Frank Nopper: „Stuttgart muss der leuchtende Stern des deutschen Südens sein“

 Von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Der Terminkalender bis zur Oberbürgermeisterwahl in Stuttgart am 8. November ist prall gefüllt bei Frank Nopper. Der Noch-OB von Backnang und CDU-Kandidat fürs Rennen um den Rathaussessel gibt alles für den Sieg. Dabei legt der agile 59-Jährige nicht allein ein hohes Tempo vor. Unterstützt wird der studierte Jurist von seiner Ehefrau Gudrun, 51, einer gelernten Wirtschaftskorrespondentin, und den Söhnen Carl, 22, und Franz-Ferdinand, 18. „Die Jungs unterstützen ihren Vater freiwillig und mit großem Spaß an der Sache“, verrät Gudrun Nopper mit Stolz beim Familieninterview in Stuttgart. „Franz kümmert sich um Social Media und Carl, der extra dafür ein Semester mit seinem Jura-Studium pausiert, fährt seinen Vater im E-Auto zu den Terminen.“ Dabei achten die Söhne pingelig darauf, dass der Vater sich zeitlich nicht verzettelt, sondern pünktlich zum nächsten Termin aufbricht. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 stellte sich die Familie geschlossen und bestens gelaunt unseren Fragen.

 

Herr Dr. Nopper, Sie sind seit 2002 Oberbürgermeister in Backnang und absolvieren gerade Ihre dritte Amtszeit. Sie könnten dort gemütlich alt werden. Warum zieht es Sie jetzt in die Großstadt Stuttgart?

Stuttgart ist meine Geburts- und Heimatstadt, deswegen empfinde ich es als ganz besondere Herausforderung und Verpflichtung, hier anzutreten.

In Stuttgart mit über 600.000 Einwohnern weht jedoch nochmals ein ganz anderer Wind als in Backnang mit knapp 40.000 Bürgern.

Das ist natürlich eine riesige Herausforderung und Aufgabe für jeden, der in dieses Amt kommt. Mich hat übrigens in meinem Leben nie das Bequeme und Einfache gereizt, sondern immer das Herausfordernde. Das war schon so, als ich meine Doktorarbeit zum Thema Finanzverfassungsrecht geschrieben habe. Da sagten viele zu mir: „Das ist eines der schwersten Themen.“ Darauf habe ich geantwortet: „Dann ist es genau das richtige!“

Sie sind also bereit, demnächst eine riesige Last zu tragen?

Erstens trage ich sie nur, wenn ich auch gewählt werde, aber ich bin bereit dazu. Und vor allem ist das Amt des Oberbürgermeisters in Stuttgart doch eine großartige Aufgabe mit enormen Gestaltungsmöglichkeiten! Das ist nicht der Weg des geringsten Widerstands und das ist auch nicht jedermanns Sache. Es gibt durchaus Kollegen, die während ihrer dritten Amtszeit sagen, jetzt genieße ich das. Es gibt auch Menschen, die mit 59 Jahren sagen würden, ich ziehe mich ins Privatleben zurück. Der Typ bin ich aber nicht.

Wie lange haben Sie überlegt, ob Sie antreten werden?

Gar nicht, das war mir sofort klar, dass ich das mache. Ich hätte es nicht für eine andere Stadt gemacht, nur für Stuttgart. Ich bin Stuttgart so nah, habe nie den Kontakt hierhin verloren. Meine mittlerweile 90-jährige Mutter habe ich fast jedes Wochenende besucht, mein Bruder ist Mitglied des Gemeinderats in Stuttgart, mein verstorbener Vater war hier Stadtrat, meine beiden Söhne sind hier zur Schule gegangen. Mein Urgroßvater war Stadtschultheiß im damals noch selbständigen Cannstatt, mein anderer Urgroßvater hat 1816 die spätere Eisenwarenhandlung Zahn & Nopper gegründet, im Stuthaus direkt neben der Stiftskirche. Meine Stuttgarter Wurzeln sind kilometertief. Auch deswegen stelle ich mich der Herausforderung und Verantwortung.

Sie haben bislang jede OB-Wahl und auch jede Kreistags- und Regionalwahl sehr souverän gewonnen. Sind Sie ein Siegertyp?

Bisher war ich es und ich hoffe natürlich, dass ich es bleibe.

Ihr Vater hat 1966 gegen Arnulf Klett bei der OB-Wahl verloren. Ist das für Sie Antrieb, es jetzt selbst besser zu machen?

Vielleicht spielt dieser Gedanke ein klein bisschen mit rein, aber man kann das nicht vergleichen. Mein Vater ist unter ganz anderen Bedingungen ins Rennen gegangen. Er war erst 43 Jahre alt, kam aus dem freien Beruf des Rechtsanwaltes und nicht aus einer OB-Position in einer Kreisstadt. Er hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Erfahrung in der Kommunalverwaltung und in der Kommunalpolitik. Und er ist zudem auch noch gegen den Amtsinhaber angetreten.

Für Sie spricht sicher Ihre langjährige Erfahrung, Ihr Alter könnte jedoch ein Nachteil sein.

Nein, denn im Vergleich zu unserem Ministerpräsidenten bin ich – mit Verlaub – noch ein Jüngling.

Frau Nopper, waren Sie mit seiner Kandidatur sofort einverstanden?

Ich wollte damals zunächst nicht mit nach Backnang und bin jetzt sehr gerne in Backnang. Ich sage mir immer: Man muss halt das Beste draus machen im Leben. Wir sind schließlich eine Familie und wenn das der Herzenswunsch meines Mannes ist, dann stehe ich unterstützend hinter ihm.

Sie haben sich in Backnang sehr stark ehrenamtlich eingebracht. Würden Sie das in Stuttgart ebenfalls tun?

In Backnang habe ich einen Verein gegründet, der Kinder im Bildungsbereich unterstützt u.a. mit Englisch im Kindergarten, mit Lesepaten, mit der Kinder-Uni Plus und dem Forscherteam, wo besonders begabte Kinder thematisch richtig in die Tiefe gehen können und gefördert werden. Ich habe sogar für Backnang ein eigenes Wimmelbuch kreiert, das vor allem für Kinder mit Migrationshintergrund sehr hílfreich ist. Für Stuttgart würde ich wieder etwas mit und für Kinder tun wollen. Ideen hätte ich genug und Arbeit gäbe es ausreichend.

Herr Nopper, was liegt Ihnen thematisch für Stuttgart besonders am Herzen?

Da gibt es gleich mehrere Tätigkeitsfelder, auf denen man dringend aktiv werden muss. Was mich besonders beschäftigt, ist, dass Stuttgart in den letzten Jahren ein Negativimage bekommen hat. Es ist das Image der Problemstadt, der Stillstandstadt, der Proteststadt, der Verbotsstadt, und seit den Ausschreitungen im Juni leider auch das Image der Krawallstadt. Wir müssen mit vereinten Kräften dafür sorgen, dass Stuttgart wieder mehr leuchtet in der Region, in Deutschland und in Europa. Stuttgart muss der leuchtende Stern des deutschen Südens sein – mindestens auf Augenhöhe mit München und Frankfurt am Main.

Das heißt also, dass Sie mit der Arbeit von OB Fritz Kuhn nicht zufrieden sind?

Ich gebe keine Bewertungen über die Arbeit von Fritz Kuhn ab, weil ich weder der Lehrer noch der Vorgesetzte von ihm bin.

Sollten Sie in Rathaus einziehen, wo werden Sie mit Ihrer Arbeit zuerst ansetzen?

Meine fünf Kernthemen lauten: Wir brauchen eine starke Wirtschaft und sichere Arbeitsplätze, gerade während und nach Corona. Wir brauchen eine sichere und eine saubere Stadt. Wichtig ist Mobilität für alle und wir müssen verhindern, dass die verschiedenen Verkehrsteilnehmer nicht länger in einem Konflikt miteinander stehen. Ebenso wichtig ist eine Sanierungs- und Digitalisierungsoffensive an den Schulen und wir brauchen deutlich mehr Wohnraum, mehr Mut und Ideen für mehr Wohnraum. Wohnen darf kein Luxus sein.

Wo sind denn Ihre Lösungsansätze für die Probleme?

Schauen wir uns mal den Einzelhandel in der Innenstadt an, der unter dem doppelten Druck des immer weiter wachsenden Online-Handels und von Corona steht. Wenn man jetzt auch noch das Auto mehr und mehr aus der Innenstadt verdrängt, dann werden wir mehr Geschäftsaufgaben bekommen als die, die durch die Strukturkrise unabwendbar sind. Deswegen würde es mit mir keinen Weg in eine völlig autofreie Innenstadt geben, weil ich ihn für falsch halte. Ältere Menschen und Mobilitätseingeschränkte, Dienstleister-, Liefer- und Handwerksverkehre, sie alle sind auf das Auto angewiesen. Auch die Anwohner in der Innenstadt wollen nicht alle auf das Auto verzichten. Und denken Sie auch an die Menschen, die mit dem PKW zum Einkaufen oder Feiern in die Innenstadt kommen, weil sie nicht zu später Stunde mit den öffentlichen Verkehrsmitteln wieder nach Hause wollen. Das Auto wird aber mittelfristig in der Innenstadt an Bedeutung verlieren, zu Gunsten von ÖPNV und Fahrrad

Gerade für unsere heimische Automobilwirtschaft und alles, was an ihr dranhängt, gilt, dass die Kommune infrastrukturelle Rahmenbedingungen auf Schiene und Straße setzen kann oder bei Glasfaser- und 5G-Anbindung. Über dies muss man eine aktive Standortpolitik betreiben und auch andere Unternehmen der Spitzentechnologie nach Stuttgart zu lotsen. Man kann Cluster und Vernetzungen bilden. Und ich glaube, dass die Atmosphäre einer Stadt ganz wichtig ist, dass die Wirtschaft sich willkommen fühlt und dass sie sich unterstützt fühlt. Gerade unsere Automobilwirtschaft müssen wir bei dem Innovations- und Transformationsprozess flankierend unterstützen – mit dem Rückenwind eines Heimspiels und nicht mit dem Gegenwind eines Auswärtsspiels.

Es würde mit Ihnen also einen Richtungswechsel geben?

Ja, insoweit, dass die Wirtschaft starke Beachtung finden würde. Wir sind in Zeiten, wo Wirtschaft nicht mehr von selbst funktioniert. Wir müssen ganz stark den Fokus auf das Florieren der Wirtschaft legen, dürfen aber deswegen trotzdem dabei nicht den Umwelt- und Klimaschutzgedanken aus dem Auge verlieren. Wir brauchen die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie, wir brauchen eine starke Wirtschaft und eine intakte Umwelt, sie bedingen sich wechselseitig.

Die Söhne drängeln und ermahnen den Vater, zum nächsten Termin aufzubrechen. Es geht in den Stuttgarter Westen. Eigentlich war Frank Nopper gerade so richtig in Erzähllaune, doch die Söhne achten streng auf den Zeitplan und der Vater fügt sich ohne Widerstand. Gudrun Nopper bleibt allein zurück und plaudert stellvertretend für Ihren Mann noch ein bisschen aus dem Familien- und Wahlkampf-Nähkästchen.

Frau Nopper, Ihr Einsatz und auch der Ihrer Jungs für den Vater ist enorm. Das spricht für ein funktionierendes Familienleben.

Ja, das stimmt. Wir halten alle zusammen und reden nicht nur von familiären Werten, sondern leben sie auch. Deshalb stehen wir auch alle hinter meinem Mann, jeder hat eine wichtige Aufgabe übernommen. Ich organisiere die großen Events und sorge durch die Spenderessen dafür, dass genügend Geld in die Wahlkampfkasse kommt. Das macht mir richtig Spaß. Carl fährt seinen Vater und Franz übernimmt vorwiegend die Social Media-Arbeit. Dazu kommt noch meine in der Medien Arbeit erfahrene Cousine, die die Pressearbeit übernommen hat. Müssten wir das alles in fremde Hände legen, würde das eine Unmenge an Geld kosten.

Wie und wo haben Sie Ihren Mann kennengelernt?

Das war 1995 beim Sommerfest der CDU-Gemeinderatsfraktion in Stuttgart. Seitdem sind wir zusammen. Geheiratet haben wir dann mit einer kleinen Feier im Stuttgarter Teehaus, das heute noch zu unseren Lieblingsplätzen gehört. Kurz nach der Geburt von Franz im Jahr 2001 begann dann schon der Wahlkampf in Backnang.

Was macht Frank Nopper als Ehemann und Partner aus?

Frank ist einfach super. Er hat unglaublich viel Energie, er ist unheimlich geduldig, ausgleichend, harmonisch. Ich kann mich auf ihn verlassen, habe noch keine Sekunde an ihm gezweifelt. Was er verspricht, das hält er.

Was für ein Vater ist er?

Als die Jungs klein waren, da war er jetzt nicht unbedingt der Schmuse- oder Rauf-Papa, der Supervater, der mit in die Wilhelma ist, Geschichten vorgelesen oder im Urlaub Sandburgen gebaut hat. Aber je älter unsere Söhne wurden, umso wichtiger wurde er für sie als Leitfigur, als Gesprächspartner, als Ratgeber. Dafür war er in vielen Sachen nachsichtiger, während ich strenger war.

Sind Sie der Chef daheim?

So würde ich meine Rolle nicht beschreiben. Ich bin diejenige, die dafür sorgt, dass der Rahmen stimmt, dass alles passt. Aber am Ende entscheiden wir schon zusammen.

Sind Sie Ratgeberin für Ihren Mann?

Schon, aber nicht in jeder Frage. Er sucht sich immer seine Leute für die unterschiedlichen Fragen heraus. Wissen Sie, wir sind ja auch sehr unterschiedlich. Er ist der rationale Kopf in unserer Beziehung, ich dagegen das Herz, manchmal der Bauch.

Womit machen Sie Ihrem Mann eine Freude?

Er freut sich sehr, wenn ich ihm einen schönen Pullover oder ein Buch kaufe. Aber am meisten schätzt er ein schönes, gemütliches Essen mit der Familie oder guten Freunden bei uns zu Hause.

Werden Sie bei einem Wahlsieg nach Stuttgart ziehen?

Im Stuttgarter Osten steht das Elternhaus meines Schwiegervaters. Das ist zwar derzeit noch vermietet, aber da würden wir dann langfristig einziehen.

Warum wäre Ihr Mann der Beste für Stuttgart?

Ich kenne niemanden auf der Welt, der etwas so kritisch prüfen kann und selbst den kleinsten Fehler im Getriebe findet, wie mein Mann. Er ist sehr analytisch, sehr erfahren, er hat bundesweit ein riesiges Netzwerk, er hat einen guten Kontakt nicht nur zu den großen Unternehmen, sondern auch zum wichtigen Mittelstand. Und er hat durch seine unglaubliche Bürgernähe immer das Ohr am Volk.

Liebe Familie Nopper, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Newcomer schlägt Landtagsabgeordneten bei den Grünen in Bietigheim-Bissingen

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Das Ergebnis war denkbar knapp, sorgte aber für eine Sensation bei den Grünen: der junge Überraschungskandidat Tayfun Tok wurde mit 50 Stimmen zum nächsten Landtagskandidaten für Bietigheim-Bissingen gewählt. Der 50-jährige Amtsinhaber Daniel Renkonen, der zuletzt sogar mit einem Direktmandat in den Stuttgarter Landtag gezogen war, erhielt dagegen nur 47 Stimmen. „Mit diesem Ergebnis habe ich niemals gerechnet“, gesteht der 16 Jahre jüngere Sieger Tok noch sichtlich überwältigt von seinem Erfolg. Eigentlich habe er mit seiner Kandidatur nur ein Angebot an die Partei machen wollen, erzählt er glücklich, aber erschöpft im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Herr Tok, haben Sie schon eine Erklärung für Ihren Sieg über Daniel Renkonen?

Ich habe jetzt sechs Monate parteiinternen Wahlkampf hinter mir. Darauf habe ich mich intensiv vorbereitet, habe mich überall vorgestellt und erzählt, was mir wichtig ist, habe an Radtouren teilgenommen und auf anderen Wegen den Kontakt zu den Mitgliedern gesucht. Während des Lockdowns habe ich beispielsweise einen digitalen Stammtisch ins Leben gerufen und aufgebaut. Dort konnten sich grüne Mitglieder anmelden, mit denen ich über akute Themen diskutiert habe. Das kam gut an, weil die Mitglieder gemerkt haben, dass ich jemand bin, der Lösungen für die heutige Zeit anbietet. Außerdem habe ich versucht, inaktive Mitglieder direkt vor ihrer Haustür anzusprechen und sie zu motivieren, am 15. September zur Abstimmung zu kommen. Sie könnten das Zünglein an der Waage gewesen sein.

Kann auch der Wunsch nach einem Generationswechsel bei den Grünen das Geheimnis Ihres Sieges sein?

Nein, das glaube ich weniger. Ich denke, dass es eher eine Frage des Politikstils war und ist. Herr Renkonen, der bislang sehr gute Arbeit geleistet hat, ist ein ganz anderer Typ als ich. In meiner Vorstellungsrede habe ich auf Emotionen gesetzt und Politik mit meiner eigenen Biografie verknüpft, dabei gleichzeitig praktische Lösungen für Probleme angeboten. Dadurch habe ich das Herz der Mitglieder angesprochen und gepunktet. Daniel Renkonen ist eher der sachliche Typ, der sich bestens auskennt in seinen Kernthemen Verkehr und Klima. Ich schätze ihn sehr. Aber die Art und Weise wie er Politik macht, ist nicht meine. Ich will raus zu den Menschen aller Altersklassen. Mit meiner Biografie spreche ich auch Menschen aus bildungsfernen Schichten oder welche mit Zuwanderungs-Hintergrund an, die wir als Volkspartei alle genauso mitnehmen müssen. Ihnen möchte ich gerne Vorbild sein. Das ist meine Botschaft, die anscheinend gut angekommen ist.

Was überwiegt jetzt bei Ihnen – die Freude über Ihre Nominierung oder der Respekt vor der Verantwortung Ihrer voraussichtlich künftigen Aufgabe als Landtagsabgeordneter?

Ganz ehrlich: es überwiegt der Respekt vor der Aufgabe und der damit verbunden Verantwortung, die ich deutlich auf meinen Schultern spüre. Es sind schließlich große Fußstapfen, in die ich als Nachfolger von Herrn Renkonen trete. Entsprechend habe ich eine gewisse Demut gegenüber der Aufgabe, aber ich werde mich da reinfuchsen.

Als erstes muss ich jetzt ein Team aufbauen, das mich unterstützt. Auch möchte ich ein Wahlkreisbüro einrichten, an das sich die Bürger wenden können, um Kontakt zu mir aufzunehmen. Der direkte Austausch zwischen den Bürgern und mir ist für mich ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Politik. Genauso wichtig ist, dass ich mich in alle wichtigen Themen vertiefe und auch diejenigen überzeuge, die mich bei der Nominierung nicht gewählt haben.

Wie ist jetzt der Umgang zwischen dem unterlegenen Daniel Renkonen und Ihnen?

Herr Renkonen hat sich als sehr fairer Verlierer gezeigt, hat mir die Hand gereicht, gratuliert und mir seine Unterstützung angeboten, wenn Fragen auftauchen. Das finde ich wirklich toll. Das Direktmandat von Herrn Renkonen möchte ich natürlich unbedingt verteidigen und auch mit dafür sorgen, dass der neue Ministerpräsident wieder Kretschmann heißt.

Sie fahren jetzt direkt nach diesem Interview in den Urlaub. Hat der unerwartete Erfolg Sie so geschafft?

Die letzten Monate waren tatsächlich sehr anstrengend, das gebe ich zu. Jetzt möchte ich mit meiner Frau und meinem einjährigen Sohn einfach nur abschalten, den Erfolg verarbeiten und ein bisschen genießen. Bis Mitte Oktober bin ich noch in Elternzeit. Die verbleibenden Wochen bis dahin werde ich nutzen und mich schon für den baldigen Wahlkampf vorbereiten.

Sie haben es von der Hauptschule in Steinheim übers Abitur auf dem Wirtschaftsgymnasium zum Lehramts-Abschluss für Politik- und Wirtschaft geschafft. Jetzt machen Sie politisch Karriere. Macht Sie Ihr Werdegang stolz?

Meinen Werdegang nutze ich gerne als Botschaft. Er steht dafür, dass alles möglich ist. Ich komme aus sehr einfachen Verhältnissen und bin das Kind einer alleinerziehenden Mutter, einer türkischen Frau. Ich war sechs oder sieben, als sie sich trennte. Damals war es verpönt, sich scheiden zu lassen. Von daher musste sie damals auch schon Kämpfe ausfechten. Meinen Vater kenne ich gar nicht mehr, habe keinen Kontakt zu ihm, obwohl er noch hier lebt. Meine Mutter musste sich als Frau durchboxen, sie war und ist sehr empanzipatorisch und beharrt auf ihre Rechte. Als Bäckergehilfin war sie gewerkschaftlich engagiert. Das hat mir alles schon als Kind sehr imponiert.

Was haben Sie denn von Ihrer Mutter für Ihr eigenes Leben und Ihr politisches Denken mitgenommen?

Von ihr habe ich zum Beispiel schon früh gelernt, dass ich mehr leisten muss als andere Kinder, deren Eltern vielleicht Abitur haben oder Akademiker sind. Ein Beispiel: Ich bekam daheim auch kein richtiges Deutsch beigebracht, deswegen habe ich mir immer selbst Bücher ausgeliehen, viel gelesen und mir Worte rausgeschrieben, die ich nicht verstanden habe. Die habe ich nachgeschlagen, weil ich wissen wollte, was das jeweilige Wort genau bedeutet. So habe ich mir immer mehr Deutsch angeeignet.

