müssen. Zwei Jahre sind sehr lange bei sehr jungen Menschen, die gehen nicht so schnell an ihnen vorbei.

Wie fatal wäre es, sollte es aufgrund steigender Inzidenzen zu einem dritten Lockdown kommen?

Für die Schüler wäre es sehr fatal, deshalb sollten wir unbedingt schauen, dass wir die Schulen nach Möglichkeit offenhalten, selbst wenn wir den Preis dafür zahlen, dass sowohl die Schüler als auch die Lehrer konsequent Masken tragen und wir permanent testen müssen. Natürlich schränkt das den Schulalltag extrem ein, aber es ist allemal besser als wieder zu schließen und die Schüler vor den PC zu verbannen, wo wir uns nur online bei mehr oder weniger guten Verbindungen sehen. Schule lebt von Interaktion und von Austausch. Wenn ich meine Schüler direkt vor mir sehe, kann ich ihre Reaktionen auf das Gesagte besser einschätzen als bei 16 Schüler-Kacheln auf dem IPad. Den Schülern geht es nicht anders. Von daher sollten Schulschließungen unbedingt vermieden werden.

Zurück zum Fußball: Speziell im Jugendbereich gibt es häufig extrem ehrgeizige Eltern, die auch nicht selten ihre Kinder nötigen, Höchstleistungen zu erbringen. Sie pushen ihre Kinder, auch wenn diese selbst vielleicht gar nicht den Drang dazu haben. Was raten Sie solchen Eltern?

Fußball nimmt mittlerweile in der Gesellschaft einen Stellenwert ein, der exorbitant hoch und nicht gerechtfertigt ist. Wenn ein Kind sich für Fußball interessiert und auch selbst spielt, dann hat es logischerweise seine berühmten Vorbilder. Das war früher auch schon so. Aber der Preis, den Kinder oftmals dafür zahlen den übertriebenen Vorstellungen ihrer Eltern nachzueifern, ist verdammt hoch. Das kann man mit der Schulkarriere vergleichen: Schickt man ein Kind auf eine Schule, für die es eigentlich nicht geeignet ist, wird es in der Mehrzahl Misserfolge haben. Muss es trotzdem dort bleiben und weitermachen, tut man dem Kind keinen Gefallen damit. Eher das Gegenteil ist der Fall, da es durch die Misserfolge automatisch die Lust und das Selbstvertrauen verliert. Baut man beim Fußball spielen einen zu großen Druck auf und überfordert das Kind, wird es wird kaum Leistung erbringen können. Es wird frustriert, weil es nicht mehr um den Sport und die Freude am Kick mit Kumpels geht, sondern nur noch darum, die Wünsche der Eltern zu erfüllen. Eltern tragen da eine ganz große Verantwortung.

Wie erklären Sie sich das?

Das liegt vielleicht daran, dass die Träume und finanziellen Möglichkeiten im Fußball unendlich sind und man immer von einem herausragenden Beispiel ausgeht. Es wird aber nicht jeder wie ein Bellingham mit 17 Jahren schon ein Weltstar, selbst wenn Talent vorhanden ist. Und wenn, sind die Wege nach oben sehr individuell und daher sehr unterschiedlich und andere Faktoren wie z.B. Verletzungen spielen eine oft nicht kalkulierbare Rolle. Das Wichtigste bei allem ist der permanente Spaß am Fußball und den erhält man durch die nötigen Erfolgserlebnisse. Ebenfalls wichtig ist breite Ausbildung statt einer zu frühen Spezialisierung.

Bis wann sollte ein Spieler den Sprung ins richtige Team geschafft haben? Gibt es aus Ihrer Sicht dafür eine Deadline?

Das ist schwer zu generalisieren, Ich persönlich halte vor dem 13., 14. Lebensjahr nichts vom Scouting und davon, Kinder quer durch Deutschland zu schicken, die dann irgendwo bei Gastfamilien leben. Ich finde es im jungen Alter besser, das Kind in seinem gewohnten Umfeld zu lassen. In Deutschland gibt es mit der U15 die erste Juniorennationalmannschaft, dafür schaut man natürlich nach den größten Talenten. Dann gibt es unterschiedliche Konzepte mit den Nachwuchsleistungszentren, die mit Sicherheit sinnvoll sind. Ich denke aber auch, dass ein regionaler Ansatz einfach mehr Sinn macht. Warum muss ein Spieler von Stuttgart nach Berlin wechseln, wenn er hier im Nachwuchsleistungszentrum unterkommen könnte. Dazu spielen so viele andere Faktoren eine Rolle wie Persönlichkeitsentwicklung, die schulische Entwicklung und wieder mögliche Verletzungen. Den goldenen Weg gibt es nicht, wenngleich es wichtig ist, dass man ab einem bestimmten Zeitpunkt gefordert und gefördert wird und im Training mit gleich starken Mannschaftskollegen spielt, man einen Trainer hat, der einen besser macht und man vor allem auch besser werden will. All das sind entscheidende Punkte. Und das alles spricht dann für die rund 200 bis 300 Toptalente in Deutschland, die es in die Bundesliga- Nachwuchsleistungszentren schaffen; und auch von denen schaffen es dann die wenigsten in die Bundesliga. Die große Masse des Fußballs sind aber Zehntausende. Nicht aus jedem kann ein Profi werden. Wer in seinem Heimatverein am Ende der Juniorenzeit in der zweiten Mannschaft kickt und dazu noch Betreuer macht, ist für seinen Verein genauso wichtig wie der Spieler, der in der 1. Mannschaft 18 Tore schießt. Fußball ist der beliebteste Sport in Deutschland und hat den größten Verband, in dem sich die meisten Menschen meist ehrenamtlich engagieren. Alle sollten sich dort zu Hause fühlen, wo sie einen Beitrag leisten können.

Sie haben die Trainer-A-Lizenz. Was bedeutet das in der Praxis?

Die Trainer-A-Lizenz gilt für den gesamten Amateurbereich. International gesehen ist es die UEFA-Pro-Licence, die höchste Lizenz in vielen europäischen Ländern. Bei uns berechtigt sie zu allem außerhalb des Profi-Fußballs. Als ich sie absolviert habe, war sie noch aufgesplittet in die beiden Teile Elite-Jugendlizenz und Erwachsenentraining, heute gehört alles zusammen. Ich habe damals meinen Schein für beide Bereiche gemacht. Von der Kreisliga A bis zur jetzigen Regionalliga habe ich alle Ligen mindestens ein Jahr trainiert. In der Amateurliga bin ich also gut durchgekommen, für den Profibereich bräuchte man jedoch den Fußball-Lehrer-Schein, dessen Erwerb für mich nicht mehr in Frage kommt.

Haben Sie nicht den Traum, einmal die Profis zu trainieren?

Natürlich hatte ich früher den Traum vom Profitrainer, doch die Zeit dafür ist (wahrscheinlich) vorbei. Die Bayern brauchen eh nicht bei mir anrufen, da ich 1860 Fan bin. Aber jeder andere Bundesligaverein dürfte sich gerne bei mir melden, wenn sie mich bräuchten. Doch das wird leider nicht passieren, weil wir jedes Jahr neue, gute DFB-Lehrer kriegen, die diese Posten besetzen. Ich habe damals entschieden, mich hauptsächlich auf den schulischen Bereich zu konzentrieren. Ich bin in erster Linie passionierter Lehrer, obwohl der Fußball als „schönste Nebensache der Welt“ in vielen Formen natürlich eine gewichtige Rolle in meinem Leben spielt. Glücklicherweise bin ich jetzt an einer Eliteschule des Fußballs, an der ich auch Sport als Hauptfach unterrichten darf.

Wie wurde Ihre Fußball-Leidenschaft ursprünglich geweckt? Liegt sie in der Familie?

Ja, mein Vater hat auch gekickt in der Kreisliga in Kochel am See und in Bichl in Oberbayern… da ging es ums Kicken und um das Bierchen danach – super! Ich habe heute noch genau vor Augen, als ich zum ersten Mal nach unserem Umzug ins „Ländle“ im Neckarstadion war beim Spiel VfB gegen den 1. FC Nürnberg, Anfang der Achtziger. Das war faszinierend. Und in meiner Freizeit war ich in jeder freien Minute mit den Kumpels auf dem Kickplatz. So ist alles entstanden. Im Verein habe ich in Hirschlanden in der E2 angefangen und spätestens ab da war Fußball fester Bestandteil meines Lebens. Meine Mutter und mein Vater haben mich in allem unterstützt und sich engagiert, manchmal natürlich zähneknirschend, wenn mal wieder ein Hallenturnier war und sie zehn Stunden dort verbringen mussten.

Sie leben in Ditzingen und haben sich im Landkreis Ludwigsburg sehr engagiert.

Als Trainer habe ich angefangen beim TSV Flacht im Jahre 1998, die sind damals abgestiegen in die Kreisliga A. Zu dieser Zeit habe ich noch bei Dirk Mack an der Uni Stuttgart Sport studiert und er ermunterte mich, nicht nur als Spieler, sondern gleichzeitig auch als Trainer in der Praxis erste Erfahrungen zu sammeln. Dann habe ich dort angefangen und wir sind sofort wieder in die Bezirksliga aufgestiegen und wurden in der nächsten Saison mit nur einem Punkt Rückstand Zweiter hinter 07 Ludwigsburg II. Damals gab es leider noch keine Relegation, deshalb war kein direkter Durchmarsch in die Landesliga möglich. Danach bin ich zum TSV Eltingen in die Landesliga gewechselt, dort hatte ich schon in der Jugend gespielt. Leider habe ich mir dort in der Vorbereitung direkt die Achillessehne gerissen, was ein großer Einschnitt in meine aktive Spielertrainerkarriere mit 28 Jahren war. Ich kam dann zwar auf den Platz zurück, aber war nie wieder so gut wie vor der Verletzung.

Für wen haben Sie danach noch gespielt?

Vier Spieltage vor Saisonende 2002 kam ich als „Feuerwehrmann“ nach Rutesheim in die Bezirksliga. Wir haben mit der Mannschaft den Abstieg damals abgewendet. Danach sind wir in die Landesliga aufgestiegen. Nach drei Jahren in Rutesheim bin ich für ein Jahr zum VFL Kirchheim, damals Oberliga und vierthöchste Spielklasse. Das schon interessant, wenn man dann Freitagabend gegen Waldhof Mannheim vor dreieinhalbtausend Zuschauern im Carl- Benz Stadion gespielt hat. Da war schon richtig was los. Nach einem weiteren Jahr in Gechingen bin ich erneut drei Jahre zurück nach Rutesheim. Danach war ich in der U21 der Sonnenhof Großaspach tätig. Die letzten Stationen waren im engeren Raum Ludwigsburg. Bei 07 war ich nur ein halbes Jahr, es war sehr chaotisch. Mein letztes Team war für eineinhalb Jahre bis kurz vor Corona der TV Pflugfelden.

Wer ist für Sie persönlich der beste Spieler?

Durch meine DFB-Referententätigkeit im Rahmen der „Fußballhelden- Bildungsreisen“ bin ich häufiger in Barcelona. Messi mal live zu sehen, war schon eine Offenbarung. Allein schon das Aufwärmen von Messi und Iniesta war sehenswert. Die haben sich volley die Bälle vom Sechzehner bis zur Mittellinie zugespielt, haben sich nebenher unterhalten. Der eine hat den Ball mit der Brust gestoppt, hat ihn volley zurückgespielt, dann hat der andere mit der Brust gestoppt und ebenfalls wieder volley zurückgespielt. Das ging über viele Minuten so, ohne dass der Ball einmal auf den Boden gefallen wäre. Die Selbstverständlichkeit hat mich total beeindruckt. Einmal durfte ich bei einem „Classico“ dabei sein, dem Abschiedsspiel von Iniesta. Da hat Real mit Cristiano Ronaldo, Benzema, Ramos und Co. auf der anderen Seite gestanden, das war schon großer Sport. Seit Messi in Paris ist, hat er für mich jedoch massiv an Sympathie verloren. Momentan finde ich Kevin De Bruyne wahnsinnig gut, er hat unheimlichen Einfluss auf das Spiel von Man City. Aber ich wüsste derzeit keinen Spieler, der alle anderen so in den Schatten stellt, wie das Messi die letzten zehn Jahre getan hat.

Herr Hofberger, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Jan Michl im Interview mit Ludwigsburg24

Am 1. April übernahm Jan Michl die BMW-Niederlassung Rhein in Asperg und löste dort seinen Vorgänger Sven Seeg ab. Seit 2006 gehört er bereits dem Unternehmen an und arbeitete seither am Standort in Heilbronn als Niederlassungsleiter und BMW und MINI Brand-Manager der Unternehmensgruppe. Ludwigsburg24 sprach mit ihm unter anderem über die aktuelle Situation auf dem regionalen Automarkt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Herr Michl, herzlich willkommen im Landkreis Ludwigsburg. Haben Sie sich mittlerweile eingelebt und wie gefällt es Ihnen?

Mir gefällt es gut, es passt alles. Hier treffe ich auf die gleichen Themen und Problematiken wie überall anders auch. Also ist das alles nichts Neues.

Um welche Problematiken handelt es sich konkret?

Die üblichen Personalthemen, Abwicklungsthemen, Parkplatzthemen.

Inwiefern haben Sie Personalprobleme? Mangelt es Ihnen an Personal?

Es ist leider immer sehr schwierig, qualifiziertes Personal zu bekommen. Ein weiterer Punkt ist, dass man kaum noch Auszubildende findet, vor allem für die Werkstatt. Wir würden sehr gerne mehr Azubis bei uns aufnehmen, aber es bieten sich kaum welche an.

Woran liegt das?

Woran es liegt, kann ich Ihnen leider nicht beantworten. Ich kann Ihnen lediglich sagen, dass der Zulauf der Azubis sehr bescheiden ist.

Wie bewerten Sie die Gesamtsituation der Niederlassung im Raum Ludwigsburg. Wo sind Sie Ihrer Meinung nach angesiedelt, welche Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie und wo könnten sich möglicherweise Hindernisse auftun?

Entwicklungsmöglichkeiten gibt es sicher noch viele, aber dafür braucht man eben das entsprechende Personal. Derzeit sind wir in den Bereichen Neuwagen, Gebrauchtwagen und Service auf einem guten Stand, aber selbstverständlich gibt es immer noch Luft nach oben, daran werden wir arbeiten.

