Für Landrat Dietmar Allgaier gibt es täglich frischen Ingwer-Shot: Ludwigsburg24 im Gespräch mit Bettina Allgaier

Seit Dietmar Allgaier Mitte Januar dieses Jahres zum Landrat gekürt wurde, ist seine Frau Bettina die First Lady im Landkreis Ludwigsburg. Momentan muss die 51-jährige Mutter zweier Töchter im Alter von 18 und 20 ihrem Mann eine besonders starke Stütze sein, da dieser schon nach zwei Monaten im Amt aufgrund der Corona-Krise vor einer seiner größten beruflichen Herausforderungen steht. Um mehr Zeit für ihn und ihre offiziellen Aufgaben an seiner Seite zu haben, gibt sie am Monatsende schweren Herzens sogar ihren Job in einer Anwaltskanzlei auf. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt Bettina Allgaier wie sie ihrem Mann derzeit den Rücken stärkt und wie das Ehepaar während der strengen Ausgehbeschränkungen trotzdem seine sozialen Kontakte pflegt.

Frau Allgaier, Ihr Mann steht derzeit beruflich unter hohem Druck, es geht um Leben und Tod. Was können Sie für ihn tun, um ihm ein bisschen Druck und Sorgen zu nehmen?
m Privatleben versuche ich, ihm komplett den Rücken freizuhalten, indem ich alle Aufgaben und Anfragen aus unserem persönlichen Umfeld direkt erledige, damit er sich damit nicht auch noch abends oder am Wochenende beschäftigen muss. Ich schaffe ihm daheim möglichst eine Wohlfühl-Atmosphäre. Wenn er nach einem langen, harten Arbeitstag nach Hause kommt, darf er sich an den gedeckten Tisch setzen, muss nichts mehr tun und darf im ruhigen Beisammensein mit unserer Tochter Franzi und mir abschalten und auftanken.

Wie verwöhnen Sie ihn kulinarisch, gibt es derzeit alle seine Lieblingsgerichte?
Ja, ich mache ihm alles, worauf er gerade Appetit hat oder was er besonders mag. Das kann ein einfaches Vesper mit Schnittlauch-Laugenbrötchen oder einem herzhaften Wurstsalat sein und reicht bis hin zu Fleischküchle mit Kartoffelsalat oder seinem absolutem Lieblingsessen Käseschnitzel mit Nudelsalat. Als leckeres Dessert mag er gern einen Erdbeerquark.

Er liebt also bodenständige Hausmannskost?
Er genießt schon auch mal ein feines Restaurant, aber genauso liebt er das zünftige, bodenständige Essen.

Drehen sich die häuslichen Gespräche ebenfalls rund um Corona oder klammern Sie dieses Thema im Privatleben eher aus?
Eigentlich wollten mein Mann und ich das Thema Corona weitestgehend im privaten Gespräch ausklammern, aber das funktioniert nicht. Es nimmt sowohl in seinem Berufsalltag als auch in unserem allgemeinen Alltag zu viel Raum ein. Wenn meinem Mann danach ist uns etwas zu erzählen, hören unsere Tochter und ich ihm gerne zu. Das Gespräch mit uns nutzt er, um seinen Tag zu verarbeiten. Aber es gibt auch Abende, da möchte mein Mann gar nichts erzählen und das Thema Corona ruhen lassen. Franzi und ich spüren das und reagieren entsprechend. Will er in den Dialog gehen, dann gehen wir darauf ebenso ein wie auf seinen Wunsch, über ganz andere Themen zu sprechen, die ihn von seinem Arbeitstag ablenken. Dann reden wir über unsere Tochter in Amerika, den Hund, die Familie. Oder wir machen Musik, wie zum Beispiel letzten Sonntag, als in den Haushalten der Stadt Kornwestheim um 18.00 Uhr von vielen Bürgern Freude schöner Götterfunken gesungen und gespielt wurde.

Da haben Sie beide mitgewirkt?
Ich habe mit meiner Querflöte mitgespielt und mein Mann hat die Musik einfach freudig genossen und applaudiert.

Sie haben eben gesagt, dass Sie noch eine zweite Tochter haben, die gerade als Aupair in Amerika ist. 
Lisa lebt bei einer tollen Familie in Washington D.C. und fühlt sich dort sehr wohl. Wir sprechen fast täglich mit ihr, oftmals per Skype/Facetime. Das ist momentan deshalb sehr schön, weil wir so auch einen Einblick in ihren Alltag mit den Kindern und der Familie sowie ihren neugewonnenen amerikanischen Freundinnen bekommen. Das lenkt uns alle hier ein bisschen ab.

Haben Sie dabei ein gutes Gefühl oder hätten Sie sie gerade wegen der Corona-Pandemie lieber hier daheim?
Natürlich wissen wir, dass der Virus in den USA genauso heftig, vielleicht sogar noch stärker als bei uns angekommen ist. Aber wir waren vor kurzem für wenige Tage auf Besuch dort und haben uns überzeugen können, dass Lisa bei ihrer Familie gut aufgehoben ist. Die Fotos von unserem Kurztrip schaut mein Mann sich übrigens immer wieder gerne an. Die Familie lebt in einer guten und sicheren Wohngegend, ihnen allen geht es momentan gut, Lisa ist zudem ein junger, gesunder, sportlicher Mensch. Wir sind überzeugt, dass, sollte sie erkranken, nach allem, was wir über das Virus inzwischen wissen, sie das dort überstehen würde. Natürlich ist das keine Situation, die man sich wünscht und gerne hätten wir sie hier. Aber wir sind jetzt nicht beunruhigt deswegen oder wollen sie gar nach Deutschland zurückfliegen lassen.

Würde Lisa denn kommen wollen?
Nein, sie sagt, dass die Familie sie gerade jetzt braucht, da die Kinder nicht zur Schule gehen und beide Elternteile arbeiten müssen. Für Lisa ist es selbstverständlich, dass sie gerade jetzt dortbleibt, weil die Familie sie in dieser schwierigen Situation besonders dringend braucht.

Als Familie des Landrats müssen sie Vorbild sein und alle Auflagen von Bund, Land und Kommune einhalten. Wie vertreiben Sie sich als Familie die Zeit?
Bei uns ist es so, dass wir uns intern wie auch in der Kommunikation mit anderen strikt an alle Vorgaben halten, selbst mit meinen Eltern bzw. meiner Schwiegermama, die verständlicherweise da etwas ungeduldig sind. Wir haben einen Familienchat und nutzen sehr oft die Facetime-Funktion, damit wir ein „gefühltes“ Miteinander erleben und uns wenigstens so „sehen“ können. Das geht zwischenzeitlich so weit, dass sich jeder daheim seinen Kaffee macht und sich gemütlich mit dem Handy an den Tisch oder die Couch setzt. Das machen wir im Übrigen auch gerne mit unseren Freunden, soweit es die Zeit zulässt. Es ist richtig schön und eine ganz, ganz wertvolle Zeit geworden.

Ich persönlich vertreibe mir im Moment tagsüber die Tage tatsächlich mit dem Frühjahrsputz und nutze die Gelegenheit, im Haus Dinge zu erledigen, für die bislang nicht wirklich viel Zeit war. Und ab und an haben wir sogar Gelegenheit, als Familie mal wieder gemeinsam in der Küche zu stehen und zu kochen. Das ist wunderbar. Man besinnt sich wieder auf die wesentlichen Dinge und erkennt einfach die wahren Werte des Lebens, für die man in der Vergangenheit zu wenig Zeit hatte – sei es, weil man sie wirklich nicht hatte oder sie sich nur nicht genommen hat. 

Verbringen Sie als Familie oder auch nur als Ehepaar noch Zeit mit Spielen?
Oh ja, das tun wir tatsächlich, schon immer und auch unheimlich gerne, meist im Urlaub, weil wir im Alltag normalerweise kaum Gelegenheit dazu haben. Wir spielen gerne die Klassiker wie Kniffel, Binokel oder Phase 10.

Was tun Sie, um Ihre Familie während dieser Pandemie gesund zu halten? Das ist vor allem für Ihren Mann wichtig, der momentan einer erhöhten Arbeitsbelastung ebenso ausgesetzt ist wie vielen Kontakten, so dass jederzeit ein großes Ansteckungsrisiko vorhanden ist. 
Ich koche immer frisch, mit viel Gemüse. Es gibt regelmäßig Salat oder Rohkost. Ebenso Obst pur oder mit Quark. Aber wenn er sich z.B. Tortellini mit Schinken-Sahne-Soße wünscht, dann mache ich ihm diese natürlich auch gern. Das ist dann sicherlich nicht das Gesündeste, aber es tut seiner Seele gut. Wichtig ist der morgendliche sowie abendliche Ingwer-Shot mit Zitrone und Honig, eine wahre Vitaminbombe, die wir von Oktober bis Mai täglich alle regelmäßig frisch zubereitet zu uns nehmen.

Schicken Sie Ihren Mann jetzt auch öfter mit dem Hund raus, damit er regelmäßig an die frische Luft kommt?
Normalerweise dreht mein Mann jeden Tag vor dem Zubettgehen mit unserer Zwergmalteserhündin Amy eine letzte Runde. Aber derzeit übernehme ich das gerne für ihn, da er so viel und rund um die Uhr arbeitet. Aber wenn er am Wochenende Lust hat, dann gönnt er sich mit Amy eine entspannte Auszeit an der frischen Luft, falls er nicht doch wieder im Landratsamt sitzt und arbeitet. Amy ist für uns alle eine Bereicherung, vor allem aber für meinen Mann, der mit einem Dackel großgeworden und von jeher sehr hundeaffin ist.

Eine letzte, sehr persönliche Frage: Haben Sie schon einen Corona-Test machen müssen?
Ja, ich habe einen Test gemacht, weil ich Husten, leicht erhöhte Temperatur und starke Halsschmerzen hatte. Der Test war negativ. Mein Mann hatte keinerlei Anzeichen

Herzlichen Dank für das Gespräch und bleiben Sie gesund.

Interview: Patricia Leßnerkraus

 

Ludwigsburger Top-Cop hat Herz und eine kreative Ader: Ludwigsburg24 trifft Burkhard Metzger

Burkhard Metzger ist Polizist mit Leib und Seele und verfügt über fast 40 Jahre Erfahrung sowohl im operativen Geschäft als auch in der Verwaltung. Vom einfachen Streifenpolizisten führte ihn sein Weg über verschiedene Polizeireviere in Pforzheim, Stuttgart, Marbach schließlich nach Ludwigsburg. Seit Juni vergangenen Jahres leitet der 59-Jährige das Polizeipräsidium Ludwigsburg, zuständig für die Landkreise Ludwigsburg und Böblingen. Insgesamt ist er verantwortlich für 1.800 Mitarbeiter, 300 arbeiten in der Verwaltung, 1.500 Mitarbeiter sind Polizisten, 30 Prozent davon Frauen. „Wir sind das Polizeipräsidium in Baden-Württemberg mit dem höchsten Frauenanteil“, sagt Metzger nicht ganz ohne Stolz im Gespräch mit Ludwigsburg24.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Metzger, eine Frage zu Beginn, die fast jeden von unseren Lesern interessiert: Ist der Landkreis Ludwigsburg sicher?
Ja, der Landkreis ist im Großen und Ganzen sicher, die soziale Kontrolle funktioniert. Laut Kriminalitätsstatistik gibt es keine wesentlichen Zunahmen der Kriminalität und nur wenig Themen, denen wir uns intensiver widmen müssen. Je größer eine Stadt ist, umso höher ist die Kriminalität. Verglichen mit anderen Landkreisen in Baden-Württemberg sind wir sicher.

Welches sind die Hauptschwerpunkte im kriminellen Bereich?
Diebstahlskriminalität ist weit verteilt, wirkt sich aber nicht aufs subjektive Sicherheitsgefühl aus. Ein sensibleres Thema sind dagegen beispielsweise die leicht gestiegenen sexualisierten Straftaten bezogen auf Frauen und Kinder, deren Ursachen wir erstmal noch sauber analysieren müssen. Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob sich vielleicht aufgrund der MeToo-Debatte jetzt einfach mehr Leute bei der Polizei melden. Oder ob eventuell eine exhibitionistische Tat gegenüber Kindern dahintersteckt, die dann als sexueller Missbrauch eingestuft wird.

In der Wahrnehmung der Menschen gibt es eine Steigerung der Kriminalitätsrate in allen Bereichen durch den hohen Zuzug von Flüchtlingen. Ist das tatsächlich so?
Zwischenzeitlich haben wir in fast allen Kriminalitätsbereichen, in denen Asylbewerber und Flüchtlinge beteiligt sind, Rückgänge zu verzeichnen. Das führe ich darauf zurück, dass sie nicht mehr in Erstaufnahmestellen wohnen, sondern dass sie jetzt zersiedelt sind auf die Kommunen. Dort findet in der Regel eine bessere Integration statt, als wenn 200 junge Männer auf engstem Raum zusammenleben. Dass da mit der Zeit die Aggression und das Gewaltpotential steigt, ist nachvollziehbar und wäre auch so, wenn die jungen Männer alle Deutsche wären.

Ein weiteres Problem dürfte sein, dass die Menschen, die zu uns kommen, zwar arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Sie haben aber auch Bedürfnisse und würden gerne das Gleiche kaufen wie wir, den Führerschein machen und viele Dinge mehr, können es aber nicht. Wir brauchen deshalb ein sinnvolles, handhabbares Zuwanderungsgesetz.

Sie glauben also, dass ein vernünftiges Zuwanderungsgesetz nicht nur gut für eine bessere Integration wäre, sondern sich auch positiv auf die Kriminalitätsstatistik auswirken würde?
Ich glaube, dass wir umso weniger Kriminalität haben, je mehr wir den Menschen an Berufs- und Lebensperspektive geben und da gehört Arbeit dazu.

Stichwort Bahnhof: Was ist die Problematik am Ludwigsburger Bahnhof, dass die Menschen so beunruhigt auf dieses Thema reagieren?
Meiner Meinung nach handelt es sich um eine gefühlte Unsicherheit der Bevölkerung bzw. der Menschen, die ihn benutzen. Andere Bahnhöfe sind groß, licht, haben breite Durchgänge, sind belebt mit Geschäften, Restaurants oder Cafés. Der Ludwigsburger Bahnhof dagegen hat volle, sehr enge und fast nur raumhohe Durchgänge unter den Gleisen, was schnell ein Gefühl der Beklommenheit hervorruft. Von einem Wohlfühl-Bahnhof sind wir in Ludwigsburg noch entfernt. Aber prinzipiell gibt es an Bahnhöfen immer und überall mehr Kriminalität als auf dem Marktplatz einer kleinen Kommune oder auf dem Land. Wir haben zwar schon Schwerpunktaktionen gefahren am Bahnhof und versuchen dort immer präsent zu sein. Aber ein ausgemachter Straftatenschwerpunkt ist dort nicht gegeben, der es rechtfertigen würde,  eine Dauerwache einzurichten.

Wenn Sie nachts durch den Bahnhof laufen, haben Sie kein mulmiges Gefühl?
Ich persönlich habe kein mulmiges Gefühl, aber ich bin auch Polizist und weiß natürlich, wie man mit bestimmten Situationen umgeht. Gelegentlich nutze auch ich den Bahnhof. Aber ich wurde bislang weder angepöbelt noch angegriffen. Dennoch verstehe ich, dass dort durchaus jemand Angst haben kann.

Fahren Sie in Uniform mit der Bahn?
Wenn, dann fahre ich in zivil mit der S-Bahn, aber es kommt nicht so häufig vor. Normalerweise komme ich von Bietigheim-Bissingen täglich mit dem Pedelec nach Ludwigsburg ins Polizeipräsidium. Das geht schneller als mit dem Auto und verschafft mir die tägliche Portion Frischluft und Bewegung.

Sie beklagen bei öffentlichen Auftritten in Ihren Reden immer wieder den mangelnden Respekt und die fehlende Wertschätzung gegenüber der Polizei. Ist es wirklich so schlimm?
Als ich in den 80er Jahren hier als junger Polizist anfing, war noch ein gewisser Respekt vor der Polizei spürbar. Heute bekomme ich von meinen Kolleginnen und Kollegen immer wieder erzählt, dass es ihnen gegenüber an Respekt mangelt. Die Kollegen werden angegangen, werden schon bei den einfachsten Dingen beschimpft, sie müssen sich beleidigen lassen. Gewalt gegenüber der Polizei ist nach wie vor leider auf einem sehr hohen Niveau. Das setzt sich dann beispielsweise fort bei schweren Unfällen, wo Polizei und Rettungskräfte nicht durchkommen, weil Gaffer mit dem Handy drumherum stehen und nicht helfen. Die Feuerwehr hat deshalb jetzt aufblasbare Sichtschutzwände angeschafft, die binnen Sekunden auf 20 Meter Sichtschutz bieten. Aber das Thema findet auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft statt. Lehrer klagen, dass sie Erziehungsdefizite in der Schule richten müssen, es gibt ihnen gegenüber Verunglimpfungen im Netz. Bürgermeister sind ebenso betroffen. Sie müssen viel aushalten, werden beschimpft, bedroht, selbst ihre Familien werden bei unliebsamen Entscheidungen in die Verunglimpfungen einbezogen. Das ist nicht der Umgang, den ich mir für unsere Gesellschaft wünsche.

Warum ist dieser Respekt abhandengekommen?
Es ist ein gesellschaftliches Problem, weil bestimmte Werte wie das Miteinander zugunsten einer individuellen, hedonistischen Entwicklung in den Hintergrund getreten sind. Es fängt in der Familie an, geht weiter in Kitas und Schulen. Aus diesem Grund ist in Baden-Württemberg das Projekt „Rechtsstaat mach Schule“ von Justiz und Polizei gestartet. Polizeiliche Jugendsachbearbeiter, Staatsanwälte, Richter gehen in Schulklassen, um unser Rechtssystem zu verdeutlichen. Es wird vom Jugendsachbearbeiter erklärt was bei Diebstahl, Handy abzocken, Cybermobbing etc. abläuft und welche Folgen das für die Betroffenen mit sich bringt. Im nächsten Schritt wird der polizeiliche Prozess dargestellt und die Schüler dabei pädagogisch in Gruppenarbeiten einbezogen. In der nächsten Doppelstunde kommt der Staatsanwalt und erklärt die juristischen Folgen für jugendliche Straftäter. In der darauffolgenden Doppelstunde wird in der Klasse eine Gerichtsverhandlung nachgespielt mit einem echten Staatsanwalt und einem realen Richter, inklusive einer Zeugenbefragung. Damit wollen wir Bewusstsein schaffen.

Sie vermitteln den Eindruck eines sehr überzeugten und leidenschaftlichen Polizisten. War das schon immer Ihr Traumberuf?
Nach dem Abitur war ich wie viele junge Menschen etwas unentschlossen und schwankte zwischen Sozialpädagogik und Polizei. Wegen der besseren beruflichen Perspektive habe ich mich letztlich für die Polizei entschieden. Außerdem dachte ich mir, dass ich als Polizist auch viel Gutes tun kann. Anfangs musste ich aber erst lernen, wie man mit bestimmten Situationen umgeht, in denen man die staatliche Hoheitsgewalt vertritt. Zwischenzeitlich bin ich von der Position her da angekommen, wo es mir tatsächlich möglich ist, innerhalb meines Rahmens das eine oder andere Gute zu tun.

Was tun Sie beispielsweise?
Aktuell bin ich dabei, einen Präventionsverein für den Landkreis zu gründen, dessen Unterstützung auch der neue Landrat Allgaier sofort zugesagt hat. Aber auch die OB’s Keck und Kessing sind mit dabei oder Kreissparkassenchef Dr. Schulte. Wir werben Gelder aus der Wirtschaft oder von Stiftungen für Präventionszwecke ein, mit denen wir dann Projekte fördern, die sich dafür bewerben. Uns geht es darum, der Gesellschaft manches wieder bewusst zu machen, Werte zu vermitteln. Wir reden dabei beispielsweise über einen Preis mit dem man Werte wie Respekt, Toleranz, Zivilcourage in der Öffentlichkeit wiederbelebt. Coronabedingt mussten wir die Gründungsversammlung jetzt leider verschieben.

Geht es um Projekte für bestimmte Zielgruppen wie Jugendliche oder Flüchtlinge?
Projekte für Jugendliche zu fördern, macht schon viel Sinn. Da gibt es zum Beispiel das Projekt „Achtung“, das das Polizeipräsidium ins Leben gerufen hat. Es zeigt jungen Menschen auf, wie man anfällig für Extremismus wird. Dafür referieren wir nicht nur über das Thema in Schulklassen, sondern haben auch ein Theaterstück mit dem Theater „Courage“ realisiert, das in Schulen aufgeführt wird. Es handelt von einem jungen türkischen Mann, der mit einem jungen deutschen Mädchen befreundet war. Der eine wird anfällig für islamistischen Terrorismus, die andere für Rechtsextremismus. Die Akteure auf der Bühne zeigen die Ursachen dafür auf: dass man seinen Platz im Leben noch nicht gefunden hat, dass man Strukturen und Ordnung braucht, dass man anfällig ist für Menschen, die einem genau das versprechen. Die Freunde von früher werden dadurch zu Feinden. Im Anschluss geht man mit den Schülern in die Diskussion zu dem Thema.