Sind Sie sehr ehrgeizig?

Natürlich habe ich einen Ansporn, der durch meine Mutter in mir drinsteckt. Wenn ich etwas mache, will ich es richtig machen. Ich war schon als Kind sehr neugierig auf die Welt, auf die Menschen. Ich habe mich immer interessiert und nachgefragt, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Und dieses Feuer, diese Neugier habe ich heute immer noch. Meine Mutter ist jetzt mächtig stolz und kann meinen Erfolg noch gar nicht richtig fassen. Jetzt will sie, dass ich richtig Gas gebe und am 14. März den Sprung in den Landtag schaffe.

Gab es ein Schlüsselerlebnis für Ihr politisches Interesse?

Das waren die Anschläge auf die Twin Towers am 11. September 2001, damals war ich selbst 15 Jahre alt. Da ich selbst einen muslimischen Hintergrund habe, fand ich es nicht nur schrecklich, was dort passiert war, sondern fand es furchtbar, dass im Namen meiner Religion Menschen umgebracht wurden. Als ich dann im Jahr 2002 mitbekam, dass ein Attila Tür in Bietigheim-Bissingen als Grüner für den Bundestag kandidierte, dachte ich, da ist jemand mit einem ähnlichen Namen wie Du und der kandidiert. Mit ihm konnte ich mich identifizieren. Ich fand es sehr sympathisch, dass die Grünen solchen Menschen auch eine Chance gaben. Seinetwegen bin ich dann also zu einem Ortsvereinstreffen der Grünen in Steinheim gegangen und bin bis heute dabeigeblieben. Im Nachhinein stellte sich dann heraus, dass mein ursprüngliches Interesse an den Grünen auf einem Missverständnis basierte, denn Attila Tür hatte gar keine türkischen Wurzeln, sondern ungarische.

Haben Sie noch andere politische Vorbilder?

Ja, ein großes Vorbild ist mein politischer Ziehvater Rainer Breimaier. Er ist Stadtrat in Steinheim und kennt mich seit meinem 16. Lebensjahr. Er ist ein ehrlicher, authentischer Typ und steht in der Politik für Integrität. Er hat mich sehr geprägt, mir immer kritisches, aber konstruktives Feedback gegeben. Vor ihm habe ich hohen Respekt. Mein anderes Vorbild ist Cem Özdemir. Für ihn habe ich zwei Jahre in seinem Wahlkreisbüro gearbeitet. Er ist ein cooler Typ, verbindet sein selbstverständliches Deutschsein gut mit seinen anatolischen Wurzeln, ist immer offen gegenüber anderen Meinungen. Von ihm habe ich gelernt, wie Politik funktioniert und wie man Menschen für sich gewinnen kann.

Sollten Sie in den Landtag gewählt werden, beginnt für Ihre Familie auch ein neuer Lebensabschnitt. Was sagt Ihre Frau zu Ihren politischen Plänen?

Sie steht voll und ganz hinter mir. Anfangs war sie nicht so ein politisch interessierter Mensch, aber inzwischen kennt sie sich sehr gut aus. Wir reden auch viel über das, was ich tue und wie ich denke. Wir haben auch schon sehr früh darüber gesprochen, dass es eventuell sein kann, dass wir aufgrund unserer türkischen Wurzeln bedroht werden, wenn ich mehr in der Öffentlichkeit stehe. Ich werde wahrscheinlich für viele Rechtspopulisten ein Feindbild sein. Wie das ist und wie sehr das eine Familie belasten kann, habe ich damals bei Cem Özdemir schon mitbekommen.

Hat Ihre Religion Einfluss auf Ihr politisches Denken und Handeln?

Nein, meine Religion spielt dabei überhaupt keine Rolle. In der letzten Zeit wurde ich immer wieder in die Nähe von DITIB gerückt und in die religiöse Ecke abgestempelt, was völlig falsch ist. Ganz im Gegenteil – ich möchte nicht, dass auf Moscheen politisch Einfluss genommen wird wie zum Beispiel in der Türkei. Und von Islamismus und Fanatismus distanziere ich mich ganz klar. Ich bin ein ziemlich liberaler Muslim. Aber mein Glaube ist doch kein Widerspruch zu meiner Nationalität und meiner Politik. Für mich spielt Religion eine untergeordnete Rolle. Im Ramadan faste ich zum Beispiel nicht täglich, sondern einmal im Monat. Ich mache da eher symbolisch mit, weil ich es einfach interessant finde. In die Moschee gehe ich ein- bis zweimal im Jahr, aber auch nur, um dort abzuschalten. Ich bin kein praktizierender Moslem und meine Frau trägt auch kein Kopftuch.

Wie wollen Sie Ihren Sohn erziehen, welche Werte sind Ihnen wichtig?

Alle demokratischen Werte sind mir wichtig, vor allem das Thema Gleichberechtigung. Er soll integer sein, soll neugierig sein und bleiben und seinen eigenen Weg gehen. Dabei muss er es nicht jedem recht machen wollen und schon gar nicht den Leuten nach dem Mund reden, sondern zu seinen eigenen Überzeugungen stehen und sie vertreten. Das habe ich im Laufe meines Lebens ebenfalls lernen müssen. Ansonsten soll er wie jedes andere schwäbische Kind hier ganz normal aufwachsen, Sport treiben und unbeschwert sein.

Wie viel Schwabe steckt in Ihnen?

Davon steckt sehr viel in mir, inklusive des schwäbischen Dialektes, den ich sprechen kann und auch gar nicht unterdrücken will. Ich bin wie mein Sohn in Ludwigsburg geboren und stolz drauf, Schwabe zu sein. Mir gefallen die regionalen Bräuche, ich stehe auf Kässpätzle und Maultaschen, genieße den guten Wein und liebe die wunderschöne Landschaft. Gelegentlich grüße ich sogar mit einem freundlichen Grüß Gott!

Was an Ihnen ist türkisch?

Die meisten bezeichnen mich als sehr deutsch, weil ich ein sehr strukturierter Mensch bin, der früh aufsteht und direkt zum Schwimmen geht und danach einen festen Plan für den Tag hat. Aber was ist türkisch an mir? Vielleicht ist meine emotionale Seite eher türkisch. Ich spreche die Leute persönlich und emotional an, umarme auch gerne mal andere Menschen. Der herzliche Körperkontakt ist tatsächlich eher südländisch.

Herr Tok, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

 

 

Die Prinzessin mit dem Herz für Kinder

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Sie ist Coach für Business-Etikette, Society-Lady, Kinderhospiz-Botschafterin, vor allem aber ist sie eine Prinzessin mit großem Herzen. Mit ihrem eigenen Verein „Kinderglückswerk e.V.“ erfüllt sie die Herzenswünsche von kranken oder sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen.

Bepackt mit zwei Tüten voller Süßigkeiten bahnt sich Maria Prinzessin von Sachsen Altenburg ihren Weg durch den Reiterhof. Hindurch zwischen unzähligen Pferden und Ponys, die schnaubend und erwartungsvoll auf den nächsten Ausritt warten. „Da ist sie ja, die Leonie“, freut sich Prinzessin Maria und steuert zielstrebig auf ein junges Mädchen zu.

Leonie kommt aus Gerlingen und zusammen mit ihrer Freundin darf sie eine Ferienwoche auf dem Reiterhof Reitwerk in Münsingen verbringen. Für Leonie ist dieser Reiturlaub ein Highlight, das sie allein Maria von Sachsen-Altenburg und ihrem Verein Kinderglückswerk e.V. zu verdanken hat. Seit drei Jahren hat Leonie auf keinem Pferd mehr gesessen, obwohl sie zuvor sechs Jahre Reitunterricht hatte. Doch dann schlug das Schicksal brutal zu. Die Mutter der 13-jährigen Gymnasiastin, die ohne Vater aufgewachsen ist und ihn auch nie kennengelernt hat, erkrankte um März 2018 schwer. Im letzten Jahr musste sich Leonie dann für immer von ihrer geliebten Mama verabschieden. Seither lebt der Teenager bei seiner alleinstehenden Oma. Die 70-jährige Rentnerin hat ihr Leben nun voll auf ihre Enkelin ausgerichtet. Ihre kleine Rente reicht für die beiden zwar zum Leben, aber Sonderausgaben, wie die sehnlich gewünschten Reiterferien für Leonie, sind in ihrem Budget so gut wie nicht drin. Gut, dass es Prinzessin Maria gibt, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, kranken oder sozial benachteiligten Kindern zu helfen. Als sie über das Kinderhospiz Leonberg von Leonies Geschichte und ihrem Herzenswunsch hörte, zögerte sie nicht lange und macht jetzt möglich, wovon der hübsche Teenager nur zu träumen wagte. Die Prinzessin finanziert den 430 Euro teuren Aufenthalt auf dem Reiterhof, damit Leonie sich wieder über etwas freuen kann. „Ich bin ganz gerührt, Leonie hier so glücklich zu sehen“, sagt die Prinzessin und wischt sich verstohlen ein Tränchen weg. Im Interview mit Ludwigsburg24 erzählt Maria von Sachsen-Altenburg über ihren Verein und welche anderen Herzenswünsche von Kindern sie schon erfüllen konnte.

Leonie aus Gerlingen (li.) mit Prinzessin Maria. Bild: Marcel Katz

Prinzessin Maria: Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv um die Herzenswünsche von Kindern kümmern?

Ich hatte vor vielen Jahren einmal eine Begegnung mit einem Straßenkind, die mich zutiefst berührte. Damals ist der Wunsch in mir entstanden, dass ich etwas tun und meinen Beitrag leisten möchte, um das Leid vieler Kinder ein wenig zu lindern. Erst dachte ich daran, mich im Ausland zu engagieren, aber dann wurde mir bewusst, dass es auch bei uns in Deutschland inzwischen so viele Kinder gibt, die ebenfalls auf Hilfe angewiesen sind. Nach den vielen Projekten in den letzten Jahren weiß ich auch, dass meine Entscheidung richtig war.

Wie lange erfüllen Sie jetzt schon Herzenswünsche?

 Den Verein gibt es schon über 15 Jahre. Er trug zuerst meinen Namen, doch vor zwei Jahren habe ich ihn umbenannt. Er heißt jetzt Kinderglückswerk e.V., weil ich den Namen mehr den Projekten anpassen wollte. So weiß jeder sofort, was wir tun. Wir arbeiten alle rein ehrenamtlich, so dass jeder einzelne Spendeneuro auch tatsächlich in die Projekte fließt. Unterstützt werden wir bundesweit noch von ein paar prominenten Botschaftern wie Schauspielerin Anouschka Renzi, Moderatorin Ilka Groenewold oder Deutschlands einzige männliche Lottofee Chris Fleischhauer. Der Verein ist natürlich auch jederzeit offen für neue Mitglieder. Der Mitgliedsbeitrag kostet 50 Euro jährlich.

Die Herzenswünsche von Kindern sind meist teuer. Haben Sie denn ein entsprechend großes Budget, um all diese Wünsche erfüllen zu können?

Ja, natürlich benötige ich ein großes Budget, um die unterschiedlichen Wünsche erfüllen zu können. Sei es ein Prinzessinnenbett, ein dringend benötigter Laptop für schulische Zwecke, ein altersgerechtes Fahrrad, eine Geige oder ein Besuch mit der ganzen Familie im Europapark Rust. Dafür bin ich dringend auf Spenden angewiesen, die natürlich jetzt in der Corona-Krise spärlich bzw. gar nicht fließen. Das ist gerade leider ein kleines Drama. Aber, dass die Herzenswünsche der Kinder immer nur mit Geld verbunden sind, ist ein Irrtum. Viele Kinder haben auch immaterielle Träume. Diese haben dann mit Erlebnissen zu tun und sind wirklich richtige Wunschträume, deren Erfüllung mich dann vor ganz andere Herausforderungen stellen.

Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Ein Junge wollte unbedingt mal in einem Rennauto sitzen, das habe ich ihm auf dem Hockenheimring ermöglicht. Der größte Wunsch eines Mädchens war es, einmal ihr Idol Max Giesinger zu treffen. Wir haben zusammen ein Open-Air-Konzert von ihm besucht und er hat uns Backstage getroffen. Ein ganz besonderer Herzenswunsch eines Kindes war es, einmal ein Filmset zu besuchen und vielleicht sogar selbst in einem Film mitzuspielen. Das Team von Soko Stuttgart hat das tatsächlich möglich gemacht. Mich macht es immer glücklich, wenn es mir gelingt, diese Wünsche zu erfüllen und ich hinterher in strahlende und dankbare Gesichter schaue. Aus diesem Grund überlege ich auch gerade, dass mein Verein Kinderglückswerk e.V. seine Vereinsaktivitäten erweitert. Gerade in so einem Fall wie bei Leonie denke ich darüber nach, sie über eine Patenschaft weiter zu begleiten und mit Hilfestellungen bei Fragen und Problemen zu unterstützen.

Wie soll so eine Patenschaft aussehen?

Bei uns lebt inzwischen jedes vierte Kind in Armut und die Familien sind oft auch aufgrund ihrer geringen finanziellen Möglichkeiten mit der Gesamtsituation überfordert. Vor allem auf viele Alleinstehende oder bildungsferne Familien trifft dies zu. Sie können oft ihren Kindern nicht helfen bei schulischen Fragen, bei der Berufswahl, bei Bewerbungen und Ähnlichem. Hier können Paten eine große Hilfe sein.

Wie erreichen die Herzenswünsche der Kinder Sie überhaupt?

Viele Kinder schreiben uns aufgrund von Presseberichten oder sie hören über andere Kinder über uns. Oft bekomme ich aber auch aus meinem Netzwerk Empfehlungen für ein neues Projekt oder wenn ich auf Veranstaltungen unterwegs bin. Und ich selbst gehe natürlich immer mit offenen Augen durch die Welt und höre in Gesprächen mit anderen Menschen genau zu. Schon oft habe ich erlebt, dass ich durch bloßes Nachhaken erkannt habe, dass dringend Hilfe benötigt wird.

Gibt es für Sie finanzielle Obergrenzen bei der Wunscherfüllung?

Das kann ich so nicht an einer Summe festmachen, denn es hängt schon immer vom jeweiligen Wunsch ab. Was ich aber nicht finanziere, ist beispielsweise der Wunsch, mit der ganzen Familie einen Urlaub am Meer zu verbringen. Nicht, weil ich es für zu teuer halte, sondern weil es dann meist nicht vom Kind selbst kommt, sondern vielmehr die Eltern hinter dem Wunsch stecken. Eltern meinen oftmals besser zu wissen, was das Kind sich wünscht. Aber wenn ich mit beiden Seiten spreche, stelle ich sehr häufig fest, dass die Eltern gar nichts von den wirklichen Träumen der Kinder wissen. Mir geht es darum, dem Kind einen Herzenswunsch zu erfüllen und ihm Glück zu schenken. Nur dann lernt das Kind selbst, an das Gute, an seine Träume zu glauben. Wie wichtig das ist, merke ich an vielen Briefen, die bekomme. Es schreiben mir junge Erwachsene, denen ich vor zehn Jahren und länger als Kind den ganz großen Herzenswunsch erfüllen durfte. Aber sie tragen das als wunderschöne Erinnerung noch immer in sich und sind so dankbar dafür. Das sagt doch sehr viel aus.

Prinzessin Maria, ich danke Ihnen für das Gespräch!

 

 

 

 

 

“Von daher wird es dieses Jahr eine richtig harte Saison für uns alle”: Ludwigsburg24 trifft Siglinde Nowack

Ein Interview von Patrica Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Ihr schönster Lohn sind Kinderlachen und zufriedene Eltern. Doch darauf musste Siglinde Nowack, Geschäftsführerin der Ravensburger Freizeit & Promotion GmbH, in diesem Jahr schweren Herzens einige Woche verzichten. In Folge behördlicher Auflagen mussten das Ravensburger Spieleland sowie die Ravensburger Kinderwelt Kornwestheim die Pforten schließen. Wie schwer ihr das fiel und was sich mit der Wiedereröffnung kurz vor den Sommerferien verändert hat, erzählt die zweifache Mutter im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Frau Nowack, nach Ihrem Freizeitpark in Ravensburg haben Sie den Indoor-Spielplatz in Kornwestheim ebenfalls wieder geöffnet. Kommen die Besucher zurück?

Im Indoor-Bereich sind die Menschen noch etwas zurückhaltend. Sie wollen lieber raus und dort ihren Aktivitäten nachgehen. Damit aber auch die Spielewelt in Kornwestheim in dieser Zeit attraktiv bleibt, haben wir einige Änderungen vor allem für die Hygiene vorgenommen, die wir jetzt nach außen bekannt machen, damit sich jeder hier drinnen wohl und sicher fühlt.

Nennen Sie doch bitte mal ein Beispiel.

Wir wollen, dass unsere Gäste, unbeschwert spielen können. Deshalb kommt ein Spiel, welches aus dem Regal genommen und gespielt wurde, in eine Art Quarantäne. Das bedeutet, dass es drei Tage in einer Box lagert, erst dann kann es erneut bespielt werden.

Müssen die Kinder im Indoor-Spielplatz durchgehend Maske tragen?

Für alle Kinder ab dem sechsten Lebensjahr gilt Maskenpflicht in den Bereichen zum Anstellen. Wir sind mit der Stadt im guten Austausch, wie wir was organisieren können und es findet ein kooperatives Miteinander statt

Wie viele Kinder tummeln sich in Ihrem Indoor-Spielplatz?

In Hochzeiten spielen 500 bis 600 Kindern verteilt auf die verschiedenen Ebenen und Angebote. Dann ist hier richtig was los, vor allem bei Veranstaltungen wie dem Kinderverkehrssicherheitstag oder an Kindergeburtstagen. Das fällt zurzeit aber alles wegen der Corona-Anordnungen flach. Momentan haben wir die Anzahl reduziert auf 200 bis 250 Kinder, so dass wir während unseres Ferienprogramms für alle genügend Abstand gewährleisten und trotzdem alle unsere Aktionen anbieten können. Das lässt sich sehr gut umsetzen für uns.

Wird das Ferienprogramm im Innenbereichen wahrgenommen bei den sommerlichen Temperaturen?

Wir haben klimatisierte Räume, so dass es bei dieser Hitze bei uns drinnen viel angenehmer ist als draußen. Dazu haben wir ein tolles Mitmach-Konzept auf die Beine gestellt, das bei den Kindern super ankommt. Wir basteln u.a. gemeinsam und bieten den Spieleerfinder-Workshop an, was beides bei den Kindern sehr beliebt ist. Wir hatten uns so viel noch vorgenommen für dieses Jahr. Wir hatten eine Mini-Playback-Show geplant, die Verkehrssicherheitstage und den Bewegungstag. Auch wollten wir vermehrt mit Vereinen zusammenarbeiten. Das setzen wir jetzt im Rahmen der Möglichkeiten um und generieren auch neue Ideen.

Haben Sie wegen der Hygienevorschriften jetzt das Personal aufstocken müssen?

Wir haben entsprechend Personal im Haus, da ja ein erhöhter Hygienebedarf besteht. Wenn ein Kind ein Fahrzeug verlässt, werden sofort die Griffe desinfiziert, ebenso wenn sie memory® oder mit anderen Spielsachen spielen, wischen wir nach Beendigung sofort drüber. Es besteht eben ein erhöhter Aufwand, den wir aber selbstverständlich in Kauf nehmen.

Als der Lockdown kam, mussten Sie von jetzt auf gleich an beiden Standorten alles schließen, was mit großen finanziellen Einbußen verbunden war. Die Kosten liefen weiter, die Einnahmen blieben aus. Wie beruhigt man sich da selbst und die Mitarbeiter?

Da wir relativ früh erkannt haben in welche Richtung die Entwicklung geht, haben wir uns entsprechend vorbereitet. Wir haben schon im Vorfeld mit den Behörden gesprochen und überlegt, wie ein solches Szenario aussehen könnte, wenn wir wieder öffnen dürften. Entsprechend haben wir für uns sehr frühzeitig ein Hygienekonzept erarbeitet. Am 29. Juni durften wir das Spieleland eröffnen, aber erst einen Tag vorher kamen die offiziellen Corona-Verordnungen raus. Wir waren da aber bereits gut aufgestellt und konnten gleich loslegen. Wir haben unsere Mitarbeiter zwar in Kurzarbeit geschickt, waren aber immer im Dialog mit ihnen. Als es dann wieder losgehen konnte, waren alle begeistert und hochmotiviert.

Haben Sie aus dem Lockdown etwas für die Zukunft gelernt?

Aus Krisen lernt man immer. Auch wir haben einige Erkenntnisse gewonnen und Dinge dazugelernt, über die wir vielleicht ohne diese Corona-Pandemie und den damit verbundenen Lockdown nie nachgedacht hätten. Wir fühlen uns in unserem Mitmach-Konzept total bestätigt, denn man merkt, dass wieder mehr gespielt wird mit memory®, Karten- oder Gesellschaftsspielen. Vor allem Puzzles sind der absolute Coup. Deshalb haben wir uns jetzt überlegt, welche Events wir demnächst rund ums Puzzle starten können. Puzzle ist ein Thema, zu dem ich nichts groß erklären muss, jeder weiß sofort etwas damit anzufangen und Puzzeln trainiert das Gehirn. Daraus kann man für die Zukunft so wahnsinnig viele neue Dinge entwickeln wie Puzzle-Meile legen, größte Puzzle der Welt, Guinness-Buch der Rekorde. Dazu haben wir unzählig viele Ideen kreiert für die Zeit nach Corona.

Hat bei Ihnen während des Lockdowns der Verkauf von Spielen über Ihre digitalen Vertriebswege zugenommen?