Heißt das, dass sich BMW im Mutterland von Daimler und Porsche gut behaupten kann? Und woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Ja, im Vergleich zu vielen Kollegen anderer Marken sind wir gut aufgestellt. Das liegt sicherlich mit daran, dass BMW gute Produkte anbietet. Wir haben ein wunderschönes Modell-Portfolio sowohl bei den Verbrennern als auch im E-Bereich, das ergänzt wird durch unser sehr agiles Verkaufsteam. Am Ende des Tages steht oder fällt der Erfolg immer mit dem Personal. Und wir haben gutes Personal, auch wenn es wie schon gesagt ruhig noch ein paar Kollegen mehr sein könnten. Aber sie müssen halt auch passen. Wir versuchen natürlich, unsere Azubis entsprechend unseren Ansprüchen auszubilden, aber leider haben wir hier auch keine große Auswahl mehr.

Wer ist denn der klassische BMW-Fahrer?

Unsere Kunden liegen zwischen 18 und 80. Vielleicht kann man sagen, der klassische BMW-Kunde ist der Middle Ager, 30 bis 40 Jahre alt, mit einem gewissen Anspruch an gute Qualität, Sicherheit und ein sportliches Fahrgefühl. Aber letztendlich ist die Wahl des Autos immer eine Frage des Geschmacks und des Verhältnisses von Preis und Leistung. Bei uns wissen die Kunden, was sie für ihr Geld bekommen.

Corona hat die Autoindustrie extrem belastet. Deshalb ist es in dieser Zeit eine besondere Herausforderung, die Verantwortung für eine große Niederlassung zu übernehmen. Haben Sie lange überlegen müssen?

Nein, da habe ich nicht lange überlegen müssen, denn ich habe die gleiche Arbeit ja schon in Heilbronn gemacht. Für mich ist es egal, an welchem Standort ich arbeite. Wir haben die Coronakrise an allen Standorten gut gemeistert, waren bis auf ein einziges Mal für zwei Wochen nirgendwo in Kurzarbeit. Ich muss wirklich sagen, alle waren sehr agil und engagiert, die Ausnahmesituation entsprechend in den Griff zu kriegen und zu steuern. Das hat wirklich gut funktioniert.

Wie stark spüren Sie heute noch die Auswirkungen von Corona?

Diese Auswirkungen spüren wir tatsächlich noch immer. BMW hat Lieferschwierigkeiten und wir haben viele Umbestellungen. Dieser Zustand wird dieses Jahr mit Sicherheit noch anhalten. Wie sich das nächste Jahr entwickelt, müssen wir abwarten. Auf jeden Fall bleibt es spannend, aber das ist unser tägliches Brot.

Ist der Gebrauchtwagenmarkt ebenfalls noch stark von der Krise betroffen?

Momentan ist der Gebrauchtwagenmarkt einigermaßen stabil. Aber je nachdem wie sich der Zufluss von Neufahrzeugen entwickelt, wozu wir derzeit aber keine Informationen haben, bricht eventuell der Gebrauchtwarenmarkt ein. Aber noch haben wir einen guten Bestand.

Wie schaut es beim Sevicebereich und den Ersatzteilen aus?

Bis auf Stoßstangen und andere PVC-Teile ist im Ersatzteilbereich alles gut lieferbar, da haben wir sozusagen keinerlei Bremsspuren.

Spüren Sie den Ukraine-Krieg in Ihrem Geschäftsbereich?

Ja, das betrifft die ganzen neuen Fahrzeuge. Aus der Ukraine kommen doch die ganzen Kabelbäume, die uns jetzt aufgrund der verzögerten Lieferungen total ausbremsen im Neuwagenbereich. Dazu kommt dann noch die Halbleiterproblematik.

Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder. Sind sie alle umgezogen oder ist die Familie in Heilbronn geblieben und Sie pendeln täglich?

Weder noch, denn ich wohne schon die ganzen Jahre mit der Familie in Backnang. Früher bin ich morgens rechts nach Heilbronn gefahren, jetzt fahre ich links nach Ludwigsburg. Für die Familie hat sich somit nichts geändert und für mich ist es quasi auch in etwa gleichgeblieben.

Gefällt Ihnen die Region Ludwigsburg oder bekommen Sie nur wenig mit von der Gegend?

Ich finde es sehr schön hier und als Backnanger komme ich als Privatmann für ein schönes Essen gelegentlich nach Ludwigsburg. Durch private sowie geschäftliche Kontakte bin ich mit der Region verwurzelt.

Wie attraktiv ist Ludwigsburg für Sie als Wirtschaftsstandort?

Der Landkreis ist als Wirtschaftsstandort sehr attraktiv. Man hat hier alles, was man braucht, es ist eine gute Kaufkraft vorhanden sowie eine gute Anbindung an die umliegenden Regionen und die direkte Nähe zu Stuttgart.

Herr Michl, wir danken Ihnen für das Gespräch!

„Die Politik hat an Vertrauen verloren“ – Im Gespräch mit Landrat Dietmar Allgaier

Als Dietmar Allgaier vor zwei Jahren als neuer Chef im Landratsamt antrat, war er voller Elan und sprühte vor Ideen für das neue Amt. Damals ahnte er jedoch noch nicht, dass ein unbekannter Virus nicht nur sein eigenes berufliches Wirken, sondern unser aller Leben massiv beeinflussen würde. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie zieht der 56-jährige Kornwestheimer Bilanz und wagt einen vorsichtigen Ausblick in die Zukunft.

Ein Interview von Ayhan Güneş und Patricia Leßnerkraus

LUDWIGSBURG24: Herr Allgaier, inzwischen sind zwei Jahre seit Ihrem Amtsantritt vergangen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Dietmar Allgaier: Mir ist es so vorgekommen, als wäre die Zeit im Nu verflogen. Das liegt daran, dass im März 2020 plötzlich alles im Krisenmodus versank und das gewohnte politische Alltagsleben gar nicht mehr stattgefunden hat. Heute frage ich mich tatsächlich, wo die Zeit geblieben ist.

Sie haben die Amtsgeschäfte im Januar 2020 mit großer Lust und Freude aufgenommen. Was ist davon übriggeblieben?

Natürlich habe ich noch immer sehr viel Freude an dem Amt, zumal der Landkreis zukünftig nicht nur strategisch vor großen, durchaus positiven Herausforderungen steht. Aber ich gebe zu, dass meine ursprünglichen Vorstellungen von meiner Arbeit ganz andere waren. Die Position des Landrats lebt doch schließlich auch davon rauszugehen zu den Menschen, alle Städte und Gemeinden des Landkreises zu besuchen und kennenzulernen, ebenso alle wichtigen Institutionen aufzusuchen, bei Veranstaltungen präsent zu sein. Das alles hat sich wegen Corona gar nicht entwickeln können.

Sie sagten einmal, dass das Amt des Landrats auch deshalb gut zu Ihnen passt, weil Sie ein sehr kontaktfreudiger Mensch sind. Wie gleichen Sie diese durch Corona fehlenden sozialen Kontakte aus?

Natürlich fehlen mir die Kontakte zu den Menschen, aber da geht es mir nicht anders als vielen in unserer Gesellschaft. Das Aufeinandertreffen, die Gespräche, der Austausch bei einem gemütlichen Gläschen Wein, all das fehlt total. Aber ich möchte zugleich nicht verhehlen, dass ich gerade aufgrund dieses Mankos die Strukturen und Prozesse im Landratsamt viel schneller erfassen konnte. Dadurch, dass wir ab März 2020 quasi in den Krisenmodus verfallen sind und fast ausschließlich Krisenmanagement erforderlich war, habe ich natürlich die Mitarbeiter*innen im Haus an unterschiedlichsten Stellen viel schneller kennengelernt als das zu normalen Zeiten der Fall gewesen wäre.

Familiär war das auch nicht einfach. Meine Schwiegereltern und auch meine Mutter sind achtzig und älter. Bis zu den Impfungen war jeder persönliche Kontakt sehr schwierig, weshalb wir uns dann alle gemeinsam sonntagabends virtuell zusammengefunden haben, aber das ersetzt ja den richtigen Kontakt nicht.

Haben Sie während Corona etwas Positives für sich entdecken können?

Ja, das habe ich tatsächlich. Zu den Aufgaben eines Landrats, Oberbürgermeisters oder Bürgermeisters gehören viele Abend- sowie Wochenendtermine, die plötzlich alle entfallen waren. Gut, anfangs war ich wegen des Krisenmanagements viel und lange im Landratsamt, auch am Wochenende, da unser Gesundheitsamt sowie unser Bevölkerungs- und Katastrophenschutz sieben Tage die Woche ununterbrochen im Einsatz waren. Trotzdem blieb mir in den letzten zwei Jahren viel mehr Zeit mit meiner Familie, die wir intensiv und mit Spaziergängen oder Fahrradtouren verbracht haben.

Ihre ältere Tochter war 2020 als Au-pair in Amerika. Wie ging es Ihnen damit als Vater?

In mir war schon die große Sorge, dass ich nicht einfach zu ihr fliegen kann, um sie zu unterstützen oder zu helfen, falls irgendetwas sein sollte. Wir haben uns aber regelmäßig digital ausgetauscht. Sie blieb während der gesamten Pandemie dort und zum Glück ging alles gut. Inzwischen ist sie wieder zurück in Deutschland und studiert in Frankfurt.

Was haben Sie – außer den sozialen Kontakten – während der Pandemie am meisten schmerzlich vermisst?

Ich möchte dies gerne mit einer Gegenfrage beantworten, die mich beschäftigt: Werden wir wieder zurück zur alten Normalität kommen oder werden wir in eine neue Normalität gehen nach dem Ende der Pandemie?

Was wäre für Sie die neue Normalität?

Die Menschen haben sich während Corona ihre privaten Nischen gesucht und auch besetzt. Früher ist man gemeinsam zu Sport-Events, hat Kulturveranstaltungen oder Vereinsfeste besucht, ist ins Kino gegangen. Wir stellen jetzt fest, dass die Menschen noch immer ängstlich und zurückhaltend sind selbst bei den Möglichkeiten, die jetzt schon wieder gegeben sind. Viele haben sich ihr Leben neu ausgerichtet mit ihrem Zuhause, Garten, Terrasse oder Balkon und mit der Familie. Der Besuch einer Sportveranstaltung oder der Film im Kino wird kompensiert mit beispielsweise einem Sky-Abo. Der komplette Digitalbereich hat sich von heute auf morgen immens weiterentwickelt, deswegen glaube ich, dass vieles von all dem nach der Pandemie bleibt. Dazu gehören ebenso die Bereiche Homeoffice, Digital Learning, Video-Konferenzen, Zoom-Calls. Wobei ich immer noch ein Verfechter des persönlichen Austauschs bin bei bestimmten Thematiken. Aber manches kann man tatsächlich digital klären, was eine enorme Zeitersparnis in den Arbeitsabläufen bringt, ganz abgesehen von den Umweltbelastungen, die Autofahrten und Flüge für Vorort-Termine mit sich bringen.

Glauben Sie, dass die durch Corona entstandenen Umstrukturierungen in der Arbeitswelt ebenfalls zur neuen Normalität gehören werden?

Davon ist auszugehen und Homeoffice ist nur ein Teil davon. Viele Unternehmen haben bereits völlig neue Arbeitskonzepte entwickelt – von Desk-Sharing über Mehrfachbelegung von Arbeitsplätzen bis hin zur insgesamten Veränderung der Work-Life-Balance.

Werden Sie auch an den hier stattgefundenen Veränderungen festhalten?

Grundsätzlich ja, aber wir werden alles mit Maß übernehmen. Wenn es sich um Erstkontakte oder gar Vorstellungsgespräche handelt, werden wir mit Sicherheit wieder zum persönlichen Kontakt zurückkehren. Ich finde, sie sind nicht ersetzbar in digitaler Form. Man braucht dafür eine gewisse Atmosphäre und muss den Menschen kennenlernen. Auch schwierige Verhandlungen, wie beispielsweise in jüngster Zeit zum Thema Müll, führen sich einfach leichter, wenn man die betreffenden Gesprächspartner am Tisch hat und sich gegenseitig in die Augen schauen kann.

Hat sich durch Corona Ihr persönliches Wertesystem verschoben?

Mein persönliches Werteempfinden hat sich nicht wesentlich verschoben. Ich stelle eher mit einer gewissen Sorge fest, dass sich das Werteverständnis in unserer Gesellschaft insgesamt verschoben hat.

Inwiefern?

Ich sehe mit Sorgen die Entwicklung der Kleinsten durch die Pandemie, wenn man bedenkt, dass seit fast zwei Jahren Kinder entweder gar nicht oder nur digital beschult wurden und Kindergartengruppen geschlossen wurden mussten. Das alles nimmt schon Einfluss auf die Entwicklung. Ich fürchte auch, dass die Pandemie Vertrauen vor allem in die Politik verwirkt und mit zu einer gesellschaftlichen Spaltung geführt hat.

Bekommen Sie den Frust der Menschen zu spüren, die sich von der Politik nicht mehr mitgenommen fühlen oder gar nicht mehr erreicht werden?

Während Corona gab es auch viele kritische und auch unflätige Briefe, aber zum Glück waren sie nicht persönlich beleidigend. Es kamen aber ebenso viele sachliche Briefe von Menschen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Wir haben versucht, diese Briefe immer zeitnah zu beantworten. Aber ich stimme zu, dass man die Menschen nicht mehr erreicht und stelle gleichzeitig mit Sorge fest, dass sie teils gar nicht mehr erreicht werden wollen. Bei den Themen, die sie persönlich berühren oder betreffen, klappt das noch, aber alle anderen Themen laufen ins Leere. Die Abonnements der Printmedien sind stark rückläufig, Kommunikation findet fast nur noch in den Sozialen Medien statt, wo oftmals die Grenze des gegenseitigen Respekts sehr niedrig ist. Eine Tastatur zu bedienen ist halt sehr viel leichter als dem Gegenüber etwas ins Gesicht zu sagen. Wir haben leider die Fürsorge, die wir früher füreinander hatten, verloren und das soziale Miteinander leidet.

Haben Sie Verständnis für Kolleg*innen in ähnlichen Positionen, die aufgrund des Hasses und der Wut aus der Bevölkerung von ihren Ämtern zurückgetreten sind?

Ich habe durchaus Verständnis für diese Kolleginnen und Kollegen, denn so etwas zehrt an einem, vor allem wenn auch der private Bereich und somit die Familie davon betroffen ist. Wir leben in einer Demokratie mit freier Meinungsäußerung, aber es gibt natürlich Grenzen. Der Staat muss da handeln, wo diese rote Linie überschritten wird. Das erwarte ich vom Staat und dafür brauchen wir keine verfassungsrechtliche Veränderung. Die verbalen Angriffe gingen jedoch nicht nur gegen politische Mandatsträger. Klinikpersonal wie Ärzte, Schwestern, Pfleger waren ebenso betroffen wie die Polizei oder Verantwortliche im Sport. Deshalb sollten wir daran arbeiten, das soziale Miteinander wieder stärker zu fördern und versuchen, die Menschen nach der Pandemie und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Spaltung wieder zusammen zu bringen.