Gibt es noch andere Zielgruppen, die sie erreichen wollen?
Bei Projekten für Senioren geht es um falsche Polizeibeamte. Ein Phänomen, das leider immer wieder vorkommt. Diese Zielgruppe erreicht man über die Zeitung. Jetzt planen wir dazu noch eine Aktion als Aufdruck auf Bäckereitüten, um die Senioren zu sensibilisieren, die Echtheit der Polizei zu überprüfen und nicht zu leichtgläubig zu sein. Wir sind auch mit Banken im Gespräch; damit deren Mitarbeitende darauf achten und mit Nachfragen reagieren, wenn ältere Menschen plötzlich hohe Summen abheben. Aber es gibt eine ganze Bandbreite an Themen für die unterschiedlichsten Zielgruppen.

Was hat Sie damals am meisten gereizt am Beruf des Polizisten?
Es war die Möglichkeit, etwas Sinnhaftes und für unsere Gesellschaft Wertvolles zu tun, weil sie Regeln braucht und jemanden, der darauf achtet, dass sie eingehalten werden. Ich fand schon damals, dass es ein abwechslungsreicher Beruf ist, was sich im Laufe meiner Karriere bestätigt hat. Polizei ist facettenreich, hat sehr unterschiedliche Tätigkeitsfelder wie Streifendienst, Tagesdienst, Jugendsachbearbeitung, man kann Hundeführer werden, zur Kriminalpolizei wechseln, man kann in Stabstellen arbeiten, zu Spezialeinheiten gehen oder zur Wasserschutzpolizei. Das ist einfach ein Beruf, der lebt und viele Möglichkeiten bietet.

Wenn Sie Ihre fast 40 Jahre Polizeidienst Revue passieren lassen, würden Sie aus heutiger Sicht diesen Beruf nochmals wählen?
Ja, ich würde mich wieder dafür entscheiden. Das einzige Manko ist, dass man als Polizist nicht unbedingt sehr viel verdient, verglichen mit den Einkommen in der freien Wirtschaft. Aber bei der Polizei erlebt man viele Situationen, die Sie als Normalbürger nie erleben. Manchmal machen sie betroffen und sind schwer zu verarbeiten. Aber es gibt auch viele Situationen, in denen man denkt, das ist toll, das ist schön. Wer die Tiefe nicht kennt, kann die Höhe nicht schätzen. Ich habe von beidem gleichermaßen genug und das motiviert mich.

Sie haben zwei Bücher geschrieben, eines heißt ‚Streiflichter aus dem Leben eines Polizisten“. Haben Sie das Buch geschrieben, um Ihre eigenen Erlebnisse im Dienst zu verarbeiten?
Mir ging es darum, die vielfältige Arbeit der Polizei etwas bekannter zu machen. Das Buch ist entstanden während meiner Zeit als Leiter des Polizeireviers in Marbach. Damals habe ich einen Verleger kennengelernt, der mich zu diesem Buch ermuntert hat. Mit Verarbeiten hatte es nichts zu tun. Verarbeiten kann man am besten, indem man über das Erlebte redet. Da ist die Polizei heute auch so weit, dass man auch über belastende Erlebnisse spricht. Dafür haben wir einen psychosozialen Dienst innerhalb der Polizei, der automatisch verständigt wird, wenn ein Mitarbeiter eine traumatische Situation erlebt, wo beispielsweise ein Mensch in seinen Händen stirbt oder bei Gewalttaten Kinder ums Leben kommen.

Sie haben aber noch weitere Bücher geschrieben…
Während meiner Zeit in Pforzheim sind zwei Werke entstanden. Damals habe ich im Kollegenkreis lustige Geschichten gesammelt und aufgeschrieben, denn auch wir Polizisten lachen gerne. Es passieren im Dienst oft so schöne, witzige Dinge. Eine Begebenheit fällt mir spontan ein. Da wird ein Zirkus vom Bahnhof abgeholt und während der Elefantenparade durch die Stadt begleitet, als plötzlich ein Elefant aus der Herde ausschert und sich auf einen roten PKW setzt. Der Wagen ist platt, der Elefant macht Törö, steht auf und geht weiter. Hinterher stellt sich heraus, dass die alte Elefantendame nicht mehr gut sehen konnte, aber dass sie sich jeden Abend in der Vorstellung auf einen überdimensionierten roten Hocker setzen und die Zuschauer mit einem freundlichen Törö begrüßen musste. Das hat sich wirklich so abgespielt und ist nur eine von vielen Geschichten. Die beiden Bücher heißen ‚Der betrunkene Kauz‘ und der ‚Der betrunkene Kauz fliegt wieder‘. Außerdem habe ich noch diverse Kinderbücher geschrieben. Manche mit Polizeigeschichten, andere mit Feuerwehr- oder Rettungsgeschichten, manche als Benefizbücher für die Kinderhospizarbeit.

Ist Schreiben eine Leidenschaft von Ihnen, schalten Sie dabei vom Alltag ab?
Mir macht es einfach Spaß. Und ich freue mich natürlich, wenn ich auf meine Geschichten eine Rückmeldung bekomme. Daneben habe ich auch die eine oder andere Kinderlieder-CD  zum Thema Prävention und Verkehrssicherheit gemacht.

Wie lange brauchen Sie für so ein Buch oder eine CD?
Das kommt immer darauf an. Ein Kinderbuchbeispiel im Kurzüberblick: zwei Glühwürmchen lernen sich kennen und fliegen gemeinsam über Wälder, Felder und das Meer. Sie bekommen ihr Wunschkind, zeigen ihm die Welt. Dann wird das Kind plötzlich krank, wird immer schwächer. Als es zum letzten Flug ansetzt, begleiten die Eltern es bis zu einem bestimmten Punkt und das Kind fliegt allein weiter und bleibt schließlich als schöner Stern am Himmel stehen. Diese Geschichte hatte ich in zwei Stunden geschrieben und habe sie dann nur immer wieder verfeinert. Sie ist entstanden für die Kinderhospizarbeit, weil mir die Mitarbeiter dort sagten, dass es für die Geschwisterkinder wichtig ist, etwas zu haben, womit man ihnen den Tod von Bruder oder Schwester begreifbar machen kann. Ein Buch zum Thema Gewalt gegen die Polizei -„Es reicht!“- hat etwa ein Jahr gebraucht.

Sie wirken ausgesprochen ruhig und ausgeglichen. Woher nehmen Sie die Kraft, alles Erlebte in 40 Jahren Polizeidienst zu ertragen?
Vielleicht liegt es an der Freude, die mir meine Arbeit bereitet. Ich bin sehr gerne Polizist. Ein hohes Maß an Zufriedenheit bekommt man, wenn man gestalten kann. Und das konnte ich eigentlich schon immer.

Welches war das schlimmste Erlebnis Ihrer Dienstzeit, an das Sie bis heute denken?
Dieser Fall liegt schon weiter zurück. Damals ist in Eglosheim ein drei Monate altes Kleinkind gestorben. Eine Streife wurde hingeschickt, die war unsicher über die Todesursache und holte die Kriminalpolizei dazu. Das Kind wurde obduziert und es kam am Ende heraus, dass das Baby von der Mutter mit einem Kissen erstickt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war meine Tochter ebenfalls drei Monate alt. Damals bin ich ganz oft ans Bettchen meiner Tochter, um zu hören, ob sie noch atmet. Ebenfalls schlimm war es immer, Todesnachrichten zu überbringen. Ich habe da Fälle in Erinnerung, wenn man an der Haustür stand und klingelte, die Ehefrau öffnete und direkt auf einen einschlug, weil sie ahnte, was kommen würde. In solchen Momenten war es schwer, die richtigen Worte zu finden, um dem Menschen das Unglück zu erklären. Damals musste die Polizei solche Situationen allein bewältigen. Heute geht zum Glück die Notfallseelsorge mit und betreut die Menschen im Anschluss weiter.

Als Polizist schauen Sie oftmals in die Abgründe der Menschheit. Schaffen Sie es, abends nach Hause zu gehen und das Erlebte im Präsidium zu lassen?
Heute geht es bei mir weniger um die Abgründe der Menschheit, sondern mehr um die Leitungsaufgaben in einer Dienststelle mit mehr als 1.800 Mitarbeitern. Davon nehme ich schon manches mit heim. Jeder, der seinen Beruf ernst nimmt, kann da nicht einfach abschalten.

Wie schalten Sie am besten ab, wie laden Sie Ihre Akkus auf?
Das beginnt mit der Heimfahrt auf dem Pedelec. Diese 30 Minuten nutze ich, um manches nochmals zu durchdenken und dann loszulassen. Wenn ich daheim bin, bin ich abends zuständig für Essen, weil ich sehr gerne koche. Da bin ich auch gerne kreativ. Sport ist ein Muss, egal ob Joggen, Rad- oder Skifahren. Meine Frau und ich sind kulturell sehr interessiert, gehen gerne in Stuttgart ins Schauspielhaus, unternehmen etwas mit unserem Freundeskreis und beim Lesen komme ich ebenfalls gut in den Abschalt-Modus.

Was lesen Sie gerne? Berufsbedingt Krimis oder bevorzugen Sie ein anderes Genre?
Da bin ich sehr breit aufgestellt. Meine Lektüre beginnt bei Zeitungen und Zeitschriften, geht über Krimis bis hin zu schöner Literatur.

Sind Sie heute noch ins operative Geschäft eingebunden?
Ins operative Geschehen greife ich nur noch bei ganz großen Einsätzen ein. Wenn es jetzt einen Terroranschlag wie beispielsweise in Hanau, irgendwelche Unruhen oder eine Katastrophenbewältigung bei uns gäbe, würde ich den jeweiligen Einsatz leiten.

Über welche Fälle sind sie detailliert informiert, welche landen nicht auf Ihrem Tisch?
Vom Wissen her eingebunden bin ich rund um die Uhr in alle wesentlichen Fälle, die sich aktuell auftun und in das, was ermittlungstechnisch läuft.

Vermissen Sie manchmal das operative Geschäft?
Das operative Geschäft war sehr schön, aber ich vermisse es nicht. Heute geht es um die Leitung der Dienststelle, um Repräsentation. Ich war und bin eigentlich zu jeder Zeit sehr zufrieden mit dem, was ich tue.

Sie haben eben erzählt, dass Sie eine Tochter haben. Gibt es noch weitere Kinder?
Ich habe zwei eigene Kinder und bin in zweiter Ehe verheiratet. Meine Frau hat drei Kinder mit in die Ehe gebracht. Ihr erster Sohn ist mit 36 Jahren der Älteste, er ist Lehrer. Meine Tochter lebt in der Schweiz und arbeitet dort als Psychologin. Die Tochter meiner Frau leitet den hauswirtschaftlichen Bereich in einem Seniorenheim, mein Sohn hat gerade in Villingen-Schwenningen sein Studium an der Hochschule der Polizei beendet. Der jüngste Sohn meiner Frau studiert noch Mathe und Philosophie.

Sind Sie glücklich darüber, dass Ihr Sohn ebenfalls zur Polizei gegangen ist oder haben Sie ihm eher abgeraten?
Mein Vater war Schreiner und ich hätte meinen Sohn auch jederzeit bei einem handwerklichen Beruf unterstützt. Aber er wollte unbedingt zur Polizei und der Beruf macht ihm großen Spaß. Von daher hat er für sich die richtige Entscheidung getroffen. Und das zeigt ja auch, dass ich aus dem Geschäft etwas mit nach Hause gebracht habe, von dem er der Meinung war, dass es erstrebenswert ist.

Haben wir genügend Polizisten für die anstehenden Aufgaben?
Momentan gehen wir personell leider durch ein Tal, weil mehr Polizisten in Pension gegangen als neue eingestellt worden sind. Davon merkt die Bevölkerung aber nichts, was dem Engagement all unserer Polizisten zu verdanken ist. Die Kollegen springen auf tolle Weise füreinander ein und helfen sich gegenseitig.

Hat die Polizei Nachwuchssorgen?
Wir haben keine Nachwuchssorgen, denn Polizei ist ein Beruf, den man jungen Menschen wirklich empfehlen kann. Allein das Land Baden-Württemberg stellt in den nächsten Jahren voraussichtlich 1.500 neue Polizistinnen und Polizisten jährlich ein, die alle aufgrund der anstehenden Altersabgänge gute Beförderungsperspektiven haben. Es gibt eine Einstellung im mittleren Dienst und eine im gehobenen Dienst, bei der man im Prinzip das Studium bei Einstellung schon garantiert hat. Außerdem besteht bei der Polizei eine echte Gleichheit zwischen Männern und Frauen. Wir haben letztes Jahr die Charta der Vielfalt unterschrieben, der fühlen wir uns zu 100 Prozent verpflichtet.

Haben Sie Ihre Kinder aufgrund Ihrer Tätigkeit in Selbstverteidigung ausbilden lassen?
Nein, das habe ich nicht getan. Allerdings habe ich früher an der Grundschule meiner Kinder einen Förderverein ins Leben gerufen, über den wir Kurse zur Selbstbehauptung angeboten haben. Die Kinder sollten spielerisch lernen, nur das zu tun, wobei sie auch ein gutes Gefühl haben. Sie haben einfache Strategien mit auf den Weg bekommen, die ihnen helfen sollten. Wissen meine Eltern wo ich bin? Habe ich ein gutes Gefühl dabei? Wenn man das beide Male positiv beantwortet, ist die Gefahr, in eine schlechte Situation zu kommen, relativ gering. Je selbstbewusster ich auftrete, desto weniger werde ich zum Opfer.

Ein großes Problem ist heutzutage, dass bei Streitereien unter Jugendlichen häufiger das Messer zum Einsatz kommt, manchmal mit tödlichem Ausgang. Was raten Sie Jugendlichen, damit sie keiner Messerattacke zum Opfer fallen?
Kommt es zu Streitereien, sollte der Jugendliche nicht auf Konfrontation zum Täter bzw. Angreifer gehen, er sollte sich gegebenenfalls zurückziehen, Verbindung zu anderen Unbeteiligten aufnehmen und sie ganz konkret um Unterstützung bitten, die Polizei verständigen, Hilfe rufen. Alle Information und Ratschläge findet man unter www.aktion-tu-was.de.

Das Gewaltpotential unter Jugendlich scheint gestiegen zu sein. Ist das nur ein Gefühl oder ist das wirklich so?
Die Zahlen aus dem letzten Jahr bestätigen das nicht, sie gehen im Bereich Gewaltkriminalität eher zurück. Man muss sich jedoch fragen, was die Medien dazu beitragen, dass dieses Gefühl besteht. Je nach Berichterstattung haben sie Mitverantwortung dafür, ob ein Unsicherheitsgefühl entsteht oder nicht. Je reißerischer ein Medium mit einer Straftat umgeht, umso mehr schürt es Ängste. Wir wünschen uns eine seriöse und sachliche Berichterstattung.

1994 hat der New Yorker Polizeichef William J. Bratton gemeinsam mit dem Bürgermeister Rudolph Giuliani die Null-Toleranz-Politik eingeführt. Geben Sie Ihren Polizisten einen ähnlich strengen Leitfaden mit auf den Weg?
Null-Toleranz befürworte ich immer im Bereich Terrorismus und Rechtsextremismus. Da müssen wir konsequent sein und klare Kante zeigen. Im Bereich der Jugendkriminalität dagegen muss man anders agieren. Die ist überall verbreitet, kommt mal vor, geht aber auch wieder vorbei. Der Großteil der Jugendlichen begeht keine Straftaten. Bei den 5 Prozent, die Straftaten begehen, ist es oftmals eine einmalige Angelegenheit. Natürlich gibt es auch einen kleinen Prozentsatz derer, die immer wieder straffällig werden. Aber die meisten lernen daraus. Vor allem wenn sie entdeckt worden sind. Danach verläuft ihr Leben normal weiter. Deshalb halte ich die Null-Toleranz-Strategie als durchgängiges Mittel für die Gesellschaft nicht für vertretbar. In manchen Bereichen muss man Tätern einfach auch die Chance anbieten, ihren Platz in der Gesellschaft wieder zu finden.

Wo sehen Sie die Null-Toleranz-Politik als sinnvoll an?
Die Graffiti-Sprayer sind ein gutes Beispiel. Als ich Polizeichef in Pforzheim war, hatten wir ein Haus des Jugendrechts. Dort wurden straffällige Jugendliche sofort zu Arbeitsauflagen verurteilt. So mussten die Sprayer im gesamten Ort alle Graffiti-Sprühereien entfernen. Mit dieser Strafe ist für die Gesellschaft wieder etwas Gutes entstanden, denn die Geschädigten mussten für die Reinigung nicht selbst aufkommen. Der Bereich Pforzheim war damals das einzige Graffiti freie Autobahnstück in der gesamten Bundesrepublik.

Gibt es so ein Haus des Jugendrechts auch in Ludwigsburg?
In der Tat sind wir gerade dabei, ein solches Haus bis 2021 zu realisieren, wo Staatsanwaltschaft, Polizei und Jugendgerichtshilfe, also Sozialarbeiter, unter einem Dach zusammenarbeiten. Das bringt kurze Wege zueinander, man kann mehrere Institutionen zu einer Fallkonferenz zusammenbringen, um die beste Lösung für den jeweiligen Fall zu finden, die dem Wohl von Tätern und Opfern dient, aber auch sofort einer staatlichen Reaktion, die auf eine Verfehlung folgen muss, gerecht wird.

Sie haben eben das Stichwort Rechtsextremismus gegeben. Welche Rolle spielt der in unserer Region?
Gegen Rechtsextremismus gehen wir hier konsequent und mit aller Härte vor. Leider hat es hier schon vereinzelt Straftaten gegeben, zuletzt vor wenigen Wochen eine antisemitische Farbschmiererei in Marbach. Wenn wir die Täter ermitteln können, werden sie dafür zur Rechenschaft gezogen. Gleichermaßen konsequent gehen wir gegen Reichsbürger vor.

Zum Problem werden mittlerweile die Hochzeitskorsos, auf denen zur Feier des Brautpaares die Autobahnen blockiert werden oder wild in die Luft geschossen wird. Wie können Sie dieses Problem lösen?
Wir kontrollieren, weisen darauf hin, was man darf und was nicht. Selbst in Facebook haben wir eine spezielle Seite mit Piktogrammen dazu erstellt. Wer auf der Autobahn den Verkehr runterbremst, wird wegen Nötigung angezeigt. Wenn dadurch ein Unfall passiert, gibt es eine Anzeige wegen Straßenverkehrsgefährdung oder fahrlässiger Körperverletzung im Straßenverkehr. Wenn sie mit irgendwelchen Waffen schießen, kommt eine Anzeige nach dem Waffengesetz. Was für die Betroffenen meistens das Schlimmste ist, dass die Hochzeitsfeierlichkeiten meist so verzögert werden, dass sich jeder darüber ärgert. Das ist auch unser Argument, mit dem wir mit Flyern, die in Standesämtern übergeben werden, an die entsprechenden Gruppierungen herantreten und sie zur Vernunft aufrufen.

Es heißt immer, Angst sei ein schlechter Ratgeber. Gab es trotzdem Situationen in Ihrem Berufsleben, in denen Sie Angst verspürt haben, weil es gefährlich war?
Denke ich an operative Zeiten zurück, dann ist Angst in bestimmten Situationen wie bei einer Hausdurchsuchung oder dem Eindringen in ein Haus, in dem sich jemand mit einer Waffe aufhält, ein guter Begleiter, weil sie für Vorsicht sorgt. Solche Momente kamen auch bei mir vor.

Wie gehen Sie mit dieser Angst um?
Als Polizist ist man trainiert, man weiß, wie man vorgehen muss und kann normalerweise darauf vertrauen, dass die mitgegebenen Werkzeuge gut funktionieren. Wir haben ein gutes Einsatztraining, auf das man sich verlassen kann. Aber Angst sensibilisiert einfach für eine gefährliche Situation und das ist gut.

Eine Frage, die nicht fehlen darf: Wie geht die Polizei mit dem Corona-Virus um?
Im Polizeipräsidium gibt es bisher noch keinen bestätigten Infizierungsfall. Wir bereiten uns ohne Panik und Hysterie mit Augenmaß auf Situationen vor, die eine Ausbreitung des Coronavirus mit sich bringen könnte. Im Vordergrund steht die Gesundhaltung der Polizei, damit wir die öffentliche Sicherheit auch in Krisenzeiten aufrechterhalten können.

Dafür treffen wir alle sinnvollen Hygiene- und Schutzmaßnahmen, stellen mögliche Verdachtsfälle vom Dienst frei, planen Vertretungen in kritischen Bereichen und haben uns mit einem landesweit abgestimmten polizeilichen Eskalationsplan auf das,was kommen könnte, vorbereitet. Momentan befassen wir uns mit Maßnahmen zur Einhaltung der von der Landesregierung erlassenen Corona-Verordnung.

Wir stehen in ständigen Kontakt mit den Gesundheitsbehörden und auf Chefebene mit dem Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration, das wiederum im interministeriellen Krisenstab vertreten ist.