In der Branche hat sich der Absatz tatsächlich erhöht, weil Spielen ein Revival erfahren hat. Auch bei den Puzzles lief es gut, weil man Puzzles allein, aber auch in der Gemeinschaft legen kann.

Sprechen Puzzle eher Kinder an oder ist es vermehrt ein Erwachsenen-Thema?

Kinder begeistern sich schon immer für Puzzles und Eltern kaufen sie gerne für ihre Kinder, weil es nachgewiesen ist, dass Puzzeln die Motorik schärft. Ein Kind puzzelt auch anders als ein Erwachsener. Kinder puzzeln nach Bildern, wir Erwachsene fangen immer zuerst mit dem Rand an.

Inzwischen finden Puzzle auch immer größeren Anklang bei Erwachsenen, weil Studien gezeigt haben, dass Puzzeln gut für das Gehirn ist. Wir haben hier in Kornwestheim vermehrt Anfragen von Erwachsenen, ob wir nicht spezielle Puzzle-Ecken für sie einrichten können. Eine Idee wäre bei Lockerung der Corona-Vorschriften, hier einmal ein 40.000-Teile Puzzle von 7m auf 2m aufzubauen, dass wir vorher in 1.000 Päckchen aufteilen, so dass jeder Teilnehmer seine Teile hat. So kommen die Menschen zusammen und können gemeinsam etwas gestalten.

Was war bzw. ist aufgrund von Corona Ihre größte Angst oder Sorge?

Mit der Wiedereröffnung haben wir unseren Gästen eine gewisse Flexibilität genommen. Die Anmeldung und die Auflagen bedeuteten für unsere Gäste einen zusätzlichen Aufwand. Meine größte Sorge war, wie können wir alles so hinbekommen, dass unsere Gäste und Mitarbeiter sich trotz der besonderen Maßnahmen wohlfühlen und zusammen Spaß haben.

Gab es bei Ihnen nie die Befürchtung, dass die Fallzahlen weiter steigen und Ihre Saison für 2020 gelaufen sein könnte?

Diese Gedanken gab es am Anfang durchaus, deshalb haben wir uns verschiedene Szenarien angeschaut. Macht es Sinn aufzumachen und kommen dann überhaupt Gäste? Unseren Saisonkarten-Inhabern haben wir direkt angeboten, wenn sie dieses Jahr nicht kommen möchten, die Karte aufs nächste Jahr zu schieben. Da waren wir extrem kulant. Wir haben uns über Wochen in großen wie kleinen Gremien darüber ausgetauscht und auch den Kontakt zu Experten gesucht, um ein Gefühl für die Situation und die mögliche Entwicklung zu bekommen. Wir waren gut vorbereitet und haben dann am 29.Mai eröffnet. Ein Restrisiko bleibt dabei immer, weil niemand eine hundertprozentige Prognose abgeben kann.

Wie war es am Eröffnungswochenende im Ravensburger Spieleland. Sind Sie überrannt worden oder blieben die Besucher weg?

Wir hatten gute Besucherzahlen und am Anfang gab es bei den Gästen eine gewisse Unsicherheit und jede Menge Fragen, wie das Ganze abläuft, was sie dürfen und was nicht. Wir haben entsprechend Personal zur Verfügung gestellt, um den Menschen Hilfestellung und Sicherheit zu geben. Das war zuerst eine Herausforderung, aber wir haben alle Mitarbeiter entsprechend mobilisiert und die Anfangsschwierigkeiten gemeinsam gut gemeistert.

Rechnen Sie für dieses Jahr gerade im Spieleland mit Verlusten oder glauben Sie, dass Sie die Schließungsmonate mit den Sommerferien wieder auffangen können?

Wir haben ans Spieleland angegliedert ein Feriendorf mit Ferienhäusern und Entdeckerzelten, dazu haben wir seit 1. August einen Zeltplatz für eigene Zelte eingerichtet. Ein See ist in unmittelbarer Nähe, es gibt einen Spielplatz und ein Restaurant dort, morgens und abends kommt die Maus vorbei. Laut Prognose bleiben dieses Jahr sehr viele Urlauber in Deutschland, wodurch auch der Campingurlaub wieder an Bedeutung gewonnen hat. Deshalb glauben wir, dass wir dadurch einen Teil unserer Verluste wieder kompensieren können. Ich persönlich glaube, dass wir dieses Jahr noch Einschränkungen haben werden, wie es 2021 wird bleibt abzuwarten. Eine Prognose habe ich nicht. Wir müssen jetzt die aktuelle Situation managen und daraus möglichst viel für die Zukunft lernen.

Haben Sie noch weitere Maßnahmen ergriffen, um die Verluste zu minimieren?

Die Saison wird um eine Woche bis zum 8. November verlängert und wir haben alle 24 Ruhetage gestrichen. Normalerweise haben wir immer Ruhetage dazwischen, damit unsere Mitarbeiter mal durchschnaufen können und wir bestimmte Attraktionen wieder überprüfen können. Von daher wird es dieses Jahr eine richtig harte Saison für uns alle.

Und Ihre Mitarbeiter ziehen da alle mit?

Ja, sie ziehen tatsächlich alle mit uns am gleichen Strang, was auch daran liegt, dass wir viele langjährige Mitarbeiter haben. Sie kommen aus der Region, kennen das Geschäft ganz genau, identifizieren sich mit dem Spieleland und wollen uns unterstützen. Darüber bin ich sehr froh und dankbar.

Tauschen Sie sich mit Ihren Mitbewerbern wie Europapark Rust, Tripsdrill etc. aus?

Es gibt den Verband der deutschen Freizeitparks, zu dem wir auch gehören. Wir haben einen regelmäßigen Austausch. Jeder Freizeitpark macht unterschiedliche Dinge. Wir sind das Ravensburger Spieleland, ein klassischer Familienpark hinter dem eine Marke und ein Mitmach-Konzept steckt. Wir haben jetzt gerade die Kakerlakak-Riesen-Schaukel als neue Attraktion gebaut auf Basis eines ganz bekannten Ravensburger Spiels. Es basieren bei uns zukünftig alle Attraktionen nur noch auf einem Ravensburger Spiel oder Puzzle oder auf Brio, was ja auch zu uns gehört. Das heißt, jede Attraktion hat eine Story, die gespielt werden muss. Das nächste Projekt wird im Herbst begonnen, ist eher gedacht für die älteren Kinder und wird abgeleitet auf einem ganz erfolgreichen Kugelbahnsystem, das wir vor zwei Jahren eingeführt haben. Der Clou wird sein, dass man sich selbst wie die Kugel im Kugelbahnsystem fühlt.

Müssen für die neuen Attraktionen alte weichen?

Ja, zum Teil ersetzen wir Themen komplett, oder wir versetzen sie innerhalb des Parks. Die vielen Grünflächen in unserem Park möchten wir unbedingt erhalten, deswegen bauen wir sie nicht zu.

Haben Sie im Spieleland eine Lieblingsstelle?

Dort habe ich ganze viele Lieblingsecke, aber meine favorisierte ist die Kakerlakak-Schaukel. Aber auch das neue Büchercafé mag ich sehr. Das ist so eine gemütliche Ecke zum Sitzen, Schmökern und Kaffeetrinken. Genau gegenüber sind wunderbare Hängematten im Freien und dahinter beginnt der Wasserwald. Das ist alles neu angelegt und wird auch von den Kindern toll angenommen.

Sie sind den ganzen Tag mit dem Thema Spielen beschäftigt. Spielen Sie selbst auch noch?

Ja, ich spiele auch privat noch, meist die klassischen Kartenspiele wie „Elfer raus!“, „Kuhhandel“ oder auch mal ein Brettspiel wie „Labyrinth“ oder „Scotland Yard“. Dann mag ich noch „Pachisi“, das ist weniger strategisch und man braucht ein bisschen Glück. Das ist schön, um abzuschalten. Gelegentlich puzzele ich sogar. Bei uns daheim liegt immer ein Puzzle auf dem Tisch, weil ich es schon immer faszinierend fand, dass wirklich jeder, der zu uns ins Wohnzimmer kommt, versucht ein Teil zu finden.

Was gehört neben den Klassikern von den neuen Spielen zu ihren Lieblingen?

Das ist „Der weiße Hai“, ein Taktikspiel für Erwachsene.

Zu welchen Motiven und Größenordnungen greifen Sie beim Puzzle?

Die 1.000er Puzzle haben ein gutes Format und da greife ich zu unserer Natur-Edition oder zu den Exit-Puzzles. Das sind ganz normale Puzzles, in denen Rätsel versteckt sind, die ergeben dann eine gewisse Zahl, die man am Rand suchen muss und wieder rausnehmen muss. Setzt man diese rausgenommenen Teile richtig zusammen, entsteht ein Motiv, das die Lösung ist. Das ist also eher ein Rätsel-Puzzle.

Was gefällt Ihnen am Puzzeln?

Beim Puzzeln tauche ich in eine andere Welt ein und konzentriere mich dabei voll und ganz auf nur eine einzige Sache. Mit jedem neuen Teil hat man das Gefühl, etwas geschaffen zu haben. Und am Ende ist es beim Puzzeln so ein bisschen wie mit der letzten Seite eines guten Buches. Eigentlich sollte man froh sein, wenn man das letzte Teil einsetzt. Stattdessen entsteht Wehmut, weil die Reise nun vorbei ist. Und dann will man direkt das nächste Puzzle machen. Irgendwie macht Puzzeln süchtig.

Sie haben einen Mann und zwei inzwischen erwachsene Kinder. Konnten Sie Ihre Familie mit ihrer Leidenschaft für Puzzles infizieren?

Ja, das konnte ich tatsächlich. Vor einigen Jahren musste ich unbedingt ein Lentikular-Puzzle für einen TV-Dreh fertigstellen. Das ist ein ziemlich anspruchsvolles Puzzle mit einem Wechselbild. Bei schlechten Lichtverhältnissen ist es noch schwieriger, es zusammenzusetzen. Ich kam an einen Punkt, an dem ich einfach nicht mehr konnte und ging ins Bett. Mein Mann ist dann drangeblieben und hat es fertiggestellt, so dass ich es am nächsten Morgen mitnehmen konnte.

Wie viele Puzzle-Motive gibt es bei Ravensburger?

Wir entwickeln pro Jahr ca. 500-600 neue Motive für den internationalen Markt. Die Geschmäcker sind ja sehr verschieden. In England sind die historischen Motive sehr gefragt, in Italien eher die Art-Collection mit ganz bekannten Malern, während die Deutschen die Natur-Edition präferieren.

Welcher Markt ist für die Puzzles am absatzstärksten?

International ist es mittlerweile die USA. Aber unabhängig davon, sind wir in dem meisten Ländern im Puzzlesegment die Nummer eins. Deswegen behaupte ich jetzt mal, dass wir sogar Welt-Marktführer sind.

Was tun Sie, wenn Sie sich mal nicht mit Spielen beschäftigen?

Wenn ich frei habe, fahre ich mit meinem Mann sehr gerne ins Allgäu. Außerdem gibt es auch immer leidige Arbeit im Garten zu erledigen. Aber ich gestehe, dass alles rund um Ravensburger meine große Leidenschaft ist, weshalb ich täglich viele Stunden damit verbringe. Ich bin mein ganzes Berufsleben schon bei Ravensburger, zuerst im Stammhaus, zuständig für die internationalen Produktegruppe Puzzle und die Expansion, was bedeutet, dass ich international alle Lizenzen eingekauft habe. Seit Anfang 2019 bin ich in der Ravensburger Freizeit & Promotion GmbH. Das macht mir besonders Spaß, denn sowohl im Spieleland, im Shop oder hier in der Kinderwelt in Kornwestheim bekommt man jeden Tag ein direktes Feedback der Gäste.was uns hilft immer wieder neu zu denken. Und dann liegt es an uns selbst, was draus zu machen. Und das macht es besonders spannend.

Welche Ausbildung liegt Ihrer Karriere zugrunde?

Ich habe an der Dualen Hochschule in Ravensburg die Fachrichtung Industrie studiert und als Diplom-Betriebswirtin abgeschlossen.

Was hat Sie ausgerechnet an Ravensburger als Arbeitgeber gereizt?

Mir hat zum einen gefallen, dass es ein Unternehmen der Familie Maier in der vierten Generation ist und seit Gründung 1883 zu einer echten Marke geworden ist, die über die Jahrzehnte immer an den Werten festgehalten hat. Und zum anderen finde ich es ziemlich einzigartig, dass es innerhalb des Unternehmens immer wieder Möglichkeiten gibt, etwas Neues zu machen. Das war für mich die Chance zur Weiterentwicklung.

Haben Sie noch eine Botschaft an die Menschen?

Ja, ich möchte den Menschen sagen, dass wir uns freuen, unsere Tore wieder für sie geöffnet zu haben. Sie müssen sich keine Sorgen machen, denn sie sind bei uns gut aufgehoben. Wir sind auf alles gut vorbereitet und wir hoffen, dass sie sich bei uns wohlfühlen.

Frau Nowack, wir danken Ihnen für das Gespräch!

„Wenn ich etwas mache, dann mache ich es auch richtig.“ Ludwigsburg24 im Gespräch mit Jochen Eisele

Von  Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Als Jochen Eisele 2014 für den neuen Gemeinderat kandidierte, ahnte er nicht, dass er sich die Arbeit mit nur einem FDP-Kollegen würde teilen müssen. Trotzdem hat er sich reingehängt und alles gegeben nach dem Motto: Ganz oder gar nicht! „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es auch richtig“, bestätigt der 52-jährige Kreis- und Stadtrat. Er stellte sich ein zweites Mal zur Wahl und stieg auf zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Jetzt warten neue Aufgaben auf den hauptberuflichen Physiotherapeuten, der mit seiner gleichaltrigen Frau Heidrun eine sechsköpfige Praxis betreibt. Als neuer Vorsitzender des MTV Ludwigsburg tritt er in die Fußstapfen von Matthias Knecht, der diese Aufgabe mit seiner Wahl zum Oberbürgermeister aufgeben musste. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 gewährte Jochen Eisele ein paar Einblicke in sein Leben und bisheriges Wirken.

Herr Eisele, ein Gespräch zwischen uns auf Augenhöhe ist – zumindest gemessen in Zentimetern – nicht möglich. Verraten Sie uns, wie groß Sie sind?

(lacht) Ich bin 1.98m groß.

Bei so einer imposanten Größe passen Sie in Ihrem neuen Amt als MTV-Chef doch locker in die Fußstapfen Ihres Vorgängers…

Noch bin ich nicht gewählt, die Wahl wird voraussichtlich am 25. September auf der Mitgliederversammlung sein. Allerdings bin ich schon seit April durch den Vorstand gewählt und kommissarisch mit den Aufgaben betraut. Den Lockdown konnte ich somit geschickt nutzen, um mich schon mal in die umfassende Thematik einzuarbeiten.

Wie kam es denn dazu, dass Sie die Nachfolge vom jetzigen OB Knecht antreten? Hat er Sie empfohlen oder haben Sie sich in der Vergangenheit besonders im Verein hervorgetan?

Weder noch, denn ich war bislang weder Vereinsmitglied, noch hatte ich mit Matthias Knecht persönlich etwas zu tun. Ich kenne ihn eigentlich vorwiegend nur durch den Gemeinderat und durch meinen Sohn, der sein persönlicher Referent ist. Aber ich möchte doch gleich mal anmerken, dass mein Sohn Hannes und ich Privatleben und Beruf strikt trennen und ich nicht etwa automatisch alle Ideen vom OB unterstütze. Ich bleibe kritisch. Doch zurück zu Ihrer Frage: Für die Präsidentschaft beim MTV habe ich mich nicht beworben, ich wurde für mich ganz überraschend vom zweiten Vorsitzenden gefragt, ob ich nicht Lust hätte, diese Aufgaben zu übernehmen. Als ehemaliger aktiver Handballer von der TSG Oßweil bin ich natürlich sportaffin und durch meine politischen Aufgaben habe ich gute Kontakte sowohl in die Stadtgesellschaft als auch in die Stadtverwaltung hinein.

Und Sie hatten und haben Lust?

Na ja, das habe ich mir schon gut überlegt, denn ich habe mit meiner Praxis und meinen Funktionen als Stadt- und Kreistrat schon ganz gut zu tun. Auch meine Frau sagte: Musst du das jetzt auch noch machen? Ich habe mich intensiv mit dieser Frage beschäftigt und mich dann dafür entschieden, nachdem ich die Strukturen des Vereins ein bisschen besser kennengelernt und festgestellt habe, dass es einen zwölfköpfigen Vorstand sowie eine Geschäftsstelle mit vielen Hauptamtlichen gibt, so dass ich viele Aufgaben delegieren kann. Der MTV ist mit seinen 7.500 Mitglieder jedenfalls ein reizvoller Verein mit großen Herausforderungen, die es jetzt zu meistern gilt.

Wie geht es dem Verein derzeit?

Dem Verein geht es jetzt schlechter als vor Corona, es gibt durchaus Einbußen. Dieser große Verein ist quasi ein kleines Unternehmen. Die Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit, die Kosten liefen trotzdem weiter. Es wurde ein Kampfsportzentrum gebaut, für das wir die Darlehen bedienen müssen. Die zwei Fusionen mit 07 und SCL haben uns ebenfalls Geld gekostet und wir haben Schulden mitübernommen. Dann haben wir Auszubildende und duale Studenten, die man nicht in Kurzarbeit schicken kann und für die man zahlen muss. Dazu kommen die finanziellen Ausfälle im Kurs- und Rehasportbereich oder beim Fitnessstudio. Das bewegt sich alles in einem nicht gerade kleinen Rahmen, was wir da stemmen müssen. Deshalb überlegen wir gerade, ob wir uns bewerben und Gelder aus dem Rettungsschirm für Vereine beantragen. Dafür hat das Land 15 Euro pro Mitglied auferlegt. Allerdings ist diese Auszahlung nicht nur an Einbußen, sondern auch an einen Liquiditätsengpass gebunden. Das muss aber klar definiert und eidesstattlich versichert sein. Und eine eidesstattliche Versicherung ist schon eine große Sache, die gut überlegt sein muss.

Wie haben sich die Mitglieder während der Corona-Zeit verhalten? Waren sie solidarisch oder haben sie Geld zurückverlangt, weil sie das sportliche Angebot nicht nutzen konnten?

Ins Fitnessstudio konnte man zwei Monate nicht rein, aber die Beiträge werden halbjährlich abgebucht. Wir habend deshalb das Angebot gemacht, fürs nächste Halbjahr nur vier Monate abzubuchen. Da haben sich schon einige Mitglieder zurückgemeldet und gesagt, wir sollen die volle Summe abbuchen. Das ist natürlich eine tolle Solidaritätsbekundung. Dennoch rechnet unser Geschäftsführer fürs nächste Jahr mit einer deutlich geringeren Mitgliederzahl, aber das müssen wir jetzt mal abwarten. Momentan liegen wir bei 7.500 Mitgliedern. Für 2021 rechnen wir mit höchstens 6.500 bis 7.000 Mitgliedern. Das wäre ein Mitgliederverlust von 500 bis 1.000 Personen. Es wäre schön wenn es nicht so wäre, aber wir müssen uns überraschen lassen. Denn: Multipliziert man das mit rund 100 Euro Mitgliedsbeitrag pro Person, kommt man auf eine stattliche Fehlsumme, die irgendwie kompensiert werden muss.

Wie würden Sie diese Summe kompensieren wollen?

Das geht eigentlich fast nur, indem man an Angeboten spart und Neuanschaffungen oder Um- bzw. Ausbauten erstmal auf Eis legt. Auch neue, zusätzliche Sportangebote müssten hintenangestellt werden.

Hätten Sie das Amt angetreten, wenn Sie rechtzeitig gewusst hätten, was da für eine Situation auf Sie zukommt?

Da ich noch nicht gewählt bin, habe ich doch die Aufgaben des Vorsitzenden schon kommissarisch übernommen trotz des vollumfänglichen Wissens der Schwierigkeiten und Herausforderungen. Ich könnte jetzt immer noch entscheiden, im September nicht zur Wahl anzutreten. Aber das tue ich nicht, weil ich den Kopf nicht in den Sand stecke und ich inzwischen viele Menschen im Verein aus Vorstand, Geschäftsstelle und Übungsleitern kennengelernt habe, die total engagiert sind. Die lasse ich jetzt nicht nur wegen finanzieller Schwierigkeiten des Vereins im Stich, zumal ich davon überzeugt bin, dass der MTV diese Krise überstehen wird.

Wie viele Stunden investieren Sie in Ihre Nebenjobs?

Für den Gemeinderat sind es mit Sitzungen und Vorbereitungszeit wöchentlich zwischen 10 und 15 Stunden, für den MTV kommen momentan nochmal rund 5 Stunden dazu.

Wo bleibt Ihr Privatleben?

Das findet schon noch statt und kommt auch nicht zu kurz, denn ich sehe meine Frau ja täglich in der Praxis, in der wir beide als Physiotherapeuten arbeiten. Mittags essen wir immer zusammen und können uns in diesen eineinhalb Stunden intensiv austauschen. Wir nehmen uns auch sonst die gemeinsame Zeit, weil wir sie auch brauchen. Unsere Kinder sind 20 und 23 Jahre alt und leben noch daheim, aber die gehen ihre eigenen Wege. Unsere Tochter Greta macht in Stuttgart gerade eine Ausbildung zur Physiotherapeutin und wird später vielleicht mal unsere Praxis übernehmen., was mich sehr freuen würde. Aber ich gebe zu, dass meine Frau vom MTV-Angebot zuerst wenig begeistert war. Wir haben dann viel geredet und ich glaube, mittlerweile steht sie voll dahinter.

Werden Sie denn in diesem Jahr mit Ihrer Frau in den Urlaub fahren oder verzichten Sie wegen Corona?