Beschreiben Sie doch bitte in ein paar Sätzen den aktuellen Zustand des Landkreises Ludwigsburg.

Aus meiner Sicht ist der Landkreis in einer stabilen Verfassung. Die wirtschaftlichen Einbrüche bei unseren Unternehmen, aber auch im Allgemeinen und in den öffentlichen Haushalten sind nicht so stark eingetroffen wie ursprünglich von uns befürchtet, gleichwohl es selbstverständlich Bereiche gibt, die unter der Pandemie sehr stark gelitten haben. Mir liegt die Inflation weit mehr im Magen. Wir wissen noch nicht wie uns die langfristigen Folgen dieser Pandemie monetär treffen und wohin wir die nächsten zwei, drei Jahre steuern. Wir sind hier alles in allem gut durch die Pandemie gekommen, leider haben wir jedoch den Tod von 600 Menschen zu beklagen, was sehr, sehr traurig ist. Zum Glück hatten wir im Landkreis keine extremen Auswüchse der Inzidenzen nach oben zu beklagen und auch keine Überbelegung der Betten im Intensivbereich. Eine negative Begleiterscheinung war allerdings, dass wir teils Berufsbereiche bis zur Belastbarkeitsgrenze führen mussten, so dass ich jetzt fürchten muss, ob wir in diesen Jobs künftig noch ausreichend Personal haben.

Was denken Sie: Haben wir den schwierigsten Teil der Pandemie jetzt hinter uns?

Ja, ich glaube schon, dass wir den schwierigsten Teil jetzt hinter uns haben, gesetzt den Fall, es kommt nicht wieder eine neue Variante. Ich halte es deshalb für richtig, der Gesellschaft jetzt wieder eine Öffnungsperspektive zu entwickeln bzw. einzuleiten. Ich appelliere dennoch an die Menschen, sich auf jeden Fall impfen und auch boostern zu lassen, da es meistens die Ungeimpften sind, die auf der Intensivstation landen. Impfstoff ist ausreichend vorhanden und jeder kann auch ohne Termin einfach kommen.

Sind Sie für eine Impflicht?

Anfangs hatte ich mich tatsächlich für eine allgemeine Impfpflicht ausgesprochen, weil ich davon überzeugt bin, dass die Impfung uns schützt. Ich halte sie nicht für eine Entscheidung eines jeden Einzelnen, sondern für eine Frage der Gesellschaft insgesamt, des Zusammenhalts und der Fürsorge denjenigen gegenüber, denen man begegnet. Doch hätte die Politik die Impfpflicht im Dezember 2021 entscheiden müssen. Jetzt ist sie den Menschen nicht mehr vermittelbar.

Sie haben eben die Politik angesprochen, die die Menschen nicht mehr erreicht. Welchen konkreten Vorwurf machen Sie den Politikern?

Meinem Gefühl nach ist das Vertrauen in die Kommunalpolitiker noch immer gegeben, weil man vor Ort eine direkte Form der Kommunikation mit den Bürgern führt. Doch in Berlin lief einiges schief. Die Bundespolitik war rückblickend betrachtet am überzeugendsten und klarsten zu Beginn der Pandemie, weil damals Entscheidungen stattgefunden haben. Später dann, als die Pandemie Gegenstand politischer, wissenschaftlicher und medizinischer Diskussion war, da entstand die Verunsicherung bei den Menschen, weil die Klarheit weg war. Ich bin immer für einen Diskussionsprozess, aber in einer Krise bedarf es Entscheidungen und nicht endloser Diskussionen.

Wen meinen Sie konkret, die Regierung in Berlin, die Länderchefs?

Wir haben ein föderales System, was grundsätzlich ein großes Gut in unserer Verfassung ist. Aber tatsächlich geht meine Kritik schon in Richtung Länderchefs, denn am Ende ist es so, dass zwischen Bund und Ländern in einer solchen Situation Klarheit für die Menschen bestehen muss. Wenn am Dienstag die Bund-Länder-Konferenz etwas verabschiedet und donnerstags zum Beispiel der bayerische Ministerpräsident erklärt, dass er seinen eigenen Weg geht, dann ist das nicht vertrauensbildend. Auch bei uns in Baden-Württemberg gibt es einige Kritikpunkte wie beispielsweise die schlechte Abstimmung zwischen Sozialministerium und den Kassenärztlichen Vereinigungen und den Fragen der Aufgabenzuordnung, der Aufgabenteilung und der Übernahme von Verantwortung, das ist aus meiner Sicht nicht gut gelaufen.

Ein anderes Thema, das die Gemüter gerade erhitzt, betrifft die aktuelle Problematik der Müllabholung. Sind die Menschen zurecht wütend?

Ja, die Bürger sind zurecht enttäuscht, doch kennen sie leider die Verantwortlichkeit nicht. Weder die AVL noch der Landkreis organisieren den Müll, die AVL unterhält lediglich die Werkstoffhöfe und wickelt das Administrative ab. Für die Abholung und die Beseitigung des Mülls werden schon seit sehr vielen Jahren durch eine europaweite Ausschreibung Entsorgungsunternehmen beauftragt. Den Auftrag erhält der wirtschaftlichste Anbieter, der alle Kriterien erfüllt. Bei uns hat den das hochprofessionelle Unternehmen ALBA bekommen, es ist europaweit unterwegs und in Deutschland der Marktführer. Bereits vergangenen August hatte die AVL dem Unternehmen alle erforderlichen Daten und Informationen zur Verfügung gestellt. ALBA wusste also rechtzeitig, welche Touren an welchen Tagen gefahren werden müssen. Dass es dennoch beim Wechsel zu so einem erfahrenen Entsorger dermaßen große Probleme geben würde, konnte niemand erahnen. Das ist die eine Seite.

Und die andere Seite?

Das rein privatrechtlich organisierte Duale System ist hochkomplex, viele Menschen wissen darüber wenig Bescheid. Dieses System hat mit den Abfallgebühren nichts zu tun – weder die gelbe Tonne, noch der Glasmüll. Wir gehören zu einem von sehr wenigen Landkreisen in Deutschland, in denen der Glasmüll noch von Zuhause abgeholt wird. In allen anderen müssen die Bürger ihren Glasmüll zu Glascontainern bringen. Das wollten die Dualen Systeme auch bei uns erreichen. Das wäre durchaus umweltgerechter, weil an den Sammelplätzen der Glasmüll direkt nach Glasfarbe getrennt wird. Im Sinne unserer Bürger*innen konnten wir aber erreichen, dass wir auch die kommenden Jahre das Glas-Abholsystem beibehalten. Und dann ging es um die Entscheidung des Gefäßes – entweder die 120 Literbox für bestimmte Haushalte, was eine fünfte Tonne bedeutet hätte, oder aber die Box mit der Möglichkeit des Tausches. Wir haben uns dann bewusst für die Box entschieden, weil wir ein sehr dicht besiedelter Landkreis sind mit vielen Zwei- bis Dreifamilienhäusern in engen Straßen, so dass die Boxen ausreichen und keine fünfte Tonne benötigt wird. Abgemacht war außerdem, dass diejenigen, denen die Box dann doch nicht reicht, gegen eine Tonne tauschen dürfen. Daran wollte sich das Duale System nicht mehr erinnern und deshalb ist daraus ein Streit entstanden.

Wie wird das Müllproblem jetzt gelöst?

Wir haben gegen ALBA bereits eine hohe, sechsstellige Vertragsstrafe verhängt für das angerichtete Chaos. Alba hat sich aber sehr bemüht, die Probleme in den Griff zu kriegen. Sie sind zusätzliche Schichten gefahren, sie sind den ganzen Januar über samstags bis 21.00 Uhr gefahren, selbst am 6. Januar, und sie haben zusätzlich noch Fahrzeuge aus dem ganzen Bundesgebiet eingesetzt. Seither hat es sich deutlich verbessert und wird sich zeitnah gut einpendeln. Dem Dualen System haben wir jetzt einen Kompromiss vorgeschlagen, dem wohl alle Beteiligten zustimmen werden, um einen Prozess zu vermeiden.

Um die ganze Stimmung zu beruhigen, werden wir die Müll-Gebührenbescheide auch erst mit zweimonatiger Verspätung verschicken. Das gehört für mich zu dem Thema Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Fingerspitzengefühl in die Politik. Niemand muss Angst haben, dass er zu viel zahlen muss. Es wird nur für die Leerungen bezahlt, die tatsächlich stattgefunden haben. Das können wir garantieren, da jede Tonne, die ausgeleert wird, durch einen Chip registriert wird. Dadurch ist jede Leerung nachprüfbar und der Gebührenbescheid korrekt. Wir werden aber jedem Gebührenbescheid ein Merkblatt beifügen, dass den Bürgern die Müllgebühren transparent macht und nochmal erklärt, dass für Glas und gelbe Tonne keinerlei Gebühren anfallen, sondern diese bereits an der Kasse im Super- oder Getränkemarkt durch den Kaufpreis erledigt sind.

Welche Themen werden von Ihnen in Angriff genommen, wenn die Pandemie vorbei ist oder sich zumindest beruhigt hat?

Ich möchte den Landkreis strategisch neu ausrichten. Dazu gehört, wie wir mit dem Wohnungsmangel hier umgehen. Das betrifft den bezahlbaren Wohnraum sowie die Überlegung, wie wir junge Familien in die Region bekommen, die wir auch als Fachkräfte für unsere Arbeitswelt benötigen. Für sie müssen wir die nötigen Infrastrukturen schaffen wie u.a. Kindergarten, Schule, gute Anbindung an die öffentlichen Verkehrsmittel. Die Bedürfnisse der Wirtschaftsunternehmen spielen da natürlich auch mit rein, gleichzeitig müssen wir darauf achten, dass wir unsere Landschaftsschutzgebiete erhalten. Diese spannende Frage müssen wir in den nächsten Jahren lösen.

Dann möchte ich das Thema Stadtbahn weiter vorantreiben, was momentan ganz gut aussieht.

Eine große Herausforderung wird die Finanzierung des öffentlichen Personen-Nahverkehrs. Wir stecken heute schon über 50 Mio. Euro jährlich in den ÖPNV hinein. Und das muss ja irgendwie finanziert werden. Das Land möchte mehr 365 Euro-Tickets für Schüler und Jugendliche, die Taktungen sollen enger werden, die Mobilitätsgarantie soll gewährleistet sein. Das wird eine große Aufgabe.

Und eine weitere große Herausforderung wird die Veränderung der Kliniken-Landschaft, die unter unserer Trägerschaft ist. Wir müssen die bauliche Infrastruktur deutlich optimieren, wir müssen mit dem Pflegekräftemangel umgehen, wir müssen auf die neuen Herausforderungen in der Medizin reagieren und wir werden künftig viel mehr ambulante Behandlungen haben statt stationärer Aufnahmen. Wir brauchen eine Zentralversorgung, aber auch mehr spezielle medizinische Angebote, weil die Menschen sich je nach Erkrankung immer mehr an fachlichen medizinischen Leistungen orientieren.

Beim Thema Umwelt- und Klimaschutz sind wir schon seit 2015 auf einem guten Weg und mit vielen Projekten am Start wie zum Beispiel Energiesparmodelle an Schulen, Klima-Scouts für Azubis, mehr E-Ladesäulen in den Parkgaragen.

Worauf freuen Sie sich privat als nächsten Schritt?

Da steht ganz groß ein Familienurlaub mit Frau und Töchtern auf dem Plan. Wahrscheinlich geht es im August nach Italien oder auf eine griechische Insel. Darauf freue ich mich sehr.

Herr Allgaier, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Rund 200.000 Bäume für die Umwelt jedes Jahr – Ein Interview mit Spediteur René Große-Vehne

Rund 1.100 eigene, tonnenschwere LKWs des Kornwestheimer Familienunternehmens GV Trucknet (Große-Vehne) rollen unter verschiedenen Firmennamen durch Deutschland und Europa. Ihr Auftrag: Die Ware von namhaften Kunden aus den Bereichen Automotive, Systemverkehre, Papier, Textil und Lebensmittel sicher zum Verbraucher zu bringen.

 „Neben dem großen Fuhrpark und rund 90.000 m² Lager- und Umschlagsflächen sorgen unsere rund 2.500 Mitarbeiter – davon die meisten auf dem LKW, die anderen an unseren acht Standorten – für einen reibungslosen Ablauf“, berichtet Geschäftsführer René Große-Vehne im Gespräch mit LUDWIGSBURG24. Auch gewährt der 47-jährige Betriebswirt Einblicke in seine Firmenphilosophie, spricht über seine unternehmerische Verantwortung für die Gesellschaft und gibt einen Ausblick in die Zukunft.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Ludwigsburg24: Herr Große-Vehne, weder Sie selbst noch Ihr Name klingen schwäbisch…

GV: Richtig, ursprünglich komme ich aus Westfalen. Dort hatte mein Opa den Betrieb gegründet, den mein Onkel übernahm und den heute der Mann meiner Cousine leitet. Mein Vater ist Schlosser und Ingenieur geworden, ist zur DEKRA gegangen und deshalb sind wir hier in den Stuttgarter Raum gekommen.

Gehören Sie denn mit der Spedition Große-Vehne im Münsterland zusammen?

Nein, die Unternehmen sind absolut eigenständig und in ganz anderen Branchen tätig. Wir fahren zum Beispiel im Automobil-, im Textil-, im Getränke- und auch im Paket-, Express- und Kurier-Bereich, also für Hermes, DHL, GLS, DPD oder UPS die lange Strecke. Wir sind aber immer noch freundschaftlich, verwandtschaftlich verbunden, haben ein gutes Verhältnis, treffen uns regelmäßig und feiern gerne auch miteinander Feste.

Wenn Ihr Vater bei der DEKRA war, wie kommt es dann zu Ihrer Spedition, die es ja bereits ebenfalls schon seit 1974 gibt?

1974 kauften meine Eltern ihren ersten LKW, der bei meinem Onkel mitgefahren ist. 1991 haben sie sich dann dazu entschieden, Große-Vehne in Stuttgart zu gründen. Ein externer Geschäftsführer hat sich zusammen mit meiner Mutter um die Spedition gekümmert, mein Vater hat die beiden unterstützt.

Wann sind Sie dazu gestoßen?