Was meint der Mensch Burkhard Metzger zu Corona? Könnte die Krise auch Gutes mit sich bringen?
Die Coronapandemie bringt neben der Krankheitsgefahr enorme Gefahren für unsere Wirtschaft und damit für unseren Wohlstand mit sich. Ich hoffe, dass der Schutzschirm der Regierung hier positiv wirkt. Die Pandemie könnte aber auch manches bewusst machen, was vielleicht in unserer Gesellschaft etwas in Vergessenheit geraten ist:

Dass es keine Selbstverständlichkeit in der Welt ist, dass Supermarktregale immer so voll sind, wie sie es bei uns gewesen sind.

Dass es uns diesbezüglich sehr gut geht.

Dass eine Landwirtschaft in Deutschland Sinn macht.

Dass Medikamente und Zulieferer aus bzw. im eigenen Land in Krisenzeiten wichtig sind.

Dass – angesichts der Möglichkeit einer Ausgangssperre – Bewegung, Sport und Gesundhaltung einen Wert haben.

Und insbesondere, dass eine Gesellschaft zur Bewältigung derartiger Krisen die Solidarität und den Zusammenhalt der Menschen braucht.

Herr Metzger, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview: Ludwigsburg24 trifft Tanja Hildenbrand

Im Januar feierte Tanja Hildenbrand ihren 50 Geburtstag. Doch noch ein zweites Jubiläum stand an für die Geschäftsführerin der Ludwigsburger Traditionsfirma Ott, die sie in der vierten Generation führt. In diesem Jahr feiert sie 25-jähriges Firmenjubiläum. „Ich habe tatsächlich schon mein halbes Leben in unserem Familienunternehmen verbracht“, staunt sie. Dabei war für Tanja Hildenbrand schon immer klar, dass sie den Handwerksbetrieb mit inzwischen 20 Mitarbeitern, der eigentlich zu einer noch immer männerdominierten Branche zählt, einmal übernehmen würde. Und anders als in vielen anderen Familienunternehmen hat die Nachfolgeregelung vom Vater auf die Tochter bei den Hildenbrands auch bestens funktioniert. 

Frau Hildenbrand, Sie sind schon als Kind mit Ihrem Familienunternehmen aufgewachsen, haben heute selbst eine zehnjährige Tochter. Soll sie eines Tages in Ihre Fußstapfen treten?
(lacht) Zumindest sagt Helen auf die Frage nach ihrem Berufswunsch immer: „Ich werde auch mal Chef wie Mama und übernehme die Firma!“. Sie interessiert sich tatsächlich für das Unternehmen und denkt oftmals mit. Aber, der Job ist als Frau nicht immer einfach, denn das Handwerk ist selbst heute noch weitestgehend eine Männerdomäne. Warten wir mal ab, für was sie sich letztlich entscheidet. Ich werde sie jedenfalls zu nichts drängen, genauso wenig wie meine Großeltern und Eltern es bei mir getan haben. Doch im Gegensatz zu mir wächst sie tatsächlich noch enger verbunden mit dem Unternehmen auf, als dies bei mir der Fall war.

Inwiefern?
Meine Mutter hat erst wieder gearbeitet, als meine sechs Jahre jüngere Schwester Myriam und ich in Kindergarten und Schule waren. Sie ging vormittags ins Unternehmen, nachmittags war sie daheim bei uns. Ich dagegen habe Helen ab dem dritten Lebensmonat fleißig mit in die Firma genommen bis sie dann in den Kindergarten gekommen ist. Auch heute begleitet sie mich noch gerne in den Ferien und hat somit einen engeren Bezug zur Firma als ich in ihrem Alter. Die Mitarbeiter freuen sich immer, wenn Helen mitkommt. Bis sie alle Abteilungen ausgiebig besucht hat, ist meist schon wieder Feierabend.

Wann ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, ins Unternehmen einzusteigen?
Erst mit dem Abitur entwickelte sich der Wunsch konkret, später einmal in den Familienbetrieb einzusteigen. Ich habe zunächst Betriebswirtschaft studiert mit dem Schwerpunkt Personal und wollte dann aber erste berufliche Erfahrungen in einer anderen Firma machen. Zu diesem Zeitpunkt ging es leider meiner Oma gesundheitlich nicht mehr so gut. Sie war bei uns für den Verkauf und die Raumausstattung zuständig, konnte diese Tätigkeit aber nicht mehr länger ausüben. Daraufhin habe ich mich entschieden, direkt nach dem Studium als Angestellte in unseren Betrieb einzusteigen und den Bereich meiner Oma zu übernehmen.

Und das haben Sie auch problemlos geschafft?
Na ja, zuerst musste ich mir das Wissen über die ganze Produktpalette der Raumausstattung, also über Gardinen, Stoffe etc. aneignen, um die Kunden auch entsprechend zu beraten sowie die richtigen Angebote und Rechnungen zu erstellen. Mit der Zeit habe ich den Bereich Bodenbeläge dazubekommen und so bin ich Stück für Stück ins Unternehmen hineingewachsen.

Wie hat sich das für Sie angefühlt, den Vater plötzlich auch noch als Chef zu haben?
Das hat gut funktioniert, weil unser Betrieb damals schon recht groß war und jeder von uns seinen eigenen Bereich hatte, so dass wir nicht zwangsläufig täglich miteinander zu tun hatten. Er war froh, dass ich mich um den Verkauf, die Präsentationen und die Raumausstattung gekümmert habe. Richtige Kontroversen hatten wir beide nie.

Was war Ihr Vater für ein Chef-Typ?
Er ist ein völlig anderer Typ als ich. Er kommt aus einer anderen Generation, ist Jahrgang 1943, und ist ganz anders in das Unternehmen hineingewachsen. Mein Vater hat bei seinen Eltern zuerst die handwerkliche Ausbildung absolviert und ist Parkettlegemeister. Gleichzeitig hat er die kaufmännische Ausbildung draufgesattelt. Er hat alles von seinen Eltern gelernt und ist in die Führung der Mitarbeiter hineingewachsen. Ich hatte die Chance das alles von einer anderen Richtung aus und während einer anderen Zeit zu lernen. Allein daraus ergeben sich Unterschiede im Führungsstil.

Was macht Ihren Führungsstil aus, was ist daran typisch weiblich?
Mir ist liegt sehr daran, miteinander als Team zu arbeiten, auch abteilungsübergreifend. Wir haben den Verkauf, das Nähzimmer, das Büro, die Verlege-Abteilung, die Raumausstattung. Da ist es wichtig, dass wir uns gegenseitig unterstützen, uns aushelfen, viel und gut kommunizieren. Miteinander zu reden, das ist vielleicht typisch weiblich. Und auch der Tonfall, in dem ich mit Mitarbeitern oder auf den Baustellen spreche. Statt mit Gewalt etwas durchzudrücken, schlage ich oftmals doch eher eine leisere, diplomatischere Gangart ein. Zudem lege ich Wert darauf, dass die Mitarbeiter sich mit eigenen Vorschlägen einbringen und aktiv mitarbeiten. Das war mir vor allem im Zuge der Umstrukturierung ein Anliegen.

Inwiefern haben Sie das Unternehmen umstrukturiert?
Früher gab es drei Geschäftsführer bestehend aus Oma, Opa und meinem Vater. Heute ist es so, dass sich mein Vater aus dem Tagesgeschäft zum großen Teil rausgenommen hat und ich das Unternehmen weitestgehend allein leite. Deswegen ist es für mich auch wichtig, dass ich mit meiner Schwester, die die Raumausstattung leitet, und mit meinem Bauleiter Menschen an meiner Seite habe, die das eine oder andere abfangen und mich unterstützen. Mein Vater ist aber immer noch jederzeit für mich da und unterstützt mich aktiv. Dann betreut und überwacht er das eine oder andere Bauvorhaben, er geht zu Kunden oder Architekten, und steht mir immer mit Rat und Tat zur Verfügung.

Viele Ihrer Mitarbeiter stammen noch aus der Zeit Ihrer Großeltern und Ihres Vaters, kennen Sie als Kind. Gab es deshalb Ihnen gegenüber irgendwelche Akzeptanzprobleme?
Ganz am Anfang meiner Tätigkeit in der Parkett- und der Bodenbelagsabteilung habe ich gerade als junges Mädel gegenüber den langjährigen, gestandenen Mitarbeitern schon manchmal Ellbogen gebraucht. Man hat mir anfangs wohl nicht zugetraut, die Firma so zu führen, wie ich sie heute führe. Aber ich denke, dass wir das alle zusammen ganz gut hinbekommen haben und bin auch stolz darauf, wie und dass ich es so hinbekommen habe.

Sie sind alleinerziehende Mutter – wie schaffen Sie den Spagat zwischen Ihrer Tochter und dem Unternehmen?
Ich teile mir meine Zeit gut ein und versuche beiden Seiten gleichermaßen gerecht zu werden. Beruflich wechselt es zwischen Büro und Außenterminen. Nerzwerken, Kundenkontakte halten, Messebesuche, all das sind Dinge, die ebenso zu meinem Job dazugehören. Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen Helen gegenüber, wenn ich gelegentlich mal die Prioritäten zugunsten der Firma verschieben muss. Zum Glück habe ich meine Eltern sowie einen wunderbaren Freundeskreis, die sich um Helen kümmern, wenn ich es mal nicht selbst kann. Aber meist gelingt mir der Spagat sehr gut, auch dank meiner tollen Mitarbeiter, auf die ich mich absolut verlassen kann. Vielleicht verbringe ich mit Helen weniger Zeit als nichtberufstätige Mütter. Aber die Zeit, die wir gemeinsam haben, die ist sehr intensiv.

Als ‚Working Mom‘ haben Sie bestimmt Verständnis für Mitarbeiterinnen mit Kindern. Bieten Sie denen besondere Arbeitsbedingungen wie beispielsweise Home-Office?
Momentan stellt sich die Frage so nicht. Aber meine Mitarbeiter können auf meine Unterstützung zählen, wenn ein Problem auftaucht. So hat ein Mitarbeiter schon ein paarmal seinen Hund mitgebracht, als es nicht anders ging. Wir kommunizieren viel miteinander und finden deshalb für alles eine Lösung. Home-Office kann ich leider nicht anbieten. Dennoch versuche ich besonders Frauen zu unterstützen. Gerade habe ich wieder eine ehemalige Mitarbeiterin als Teilzeitkraft eingestellt, die aufgrund Familienplanung ausschied als ich hier anfing.

Worauf achten Sie bei Ihren Mitarbeitern, welche Eigenschaften sollten sie neben der fachlichen Qualifikation mitbringen, um bei Ihnen angestellt zu werden?
Sie müssten zum Team passen und dafür müssten Sie ein höfliches, respektvolles sowie wertschätzendes Auftreten haben, Offenheit, Flexibilität und eine grundsätzliche Bereitschaft fürs selbständige, eigenverantwortliche Arbeiten mitbringen. Ebenso wichtig ist natürlich die nötige Leidenschaft für Menschen und den Job.

Was zeichnet die Firma Ott aus und unterscheidet sie von den Mitbewerbern?
Die Firma wurde 1934 von meinem Urgroßvater gegründet. Es gibt vor allem im Handwerk nicht mehr sehr viele Familienbetriebe, die schon so lange erfolgreich bestehen. Wir bekommen von unseren Kunden häufig das Feedback, dass sie es sehr schätzen, dass die Familie Hildenbrand noch immer selbst im und hinter dem Betrieb steht. Dadurch fühlen sich die Kunden einfach in guten Händen, haben Vertrauen in unsere Leistung. Gleiches gilt auch für unsere Mitarbeiter, von denen viele noch mit von meinen Großeltern eingestellt wurden und die den Kunden somit bekannt und vertraut sind. Ein anderer Vorteil unseres Geschäfts ist, dass wir ein sehr breites Sortiment haben und man bei uns alles aus einer Hand bekommt. Das heißt, dass wir nicht mit Subunternehmern arbeiten, sondern wir von der ausführlichen Beratung bis hin zur handwerklichen Umsetzung mit eigenen, gut ausgebildeten Mitarbeitern ganze Wohnungen und Häuser inklusive Dekorationen ausstatten können.

Arbeiten Sie vorwiegend für Privatkunden?
Nein, auch hier sind wir breit aufgestellt. Wir haben sowohl Privat- als auch Geschäftskunden und arbeiten für Bauträger ebenso wie für öffentliche Auftraggeber wie die Stadt, Kommunen und Bildungseinrichtungen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag in der Regel aus?
Mein Tag ist ziemlich durchgetaktet, deshalb sollte möglichst weder die Schule ausfallen noch Helen krank werden. Passiert es dennoch, wird meine ganze Planung durcheinandergewirbelt, so dass ich mit viel Aufwand alles umorganisieren muss. Vormittags bin ich immer im Büro oder auf Außenterminen. An Tagen, an denen Helen Nachmittagsunterricht hat, lege ich mir Kundentermine, an schulfreien Nachmittagen sind für Helen Arzttermine und sportliche Weiterbildungsaktivitäten dran.

Was macht Ihnen an Ihrem Job am meisten Spaß?
Ich mag die Vielseitigkeit an meiner Arbeit. Mal macht man aus Altem etwas Neues, oftmals steht man in einem Rohbau und darf von Beginn an etwas Neues mitgestalten und kann genau verfolgen, was durch die handwerkliche Leistung entsteht. Das macht großen Spaß. Mir gefällt auch der Umgang mit Mitarbeitern und Kunden, aber auch der Kontakt zu Mitbewerbern, mit denen man sich trifft und austauscht. Meine Arbeit ist sehr abwechslungsreich, verlangt aber auch täglich eine große Flexibilität.

Was tun Sie sich Gutes, wenn Sie mal von Kind und Job abschalten wollen?
Sport ist ein Mittel, um allen Stress abzuschütteln. Ich laufe meistens am Wochenende und während der Woche gehe ich einmal ins Sportstudio. Mit dem Sport versuche ich, eine Regelmäßigkeit beizubehalten, um Energie zu tanken und den Kopf frei zu bekommen. Ansonsten treffe ich mich gerne mit Freunden oder lese ein gutes Buch.

Gehen Sie gerne zum Shoppen?
Leider fehlt mir für ausgiebige Shoppingtouren die Zeit. Doch wenn ich es mal schaffe, dann genieße ich es total. Ich gehe dann auch bewusst in Geschäfte und bestelle nach Möglichkeit nichts im Internet. Ich habe meine Fachgeschäfte, in die ich gerne gehe und genieße dabei das ganze Drumherum. Die Mitarbeiter kennen mich meist und wissen gleich, was mir gefällt.

Sind Sie sich selbst gegenüber finanziell großzügig?
Der Mega-Shopper bin ich nicht, eine Schnäppchenjägerin allerdings auch nicht. Ich kaufe das, was ich wirklich brauche und achte dabei auf Qualität.

Wo und wie verbringen Sie Ihre Urlaube?
Die Urlaube sind noch sehr auf Helen abgestimmt. Manchmal fahren wir nur zu zweit, manchmal zusammen mit Freunden. Auch mit meinen Eltern verbringen wir Urlaube in den Schulferien. Im Sommer fahren wir ans Meer, in den anderen Ferien gehen wir auch gerne in die Berge zum Skifahren oder Wandern. In der Natur fühlen wir uns beide sehr wohl.

Sind Sie für Ihre Tochter eher die Autoritätsperson oder mehr gute Freundin?
Ich erziehe Helen mit viel Liebe und Verständnis, wir reden viel, spielen miteinander und unternehmen viel. Unser Verhältnis ist super. Aber es gibt selbstverständlich Regeln und sie weiß, dass sie sich an diese halten muss. Anders funktioniert sonst der Spagat zwischen Kind und Karriere nicht.

Frau Hildenbrand, wir danken Ihnen für das Interview.

Interview. Patricia Leßnerkraus

“Ich spiele auf Sieg” – Stephan Muck im Gespräch mit Ludwigsburg24

Das Rathaus ist sein Ziel. Der anstehende OB-Wahlkampf in Bietigheim-Bissingen der Weg dorthin. Nur zu gerne möchte Winzer und Gastronom Stephan Muck -Spitzname Colombo – den amtierenden Oberbürgermeister Jürgen Kessing im Amt ablösen. Der 50-jährige gebürtige Bietigheimer ist politisch erfahren. Seit 20 Jahren sitzt er schon im Gemeinderat, die ersten fünf Jahre für die Grüne Alternative Liste, danach wechselte er zu den Freien Wählern. „Dort bin ich frei in meiner Entscheidung. Wir sind eine bunte Truppe und wahrscheinlich bin ich von allen der Bunteste“, lacht Muck, den es in seinem Leben schon mehrfach aus der Kurve geworfen hat. „Ich hatte auch schon beruflich wie privat Niederlagen zu verkraften und war dann entsprechend niedergeschlagen“, sagt der Ex-DJ über sich selbst. „Aber ich habe eine Kämpfernatur, stehe immer wieder auf, entwickele neue Ideen, für die ich mich dann leidenschaftlich engagiere.“ Von seinem letzten Tiefpunkt vor einem Jahr, einem Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich, hat er sich zum Glück erholt, denn jetzt braucht er volle Power für seinen Wahlkampfendspurt.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Muck, Sie sind ein sehr direkter und vergleichsweise unkonventioneller Mensch. Glauben Sie, dass Sie mit Ihrer Art draußen bei den Menschen ankommen und eine Chance auf den Oberbürgermeisterposten haben?
Würde ich nicht an meine Chance glauben, würde ich nicht zur Wahl antreten. Ich spiele auf Sieg, mein Ziel sind 51 Prozent. Es ist eine Wechselstimmung spürbar. Ich bin durch meine politische sowie gastronomische Tätigkeit gut vernetzt. Außerdem bin ich der einzige Herausforderer, der gegen Herrn Kessing antritt. Nicht jeder findet ihn sympathisch, mich allerdings auch nicht. Manche mögen mir ankreiden, dass ich niemanden hofiere, sondern alle gleich behandele. Ich weiß, dass ich durch meine berufliche Historie nicht überall gleichermaßen geschätzt bin. Und ich weiß auch, dass ich nicht immer Mainstreampolitik vertrete. Aber, ich bin bei allem, was ich sage und tue, absolut authentisch, was mir sehr wichtig ist.

Sehen Sie in Bietigheim Parallelen zum OB-Wahlkampf in Ludwigsburg?
Mit Nuancen gibt es da tatsächlich Ähnlichkeiten zu Ludwigsburg, zu Freiburg und ein paar anderen, etwas kleineren Kommunen. Jemand, der da nicht selbst drinsteckt, kann die Stimmung der jeweiligen Kommune jedoch nicht wirklich nachvollziehen.

Was befähigt Sie Ihrer Meinung nach für das Amt des Oberbürgermeisters?
Da ist zum einen meine langjährige politische Erfahrung. Dann weiß ich, dass ich ein extrem guter Organisator bin, was ich schon in meinen jungen Zwanzigern als Gastronom bewiesen habe. Ein weiteres Plus ist neben meiner großen Kommunikationsfreude meine Fähigkeit, auf Menschen zu- und einzugehen sowie mich schnell auf jede Situation einstellen zu können.

Ihnen fehlt aber für eine Behörde mit mehr als 800 Mitarbeitern jegliche Verwaltungserfahrung.
In kleinen Gemeinden ist für den Bürgermeisterposten ein Verwaltungsfachmann notwendig. Hier in Bietigheim gibt es eine gut funktionierende Verwaltung, die dem Oberbürgermeister auf Verwaltungsebene enorm viel zuarbeitet oder Arbeit abnimmt. Im Verwaltungsausschuss beispielsweise beantwortet nicht der OB die Fragen, sondern der Amtsleiter. Mag sein, dass sich Herr Kessing deshalb in Bietigheim wohl etwas unterfordert fühlt. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass er sich nach seiner ersten Wiederwahl schon kurz darauf als VfB-Präsident ins Spiel gebracht und dann die DLV-Präsidentschaft übernommen hat. Er ist in dieser Funktion viel unterwegs. Keiner weiß genau, wie viel Zeit er für den DLV-Posten aufbringt. Dabei bringt der Stadt dieses zusätzliche Amt außer ein paar Veranstaltungen wenig. Ein weiteres Argument für meine Führungsbefähigung ist die Tatsache, dass ich als Oberbürgermeister für eine andere Gemütslage bei den Mitarbeitern sorgen würde. Momentan fühlt sich im Rathaus niemand für ernstgenommen, die Stimmung dort ist nicht gut.

Warum haben Sie Ihre Kandidatur erst kurz vor Toresschluss eingereicht?
Meine Entscheidung für meine Kandidatur fiel bereits am 13. Januar, aber ich wollte zuerst abklären, ob es noch andere Kandidaten geben würde. Ich will unbedingt den Wechsel im Rathaus, das würde jedoch mit einem zweiten Herausforderer schwieriger werden. Aber vor meiner Bekanntgabe haben die Vorbereitungen für meine Kandidatur natürlich schon langsam Fahrt aufgenommen, da uns ja die Zeit weglief. Ich brauchte ein Team, das mich unterstützt bei Social Media, bei Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, bei der Website und allem, was so anfällt. Im Moment besteht das Team aus rund fünfzehn Personen, die das alle nahezu ehrenamtlich machen. Dennoch benötigt man auch entsprechende finanzielle Unterstützung, sei es, um Flyer zu drucken oder Anzeigen zu schalten. Aber auch das läuft inzwischen gut.