Wir haben Ende August eineinhalb Wochen Urlaub und werden uns je nach aktueller Lage spontan entscheiden, ob und wohin wir fahren. In den vergangenen Jahren sind wir sehr gerne in den Norden vom Comer See in ein kleines Örtchen namens Colico gefahren. Dort können wir uns jedes Mal gut erholen.

Was für ein Urlaubstyp sind Sie denn – Sonnenbader oder Wanderer?

Als Sonnenbader bin ich nach einer Stunde durch, das ist nicht meins. Wir schauen uns gerne andere Ortschaften und Städte an. Ansonsten essen wir gerne gut und genießen dazu einen tollen Wein. Aber Genuss gönnen wir uns auch daheim, nicht nur im Urlaub.

Sie sind gebürtiger Ludwigsburger, Ihre Frau kommt aus Waldshut-Tiengen. Wie haben Sie sich kennengelernt?

Sie hat damals ein freiwilliges Soziales Jahr gemacht und ich war bei der Bundeswehr. In einer Tagesstätte in St. Ulrich sind wir uns begegnet, weil wir beide zu zwei unterschiedlichen Seminaren dort waren. Als wir zufällig ins Gespräch kamen, stritten wir zuerst darüber, warum ich nicht verweigert habe. Trotzdem sind wir uns danach nähergekommen, haben uns besucht und irgendwann war klar, dass wir zusammengehören.

Was gab bei Ihnen den Impuls Physiotherapeut zu werden?

Ausschlaggebend waren letztlich meine eigenen Verletzungen durch den Sport. Mal knickt man um, mal schlägt einem irgendeiner in den Arm beim Werfen, mal zwickt die Schulter. Deshalb habe ich als Sportler selbst viel Zeit bei der Physio verbracht. Trotzdem habe ich nach dem Abitur zuerst vier Semester Mathematik studiert. Und obwohl ich Mathe-Leistungskurs hatte, habe ich im Studium gar nichts mehr kapiert. Das war sowas von abstrakt, absolut ätzend. Meine Frau, die zuerst an der PH in Ludwigsburg auf Grund- und Hauptschullehramt studiert hat und auch nicht wirklich glücklich damit war, und ich haben uns dann beide entschieden, eine Physiotherapeuten-Ausbildung zu absolvieren und uns später selbständig zu machen. Dieser Beruf hat mich schon immer interessiert. Ihn ergreift man nicht, um reich zu werden, sondern diese Berufswahl ist begleitet von viel Idealismus. Ich brauche den Umgang mit den Menschen und freue mich, wenn ich durch meine Arbeit dazu beitragen kann, dass sich die Patienten nach der Behandlung schmerzfreier fühlen. Unsere eigene Praxis haben wir bereits 1995 aufgemacht und 1996 noch eine zusätzliche Ausbildung als Osteopath begonnen.

Was war der Grund für Ihr politisches Engagement?

Auch hier wurde ich gefragt, ob ich nicht für den Gemeinderat kandidieren wolle. Irgendwie rutsche ich immer in Sachen rein, die mir dann total Spaß machen. Politisch war ich zwar interessiert, habe das eine oder andere gelesen, aber ich hatte nie von mir aus beabsichtigt, mich auch politisch zu engagieren. Ende 2013 hat mich jedoch FDP-Gemeinderat Martin Müller angesprochen und gefragt, ob ich mich auf die Kandidatenliste setze lassen würde. Ich gab mein Okay, wurde auf Platz elf gelistet. Dann sind genau zwei von der FDP gewählt worden, der eine war Johann Heer, der andere war ich. Martin Müller kam auf den dritten Platz, das tat mir sehr leid. Ich wurde somit ins kalte Wasser geworfen und musste von Beginn an die ganze Arbeit mit Johann Heer allein stemmen. Das waren fünf intensive Jahre, in denen ich viel gelernt habe. Jetzt sind wir zu viert und können die Arbeit auf mehrere Schultern verteilen.

Was macht Ihnen an der politischen Arbeit Spaß?

An den politischen Aufgaben macht mir Spaß, dass ich gestalten kann in meinem direkten lokalen Umfeld. Bei Bauvorhaben entscheide ich mit und sehe dann irgendwann mal das Ergebnis. Außerdem sehe ich die Arbeit im Gemeinderat und Kreistag wie meinen früheren Mannschaftssport Handball. Man bekämpft sich eine Stunde lang auf dem Spielfeld und nach Abpfiff hat man mit dem Gegner gemeinsam im Foyer ein Bier getrunken. So ist es auch in der Politik. Man streitet in der Sache, danach sitzt man im Ratskeller zusammen.

Sie wollten eigentlich nicht in den Gemeinderat, Sie wollten auch von sich aus nicht MTV-Chef werden. Was, wenn Sie demnächst jemand fragt, ob Sie Oberbürgermeister werden wollen?

(lacht herzhaft) Dieses Amt strebe ich garantiert nicht an und würde mich auch nicht zur Wahl stellen. Egal, wie sehr man mich bitten würde. Erstens bin ich jetzt 52 und der amtierende OB regiert noch sieben Jahre. Mit 59 wird man garantiert nicht zum ersten Mal OB. Auch bin ich vom Wissen her zu wenig Verwaltungsmensch. Außerdem hat ein OB nur gewisse Gestaltungs- und Entscheidungsgrenzen, denn bei den ganz großen Themen liegt die letzte Entscheidung immer beim Gemeinderat wie gerade erst geschehen. Der OB wollte mit dem Weihnachtsmarkt lieber ins Schloss, der Gemeinderat hat jedoch für den Marktplatz gestimmt.

Die Entscheidung zum Weihnachtsmarkt wird von den Bürgern sehr kontrovers diskutiert. Für welche Variante haben Sie gestimmt und warum?

Wir als FDP haben uns für den Marktplatz als Standort entschieden. Uns war zuerst einmal wichtig, dass der Weihnachtsmarkt überhaupt stattfinden kann, nachdem alle anderen Events wie Pferdemarkt, Brauttage, Venezianische Messe, Weinlaube abgesagt wurden. Das Hauptargument für den Marktplatz von mir und vielen anderen Gemeinderäten war, dass der Weihnachtsmarkt im Schlossgarten nur zwei Wochen möglich gewesen wäre, weil Volker Kugel sein eigenes Programm bis einschließlich 6. Dezember verlängert hat. Ich habe zuvor mit vielen Händlern vom Weihnachtsmarkt gesprochen, die ganz klar signalisiert haben, dass sich zwei Wochen für sie nicht lohnen. Natürlich hätte ein Weihnachtsmarkt im Schlossgarten großen Charme gehabt, aber wir würden dadurch eine Parallelwelt zur Innenstadt aufbauen, was ebenfalls kontraproduktiv wäre. Aber jetzt müssen wir erstmal abwarten, ob es nicht doch zu einer zweiten Corona-Welle kommt und wir den Weihnachtsmarkt dann überhaupt noch stattfinden lassen dürfen.

Während die Entscheidung zum Weihnachtsmarkt eher deutlich ausfiel, kam es bei der Abstimmung zur Auflösung der noch verbliebenen elf Parkplätze in der Myliusstraße nach der Abstimmung im Ausschuss auch im Gemeinderat zu einem Patt. Wie kam das Thema überhaupt in den Gemeinderat?

Das war ein Antrag der Grünen. Der Gemeinderat umfasst mit dem OB 41 Stimmen und das Ergebnis war 20 zu 20 bei einer Stimme Enthaltung. Enthalten hat sich ausgerechnet Grünen-Unterstützer Hayrettin Dogan vom Bündnis für Vielfalt, der sich zuvor genau informiert hat. Das Hauptargument der Grünen für die Abschaffung der Parkplätze war das schlechte Durchkommen der Busse und die daraus entstehenden Verspätungen, weil die Straße vor 20 Jahren viel zu eng gebaut wurde. Herr Dogan hatte mit den Busfahrern geredet und die hatten ihm eine neue Sicht der Dinge vermittelt.

Die da wäre?

Die Busse kommen nicht wegen der elf Parkplätze nicht durch, sondern weil die Lieferwägen für die Geschäfte oder die von DHL, Hermes etc. immer in zweiter Reihe parken. Und das würden die auch dann tun, wenn die Parkplätze weg wären. CDU, Freie Wähler, FDP und auch die Stadt waren dafür, die Parkplätze zu erhalten. In der Myliusstraße gibt es viele Ärzte, Apotheken, einen Optiker, ein Sanitätsgeschäft, die auch von vielen älteren Menschen aufgesucht werden. Die müssen doch irgendwo parken können. Die nächsten Parkhäuser sind einfach zu weit weg für eine Person, die vielleicht am Rollator läuft oder wie auch immer eingeschränkt ist.

Zurück nochmals zum OB. Die FDP hat sich bei der Oberbürgermeisterwahl neutral verhalten. Wie zufrieden sind Sie mit dem neuen OB Knecht?

Wir waren neutral, weil wir mit OB Spec sehr gut zurechtgekommen sind und er in der Vergangenheit gute Arbeit geleistet hat, auch wenn er im Umgang nicht immer einfach war. Werner Spec war ein absoluter Macher, manchmal vielleicht ein Quäntchen zu viel. Aber die Stadt lebt, es ist richtig was los, das ist durchaus sein Verdienst. OB Knecht kam jetzt leider Corona dazwischen, er muss Geld sparen. Dennoch präsentiert er sich bislang gut. Er ist ein ganz anderer Typ, menschlicher, nahbarer, umgänglicher.

Im Gemeinderat sitzen inzwischen viele neue Gesichter. Was hat sich zu früher verändert?

Da ich selbst erst seit 2014 dabei bin, kann ich das nicht so richtig beurteilen. Ich weiß, dass, seit einige Gemeinderäte, die gerne mal den alten OB so richtig angingen, weg sind, es wesentlich ruhiger zugeht. Verschoben hat sich die Anzahl der Gemeinderäte in den Fraktionen seit der letzten Wahl. Wir haben uns verdoppelt und dadurch etwas mehr Gewicht, die SPD hat sich verkleinert, CDU und Grüne haben sich vom Stimmenverhältnis gedreht, die Linke ist mit zwei Leuten immer noch dabei. Ich finde es auch gut, dass mit Hayrettin Dogan das Bündnis für Vielfalt vertreten ist und die Menschen mit Migrationshintergrund somit eine Stimme haben, die sie vertritt. Eventuell kommt es im nächsten Jahr durch die Bundestags- und Landtagswahl zu kleinen Stellungskämpfen bei uns im Gemeinderat, auch wenn das Thema eigentlich nicht in den Gemeinderat gehört. Warten wir es ab.

Zuletzt noch eine Frage an den Physiotherapeuten: Wie stark spüren Sie Corona in Ihrer Praxis?

Der Zulauf ist zurückgegangen und es ist ruhiger geworden in der Praxis. Es gibt doch viele Patienten, die noch immer Angst haben und lieber daheimbleiben, wenn es der Gesundheitszustand zulässt. Wir arbeiten unter den vorgeschriebenen Sicherheitsbedingungen, was bedeutet, dass Therapeuten und Patienten eine Maske tragen. Das macht zwar keinen Spaß bei diesen Temperaturen, ist aber unerlässlich. Ich bin ja froh und dankbar, dass ich überhaupt arbeiten darf, denn viele andere Menschen sind in Kurzarbeit oder haben ihren Job komplett verloren.

Hatten Sie seit dem Lockdown Existenzängste?

Wenn man 25 Jahre eine Praxis betreibt, dann erlebt man immer mal wieder unterschiedliche Wellen, auch wenn in der Krankengymnastik eigentlich immer was los ist. Kritischer ist es mit der Osteopathie, die wirtschaftlich für die Praxis sehr wichtig, aber keine Kassenleistung ist, sondern von den Patienten privat finanziert werden muss. Wenn man über einen gewissen Zeitraum nur 20 Prozent seiner üblichen Patienten hat, denkt man schon mal kurz darüber nach was passiert, wenn das jetzt so bleibt. Als Existenzangst würde ich meine Gefühle jedoch nicht bezeichnen, das Wort Demut beschreibt sie besser.

Herr Eisele, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Harald Glööckler: Der Designer krönt Ludwigsburg mit seiner Kunst

Der Meister ist zurück im Ländle. Genauer gesagt, kommt Multitalent Harald Glööckler in die herrliche Barockstadt Ludwigsburg. Doch der erfolgreichen Designer, dessen Label eine goldene Krone ziert, hält nicht etwa Hof im Schloss, wie man vermuten könnte. Den „Prince of Pompöös“ zieht es ins Kunsthaus Watzl, wo der 55-Jährige seine neuesten Werke ausstellt. Denn Harald Glööckler designt nicht nur Mode, Schmuck, Lampen oder Tapeten, er malt auch schon seit 1997, vorwiegend abstrakt. Seine Originalbilder werden verkauft zwischen 6.000 Euro bis zu 50.000 Euro. Für den Feinst- und Künstlerpapierspezialisten Römerturm hat der gebürtige Baden-Württemberger jetzt exklusiv 20 farbenfrohe Werke mit barocken Elementen kreiert, die alle von ihm handsigniert und jeweils auf 200 Stück limitiert sind. „Die Gemälde habe ich mit Römerturm im hochwertigen Printverfahren machen lassen. Sie sind so wunderschön geworden, so dass man den Eindruck hat, man schaut auf ein gemaltes Aquarell. Die Motive sind wild und leidenschaftlich, aber auch romantisch. Ich wollte Kunstdrucke machen, die bezahlbar und für jedermann erschwinglich sind“, begründet Glööckler die Entscheidung, seine Werke erstmals auf hochwertiges Echt Büttenpapier zu drucken. Die FineArtprints-Kunstwerke, die Römerturm jetzt in Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Watzl präsentiert, können vom 23. bis 26. Juli bei den Kunsttagen im Kunsthaus Watzl bestaunt und auch gekauft werden. Zuvor sprach der kreative Modeschöpfer und Maler mit Ludwigsburg24 über Kunst, Corona und das Leben.

 

Herr Glööckler, werden Sie persönlich zu den Kunsttagen im Kunsthaus Watzl kommen?

Nein, ich werde nicht kommen, denn Corona ist noch nicht vorbei. Wir haben für den Herbst noch eine größere Veranstaltung in einer entsprechenden Location geplant, bei der ich dabei sein werde. Ich hatte für dieses Jahr fünfzehn Vernissagen geplant, die nun leider alle erst einmal verschoben sind. Im Kunsthaus Watzl kann man jetzt zum ersten Mal alle Drucke von mir sehen.

Wie haben Sie die Corona-Krise bislang überstanden?

Diese Zeit habe ich wunderbar überstanden. Wenn man so will, habe ich von klein auf Corona, immer eine andere Krise. Es fing schon in der Kindheit mit einem gewalttätigen Vater an. Das war wie Krieg. Deshalb habe ich auch während des Lockdowns mein Buch geschrieben: „Krise als Chance -Erfolgreich in die Zukunft!“, das übrigens gerade von Amazon zum Bestseller gekürt wurde. Dazu können Sie mich jetzt auch als Coach buchen. Alles hat etwas Gutes und ich denke, dank Corona hat man vieles klarer gesehen. Man hat plötzlich erkannt, was Fake und was echt ist. Man hat die Spreu vom Weizen getrennt.

Haben Sie während des Lockdowns nichts vermisst, etwa soziale Kontakte, Unternehmungen, Partys?

Ach, wissen Sie, viele Leute haben immer davon geträumt, von Zuhause aus zu arbeiten. Dann fiel allen nach einer Woche Lockdown schon die Decke auf den Kopf, weil sie nicht raus konnten. Wir waren schon sehr früh in Isolation und sind es eigentlich immer noch. Gelegentlich haben wir jetzt mal Besuch, allerdings immer nur im Garten. Ins Haus lassen wir noch niemanden. Ich könnte noch vier Jahre wie Buddha unterm Baum sitzen, ohne dass mir langweilig werden würde, denn ich habe so viel in mir und so viel mit mir zu tun, so viel nachzudenken über Gott und die Welt oder Bücher zu schreiben. Während des Lockdowns habe ich fünfzehn neue Lizenzen gemacht, u.a. für einen Corona-Song, eine Latex-, sowie eine Strickkollektion, für Hundehalsbänder, Hundefutter, Trolleys, Gin. Bald gibt es auch Pompöös-Maultaschen mit weißem Trüffel zu kaufen. Die werden Ihnen in der Dose geliefert und Sie müssen sie nur noch erwärmen.

Sie designen Mode und Häuser, Vasen und Tapten, Sie malen und schreiben Bücher – ein bunter Strauß an Kreativität. Stehen Sie morgens auf und lassen Ihrer Kreativität freien Lauf und machen je nach Stimmung das, was Ihnen gerade reinläuft oder haben Sie einen durchstrukturierten Tag?

Ich bin sehr diszipliniert und extrem strukturiert. Mich nervt es auch, wenn etwas nicht strukturiert ist, ich brauche Struktur. Egal; wann ich ins Bett gehe, ich stehe jeden Morgen um 6.00 Uhr auf. Zuerst gehe ich mit meinem kleinen Hund in den Garten und meditiere. Nach einer halben Stunde gehe ich wieder ins Haus, denn dann bekommt mein Hund sein Futter und ich trinke mit meinem Mann einen Kaffee. Danach gehe ich nochmal kurz zum Meditieren in den Garten, danach starte ich mit der Bearbeitung von Emails und Social Media in den Tag. Zwischendrin gehe ich mal ins Bad, mache mich fertig, klebe mir falsche Wimpern auf.

Die Wimpern kleben Sie sich aber doch nur auf, wenn Sie auswärts Termine haben oder Besuch kommt…

Was denken Sie, die klebe ich mir auch auf, wenn ich nur zuhause bin. Man darf sich schließlich nicht gehen lassen. Das habe ich auch beim Lockdown gemerkt. Wenn man sich gehen lässt, verliert man sich. Wenn man sich zurechtmacht, sitzt man gleich ganz anders am Frühstückstisch als im Schlafanzug und beginnt den Tag ganz anders, weil man weiß, dass man offiziell unterwegs ist. Natürlich habe ich auch mal Tage, an denen ich aufwache und der Rücken schmerzt oder ich habe einen Moralischen, aber dann lasse ich Musik laufen oder singe ein kleines Lied. Aber ich gebe mich weder dem Schmerz noch irgendeiner Stimmung hin. Das geht für mich gar nicht, denn zuerst kommt immer mein Programm.

Hat Kreativität nicht ein Eigenleben? Lässt sie sich disziplinieren?

Man muss sie disziplinieren, sonst gehört man zu den Künstlern, die nie fertig werden und unzuverlässig sind. Meiner Meinung nach schließen sich Disziplin und Kreativität nicht gegenseitig aus, die Behauptung ist nur eine Erfindung von faulen Leuten. Aber natürlich lege ich nicht in einem Plan fest, heute male ich, morgen designe ich, übermorgen schreibe ich ein Buch. Ich mache ständig irgendwas. Was, das ergibt sich von allein und geht fließend ineinander über. Da ich so viel mache, muss ich in der Lage sein, immer wieder zu switchen.

Beflügelt Sie das ständige Switchen?

Nein, es ist eine Notwendigkeit. Beflügelt werde ich durch besondere, schöne und großartige Dinge.

Was empfinden Sie beim Malen?

Wenn ich male, bin ich vollkommen in die Malerei vertieft. Ich male nicht, um mich zu entspannen, denn Malerei ist anstrengend, da es sich dabei um einen Schöpfungsprozess handelt, der mich durchaus erschöpft.

Ihr Haus in Kirchheim hängt voller Bilder, die allesamt von Ihnen geschaffen wurden? Warum hängen Sie sich keine anderen Künstler an die Wand. Gefällt Ihnen nichts?

Ein Bild bei mir daheim an der Wand wurde von einem anderen Künstler geschaffen. Das Motiv stammte von dem berühmten Maler Tizian aus der Renaissance und zeigt Tizians Tochter, wurde aber später von einem Maler aus dem Barock nachgemalt. Das Bild selbst ist gar nicht so wertvoll. Wertvoll dagegen ist der Original-Rahmen aus dem 17. Jahrhundert. Das Gemälde habe ich in einem Antiquitätengeschäft gesehen und es hat mich drei Jahre lang angeschaut und gerufen: Kauf mich! Also habe ich es letztlich gekauft. Andere Bilder brauche ich nicht, denn ich habe meine eigene Kunst, von der ich bald nicht mehr weiß, wo ich sie hinhängen soll.

Sie malen immer wieder Selbstporträts und stellen sich mal als König, als Kardinal oder auch als Zyklop dar. Wovon hängt das jeweilige Motiv ab?

Nur die modernen, abstrakten Selbstporträts habe ich gemalt. Die anderen sind meist eine Koproduktion. Ein Maler hat mich mal im Stil von Ludwig XIV porträtiert. Eigentlich wollte ich ihn alles allein machen lassen, aber er hatte wie viele andere ein Problem mit meinem Gesicht und den Händen. Er hat es nicht richtig getroffen. Ich habe ausgesehen wie der Mönch in ‚Im Namen der Rose“. Dann bin ich auf die Leiter gestiegen, habe seine Bleistiftskizze wegradiert und mich selbst gemalt. Aber normalerweise male ich nur modern, abstrakt, das ist mein Ding. Zwar habe ich auch schon mal klassische Orchideen gemalt, aber eigentlich habe ich nicht die Geduld zu warten, bis das Öl trocken ist.

Sie sind ein sehr anspruchsvoller, kritischer Mensch. Würden Sie von sich auch sagen, dass Sie pedantisch sind?