Schon als Schüler und später als Student habe ich in den Semesterferien mitgearbeitet in allen Bereichen, habe vom Büro übers Lager alles gemacht. Meinen Eltern war es wichtig, dass ich alles lerne. Manchmal habe ich nachts um halb vier angefangen und einen LKW mit Reifen ausgeladen, bin dann um halb sieben ins Büro und habe bis abends dort disponiert. Ich bin sogar LKW gefahren, allerdings nur im Nahverkehr. Dafür wurde ich zwar gut entlohnt, aber es war schon eine anstrengende Zeit.

Fest ins Unternehmen eingestiegen bin ich 2005 im Alter von 30 Jahren. Damals habe ich nach meinem Betriebswirtschaftsstudium in Münster bei der Firma „hsv Systemverkehre“ angefangen, die auch zu GV Trucknet gehört. 2007/2008 bin ich als Geschäftsführer an den Stammsitz hier gekommen und in meine Gesamtführungsaufgaben mit Unterstützung meines Vaters hineingewachsen.

Sie haben tatsächlich den LKW-Führerschein?

Als das Unternehmen 1991 gegründet wurde, durfte ich zwar noch nicht fahren, aber einer unserer ersten Mitarbeiter sagte irgendwann: „Ich stelle dir die LKWs zum Waschen nicht mehr hin, du holst sie dir selbst.“ Ab da durfte ich als Sechzehnjähriger auf dem Hof die LKWs fahren. Der Mitarbeiter hat mir alles Nötige beigebracht, zum Beispiel wie man die Lafette unter eine Wechselbrücke setzt. Vor kurzem habe ich es noch einmal probiert, doch ich kann es leider nicht mehr – mir fehlt einfach die Übung.

Hat es Ihnen Spaß gemacht, mit dem LKW zu fahren?

Ja, klar, ich habe generell Freude an Fahrzeugen. Mir gefällt das Geräusch eines LKWs, ich mag auch das Geräusch eines Dieselmotors.

Sie sprachen eben davon, dass Sie für den Paketbereich fahren. Sind Sie verantwortlich für die Same-Day-Lieferungen, wie sie beispielsweise Amazon verspricht?

Nein, damit haben wir gar nichts zu tun, das regelt Amazon selbst. Ob diese prompte Lieferung generell für alle Anbieter Einzug bei uns hält, entscheiden allein die Verbraucher. Wenn Sie mich persönlich fragen, sage ich Ihnen klar: Ich brauche meine Bestellung nicht schon am selben Tag.

Sollte die Gesellschaft das aber so wünschen, werden auch wir selbstverständlich überlegen, wie wir diesen Wunsch erfüllen können. Wir versuchen immer, die Anforderungen und Bedürfnisse unserer Kunden mitzugestalten, damit wir als Unternehmen mit in die Zukunft gehen. Deshalb beschäftigen wir uns im Automobilbereich beispielsweise intensiv mit Themen wie Batterie-Transport und Lagerung.

Ein Grundsatz Ihres Unternehmens lautet: „GV GOES ZERO“. Jetzt reden wir von einer Spedition, die Ware von A nach B bringt. Deswegen ist es eher ungewöhnlich für ein Unternehmen, dass es sich so etwas auf die Fahne schreibt.

Mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen wir uns schon lange. Bereits 2009 haben wir Gespräche mit dem „Zentrum für nachhaltige Unternehmensführung“ (ZNU) an der Universität Witten-Herdecke aufgenommen und eine intensive Zusammenarbeit als Partner des Instituts begonnen. Darauf basierend entstand 2017 die Initiative „ZNU GOES ZERO“.

Das gesetzte Ziel: bis 2023 müssen alle Mitgliedsunternehmen der ZNU CO2-neutral sein. Der Grundsatz dabei ist: so viele Emissionen wie möglich zu vermeiden, was nicht zu vermeiden ist, wird bestmöglich reduziert. Alles, was nicht vermieden oder reduziert werden kann, wird kompensiert. 2018 haben wir gemeinsam mit einigen anderen Unternehmen wie beispielsweise der Brauerei Bitburger oder dem Stuttgarter Gemüsering entschieden: Wir machen das, und zwar sofort.

Unser Unternehmen braucht kein Marketing-Budget, deshalb haben wir mit allen Geschäftsführern gemeinsam und einstimmig entschieden, das Geld, das andere in Werbebudgets stecken, in Bäumen anzulegen und lassen über „Plant for the Planet“ in Mexiko, genauer gesagt auf der Halbinsel Yucatan, Bäume anpflanzen.

Warum pflanzen Sie die Bäume gerade in Mexiko und nicht in Deutschland und über wie viele Bäume reden wir?

Jährlich werden von unserem Beitrag rund 200.000 Bäume gepflanzt. Würden wir die Bäume in Deutschland pflanzen, würde es uns schätzungsweise das Zehnfache kosten. Außerdem ist der Regenwald in Mexiko die Lunge der Welt.

Die Bewaldung können wir über Satelliten genau verfolgen. Hinter „Plant for the Planet“ steht Felix Finkbeiner, ein beeindruckender junger Mann, der die Initiative schon im Alter von gerade einmal neun Jahren ins Leben gerufen hat.

Waren Sie selbst schon mal dort und haben Ihre Bäume begutachtet?

Ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, aber dann kam Corona dazwischen. Ich hoffe, das sich bald ein Besuch realisieren lässt.

Erwarten Kunden heutzutage Nachhaltigkeit von einem Unternehmen?

Als wir unseren CO2-Fußabdruck 2018 auf null gesetzt haben, hat es, gelinde gesagt, niemanden interessiert. 2020/21 hat das Ganze dann Fahrt aufgenommen. Wir werden unsere Nachhaltigkeit jetzt auch offiziell zertifizieren lassen.

Wir versuchen immer einen Schritt vorauszudenken. Mit dem Thema Nachhaltigkeit haben wir jetzt dreizehn Jahre Erfahrung gesammelt. Seit drei Jahren gibt es ein festes Nachhaltigkeitsteam im Unternehmen – sukzessive verankern wir das Thema Nachhaltigkeit tiefer und breiter im Unternehmen.

Irgendwann wird der Kunde die Nachhaltigkeit bei Dienstleistern und Partnern voraussetzen. Wir müssen an die Generationen nach uns denken, an die wir unsere Welt übergeben. Wir beschäftigen uns intensiv mit der Forschung nach unweltfreundlicheren Alternativen. Durch Versuche mit alternativen Antrieben sammeln wir wichtige Erfahrungen. Zum Beispiel bringen wir mit dem Reallabor Hylix-B, unterstützt vom Landesumweltministerium, im März 2022 einen Wasserstoff-LKW auf die Straße.

Meine Devise und Motivation, auch für die nächste Generation, lautet: Nicht andere machen lassen, sondern selbst anpacken und sich weiterentwickeln. Das funktioniert aber nur, wenn alle Mitarbeiter im Unternehmen auch davon überzeugt sind und mitziehen.

Vor zwei Jahren hat Corona die Welt verändert. Inwiefern hat die Pandemie auch Ihr Unternehmen beeinflusst. Sind Sie ein Gewinner oder Verlierer der Krise?

Für ein Logistikunternehmen kommt es darauf an, wie es dem Kunden geht, allein davon sind wir abhängig. Nehmen wir den Textilbereich, da fahren wir für den Einzelhandel. Der stationäre Handel hatte während des Lockdowns geschlossen. Das führt dazu, dass die LKWs genauso stehen.

Gleiches galt für die Werke der Automobilbranche, die ebenso stillstanden. Die Halbleiterkrise hat auch ihren Teil beigetragen. Es war eine Situation, die uns nicht zu den Gewinnern der Krise macht, aber auch nicht zu den Verlierern.

Gibt es andere Sorgen, die Sie umtreiben?

Der Logistikbranche fehlt Nachwuchs, weshalb wir verstärkt ausbilden. Hier am Standort Kornwestheim haben wir 80 Auszubildende, davon werden fast 60 als Fahrer ausgebildet, der Rest verteilt sich auf die Bereiche Büro, Werkstatt und Lager. Im vergangenen Jahr kam noch der IT-Bereich dazu.

Es mag altmodisch klingen, doch ich finde es spricht nichts gegen die Einstellung „von der Lehre bis zur Rente“. Entwickeln können wir uns nur mit Menschen, die sich dem Unternehmen verbunden fühlen. Nehmen wir nur die älteren Fahrer, die mich schon lange kennen und die, wenn ich keine Telefonate habe, in mein Zimmer kommen, um spontan einen Kaffee mit mir zu trinken. Aber auch junge Mitarbeiter finden bei uns immer ein offenes Ohr. Reden ist wichtig, so kann man auch über Probleme sprechen, sie gemeinsam angehen und lösen bevor es zu Konflikten kommt.

Sie sind also ein Chef zum Anfassen…

Wir sind ein Unternehmen mit flachen Hierarchien. Ich selbst komme mit Freude zur Arbeit, das wünsche ich mir ebenso für die Mitarbeiter. Egal in welcher Branche – wenn einem Menschen dauerhaft bei der Arbeit die Freude fehlt, dann sollte er lieber seinen Job wechseln.

In Deutschland fehlen 60.000 bis 80.000 Berufskraftfahrer. Wozu das führen kann, hat man kürzlich in England gesehen. Wie finden Sie neue Fahrer?

Vieles läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda. Auch unser Ausbildungsleiter, Alexander Koch macht mit seinem Team einen großartigen Job. Sie kümmern sich um die Menschen. Es ist wichtig, dass man jedem Mitarbeiter vermittelt: „Du bist ein ganz wichtiger Bestandteil des Unternehmens und der Gesellschaft.“

Ich würde mir wünschen, dass gerade auch die Fahrer von der Öffentlichkeit mehr Wertschätzung erfahren. Da ich das aber nicht von der Gesellschaft erwarten kann, muss ich selbst damit anfangen. Deshalb erkläre ich schon jedem neuen Lehrling, dass ohne ihn kein Daimler vom Band geht oder kein Paket Stuttgart verlässt. Das vermittelt allen Mitarbeitern Stolz und das Selbstvertrauen, dass sie einen wertvollen sowie zukunftsorientierten Job haben.

Gibt es sonst noch irgendwelche Besonderheiten für das Personal?

Wir versuchen unsere Wertschätzung zudem durch kleine Geschenke zu Weihnachten, durch schöne Feste im Sommer und zu Weihnachten oder durch andere kleine Gesten auszudrücken.

Dinge, wie ein einfaches Danke, echtes und ehrliches Interesse am Menschen, gegenseitiger Respekt, Ehrlichkeit, Offenheit und Fairness – das ist viel wert. Und ich bin sehr stolz, dass uns diese Werte als Familienunternehmen prägen und wir sie jeden Tag versuchen zu leben.

Könnte hier das Gleiche passieren wie in England, dass plötzlich nichts mehr geht, weil die Fahrer fehlen?

Natürlich, ist auch hier nicht von der Hand zu weisen, dass das kurz- bis mittelfristig ebenfalls droht. Wenn die Engländer ihre Tore länger als vier Monate aufgemacht hätten, dann wäre ich sehr gespannt gewesen, was hier passiert. Wir sind doch ebenso wie die Engländer neben den heimischen Mitarbeitern auch vom osteuropäischen Mitarbeiter-Markt abhängig.

Dadurch, dass England sich abgegrenzt hat, sind viele polnischen Fahrer wieder nach Deutschland zurückgekommen. Hätte England allerdings wieder aufgemacht und die prognostizierten Löhne bezahlt, dann wären wahrscheinlich auf einen Schlag 20.000 bis 30.000 Fahrer von hier weggegangen. Stellen Sie sich das mal vor mitten im Weihnachtsgeschäft.

Dazu kommt die Altersstruktur der Fahrer. Wenn nicht genügend Nachwuchs heranwächst, dann erhöht sich die Zahl der bis zu 80.000 fehlenden Fahrer jährlich um etwa 15.000.

Aber wo genau liegt das Problem, dass keiner mehr diesen Beruf ausüben will? Liegt es an der Bezahlung?

Die Bezahlung ist eigentlich besser als viele denken und entwickelt sich stetig. Dennoch verlieren wir Mitarbeiter vor allem an die große Industrie wie Daimler, Porsche, Bosch. Aber das ist nicht nur in unserer Branche so, beispielsweise das Handwerk ist genauso betroffen.

Dazu kommt, dass die Bundeswehr nicht mehr ausbildet. Von dort kamen früher extrem viele Mitarbeiter in die Unternehmen. Nachdem das weggefallen ist, bildet kaum jemand mehr aus. Die großen Logistik-Unternehmen wie DHL oder Schenker haben keine eigenen LKWs, sondern arbeiten mit kleineren Unternehmern. Diese bilden ebenfalls nicht aus, weil sie fürchten, dass sie das Geld in die Ausbildung investieren und der Fahrer danach zu einem anderen Arbeitgeber wechselt.

Die Struktur stimmt einfach nicht, deshalb müssen wir uns selbst dem Problem annehmen. Während der Flüchtlingskrise haben wir zum Beispiel eng mit Flüchtlingsheimen zusammengearbeitet.

Inwiefern?

Flüchtlinge durften hier bis zu sechs Wochen im Betrieb probearbeiten. Das war von der Ausländerbehörde genehmigt und wurde vom Arbeitsamt finanziert. Ausgenommen war der Bereich der Berufskraftfahrer, weil sich Flüchtlinge nicht über die Landesgrenzen hinausbewegen dürfen.

Nach Ablauf der sechs Wochen mussten alle Beteiligten entscheiden, ob es gemeinsam in die Zukunft geht. Waren sich beide Seiten einig, wurden die Betreffenden anschließend fest angestellt. Dadurch haben wir ganz viele tolle Mitarbeiter für unser Unternehmen gewonnen.

Spielt bei der Nachwuchsproblematik eventuell auch das Thema autonomes Fahren eine Rolle?

Natürlich ist das ein Thema, denn es wird irgendwann kommen. Aber das heißt nicht, dass niemand mehr auf dem LKW sitzen wird. Der Fahrer bleibt wichtig, da es immer jemanden geben muss, der sich um die Be- und Entladung sowie die Ladungssicherung kümmert.

In Städten oder auf Baustellen wird sich das autonome Fahren nach heutigem Stand so schnell ebenfalls nicht umsetzen lassen. Das klappt auf längeren Strecken, aber schon bei einer Ausfahrt fängt es an schwierig zu werden.

Sicherheit im Straßenverkehr ist ein Thema, für das Sie sich stark machen. Vor ein paar Wochen haben Sie mit der Landesverkehrswacht ein neues Projekt ins Leben gerufen…

Verkehr ist ein Miteinander und der LKW wird oftmals als Feindbild wahrgenommen. Deshalb haben wir in Kooperation mit der Landesverkehrswacht einige Trailerheckportale mit Grafiken beklebt, die wichtige Themen ansprechen, die zu mehr Verkehrssicherheit beitragen.