Sie wirken sehr leidenschaftlich und engagiert, man könnte auch sagen, Sie wirken geradezu euphorisch. Woher nehmen Sie Ihre ganze Energie?
Auch wenn ich derzeit nachts nur vier Stunden Schlaf bekomme, macht mir der Wahlkampf großen Spaß, weil ich viel positives Feedback aus der Bevölkerung erhalte, von jung bis alt. Vor ein paar Tagen erst kam ein Herr um die 80 auf mich zu und sagte: ‚Junge, wenn du jemanden brauchst, der deine Flyer verteilt, dann ruf mich an, ich mache das für dich‘. Es passieren gerade so viele großartige Dinge, die können keine Zufälle sein, eins fügt sich perfekt ins andere. Das beflügelt mich förmlich, zumal ich eh ein sehr begeisterungsfähiger Mensch bin.

Fahren Sie auch mal runter und wie kommen Sie dann zur Ruhe?
Natürlich schalte auch ich mal ein paar Gänge runter. Momentan helfen mir dabei die Beatles vor allem mit ihrem Song ‚The long and winding road‘. Wenn ich nachts wach werde, dann stehe ich auf und spaziere draußen ganz allein eine Runde und höre dabei diesen Song auf dem Handy. Während ich arbeite läuft dagegen klassische Musik im Hintergrund. Gelegentlich nehme ich mir kurze Auszeiten, trinke irgendwo einen Kaffee und schalte dabei das Handy aus.

Sie betreiben derzeit Ihren Weinbau und bewirtschaften Ihren „Besa em Städtle“. Was passiert damit, wenn Sie die Wahl tatsächlich gewinnen sollten?
Beide Aufgaben neben dem Amt des OBs noch auszuüben, sehe ich als unmöglich an. Im Weinbau sind die zeitlichen Anforderungen sehr hoch und reich wird man davon heutzutage auch nicht mehr. Dazu kommt meine ständige Anwesenheit im Besen, so dass mir ja jetzt schon nur noch höchstens der Sonntag fürs Privatleben bleibt. Da ist der OB-Posten durchaus ein erstrebenswertes Ziel. Deshalb werde ich die Weinberge verpachten und der Besen soll – so ist es wenigstens angedacht – innerhalb der Familie fortgeführt werden.

Brennt Ihre Frau Claudia genauso für Ihre Kandidatur wie Sie?
Nein, meine Frau ist ganz anders als ich. Sie unterstützt mich und hat mir für die Kandidatur grünes Licht gegeben.. Aber, sie bremst mich dennoch manchmal etwas ein, erdet mich. Sie selbst ist sehr zurückhaltend, scheut eher die Öffentlichkeit, geht aber trotzdem sehr gerne zu Veranstaltungen mit, wenn sie die Zeit dazu hat.

Unterstützen Sie Ihre Frau umgekehrt auch, zum Beispiel im Haushalt?
Den Haushalt haben wir zwischen uns gerecht aufgeteilt, da meine Frau auch voll berufstätig ist. Sie arbeitet in Stuttgart als Assistentin der Geschäftsführung in einem international tätigen Unternehmen, muss morgens früh raus und kommt abends spät heim. Wenn ich den Haushalt mache, beispielsweise staubsauge, kann ich dabei übrigens auch herrlich abschalten.

Haben Sie derzeit noch Zeit für Hobbys?
Nein, die hatte ich aber auch schon vorher als Gemeinderat nicht. Ich habe zwar jetzt wieder mit Joggen angefangen, aber dann sofort Probleme mit den Waden bekommen. War wohl gleich zu Beginn etwas zu viel. Zeit für Bücher habe ich leider auch nicht, ich schaue dann eher YouTube-Filme beispielsweise von Eckhart Tolle an. Er ist Autor spiritueller Bücher. Ich lese Tageszeitung, ganz intensiv natürlich den Lokalteil. Ein Muss ist der Kicker, denn Fußball ist eine Leidenschaft von mir.

Können Sie Urlaub genießen und vom Alltag loslassen?
Ja, das kann ich durchaus. Entweder wandern meine Frau und ich oder wir liegen relaxed am Strand. Wir wechseln gerne jährlich zwischen Italien und Südfrankreich. Dieses Jahr möchte meine Frau mit mir gerne eine Alpenüberquerung machen, zu Fuß, aber ohne Gepäck. Meinetwegen müssen wir aber nicht unbedingt wegfahren, ich würde auch gerne Urlaub daheim machen. Das Hohenlohische gefällt mir sehr gut, weshalb wir zum Baden gerne an die Jagst fahren. Aber meine Frau möchte ihren Urlaub halt lieber woanders verbringen. Allerdings enden meine Vorschläge bei ihr nördlich vom Main. Egal, was ich ihr da vorschlage, sie ist wenig begeistert davon.

Was macht Ihre Beziehung aus?
Unsere Beziehung ist einfach wunderschön. Als ich vor siebzehn Jahren meine jetzige Frau traf, war plötzlich alles anders. Sie hat mich damals in einem Zustand der Niedergeschlagenheit kennengelernt. Sie hat sich von meinem Zustand aber zum Glück nicht abschrecken lassen. Drei Monate nach unserem Kennenlernen habe ich ihr schon einen Heiratsantrag gemacht und mich mit ihr verlobt. Seitdem sind wir glücklich, inzwischen verheiratet. Sie ist nicht mit allem einverstanden, was ich mache, aber sie hört mir zu und versteht mich.

Darf Ihre Frau Sie kritisieren?
(lacht) Nein, das darf sie nicht, aber sie macht es ständig, ohne Pietät. Mir ist ihre Meinung wichtig und ich bin in der Lage, ihre Meinung stehen zu lassen, ohne meine aufzugeben oder zu versuchen, sie unbedingt von meinem Standpunkt zu überzeugen. Ich habe gelernt, dass Männer und Frauen eine unterschiedliche Sprache sprechen und sich oftmals deshalb nicht verstehen. Damit kann ich umgehen, da ich gelernt habe, Meinungsverschiedenheiten auch mal mit Humor zu nehmen. Was meine Frau alles für mich macht und wie viel sie mir auf der persönlichen Ebene gibt, ist kaum in Worte zu fassen.

Sollten Sie am Sonntag gewählt werden, geht dann für Sie ein Traum in Erfüllung?
Ich sehe meine Kandidatur eher als Pflicht an, ebenso wie ich meine Besenwirtschaft oder die Renaturierung brachliegender Weinberge oder die Restaurierung der gastronomischen Szene als meine Pflicht angesehen habe. Das waren alles Dinge, bei denen ich von einer Notwendigkeit ausgegangen bin. Am Ende der aktuellen Notwendigkeit steht jetzt die Ablösung des amtierenden Oberbürgermeisters. Wäre Herr Kessing ein überzeugender OB, bräuchte man mich nicht.

Bricht für Sie eine Welt zusammen, sollten Sie den Sieg nicht erringen?
Daran denke ich überhaupt nicht, keine einzige Sekunde. Ich habe auch keinen Plan B., da ich vom Fußball gelernt habe: Wenn man erfolgreich sein will, gibt es keinen Plan B.

Wenn Sie sich am Fußball orientieren, haben Sie aus dem Bereich ein Vorbild?
Jürgen Klopp natürlich, mit dem werde ich sowieso ständig verglichen und verwechselt.

Was fasziniert Sie an ihm?
Seine Lache finde ich großartig. Aber auch sein Selbstverständnis. Er vermittelt immer sehr klar, dass er ein ganz normaler Mensch ist. Er hat null Ego, kommt sehr authentisch rüber. Seine Pressekonferenzen sind inzwischen legendär, die schaue ich mir gerne ausführlich an. Obwohl er mit Liverpool uneinholbar an der Spitze steht, sagt er immer: Die Tabelle interessiert mich überhaupt nicht, wir arbeiten heute fürs nächste Spiel. Und das lebt er. Er weiß genau, wann er runterdrosseln muss und wann er wieder Gas geben sollte oder wann es nötig ist, seiner Truppe mal in den Hintern zu treten.

Wie gut können Sie hinstehen und einfordern?
Das kommt immer auf die jeweilige Situation an. Man braucht für bestimmte Situationen ein gewisses Fingerspitzengefühl. Aber wenn es notwendig ist, kann ich sehr deutlich klare Kante zeigen.

Zum Abschluss würden wir gerne von Ihnen drei gute Gründe wissen, warum die Bürger Ihnen am Sonntag ihre Stimme geben sollen.
Ich bin einer aus dem Volk und fürs Volk. Ich verstehe die Menschen in Bietigheim-Bissingen und werde mich um ihre Anliegen kümmern. Das hört sich vielleicht banal an, ist aber genau das, was bislang fehlt: der Respekt vor den Bürgern und vor den Mitarbeitern. Das wird sich mit mir definitiv ändern. Mein Slogan lautet: Den Wandel wählen. Und genau den will ich als Oberbürgermeister gestalten.

Herr Muck, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Persönlich-Interview: Ludwigsburg24 trifft Christian Schneider

Digitalisierung gehört zu seinen Lieblingsthemen. Wenn Christian Schneider darüber spricht, strahlt er über das ganze Gesicht und seine Begeisterung wirkt ansteckend. Erst seit Anfang des Jahres zeichnet der 44-Jährige als Hauptgeschäftsführer der Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim verantwortlich, aber er hat durchaus viel vor. Wie er die Stadtwerke für die Herausforderungen der nächsten Jahre aufstellen will, erzählt der studierte Betriebswirt im Gespräch mit Ludwigsburg24. 

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Herr Schneider, Ihre Begeisterung kennt keine Grenzen, wenn Sie über digitale Technik und ihre Möglichkeiten sprechen. Ist das Thema Ihr Steckenpferd?
Hierbei handelt es sich nicht allein um meine Leidenschaft, sondern es ist die Voraussetzung fürs Überleben auch für dieses Unternehmen. Seit 20 Jahren habe ich mit Energiewirtschaft zu tun und in dieser Zeit habe ich nur Veränderung erlebt. Was aber derzeit passiert, ist eine komplette Transformation der Energiewirtschaft und nicht nur von ihr. Sondern jedes Unternehmen muss sich mit diesen neuartigen Themen und Herausforderungen auseinandersetzen.

Warum?
In den nächsten 30 Jahren werden vor allem vier Themen präsent sein: Das ist die Digitalisierung, begonnen von der elektronischen Post bis hin zu der Möglichkeit innerhalb kürzester Zeit viele Dinge zu erledigen durch Einsatz von Robotic, KI etc.. Dafür braucht man eine veränderte, vernetzte Infrastruktur. Die Stadtwerke werden ihre smarte Infrastruktur in den Städten Ludwigsburg und Kornwestheim sowie in Teilen des Kreises Ludwigsburg anbieten. Dann gibt es das Thema Dezentralisierung und Dekarbonisierung. Wir werden bis 2050 weder Kohle- noch Atomkraftwerke im Einsatz haben und sind gerade dabei, auch Teile des Erdgasvolumens durch synthetische Gase zu ersetzen. Die Ölheizungen sind ebenfalls nicht mehr gefragt. Es stellt sich die Frage: Wie also erzeugen wir künftig unsere Wärme, woher bekommen wir unseren Strom? Da kommen wir direkt zum nächsten Thema, die Sektor übergreifende Vernetzung. Egal, ob es PV-Anlagen auf dem Dach sind, Blockheizkraftwerke im Keller oder sonstige kleine Kraftwerke – wir vernetzen sie alle und fügen sie zu einem großen regionalen, virtuellen Kraftwerk wieder zusammen. Lassen Sie uns über Demografie sprechen, die jedes Unternehmen betrifft. Wir merken, dass wir älter werden, aber was kommt nach? Wie können wir diese Alterspyramide stemmen? Also müssen wir das Thema Personalentwicklung vorantreiben. Niemand, kein Unternehmen, keine Branche und Kommune kann wirklich diese Themen Digitalisierung, Dezentralisierung, Dekarbonisierung und Demografie zukünftig nicht beachten.

Haben Sie ursprünglich Energiewirtschaft, Informatik oder etwas Ähnliches studiert?
Nein, zuerst habe ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann absolviert und danach ein Betriebswirtschaftsstudium angeschlossen. In der Ausbildung war ich in einem Unternehmen angestellt, das Metallkreissägeblätter hergestellt hat. Dort habe ich miterlebt was passiert, wenn man die veränderten Marktbedingungen nicht beachtet und auf eine falsche Strategie setzt. Das alteingesessene Unternehmen musste plötzlich feststellen, dass die Metallkreissägeblätter durch Wasserschneiden oder Laser ersetzt wurden. Das führte letztlich dazu, dass sich binnen eines Jahres die Zahl der Belegschaft halbierte. Das Unternehmen konnte sich nur mit viel Einsatz und Zeit stabilisieren und für sich neue Nischenmärkte entdecken. Ich habe es dann vorgezogen, mir nach meiner Ausbildung einen neuen Job zu suchen.

Und dann sind Sie bei den Stadtwerken in Pforzheim gelandet.
Richtig, denn ich wollte einen Job, der krisensicher ist. Strom braucht man schließlich immer, also habe ich mich bei den Pforzheimer Stadtwerken beworben und bin tatsächlich auch genommen worden, nachdem ich das Assessment Center recht erfolgreich absolviert habe.

So erfolgreich, dass Sie gleich neunzehn Jahre in verschiedenen Funktionen dortgeblieben sind?
Richtig, zuerst war ich als Beteiligungscontroller eingestellt, zwei Jahre später wurde ich Kaufmännischer Leiter bei einer Tochtergesellschaft, 2002 durfte ich dann auch die Verbrauchsabrechnung übernehmen, was für mich bedeutete, dass ich nah am Kunden gearbeitet und dabei gelernt habe, sehr genau auf die Bedürfnisse der Kunden zu reagieren. 2005 war der Wettbewerb so intensiv, dass mir aufgrund meiner Kundenerfahrung die Leitung des Vertriebs übertragen wurde. Ich durfte in dieser Funktion neuartige Produkte und Leistungen einführen, die Marktanteile stabilisieren, neue Kunden akquirieren, einen bundesweiten Vertrieb aufbauen. Alles Genannte, wird auch vermehrt hier in Ludwigsburg eine Rolle spielen.

Inwiefern?
Wir setzen auf Kooperationen, zum Beispiel mit der Sparkasse. Unsere Produkte und Leistungen finden sich auch in der Vorteilswelt wieder. Wir sind gerade dabei, unseren Kunden bedarfsgerechte Produkte und Leistungen anzubieten. Hier schaffen wir die Voraussetzungen, in denen wir die Energie-, Breitbandprodukte mit Leistungen aus den Bädern, Parkierungen und der Kunsteisbahn vernetzen und verschmelzen. Somit profitiert der Kunde von vielseitigen Mehrwerten.

Außerdem suchen wir nach Kooperationen mit Dritten. Was bedeutet das? Wir liefern die Infrastruktur nicht nur im Boden, sondern im Gebäude, in der Wohnung und bilden damit die Drehscheibe, die als Plattform erkennbar ist. Hier können die Stadtwerke sämtliche Informationen zur Verfügung stellen und Partner wie Krankenkassen, Versicherungen oder Banken ins Boot holen, um somit dem Kunden zusätzlich reizvolle Angebote zu unterbreiten, die er von anderen Anbietern nicht so umfassend bekommt. Wir können attraktive Leistungen bedarfsgerecht anbieten, wie zum Beispiel: Smart Home, bis hin zu Kampagnen, wie ein verminderter Eintritt in den Bädern oder kostenfreies Parken für einen bestimmten Zeitraum. 

Ihr Vorgänger Bodo Skaletz hat die Stadtwerke 20 Jahre lang geführt. Nun sind Sie als neuer Kapitän an Bord. Wohin geht die Reise mit Ihnen?
Der Kurs der Stadtwerke wurde bereits vor fünfzehn, zwanzig Jahren vorgegeben und hat ein Fundament. Den Kurs gestalte ich dennoch mit. Im letzten Jahr haben wir uns dazu entschieden, eine Strategielandkarte zu entwickeln, mit ein, drei, fünf, zehn Jahresschritten. Mit unseren Führungskräften haben wir erarbeitet, was wir gemeinsam in zehn Jahren erreichen wollen. Diese gemeinsam entwickelten Maßnahmen werden nun Stück für Stück umgesetzt. Wir haben Einflüsse aus dem Markt, von der Gesetzgebung, von Unternehmen und so weiter, und die führen zwangsläufig zu diversen Kursveränderungen. Aber das Fundament selbst ist gelegt worden und darauf arbeiten wir jetzt gerade.

Wo sollen künftig die Schwerpunkte gelegt werden?
Die Bereitstellung von Wasser, Strom und Wärme bleibt weiterhin unsere Aufgabe. Aber auf die Energielieferung setzen wir weitere intelligente Leistungen drauf. Nehmen wir das Beispiel Smartes Quartier. Im Boden haben wir ein intelligentes Netz. Dieses regelt die Lastverläufe. Im Quartier selbst haben wir zum Teil unterschiedliche Erzeugungsanlagen. Diese sind mit einem kleinen virtuellen Kraftwerk vernetzt. Ziel ist die Eigenerzeugung zu erhöhen und sich selbst Vorort zu versorgen. Für die Datenpakete, Telefonie, Internet und TV ist unser Breitbandnetz verantwortlich. Wir erschließen bis Ende 2024 zu 100% Ludwigsburg mit Glasfaser. Vom Boden ins Gebäude, vom Hausanschluss in die Wohnung. Unterstützt wird unser Glasfasernetz noch mit weiteren Übertragungstechnologien wie WLAN, LoRaWan. Zurück zur Energie. Unser Ziel ist den Autarkiegrad im Quartier zu erhöhen. Dazu gehören auch Speichersysteme, Ladesäulen für die E-Fahrzeuge sowie auf das Quartier abgestimmte Produkte. Wie zum Beispiel die automatisierte Nebenkostenabrechnung, da bereits in Wohnungen und Gebäuden smarte Zähler und Unterzähler vorhanden sind. Und vieles mehr.

Die Energielieferung als unser Hauptgeschäft ist künftig nur noch ein Teil von vielen und nicht mehr vorrangig präsent. Wir sind künftig kein reiner Energielieferant mehr, sondern ein Infrastrukturdienstleister für die unterschiedlichsten Bereiche. Diese Entwicklung führt letztendlich zu einer smarten Stadt.

Wie reagieren die Wettbewerber wie zum Beispiel die TELEKOM auf Ihr erweitertes Angebot?
Das ist kein Problem, weil wir ja lediglich die Infrastruktur anbieten, die die anderen aus Kosten- und Kapazitätsgründen gar nicht leisten können. Deshalb werden sie zukünftig diesbezüglich mit uns kooperieren, indem sie von uns Leitungen zur Verfügung gestellt bekommen, für die sie eine Art Netzentgelt bezahlen. Wir werden als Stadtwerke niemals auf die Idee kommen, Mobilfunkverträge anzubieten. Wir bleiben ausschließlich bei unserer Kernkompetenz, bauen diese aber kontinuierlich aus.

2015 haben Sie mit dem Bau eines Glasfasernetzes hier begonnen, bis 2025 soll flächendeckend alles fertig sein. Wie wichtig ist das für den Standort Ludwigsburg?
Bislang liegen wir damit im Plan, alles wird so umgesetzt wie besprochen. Ohne diese wichtige Voraussetzung Breitband würde der Standort Ludwigsburg geschwächt und Kunden verlieren. Die Kunden gehen immer dorthin, wo sie das nötige Potential vorfinden. Nehmen wir stellvertretend für viele Unternehmen die Firma Bosch, die eine Halle ausstatten und den Standort von der Produktion bis zur Logistik vernetzen will, um in Echtzeit Daten zu übertragen. Wenn Ludwigsburg dafür jedoch nicht die notwendige Infrastruktur anbietet, dann wird das Unternehmen sich sehr gut überlegen, ob es diesen Standort beibehält oder lieber an einen anderen wechselt.

Wird es von Ihrem Unternehmen irgendwann in Ludwigsburg auch flächendeckend ein freies WLan-Netz für Bürger und Touristen geben?
Es gibt bereits viele dieser Hot Spots und es gibt eine Auslastungskarte. Meines Wissens gibt es mit der Stadt eine Absprache, nach der diese Auslastungskarte fürs öffentliche Netz bis 2021 mit stattlichen 100 MB umgesetzt sein soll.

Werner Spec war ein sehr innovativer Oberbürgermeister für Ludwigsburg. Erkennen Sie eine Veränderung durch seinen Nachfolger Matthias Knecht?
Nein, da ist vom ersten Moment an überhaupt keine Veränderung spürbar gewesen. Öffentlich setzt OB Knecht momentan aus bestimmten Gründen andere Schwerpunkte, aber hinter den Kulissen läuft alles wie gehabt. Herr Knecht unterstützt unsere Themen mit der gleichen Kraft wie Herr Spec das getan hat. Dafür bin ich auch ausgesprochen dankbar.

Kann ein Kunde, der von Ludwigsburg nach Hamburg zieht, trotzdem Strom, Gas usw. weiterhin von Ihnen beziehen?
Ja, das funktioniert seit letztem Jahr. Von Flensburg bis nach Konstanz können sie alles von uns haben. Zwar nicht physikalisch, aber bilanziell. Der Strom wird erzeugt und zur Verfügung gestellt. Die Wechselprozesse sind digital. Das heißt, man verändert nur die Lieferanten. Netzentgelte, Steuern und Abgaben, die sind überall gleich, egal, von welchem Lieferanten. Nur der Energiepreis, den bekommt man dann zu Ludwigsburger Konditionen.