Das kommt immer auf den Betrachter an. Wer zuhause ein Messi ist, für den ist es pedantisch, wenn man einmal pro Monat die Wohnung rauswischt. Für manche ist mein Haushalt pedantisch. Sie finden bei mir kein Staubkorn, können jederzeit vom Boden essen und jede Schublade aufmachen. Ich nenne es einfach Ordnung und finde es nicht pedantisch, sondern notwendig. Und natürlich lege ich bei einem Porträt Wert aufs Detail und will, dass alles korrekt ist, sonst braucht man es erst gar nicht machen. So war das auch früher mit dem Schminken. Da habe ich letztlich auch selbst zum Pinsel gegriffen, weil es mir nicht gepasst hat, wie es gemacht wurde. Eigentlich mag ich keine Menschen, die denken, dass sie alles können. Dennoch ist es bei mir der Fall, weil ich eben vieles genauso gut oder besser kann. Wenn ich beurteilen will, ob eine Visagistin gut ist, dann muss ich eben zusehen, dass ich genauso viel Ahnung habe wie sie.

Aus welchen Bereichen halten Sie sich lieber raus?

Ein Auto montieren oder reparieren könnte ich nicht. Nicht, weil ich zu blöd dafür wäre, sondern weil ich es nicht gelernt und auch kein Interesse daran habe. Aber man muss nicht alles können. Und wenn ich keine Ahnung davon habe, lasse ich auch die Finger davon.

Was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal gar nichts tun?

Entweder meditiere ich, um meinen Kopf zu leeren oder ich lese etwas, höre ein Hörbuch. Irgendetwas passiert eigentlich immer. Das Wichtigste ist, seine Gedanken im Griff zu haben und in die richtige Spur zu kommen bzw. dort zu bleiben. Wir sind emotional geprägt von Eltern und Großeltern, die uns die Welt aus ihrer Sicht erklärt haben. Irgendwann muss man sich fragen, ob das auch die eigene Weltanschauung ist und gegebenenfalls bereit sein, die Reset-Taste zu drücken.

Sie haben länger in Berlin gelebt und sind vor einiger Zeit nach Kirchheim an der Weinstraße gezogen. Sind Sie mehr der Land- als Stadt-Typ?

Ich habe die Ruhe gesucht und in Kirchheim einen sehr schönen Platz gefunden. Natürlich gibt es in der Stadt viele Möglichkeiten, die man auf dem Land nicht hat. Aber ich bin von hier aus in zwanzig Minuten in Mannheim, in einer Stunde in Frankfurt. Mir wurde die Stadt irgendwann zu laut. Ich musste die Klingeln alle abstellen, da Tag und Nacht bei mir geklingelt wurde. Teils standen die Menschen vorm Haus und haben gewartet, dass ich rauskomme. Auf der Straße oder im Café wurde ich ständig angesprochen, fotografiert, um Autogramme gebeten. Das ist per se auch alles in Ordnung, aber ich wollte auch mal Ruhe haben und die habe ich jetzt hier gefunden. Das Grundstück ist nicht einsehbar und ich bin hier innerhalb meines Anwesens absolut ungestört. Außer den Eichhörnchen, den Vögeln und meinem Hund sieht mich niemand. Ich genieße das total.

Warum sind Sie gerade nach Kirchheim gezogen?

Im Internet habe ich diese Villa entdeckt, die ich sofort wunderschön fand. Bei der Besichtigung habe ich festgestellt, dass man hier in der pfälzischen Toskana lebt. Wir haben Palmen im Garten, Kamelien, Feigen, Bananen, Maulbeerbäume. Er ist hier alles sehr südlich, immer ein paar Grad wärmer. Es ist so wie in Italien. Das hat mir gefallen. Wenn man in Süddeutschland geboren ist, dann hat man irgendwann den Wunsch, dorthin zurückzukommen. Es ist im Süden Deutschlands doch anders als im Norden. Berlin ist eine tolle Stadt. Ich mag auch die Menschen dort. Aber trotzdem ist im Süden alles anders, der Umgangston ist nett und freundlich, weniger burschikos.

Das klingt so, als säßen Sie jetzt mitten im Paradies…

Wissen Sie, es ist so paradox. Als ich aus Berlin wegzog, hat man den Kopf geschüttelt und Unverständnis geäußert, dass ich meine schöne, 2.000 Quadratmeter große Wohnung aufgegeben habe, um aufs Land zu ziehen. Jetzt während der Corona-Krise wurde mir vorgehalten: „Sie können den Lockdown ja gut aushalten, Sie haben es gut, Sie haben ja schließlich einen Garten.“ Schon verrückt, für was man sich so alles rechtfertigen muss.

In Ihre schwäbische Heimat wollten Sie nicht zurück?

Nein, ich dachte eine kleine Distanz wäre besser. Es ist nicht immer gut zu seinen Anfängen zurückzukehren. Man sagt ja bekanntlich: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Nein, Spaß beiseite. Es hat sich einfach so ergeben und dazu habe ich festgestellt, dass nur zehn Minuten von Kirchheim entfernt der Geburtsort meines Mannes liegt. Dort leben seine Schwestern und seine Töchter. Dann dachte ich mir, dass er so seine Enkelkinder aufwachsen sieht. Das ist doch schön.

Haben Sie noch Verbindungen ins Schwabenland?

Langjährige Freunde habe ich unter anderem in Ludwigsburg, zu denen ich auch Kontakt halte, teils auch Freunde aus Jugend- und Schultagen. Aber wir telefonieren nicht täglich, sondern nur gelegentlich. Es ist nicht ganz einfach, wenn man so einen Weg geht wie ich. Viele Menschen kommen da nicht mit, weil sie auf einem anderen Punkt stehenbleiben. Deshalb verliert man den einen oder anderen auf seinem Weg. Dafür kommen wieder andere Menschen hinzu. Das ist halt so im Leben.

Herr Glööckler, eine letzte Frage: Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Glücklichsein ist so ein großes Wort. Ich glaube, wir sind alle mal glücklich und mal unglücklich. Unterm Strich gesehen, habe ich ein sehr spannendes, interessantes Leben und bin sehr zufrieden damit, wie mein Leben bisher verlaufen ist. Eigentlich ist das doch eine gute Definition von Glück.

Herr Glööckler, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Patricia Leßnerkraus

“Mit einer Million wären wir gut aufgestellt” – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Burkhard Metzger

Gerade erst ist Burkhard Metzger mit seiner Frau von einem Bootsurlaub vor der Küste Kroatiens zurückgekehrt. Dort hat er sich nicht nur von seinem fordernden Job als Polizeipräsident erholt, sondern er hat auch Kraft getankt für seine ehrenamtlichen Sonderaufgaben. Denn am 18. Juli auf der Jahreshauptversammlung in Bruchsal soll der 59-Jährige zunächst für drei Jahre zum Präsidenten der Landesverkehrswacht gewählt werden, deren Landesgeschäftsstelle mit einem hauptamtlichen Geschäftsführer und mehreren Mitarbeitern sich in Stuttgart befindet. Ziel der Landesverkehrswacht ist, für mehr Sicherheit im Straßenverkehr zu sorgen. Dafür und mit einer Menge neuer Ideen im Gepäck tritt auch Burkhard Metzger als neuer Präsident an.

Herr Metzger, fast jeder kennt die Landesverkehrswacht dem Namen nach, aber nicht alle wissen, was sich genau dahinter verbirgt.

Vor rund 70 Jahren wurde die Landesverkehrswacht als gemeinnütziger Verein in Baden-Württemberg gegründet und derzeit engagieren sich rund 7000 Mitglieder in 56 Kreis-, Gebiets- und Ortsverkehrswachten ehrenamtlich für mehr Verkehrssicherheit. Momentan sind wir aktiv im Bereich Kindergarten- und Schulkinder für eine sichere Verkehrsteilnahme als Fußgänger. Wir leisten unseren Beitrag in Kooperation mit der Polizei bei der Fahrradausbildung. Die Verkehrswachten betreiben in der Regel hierbei die Jugendverkehrsschulen sowie Fahrradübungsplätze, die Polizei stellt die Moderatoren für die Fahrradausbildung, so dass jedes Kind in der vierten Klasse seinen Fahrradführerschein machen kann. Dazu kommen Schulbustrainings, meist auch in Kooperation mit der Polizei. Dabei lernen die Kinder richtiges Verhalten im Bus und an der Haltestelle und wir bilden große und kleine Schülerlotsen aus.

Wie profitieren erwachsene Verkehrsteilnehmer von der Landesverkehrswacht?

Erwachsene können bei uns Sicherheitstrainings beispielsweise für PKWs oder das Motorrad machen, sogar für LKWS gibt es in Baden-Württemberg einen Platz. Inzwischen bieten wir auch Pedelec-Trainings an. Wir veranstalten Verkehrssicherheitstage, aber nicht nur rein für Erwachsene, sondern wir gehen damit auch in Schulen. Es geht um Informationen rund um den Fahrradhelm, man kann den Auto-Überschlagsimulator testen, man kann eine Rauschbrille aufsetzen, um in einem Parcours zu erleben, wie sich das Sicht- und Wahrnehmungsvermögen durch Alkohol verändert. Für Senioren bieten wir ein Training mit dem Rollator an, denn es will geübt sein, wie man im öffentlichen Verkehr über einen Bordstein kommt, wie man eine Rolltreppe hochfährt, wie man mit dem Rollator in Bus oder Bahn einsteigt. Außerdem beraten wir Senioren noch zu dem sensiblen Thema sichere Verkehrsteilnahme im Alter. Da arbeiten wir zum Beispiel mit dem Apothekerverband zusammen, der aufklärt, welchen Einfluss Medikamente aufs Fahrverhalten haben. Und wir beraten die Senioren außerdem über den Wert von Fahrerassistenzsystemen zur Gefahrenvermeidung, wie beispielsweise über die Vorteile einer Rückfahrkamera, die unterstützt, wenn man sich nicht mehr so drehen kann wie in jungen Jahren.

Welche konkreten Aufgaben haben Sie als künftiger Präsident?

Seit 1. April bin ich bereits vom Vorstand der Landesverkehrswacht umfangreich mit Leitungsaufgaben bevollmächtigt und habe die verwaiste Geschäftsstelle zuerst einmal mit kompetentem Personal bestückt. Da die Landesverkehrswacht etwas in die Jahre gekommen ist und ein sehr großer Teil unserer Mitglieder schon über 70 Jahre alt sind, werde ich mich für einen Generationenwechsel einsetzen. Ich habe ein paar Ideen, wie man die Landesverkehrswacht für die Zukunft ausrichtet und sie auch wieder mehr in den Fokus der Öffentlichkeit rückt.

Verraten Sie doch bitte ein paar Ihrer Ideen.

Ich würde gerne zielgruppenorientierter arbeiten. Bei den Kindern möchte ich einsteigen und sie spielerisch ans Verkehrsgeschehen heranführen anhand von Parcours mit Bobby Cars oder kleinen Elektroautos. Das wollen wir gerne als Veranstaltungsausstattung in allen Regierungsbezirken bereitstellen, vielleicht auch noch Hüpfburgen mit unserem Emblem drauf, so dass man die Kinder auf Veranstaltungen für unser Thema interessieren kann. Gerne würde ich eine landesweite Aktion „Sicher zu Fuß zur Schule“ anstoßen. Dadurch soll den Kindern Verkehrskompetenz vermittelt, aber zugleich auch das Helikopterverhalten mancher Eltern eingeschränkt werden. Die Schülerlotsenausbildung soll intensiviert werden, um die Lotsen hinterher auch gezielt in Projekte zu integrieren. Außerdem würde ich gerne eine Jugendorganisation innerhalb der Landesverkehrswacht bilden, wofür junge Menschen gezielt in Workshops ausgebildet werden sollen, sich bei Gleichaltrigen gegen Verkehrsgefahren wie Raserei, riskantes Überholen etc.  einzusetzen. Ich stelle mir vor, dass diejenigen, die sich ausbilden lassen, eine Urkunde bekommen, die jeder Bewerbung als Beleg für soziales Engagement beigefügt werden kann.

Das heißt, Sie konzentrieren sich vor allem auf die Kinder- und Jugendarbeit?

Ebenso möchten wir – mein Konzept ist mit dem Vorstand abgestimmt – die E-Mobilität fördern, also nachhaltige Fortbewegungsweisen. Das Pedelec-Training soll ebenfalls intensiviert werden, dazu werden wir noch E-Scooter ins Programm aufnehmen und dafür Instruktoren ausbilden. Wir unterstützen seit wenigen Wochen die Initiative „Motorrad-Lärm“, die das Verkehrsministerium für rund 100 teilnehmende Landkreise und Kommunen bündelt. Da wir ja auch Motorrad- Sicherheitstrainings machen, werden wir den Aspekt rücksichtsvolles Fahren künftig in diese Trainings einbinden. Bei den Senioren wollen wir die Angehörigenberatung angehen zu so typischen Problemen, wie man sich als Angehöriger am besten verhält, wenn ein älteres Familienmitglied den Führerschein nicht abgeben will und man sich ständig Sorgen macht, dass etwas passiert.

Sie sind als Polizeipräsident von Ludwigsburg und Böblingen eigentlich ausgelastet. Warum bürden Sie sich dieses aufwendige Ehrenamt noch auf?

Langweilig ist es mir in der Tat in meinem Alltagsgeschäft nicht. Aber meine aktive Amtszeit ist begrenzt, für die Landesverkehrswacht würde ich anschließend aber immer noch tätig sein. Deswegen ist das jetzt ein guter Zeitpunkt, um in dieses Amt einzusteigen. Zudem liegt das Thema Verkehrssicherheit auch im Interesse des Landes. Aber ich gebe natürlich zu, dass das neue Amt sehr viel Arbeit mit sich bringt, die ich in der Regel am Wochenende bewältige, auch ohne schon gewählt zu sein. Ich gehe bereits viele Projekte an, unter anderem auch die Finanzierung, die durch Corona nicht leichter geworden ist.

Wie hat Ihre Frau auf die zusätzliche Arbeit durch das neue Amt reagiert?

Meine Frau unterstützt mich in meinen neuen Aufgaben und macht quasi das Präsidialsekretariat für die Landesverkehrswacht. Es macht uns beiden großen Spaß, eine solche Organisation weiter aufzubauen, weil man dadurch in der Gesellschaft sehr viel bewegen kann. Eine weitere Motivation ist das Bewusstsein, dass diese Präventionsarbeit sehr wichtig ist, denn als Polizist habe ich leider schon mehr als einmal Angehörigen eine Todesnachricht überbringen müssen. Von daher weiß ich nur zu gut, welche Belastungen das für Familien mit sich bringt, vor allem, wenn Kinder betroffen sind. Das ist fast nicht auszuhalten. Solche schrecklichen Ereignisse zu verhindern, ist aller Ehren wert. Für mich ist alles rund um den Verkehr ein absolutes Herzensthema.

Wie würden Sie sich selbst als Autofahrer beschreiben?

In der Zwischenzeit bin ich ein Fahrer, der sich freut, wenn er es ruhig angehen lassen kann. Früher bin ich durchaus auch mal schneller gefahren. Am liebsten bin ich allerdings mit meinem Pedelec unterwegs.

Sie haben gerade eben gesagt, dass die Finanzierung der Landesverkehrswacht schwieriger geworden ist. Woher beziehen Sie die notwendigen Gelder?

Ein Teil unserer Finanzierung kommt aus staatlicher Förderung, der andere Teil setzt sich aus Spenden und Bußgeldzuweisungen zusammen. Aber das reicht leider hinten und vorne nicht. Deshalb mache ich mir gerade intensive Gedanken, wie und wo ich nachhaltige Förderquellen für unsere zukünftige Arbeit auftue.

Was benötigen Sie jährlich mindestens an Geld, um Ihre Projekte alle umsetzen zu können?

Mit einer Million Euro wären wir gut aufgestellt. Zur Verfügung stehen uns derzeit jährlich zirka 200.000 Euro. 150.000 Euro bekommen wir vom Verkehrsministerium, 10.000 Euro sind Mitgliedsbeiträge, der Rest setzt sich zusammen aus Spenden und Bußgeldzuweisungen. Hier ist also noch eine gewaltige Steigerung drin. Ich denke über Fördermitgliedschaften nach, ebenso über große Unternehmen als langfristige Unterstützer.

Glauben Sie, dass Sie das trotz Corona schaffen werden?

Ich hoffe es sehr. Dennoch machen mir die Auswirkungen von Corona generell große Sorgen. Wir müssen mit einer Milliardenschuldenlast des Staates rechnen, die unbedingt wieder abgetragen werden muss. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, den Solidaritätszuschlag für einen Zeitraum von zehn Jahren in einen Corona-Zuschlag umzuwandeln, um von diesem riesigen Schuldenberg auch im Hinblick auf die nachfolgenden Generationen schnell wieder herunterzukommen.

Herr Metzger, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Patricia Leßnerkraus

„Eigentlich wollte ich Landschaftsgärtner werden“ – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Martin Hettich

Er führt 700 Mitarbeiter, machte 2019 einen Ertrag von rund 20 Millionen Euro und ist ein Chef zum Anfassen: Martin Hettich, Vorstandschef der 530.000 Mitglieder starken Sparda-Bank Baden-Württemberg mit Hauptsitz in Stuttgart. 38 Filialen zählte die Sparda-Bank vor dem Lockdown, jetzt wo die Banken wieder öffnen dürfen, hat sich Martin Hettich schweren Herzens von einer trennen müssen. An seiner Ludwigsburger Zweigstelle, einer der größten, die mit 14 Mitarbeiter 50.000 Kunden betreut, hält der Spitzenbanker auf alle Fälle fest, wie er im Interview mit Ludwigsburg24 verrät.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Hettich, Ihre Ludwigsburger Zweigstelle feiert in diesem Jahr 25-jähriges Jubiläum. Wie zufrieden sind Sie mit dem Standort Ludwigsburg?

Ludwigsburg ist eine unserer ersten und neben Freiburg und Ulm eine der größten Filialen im Ländle. Die Filiale hat sich gut entwickelt, wird täglich stark frequentiert und hat ihren Bestand in den 25 Jahren rund verzehnfacht. Die Kollegen vor Ort betreuen ein großes Kundenvolumen, sind sehr stark involviert in das Thema Baufinanzierung und haben auf diesem Gebiet ein gutes Standing. Wir haben ein leistungsstarkes Team in Ludwigsburg und ich muss sagen, dort einen Standort zu eröffnen ist rückblickend eine sehr erfolgreiche Entscheidung gewesen.

Das heißt, Sie werden auch weiterhin auf Ludwigsburg zählen?

Wir zählen absolut auf den Standort Ludwigsburg und die Region! Den Kornwestheimer Kundenstamm deckt Ludwigsburg durch die enge räumliche Anbindung mit ab. Ludwigsburg ist eine Filiale mit der Perspektive, dauerhaft Nutzen zu erzeugen und wichtiger noch, mit den Kunden im direkten Kontakt zu sein.

Sie unterstützen in Ludwigsburg Events wie das Straßenmusikfestival. Dieses Jahr müssen jedoch alle großen Events abgesagt werden. Wie sehr schmerzt das?

Das schmerzt natürlich sehr, weil ein super Jahr vor uns lag mit rund 600 Projekten, die wir fördern u.a. auch in Schulen oder Kitas in ganz Baden-Württemberg. Jetzt wirken natürlich unsere Impulse, vor allem was die Veranstaltungen angeht, nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir bedauern auch sehr, dass durch die vielen Absagen der großen Events der Mehrwert für unsere Sparda-Kunden wegfällt, vergünstigte Eintrittspreise oder eine Überraschung vor Ort erhalten zu können.

Was bedeutet das in der Praxis für Ihre Projektpartner?

Zu unserem Geschäftsmodell gehört, dass wir eine Bank sind, die in der Region Verantwortung trägt. Deswegen fördern wir die unterschiedlichsten Projekte über unseren Gewinnsparverein und über unsere Stiftungen. Trotz aller Absagen wegen Corona unterstützten wir auch in diesem Jahr unsere Projektpartner, vor allem, wenn sie für die Vorbereitung des geplanten Projekts schon Ausgaben hatten. Ihnen soll so wenig finanzieller Schaden wie möglich entstehen. Und selbstverständlich stehen wir auch im kommenden Jahr wieder als Partner zur Verfügung. Zusätzlich haben wir gerade eine neue Stiftung „Umwelt und Natur“ ins Leben gerufen. Sie ergänzt unsere Bildung- und Sozialstiftung, die Kunst- und Kulturstiftung und die Kinderturnstiftung als weitere Stiftung. Wir haben viele Ideen, wie wir Kinder, Jugendliche, junge Menschen helfen können, das Verständnis zur Natur, zur Umwelt, für das eigene Verhalten durch entsprechende Fördermaßnahmen und entsprechende Bildungs-.und Aufklärungsprojekte näher zu bringen und weiterzuentwickeln. Unser gemeinnütziges, soziales und ökologisches Engagement gehört auch weiterhin zu unserer Geschäftspolitik.

In Ludwigsburg engagieren Sie sich als Bank auch für den Sport, unterstützen vor allem die MHP-Riesen, die es dieses Jahr ins Finale um die Deutsche Meisterschaft geschafft haben. Erfüllt Sie das mit Stolz?

Wann immer es mein Zeitplan erlaubt, schaue ich bei den Spielen der MHP-Riesen vorbei und fiebere mit. Das Engagement für die MHP-Riesen liegt schon sehr lange zurück. Damals waren sie noch in der Rundsporthalle, heute haben sie ihre eigene Arena, dazu kommt der sportliche Erfolg. Auf diese tolle Entwicklung, übrigens auch dank eines guten Managements, sind wir schon stolz. Umso glücklicher macht es uns, die MHP Riesen bei dieser Entwicklung begleitet haben zu dürfen. Die Vizemeisterschaft ist eine sensationelle Leistung von Spielern, Trainer und Verein, vor allem wenn man die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mit den großen Vereinen wie Brose Bamberg oder Bayern München vergleicht. Worauf ich ebenfalls stolz bin und was mir auch immer sehr wichtig war, ist die Förderung der Basketball-Akademie. In diesem Jahr konnten tatsächlich einige der jungen Nachwuchsspieler auf diesem hohen Leistungsniveau im Endturnier mitspielen. Das ist super, so könnte es gerne weitergehen.