Auf Trailern, die vorwiegend auf der Autobahn fahren, machen wir auf das Bilden einer Rettungsgasse aufmerksam. Denn wenn ein Unfall passiert, muss es für die Rettungskräfte schnell gehen. Bei den Trailern, die eher im städtischen Raum unterwegs sind, geht es um den Sicherheitsabstand zu Radfahrern. Hier wollen wir das Bewusstsein schärfen, für mehr Verständnis füreinander werben und den Verkehrsteilnehmern ein wenig die Angst nehmen vor dem vermeintlichen Ungeheuer LKW.

Ich bin außerdem dafür, jeden PKW-Fahrschüler eine Stunde in einem LKW mitfahren zu lassen, damit PKW-Fahrer ein Gespür dafür bekommen, welchen Radius der LKW-Fahrer überhaupt sieht.

Ein anderes Problem sind leere LKWs, vor allem in Baustellen. Die wenigsten Menschen wissen, dass ein leerer LKW schon mal 20 cm springt, wenn er eine Windböe abbekommt. Mit diesem Wissen würde sich so manche gefährliche Situation im Straßenverkehr vielleicht vermeiden lassen.

(Links): René Große-Vehne, Geschäftsführer GV Trucknet und Burkhard Metzger, Präsident der Landesverkehrswacht Baden-Württemberg e.V. Bild: Landesverkehrswacht Baden-Württemberg

Unfälle mit dem LKW – können Sie uns sagen, wie viele Sie pro Jahr haben?

Wir haben jährlich zwischen 600 und 700 Kleinunfällen, bei denen mal ein Spiegel abbricht oder ein Lackschaden entsteht. Schwere Unfälle mit großen Schäden oder bei denen sogar Personen betroffen sind, kommen zum Glück nur ein- bis zweimal im Jahr vor.

Wir haben seit zwölf Jahren alle Fahrzeuge mit Safety-Packages ausgestattet, dazu gehört auch der Abstandswarner. Vor der Sicherheitsaufrüstung hatten wir eine deutlich kleinere Flotte, doch im Schnitt acht solcher schweren Unfälle jährlich.

Das Thema Sicherheit wollen wir weiter vorantreiben, nicht nur um andere Verkehrsteilnehmer zu schützen, sondern ebenso unsere eigenen Fahrer. Der letzte tödliche Unfall ist zum Glück schon lange her, das war 2008.

Was macht das mit Ihnen, wenn so etwas passiert?

Das ist schrecklich. Seit ich in der Firma bin, ist das zweimal vorgekommen. Das erste Mal 2005, da war ich ganz frisch dabei. Der Fahrer hatte die Motorbremse bei Glatteis von vier auf zwei gedrosselt, was einen großen Schub auslöste. Der Fahrer war nicht angeschnallt und wurde vom Fahrzeug erfasst. Das war eine bittere, tragische Geschichte.

Und wenn Sie dann auf der Beerdigung hinter dem Sarg und der Frau mit zwei kleinen Kindern hergehen, fühlen Sie sich schrecklich, obwohl Sie selbst gar nichts dafürkönnen. Allein der Gedanke schafft noch heute ein unwohles Gefühl in mir. Und die Namen dieser Mitarbeiter vergessen Sie auch nie.

Selbstverständlich unterstützen wir die Familie unserer Fahrer im Rahmen unserer Möglichkeiten seelisch, organisatorisch und auch finanziell, wenn ein Unfall mit tödlichem Ausgang passiert.

Welches ist die weiteste Strecke, die Ihre Fahrer zurücklegen müssen?

Aktuell ist das die Strecke von Stuttgart/Kornwestheim nach Sebes in Rumänien. Das ist eine einfache Strecke von 1.450 Kilometern, die wir für Daimler fahren.

Für das Werk Sebes sind wir das Cross-Dock. Das heißt, alle Gebietsspediteure liefern die Lieferantenteile für Rumänien bei uns an. Wir holen aus dem Werk Hedelfingen die Produktionsteile. Wir bündeln alles und übernehmen die Umverpackung von den Produktionskörben in Transportbehältnisse mit VCI-Folie, damit die Teile nicht rosten. Danach fahren wir alles nach Rumänien und der Fahrer bringt anschließend von dort fertige Getriebe mit zurück.

Haben Sie selbst Familie und auch Hobbys oder leben Sie vorwiegend für Ihr Unternehmen?

Ich bin mit einer tollen Frau verheiratet. Wir leben ein ganz normales Leben. Ich spiele Tennis, jogge, lese, treffe Freunde – alles ganz unspektakulär. Ich mache all die Sachen, die ich mache, gerne und mit großer Freude. Dazu gehört auch mein Job. Gar nichts zu tun, fällt mir dagegen unheimlich schwer – selbst im Urlaub.

Herr Große-Vehne, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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„Wir haben Sie zurückgeholt, Sie hatten einen Herzstillstand“: Society-Fotograf Christof Sage im Interview

Er ist bekannt wie ein bunter Hund und eine der schillerndsten Persönlichkeiten in Stuttgart. Christof Sage, gefragter Society-Fotograf, Herausgeber eines Hochglanzmagazins, gern gesehener Partygast und auf Du und Du mit den VIPs dieser Welt. Der 68-Jährige aus Filderstadt hat sein berufliches Leben stets auf der Überholspur gelebt, doch im September stand seine Welt für ein paar Sekunden plötzlich still. Ludwigsburg24 erzählt er, wie er diesen gesundheitlichen Einschlag erlebt hat und wie er nun seine Zukunft gestalten will.

Ein Interview von Ayhan Güneş 

LB24: Herr Sage, Sie hatten vor nicht allzu langer Zeit schwere gesundheitliche Probleme. Wie geht es Ihnen heute?

Sage: Mir geht es – Gott sei Dank – wieder gut, nachdem ich im September sprichwörtlich einen vor den Bug bekommen habe. Im August war ich noch auf den Malediven, war topfit und agil, bin gelaufen, Fahrrad gefahren, habe alles gemacht. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich mal Probleme mit dem Herzen haben werde, hätte ich das weit von mir gewiesen mit den Worten: ‚Ich doch nicht! Seit mehr als 45 Jahren laufe ich auf Hochtouren, ohne auch nur einmal was am Herz zu haben.‘ Nie hätte ich geglaubt, dass es mir doch passieren könnte.

LB24: Was genau war passiert?

Sage: Mich hat es voll erwischt, obwohl es harmlos begann. Mir war morgens schwindelig und ich bin mit meiner Frau direkt freiwillig ins Krankenhaus, weil ich spürte, dass mit meinem Körper irgendwas nicht stimmt. Im Krankenhaus kam ich sofort an alle Geräte und die Ärzte stellten fest, dass mein Herz nur noch 22-30 Schläge in der Minute macht, normal sind zwischen 70-90. Daraufhin musste ich im Krankenhaus bleiben, hatte mehrere Untersuchungen und bekam schließlich einen Herzschrittmacher der neuesten Generation, der das Herz wieder angekurbelt hat.

LB24: Stimmt es, dass Ihr Herz zwischenzeitlich einmal komplett stillstand?

Sage: Nachdem ich morgens eingeliefert und dann auf die Intensivstation verlegt wurde, ist nachmittags um 15.00 Uhr folgendes passiert: Ich hatte ständig eine Person um mich, die kontinuierlich damit beschäftigt war, die Geräte und Aufzeichnungen meiner Werte zu beobachten. Plötzlich wurde ich wach und sah fünf Leute um mich herum, die mich reanimierten.

LB24: Haben Sie sofort verstanden, was da mit Ihnen geschah?

Sage: Was geht hier vor, habe ich wohl gefragt und bekam folgende Antwort: „Wir haben Sie zurückgeholt, Sie waren 8 Sekunden weg. Sie hatten einen Herzstillstand. Seien Sie froh, dass das hier im Krankenhaus passiert ist, wären Sie woanders gewesen, wäre das fatal ausgegangen.“ Ab diesem Moment war mir der Ernst der Lage sehr bewusst.

LB24: Welche Gedanken sind Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gegangen?

Sage: Ich dachte an meine Frau, an die Familie, ans Haus und an so viele Dinge in meinem Leben…auch dass ich mein Magazin fertigstellen muss. Da ging im Kopf alles durcheinander, aber gleichzeitig war mir auch alles egal. Man fällt kurzzeitig in ein Loch und verabschiedet sich und denkt dann im nächsten Moment, dass man vieles regeln muss, wenn man doch wieder nach Hause kommen sollte. Das sind alles Themen, an die ich vorher überhaupt nie gedacht hatte. Nach so einem Vorfall weiß man, dass man dringend alles im Vorfeld regeln und privat aufräumen sollte. Dieses Thema schieben die meisten Menschen gerne vor sich her, so auch ich. Aber es ist tatsächlich wichtig, die Dinge rechtzeitig zu regeln.

LB24: Sind Sie beruflich wieder ganz der Alte oder haben Sie Nachwirkungen und müssen sogar Ihr Leben umstellen?

Sage: Nein, es ist nichts zurückgeblieben, ich bin wieder ganz der Alte. Allerdings bin ich etwas ruhiger geworden und vertrete inzwischen die Meinung, dass ich nicht mehr auf allen Hochzeiten tanzen muss. Ich suche mir meine Termine gezielt aus und habe mir selbst den Druck genommen, irgendwas, irgendwo zu müssen. Nein, ich muss gar nichts, lasse mich von niemandem mehr zu etwas überreden oder gar drängen. Ich selektiere und entscheide spontan nach meinen ganz persönlichen Bedürfnissen und Empfindungen. So habe ich mich vor drei Wochen zum Beispiel entschieden, eine Einladung nach Tunesien anzunehmen, da ich Lust hatte auf Ablenkung außerhalb von Zuhause. Einen Vorteil hat der Herzschrittmacher übrigens: Ich muss auf dem Flughafen nicht mehr durch die Sicherheitsschranke.

LB24: Beeinflusst der Herzinfarkt Ihr Privatleben?

Sage: Nein, schon seit meine Frau Bärbel vor einigen Jahren in mein Leben getreten ist, gehe ich beispielsweise nicht mehr ans Telefon bei einem Anruf, dessen Nummer unterdrückt wird oder ich sie nicht kenne. Gleiches gilt für allgemeine Emails, in denen ich nicht persönlich angesprochen werde. Solche Mails sortiere ich sofort aus, früher hätte ich diese auch noch bearbeitet bzw. hätte auch jeden unbekannten Anruf entgegengenommen. Gleiches gilt für Freundschaften. Neue, tiefere Freundschaften baue ich kaum mehr auf und bei den bestehenden suche ich mir gezielt aus, mit wem ich wirklich regelmäßig Zeit verbringen will. Ich will privat einfach keinen Stress mehr, das muss alles nicht mehr sein, denn ich kann das alles gar nicht mehr verarbeiten.

LB24: Mitten in der Pandemie haben Sie einen mutigen Schritt gewagt und Ihr eigenes Hochglanz-Lifestyle-Magazin „Sage“ auf den Markt gebracht, nachdem Sie 20 Jahre lang das Gesicht für Stuttgarts Feine Adressen waren. Wie kam es dazu?

Sage: Als die Corona-Welle im letzten Jahr anrollte, merkte ich, wie mühsam es in diesem Metier ist, Akquise zu machen, da es dieses Heft schon seit 40 Jahren gibt und die Kunden die Lust verloren haben, Anzeigen zu schalten. Es ist halt alles etwas veraltet. Da habe ich zu meiner Frau gesagt, dass wir nach der Sommerausgabe Schluss damit machen, weil ich den Druck von jährlich vier Ausgaben nicht mehr haben wollte. Dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder wir gehen in den Ruhestand oder wir machen etwas ganz anderes. Als ich mit Freunden über meine Gedanken sprach, rieten mir alle dazu, aufgrund meines Namens und großen Netzwerks unbedingt mein ganz eigenes Magazin mit dem Titel „Sage“zu machen. Joachim Fischer kreierte sofort ein Layout für mich. Und weil ich ein Menschen-Fotograf bin, heißt jetzt der Titel meines eigenen Magazins ‚Sage – Magazin für Menschen und Momente‘. Das hat mir sehr gut gefallen, denn ich liebe die Menschen, ich liebe die Momente. Da wegen Corona sämtliche Fotoaufträge weggebrochen waren, habe ich zu meiner Frau gesagt: Komm, lass uns das neue Magazin machen. Im Herbst 2020 haben wir dann losgelegt und siehe da, es hat funktioniert und wir sind direkt mit 342 Seiten gestartet. Ich hätte nie damit gerechnet, dass es so einschlägt.

LB24: Corona hatte in diesem Fall für Sie also seine guten Seiten…

Sage: Corona hat unser Leben sehr verändert und uns zum Umdenken gebracht – Ruhestand oder etwas Neues. In dem Fall ist etwas Neues entstanden, weil ich jetzt selbst Herausgeber und Verleger bin. Und da kann ich ganz anders arbeiten als vorher, als ich nur Lizenznehmer war.

LB24: Aber der Schritt war gewagt oder haben Sie mit diesem Erfolg wirklich gerechnet?

Sage: Nein, damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, im Gegenteil. Doch das Magazin war tatsächlich wahnsinnig schnell vergriffen, weil ich es in die Welt hinaustrage und verteile. Dazu kommt, dass mich die BILD-Zeitung mit einem großen Artikel und der Schlagzeile „Sage bringt sein 1,6 Kilo-Baby raus“ unglaublich gepusht hat, was mich natürlich zusätzlich angespornt hat, mit dem Magazin weiterzumachen. Das alles zusammen ist vielleicht auch das Geheimnis des Erfolgs.

LB24: Wie oft kommen Sie damit auf den Markt?

Sage: Ursprünglich wollten wir 3 Hefte pro Jahr rausbringen, doch das ist in der Größenordnung viel zu aufwendig. Jetzt haben wir eines im Frühjahr und ein zweites im Herbst auf den Markt gebracht.

LB24: Werden Sie nach Ihrer Genesung 2022 wieder richtig angreifen?

Sage: Jetzt werden wir drei Monate einfach mal alles ruhen lassen und erst im Februar wieder mit der Arbeit beginnen. So haben wir es auch allen unseren Kunden, Bekannten und Freunden geschrieben. Die Resonanz war positiv und alle haben gesagt, dass sie wieder mit an Bord sind, egal, wann das nächste Heft kommt. Alles andere wäre gesundheitlich nicht machbar gewesen.

LB24: Als Society-Fotograf kennen sie die nationale wie internationale Welt der VIPs wie kein Zweiter. Was macht Corona mit einem Menschen, dem wie Ihnen von heute auf morgen der berufliche Nährboden entzogen wird, weil keine Preisverleihungen, keine glamourösen Events und interessante Reisen mehr stattfinden?