Stichwort Billigstromanbieter: Wie können Sie als Stadtwerke dagegenhalten?
Na ja, bei den Billigstromanbietern kommt das böse Erwachen meist im dreizehnten Monat, weil sich ab da die Tarife verändern und teurer werden. Die Stadtwerke punkten mit anderen Dingen, zum Beispiel mit Rabattsystemen. Je länger man Kunde ist, desto höher wird der Rabatt. Dadurch vermindert sich der Preis. Vergleicht man das mit den Wettbewerbern, stellt man fest, dass man bei uns auch preislich bestens aufgehoben ist. Durch unsere fairen Kalkulationen haben wir immer die Möglichkeit, den Markt zu bedienen und unsere Kunden zu überzeugen. Im vergangenen Jahr hatten wir einen sehr guten Kundenzuwachs und werden inzwischen hier in Ludwigsburg als Platzhirsch wahrgenommen.

Immer öfter stehen plötzlich Verkäufer an der Haustüre und versuchen mit unseriösen Methoden, vor allem ältere Menschen zu einem vermeintlich besseren Tarifwechsel zu überreden. Was raten Sie den Betroffenen?
Seriöse Anbieter kommen in der Regel nicht ohne vorherige Terminabsprache. Selbst wenn die Person sich als Mitarbeiter des regionalen Versorgers vorstellt, sollte man sich deshalb auf jeden Fall den Ausweis zeigen lassen. Ist die Person nicht zweifelsfrei identifizierbar, sollte man das Gespräch nicht unbedingt weiterführen. Verträge werden zwischen Menschen gemacht und Menschen müssen sich vertrauen. Wir haben deshalb zu unserem Kundencenter in Ludwigsburg noch ein zweites in Kornwestheim aufgemacht, dort können sich unsere Kunden ebenso hinwenden wie mögliche Neukunden.

Was waren Ihre Beweggründe, nach neunzehn Jahren die Pforzheimer Stadtwerke zu verlassen und nach Ludwigsburg zu wechseln?
Ich wollte mich einfach beruflich weiterentwickeln und vorankommen. Ich habe damals einen Anruf für ein erstes Kennenlernen erhalten, doch daraus hat sich sehr schnell ein Vorstellungsgespräch entwickelt. Das hatte ich so ja gar nicht erwartet, aber es hat mich angesprochen, weshalb ich auch nicht lange mit meiner Zusage gezögert habe. Mich hat die unglaublich dynamische und von vielen Entwicklungen geprägte Gegend hier gereizt, ebenso die Größe der Stadtwerke, denn man muss eine bestimmte Finanzkraft und Investitionsfähigkeit haben, um Zukunftsthemen zu bewältigen. Die Kreativität hier etwas zu leisten, hat mich gereizt.

Sind Sie mit Ihrer Familie schon nach Ludwigsburg gezogen?
Wir wohnen noch immer in Pforzheim, da meine Tochter erst in diesem Jahr ihr Abitur macht.

Haben Sie noch weitere Kinder?
Ja, ich habe noch einen 20-jährigen Sohn, der in Augsburg Jura studiert. Er wohnt somit nicht mehr daheim.

Also pendeln Sie noch, bis Ihre Tochter mit der Schule fertig ist?
Wir haben beschlossen, mit einem Umzug vorerst zu warten. Unser Haus wollen wir nicht so einfach aufgeben, zumal wir von den Immobilienpreisen im Raum Ludwigsburg nicht wirklich begeistert waren. Da nehme ich doch lieber längere Fahrtzeiten in Kauf, was durchaus Vorteile hat. Die knappe Stunde ins Büro und abends wieder heim nutze ich nämlich für Telefonate, so dass ich tagsüber weniger telefonieren muss und mich mehr auf meine Termine konzentrieren kann.

Wie lang ist Ihr täglicher Arbeitstag?
Das variiert natürlich, weil ich abends oftmals Veranstaltungen besuche. In der Regel habe ich nicht unter 50 Stunden pro Woche, die Fahrtzeiten nicht mit eingerechnet. Doch ich muss zugeben, dass mich gerade die langen Fahrtwege nach Feierabend nicht stören, weil ich während der 50 Kilometer nach Pforzheim den ganzen Stress des Tages abbaue und daheim dann sofort entspannt im Privatmodus bin.

Wie entspannen Sie noch, wenn Sie nicht gerade Auto fahren?
Früher habe ich ein Vereinsleben gehabt, dafür fehlt mir heute die Zeit. Zum Abschalten unternehme ich gerne etwas mit der Familie, überwiegend natürlich mit meiner Frau, denn die Kinder gehen bereits ihre eigenen Wege. Meine Frau und ich reisen sehr gerne, schauen uns gerne etwas an oder wir besuchen unsere große Familie. Wir sind an den Wochenenden sehr aktiv.

Wir haben gehört, dass sie ein recht guter Karatekämpfer sind. Betreiben Sie diesen Sport noch? Vor meiner Berufstätigkeit habe ich zuerst Judo und später Karate als Leistungssport betrieben, habe viermal pro Woche trainiert und an den Wochenenden Wettkämpfe bestritten. Das ging dann leider irgendwann zeitlich nicht mehr. Ab 2000, 2001 habe ich Karate nur noch als Hobby gemacht und irgendwann dann leider ganz aufgehört.

Was hat Sie an diesem Sport gereizt?
Zu diesem Sport gehören Ehrgeiz, Disziplin und Zielorientierung. Man fokussiert sich auf seine Dinge und muss sich laufend mit Strategien auseinandersetzen, um sein Ziel zu erreichen, egal, ob es sich um Menschen oder Situationen handelt, die man bedienen muss. Man überlegt sich sehr genau, ob man den geraden Weg nimmt oder lieber eine Schleife dreht. Kampfportarten wie Judo oder Karate helfen, sich zu finden, sich zu konzentrieren, Situation einzuschätzen und sich auf sie einzulassen, ins Team einzufügen, sich unterzuordnen, zielstrebig zu sein. All das bildet einen Charakter aus, denn Sie eignen sich im regelmäßigen Training unbewusst Eigenschaften an, die Sie täglich brauchen, auch im Job. Wenn man sich auf diesen Sport ernsthaft einlässt, merkt man, dass er eigentlich gar nicht viel mit Kampf zu tun hat, sondern dass er tatsächlich ganz andere Werte trainiert.

Welche Führungsqualitäten ziehen Sie heute aus Ihrem Sport?
Als Geschäftsführer geben Sie eine Richtung vor. Die kann man aber nur vorgeben, wenn man selbst weiß, was und wohin man will. Man muss eine Vision haben, von der man eine Mission ableitet. Diese Mission muss derart gestaltet werden, dass man sein Team mitnimmt. Und diese Fähigkeit habe ich durch den Sport mitbekommen: Fokussieren, konzentrieren, sich nicht vom Weg abbringen lassen, aber auch bereit sein, sich auf diverse Situationen einzulassen, Kompromisse eingehen, weil man sich unterordnen kann und teamfähig sein, um alle mitzunehmen, die die Mission begleiten. Last but not least gehört natürlich auch eine gewisse Begeisterung und Leidenschaft dazu für das, was ich tue und will, denn nur so kann ich auch meine Mitarbeiter begeistern.

Apropos begeistern und mitnehmen. Konnten Sie als Vater Ihre Kinder auch für das Thema Nachhaltigkeit und bewussten Umgang mit wertvoller Energie gewinnen?
Ganz ehrlich: anfangs habe ich da noch sehr viel versucht, aber irgendwann gibt man sich ein Stück weit geschlagen und bezahlt einfach die Strom- und Wasserrechnung. Natürlich gibt man ihnen Botschaften mit, hält sie an, das Licht auszumachen beim Verlassen des Raums oder das Fenster zu schließen, wenn die Heizung an ist. Das wirkt dann immer für einen kurzen Zeitraum, dann werden sie doch wieder nachlässig, während es bei mir ganz instinktiv passiert. Dennoch leben wir in der Summe gesehen sehr bewusst, so dass ich jetzt sogar bei der Abrechnung eine Gutschrift von der SWLB erhalten habe.

Was tun Sie selbst noch für die Nachhaltigkeit?
Bei mir zu Hause achte ich darauf, dass wir Energie sparen. Zum Beispiel durch neuste Lichttechnik und vieles mehr. Ich teste auch aus beruflichen Gründen schon immer ganz gerne die neueste Technologie selbst, aber ich übertreibe dabei nicht.

Welches Auto fahren Sie?
Momentan fahre ich noch einen Diesel, weil ich den übernommen habe, als ich nach Ludwigsburg kam. Aber das Fahrzeug wird demnächst durch einen Hybriden ersetzt, was sich auch anbietet, weil wir hier die Ladestation direkt vor der Türe haben.

Zum Abschluss noch eine sportliche Frage: Tragen Sie eigentlich den schwarzen Gürtel?
Nein, dafür hätte ich noch einen bestimmten Lehrgang absolvieren und eine Prüfung bestehen müssen, was ich aus zeitlichen Gründen nicht geschafft habe. Aber ich verrate Ihnen: Es hängt nicht am Gürtel, ob ich einen Kampf gewinne oder nicht.

Herr Schneider, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Der Preis für den Erfolg ist hoch: Ludwigsburg24 im Gespräch mit Jürgen Pflugfelder

Er gehört zu den wichtigsten und einflussreichsten Unternehmern im Kreis Ludwigsburg. Denn wer auf der Suche nach einer schönen Immobilie zum Kaufen oder Mieten ist, kommt an Jürgen Pflugfelder und seinen Immobilien-Unternehmen kaum vorbei. Der 64-jährige hat aus einem kleinen Zwei-Mann-Maklerbüro eines der umsatzstärksten Immobilienunternehmen in der Region geschaffen. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt der Unternehmer über seine Anfänge, über Dinge, die er heute anders machen würde und über das, was ihm im Leben wirklich wertvoll und wichtig ist.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Güneş

Ihr Vater hat Pflugfelder Immobilien als One-Man-Show 1972 gegründet, 1980 sind Sie eingestiegen. Können Sie sich noch an Ihren ersten Verkaufserfolg erinnern?
Schon während meines Studiums habe ich in Düsseldorf bei Aengevelt, dem damals größten Maklerhaus in Nordrhein-Westfalen und einem der erfolgreichsten Immobilienunternehmen in Deutschland, als Assistent der Geschäftsleitung gearbeitet. Zu meinen Aufgaben gehörte unter anderem auch der Verkauf von exklusiven Eigentumswohnungen. Die Perspektive in dem Unternehmen war hervorragend und ich wollte mindestens fünf Jahre bleiben und weitere Erfahrungen sammeln. Dann verschlechterte sich allerdings der Gesundheitszustand meines Vaters und er bat mich, rasch zurück zu kommen, um ihn zu unterstützen. Mein erster erfolgreicher Abschluss war dann der Verkauf eines älteren Einfamilienhauses in Alt-Hoheneck, welches für 140.000 DM verkauft wurde.

Wie war das, plötzlich den eigenen Vater als Chef zu haben?
Das hat hervorragend geklappt, da wir uns vom ersten Moment an auf Augenhöhe begegneten. Die Einzelfirma wandelten wir in die noch heute sehr erfolgreiche Maklergesellschaft, die Pflugfelder Immobilien Treuhand GmbH um und mein Vater und ich wurden gleichberechtigte Gesellschafter und Geschäftsführer. Meine Erfahrungen aus Düsseldorf setzte ich dann sofort um und professionalisierte die gesamten Geschäftsprozesse, sehr zur Freude meines Vaters, der nach seiner 27-jährigen Tätigkeit als Bürgermeister das Geschäft eher aus dem Bauch heraus betrieb.

Gab es wirklich keinen Konflikt zwischen Ihnen und Ihrem Vater, schließlich sind da plötzlich beruflich zwei Generationen und Persönlichkeiten aufeinandergeprallt?
Mein Vater war für mich und für die ganze Familie eine absolute Autoritätsperson. Trotzdem hat er mir von Anfang an freie Hand gelassen. Aus unserer Vater-Sohn-Beziehung wurde im Laufe unserer Zusammenarbeit immer mehr ein freundschaftliches und kollegiales Verhältnis. Er profitierte von meinem Studium, meinen Erfahrungen aus Düsseldorf und meiner Fachkompetenz, ich von seinen Marktkenntnissen und dem Netzwerk. Wir haben uns insofern hervorragend ergänzt und wurden sehr schnell echte Partner. Im Übrigen ein Modell, welches ich auch beim Unternehmenseintritt meines Sohnes Julian eins zu eins umgesetzt habe.

Gab es denn vom Vater hohen Erwartungsdruck Ihnen gegenüber?
Nein, den Druck habe ich mir immer selbst gemacht und das sieben Tage in der Woche. In den ersten Jahren waren Samstag und Sonntag für mich normale Arbeitstage. Den Sonntagmorgen habe ich in der Regel dafür genutzt Kunden anzurufen, um mit ihnen für nachmittags Besichtigungstermine zu vereinbaren. Durch die Professionalisierung des Vertriebs ist es mir gelungen, den „nebenberuflichen“ Umsatz meines Vaters im ersten Jahr schon zu vervierfachen.

Wer oder was hat Sie geprägt, dass Sie so erfolgreich werden konnten?
Schon als Jugendlicher war ich selbständig und stand sehr früh auf eigenen Beinen. Ab meinem 15. Lebensjahr habe ich mir Urlaube, Freizeitaktivitäten und später auch den Führerschein und mein erstes Auto selbst finanziert. Als Teenager habe ich auf dem Bau gearbeitet und Zeitungen ausgetragen. Mit 17 Jahren habe ich dann begonnen, als Sport- und Lokalfotograf bzw. Sportberichterstatter in erster Linie für die Ludwigsburger Kreiszeitung, aber auch für die Stuttgarter Zeitungen freiberuflich zu arbeiten. Das Bildhonorar lag bei 24 DM. Da ich mit Aufträgen gut versorgt wurde und auch eng mit der Verkehrspolizei zusammenarbeitete, die mich oft auch nachts über schwere Unfälle informierte, hatte ich bereits als Schüler ein auskömmliches Einkommen. Allerdings war der Job sehr anstrengend, da die Bilder nachts von mir entwickelt wurden und morgens bei der Redaktion sein mussten. Um 7:45 Uhr klingelte dann die Schulglocke und ich bastelte an der Robert-Franck-Schule mein Abitur. Da ich nebenher auch noch Handball gespielt habe und natürlich mit Freunden am Wochenende unterwegs war, war diese Zeit extrem anstrengend. Trotzdem hat mir die journalistische Tätigkeit unheimlich viel Spaß gemacht und ich habe jede Menge für mein weiteres Leben gelernt. Lange Zeit habe ich damit geliebäugelt, den Journalismus zu meinem Hauptberuf zu machen.

Warum haben Sie sich letztlich fürs Maklergeschäft und gegen den Journalismus entschieden? 
Da ich gerne ein Unternehmen aufbauen und selbstständig arbeiten wollte, habe ich mich schweren Herzens gegen den Journalismus und für den Immobilienberuf entschieden. Vor allem auch, weil die Einkommensperspektiven freier Journalisten sehr überschaubar waren.

Fotografieren Sie heute noch gerne?
Obwohl ich heute noch im Besitz einer Profifotoausrüstung bin, fotografiere ich leider aus Zeitgründen viel zu wenig. Daneben verzichte ich oft auf meine sperrige Kameraausrüstung und fotografiere digital, am besten gleich mit dem Handy. Meine Lieblingsmotive waren und sind auch heute noch Menschen, bevorzugt meine Enkel, gerne auch in schwarz-weiß.

Der Immobilienmarkt in Ludwigsburg und Umgebung ist ein heißes Pflaster. Wenn die Zahlen stimmen, suchen laut offiziellen Stellen derzeit mindestens 3.000 Menschen eine Wohnung. Was geht Ihnen angesichts dieser Zahl durch den Kopf?
Es ist mehr als traurig, dass 3000 Menschen im Raum Ludwigsburg eine Wohnung suchen und keine finden. Die Gründe liegen auf der Hand: Es wird viel zu wenig gebaut, kaum neues Bauland ausgewiesen und die Bebauungsplan- und Genehmigungsverfahren dauern viel zu lange. Eine Marktberuhigung, sowohl bei den Miet- als auch bei den Kaufpreisen erreicht man nur, wenn man das Angebot stark vergrößert. Diese einfache volkswirtschaftliche Regel lernt man bereits im ersten Studiensemester. Es ist deshalb für mich unfassbar, wie ignorant in Berlin mit diesem Thema umgegangen wird. Enteignung, ein Mietendeckel und eine Mietzinsfestschreibung über Jahre bremsen alle Investitionen. Statt mehr Wohnungsbauten, kommt es zu einer weiteren Angebotsverknappung mit katastrophalen Auswirkungen auf den Gesamtmarkt. Es wird spannend, wie der regierende Bürgermeister von Berlin und sein Senat zukünftig die rund 40.000 Einwohner, um die die Stadt Berlin jährlich wächst, mit Wohnraum versorgen wollen.

Es gibt den frei finanzierten und den öffentlich geförderten Wohnungsbau. Gerade im sozialen Wohnungsbau fehlen Wohnungen ohne Ende…
Aufgrund der stark gestiegenen Mieten müssen dringend für einkommensschwache Bevölkerungsschichten Sozialwohnungen gebaut werden. Dafür braucht man aber in erster Linie Bauland, was von den Kommunen viel zu wenig ausgewiesen wird. Trotz des augenblicklichen Darlehenszinses von unter 1 % bei zehnjähriger Zinsfestschreibung ist aus meiner Sicht eine direkte Förderung für Anspruchsberechtigte die beste Lösung. Am besten über ein erhöhtes Wohngeld in Abhängigkeit vom Einkommen. Dadurch kann auch das Hauptproblem von Sozialwohnungen, die Fehlbelegung, entschärft werden. In der Vergangenheit war es oft so, dass der Lehramtsstudent mit einem Wohnberechtigungsschein in die Sozialwohnung einzog und der Oberstudiendirektor als Pensionär sie immer noch bewohnte.

Der Markt wird sich allerdings nicht entspannen, wenn die Behörden für die Genehmigung eines Bauantrags zwei Jahre und länger und für einen Bebauungsplan bis Rechtskraft zehn Jahre Verfahrenszeit benötigen. Auch mit der Mietpreisbremse entsteht keine zusätzliche Wohnung.

Was können Sie als erfolgreicher Makler und jemand, der selbst jedes Jahr viele Wohnungen baut, dazu beitragen, dass auch die Menschen eine Wohnung finden, die den Cent mehrmals umdrehen müssen?
Bauen, bauen und nochmals bauen. Nur über ein größeres Angebot und den dadurch entstehenden Sickereffekt werden sich die Mietpreise langfristig stabilisieren.

Stichwort Wohnungsenteignung, die beispielsweise OB Palmer in Tübingen fordert… 
Enteignung ist weder bei Wohnungen noch bei Grundstücken ein probates Mittel gegen die Wohnungsnot, sondern ein Rückfall in kommunistische DDR-Ideologien. Unbebaute Grundstücke mit einer hohen Grundsteuer zu belegen, halte ich dagegen für durchaus legitim. Mithilfe einer solchen Maßnahme kann Bewegung in den Grundstücksmarkt kommen.

Haben wir aktuell eine Wohnungsnot in Ludwigsburg?
Heute von einer Wohnungsnot zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben. Eine Wohnungsnot hatten wir unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg, als Millionen von Flüchtlingen aus der damals sowjetisch besetzten Zone und Osteuropa zu uns kamen und auf einzelne Gemeinden verteilt wurden. Mein Vater musste zum Beispiel 1948, als Bürgermeister in Beihingen, innerhalb kürzester Zeit 200 Flüchtlinge unterbringen. Direkt nach dem Krieg eine große Herausforderung, da sowohl Flüchtlinge als auch Hauseigentümer vor einem Scherbenhaufen standen. Aufgrund des großen gesellschaftlichen Zusammenhalts ist es damals trotzdem gelungen, im Laufe der Zeit alle Flüchtlinge zu versorgen. Im Gegensatz zu damals würde ich heute nicht von einer Wohnungsnot, sondern einer sehr angespannten Wohnraumsituation sprechen.

Haben wir eine Immobilienblase?
Nein, denn eine Immobilienblase haben wir erst dann, wenn über den Bedarf hinaus auf Vorrat gebaut wird. Die aktuelle Situation ist genau umgekehrt, der Bedarf ist deutlich höher als das momentane Bauvolumen.

Aber die Preise sind völlig überzogen.
Betrachtet man allein die Bau- und Kaufpreisentwicklung, könnte man zu dem Schluss kommen. Doch Achtung: die Preise korrespondieren immer mit den Finanzierungskosten und diese waren noch nie so günstig wie heute. Zinsen von unter 6 % bei zehnjähriger Zinsfestschreibung waren in den letzten 30 Jahren eher die Ausnahme. Heute beträgt der Darlehenszins nur noch ein Zehntel also 0,6 %. Dies bedeutet vereinfacht ausgedrückt, dass heute der zehnfache Kaufpreis bei gleicher Zinsbelastung finanziert werden kann. Die Immobilienpreise sind aber nicht um das Zehnfache, sondern in den letzten 30 Jahren um das Drei- vielleicht auch das Vierfache gestiegen. Trotz der heute zu empfehlenden höheren Tilgung war es deshalb aus meiner Sicht noch nie günstiger, Wohneigentum zu erwerben.