Vizemeister ist tatsächlich eine grandiose Leistung. Was hat Sie sonst noch in Ihrem Engagement bei den MHP-Riesen bestärkt.

Mir ist in dieser Saison besonders positiv aufgefallen, dass sehr viel Leidenschaft sowie Teamgeist in der Mannschaft steckt. Darauf legen wir als Genossenschaftsbank ebenfalls größten Wert im Umgang mit unseren Mitgliedern sowie Kunden, im Team mit den Mitarbeitern oder Führungskräften. Gerade auch diese beiden erwähnten Eigenschaften haben viel zum Erfolg beigetragen und die Chance ermöglicht, sich jetzt auf internationaler Bühne zu beweisen, wodurch wir natürlich auch unsere Markenwahrnehmung steigern.

Sie stehen für eine agile Unternehmensstruktur, das ist für eine Bank geradezu revolutionär. Haben Sie sich da etwas aus dem Sport abgeschaut?

Unternehmer orientieren sich am Mannschaftssport, denn die Leistung im Kundenkontakt, das gute Produkt, eine gute Serviceleistung und unsere Konditionen sowie Preise werden gemeinsam erzeugt. Bei uns arbeiten 700 Menschen, was die Verantwortung für möglicherweise 700 Familien bedeutet. Gleichzeitig tragen wir ebenso Verantwortung fürs Unternehmen sowie die Verantwortung, unseren Kunden etwas zu bieten, was uns leistungs- und wettbewerbsfähig macht. Und das alles entsteht nur im Team. Was nutzt es, wenn ich als Vorstand Vorgaben mache, die die Mitarbeiter nicht umsetzen können. Erfahrungsgemäß ist jeder Mensch dort am besten, wofür er eine Leidenschaft mitbringt, was kombiniert mit der Vernetzung der Mitarbeiter dann einen Mehrwert schafft.

Wie sieht Ihr Sparda-„Mannschaftssport“ in der Praxis aus?

Wir haben klassische Arbeitsteilung. In der Filiale wird beraten, hier in der Zentrale wird abgearbeitet, was beispielsweise im Kreditgeschäft anfällt. Das funktioniert nur, wenn die Teams aufeinander abgestimmt arbeiten, damit es keine Reibungsverluste gibt und Übergänge entstehen. Die erste Teamarbeit beginnt bereits in den Filialen. Nehmen wir Ludwigsburg mit dem Filialleiter Herrn Bley und 13 weiteren Kolleginnen und Kollegen. Jeder von ihnen hat seine Aufgabenstellungen innerhalb des Teams zu erledigen. Der eine Mitarbeiter ist eben perfekt im Schnellgeschäft und dem direkten Umgang mit dem Kunden, andere Mitarbeiter sind spezialisiert auf Anlageberatung oder Baufinanzierung. Es ist immer wichtig zu erkennen, was der Kunde genau wünscht und entsprechend übergibt man das an den jeweiligen Kollegen im Team. So erzeugen wir alle gemeinsam Leistung.

Sie legen großen Wert darauf, dass Ihre Mitarbeiter Leidenschaft und Freude an Ihrem Job haben. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Als ich 1979 meine Ausbildung begann und 1984 zur Sparda-Bank in Karlsruhe kam, war es so, dass ganz oben einer saß und sagte, wie es geht. Das wurde dann über die Linienfunktion einfach immer weitergegeben, bis es schließlich ganz unten ankam und ohne Hinterfragen umgesetzt wurde. Das hat sich zum Glück über die Jahre verändert, denn Menschen wollen sich entwickeln, sie wollen teilhaben, mitgestalten und auch mitverantworten. Insofern haben wir jetzt hier bei uns im Haus mehr und mehr Aufgaben so delegiert, dass in Teams Dinge je nach Stärke und Leidenschaft verteilt erledigt und eigenverantwortlich entwickelt werden.

Ist Ihnen dieser Prozess leichtgefallen?

Am Anfang ist es nicht so einfach, denn man gibt ja ab. Agil arbeiten wirft durchaus Fragen auf: Hätte ich es genauso gemacht? Ist es jetzt die Lösung, die ich präferiere? Ist es auch die richtige Lösung? Aber man kann dann wiederum auf die sogenannte Schwarmintelligenz bauen und darauf setzen, dass die Summe der Ideen, Gedanken, Anregungen und Lösungen von mehreren vielleicht doch besser sind als meine direkte, unmittelbare und eventuell engstirnigere Art zu entscheiden oder Dinge zu regeln. Und ich sage Ihnen ganz ehrlich: Wir sind vier Vorstände und jeder hat seine eigene Meinung zu dem Thema agile Unternehmenskultur. Dem einen Vorstand gefällt das, dem anderen eher weniger. Vertriebler sagen: Ja, machen wir. Der Controller, der eher klar strukturiert vorgeht, der hat mit Abweichungen eventuell seine Schwierigkeiten.

Ihren Führungsstil würden Sie kurz und knapp wie folgt definieren: Vertrauen schenken und eigenverantwortliches Arbeiten zulassen?

Ja, das stimmt so, aber es bewegt sich durchaus innerhalb von Leitplanken. Agilität wird oft verstanden als „Jeder kann alles.“ Das ist aber nicht so. Anfangs einigt man sich schon, in welchem Rahmen man sich bewegt, da weder Geld noch Ressourcen unendlich vorhanden sind. Auch die Regulatorik im Bankkontext – beispielsweise bei Kreditverträgen – stellt bestimmte Anforderungen. Aber es ist schon so, dass ich im Spannungsbogen lebe, Verantwortung zu übergeben und dann auch mit den Ergebnissen zurechtzukommen. Das setzt ein maximales Vertrauen voraus. Ich bin vom Typ her schon immer wieder stark nachfragend, kontrollierend, hinterfragend und als Spiegel mitdenkend. Das ist eine innere Spannung, mit der ich zurechtkommen muss.

Weshalb sind Sie bereit, diesen Spannungsbogen zuzulassen?

Mir selbst wurde in meinem Berufsleben auch immer Vertrauen geschenkt und ich durfte gestalten. Wir als Vorstände und Führungskräfte können die Arbeit nicht allein machen. Deshalb haben wir die agilen Arbeitsweisen und -methoden seit zweieinhalb Jahren so richtig initiiert, haben entsprechend die Arbeitsbereiche verändert und stellen fest, dass es den Menschen unheimlich gut tut, sich selber einzubringen und zu entwickeln. Wir haben viele Kolleginnen und Kollegen zu agilen Coaches ausgebildet, haben Methoden trainiert, damit sich bei allen auch im Kopf die Kultur verändert und in der Praxis umgesetzt werden kann. Das heißt, die Mitarbeiter müssen sich trauen, sich spontan zusammenzusetzen, hierarchische Strukturen zu durchbrechen, ad hoc übergreifende Arbeitsgruppen zu bilden, um Lösungen zu finden. Das muss alles angenommen und gelebt werden. Das ist in der kurzen Zeit noch nicht überall angekommen, aber wir sind auf einem guten Weg.

Sie wirken sehr offen und locker. Wie reagieren Sie, wenn mal was nicht so läuft wie vorgestellt?

Ja, ich bin schon locker, aber auch sehr genau und es fuchst mich schon, wenn es nicht funktioniert. Dann reagiere ich durchaus streng. Ich hole mir den entsprechenden Mitarbeiter zum Gespräch, gleiche ab und frage, wo wir die Abweichung vom Soll-Profil haben. Dann geht es mir darum, gemeinsam Lösungsansätze zu finden, um wieder zum Soll-Profil zu kommen. Oder aber ich muss erkennen, dass wir uns etwas vorgestellt haben, was nicht eins zu eins zu erreichen ist. Dann muss ich mit diesem Ergebnis leben.

Das heißt, Sie diskutieren auf der sachlichen Ebene über das Problem, aber Sie brüllen Ihren Ärger gegenüber dem Mitarbeiter nicht raus?

Ich brülle so gut wie nie. Aber es ist so, dass mich so einiges kümmert. In der Regel habe ich die Ruhe weg, aber wenn es mich total fuchst, kann ich mal lauter werden, wobei ich versuche, immer bei der Sache zu bleiben. Es gab aber durchaus schon Kollegen, die mir rückgespiegelt haben, dass ich mit meiner Kritik zu nah, zu direkt an ihnen dran war. Dann fällt es mir jedoch leicht, auf die betreffende Person zuzugehen und mich zu entschuldigen. Es ist doch wie im Sport, da müssen in manchen Situationen ebenfalls die Emotionen raus. Dann gibt es vielleicht kurz mal Ärger, aber danach rückt das Team wieder zusammen.

Wie oft müssen Sie Ihrem Ärger Luft machen?

Natürlich läuft bei uns noch nicht alles rund. Wenn ich jedoch merke, dass die Mitarbeiter wollen, sich den Herausforderungen stellen, offen und ehrlich mit mir diskutieren, auch rückkoppeln, dass ich mit meiner Meinung vielleicht auf dem falschen Weg bin, dann finden wir durchaus Lösungsansätze. Es geht doch vor allem darum, nach vorn zu schauen und zu einer Unterscheidung von anderen Wettbewerbern zu kommen. Damit der Kunde spüren kann, die Sparda-Bank Baden-Württemberg ist eine Spur direkter, einfacher in der Entscheidungsfindung, vielleicht auch in der Konditionierung besser, persönlicher, jederzeit erreichbar und vieles mehr. Wir müssen unseren Kunden in allen Bereichen eine gute Heimat bieten, das ist unser Auftrag. Letztendlich geht es immer um die Sache.

Sie sind ein Chef zum Anfassen…

Natürlich, denn ich komme ja selbst von ganz unten, bin 1984 als Filialleiter eingestiegen in der Sparda-Bank in Karlsruhe, hatte verschiedene Zwischenetappen, war dann Bereichsleiter für mehrere Filialen, war Generalbevollmächtigter. 2010 wurde ich Vorstand und 2014 schließlich Vorstandsvorsitzender. Ich bin sehr glücklich über diese Karriere und wollte auch nie zu einer anderen Bank, weil ich 1984 von diesem Sparda-Virus infiziert wurde. Ich fühle mich hier nachwievor sehr, sehr wohl. Doch die Nähe zu den Mitarbeitern nimmt ab, wenn Sie Vorstand werden. Sie können zwar ein Büro mit offener Tür haben, aber Sie sind natürlich Stück für Stück weiter weg. Als Filialleiter kannte ich alle Mitarbeiter, als Bereichsleiter mit zehn Filialen auch noch alle, da wurde es als Generalbevollmächtigter schon schwierig, als Vorstand noch schwieriger und als Vorstandsvorsitzender hat man dann am Ende des Tages hoffentlich noch Kontakt über alle Hierarchiestufen. Ich bin schon nahbar, allerdings ist meine Anwesenheit vor Ort durch meine Aufgaben und die vielen Auswärtstermine nur sehr eingeschränkt.

Fehlt Ihnen dieser direkte Kontakt?

Manchmal fehlt mir der direkte Kontakt schon. Es gibt einzelne Kontakte, die nie abgebrochen sind, weil es über die Zeitreise hinweg und durch die vielen verschiedenen Funktionen überall noch irgendwelche Kolleginnen und Kollegen gibt. Trifft man sich, redet man auch intensiver. Aber es ist nun mal ein Teil meiner Aufgabenstellung, dass ich mich nicht mehr um alles kümmern soll.

Sie haben sich nach Ihrer Banklehre und dem Wechsel zur Sparda-Bank vom einfachen Bankangestellten bis an die absolute Vorstandsspitze hochgearbeitet. Eine beachtliche Leistung. Ist heute ein solcher Werdegang ohne Studium überhaupt noch denkbar?

Mit 16 Jahren habe ich eine zweieinhalbjährige Ausbildung zum Bankkaufmann absolviert. Innerhalb des genossenschaftlichen Ausbildungswesens kann man sich nebenher in mehreren Aufbaustufen weiterbilden. Dabei werden verschiedene Themen verfestigt wie Rechnungswesen, Vermögensberatung, Steuern, Wirtschaftsrecht und am Ende mündet das Ganze im Bank-Diplom bei der Akademie Deutscher Genossenschaften. Es ist insofern ein nebenberufliches Studium mit der Qualifikation zur Ausübung meines jetzigen Jobs, aber ein klassisches Studium habe ich nicht absolviert. Um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Diese Ausbildung gibt es noch, aber meinen Weg heute so zu gehen, halte ich eher für schwierig. Die meisten unserer Auszubildenden entscheiden sich anschließend doch noch für ein klassisches Studium oder machen nebenher ein Studium an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.

In den 80er und 90er Jahren gab es noch viel mehr Spielraum für einen Karriereweg wie meinen. Und es gehört auch eine Portion Geduld dazu, um so weit zu kommen. Bei mir war die Verbindung mit der Bank auch immer ein Stück weit die Energie für die Geduld.

Was hat Sie als 16-Jähriger gereizt, eine Banklehre anzutreten?

Es war die schlichte Not, einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Es war eine Verlegenheitslösung, denn ursprünglich wollte ich Landschaftsgärtner werden, weshalb ich auch nie ans Abitur gedacht habe. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und hatte deshalb die Verbindung zu Tieren, zu Pflanzen, zur Natur. Als ich zehn war, stellten mir meine Eltern hinterm Haus ein kleines Eckchen vom Grundstück zur Verfügung gestellt, das ich bearbeiten durfte. Dort habe ich aus dem Kern raus Kirsch- und Pfirsichbäume und vieles mehr gezüchtet.

Warum sind Sie nicht bei Ihrem Wunschberuf geblieben, sondern haben sich für die Bank entschieden?

Als die Berufswahl anstand, wurde mir ein Unfall als achtjähriger Junge zum Verhängnis. Ich habe damals mein Gehör verloren und bin auf dem linken Ohr taub. Mein Ohrenarzt hat mir von dem Beruf als Landschaftsgärtner dringend abgeraten, weil ich in diesem Beruf mit großen, sehr lärmenden Baumaschinen zu tun gehabt hätte, was für das noch gesunde Ohr eine große Belastung mit möglichen Konsequenzen gewesen wäre. Also blieb nur noch die Dienstleistungsbranche als Berufswahl übrig. Ich habe mich dann bei Versicherungen, Banken, dem Finanzamt sowie IT-Dienstleistern beworben. Aber ich war mit meinen Bewerbungen zu spät dran, die meisten Lehrstellen waren bereits vergeben. Es kam eine Absage nach der anderen. Durch Zufall ist bei der örtlichen Raiffeisenbank ein Lehrling abgesprungen, so dass ich wegen meines guten Zeugnisses die Chance für ein Bewerbungsgespräch bekam und tatsächlich genommen wurde.

Was hat Ihnen in der Ausbildung so Spaß gemacht, dass sie danach dabeigeblieben sind und so eine Karriere hingelegt haben?

Mich hat die Erkenntnis überzeugt, dass man in diesem Beruf etwas gestalten kann, denn die Entwicklung von Menschen hat im übertragenen Sinn etwas mit aufbauen, mit pflanzen, mit fördern, mit gießen und düngen zu tun. Letztlich hat meine Leidenschaft meine erste Ausbildungspatin entfacht. Wir waren eine klassische Ein-Mann-Filiale auf dem Dorf und ich hatte keine Ahnung. Sie sagte zu mir: „Bub, ich zeig dir jetzt zwei Wochen lang wie es geht. In dieser Zeit hast du das so gelernt, dass du hinterher fit bist und alles allein kannst. Ich kümmere mich derweil um die Beratertätigkeit. Wenn ein Kunde ein interessantes Thema hat, dann holst du mich dazu und ich übernehme ihn.“ Ich hatte anfangs immer großen Bammel, ob die Kasse abends stimmt. Aber sie hat mir vertraut, mich gefordert und gefördert, und hat dadurch meine Leidenschaft für diesen Beruf geweckt. Das war mein großes Glück, denn schon 1984, als ich mich 1984 bei der Sparda-Bank bewarb, wurde ich sofort als Filialleiter eingestellt.

Stichwort Corona: Welche Auswirkungen hat Covid-19 für die Bank?

Corona ist ein einschneidendes Ereignis, das uns voraussichtlich dauerhaft beschäftigen wird. In der Bank habe ich positive Erfahrungen gemacht, weil die Mitarbeiter sich alle sehr flexibel gezeigt haben. Sie haben sich auf Wechselschichtbetrieb von morgens 5.00 Uhr bis abends 22.00 Uhr in festen Gruppen eingelassen, um mögliche Infektionsketten durchbrechen zu können. Auch haben sie schnell von stationärer auf mobile Arbeit umgeschaltet. Dadurch habe ich erfahren, dass wir als Unternehmen Prozesse haben, die mobil erledigt werden können, die wir aber noch nie genutzt haben. Ich bin sicher, dass unser Verständnis für mobile Arbeit durch Corona zugenommen hat. Ich bin ebenfalls sehr froh darüber, dass wir bislang nur fünf Infizierte hatten, die alle wieder gesund wurden. Wir hatten gut zu tun in den sechs Wochen des Shutdowns, obwohl unsere Filialen leider vier Wochen davon geschlossen waren. Im Call-Center hatten wir aufgrund vermehrter Anrufe Engpässe, aber durch unsere generelle Erreichbarkeit ein positives Feedback unserer Kunden. Wir konnten durch Videoberatung alle Bankgeschäfte von der Kontoeröffnung über die Baufinanzierung bis hin zur Anlageberatung beibehalten. Dennoch ist geschäftlich nicht absehbar, was die Corona-Krise für die Bank bedeutet, das wird sich im zweiten Halbjahr oder auch erst 2021 zeigen. Eventuell müssen wir mit einer größeren Arbeitslosigkeit rechnen, weil manche Firmen und Branchen regelrechte Alarmsignale senden.

Und was bedeutet die Corona-Krise für Sie und Ihre Familie?

Meiner Lebenspartnerin, meinen Kindern, meiner Enkelin und mir geht es zum Glück gut, wir sind alle gesund. Für mich persönlich hat es dazu geführt, dass viele Termine und Reisen weggefallen sind und ich plötzlich wieder Zeit hatte, dreimal pro Woche eine große Runde zu joggen. Die weggefallenen Reisen sind aber nicht tragisch, weil sich alles in Video- oder Telefonkonferenzen in der Hälfte der Zeit erledigen lässt. Manchmal fehlt mir die Bindung der persönlichen Kontakte und der persönlichen Konferenzen, und je länger diese Zeit der Videokonferenzen dauert, umso mehr gewinne ich den Eindruck, man verliert die Interaktion und Verbundenheit zu Menschen, weil es viel formaler zugeht.

Werden Sie für Ihr Berufsleben etwas aus der Corona-Zeit für sich mitnehmen?

Ja, ich werde Reisen ablehnen, bei denen die Reisezeit länger dauert als die Sitzung selbst. Wenn ich eine zweistündige Routine-Sitzung in Berlin habe, dafür aber sechs Stunden unterwegs bin, dann fordere ich in Zukunft entweder die Zusammenlegung von zwei Terminen für den Tag in Berlin ein oder die Umwandlung der Sitzung in eine Telefon- oder Videokonferenz. Ausgenommen sind natürlich Termine, für die ein persönliches Zusammentreffen wichtig ist. Ich stelle fest, dass das Verständnis für solche Entscheidungen wächst und auch durchaus andere Menschen diese Überlegungen anstellen. Das Thema mobiles Arbeiten werden wir künftig intensivieren, denn die Corona-Zeit hat gezeigt, dass es funktioniert. Wir werden unseren Mitarbeitern auch nach Corona das Vertrauen entgegenbringen, dass sie auch von Zuhause aus ihre Arbeit entsprechend zuverlässig und verantwortungsbewusst erledigen. Außerdem haben wir einige Arbeitsweisen neu entdeckt, die wir künftig nutzen möchten, beispielsweise interaktiv und digital am gleichen Thema zu arbeiten und es weiterzuentwickeln.

Wird sich für Ihre Kunden etwas ändern?

Mit unseren Kunden sind wir inzwischen mehr und mehr in digitaler Kommunikation, weil es von ihnen verstärkt gewünscht wird. Außerdem werden wir die eine oder andere einfache Serviceleistung, die bisher stationär, aber immer seltener genutzt wird, digitalisieren. Dazu gehört zum Beispiel die Einführung des digitalen Ausdrucksarchivs, in dem wir dem Kunden seine Auszüge zehn Jahre archivieren und er sie selbst bei Bedarf abrufen und ausdrucken kann. Wir haben die TEO-Banking-App fürs Smartphone eingeführt, mit der noch mehr Interaktion möglich ist. Dennoch möchte ich betonen, dass wir keine Internetbank sein wollen und weiterhin großen Wert auf den direkten Kontakt mit den Kunden legen und auf persönliche Nähe in unseren Filialen sowie mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Call-Centern setzen.

Wird es durch mehr Digitalisierung zum Filialen-Sterben kommen?