Sage: Mir persönlich hat das beruflich nicht geschadet, wie man an unserem neuen Heft sieht. Es gibt noch so viele andere Themen, mit denen wir das Magazin füllen können. Es hat mir auch ansonsten nichts ausgemacht, weil ich die letzten 30, 40 Jahre nur Vollgas gegeben habe und nur unterwegs gewesen bin. Manchmal war ich innerhalb einer Woche auf drei verschiedenen Kontinenten. Mir fehlt also nichts. Die Zeit des ersten Lockdowns habe ich genutzt, um mal das Büro gründlich aufzuräumen, habe an die 100 Aktenordner sortiert, vernichtet und entsorgt. Das war eine Bereicherung für mein Leben, weil ich hinterher sagen konnte, mich von dem ganzen Ballast befreit zu haben.

LB24: Aber hat Ihnen dieses plötzliche Runterfahren aller Aktivitäten nicht auch wehgetan?

Sage: Finanziell war es natürlich ein Desaster, aber beruflich man hat ja alles hinter sich und konzentriert sich auf die Zeit, die noch kommt. So war das jedenfalls bei uns. Ich blicke jetzt auf das Jahr 2022 und suche mir die Aufgaben raus, auf die ich wirklich noch Lust habe.

LB24: An Ihrer Wohnungswand hängen von Ihnen geschossene Fotos von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte aus mehr als vier Jahrzehnten, darunter Michail Gorbatschow, Jassir Arafat, aber auch Künstler wie Roland Kaiser und andere. Fehlt Ihnen eigentlich noch jemand in Ihrer Liste?

Sage: Ja, der Kaiser von Japan fehlt mir noch, den habe ich noch nicht live erleben dürfen. Kürzlich hatte ich den CDU-Politiker Wolfgang Bosbach zu Besuch, er schaute sich die Fotowand an und sagte: ‚Gott sei Dank, da hänge ich noch nicht.‘ Ich fragte ihn, warum er so etwas sagt. Er zeigte auf Udo Jürgens und meinte, er sei tot, er verwies auf das Bild von Drafi Deutscher und stellte fest, dass er ebenfalls nicht mehr lebt. ‚Bitte häng‘ mich jetzt noch nicht dorthin.‘ Das ging mit rund 30 Fotos so und da verstand ich ihn. In der Tat sind leider viele dieser Persönlichkeiten bereits verstorben im Laufe der Zeit. Aber ich werde sie trotzdem nicht abhängen, denn die Menschen auf den Fotos sind ein Teil meines Lebens. Aber ich bin sicher, es kommen noch neue Fotos der aktuellen oder nächsten Generation dazu.

LB24: Sie sind im Sommer 68 Jahre alt geworden, sind weit gereist, Sie haben viel gesehen und erlebt. Hat man da noch Ziele und Träume?

Sage: Ein Ziel wäre, dass ich das neue Magazin noch ein paar Jahre so erfolgreich machen darf. Unter Träume nehme ich den Wunsch, dass ich gesund bleibe, dass die Familie intakt bleibt und ich mein Leben weniger rasant verbringen kann als in der Vergangenheit.

LB24: Als Promi-Fotograf hatten Sie fast jeden vor der Linse, als Unternehmer sind Sie ebenfalls sehr erfolgreich. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Sage: Ich habe immer versucht, authentisch zu bleiben, mich so zu zeigen, wie ich bin. Ich habe die Menschen nie angelogen, sondern bin immer ehrlich geblieben. Egal auf welchem Erdteil man sich befindet, merken die Menschen, ob man sie anlügt oder ehrlich ist. Auf dem Boden zu bleiben ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Man sollte nicht versuchen, mit den Großen mitzuschwimmen, weder finanziell noch in anderer Hinsicht. Man muss seine Grenzen kennen, muss immer wissen, woher man kommt und was man zur Verfügung hat und darf nicht über seine Möglichkeiten leben. Aber man darf Ziele haben, die man sich erarbeiten muss.

LB24: Was waren Ihre Ziele und was ist aus ihnen geworden?

Sage: Da ich aus einfachen Verhältnissen komme, habe ich als 18-Järhiger davon geträumt, mit spätestens 60 einmal ein eigenes Haus zu haben und einen Porsche zu fahren. Beide Ziele habe ich erreicht.

LB24: Sie haben eine 28-jährige Tochter namens Natascha. Was haben Sie ihr als Vater für Leben mit auf den Weg gegeben?

Sage: Ich glaube, dass Natascha mir in vielen Punkten sehr ähnlich ist. Sie ist bodenständig, überhaupt nicht aufs Materielle aus, sie braucht kein tolles Auto, kein großes Haus, diese Dinge sind ihr alle nicht wichtig. Sie ist Mensch geblieben, hat sich vom Püppchen zur sympathischen, eleganten jungen Frau entwickelt, die man am liebsten ständig in den Arm nehmen würde. Ich glaube, dass Geborgenheit mit das Wichtigste ist, was wir ihr vermittelt haben. Ich bin total stolz auf meine Tochter. Sie hat ihren Immobilienwirt gemacht und arbeitet in dieser Branche. Zur Zeit befindet sie sich nebenbei in einem Studium und möchte noch ihren Bachelor machen. In meine Fußstapfen wird sie definitiv nicht treten.

Herr Sage, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute!

„Gib niemals Deinen Traum auf!“ Street-Art-Künstler „Fosi“ im großen Ludwigsburg24-Interview

Über Kunst lässt sich für gewöhnlich herrlich streiten. Für die einen sind es lediglich Schmierereien auf öffentlichen Flächen, für die anderen ist es Kunst. Doch egal, wie man darüber denkt, eines muss man dem Streetart-Künstler Fosi, lassen: Mit seinen aufgesprühten Graffity macht der 29-jährige Ludwigsburger unsere Welt ein bisschen bunter und geheimnisvoller. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 plaudert Fosi über die Graffity-Szene, welches Gebäude er in Ludwigsburg am liebsten künstlerisch komplett umgestalten würde und über nächtliche Verfolgungsjagden mit der Polizei.

Ein Interview von Ayhan Güneş

Ludwigsburg24: Wie kommt man zu dieser Art von Kunst?

Fosi: Ich war 14 Jahre alt, hatte nur wenig Freunde und die Mädels interessierten sich auch nicht für mich. Damals habe ich angefangen zu überlegen, wie ich mich besonders machen und herausstechen kann. Dass ich ausgerechnet dann bei Graffiti und Street-Art gelandet bin, war eher zufällig. Mein großer Bruder hat es mal gemacht und es hat mich damals schon beeindruckt. Es gab mächtig Ärger, als bei ihm Sprühflaschen entdeckt wurden. Ich war damals noch ein Knirps und habe das alles gar nicht geblickt. Das kam alles erst ein paar Jahre später.

Was hat Sie gereizt, ebenfalls zu sprühen, obwohl der Bruder deshalb schon Ärger bekommen hatte?

Mir war schnell bewusst, was Graffity in seiner Gänze bedeutete: ein spezieller Lifestyle, man hat Freunde, eine Crew und führt in gewisser Weise ein Doppelleben. Tagsüber bist du der einfache Schüler, der seinen Realschulabschluss macht. Nachts um eins jedoch triffst du dich mit den Kumpels und kämpfst für deine Rechte, gewissermaßen als Batman für Arme. Ich war damals natürlich vermummt, lief durch die Nacht der Polizei davon. Das war schon sehr reizvoll. Zu diesem Zeitpunkt war mir der kreative Teil noch gar nicht wichtig.

Worum ging es Ihnen dann?

Es ging um die Connection, darum, jemand zu sein, Verantwortung für sich zu tragen und dafür einzustehen, was man tat, auch wenn es gegen das Gesetz ging. Das war damals mein Einstieg in diese Kunstrichtung. Bei meinem Bruder war das alles nur Hobby und er hörte irgendwann damit auf, doch ich wollte mehr. Aber er ist und bleibt bis heute mein schärfster Kritiker, dessen Meinung mir sehr wichtig ist.

Woher haben Sie Ihr Talent für diese Malerei?

Das Talent liegt in der Familie mütterlicherseits. Mein Opa war Steinmetzmeister, mein Uropa war Maler. Kein van Gogh, aber er hat seine Bilder tatsächlich verkauft und einen Künstler-Lifestyle gehabt. Das hat mir meine Mutter jedoch erst erzählt, als die Malerei bei mir erfolgreicher wurde. Also habe ich das Talent wohl vererbt bekommen. Es auszubauen, war dann wieder meine Aufgabe.

Sie kommen aus der Region Ludwigsburg. Wie beurteilen Sie Ludwigsburg aus Sicht eines Street-Art-Künstlers? Gibt es hier überhaupt eine Szene?

Der Großteil spielt sich eindeutig in Stuttgart ab. In Ludwigsburg gibt es Newcomer, die sich dann zu Gruppen zusammenschließen. Die Stadt ist überschaubar und es gibt nicht viele Spots, wo es legal ist zu sprühen. Wenn hier jemand damit anfängt, hat er schnell eine Gruppe von bis zu acht Leuten zusammen. So war das damals bei uns, so ist das heute noch.

Wo sind in Ludwigsburg die legalen Spots?

Es gibt inzwischen drei, der letzte ist gerade eröffnet worden und befindet sich in Eglosheim, die anderen sind in Kornwestheim und Oßweil. In Oßweil stand schon damals ein Abrissgebäude, zu dem uns die Stadt den Zutritt genehmigt hatte.

Gibt es eine Stadt in Deutschland, die als der absolute Hotspot für die Szene gilt?

Nein, das kann man so nicht sagen, jede Stadt hat ihren eigenen Charme. In Berlin beispielsweise ist Masse. Da wird gebombt, was bedeutet groß, Chrom, Schwarz. München ist ruhiger als Stuttgart, Hamburg ist ein Mischmasch aus beidem. Mittlerweile gibt es überall alles. In Stuttgart sind es eher Leute, die mehr Wert legen auf Farbe und Formen, und die meist den Sprung schaffen in die Kunst.

Das heißt also, dass in Ludwigsburg nicht wirklich Spannendes stattfindet?

Na gut, die S-Bahnen werden seit neuestem nachts illegal besprüht, was natürlich sehr spannend ist, egal ob sie in Asperg oder sonst wo im Umfeld stehen. Dafür sind viele Leute involviert und aktiviert.

Hatten Ihre illegalen Sprühaktivitäten jemals Konsequenzen für Sie?

Illegales Graffiti ist zwangsweise damit verbunden, dass man sich immer wieder in sehr unangenehmen Situationen wiederfindet. Sei es eine nächtliche Verfolgungsjagd durch Menschenleere Straßen mit der Polizei oder lebensgefährliche Momente, wenn ein Zug nachts mit 150 Stundenkilometern nur einen Meter an dir vorbei rauscht.

Erzählen Sie

Wir mussten, um an eine bestimmte Wand zu kommen, durch einen etwa fünfzig Meter langen Tunnel entlang der Schienen. Da es Nacht war und man in dem Tunnel nicht die Hand vor Augen sehen konnte, versuchten wir uns neben den Schienen an der Tunnelwand entlang bis zum Ausgang langsam und leise zu bewegen. So etwa in der Mitte des Tunnels, schaltete die Signalampel für die kommenden Züge auf Grün. Zu weit bis zum Ausgang, nicht genügend Zeit, um wieder umzukehren. Also machten wir uns alle bereit darauf, das der nahende Zug mit voller Geschwindigkeit in diesem engen Tunnel direkt an unseren Köpfen vorbeirasen wird. Liegend an die Wand gedrückt und die Ohren zuhaltend, wurde der nachtschwarze Tunnel immer heller erleuchtet. Die Erde fing an zu beben und ein gefühlt endlos langer Zug fuhr mit hellen Funken an den Rädern und unglaublichem Lärm an uns vorbei. Das war natürlich mega riskant, aber ich will rückblickend diese und auch die anderen Erfahrungen nicht missen. Sie haben mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Neben berechtigter Kritik an illegalen Sprühereien, wird Graffity inzwischen mehr und mehr als künstlerische Leistung anerkannt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Das liegt immer im Auge des Betrachters. Für viele Menschen ist Graffity einfach nur Besprühen irgendwelcher Flächen und wird als Sachbeschädigung bewertet. Ich erlebe das bis heute selbst, dass, wenn ich irgendwo legal eine Wand bemale, ich mir von vorbeilaufenden Leuten so Sachen anhören muss: „Du Schmierfink“, „Arschloch“! Aber immer öfter rutscht Graffity in ein ganz anderes Spektrum, weil es inzwischen mehr ist, als nur Buchstaben auf S-Bahnen oder Wände zu sprühen. Immer mehr Sprüher probieren sich mit anderen Motiven aus. Das tue ich auch, durch Porträts, Farben, Formen und andere Techniken. Man kann mit diesen Dosen so viel Unterschiedliches machen, deshalb begeistert es mittlerweile auch viel mehr Menschen. Sie sind dafür offener geworden und die Graffityszene verkörpert längst nicht mehr nur den 16-jährigen Gangsterjungen, der Baggy Hosen und seine Mütze verkehrt herumträgt. Wir sind alles junge Erwachsene teils schon mit eigener Familie, sind höflich, zuvorkommend und betreiben halt Kunst, aber im Außenbereich und mit der Dose.

Inwieweit hat sich Ihre Motivation für diese Kunstform verändert. Am Anfang wollten Sie auffallen, herausstechen. Was ist es heute, das Sie antreibt? Geht es um bestimmte Botschaften?

Heute lodert nicht mehr das Feuer des Batman in mir. Ich habe einfach gemerkt, dass ich die Menschen wirklich erreichen kann. Für mich ist es wahnsinnig spannend zu erleben, wie ich mein Leben mit der Kunst reflektiere. Und die Menschen interessieren sich dafür, finden es gut, feiern mich und wollen noch mehr darüber wissen. Das empfinde ich als eine Riesenehre und es macht mir eine wahnsinnige Freude den Menschen nahezubringen, was ich tue. Natürlich freut es mich auch, wenn ich damit auch ein bisschen Geld verdienen kann, doch wichtiger ist mir, dass es die Menschen berührt, worüber ich mir Gedanken mache, wie ich mit Niederlagen umgehe und wofür ich mir – mit Verlaub gesagt – den Arsch aufreiße. Ich bin einfach nur wahnsinnig glücklich, denn ich hätte nie gedacht, dass sich in meinem Leben die Menschen überhaupt einmal für mich interessieren.

Spüren sie eine Unterstützung der Stadt oder Region für die Graffity-Szene oder begegnet Ihnen eher Ablehnung?