Ist es Ihnen schon mal passiert, dass verzweifelte Wohnungssuchende Sie bedroht haben, wenn Sie ihnen nicht helfen konnten?
Nein, das ist weder mir noch einem meiner Mitarbeiter bislang passiert, weil wir grundsätzlich sehr kunden- und serviceorientiert arbeiten, egal ob uns ein Kauf- oder Mietkunde aufsucht. Wir vermitteln im Jahr rund 200 Mietwohnungen und haben eigentlich durchweg gute Erfahrungen mit Mietinteressenten gemacht. Oft fällt es uns natürlich schwer, Interessenten, die dringend eine Wohnung benötigen, abzusagen, weil sich der Vermieter für einen anderen Mieter entschieden hat. Leider haben wir auf diese Entscheidung keinen Einfluss, da die Vermieter in der Regel selbst entscheiden, an wen sie ihre Immobilie vermieten.

Wie viele Immobilien bewohnt Jürgen Pflugfelder rein privat?
Ich bewohne ein Einfamilienhaus in Asperg und eine kleine Wohnung auf Mallorca, die ich hoffentlich zukünftig etwas intensiver nutzen kann.

Warum haben Sie sich gerade für Mallorca entschieden? Mit Ihren finanziellen Möglichkeiten hätten Sie sich auch locker etwas in der Karibik oder sonst wo auf der Welt leisten können. 
Mallorca finde ich einfach wunderschön, weil mir das Klima hervorragend bekommt und ich deshalb besonders im Winter, im Frühjahr und im Herbst die Insel besuche. Ende Februar genehmige ich mir wieder einige Tage auf der Insel. Die Außentemperaturen liegen dann meistens zwischen 15 und 20 Grad und ich genieße es, ausgedehnte Spaziergänge am Meer zu machen, ohne Tausenden von Touristen zu begegnen. Langstreckenflüge vermeide ich so gut wie möglich.

Gehen Sie vor Mallorca auch mit dem eigenen Boot segeln?
Nein, um Gottes willen! Ein Boot, selbst ein eigenes Segelboot, ist für mich eine reine Geldvernichtungsmaschine.

Das heißt, Sie achten sehr darauf, wofür Sie Ihr Geld ausgeben. Sind Sie ein sparsamer Mensch? 
Ich lebe bescheiden. Mein Lebensglück besteht nicht aus Yacht, Jagd, Pferden und Champagner.

Was ist dann Ihr Lebensglück?
Mein Lebensglück ist, viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen, durch den Wald zu joggen, Sport zu treiben und auf meiner Terrasse zu sitzen und zu lesen. Ich bevorzuge dabei Fachliteratur und Magazine wie Focus, Capital, das Manager Magazin und drei verschiedenen Tageszeitungen. Aber bitte nicht online, denn ich liebe es konservativ die Zeitung in den Händen zu halten und zu blättern. Der wöchentliche Zeitungslesehöhepunkt ist der Sonntagmorgen mit der Welt am Sonntag und der FAZ.

Sind Sie ein Kunstfan?
Ich bin ein großer Kunstfan, aber kein Kunstexperte. Wenn ich auf der Welt unterwegs bin, besuche ich grundsätzlich Museen. Besonders interessieren mich dabei Bilder und Plastiken. Bilder hängen bei mir auch zu Hause, aber keine Originale. Ein bisschen beeinflussen in der Vergangenheit konnte mich dabei meine Nichte Dr. Nicole Fritz, die sehr erfolgreiche Direktorin der Kunsthalle in Tübingen.

Welche Kunstrichtung oder welchen Maler bevorzugen Sie?
Ich bin da nicht festgelegt. Mich begeistern die französischen Impressionisten wie Claude Monet, Paul Gauguin oder Camille Pissarro genauso wie Pablo Picasso, Salvator Dali oder Andy Warhol.

Was gönnen Sie sich, wenn Sie sich etwas Gutes tun wollen?
Sehr gerne treibe ich Sport und lasse mich anschließend massieren. Immer wieder gönne ich mir auch eine schöne Reise. Im Mittelpunkt steht dabei immer Bewegung, Fitness und Gesundheit.

Vor kurzem war ich für 14 Tage in einem wunderschönen Ayurveda Hotel in Österreich. Immer wieder besuche ich auch ein Detoxhotel am Tegernsee oder in Lans. Egal wie ich Urlaub mache, ich bin immer in Bewegung, laufe, schwimme, mache Wanderungen oder schaue mir eine Stadt beziehungsweise Museen an. Nur am Strand rumliegen und faulenzen war noch nie mein Ding. Ich brauche Aktivität.

Sie sehen mit 64 Jahren noch sehr sportlich aus. Gehören Sie zur Zunft der Golfer?
Nein, ich golfe nicht mehr. Über 20 Jahre lang war ich Mitglied im Golfclub in Kornwestheim. Ich habe jedoch während dieser Zeit maximal 40 Mal gespielt. Es fehlte mir einfach an der Zeit. Fit halte ich mich durch täglichen Frühsport zu Hause in meinem Fitnessraum. In der Regel mache ich dabei 30 Minuten Ausdauer und 30 Minuten Krafttraining.

Sündigen Sie gelegentlich beim Essen?
Früher leider immer wieder. Bis vor zehn Jahren habe ich regelmäßig täglich abends schwer gegessen und Süßigkeiten aller Art konsumiert. Danach habe ich meine Ernährung komplett umgestellt. Heute esse ich erst zu Mittag etwas und lebe im Grunde genommen fleischlos. Obwohl ich schon früher wenig getrunken habe, verzichte ich heute komplett auf Alkohol. Der Schwerpunkt meiner Ernährung liegt auf Gemüse, Hülsenfrüchte und Obst. Jeden Morgen bereite ich mir 1 l grünen Tee und 1 l Entgiftungstee, die ich aus Thermoskannen den Tag über trinke. Überzeugt bin ich vom Intervallfasten nach Professor Dr. Michalsen und versuche, dies konsequent in meinen Tagesablauf zu integrieren.

Ist Ihnen die Umstellung sehr schwergefallen?
Nein, überhaupt nicht. Schon nach kurzer Zeit bemerkt man, dass eine 16-stündige Essenspause dem Körper guttut. Für mich steht auch fest, dass man sich ohne Alkohol einfach besser fühlt. Mein Weinkeller ist dennoch gut gefühlt. Sehr zur Freude meiner Familie und meiner Freunde.

Gab es einen Grund für die Ernährungsumstellung?
Vor Jahren habe ich einen gesundheitlichen Nackenschlag erhalten. Daraufhin habe ich den Hebel umgelegt, mich mehr bewegt, die Ernährung umgestellt und mein Gewicht reduziert. Jetzt fühle ich mich deutlich wohler.

Relativiert eine ernsthafte Krankheit Erfolg und Reichtum? 
Absolut. Wenn man ernsthaft erkrankt und nicht mehr weiß, wie es weitergeht, wird plötzlich völlig unwichtig, welches Auto man fährt, ob man ein wunderschönes Haus besitzt oder wie hoch die Geldbestände auf dem Konto sind. Es gibt nur noch einen Wunsch – nämlich gesund zu werden! Gesundheit ist nicht käuflich.  Mir hat meine Erkrankung gezeigt, dass ich jahrzehntelang mit meinem Körper einfach Raubbau betrieben habe. Ich habe ununterbrochen gearbeitet, wenig Urlaub gemacht, mich ungesund ernährt und zu wenig geschlafen. Irgendwann bekommt man dafür – der eine früher, der andere später – von seinem Körper die Rechnung präsentiert. Ich habe sie relativ früh bekommen und meine Konsequenzen daraus gezogen.

Wenn Sie im Leben die Zeit zurückdrehen könnten, was würden Sie dann anders machen?
Auf jeden Fall würde ich bewusster leben, stärker auf meinen Körper Rücksicht nehmen, mir mehr Regenerationszeit gönnen, gesünder essen, mehr Sport treiben und regelmäßig in den Urlaub fahren. Vor allem aber mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.

Der Leitspruch Ihres Vaters war auch Ihre Devise: Vor dem Verdienen kommt das Dienen. War aber nicht genau das die Basis für Ihren Erfolg?
Selbstverständlich wären wir ohne die Verinnerlichung des Dienstleistungsgedankens nicht so weit gekommen und heute nicht so erfolgreich. Doch der Körper ist nicht unbegrenzt belastbar. Wenn man sich für sein Unternehmen zu 100% auspowert, kann man den Körper nicht noch dadurch zusätzlich belasten, dass man abends anstelle von Regeneration ausgiebig feiert und sich ungesund ernährt. Es gibt Menschen, die das problemlos verkraften. Ich gehöre leider nicht dazu. Zum Glück lebt mein Sohn deutlich bewusster und gesünder als ich in seinem Alter.

Haben Sie, als Sie Ihre Diagnose bekamen, je darüber nachgedacht, Ihren Job an den Nagel zu hängen und nur noch Ihr Leben zu genießen?
Nein, nicht eine Sekunde. Das war für mich zu keinem Zeitpunkt eine Alternative. Ich habe umfangreiche Therapien über mich ergehen lassen. Die beste Therapie war jedoch, immer kontinuierlich, auch während der Therapie, weiter zu arbeiten. Alle mich behandelnden Ärzte haben mir dies auch im Nachhinein bestätigt. Ich habe deshalb beschlossen, auch zukünftig, wenn auch mit etwas angezogener Handbremse, weiter zu arbeiten. Nach wie vor genieße ich jede Stunde im Büro. Arbeit ist für mich im Grunde genommen das größte Lebenselixier.

Warum? 
Unser Unternehmen hat sich zwischenzeitlich mit über 70 Mitarbeitern hervorragend weiterentwickelt. Ein Verdienst meines Sohnes, der sämtliche Prozesse optimiert und viele junge engagierte Mitarbeiter eingestellt hat. Das große Vertrauen, das er ihnen entgegenbringt, danken sie ihm mit einer hohen Loyalität und einem sehr engagierten Einsatz. Unter diesen Umständen fällt es mir natürlich leicht, immer mehr loszulassen. Mein Sohn Julian führt jetzt das Unternehmen und ich stehe ihm mit Rat und Tat zur Seite.

Sie haben ja auch noch eine Tochter…: 
Ja, meine Tochter hat ebenfalls Immobilienwirtschaft studiert. Sie lebt in Stuttgart und hat drei kleine Kinder. Sie ist hauptberuflich Mutter, unterstützt aber, wenn es notwendig wird, sowohl meinen Sohn als auch mich.

Wie darf man sich Jürgen Pflugfelder als Opa vorstellen? Sitzen Sie mit den Enkeln auf dem Boden und spielen Lego oder Eisenbahn?
Ja, logisch, mit großer Begeisterung. Ich liebe Kinder und erwarte in den nächsten Tagen meinen fünften Enkel.

Sie engagieren sich ehrenamtlich ebenfalls für Kinder.
Der Kinderschutzbund ist mir extrem wichtig. Erst im Januar haben wir den Vertrag für weitere fünf Jahre verlängert. Augenblicklich gehen die letzten Spenden aus unserer Benefiz Veranstaltung und meinem Geburtstag, den ich ebenfalls zu Gunsten des Kinderschutzbundes ausgerichtet habe, ein. Schon jetzt zeichnet sich der bislang höchste Spendenbetrag ab. Mit etwas Glück werden wir sogar sechsstellig. Ein Großteil des Spendenaufkommens stammt von unserer Benefiz Gala, die wir alle zwei Jahre veranstalten.

Zu Ihren engsten Freunden gehört Ex-EU-Kommissar Günther Oettinger. Sie selbst sind auch politisch interessiert. Warum hat es Sie nie in die aktive Politik gezogen?
Ich bin politisch stark interessiert und hätte mir auch gut vorstellen können, mich in der Politik zu engagieren. Allerdings ist die Gefahr sehr groß, dass einem Immobilienunternehmer, der sich zum Beispiel auf kommunaler Ebene engagiert, Eigeninteressen unterstellt werden. Dem wollte ich ganz einfach aus dem Weg gehen.

Was hätte Sie an der aktiven Politik gereizt?
Wirtschafts- und Finanzthemen finde ich extrem spannend. Bei der kommunalpolitischen Tätigkeit wären für mich die Wohnraumentwicklung und die Schaffung von Arbeitsplätzen im Mittelpunkt gestanden. Auch die Konsolidierung der Haushalte hätte mich sehr interessiert.

Die Kommunalpolitik wäre für Sie interessanter gewesen als die Landes- oder sogar die Bundespolitik?
Als junger Mann wollte mich ein etablierter Politiker für die Landespolitik aktivieren. Da ich gleichzeitig in der Aufbauphase unseres Unternehmens war, habe ich das sofort ausgeschlossen. Als Berufspolitiker hätte mich natürlich in erster Linie die Bundespolitik interessiert. Ehrenamtlich wäre nur Gemeinderat oder Kreistag in Betracht gekommen.

Wie beurteilen Sie momentan unsere gesamtpolitische Lage? 
Die gesamte politische Lage betrachte ich im Augenblick extrem kritisch, weil wir uns gerade selbst den Ast absägen, auf dem wir alle sitzen. Selbstverständlich brauchen wir ein gutes Klima, sollten aber nicht die vielen Arbeitsplätze vergessen, die notwendig sind, um unseren Wohlstand zu erhalten. Denken Sie nur an die Kfz-Industrie, die natürlich durch zahlreiche Betrügereien viel Kredit verspielt hat, aber trotzdem der größte Wohlstandsmotor in der Region ist und in naher Zukunft auch bleiben wird. Nach berechtigter Kritik und viel Gerichtsverfahren ist es jetzt wieder an der Zeit, gemeinsam nach vorne zu schauen und diese Schlüsselindustrie sowohl politisch als auch in der Öffentlichkeitsarbeit nachhaltig zu unterstützen. Für mich war auch nie der Spontanausstieg von Frau Merkel aus der Atomindustrie nachvollziehbar. Wir hatten die besten und sichersten Atomkraftwerke gebaut und haben diese technische Führerschaft verspielt. Heute entstehen um uns herum in europäischen Nachbarstaaten neue Atomkraftwerke, die allerdings nicht von uns, sondern von amerikanischen und französischen Konzernen gebaut werden. Auch das Thema CO2 Bilanz hätten wir wesentlich entspannter angehen können, wenn die von uns stillgelegten Atomkraftwerke heute noch in Betrieb wären. Scheint keine Sonne und weht kein Wind erhalten wir jetzt Atomstrom aus dem Ausland – ein absoluter Wahnsinn!

Machen Sie sich auch Sorgen, wie es in der CDU nach Angela Merkel weitergeht?
Ja, große Sorgen. Ich würde mich natürlich freuen, wenn Friedrich Merz nach dem Rücktritt von Frau Kramp-Karrenbauer sowohl Parteivorsitzender als auch Kanzlerkandidat werden würde. In der jetzigen weltwirtschaftlichen Situation brauchen wir dringend einen Leitwolf mit hoher wirtschafts- und finanzpolitischer Kompetenz und gleichzeitig starken Führungsqualitäten. Leider ist die Personaldecke in der CDU nach Angela Merkel sehr ausgedünnt.

Zurück zu Ihnen: Sie haben fast alles erreicht, was haben Sie noch für Ziele und Träume?
Im Grunde genommen habe ich in meinem Leben alles erreicht. Wichtig ist mir ein harmonisches Umfeld aus Familie, Freunden und Mitarbeitern, in dem ich mich rundum wohlfühle. Toll wäre es, wenn ich weiterhin fit und gesund bleibe, um meinen vielfältigen, sportlichen und sonstigen Aktivitäten nach zu kommen und viel Zeit mit meinen Enkeln zu verbringen.

Sind Sie ein glücklicher Mensch? 
Ja, ich bin sehr glücklich und zufrieden.

Herr Pflugfelder, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Ludwigsburg Kreisrat Andreas Schönberger: “Mich der AFD anzuschließen, war ein Fehler”

Erst vergangenen Mai zog Andreas Schönberger für die AFD in den neugewählten Ludwigsburger Kreistag ein. Jetzt, nur neun Monate später, kehrt er der Partei den Rücken und wird künftig als One-Man-Show für die ÖDP im Kreistag sitzen. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 spricht der fraktionslose Kreisrat über seine Beweggründe.

Herr Schönberger, Sie haben der AfD als Partei den Rücken gekehrt. Warum? 

Im November, Dezember hat sich das aufgrund der Klimaschutzdiskussion für mich schon herauskristallisiert, da ich die Haltung der AfD überhaupt nicht nachvollziehen und somit auch nicht unterstützen bzw. mittragen kann. Die AfD stellt nicht nur völlig infrage, dass der Klimawandel etwas mit uns Menschen zu tun hat, sondern auch, dass wir Menschen in irgendeiner Weise darauf reagieren müssen. Auch die Einstellung in der Flüchtlingspolitik ist für mich nicht tragbar, ebenso der teilweise fragwürdige Umgang mit unserer jüngsten Geschichte. 

Sie sind zwar noch nicht lange Kreisrat, aber zwischen Ihnen und den beiden AFD-Kreistagskollegen soll es innerhalb der kurzen Zeit auch schon heftig geknirscht haben…

Ja, das stimmt, einige Sachen sind sehr ungut gelaufen. Aber ich möchte in der Öffentlichkeit nicht dazu äußern.

Anders gefragt: Ist Ihr Entschluss, sich zu lösen, eine freiwillige Entscheidung oder fühlten Sie sich durch das Verhalten Ihrer Kreistagskollegen eher dazu gedrängt worden?

Sagen wir mal so: Das Problem fing im Sommer schon damit an, dass wir einfach keine gemeinsame Arbeitsbasis gefunden haben. Es war schwierig, Kompromisse zu finden. Die zwischenmenschliche Ebene war ebenfalls gestört. Es ging um die Frage eines respektvollen Umgangs miteinander, der leider nicht gegeben war. Mich stört außerdem die polemische, provokative Art und Weise des Vorsitzenden der Kreistagsgruppe bei den Kreistagsdebatten. Dieses Auftreten kann ich in keiner Weise gutheißen.

Was hat sie ursprünglich dazu bewogen, sich politisch der AfD anzuschließen?

Es gibt in dieser Partei durchaus Bemühungen, wertkonservative Inhalte zu vertreten, vor allem hier in Korntal, wo ich wohne. Doch der christlich-konservative Flügel der Bundespartei schrumpft, während der rechte Flügel immer mehr an Gewicht gewinnt. Aus heutiger Sicht war es ein Fehler, mich der AfD anzuschließen.

Nun haben Sie sich der Umweltschutzpartei ÖDP angeschlossen, die jedoch nicht im Kreistag vertreten ist.

Ja, ich habe mir die Programme der verschiedenen Parteien genau angeschaut. In der christlich-wertkonservativen Ausrichtung der ÖDP sowie ihrer mir so wichtigen Haltung zum Umwelt- und Klimaschutz finde ich mich wieder. Allerdings bin ich ein Einzelkämpfer im Kreistag. Derzeit wird geprüft, ob ich selbst überhaupt berechtigt bin, Anträge einzubringen. 

Wenn Sie dennoch auf politische Entscheidungen Einfluss nehmen wollen, müssen Sie sich künftig bei Abstimmungen anderen Parteien anschließen. Wo sehen Sie die größten Übereinstimmungen mit Ihren Ansichten und Zielen?

In ökologischen Fragen und beim Klimaschutz wird es wohl gemeinsame Abstimmungen mit den Grünen oder auch mit den Linken geben. Erst kürzlich habe ich bei der Debatte über eine Preiserhöhung des VVS-Tickets mit den Grünen gestimmt. Mein Abstimmungsverhalten wird sich von Fall zu Fall zeigen. 

Warum haben Sie mit ihrer christlich-konservativen Haltung in der CDU keine Heimat gefunden?

Grundsätzlich ist die CDU für mich keine Option, weil sie Wirtschaftswachstum vertritt, was ich sehr kritisch sehe, da wir aus ökologischer Sicht an Grenzen des Wachstums stoßen. Ich vertrete eher das Konzept der Postwachstumsökonomie, das von Prof. Nico Paech entwickelt wurde. Auf kommunaler Ebene könnte ich mit der CDU sicherlich in manchen Punkten eine gemeinsame Linie finden. 

Wie gehen Ihre ehemaligen AfD-Kreisratskollegen jetzt mit Ihnen um?

Die sprechen kein Wort mehr mit mir.