Nein, es wird nicht zum Filialen-Sterben kommen, gleichwohl die Branche Ertragsdruck hat durch die negative Zinslandschaft bei der EZBDas heißt, es gibt für Geld kein Entgelt, als keinen Zins mehr und das wird voraussichtlich leider noch jahrelang anhalten. Was bedeutet, dass man sich seine Filialpolitik ganz genau überlegen muss. Ich kann Genossenschaftsbanken und Sparkassen verstehen, die nach Corona ein Viertel oder gar Drittel ihrer Filialen nicht mehr öffnen, weil die Krise bewiesen hat, dass es auch ohne diese Filialen geht. Wir hatten in Baden-Württemberg vor der Krise 38 Filialen, jetzt haben wir 37 wieder aufgemacht. Bei einer einzigen Filiale in Karlsruhe haben wir uns dagegen entschieden, weil die nächste nur zwei Kilometer entfernt liegt. Das fünfköpfige Mitarbeiter-Team konnten wir aufteilen auf andere Filialen, so dass kein Mitarbeiter entlassen wurde. Aber jede Filiale, deren Mitvertrag ausläuft, wird auf dem Prüfstand stehen. Ob sie bleibt oder nicht, entscheiden die Kunden insofern mit, wie sie die Filiale frequentieren und mit der Bank Geschäfte machen.

Erstmals in der 124-jährigen Geschichte der Sparda-Bank müssen Ihre Kunden Kontoführungsgebühren zahlen. Ein Schock für viele, denn gerade das kostenfreie Konto war ein Plus und Unterscheidungsmerkmal für Ihre Bank. Warum haben Sie sich zu diesem einschneidenden Schritt entschieden?

Glauben Sie mir, wir haben uns diese Entscheidung alles andere als leicht gemacht und lange sowie intensiv über diesen Schritt nachgedacht. Wir haben seit der Finanzkrise eine zunehmende Regulierung.  Dadurch entstanden zunehmende IT-Kosten sowie Kosten und Aufbau für Personal, um diese Regulatorik beherrschen zu können. Dann haben wir die digitale Transformation, die zwar in großen Teilen hervorragend ist, aber zuerst muss man mal eine Menge an Geld in die Hand nehmen, um die Transformation umsetzen zu können, also um u.a. eine App zu produzieren, Online-Banking einzurichten, die IBAN-Realisierung vorzunehmen. Ein Girokonto zur Abwicklung des Zahlungsverkehrs, also der privaten Buchhaltung, war schon immer kostenintensiv bezüglich Technik und Personal sowie der Kosten für das Betreiben der Filiale. Die Aufwendung der Bank, für Kunden-Überweisungen per Abbuchung, Dauerauftrag oder Lastschrift digital und beleglos zu erledigen, haben wir bisher aus den Zinserträgen finanziert, die wir aber jetzt nicht mehr haben. Dazu kommt, dass die Menschen mittlerweile Leistungen sehr differenziert nutzen. Wer bei uns sein Girokonto hat, muss nicht zwangsläufig alle Angebote unserer Bank nutzen. Seit 2008 haben wir durch die Regulatorik jährlich 15 Millionen an Mehrkosten und sie werden weiter steigen, da neue Regulierungen hinzukommen. Unsere Kreditmarge dagegen ist von 3,5 % auf 1% gesunken, das heißt 2,5% sind futsch. Wir wollen derzeit eines definitiv nicht: Filialen schließen, Personal abbauen, Negativzins einführen, Verwahr-Entgelder einführen. Da blieb uns als einziger Spielraum die Einführung der Kontoführungsgebühr. Das ist ein gravierender Einschnitt in unsere Unternehmenspolitik, weil wir unser Steckenpferd Gebührenfreiheit aufgeben müssen. Diese Entscheidung ist mir persönlich sehr, sehr schwergefallen und ich habe seit letztem Sommer Monate mit mir gerungen. Aber ich sehe keine Besserung in der Zinspolitik und sage Ihnen auch, dass bei diesem Schuldenstand spätestens nach Corona die öffentlichen Haushalte keine Zinsen mehr zahlen können – weder Städte und Kommunen, noch das Land oder der Bund.

Wie ist die Einführung der Kontogebühren bei Ihren Kunden angekommen?

Die Kunden sind per Brief vor einigen Tagen informiert worden, die Mitgliedervertreter zehn Tage vorher. Wenn Kunden oder Vertreter mich persönlich anschreiben, nehme ich das zum Anlass für ein Telefonat, in dem ich unsere Entscheidung erkläre. Bis jetzt sind die Anrufe vom Aufwand und Umgangston her noch gut zu bewältigen. Die Reaktionen reichen von absolutem Unverständnis, weil es eine Gewohnheit, ein Selbstverständnis, ein genossenschaftlicher Wert war, bis hin zu Verständnis, weil es von einigen erwartet wurde. Dennoch gehen einige der Verständnisvollen jetzt zu einer Direktbank, weil ihnen die Gebühr zu hoch ist. So ungern wir uns für die Gebühr entschieden haben, sie ist leider alternativlos. Manchmal habe ich den Eindruck, dass einige Menschen ausblenden, in welch einer finanziellen Schieflage sich die Welt befindet. Wenn ein Staat seine Zinsen nicht mehr bezahlen kann oder vielmehr nur mit Nullzinsen operieren kann, dann ist etwas in Schieflage. Wenn Geld nichts wert ist, dann sind die ganzen Geschäftsmodelle, die an Geldverzinsung dranhängen, natürlich früher oder später weg. Deshalb müssen wir uns umorientieren und machen die Konten kostenpflichtig.

Was kostet ein Girokonto jetzt bei Ihnen?

Alle Konteninhaber bis zum 31. Geburtstag zahlen auch weiterhin nichts, damit wir für junge Leute als Bank attraktiv bleiben, denn im Altersbereich von sieben bis Ende zwanzig wird die Zukunft in den Geschäftsbeziehungen entschieden. Ab dem 31. Geburtstag berechnen wir für jeden Kunden pauschal 5 Euro pro Konto, die EC- sowie Master-Karte sind inkludiert und kosten somit nichts mehr. Das ist fair und transparent.

Zusätzliche Gebühren fallen nicht an, außer, wenn sich Kunden ihre Auszüge unbedingt zuschicken lassen wollen, dann berechnen wir ihnen das Porto. Und jeder Überweisungsbeleg, der in die Filialen gebracht wird, kostet pro Auftrag 1,50 Euro. Das wird kritisch betrachtet von denjenigen, die sich dem Online-Banking, den Apps wegen Sicherheitsbedenken verweigern. Weniger als 20 % der Überweisungen unserer Kunden landen in Papierform in den Bankbriefkästen, aber dafür müssen wir einen großen manuellen Aufwand betreiben und das muss eben künftig bezahlt werden. Häufig handelt es sich bei der beleghaften Buchung ganz oft um regelmäßige Zahlungen, die, werden sie in eine Lastschrift oder einen Dauerauftrag umgewandelt, sofort kostenfrei sind.

Fürchten Sie als Bank Konsequenzen?

Meiner Meinung nach werden drei Effekte entstehen. 1. Es wird ein Bewusstsein entstehen, dass ein Girokonto einer Sparda-Bank einen Wert und eine Leistung hat, die man bepreisen darf. 2. Die Menschen werden bewusster mit Konten umgehen, sie eher zusammenlegen. 3. Wir werden Kunden verlieren. Ich habe mit einem Kunden telefoniert, der hat nur ein Zahlungsverkehrskonto bei uns, seine Kinder lediglich die Zweitbankverbindungen für den Zahlungsverkehr. Ihm habe ich offen und ehrlich gesagt: „Wenn Sie die Bank verlassen, ist der Bank geholfen.“ Denn ein reines Zweitkonto verschafft der Genossenschaft Sparda-Bank Baden-Württemberg keinen Nutzen, vor allen Dingen nicht, wenn es nichts kostet. Wir haben nämlich auch Kunden, die uns nutzen, benutzen, ausnutzen, da ist es höchste Zeit einen Preis als Entgelt zu verlangen, schon aus Gerechtigkeit gegenüber den anderen Sparda-Kunden mit einer gesunden, vollwertigen Geschäftsverbindung.

Herr Hettich, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Das Blühende Barock im Zeichen von Corona: Ein Interview mit Volker Kugel

Seit 6. Mai hat das Blühende Barock endlich seine Tore wieder für Besucher geöffnet. Inzwischen dürfen bis zu 4.000 Menschen gleichzeitig in den Park, worüber BlüBa-Direktor Volker Kugel mehr als erleichtert ist. Wie er und seine Mitarbeiter die Corona-Krise genutzt haben für kreative Ideen, welche Neuerungen auf die Besucher in der laufenden Saison warten und was der Shutdown betriebswirtschaftlich für die herrliche Parkanlage bedeutet, erzählt Volker Kugel bemerkenswert offen im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Die wichtigste Frage vorab: Herr Kugel, wie geht es Ihnen persönlich?

Persönlich geht es mir sehr gut. Meine Frau und ich haben die Krise gut weggesteckt, durften durchgängig beide voll arbeiten. Körperlich fühle ich mich auch fit. Allerdings muss ich zugeben, dass wir wegen Corona viel mehr Zeit daheim verbringen, was ich so eigentlich nie gewohnt war, und dass wir uns dadurch gelegentlich ein, zwei Gläschen Wein mehr genehmigen als früher.

Wie beurteilen Sie derzeit Ihr berufliches Wohlbefinden?

Das Fazit zuerst: Es könnte besser gehen. Zur geplanten Eröffnung hatten wir Blumen im Wert von rund 200.000 Euro gepflanzt, in deren Genuss dann leider nur der SWR und ein paar Fotografen kamen. Dann mussten wir schließen und konnten die Blumen wieder abräumen. Aber jetzt ist im BlüBa natürlich vergleichsweise wieder die Hölle los. Wir waren während des Shutdowns auf null, sind aber jetzt wieder da. Bis hundert fehlt noch ein bisschen, aber wir werden die Krise doch einigermaßen verdauen können, weil wir jetzt wieder so viel Einnahmen haben, so dass wir derzeit unsere laufenden Kosten gerade so decken können. Jetzt hoffe ich, dass hier bald wieder Hochzeiten stattfinden können und all unsere Gastronomen im Park es dadurch ebenfalls schaffen, durch die Krise zu kommen. Das sind die Gedanken, die mich derzeit umtreiben.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Publikumszulauf seit Wiedereröffnung?

Ganz am Anfang durften wir nur 2.000 Besucher reinlassen, jetzt steigert sich das Ganze aber schon auf 4.000, Tendenz weiter steigend. Generell bin ich mit dem Publikumszulauf momentan sehr zufrieden, auch wenn die Menschen noch sehr zurückhaltend sind. Viele sind noch immer sehr, sehr ängstlich, fürchten sich vor Ansteckung. Insgesamt schätze ich die Besucherzahl um 30 Prozent geringer als zum Vorjahr um die gleiche Zeit. Jetzt hoffen wir natürlich auf die Sommerferien und auf den Start der Sandskulpturen-Ausstellung. Durch die weiteren Lockerungen trauen sich die Menschen zum Glück wieder her, weil sie durch die steigenden Einlasszahlen nicht mehr fürchten müssen, nicht reingelassen zu werden.

Das hört sich doch positiv an, auch wenn es kein Rekordjahr werden wird. Rechnen sie folglich am Jahresende mit einer schwarzen Null?

Nein, keine Chance, das ist völlig illusorisch. Wir werden Anfang Juli im Aufsichtsrat einen Nachtragshaushalt einbringen, aus dem ganz klar hervorgeht, dass wir voraussichtlich betriebswirtschaftlich ein Minus von rund einer Million machen werden. Wir werden deshalb wohl einen Kredit in Höhe von schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Euro brauchen. Allein an den vier herrlichen Osterfeiertagen haben wir einen Verlust von 200.000 Euro gemacht. Rechnen Sie das mal auf die Zeit der Osterferien hoch, liegen wir bei ca. 350.000 Euro Verlust. Solche Summen holen wir trotz der beschlossenen Saison-Verlängerung, bis 06.12.2020, nicht rein. Sollten wir wider Erwarten doch unter einer halben Million an Kredit bleiben, können wir mit Stolz geschwellter Brust rumrennen.

Noch immer gelten besondere Hygienevorschriften wie beispielsweise Maskenpflicht am Eingang. Halten sich die Besucher an alles?

Es gibt immer ein paar, die wirklich uneinsichtig sind, aber das sind vielleicht 0,1 Prozent. Die überwiegende Mehrheit hält sich an die Anordnungen. Wir haben im Park so viel Platz, dass jeder die Abstandsregeln locker einhalten kann. Für den Betrieb des Märchengartens haben wir eine Einbahn-Regelung eingeführt. Der Eingang ist beim Seerosenkönig/Märchenbach, geht den Berg hoch und verlässt den Märchengarten beim Papierdrachen. Das war eine gute Entscheidung, die auch befolgt wird.

Seit eh und je ist Volker Kugel ein glühender Anhänger der MHP-RIESEN Ludwigsburg. Foto: Ludwigsburg24

Vor der geplanten Eröffnung startete wie immer der Dauerkartenverkauf zu ermäßigten Preisen. Dann kam der Shutdown. Wollten deshalb viele Käufer ihre Karten wieder zurückgegeben?

Es gab tatsächlich einige Käufer, die wollten die Karten wieder zurückgeben, weil sie wegen Corona nicht ins BlüBa kommen können. Die Karten haben wir zwar nicht zurückgenommen, aber wir haben eine anteilige Rückerstattung in Höhe von 7,34 Euro pro Dauerkarte für die 47 Tage Schließzeit angeboten, obwohl wir die Parköffnung bis 6. Dezember verlängert haben. Von diesem Angebot haben aber bislang, zum Glück, nur 320 von rund 33.000 Käufern Gebrauch gemacht. Das ist eine tolle Solidarität, was mich ausgesprochen rührt. Unsere Besucher können auch sicher sein, dass die Preise trotz unserer Verluste durch Corona bis einschließlich 2022 stabil bleiben.

Welche Lockerungen stehen jetzt für die BlüBa-Besucher an?

Am ersten Juli-Wochenende wird mit Eröffnung der Sand-Ausstellung die Besucherobergrenze schon auf 5.000 anwachsen und mit Beginn der Sommerferien sind es bei konstanten Infektionszahlen schon 6.000 Besucher, die sich gleichzeitig im Park aufhalten dürfen. Das sind dann über den Tag verteilt 8.000 bis 9.000 Besucher. Eine Zahl, die wir fast nur bei der anschließenden Kürbis-Ausstellung erreichen. Wir haben jetzt auch im Märchengarten die Herzog-Schaukel wieder offen, die die ganze Zeit über gesperrt bleiben musste. Was wir aus Platzgründen noch geschlossen lassen, ist das Däumelinchen. Diese Räumlichkeiten sind einfach zu eng, so dass da extra ein Mitarbeiter für abgestellt werden müsste, der kontrolliert, dass sich nicht zu viele Personen gleichzeitig darin aufhalten. Dieser Aufwand wäre einfach zu groß.

Mussten Sie während des Shutdowns Kurzarbeit anmelden?

Unsere Mitarbeiter an der Kasse, an der Kontrolle und die vom Märchengarten mussten wir tatsächlich während der knapp sechswöchigen Schließungsphase in die Kurzarbeit schicken. Das betraf ca. 25 Mitarbeiter.

Lichterzauber, Straßenmusikfestival und Feuerwerk sind beliebte BlüBa-Events. Können sie durchgeführt werden?

Nein, leider sind all diese Highlights konsequent für diese Saison abgesagt. Nur unsere Sand- sowie die Kürbisausstellung bleiben erhalten.

Sand-Ausstellung ist ein gutes Stichwort. Auf was dürfen sich die Besucher freuen?

Es geht in diesem Jahr um Tiere und es erwarten uns sehr fantasievolle Figuren in den verschiedensten Formen. Die Schwaben dürfen sich beispielsweise freuen aufs Äffle und Pferdle, die zwei Maskottchen vom SWR. Es gibt einen tollen Uhu, einen Biber und viele andere Tiere. Insgesamt werden es 16 Kunstwerke sein, von denen ich vier noch gar nicht weiß, weil sie erst ab der Ausstellungseröffnung am 3. Juli um 16.00 Uhr in einem Speed Carving Contest innerhalb von 24 Stunden erarbeitet werden. Das finde ich sehr spannend und die Motive werden für uns alle eine Überraschung sein. Der Unterschied zu vorherigen Ausstellungen ist, dass wir bessere Standorte für die Skulpturen haben und nicht alle Motive von Beginn an zeigen. In diesem Jahr haben die Besucher die Möglichkeit innerhalb von drei Tagen mitzuerleben, wie eine solche Sandskulptur Schicht für Schicht wächst und bearbeitet wird.

Die Vorbereitungen dafür laufen trotz Corona normal?

Ja, das läuft alles ganz normal. Sowohl bei uns als BlüBa-Mitarbeiter, als auch bei der Truppe um Stefan Hinner, der für die Sandkunst verantwortlich ist. Wir arbeiten mit dem nötigen Abstand und Respekt, aber ansonsten hat sich nichts verändert.

Kommt der Sand diesmal wieder mit dem Schiff und wie viel Tonnen Sand werden es sein?

Ich rechne mit ungefähr 90 Tonnen Sand, die mit dem Binnenschiff aus den elsässischen Sandabbaustätten der Firma Hubele angeliefert werden. Es ist wichtig, dass der Sand sehr hochwertig ist. Er muss sehr scharfkantig sein, damit die Sandkörnchen sich verdichten lassen, ansonsten kann man keine Skulpturen schnitzen. Rund gewaschener Sand vom Meer ist für die Sandkunst völlig unbrauchbar.

Herr Kugel, Sie sind immer für eine Überraschung gut, deshalb die Frage: Planen Sie eventuell für diese Saison noch etwas, was die Besucher für die ausgefallenen Events entschädigen könnte?

Wir haben die Corona-Phase als Think Tank genutzt und haben tatsächlich neue Ideen ausgebrütet. Ich habe nächste Woche mit unserem Feuerwerker einen Termin, der für den November ein Licht-Konzept entwickelt hat. Das ist jedoch nicht zu vergleichen mit dem Christmas Garden in der Wilhelma oder dem Konzept in der Stuttgarter Innenstadt. Sein Konzept wird über eine Strecke von 1,4 Kilometern mit dem Gelände, mit den Bäumen spielen und wird die Kürbis-Skulpturen zum diesjährigen Thema Musik in Szene setzen. Auch ein Laser-Tunnel ist angedacht. Von den Kosten kommt uns unser Feuerwerker aufgrund 25-jähriger guter Zusammenarbeit enorm entgegen, so dass wir seine Idee wohl durchführen können. Er stellt uns sein Equipment sehr günstig zur Verfügung und berechnet nur die Kosten für seine Mitarbeiter.

Als zweites Highlight kann ich für die Zeit ab 5./6.11. in unserer Orangerie erstmals in der Geschichte des BlüBas eine Adventsausstellung ankündigen. Die wird wunderschön und dürfte unsere Besucher so richtig überraschen.

Wir, als BlüBa-Team sind optimistisch und haben uns geschworen, trotz Corona Gas zu geben und gemeinsam etwas für unsere Besucher zu gestalten.

Sie sind jetzt seit 1997 Direktor des Blühenden Barocks. Haben Sie in all den Jahren schon mal eine ähnlich schwierige Zeit erlebt wie in den vergangenen Monaten?

Nein, das habe ich nicht. Und ich habe auch lange nicht wahrhaben wollen, dass das, was sich seit Ende März abgespielt hat, wirklich Realität ist. Manchmal habe ich tatsächlich gedacht, ich liege träumend im Bett und der Albtraum müsste gleich aufhören. Ich war vor dem BlüBa acht Jahre lang für Landesgartenschauen zuständig. Da war das Schlimmste, dass einmal auf 700 Meter Höhe bei drei Grad minus im September alle Blumen erfroren waren. Rückblickend betrachtet ist das im Vergleich zu jetzt jedoch nur Peanuts. Was mir momentan vor allem Sorge macht, sind die Verhaltensweisen rund um Corona. Die eine Gruppe ist sehr salopp im Umgang mit dem Virus, nimmt die Sicherheitsvorkehrungen auf die leichte Schulter. Andere wiederum sind völlig übervorsichtig und ängstlich. Manche Fachleute sagen, es gibt einen Impfstoff in drei Monaten, dagegen stehen weitere sogenannte Fachleute, die behaupten, dass man nicht vor Herbst nächsten Jahres mit einem Impfstoff rechnen kann. So etwas kann man denken, aber darf es so nicht sagen. Man muss doch den Menschen wenigstens noch ein bisschen Hoffnung lassen.

Was sagen Sie zu den vielen Verschwörungstheoretikern, die sich ja auch in Stuttgart zu Kundgebungen getroffen haben?

Diese Leute nerven mich komplett. Ich sage Ihnen ehrlich, dass ich deshalb sogar zwei, drei persönliche Kontakte abgebrochen habe. Auf so etwas habe ich keine Lust. Ich habe aber auch keine Lust mehr, mir den tausendsten Corona-Witz über WhatsApp schicken zu lassen. Das nervt mich alles. Gedanken mache ich mir darüber, wie alles weitergeht, ob wir das alles auskurieren können, wann wir mal wieder ohne Maske S-Bahn fahren oder zum Einkaufen gehen können. Ich halte mich an die Vorkehrungen im öffentlichen Raum, weil ich sie für richtig halte.

Haben Sie für sich beruflich oder privat auch etwas Positives aus der Corona-Krise ziehen können?

Während der letzten Woche habe ich mich mehr meinen Gartentipps unter Gruenzeug.tv auf YouTube widmen können, so dass wir mit den Klicks hochgeschossen sind. Wir haben inzwischen an die zwei Millionen Views. Nach zwei Jahren war der Spitzenklick im Januar bei 176.000 und mittlerweile liegen wir bei 260.000. Da freue ich mich drüber. Aber noch wichtiger ist mir das Feedback meiner Mitarbeiter, die mit unserem Handling während der Krisenwochen nicht nur einverstanden, sondern auch super zufrieden, teilweise sogar dafür richtiggehend dankbar waren. Zu spüren, dass man dankbar ist für das, was man hat, ist für mich das positive Fazit nach Corona. Auch bin ich richtig stolz, wie Deutschland insgesamt die Krise angegangen ist und – Stand heute – bewältigt hat.