Das variiert durchaus. Ich hatte schon gemeinsam mit einem Kollegen Aufträge der Stadt Benningen für ganze Unterführungen, aber da sind einem natürlich Fesseln angelegt insofern, dass Benningen als Römerstadt uns die Römer-Motive kombiniert mit Blümchen und Vögelchen vorgab. Wenn man mit einer Stadt zu tun hat, dann geht es meistens um eine reine Dienstleistung, alles andere ist richtig schwierig und hoch bürokratisch. Sie kommen einem zwar schon entgegen, wenn man ein gewisses Auftreten, Benehmen und auch etwas zu sagen hat, aber es ist nicht einfach.

Wenn man das Hobby zum Beruf macht, kann man dann als Streetart-Künstler tatsächlich seinen Lebensunterhalt damit verdienen?

Wenn es so weitergeht, wie es bei mir gerade anläuft, bin ich sehr zufrieden und kann davon problemlos leben.

Wovon haben Sie bisher gelebt?

Ich arbeite im Auftrag der AWO in der Inklusionsklasse einer Ludwigsburger Grundschule als Schulbegleiter für ein autistisches Kind und helfe ihm bei den täglichen schulischen Abläufen. Ich bin mit im Unterricht, bin Ansprechperson für das Kind und für die Lehrer. Diese Aufgabe finde ich sehr spannend und ich bin froh, dass ich an diese Aufgabe herangegangen bin, ohne vorher dicke Wälzer über Autismus zu lesen. Ich habe alles auf mich zukommen lassen und behandele dieses Kind so, wie es ist. Es darf mit allem auf mich zukommen, wann immer es mich braucht und das funktioniert sehr gut.

Beeinflusst Sie diese Erfahrung auch in Ihrem künstlerischen Wirken?

Es beeinflusst mich nicht bewusst. Es ist eher so, dass mir spontan ein Motiv einfällt, das ich dann entsprechend umsetze. Wenn ich dieses Bild dann einige Zeit später betrachte und darüber nachdenke, dann fällt mir auf: „Ach ja, jetzt ist mir alles klar. das war doch zu dem Zeitpunkt als ich in der Grundschule angefangen habe oder als dieses oder jenes in der Schule passiert ist.“ Im Moment des Malens kann ich es nicht nachvollziehen, da mache ich einfach nur intuitiv mein Ding.

Wo soll die Reise hingehen?

In den Louvre nach Paris. (lacht) Nein, Spaß beiseite. Ich versuche in Etappen zu denken, um einmal so viel Geld zu verdienen, dass ich einfach sagen kann: „Hey Leute, ich brauche neue Einflüsse, neue Inspiration und bin jetzt mal für eine Woche in Rom, mach’s Handy aus und werde nur zeichnen.“ Genug Geld zu verdienen, dass ich diese Freiheit habe, wäre für mich das Größte, mein absoluter Traum.

Stichwort Banksy, ist das derzeit der angesagteste Streetart-Künstler?

In der Szene ist er es definitiv nicht, auch nicht für mich, obwohl ich ein riesiger Fan von ihm bin. Ich finde es echt geil, was er macht, aber ich habe auch ganz andere Künstler auf meiner Liste, die sind in meinen Augen mindestens genauso gut, wenn nicht sogar besser.

Sind Sie ihm schon einmal begegnet?

Nein, bislang nicht, obwohl ich schon zweimal in London war und dort auch gemalt habe. Aber da ich nicht wusste, wie er aussieht und mein Englisch zum damaligen Zeitpunkt so schlecht war, hätte ich es noch nicht einmal geblickt, wenn er sich mir vorgestellt hätte.

Bansky hat es geschafft, der hängt in den Museen und kann die Kunstszene verarschen, die Obersten der Obersten. Der Typ hat es wirklich geschafft. Ich habe mir auch schon mal überlegt, mal einen Gag oder was ganz Provokantes zu machen, beispielsweise eine schlichte schwarze Leinwand mit einem Phallus drauf. Jeder würde wie wild interpretieren, bis hin zum Gendering, alle Zeitungen würden berichten. Doch dafür musst Du den Namen und auch die nötigen Eier haben. Wenn ich den Namen habe, dann reißen sich die Leute darum, habe ich den Namen nicht, zerreißen sie mich. Deshalb habe ich das auf meiner Liste mal weit nach hinten geschoben.

Welche Themen möchten Sie als nächstes angehen?

Ich bleibe bei Porträt, das hat sich für mich bislang am besten bewährt.

Haben sie Vorbilder?

Aus der Kunstszene gibt es nicht eine bestimmte Person als Vorbild, es ist ein bunter Mischmasch an Künstlern, mit denen ich mich beschäftigt habe oder beschäftige. Das fing an mit einer Biografie über Picasso, die ich mir mit großem Interesse reingezogen habe, dann kam van Gogh, dann Hundertwasser, Kandinsky, Franz Marc und wie sie alle heißen. Wenn man dann rückblickend meine Bilder anschaut, sieht man genau, wann ich mich mit welchem Künstler beschäftigt habe. Ich habe nie abgemalt, sondern mir in der jeweiligen Phase selbst Skizzen angefertigt und überlegt, wie ich etwas anders malen könnte. Aber davon löse ich mich gerade. Ich will jetzt eher meinen ganz eigenen Stil malen, weil ich merke, dass das den Leuten sehr gut gefällt.

Noch werden Sie aber auf der Straße nicht erkannt als der Künstler Fosi, das verhindert eine Maske.

Richtig, und das ist gut, denn ich will nicht alles von mir preisgeben. Ich möchte nicht, dass die Leute wissen, wer ich bin. Nicht wegen Graffity und möglicher illegaler Aktionen, die ich gar nicht mache, sondern ich will erstmal für mich bleiben, meine Ruhe haben. Da ich meinen Namen nicht geändert habe, weiß ich leider auch nicht, wem ich eventuell in der Vergangenheit auf die Füße getreten bin. Sollte es einen überambitionierten Polizisten geben, der aus meiner illegalen Graffitiy-Zeit noch eine Akte von mir hat und mir noch gerne einen mitgeben möchte, dann ist es mir doch lieber, wenn ich mir aussuchen kann, wem ich mich zeige und vertraue. Ich möchte Familie und Privatleben gerne privat halten auch im Hinblick darauf, dass ich vielleicht noch erfolgreicher werden könnte.

Aber es ist doch normal, dass man wissen will, welcher Mensch hinter dem Kunstwerk steckt.

Die Leute bekommen doch schrittweise kleine Bruchstücke von mir mit, aber im Endeffekt muss man als Künstler ein Stück weit spannend und geheimnisvoll bleiben. Außerdem finde ich es extrem faszinierend, wenn ich unerkannt dabeistehe und höre, was die Leute in meine Bilder interpretieren. Das sind immer witzige Momente, das finde ich richtig geil. Ich nehme auf, was sie so sagen und mache mir daraufhin dazu selbst meine Gedanken, was ich mir bei der Entstehung eines Bildes eigentlich gedacht habe und schreibe das dann auf. Deshalb gibt es zu einigen meiner Bilder auf dem Rücken der Leinwand auch kurze Texte, die meine Reflexionen festhalten. Dieser Prozess ist ebenfalls ein Ansporn für meine künstlerische Arbeit.

Angenommen, morgen würde der OB Knecht anrufen und sagen: „Fosi, Du hast freie Hand, such Dir ein Objekt aus und mach was draus…

Da wüsste ich sofort, welches Gebäude ich nehme. Das hässlichste Stadtbild ist das Hochhaus vom Marstall-Center. Da würde ich von oben bis unten alle vier Seiten komplett bunt gestalten. Daraus würde ich ein riesiges Kunstobjekt mitten in Ludwigsburg machen. Das wär’s!

Haben Sie zum Abschluss noch eine Botschaft an die Leser?

Meine Botschaft richtet sich an alle, die malen: „Gib niemals Deinen Traum auf, malt auf jeden Fall immer weiter, egal, was passiert und was andere dazu sagen. Einfach immer weitermachen. Und: Regeln und Gesetze muss man manchmal auch brechen, wenn man wirklich für etwas brennt.“

Fosi, wir danken Ihnen für das Gespräch! 

„Ich bin, wie ich bin“ – Ludwigsburg24 trifft Renate Schmetz

Im Mai folgte Renate Schmetz ihrem Vorgänger Konrad Seigfried ins Amt der Ersten Bürgermeisterin der Stadt Ludwigsburg. Wie die 52-jährige gebürtige Rheinländerin sich inzwischen in ihrem neuen Job eingelebt hat, warum sie meditiert und wo sie schwach wird und ihr Portemonnaie zückt, erzählt sie in einem fröhlichen Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Seit Mai sind Sie Erste Bürgermeisterin in Ludwigsburg. Sind Sie nach sechs Monaten komplett im neuen Amt angekommen?

Es gibt durchaus Themenbereiche, die mir erst noch begegnen werden. Es gibt einen Jahreskreis der Arbeitsprozesse und da hatte ich bis jetzt noch nicht mit jedem zu tun. Aber in der Tiefe der mir begegneten Themen bin ich drin und es macht großen Spaß. Der Job ist arbeitsintensiv, was mir sehr liegt.

Wer hat Ihnen denn ins Ohr geflüstert, dass Sie sich auf den Posten bewerben sollen?

(lacht herzlich) Ehrlich gesagt, bin ich jemand, der sich selbst bewirbt. Aber: „Mensch, Renate, mach das doch“, hat man mir schon vor Jahrzehnten ans Herz gelegt. Mir wurde immer wieder gesagt, das Amt einer Bürgermeisterin könnte mir gut stehen. Damals habe ich das immer abgetan. Als ich Leiterin des Fachbereichs Bildung und Familie geworden war, habe ich mir dann irgendwann die Frage gestellt: Gehe ich damit in Rente oder gibt es nochmal eine Veränderung?

Sie haben also die Veränderung gewählt…

Mir war klar, dass der Erste Bürgermeister Konrad Seigfried eines Tages seine Amtszeit hier beendet und das gärte dann schon in mir. Jedoch habe ich die Reflexion gesucht im Kollegen- und auch Freundeskreis. Ich wollte sicher sein, dass das Amt wirklich passt und ich mir nicht etwas anmaße. Erfreulicherweise wurde ich in meinem Vorhaben von allen bestätigt, weshalb ich mich beworben habe.

Eine solche Bewerbung ist öffentlich. Ist sie erfolgreich, ist alles gut. Wird man nicht gewählt, bekommt es jeder mit. Wären Sie bei einer Niederlage in Ihrer alten Position im Rathaus geblieben?

Die Niederlage hätte mich natürlich geschmerzt, alles andere wäre gelogen. Ob ich als Fachbereichsleiterin geblieben wäre, wäre davon abhängig gewesen, wer denn mein neuer Erster Bürgermeister oder meine neue Erste Bürgermeisterin geworden und wie er oder sie mit mir umgegangen wäre. Allein das Miteinander wäre ausschlaggebend gewesen, unabhängig davon, ob mein neuer Chef ein Mann oder eine Frau geworden wäre.

Mein Job, den ich hatte, der war toll und passte sehr gut zu mir, also hätte ich ihn auch jederzeit weitermachen können. Der Bereich ist breit aufgestellt, die Thematik beherrsche ich fachlich und persönlich wie aus dem Effeff. Außerdem bringt der Job auch immer wieder neue Herausforderungen, da sich die Gesellschaft weiterentwickelt und so automatisch neue Themen in diesen Sektor hereinströmen.

Sie sind sehr deutlich mit 33 Ja-Stimmen bei drei Enthaltungen gewählt worden. Fühlen Sie sich da bestätigt?

Ich fühle mich sehr geehrt, dass der Gemeinderat sich so deutlich zu mir bekannt hat. Ich habe mich immerhin gegen 30 Gegenbewerbungen durchsetzen können, auch wenn ich am Ende die Einzige war, die sich im Gemeinderat zur Wahl stellen konnte. Eine Enthaltung bedeutet nicht gleich Gegenstimme. Es ist wirklich eine große Ehre, vom Gemeinderat einen solchen Rückenwind zu erhalten und zu wissen, dass ich für sie die richtige Frau auf dieser Stelle bin.

Die Erwartungshaltung der einzelnen Fraktionen ist sicherlich sehr hoch. Lastet dadurch ein gewisser Druck auf Ihnen?

Unter Druck gesetzt wird man bei einzelnen Themen, wie beispielsweise bei den Luftfiltern. Die Elternschaft, Teile des Gemeinderats, die Presse, alle greifen dieses Thema aus ihrer Perspektive auf und wir im Rathaus eben aus unserer Perspektive. Selbstverständlich sind da unterschiedliche Positionen und man kann auch andere Beschlüsse fassen als die, die ich vielleicht empfehle. Mir ist dabei nur wichtig, dass man dabei stets menschlich miteinander umgeht und ein Sachthema nicht personalisiert.

Ist Ihnen das schon passiert, dass es bei Sachthemen ins Persönliche ging?

Im Zwischengespräch passiert das immer wieder, aber ich glaube, ich habe bisher immer gut vermitteln können, dass man das Ganze wieder auf die Sachebene hebt. Bislang konnte ich jedenfalls mit starkem Gegenwind ganz gut umgehen. Die Leute haben auch eher Respekt, wenn ich hinstehe und meine Position vertrete, auch wenn es manches Mal emotional durchaus stressig ist, statt mich der Situation komplett zu entziehen.

Sie sind also selbstbewusst und resolut…

Als selbstbewusst und selbstsicher würde ich es eher bezeichnen. Ob resolut der richtige Begriff ist, weiß ich nicht. Da steckt für mich so ein unbedingter Durchsetzungswille mit drin nach dem Motto: Alles andere ist mir egal. Das ist es mir ja eben nicht.

Mit Ihrer Bewerbung wussten Sie, was auf Sie zukommt. Haben Sie sich Ihre ersten sechs Monate trotzdem so vorgestellt?

Ja, im Großen und Ganzen habe ich es mir so vorgestellt, was die Arbeitsbelastung und die Themenfelder angeht. Aber bei einigen Themen habe ich nicht gedacht, dass ich so in die Tiefe gehen muss. Nehmen wir nur das Thema Feuerwehr. Natürlich war klar, dass der Brandschutzbedarfsplan kommt, mit dem ich mich inhaltlich auseinandersetzen muss. Aber durch den Weggang des Kommandanten muss ich jetzt noch tiefer in die Thematik einsteigen bis hin zum organisatorischen Aufbau. Damit hatte ich so nicht gerechnet.

Das Dezernat II ist sehr umfangreich, wie behält man da den Überblick?