Patricia Leßnerkraus

 

Kreissparkassen-Chef Heinz-Werner Schulte: “Mein Verhältnis zu Geld ist nicht erotisch”

Er ist Chef von fast 1.500 Mitarbeitern und verwaltet Finanzen in zweistelliger Milliardenhöhe. Als Vorstandschef der Kreissparkasse Ludwigsburg ist Dr. Heinz-Werner Schulte ein angesehener Mann im Landkreis, der täglich mit seinem E-Bike von Neckarweihingen zur Arbeit nach Ludwigsburg fährt und in seinem Büro einen über tausend Jahre alten Stammbaum seiner Familie hängen hat. Doch nur die Wenigsten wissen genauer, was für ein Mensch sich hinter der öffentlichen Person verbirgt. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 erzählt der dreifache Vater über seine Herkunft, seine Hobbys und was ihn geprägt hat.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Günes

Herr Dr. Schulte, war Banker schon immer Ihr Traumberuf?
Nein, im Gegenteil, ich wollte ursprünglich Lehrer werden für Geschichte und Biologie. Mir hat das Leben an der Schule schon immer gut gefallen. Doch leider gab es damals einen Lehrer-Überschuss, so dass es nach dem Studium kaum Aussicht auf eine Anstellung gegeben hätte.

Wie kamen Sie dann ausgerechnet auf den Beruf des Bankers?
Meine Eltern rieten mir damals: Junge, lerne etwas Habhaftes! Der Nachbar war bei der Volksbank, da dachten wir, eine Banklehre könnte auch für mich eine gute Grundlage sein. Nach der Ausbildung empfahlen mir meine Eltern ein Studium, um mir weitere berufliche Perspektiven zu eröffnen. Ich habe dann in Köln Betriebswirtschaft studiert und als Diplomkaufmann abgeschlossen. Anschließend war ich dort an der Uni zwei Jahre bis zu meiner Promotion Assistent am Seminar für Wirtschaftsprüfung.

Wie kamen Sie schließlich 2001 nach Ludwigsburg?
Nach meiner Promotion war ich zunächst von 1988 bis 1991 beim Deutschen Sparkassen- und Giroverband in Bonn tätig. Übrigens eine sehr spannende Zeit, weil sie genau in die Phase der Wiedervereinigung fiel. Dann bin ich zur Sparkasse Pforzheim gewechselt und wurde schließlich 2000 zum Vorstandsvorsitzenden der Kreissparkasse Ludwigsburg gewählt. Eine unverhoffte Veränderung vom Badischen in Württembergische.

Welche Eigenschaft braucht man, um ein guter Banker zu werden?
Gewissenhaftigkeit, Verantwortungsgefühl und Kundenorientierung sind drei wichtige Fähigkeiten. Wir arbeiten in einer sehr regulierten Branche. Das Bankwesen ist ein sehr definiertes Geschäft, kein kreativer, sondern ein sehr klarer Raum.
Insofern muss man sich mit Aktenstudium, mit Gesetzen, Satzungen und Regeln auseinandersetzen. Da das Bankgeschäft auch immer ein Risikogeschäft ist, geht es dabei immer um die Frage, welche Risiken kann ich verantworten und mit welchen Risiken gehe ich wie um. Bei den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen geht es zudem darum, wie man mit den Kunden in Kontakt kommt, ihnen gerecht wird und ihre Bedürfnisse möglichst über Generationen hinweg erfüllt.

Muss man ein rationaler Mensch sein, um als Banker erfolgreich zu sein?
Rationalität ist kein Muss, aber sie hilft.

Sind sie ein rein rationaler Mensch? 
Ich denke schon, dass ich eine gewisse Vernunft zutage lege, aber ich versuche immer eine Balance hinzubekommen und meinem Bauch und Herz ebenfalls Ausdruck zu geben, auch bei einer Kreditentscheidung. Sie werden bei den Kreditanfragen häufig mit harten Schicksalen konfrontiert.

Wann dominiert in Ihnen der Banker, wann entscheidet der Mensch?
Es ist in der Tat ein verantwortungsvoller Beruf und man muss sich über die Folgen der Entscheidung immer im Klaren sein. Deshalb gilt es erstmal die rationale Seite zu betrachten und eine Vorbereitung zu treffen im Sinne einer regelbasierten Prüfung unter Beachtung aller Entscheidungskriterien. Aber es gilt ebenso, den Menschen kennen zu lernen, dem wir das Geld anvertrauen wollen. Es geht dabei unter anderem um seine Managementfähigkeiten, um seine strategischen Fähigkeiten, um seine nachhaltigen Fähigkeiten. Das gilt gleichermaßen für Geschäfts- wie Privatkreditnehmer.

Kennen Sie selbst das Gefühl eines Kreditnehmers, der sich fast nackig machen muss vor seinem Bankberater, um das gewünschte bzw. benötigte Geld zu bekommen?
Zumindest bilde ich mir ein, dass ich diese Gefühlswelt nachvollziehen kann. Natürlich muss man viele Dinge von sich preisgeben, da es verschiedene Themen sind, die in eine Finanzierungsentscheidung einfließen. Und natürlich sind es
teilweise auch sehr persönliche Themen. Dafür bedarf es einer gewissen Sensibilität eines Bankers, um damit umzugehen. Er muss dem Kunden das Gefühl geben, in diesen Fragestellungen gut aufgehoben zu sein, denn sie haben für den Kunden selbst ebenfalls einen Nutzen. Wenn er in ein Abenteuer hineingeht, das sich als nicht ganz so rational darstellt, dann hilft es weder ihm noch der Sparkasse. Gelegentlich gibt es Kunden, die sich sehr utopische Vorstellungen ihrer Finanzierungssituation und -perspektive machen. Da muss man als Banker das Ganze behutsam wieder auf einen vernünftigen Pfad führen.

Schulen Sie diesbezüglich Ihre Mitarbeiter psychologisch?
Mitarbeiter erhalten viele Trainings, teils mit gespielten Dialogen, durch die man lernt, wie man mit Situationen umgeht und reagiert. Bereits während der Ausbildung ist es heutzutage ein wichtiger Bereich, dass man in der Kundenberatung eine Empathie für die jeweiligen Kundenbeziehungen entwickelt.

Was hat sich im Bankgeschäft verändert, seit Sie vor 20 Jahren hier angefangen haben?
In unserer Gründungssatzung aus dem Jahr 1852 stand, dass die Kreissparkasse Ludwigsburg vor allem für Taglöhner, Witwen und Zielgruppen da sein soll, für die andere Banken nicht offenstehen. Es hat natürlich seither enorme Veränderungen sowohl bei der Kreissparkasse als auch bei der Gesellschaft gegeben. Nehmen wir nur die letzten 20 Jahre mit beispielsweise der Einführung des Euros, als wir die Umtauschaktion für den Staat zu bewerkstelligen hatten, damit es auch haptisch zu einer neuen Währung kam. Solche Schlangen vor den Sparkassen hatte ich lange nicht mehr gesehen. Ein weiteres markantes Datum war am 11.9.2001 das Flugzeugattentat auf die Twin Towers in New York. Das hat ganz viele politische Fragen aufgeworfen sowie unsere Sehnsucht nach Frieden immens beeinträchtigt und damit auch in der Finanzwirtschaft zu vielen Themen und Fragestellungen geführt haben. 2008/2009 hatten wir die Finanzmarktkrise mit vielen Banken, die in große Schwierigkeiten geraten sind. Bei vielen hätten wir das nie gedacht und waren verblüfft, wie tönerne Füße doch auch Banken haben können. Und in den letzten Jahren stellte sich die Thematik, wie wir in der Bankenlandschaft der Digitalisierung, der Regulierung, aber auch der Nachhaltigkeit und der ökologischen Frage Ausdruck geben können. In dieser Weise ist die Sparkassenlandschaft Teil dieser Gesellschaft, die sich mit diesen Fragestellungen beschäftigt.

Bereitet Ihnen die Entwicklung der ganzen amerikanischen Tec-Unternehmen mit den digitalen Zahlungsströmen Sorge und ist Ihre Bank auf eine solche Entwicklung vorbereitet?
Meiner Meinung nach sind wir vorbereitet. Die Kreissparkasse hat schon in den 90er Jahren, als es noch BTX gab und ein erstes Herantasten an digitale und elektronische Lösungen, gesagt, dass es unter unserem Dach ganz viele Wege zu uns als Bank gibt. Die können elektronisch, automatisch oder persönlich sein. Und mit dieser Strategie hat sich die Kreissparkasse ganz positiv weiterentwickelt. Wir sind heute gewohnt, mit über 60 Prozent unserer Kunden digital zu kommunizieren. Sie bekommen von uns ein elektronisches Postfach, ebenso die Möglichkeit mit einem Log-in-Verfahren sichere Bankgeschäfte am heimischen PC oder per App in ihren peripheren Endgeräten zu tätigen. Wir bieten aber zudem mit 98 Geschäftsstellen im Kreis Ludwigsburg unseren Kunden den Kontakt von Mensch zu Mensch oder von Automat zu Mensch. Uns ist es in erster Linie wichtig, das richtige Gespür zu haben, um allen Bedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden und wir haben festgestellt, dass die meisten von ihnen Wert darauflegen, ihre Bankgeschäfte relativ unkompliziert, aber mit maximaler Sicherheit erledigen zu können.

Die amerikanischen Entwicklungen drängen auch auf den deutschen Markt. Merken Sie selbst schon eine Verschiebung der Marktanteile?
Unsere Marktanteile sind zum Glück sehr stabil und wir haben keine Sorge, was ihre Verankerung, ihre Reichweite, ihre Marktanteile und ihre Verbreitung anbelangt. Wir leben in einem Landkreis, dessen Einwohnerzahlen wachsen. Als ich vor 20 Jahren herkam, waren wir noch unter der 500.000-Grenze, inzwischen leben hier über 540.000 Menschen. An diesem Wachstumsprozess nimmt die Kreissparkasse teil. Jedes Jahr haben wir bis zu 3.000 Girokonten mehr im Bestand und haben eine Reichweite zwischen 50 und 60 Prozent. Das heißt, dass wir eine Geschäftsverbindung zu über der Hälfte der Landkreisbewohner halten, angefangen beim kleinen Sparkonto, das ein Kind zur Geburt bekommt, bis hin zur vitalen Geschäftsverbindung als Alleinbank. Natürlich ist die Zahl derjenigen, die auch Finanzgeschäfte anbieten, riesengroß geworden. Aber es geht im Bankgeschäft ja auch um Sicherheit. Und eine Bank, die wie wir seit 1852 in dieser Dimension im Markt ist, kann man entsprechend bewerten.

Wie beurteilen Sie persönlich die Entwicklung der vielen FinTechs?
Sie sind hochinteressant, weil sie immer wieder Nischen ansprechen, bestimmte Themen, Prozesse, die sie besser machen, Produkte, die sie hochinteressant gestalten. Sie picken sich Themen heraus, die wirklich spannend sind. Aber es ist immer die Frage, ob man damit ein sehr langfristiges, tragfähiges Geschäftsmodell kreieren kann. Bei vielen FinTechs habe ich eher den Eindruck, dass es mehr darum geht, eine Kapitalsammelstelle aufzubauen und zu sagen: Ich brauche Investoren und muss eine Story entwickeln, um diese Investoren für das Geschäftsmodell zu interessieren. Und aus dieser Kapitalsammelstelle heraus versucht man sich dann heran zu tasten, vielleicht mal ein tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Das wäre mir persönlich bei meiner Kreditentscheidung ein bisschen zu wenig, denn ich bräuchte schon eine Zuversicht für eine sich lohnende betriebswirtschaftliche Betrachtung.

Als die Kreissparkasse am 1.1.1852 gegründet wurde, stand in der Satzung folgender Gründungszweck: Annahme von Einlagen zur Ansammlung von Ersparnissen. Wie würden Sie die Tätigkeit Ihrer Bank heute nennen? Dafür reicht doch ein Satz gar nicht mehr aus….
Kunden in ihren finanziellen Sphären gut zu betreuen. Das bringt es auch in einem einzigen Satz auf den Punkt. Wir sind heute eine Bank mit einer Bilanzsumme von knapp 11 Milliarden Euro. Davon sind ungefähr 7,5 Milliarden Kundeneinlagen, also ein großer Bestandteil, der höher liegt als Kundenausleihen. Aber die Ersparnisse sind nur ein Teil einer weiten Welt von Produktgruppen, die heute für Kunden wichtig sind. Neben der Finanzierung ist das der Zahlungsverkehr, das Wertpapiergeschäft, das Versicherungsgeschäft, die Immobilienvermarktung und vieles andere, was Kunden von einer Kreissparkasse erwarten und was auch immer wieder neu definiert und der Zeit angepasst werden muss. Auch das war vor 20 Jahren anders. Nehmen wir nur mal das Immobiliengeschäft: Damals hatten wir dafür zwei Mitarbeiter, heute sind es 25. Die Kreissparkasse kann nur überleben, wenn sie auf die veränderten Marktgegebenheiten reagiert und ihr Gespür perfektioniert für die Bedürfnisse ihrer Kunden.

Sind das also die Kriterien für Erfolg oder Misserfolg einer Bank?
Über den Erfolg entscheidet der Kunde. Den Erfolg einer Bank entscheiden auch die Weichenstellungen, die man hat, um die Geschäfte zu betreiben. Und es bedarf natürlich Mitarbeiter, die dann die Kundenberatung vornehmen, den Kunden auf die richtige Spur bringen, die Erwartungshaltung honorieren oder auch korrigieren.

Haben Sie schon einen abgelehnten Kredit bereuen müssen, weil der Kunde anschließend mit dem Kredit einer anderen Bank geschäftlich richtig durchgestartet ist?
Persönlich kann ich mich an einen solchen Fall nicht erinnern. Aber, dass wir jeden Tag sicherlich falsche Entscheidungen treffen, davon bin ich überzeugt. Und der vor Ihnen Sitzende an erster Stelle. Das gehört dazu. Wenn man die Toleranz nicht hat, dass man sich irren kann, dann wäre man auch nicht an der richtigen Stelle.

Sie haben drei erwachsene Kinder. Wie haben Sie sie in Gelddingen erzogen?
Die Haupterziehung hat meine Frau geleistet, mein Anteil daran war durchaus überschaubar. Das gilt auch für die finanzielle Erziehung. Meine Frau kommt aus der gleichen Branche, wir haben uns während unserer Banklehre kennengelernt. Wir haben den Kindern ein Taschengeld gewährt, mit diesem Betrag mussten sie lernen ihren Bedürfnissen entsprechend umzugehen. Gab es zu Feiertagen Geldzuwendungen aus der Verwandtschaft, haben wir versucht ihnen nahezulegen, dass man das Geld nicht sofort ausgeben muss, sondern ihnen Möglichkeiten aufgezeigt, wie man das Geld gut verwahren kann. Somit habe ich die Hoffnung, dass sie alle das sparsame Haushalten und den transparenten Umgang mit Finanzdienstleistungen gelernt haben. Übrigens sind zwei unserer Kinder vor dem Studium in eine Banklehre gegangen, auch wenn ich nicht glaube, dass sie je in einer Bank arbeiten werden.

Was haben Sie persönlich für eine Beziehung zu Geld?
Mein Verhältnis zu Geld ist positiv, aber nicht erotisch. Ich mag es.

Geben Sie Ihr Geld großzügig aus oder sind Sie eher der Spartyp?
Da ich kaum Gelegenheit habe, mein Geld auszugeben und auch keine großen Bedürfnisse in mir schlummern, bin ich mehr der Spartyp. Aber ich finde die Erfindung des Geldes genial. Mit Geld kann man wunderbar Bedürfnissen gerecht werden und auch eine ganze Menge Sinnvolles anstellen. Das ist für die ganze Gesellschaft etwas Positives.

Wenn Sie sich dann doch mal etwas gönnen, investieren Sie dann in bleibenden Wert wie in Kunst, in ein besonderes Möbelstück oder Schmuck? Oder darf es auch mal etwas Überflüssiges sein?
Ich liebe Richard Wagner und gelegentliche Opernbesuche, für die die Karten nicht ganz günstig sind, aber das war es dann auch leider mit Kunst und Kultur. Ansonsten kann ich noch Geld ausgeben, wenn mich ein Buch wirklich interessiert. Dann bin ich sogar bereit, für ein Buch mal dreißig Euro zu zahlen.

Für einen gutverdienenden Banker sind Ihre Ansprüche sehr bescheiden…
Das beruht auf meiner familiären Prägung. Wir kommen seit zehn Jahrhunderten aus einem kleinen niedersächsischen Dorf in Süd-Oldenburg. Keiner meiner Vorfahren hat sich je durch eine besonders heroische, politische, wissenschaftliche oder kulturelle Leistung hervorgetan. Alle meine Vorfahren waren bis zuletzt Bauern. Vielleicht ist das genetisch bedingt, dass man da eher bodenständig ist. Für manche mag das langweilig wirken, aber mir gefällt diese Bodenständigkeit.

Sind Sie auch im hohen Norden geboren?
Nein, ich selbst bin geboren in Aachen. Mein Vater war dort für den Aufbau und die Entwicklung eines Einzelhandels-Bekleidungsunternehmens zuständig. Als ich vier Jahre alt war, schickte das Unternehmen meinen Vater dann für die gleiche Aufgabe ins Ruhrgebiet nach Essen, wo ich dann bis zum Abitur gelebt habe. Danach bin ich mit meinen Eltern nach Remscheid ins Bergische Land gezogen, wo ich meine Banklehre absolviert habe.

Inwieweit hat Sie das Ruhrgebiet und der Menschlag dort geprägt?
Essen habe ich in sehr angenehmer Erinnerung, wobei das eine sehr heterogene Stadt ist, mit manchen sozialen Brennpunkten und schon damals schwierigen Fragestellungen zur Entwicklung von Krupp oder der Umweltbelastung. Meine Mutter wusste ganz genau, wann sie die Wäsche draußen trocknen lassen konnte und wann besser nicht. Aber ich habe meine Kindheit und Jugend in Essen mit sehr vielen Nachbarn, mit vielen Mitschülern, vielen Geselligkeiten als sehr schön empfunden. Mein Lieblingsfußballverein Rot-Weiß-Essen spielt leider mittlerweile in der Vierten Liga. Auf dem Baldeneysee habe ich gerudert für einen Sportverein. Außerdem war ich Gründungsmitglied eines astronomischen Vereins, dem ich heute noch angehöre. In Essen-Heidhausen hatten wir ein Gartengrundstück von der Stadt bekommen, um erste Erfahrungen mit unseren Fernrohren zu machen und in Essen für Laien, Schulen und einfach nur Interessierte geöffnetes Themengebiet mit Sternenbeobachtung und Astronomie zu entwickeln. Es hat tatsächlich funktioniert, der Verein floriert noch immer, bekommt stetig neue Mitglieder.

Sind Sie Ihrem Hobby treu geblieben?
Ich habe noch immer mein eigenes Fernrohr, aber ich schaue nur sehr unregelmäßig durch. Meist hole ich es bei besonderen Konstellationen und Ereignissen raus, aber es ist lange nicht mehr so häufig wie in meiner Jugend. Ich habe versucht, dieses Hobby meinen drei Kindern ebenfalls nahe zu bringen, leider erfolglos.

In Ihrem Büro stehen eine riesengroße Wasserkugel und ein Aquarium. Brauchen Sie diese belebenden Elemente als Ausgleich zur nüchternen Zahlenwelt?
Mein Vater hatte schon ein Aquarium in seinem Büro und das habe ich als Idee übernommen. Einen leichten Zugang zu lebendiger Natur auch in einem Raum zu haben, finde ich schön. Das Süßwasseraquarium ist für mich ein Stück Heimatgefühl, ein Stück Sparkassen-Zuhause. Wenn ich in mein Büro komme, schaue ich sofort nach, ob es den Skalaren, den Neonfischen und der Prachtschmerle noch gut geht. Die Kugel steht hier, weil Wasser mich schon immer interessiert hat und ich das Leben im Wasser spannend finde. Das ist vielleicht so ein bisschen der Gegenpol zur Astronomie, bei der man mit dem Fernrohr das Weltall beobachtet. Wenn man mit einem Mikroskop das Leben in einem Wassertropfen beobachtet, dann ist das genauso spannend.

Sie haben im Dezember das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen bekommen. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Natürlich habe ich mich gefreut, dass einige Menschen mein ehrenamtliches Engagement als preiswürdig angesehen haben. Es war auch eine schöne Veranstaltung und für unseren ausgeschiedenen Landrat Dr. Haas noch eine schöne Gelegenheit, die gute Zusammenarbeit der Vergangenheit zu unterstreichen, die auch ich sehr geschätzt habe. Aber ansonsten mache ich mir weiter keine Gedanken zu einer solchen Ehrung.

Zu welchen Gelegenheiten tragen Sie den Orden?
Den Orden habe ich meiner Frau zur Verwahrung gegeben, tragen werde ich ihn nicht.

Ihre Bank ist ebenfalls sozial sehr engagiert. Macht sich das auch auf dem Immobiliensektor als Bauträger bemerkbar?
Wir bauen lediglich eigene Geschäftsstellen und damit verbundene Investitionen, sind aber ansonsten keine Bauträger, sondern finanzieren sie und vermitteln Immobiliengeschäfte. Unsere eigenen Liegenschaften entstehen aber nur dadurch, dass wir Kundengeschäft betreiben.