Herr Kugel, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

“In den Bundestag wollte ich nie, aber der Landtag hätte mich schon interessiert” – Ludwigsburg24 im Gespräch mit Margit Liepins

Mit ihrem kämpferischen Einsatz für einen Zebrastreifen in der Nähe des Kindergartens ihrer Tochter in Ludwigsburg-Neckarweihingen fing einst alles an. Jetzt feierte die SPD-Fraktionsvorsitzende Margit Liepins ein ganz besonderes Jubiläum: 30 Jahre Mitglied im Ludwigsburger Gemeinderat. Eine bewegte Zeit mit Höhen und Tiefen liegt hinter der engagierten Kommunalpolitikerin, die inzwischen 63 Jahre alt ist und gelegentlich über den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören nachdenkt. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt Liepins aus ihrem politischen Leben und gewährt auch den einen oder anderen Blick in ihre persönliche Welt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Frau Liepins, Ihr Einsatz für den Zebrastreifen war der Grundstein für Ihr langjähriges politisches Engagement. Was hat diese Aktion damals bei Ihnen ausgelöst?

Auch wenn die Stadt Ludwigsburg damals den Zebrastreifen abgelehnt und stattdessen Verkehrsinseln bevorzugt hat, hat mich das alles unglaublich motiviert, mich weiterhin für kommunale Fragen intensiver zu interessieren und schließlich einzusetzen. Ich wurde dann zunächst von der ortsansässigen SPD gebeten, in den Stadtteilausschuss Neckarweihingen zu gehen, der einmal jährlich hinter verschlossenen Türen tagte und dessen besprochene Inhalte von mir nicht nach außen kommuniziert werden durften. Mein erstes Engagement dort war mein siegreicher Kampf für ein zweimaliges, vor allem öffentliches Tagen pro Jahr. 1989 wurde ich dann gefragt, ob ich für den Gemeinderat kandidieren möchte.

Warum ist die SPD Ihre politische Heimat geworden?

Ich bin familiär sozialdemokratisch geprägt. Schon mein Urgroßvater saß für die SPD im Gemeinderat. Mein Mann kam zwar aus einer CDU-Familie, er selbst war jedoch SPD-Mitglied. Wir hatten in Neckarweihingen damals eine sehr aktive SPD-Stadtteilgruppe. Auch wenn ich mich bei anderen Parteien ebenfalls informiert habe, bin ich dann letztlich sehr bewusst zur SPD gegangen, weil in dieser Partei soziale Themen immer eine sehr wichtige Rolle gespielt haben, die gerade für mich als junge Mutter, beispielsweise bei Fragen der Kinderbetreuung, ein besonderes Anliegen waren.

Sie sind Stadträtin, Fraktionsvorsitzende, waren lange im Kreistag, sitzen in verschiedenen Ausschüssen, engagieren sich ehrenamtlich in vielen Vereinen. Was treibt Sie an?

Mich treibt tatsächlich an, dass ich gerne mit verschiedenen Menschen, die auch sehr unterschiedliche Interessen haben, zusammen bin. Und die Tatsache, dass man etwas bewegen, verändern und vor allem mitsteuern kann, in welche Richtung sich eine Stadt entwickelt, wenn man das ernsthaft betreibt und Mehrheiten dafür findet. Ludwigsburg ist meine Heimatstadt und mir liegen auch die Stadtteile entsprechend am Herzen. Ich habe in all der Zeit sehr viele positive Rückmeldungen von Bürgern und Bürgerinnen erfahren, habe aber ebenso gelernt, dass man es nicht immer allen recht machen kann.

Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis, so dass Sie gesagt haben: Jetzt erst recht?

Es gab im Lauf der Jahre immer mal wieder Themen, die mich zusätzlich motiviert haben. Als ich 1990 in den Gemeinderat kam, war gerade die Wiedervereinigung und die amerikanischen Streitkräfte hatten ihren Abzug angekündigt. Die Frage, was wir mit diesen riesigen Kasernen-Arealen machen, hat mich sehr beschäftigt. Wir haben SPD-intern viel diskutiert, ich habe mit den anderen Fraktionen viele Gespräche geführt und bin stolz, wie wir das alles hingekriegt haben. Zusätzlich wurden die vielen Mietwohnungen in Sonnenberg und Pattonville frei. Vor allem in Sonnenberg und Grünbühl war mir sehr daran gelegen, eine soziale Durchmischung hinzubekommen und die Gebiete somit aufzuwerten. Auch im neuen Baugebiet in Grünbühl hätte ich mir eine zusätzliche Aufwertung durch einige Reihenhäuser gewünscht. Leider gab es dafür keine Mehrheit.

Sozialer Wohnungsbau ist ein sozialdemokratisches Thema und Sie sitzen im Aufsichtsrat der Städtischen Wohnungsbau. Mehrere tausend Wohnungssuchende stehen derzeit dort auf der Liste. Wie sehr schmerzt es gerade Sie, hier nicht helfen zu können?

Zunächst bin ich froh, dass sich die Bundes- sowie Landesförderungen verbessert haben, so dass die WBL wieder sehr viel mehr Sozialwohnungsbau baut. Aber natürlich ist dieses Thema schon immer ein großer Konflikt, wegen dem ich schon mit unserem ehemaligen Oberbürgermeister Spec aneinandergeraten bin. Er sagte bei einer Klausur vor Jahren, wir müssten jährlich 500 neue Wohnungen in Ludwigsburg bauen. Ich habe ihm damals erwidert, dass wir zeitgleich die ganze Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen usw. bedenken und planen müssen. Natürlich schmerzt es mich, wenn nicht genügend, vor allem bezahlbarer Wohnraum vorhanden ist. Aber man kann nicht einfach nur Wohnungen bauen, ohne dabei die Konsequenzen für alle Bürger- und Bürgerinnen, Kinder, Senioren, Umwelt, Verkehr etc. zu bedenken.

Stimmt eigentlich das Gerücht, dass Sie verantwortlich dafür sind, dass Matthias Knecht heute neuer OB in Ludwigsburg ist?

Ich habe ihn 2019 beim Neujahrsempfang des MTV angesprochen und gefragt, ob das Amt des Oberbürgermeisters in Ludwigsburg nicht etwas für ihn wäre. Er zögerte kurz und sagte: „Wissen Sie, das war schon immer mein Traum, einmal Bürgermeister einer Stadt zu werden. Oberbürgermeister in meiner Heimatstadt würde mich besonders reizen“. Er hat aber auch gleich dazu gesagt, dass es für ihn schwierig sei, weil er mit Werner Spec gut klarkäme. Er hat dann viele Gespräche geführt, auch mit Fraktionen und Parteien und trat letztendlich an.

Im März 2019 sprachen Sie in der Bietigheimer Zeitung von Ihrer Hoffnung, dass bei einer Wahl von Matthias Knecht endlich Ruhe in der Stadtverwaltung einkehren und die Gemeinderäte mehr Respekt erfahren würden. Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Dem Gemeinderat gegenüber ist OB Knecht sehr korrekt und respektvoll, da bin ich inzwischen oftmals weit weniger gelassen und ungeduldiger. Also er macht das sehr gut. Ich habe auch sehr positive Rückmeldungen aus der Verwaltung. Aber ich möchte trotzdem betonen, dass sich in den Jahren unter OB Spec in Ludwigsburg viel bewegt hat. Leider hatte er sich zuletzt etwas zu sehr in manche Themen verrannt und die Meinung des Gemeinderats beiseitegeschoben.

Haben Sie in all den Jahren eigentlich mal davon geträumt, über Ludwigsburg hinaus politisch aktiv zu werden?

Ja, das habe ich tatsächlich. In den Bundestag wollte ich nie, aber der Landtag hätte mich schon interessiert. Aber irgendwie hat es zeitlich nicht gepasst. Ich hatte zwei Kinder und einen Mann, der viel im Ausland unterwegs war. Und irgendwann dachte ich, jetzt lasse ich den Jüngeren lieber den Vortritt. Mit Mitte Fünfzig wollte ich dann nicht nochmals eine neue politische Karriere starten. Zudem wurde damals auch mein Mann sehr krank. Jetzt bin ich 63 und muss mir langsam eher Gedanken übers Aufhören machen.

Hat Ihr Mann Ihr politisches Engagement uneingeschränkt unterstützt?

(lacht) Als ich gefragt wurde, ob ich stellvertretende Vorsitzende der AWO werden möchte, sagte er: „Jetzt reicht es aber mal.“ Den Posten mache ich allerdings nun auch schon über 20 Jahre. Aber er hat mich trotzdem immer unterstützt.

Vor 30 Jahren waren Frauen in der Politik noch deutlich in der Minderheit. Wie sind Sie damals im Gemeinderat aufgenommen worden?

In meiner Fraktion wurde ich sehr gut aufgenommen, da es zu diesem Zeitpunkt einen Umbruch gab. Viele langjährige Gemeinderäte haben aufgehört und viele Gemeinderäte sind neu hinzugekommen. Anfangs habe ich mich ziemlich zurückgehalten. Doch schon 1993/94 wurde ich bereits stellvertretende Fraktionsvorsitzende und kam in den Ältestenrat. Dort saßen tatsächlich fast nur ältere Männer. Es herrschte eine sehr konservative Stimmung und das war eher schwierig für mich. Da hatte ich manchmal Themen, bei denen mir nur der damalige Oberbürgermeister Henke zur Seite gesprungen ist, der jung und auch sehr offen für vieles war.

Hatten Sie das Gefühl, von männlichen Kollegen nicht ernstgenommen zu werden?

Eigentlich nur mit meinem Ansinnen nach mehr Offenheit und Transparenz. Damals wurden zum Beispiel Grundstücksangelegenheiten im Verwaltungsausschuss entschieden, dem ich nicht angehörte. Und diese Verkäufe kamen meistens als Tischvorlage in diesen Ausschuss, viele Gemeinderäte und Gemeinderätinnen hatten von den Inhalten dieser Vorlagen oft nichts mitbekommen. Ich war jedoch der Meinung, dass alle Gemeinderäte darüber informiert sein müssten, was die Stadt kauft oder verkauft und welche Mietverträge sie abschließt.

Nicht nur in diesem Fall, sondern die generell fehlende Transparenz hat mich sehr gestört. Die Fraktionsspitzen wurden informiert, die restlichen Gemeinderäte hatten häufig Informationsdefizite. Denke ich an meine Anfänge zurück, da habe ich mir – speziell als Frau – meinen Platz richtig erkämpfen müssen und es herrschte mehr Fraktionszwang. Fraktionszwang halte ich zwar für falsch, aber dass heute häufig, gerade in großen Fraktionen jeder für sich spricht gerade, das geht auch nicht. Diese Meinungen zu kanalisieren und mit einer Stimme als Fraktion zu sprechen, ist heute für die Fraktionschefs schwierig geworden.

Heißt das, Sie haben ein wenig die Lust verloren?

Eigentlich heißt es, dass man im Alter gelassener wird. Das trifft bei mir insofern zu, dass ich heute besser mit persönlichen Angriffen auf mich umgehen kann. Bei Sitzungen dagegen, in denen man sich endlos im Kreis dreht, werde ich inzwischen ungeduldig.

Sind Sie etwa amtsmüde?

Nein, das bin ich nicht. Durch den neuen OB bin ich sogar nochmals neu motiviert, die wichtigen anstehenden Themen anzugehen. Durch Corona ist das jetzt eine sehr spannende Zeit, da wir ja alle noch nicht wirklich wissen, wie es weitergeht. Ich glaube, dass viele schon vergessen haben, wie es ist, wenn man wirklich sparen und überlegen muss, wofür man das Geld tatsächlich ausgibt, was wichtig ist und notwendig ist, und was unter die Rubrik wünschenswert fällt. Das zu definieren, ist die Herausforderung für die nächste Zeit, denn bislang ging es uns in Ludwigsburg wirklich sehr gut.

Durch Corona brechen der Stadt viele Einnahmen weg. Auf was müssen sich die Bürgerinnen und Bürger Ihrer Meinung nach jetzt einstellen?

Selbst wenn sich unsere Wirtschaft eventuell schnell erholen sollte, nutzt uns das nur bedingt. Da wir sehr stark vom Export abhängig sind, müssen wir wahrscheinlich die kommenden Jahre mit deutlich weniger Einnahmen auskommen. Deshalb kann es sein, dass wir mit höheren Steuern rechnen müssen. Kindergartenbeiträge wollen wir nicht erhöhen, das ist uns ganz wichtig. Im Gegenteil, wir setzen uns sogar für gebührenfreie Kitas ein. Aber vielleicht werden künftig manche Leistungen in anderen Bereichen wegfallen. Aber was konkret auf die Bürgerinnen und Bürger zukommt, lässt sich momentan schwer sagen.

Was steht bei Ihnen auf der Prioritätenliste der Ausgaben an oberster Stelle?

Grundsätzlich stehen Schul- und Kinderbetreuungseinrichtungen an erster Stelle. Die weitere Priorität liegt beim ÖPNV und Bahnhof. Wir haben fertige Pläne für einen barrierefreien Umbau und wir sollten damit spätestens nächstes Jahr beginnen. Die Stadt hat dafür entsprechende Flächen gekauft. Aus meiner Sicht wäre auch der Kauf des Nestlé-Areals mehr als wünschenswert, um uns und den kommenden Generationen alle Entwicklungsmöglichkeiten des Bahnhofs und der Stadt aufrecht zu erhalten. Mein Traum ist immer noch, dass wir sogar irgendwann ein komplett neues Bahnhofsgebäude haben. Danach kommen für mich die Projekte Schillerplatz, Arsenalplatz und die Stärkung unserer attraktiven Innenstadt mit all ihrer Vielfältigkeit.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?

Ich sage mir: ‚Schau nach vorn, irgendwie geht’s immer weiter‘. Das hat mich das Leben gelehrt. Privat war ich schon mit mehreren Schicksalsschlägen konfrontiert. Mein Vater starb, da war ich fünf. Als ich gerade im Abitur steckte, ist meine Schwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen, gleichzeitig lag mein 15-jähriger Bruder schon seit einem Jahr mit Knochentuberkulose in der Klinik. Ich habe dann meinen Mann kennengelernt und recht jung geheiratet. Tatsächlich bin ich eine Kämpferin, die nicht aufgibt, wenn ich etwas für richtig halte oder ein Ziel habe.

Wenn Sie Ihr bisheriges Leben Revue passieren lassen, gibt es dann eine Entscheidung, von der Sie heute sagen, dass sie falsch getroffen war?

Ich bereue, dass ich nach der Geburt meiner Tochter mein Studium nicht beendet habe. Ich hätte nur noch die Prüfungen ablegen müssen. Damals war die Situation aber so, dass man nur mit einer Einser-Prüfung eine Anstellung bekam, was mich völlig demotiviert hat.

Trauern Sie nur dem Examen oder auch dem Lehrerberuf nach?

Nein, der Gemeinderat hat mir mit ziemlicher Sicherheit mehr Spaß gemacht als eine Tätigkeit als Lehrerin.

Sie haben eben Ihre Ungeduld angesprochen. Wie äußert sich die?

Wenn mich etwas richtig nervt, sieht man mir das deutlich an. Und meine Bemerkungen werden zynischer. Aber ich werde nicht etwa laut gegenüber anderen Personen. Ich versuche, mich bei den Debatten zu beherrschen, mache gelegentlich einen Zwischenruf. Der neue Gemeinderat ist etwa zur Hälfte neu besetzt und ich finde ihn manchmal ein bisschen schwierig.

Sie machen den Eindruck, als würden Sie den alten Gemeinderat richtig vermissen…

Ach, wissen Sie, es ist nicht ganz einfach, wenn man jahrelang mit Menschen – auch über Parteigrenzen hinweg – gut zusammengearbeitet hat und die sind plötzlich nicht mehr da. Wenn dann ein Schnitt kommt und gleich so viele weg sind, muss man erst wieder etwas Neues aufbauen und das dauert einfach.

Wir fragen Sie nochmals: Haben Sie noch Lust, weiterzumachen?

Ja, natürlich, aber mir ist trotzdem wichtig, den richtigen Zeitpunkt für mich zum Aufhören zu finden. Wissen Sie, wenn die Rente näher rückt, überlegen sich die meisten Menschen, wie sie ihre Zeit danach nutzen, welche Hobbys sie haben. Bei mir ist es so, dass Beruf und Hobby quasi eins sind.

Haben Sie Ihren Abschied im Kopf schon durchgespielt?

Darüber nachgedacht habe ich schon, aber noch mehr überlege ich mir, was ich danach machen möchte, es gibt viele ehrenamtliche Tätigkeiten, die denkbar sind. Aber noch ist es nicht soweit, auch wenn ich meine, langsam müssen Jüngere mehr Verantwortung übernehmen. Eines ist für mich klar: Ich werde zu einem Zeitpunkt gehen, an dem mir die Politik noch Spaß macht. Ich will nicht frustriert aus meinem Amt scheiden.

Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der SPD?

Hier in Ludwigsburg ist die SPD personell gut aufgestellt, auch mit Nachwuchskräften. Größere Sorgen mache ich mir um die Partei in Land und Bund. Die SPD erholt sich nicht, selbst die Corona-Krise hat sich nur zugunsten der CDU ausgewirkt.

Macit Karaahmetoglu, ihr sozialdemokratischer Mitstreiter aus Ditzingen rechnet sich 2021 gute Chancen für einen Regierungschef Olaf Scholz aus, sollte er zum Kanzlerkandidaten gekürt werden.

Mein Optimismus ist deutlich geringer als der von Macit Karaahmetoglu, ich bin da eher Realistin. Ich schätze Olaf Scholz sehr, und was er gerade mit der SPD in dem Konjunkturpaket umgesetzt hat, ist hervorragend. Ich denke, er wäre ein guter Nachfolger für Angela Merkel, er ist ihr in vielen Dingen sehr ähnlich. Machtbewusst, dabei immer sachlich, überlegt, unaufgeregt. Das charismatische Zugpferd ist er leider nicht. Aber vor der Bundestagswahl kommen noch die Landtagswahlen. Hier mache ich mir noch größere Sorgen, obwohl in der Landtagsfraktion durchaus ein paar gute Köpfe sitzen. Sie müssten nur mehr in Erscheinung treten.

Sie wirken sehr nachdenklich…

Was die SPD im Gemeinderat macht, das kann ich vermitteln und da stehe ich auch dazu, Aber darüber hinaus… Warum haben wir bei der letzten Gemeinderatswahl zwei Sitze verloren? Garantiert nicht wegen schlechter Arbeit. Es war die politische Stimmung, die vom Bund bis runter in die Kommunen abgefärbt hat. Wir sind nur noch vierte Kraft im Gemeinderat, daran habe ich mich noch immer nicht richtig gewöhnt. Das muss man erst mal verdauen. Denn wenn man bei Stellungnahmen erst an der vierten Position dran ist, dann ist das meiste schon gesagt.

Also paart sich bei Ihnen die Lust mit dem Frust?

Was ich richtig toll finde, ist meine Fraktion. Jeder kann jeden vertreten. Selbst die Jungen haben sich gleich so eingebracht, dass man sie überall einsetzen kann. Das begeistert mich richtig.

Hatten Sie in all den 30 Jahren ein politisches Vorbild, an dem Sie sich orientiert haben?

Die meisten aus meiner Generation nennen Willy Brandt als ihr Vorbild. Bei mir trifft das nicht zu. Ein direktes Vorbild hatte und habe ich nicht. Es gibt natürlich Politiker, die ich gut finde. Und da steht Barack Obama ganz oben auf meiner Liste. Er wollte die USA wirklich voranbringen und verändern, gerade was die Rassenunruhen anbelangt, und er war weiterhin der Welt eng verbunden. Ich fand ihn als Präsident sehr gut.

Frau Merkel ist zwar kein Vorbild für mich, aber was sie geleistet hat und wie sie mit Krisen umgeht, davor habe ich schon große Achtung. Ich weiß aber, dass sich viele in der CDU mit ihr schwergetan haben und die CDU alles daransetzen wird, dass ihr ein Mann nachfolgt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich durch ihre Kanzlerschaft für die Frauen in der Politik etwas verändert hat?

Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Insgesamt ist es doch so, dass sich Frauen in der CDU trotz Angela Merkel schwerer tun. Auf Bundesebene hat sie stets versucht hat, Frauen in Positionen zu bringen. Wenn Sie aber mal auf die Listenaufstellungen beispielsweise für Kommunalwahlen schauen, da sind bei der CDU auf den ersten sieben Plätzen nur Männer, während SPD und Grüne die Quotierung eingeführt haben, um Frauen die gleichen Chancen einzuräumen. Deshalb weiß ich nicht, ob sich wirklich so viel durch ihre Kanzlerschaft verändert hat. Vielleicht ist es für Frauen etwas einfacher geworden, in der Politik Fuß zu fassen. Trotzdem wagen deshalb nicht mehr Frauen diesen Schritt und das zieht sich durch alle Parteien. Die meisten Frauen sind heutzutage berufstätig. Wenn sie sich dann noch für Familie mit Kindern entscheiden, ist dies meist eine Entscheidung gegen die Politik. Sie haben Angst, nicht allen Aufgaben gleichermaßen gerecht zu werden und dass die Kinder darunter leiden könnten. Diese Gedanken haben Männer anscheinend nicht. Deswegen bekommen die Frauen dieser Männer immer einen Blumenstrauß, weil sie ihren Männern den Rücken freigehalten haben.

Frau Liepins, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

 

Seite 1 von 4
1 2 3 4