Mein großes Glück ist, dass ich aus dieser Verwaltung komme und zudem die Leiterin des größten Fachbereichs war, deshalb bin ich von der Masse dieses Dezernates nicht so erschlagen wie es vielleicht jemand wäre, der von außen kommt. Von den 1.100 Personen, die im Dezernat arbeiten, waren 800 bereits vorher schon bei mir im Fachbereich angesiedelt. Der Rest ist verteilt auf die anderen Aufgabenfelder. Aber die Breite ist natürlich enorm – von den Bürgerdiensten wie Standesamt und Ausländeramt über Feuerwehr hin zu Themen wie Sport, Gleichstellung, Gesundheit, Bildung, Integration und Migration und andere soziale Bereiche. Also alles, was in dieser Stadt mit den Menschen zu tun hat, ist in diesem Dezernat angesiedelt.

Sie müssen thematisch trotz eigener Wünsche und Visionen Prioritäten setzen. Wie sehen die aus?

Die wichtigsten Themen für mich sind natürlich die Themen der Chancengleichheit. Das eint alle Fachbereiche, denn die Chancengleichheit muss sehr facettenreich bedacht werden. Armutsbekämpfung ist da nur ein wichtiger Punkt. Wie gehen wir hier mit unseren Armen um? Wie sieht das eigentlich mit der Wohnungssituation aus, für die ich ja direkt eigentlich gar nicht zuständig bin. Aber indirekt, so finde ich, muss ich die Mahnerin sein, die immer und immer und immer wieder sagt: „Hey, wir müssen nicht nur für die mittleren und höheren Einkommen den Wohnraum schaffen. Wir müssen uns auch fragen, was wir mit den unteren Einkommen und den Armen machen.“ Das zeigt sich auch gerade jetzt in der Pandemie in Bezug auf die Gesundheit, denn Familien in beengten Wohnräumen sind besonders von Corona betroffen. Solche Dinge in der Bildungs- und Soziallandschaft zu sehen und zu benennen, um Abhilfe zu schaffen, dafür braucht es unbedingt die unterschiedlichen Fachbereiche.

Die Zahl der fehlenden Wohnräume liegt mindestens bei 1.800, wenn nicht sogar höher. Ursprünglich war das Ziel, jährlich 500 neue Wohnungen zu bauen, was aber anscheinend so nicht funktioniert. Können Sie dazu etwas sagen?

Die Vermehrung von Wohnräumen ist ein sehr komplexes Thema. Momentan suche ich überall das Gespräch – mit Andrea Schwarz als zuständige Baubürgermeisterin und mit OB Dr. Matthias Knecht als Aufsichtsratsvorsitzender der WBL. Ich sitze selbst im Aufsichtsrat und kann als Mahnerin und Treiberin dieser Problematik immer wieder dabei sein. Ebenso spreche ich mit Geschäftsführer Andreas Veit von der Ludwigsburger Wohnungsbau über deren Ausrichtung. Ich würde mir wünschen, dass wir in unserer Wohnungspolitik den Durchschnittswert von 500 Wohnungen jährlich schaffen, aber in meinen elf Jahren in Ludwigsburg habe ich zum Thema Menge an neuem Wohnraum schon viele Aussagen gehört, so dass ich keine Zahl nennen möchte. Wir bräuchten jährlich 350 neue Wohnungen, nur um allein den Mehrbedarf der Ludwigsburger zu halten. Da ist ein Zuzug von außen noch gar nicht mitgerechnet. Die Frage ist doch, nach welchen Konzepten wir künftig bauen und wie wir da eine Effizienz reinkriegen, den Bestand sichern, vor allem für die unteren Einkommen und die Armen, damit ein Quadratmeter statt 8 Euro nicht plötzlich 15 Euro kostet, da das Bauen tatsächlich stetig teurer wird. Leider habe ich für das Problem noch keine Lösung gefunden, denn wir dürfen ja auch unseren städtischen Haushalt nicht überfordern, da wir momentan zusätzlich noch in einer wirtschaftlichen Schieflage stecken.

Hat Ihnen das eine oder andere aufgetretene Problem in den letzten sechs Monaten bereits schlaflose Nächte bereitet?

Schlaflose Nächte hatte ich noch nicht, aber ich führe nachts gedanklich durchaus das ein oder andere Gespräch weiter, weil es mich dann doch tiefer bewegt. Ich bin mit Herz und Seele in meinen Aufgaben, deswegen schüttele ich die Arbeit nicht einfach an der Wohnungstür ab.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie in der jetzigen Situation über sich hinauswachsen, ihre eigenen Grenzen überschreiten?

Im Sinne einer Weiterentwicklung hoffe ich das schon. Alles andere fände ich jetzt komisch. Und mir ist auch bewusst, dass ich gemeinsam mit OB Knecht und meinen beiden Bürgermeister-KollegInnen in vorderster Linie stehe. Das bedeutet, dass ich für alles, was anfällt auch gerade stehe – gegenüber der Öffentlichkeit, gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern, der Presse und auch gegenüber dem Gemeinderat. Das ist schon noch mal etwas, von dem ich glaube, dass es die Persönlichkeit verändert. Es würde mich jetzt wundern, wenn nicht.

Hat sich Ihr Leben durch das neue Amt verändert?

Ja, inhaltlich ist es mehr geworden und es hat sich insofern verändert, dass ich mehr in der Repräsentation tätig bin, was noch mehr Abend- und Wochenendtermine bedeutet.

Fällt Ihnen das Repräsentieren schwer?

Nein, überhaupt nicht. Es macht mir Spaß, weil ich auch gerne mal die Bühne betrete. Von daher tue ich mich nicht sehr schwer damit, in einer exponierten Stellung ein Grußwort oder einen Vortrag zu halten. Das habe ich zwar vorher schon nebenher in meiner vorangegangenen Funktion als Fachbereichsleiterin getan, aber jetzt ist das eben richtig und regelmäßig integriert in meinen Beruf.

Wenn eine Frau im Fokus der Öffentlichkeit steht, wird von ihr erwartet, dass sie jederzeit vom Scheitel bis zur Sohle top gestylt ist. Spüren Sie diese Erwartungshaltung und wie gehen Sie mit ihr um?

Ja, wir sollen schick sein, das wird erwartet. Aber ich empfinde es eigentlich so, dass Frauen freier sind in der Gestaltung als Männer. Männer müssen, wenn sie in einer Funktion wie meiner sind, in der Regel einen Anzug tragen. Und wenn sie mal sehr leger sind, lassen sie lediglich die Krawatte weg. Mit Jeans und T-Shirt kämen sie eher nicht ins Büro. Wir Frauen dürfen in einer solchen Position schon kreativer sein. Wir können entscheiden, ob wir ein Kleid, einen Blazer oder einen Pulli tragen.

Haben Sie also Ihren Kleiderschrank seit Mai aufgerüstet?

Aufgerüstet habe ich ihn nicht, aber umgerüstet durchaus.

Wie würden Sie Ihren Stil bezeichnen, worin fühlen Sie sich wohl?

Mein Stil ist bezogen auf den Anlass. Wenn ich in die offene Jugendarbeit gehe, mit Kindern einen Termin auf dem Bauspielplatz habe, dann kann ich dort nicht im Kostüm auftauchen. Das ist nicht mein Stil. Natürlich achte ich darauf, dass ich einen gewissen Chic habe, aber ich gehe dann trotzdem mit Turnschuhen hin und habe eine Hose mit Blazer oder einer Strickjacke an als Kombination. Bei einem feierlichen Anlass wie beispielsweise die Bürgermedaillenverleihung erscheine ich selbstverständlich im schicken Kleidchen oder Kostüm, damit der Anlass entsprechend gewürdigt wird.

Haben Sie denn das Gefühl, dass man besonders auf Ihr Erscheinungsbild von Kleidung über Frisur bis hin zu den passenden Schuhen und Handtasche schaut, so, wie man es anfangs ganz extrem bei Kanzlerin Merkel gemacht hat?

Vielleicht machen es einzelne Personen, aber ich achte da nicht so drauf, weil ich der Meinung bin: Ich bin, wie ich bin. Ich bin auch ein bisschen fülliger, was auch mancher nicht so ganz adäquat findet, weil er oder sie der Meinung ist, man müsste eine schlanke Linie haben. Aber das bin ich nicht. Die Leute müssen mich so nehmen, wie ich bin.

Sie tragen ein Kreuz an der Halskette. Sind Sie ein frommer Mensch?

Ich gehöre keiner Religionsgemeinschaft an, aber tatsächlich glaube ich an so etwas wie Gott. Deshalb passt das Kreuz an der Kette schon.

Was hat die Rheinländerin Schmetz ausgerechnet ins Schwabenland verschlagen?

Die Liebe war schuld. Ich hatte mich in einen Ingenieur verliebt, der in Aachen studiert hat. Ingenieure finden im Stuttgarter Umfeld nun mal ganz viele Jobs, ich folgte ihm. Das war im Jahr 2000. Die Liebe ging, meine Arbeit blieb. Und ich blieb auch, denn ich bin hier absolut heimisch geworden, auch wenn es anfangs für mich von der Kultur her eine Umstellung war. Der Rheinländer wacht morgens auf und überlegt zuerst: „Was mache ich abends?“ Der Schwabe dagegen überlegt zuerst: „Was habe ich heute zu tun?“ Das sind einfach zwei verschiedene Welten.

Vermissen Sie das Rheinland?

Ich bin Rheinländerin durch und durch. Deshalb bin ich in Stuttgart auch in einen Verein, der sich die Reingeschmeckten nennt, gegangen, da trifft man sich monatlich zu einem Stammtisch. Den Dialekt der Heimat gelegentlich zu hören, hilft gegen Heimweh enorm. Für mich ist ganz, ganz wichtig, in der Karnevalszeit nach Hause zu fahren. An Weihnachten arbeite ich gerne, aber an Karneval muss ich nach Hause.

Was mögen Sie am Schwabenland?

Vor allem die schwäbische Küche hat es mir angetan. Linsen mit Spätzle finde ich richtig klasse, ebenso Zwiebelrostbraten.

Freuen Sie sich auch schon auf den Ludwigsburger Weihnachtsmarkt?

Oh ja, auf den Weihnachtsmarkt freue ich mich sogar sehr. Er ist so stilvoll.  Man findet hier noch Kleinkunst und Kleinhandwerk und, was mir besonders gefällt, viele Stände, die aus dem sozialen Bereich sind. Ich liebe den Ludwigsburger Weihnachtsmarkt und werde selten so oft besucht wie in dieser Zeit.

Bevor Sie nach Ludwigsburg kamen, haben Sie in Backnang gearbeitet.

Ja, dort habe ich 2000 als Jugendförderin angefangen und unter OB Frank Nopper bin ich dann Amtsleiterin geworden. Mit ihm habe ich heute noch Kontakt, wir rufen uns gegenseitig immer mal wieder an. Er ist mir ein vertrauter Ratgeber geblieben. Seine Mutter ist auch Rheinländerin, ich glaube, er mag die etwas kecke, rheinische Mentalität.

Wie tanken Sie für den täglichen Stress Kraft auf?

Wichtig sind mir meine Freunde, beispielsweise meine Freundin aus Aachen und meine Familie, vor allem meine Brüder. Ich telefoniere viel, da viele meiner Freunde nicht in meinem näheren Umfeld wohnen, auch meine Verwandtschaft lebt noch im Rheinland. Während der Woche meditiere ich fast täglich zum Runterkommen, aber auch, damit ich für mich Klarheit habe bei den anfallenden Herausforderungen im Job. Eine Meditation bringt mich in Distanz zum Thema. Da ich vom Typ her schon ein etwas emotionaler Mensch bin, ist es manchmal sinnvoll, wenn ich dann abends ein bisschen vom Thema Abstand gewinne und mir in Ruhe anschaue, was denn jetzt wirklich gefragt ist.

Welche Hobbies haben Sie?

Ich singe sehr gerne, mache mit Freunden Musik, was mich sehr erfüllt. Und ich male sehr gerne Mandalas.

Singen Sie im Chor?

Früher habe ich als Mezzosopran im Chor gesungen, das mache ich inzwischen nicht mehr. Ich habe mich schon gelegentlich gerne mit Matze Rother vom Café 612 zusammengesetzt und Musik-Kabarett gemacht und wir hatten sogar schon in kleineren, teils familiären Kreisen einige Auftritte. Matze schreibt die Songs alle selbst, die gehen dann in Richtung Liedermacher, Schlager- oder Countrystyle.

Wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen, was gönnen Sie sich?

Ein schöner Abend mit Freunden ist für mich einfach ein Wohlgenuss. Dazu gehört ungestört Quatschen, gemeinsames Essen oder auch Kochen. Ein ausgiebiges Bad ist gelegentlich auch etwas, um mir was Gutes zu tun.

Wofür geben Sie Geld aus?

Am ehesten für Klamotten, da bin ich wohl typisch weiblich. An einem schönen Kleidungsstück vorbeizugehen, ist schon schwierig. Ansonsten gebe ich Geld für Kulturveranstaltungen aus, denn ich liebe Konzerte – von der Klassik, z.B. die Schlossfestspiele, über die Konzerte von Dieter Thomas Kuhn, da erscheine ich dann im Flower-Power-Look der 70er, bis hin zu Rock- oder Metallkonzerten. Musikalisch bin ich total breit aufgestellt.

Wie verbringen Sie Ihre Urlaube?

Am liebsten verbringe ich den Urlaub zuhause, denn meine Wohnung muss ja auch mal abgewohnt werden. Und wenn ich verreise, dann sind es kurze Trips von höchstens einer Woche und am liebsten zusammen mit Freunden. Mehrfach im Jahr besuche ich die alte Heimat, denn ein Bruder wohnt nahe Krefeld, der andere in Düren und ganz enge Freunde in Aachen.

Was bevorzugen sie bei Ihren Trips – Stadt oder Natur?

Da bin ich nicht festgelegt, mal so und mal so.

Berge oder Meer?

Immer ans Meer, da bin ich total festgelegt.

Wenn Sie eines Tages in Pension gehen, wo werden Sie leben – Krefeld oder Ludwigsburg?

Auf jeden Fall bleibe ich hier in Ludwigsburg. Wenn ich verwurzelt bin, bin ich verwurzelt. Es war zwar anfangs schwierig, vom Rheinland ins Schwabenland zu kommen, aber jetzt nochmal zurück, nein, das kommt nicht infrage. Das Rad hat sich doch weitergedreht und mein Netzwerk von damals ist bis auf die vorhin genannten Menschen doch so gar nicht mehr da. Meine Wurzeln sind jetzt hier.

Sie würden also auch nicht mehr für eine neue Liebe umziehen?

Wenn, dann hätte ich nichts dagegen, wenn die Liebe umzieht für mich.

Frau Schmetz, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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