Die Immobilienpreise steigen rasant und es ist kein Ende in Sicht. Können Sie dieser Entwicklung auch unter sozialen Aspekten als Bank entgegenwirken?
Die Kreissparkasse kann da viel tun. Das fängt schon damit an, dass wir der in der Satzung festgelegten Sparerziehungsfunktion nachkommen, indem wir schon mit den Kleinsten anfangen, Vermögensbildung zu üben, Konsumverzicht zu leisten, sich etwas vorzunehmen zu ersparen. Wir versuchen in den verschiedensten Formen von Kindesbeinen an mit den Kunden zu diskutieren, was sie tun können, um Träume entwickeln und wahr werden zu lassen. Speziell im Immobiliengeschäft geht es um Überlegungen, wie man Verkäufer und Käufer als Makler zusammenbekommt und über das Immobilienobjekt ein gemeinsames Verständnis entwickelt.

Haben wir gerade eine Immobilienblase?
Blase würde ich es nicht nennen, obwohl wir jetzt schon seit Jahren Immobilienpreissteigerungen habhafter Natur verzeichnen. Wir werden diese Entwicklung beobachten müssen, die ganz stark auch vom Wirtschaftsstandort abhängt. Die Region Stuttgart ist eine sehr wohlhabende Region, daraus resultieren neue Zuzüge und somit Nachfragen nach Immobilieneigentum, nach schönerem, immer wertvollerem Immobilieneigentum. Die Preissteigerungen haben ja nicht nur damit zu tun, dass es Preisentwicklungen gibt, sondern dass auch die inhaltlichen Ansprüche anders werden. Auf der anderen Seite ist das ein Wohlstand, den wir beibehalten und womöglich ausbauen können. Das wird die Herausforderung sein.

Glauben Sie, dass es in naher Zukunft noch Bargeld in haptischer Form geben wird?
Ja, meines Erachtens neigt der Deutsche dazu, immer ein Stück Unabhängigkeit und Freiheit bewahren zu wollen. Bargeld ist ein Stück Unabhängigkeit und Freiheit. Statistisch gesehen nimmt das elektronische Geld leicht zu. Die Verwendung, die Transaktionen, die Bestände von elektronischem Geld, die Freude an der digitalen Bezahlmöglichkeit steigt, aber es ist nicht so, dass das Bargeld in den letzten Jahren entscheidend verloren hat. Zirka die Hälfte der Transaktionen findet immer noch in Bargeld statt.

Wissen Sie, wie viel Bargeld es weltweit gibt?
Nein, das weiß ich nicht. Aber noch spannender ist die Frage, wie viel Geld es überhaupt auf der Welt gibt. Das sind alles sehr erschreckende Werte, weil wir schon ein Auseinanderdriften haben zwischen den vielen Geld schöpfenden Prozessen, die es heute bereits gibt und die auch von den Notenbanken unterstützt werden, und der realen Sphäre, die sich lange nicht so stürmisch entwickelt hat wie die Finanzsphäre. Das sollten wir mit Sorge beobachten, denn am Ende stellt sich die Frage: Was ist das Geld wert?

Wir haben mal von einer weltweiten Bargeldsumme von über 100 Billionen Dollar gehört…
Dazu wird es noch ein zigfaches an elektronischem Geld, an Buchgeld geben. Aber eine genaue Zahl kenne ich nicht.

War das auch einer der Gründe für die Finanzmarktkrise? 
Hier kamen mehrere Gründe zusammen, aber eines war während der Finanzmarktkrise schon deutlich erkennbar: Die Sorgsamkeit des Umgangs mit den finanziellen Mitteln und das Bewusstwerden, wie und wo lege ich das Geld an, hat nicht immer so transparent stattgefunden. Das hatte auch damit zu tun, dass es unglaublich viel Geld gab. Ohne eine genaue Summe zu kennen, weiß ich, dass weitaus mehr in abstrakte Konstruktionen angelegt wurde als in haptische und greifbare. Das entspricht nicht dem Modell einer Kreissparkasse, die Einlagen vom Kunden holt und sie für die Finanzierung von Kunden nimmt. Das ist zwar intellektuell nicht ganz so aufregend, aber eben ein Modell, das seit 1852 gut funktioniert.

Wie stehen Sie zu dem Spruch: Geld verdirbt den Charakter!
An diesen Spruch glaube ich nicht, denn den Charakter kann man durch viele Aktivitäten verderben, es muss nicht unbedingt Geld sein. Geld bedeutet Verantwortung und der Verantwortung gerecht zu werden. Das ist leider nicht allen bewusst, die Geld haben, aber auch nicht allen, die kein Geld haben.

 

Der Bahnhof bleibt ein Dauerthema: Ludwigsburg24 im Gespräch mit Axel Müller

Im Mai vergangenen Jahres trat Axel Müller als neuer Bahnhofsmanager bei der Stadt Ludwigsburg an, um das von Ex-Oberbürgermeister Werner Spec vor sieben Jahren ausgerufene Projekt „Wohlfühlbahnhof“ endgültig umzusetzen. Doch was macht ein Bahnhofsmanager überhaupt jeden Tag, wo liegen seine Herausforderungen und was hat er seit seinem Amtsantritt bereits geschafft. Im Gespräch mit Ludwigsburg24 spricht Axel Müller über seinen Arbeitsalltag voller Herausforderungen und seine Chancen auf Erfolg.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus

Herr Müller, Sie haben einen Einjahresvertrag unterschrieben, der Mitte Mai bereits wieder ausläuft. Die wichtigste Frage deshalb zuerst: Gehen Sie als Bahnhofsmanager in die Verlängerung?
Es gibt zwar Signale, dass es mit mir als städtischem Bahnhofsbeauftragten – so ist die offizielle Bezeichnung – weitergehen soll, doch aufgrund der Haushaltslage ist noch nichts entschieden.

Warum wäre es aus Ihrer Sicht gut, wenn es auch weiterhin einen Bahnhofsbeauftragten geben würde?
Solange wir einen Bahnhof haben, haben wir auch ein Aufgabengebiet im Bahnhofsumfeld. Diese Aufgaben sind so mannigfaltig, dass wir nicht von einem Projekt sprechen können, sondern von einer großen Aufgabe, die uns dauerhaft beschäftigen wird.

Was macht denn ein Bahnhofsbeauftragter den ganzen Tag? Wie sehen Ihre Aufgaben und Ihre Tagesabläufe aus?
Man muss wissen, dass der Bahnhof nicht im städtischen Eigentum ist. Mein Job sieht vor, dass ich Mittler der Anrainer und der Nutzer bin. Das Bahnhofsgebäude gehört beispielsweise einem Immobilienfonds. An der Anlage der Deutschen Bahn sind wiederum drei unterschiedliche Partner beteiligt: die DB Netz, die die reinen Schienen und Gleisanlagen betreibt, die DB Service, die die Station betreut, und die DB Vertrieb mit dem Fahrkartenverkauf. Das Westportal hingegen gehört einem weiterem Investor. Neben diesen Eigentümern gibt es weitere Partner, zum Beispiel für die Radstation den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrradclub Anm. d. Red.) und das Sozialunternehmen Neue Arbeit. All diese Parteien, aber auch die Nutzer der jeweiligen Einrichtungen, haben in irgendeiner Art und Weise Bedürfnisse. Meine Aufgabe sieht somit vor, zwischen den einzelnen Interessen so zu vermitteln, dass für alle Beteiligten aus Problemen gute Lösungen entstehen.

Können Sie mal ein Beispiel nennen?
Nehmen Sie das Konzept „Reinigung aus einer Hand“, das ich von meinem Vorgänger übernommen habe. Früher hatten dies unterschiedliche Unternehmen für die jeweiligen Eigentümer übernommen, nun soll die Zuständigkeit nur noch bei einer Firma liegen. Dazu haben wir uns alle an einen Tisch gesetzt. Alle Interessen wurden konkretisiert und zusammengeführt, so dass wir nun im Frühjahr gemeinsam ausschreiben können.

Das klingt aber alles ziemlich langwierig…
Ja, so ist das, aber nur so kommen wir zu guten Lösungen.

Was würden Sie als wichtigste Eigenschaften bezeichnen, die Sie für Ihren Job mitbringen müssen?
Ich muss alle Beteiligten auf einen gemeinsamen Nenner bringen, ohne einem von ihnen auf die Füße zu treten. Dafür muss ich gut zuhören, verstehen, moderieren, motivieren, muss manche Partner regelrecht für ein Thema begeistern, von dem sie vielleicht der Meinung sind, dass es auf ihrer Prioritätenliste nicht ganz weit oben
steht.

Und für welche Personengruppen am Bahnhof sehen Sie sich außerdem als Mittler?
Natürlich vor allem für die An- und Abreisenden. Aber da der Bahnhof auch Scharnier zwischen der Weststadt und der Innenstadt ist, sind auch Personen, die den Bahnhof durchqueren, eine wichtige Zielgruppe. Dazu kommen die Schülergruppen, die das Areal vom Schulcampus her als erweiterten Aufenthaltsraum sehen oder dort die
eine oder andere Freistunde verbringen. Wir haben Obdachlose, die dort immer wieder Zuflucht suchen, wir haben die Trinkerszene und auch vereinzelt Asylsuchende, die sich am Bahnhof aufhalten. Nicht zu vergessen die Menschen, die am Bahnhof ihre Einkäufe erledigen. Aus dieser bunten Mischung heraus ergeben sich meine Herausforderungen.

Welches der derzeit anstehenden Probleme zeichnet sich als Ihre größte Herausforderung ab?
Das ist schwer zu sagen. Wir wollen beispielsweise ein neues Sicherheitskonzept, für das wir ein einheitliches Videoüberwachungssystem installieren wollen. Da gibt es ganz andere Herausforderungen als wiederum beim Reinigungskonzept.

Wo liegen denn beim Sicherheitskonzept konkret die Herausforderungen?
Nehmen wir nur den Teilbereich Videoüberwachung: Hier gilt es, vom Datenschutz über mögliche neue Standorte bis hin zur Einbeziehung der Bestandkameras verschiedener Eigentümer ein tragbares Konzept herbeizuführen.

Wie gehen Sie mit der Trinkerszene am Bahnhof um?
Wir haben dazu demnächst mit der Wohnungslosenhilfe einen Gesprächstermin, um mögliche Lösungsansätze für die unterschiedlichen Gruppierungen innerhalb dieses Milieus zu besprechen.

Wenn Sie einen guten Ansatz finden, haben Sie dann als Bahnhofsmanager eigene Kompetenzen, um konkrete Entscheidungen zu treffen oder müssen Sie prinzipiell immer alles mit den Partnern absprechen?
Da meine Hauptaufgabe das Vermitteln ist, ist die Abstimmung der Schlüssel zum Erfolg. Bei der Stadt bin ich dem Dezernat Mobilität, Sicherheit, Tiefbau von Bürgermeister Michael Ilk zugeordnet. Wenn es jedoch um Abstimmungen im sozialen Bereich geht, ist Erster Bürgermeister Konrad Seigfried mein Ansprechpartner. Denn eines ist klar: Alle Konzepte sind am Ende des Tages nur so gut, wie sie auch politisch getragen werden. Betrifft eines meiner Konzepte die Belange eines bereits erwähnten privaten Eigentümers, dann hole ich diesen ebenso ins Boot. Das geht aber noch weiter. Beim Thema Busbahnhof beziehungsweise ÖPNV sind etwa noch LVL Jäger, die
unsere Buslinien betreiben, und der städtische Fachbereich Nachhaltige Mobilität einzubeziehen.

Gibt es neben den vielen unterschiedlichen Interessensvertretungen noch weitere Probleme, denen Sie sich stellen müssen?
Typisch für unser Bahnhofsareal ist, dass es löchrig ist wie ein Schweizer Käse, denn es gibt unglaublich viele verschiedene Zugänge. Das ist positiv, weil der Bahnhof dadurch für Fußgänger perfekt erreichbar ist. Es hat allerdings den Nachteil, dass durch das Verwinkelte sich mancher unsicher fühlt. Das ist mit ein Grund dafür, warum der Ruf des Bahnhofs so schlecht ist. Es ist über die Jahre ein negatives Bild entstanden, das sich festgesetzt hat und nur schwer aus den Köpfen der Menschen wieder rauszubekommen ist. Hier gilt es, sich diesem Gefühl des Unbehagens und den realen Problemen, die wir uns mit jedem Bahnhof in Deutschland teilen, ehrlich zu stellen.
Ein weiteres Thema, das wir auf der Agenda haben, ist unser Busbahnhof. Er ist in die Jahre gekommen, hat Schlaglöcher, und erfüllt nicht mehr die heutigen Anforderungen. Ein weiterer Punkt ist unsere zweite Unterführung. Wer versucht, während der Rush Hour gegen den Strom zu laufen, weil er einen Zug erreichen muss, hat kaum eine Chance. Auch hier müssen wir baulich dringend ran. Nun ist aber die Erschließung der Gleisanlagen nicht originär die Aufgabe der Stadt Ludwigsburg, sondern die der Betreiber der Bahnanlagen. Deshalb kann die Stadt hier auch nicht die Kosten tragen.

Macht Ihnen angesichts der vielen Problematiken Ihr Job überhaupt Spaß?
Er macht mir Spaß, weil auf der einen Seite bei allen Partnern ein Verbesserungswunsch nicht nur spürbar ist, sondern er auch ganz klar gezeigt und gelebt wird. Der Kontakt zu den Nutzern des Bahnhofs ist mein Antrieb, denn deren Frust beispielsweise wegen defekter Aufzüge oder sonstiger Ärgernisse formuliert letztendlich meine Aufgaben. Nimmt man sie mit, bindet sie ein, wie zum Beispiel über den wiederbelebten Fahrgastbeirat, kann man auch hier Kräfte bündeln. Der Dialog mit den Bahnhofsnutzern führt langfristig dazu, dass wir den Ort gemeinsam
täglich verbessern.

Hört sich aber unterm Strich alles nach einer Jobgarantie für Sie an…
Wenn Sie so wollen, ja. Der Bahnhof ist ein fortdauerndes Thema und das 365 Tage, 24 Stunden täglich und dafür benötigt man für die unterschiedlichen Beteiligten unbedingt einen Mittler, der alle zusammenführt. Es ist aber ein Job, den man nicht 20 Jahre ausüben kann. Sie müssen als Person zu hundert Prozent motiviert sein und auch eine Leistung bringen wollen. Sobald sich ein Frustpotential spürbar macht, tut es der Sache keinen Gefallen mehr.

Im Frühjahr ziehen Sie mit Ihrem Büro in den Bahnhof. Was versprechen Sie sich davon?
Wir werden Montag bis Donnerstag von 16.00 bis 18.00 Uhr geöffnet haben, so dass auch Pendler die Chance bekommen, mich direkt mit ihren Anliegen anzusprechen. Durch diese Art des Beschwerdemanagements verspreche ich mir nochmals eine ganz andere Zusammenarbeit mit den Bahnhofsnutzern. Außerdem bekomme ich die einzelnen Probleme des Bahnhofsareals hautnah mit, wenn ich persönlich vor Ort bin. Bin ich selbst Teil des Geschehens, kann ich besser agieren. Ich sehe das als Ehrlichkeitsoffensive, die Vertrauen schafft. Gleichzeitig möchte ich die Räumlichkeiten auch den Partnern zur Verfügung stellen, zum Beispiel für Vorstellungsgespräche mit möglichen Zugbegleitern oder für andere Dienstgespräche. So bekommt das Thema Bahn, Bahnhof, Bahnnutzung, ÖPNV eine zentrale Anlaufstelle.

Auf welche Ihrer Leistungen im vergangenen halben Jahr sind Sie besonders stolz?
Es sind zwei Dinge, die sich für Außenstehende vielleicht banal anhören, die aber immens wichtig sind: Das eine ist, das Vertrauensverhältnis der Partner herbeigeführt zu haben und das zweite ist, auf der anderen Seite das Vertrauensverhältnis mit der Bevölkerung, mit den Nutzern, die jeweils mit mir in Kontakt getreten sind, aufgebaut
zu haben. Das ist die Grundlage für die erfolgreiche Umsetzung der angedachten Konzepte. Das hat natürlich alles etwas Zeit gebraucht, weil ich mich zunächst in die Thematik einarbeiten musste, um zu wissen, was läuft wie und warum. Ich musste verstehen, wo die Zuständigkeit des einen Partners aufhört und die des anderen beginnt. Und erst mit dem hundertprozentigen Verstehen des Areals, der Nutzer und der Anrainer konnte ich Konzepte entwickeln und angehen, deren Umsetzung jetzt im Jahr 2020 beginnt.

Inwieweit kommt dabei der Input der Anrainer und Nutzer bei den Konzepten zum Tragen?
Es muss abgewogen werden, ob es sich um Einzelbedürfnisse handelt oder um welche, bei denen es ganz klar um einen Mehrwert für eine größere Anzahl von Menschen geht. Wenn der Mehrwert erkennbar ist, fließt er bestenfalls 1:1 ins Konzept ein. Wenn die Menschen mit ihrer Idee gehört werden, sind sie bereit, ein Multiplikator zu sein. Übersetzt in die moderne Mediensprache sollte jeder Bahnhofsnutzer am Ende des Tages ein positiver Influencer sein.

Haben Sie während Ihrer Tätigkeit noch Problematiken entdeckt, die Ihnen bei Amtsantritt gar nicht klar waren?
Der Bahnhof der Zukunft ist weit mehr als Bus und Bahn. Wir müssen rund um den Bahnhof mehr für die Radfahrer tun, wir müssen das Thema Carsharing am Bahnhof besser platzieren, wir haben den Umbau des Busbahnhofs. Dafür müssen wir die Bevölkerung mitnehmen, damit sie Lust auf Zukunft bekommen. Diese Dinge waren mir vorher in diesem Umfang nicht bewusst.

Eine letzte Frage: Kann der Bahnhofsmanager eigentlich noch in der Freizeit durch Ludwigsburg laufen, ohne die Bahnhofswut der Bürger abzukriegen?
In meinem letzten Job als Citymanager von Ludwigsburg ist mir das deutlich häufiger passiert. Jetzt ist es doch wesentlich ruhiger geworden. Wenn mich jemand samstags auf dem Markt anspricht und fragt, warum der Fahrstuhl nicht funktioniert, dann sehe ich das nicht als Belästigung. Das ist Teil meiner Arbeit. Und ähnlich wie der Bahnhof, der 365 Tage 24 Stunden täglich für die Öffentlichkeit zugänglich ist, definiere ich meinen Job. Natürlich habe auch ich mal Feierabend und sollte abschalten, das ist keine Frage. Aber wenn ein Bürger ein Bedürfnis hat, dann sollte er es auch loswerden dürfen. Und wenn er es – so ist es zumindest in der Regel – in einer anständigen Art und Weise macht, dann ist das für mich kein Thema, ob er das während der Dienstzeit oder während meiner Freizeit macht.

Was macht Werner Spec? Ludwigsburg24 im Gespräch mit dem Ex-Oberbürgermeister

Die letzten 100 Tage seit Amtsübergabe haben Ex-Oberbürgermeister Werner Spec anscheinend so richtig gut getan. Sichtlich erholt und bestens gelaunt kam er zum Gespräch in die Redaktion von Ludwigsburg 24. „Vor einer Woche bin ich zum fünften Mal Opa geworden“, erzählt der 61-Jährige strahlend, der in Jeans, weißem Hemd und dem hellbeige-karierten Sakko modisch, lässig und regelrecht verjüngt wirkt. „Ich genieße es, dass ich jetzt mehr Zeit für Dinge habe, die ich lange nicht tun konnte. Ich konnte meine älteste Tochter ausgiebig auf der Entbindungsstation besuchen und meinem Schwiegersohn daheim mit den beiden anderen Kindern unterstützen, das ist einfach schön.“ Und fast mag man es ihm glauben.

Ein Interview von Patricia Leßnerkraus und Ayhan Günes

Herr Spec, wollen Sie uns wirklich weismachen, dass Sie, das Arbeitstier, tatsächlich völlig in der Opa-Rolle aufgehen?

Ja, das tue ich tatsächlich und genieße es total, was ich unumwunden zugebe. Gerade erst habe ich persönlich die Nikolausstiefel der älteren vier Enkel gefüllt, nun konzentriere ich mich auf den Einkauf der Weihnachtsgeschenke. Das war die letzten sechzehn Jahre so nicht möglich.

Hat Ihr Ausscheiden aus dem Amt noch weitere Überraschungen für Sie gebracht?

(lacht) Ich habe festgestellt, was man an einem freien Wochenende alles so machen kann. Natürlich habe ich gerne all die Termine des Oberbürgermeisters am Wochenende wahrgenommen, aber es war halt auch immer mit einem unglaublichen Verzicht aufs Private verbunden. Dazu kommt, dass ich mittlerweile auf rund sieben Stunden Schlaf komme und auch öfters mal während des Tages die Chance zum Schwimmen oder Joggen habe und dafür halt entspannt abends noch am Schreibtisch sitze. Oder, dass ich spontan von Freitag bis Sonntagabend in die Berge fahren kann, war früher ebenfalls nicht denkbar. Ich kann mir meine Zeit jetzt einfach selbst einteilen und das ist eine neue Lebensqualität.

Sie waren mit Herzblut OB dieser Stadt. Wie kommt es, dass Sie jetzt trotz der Wahl-Niederlage so gut drauf sind?

Das ist leicht zu erklären. Mir geht es deshalb so gut, weil ich mich trotz des politischen Gegenwinds nicht einfach aus der Verantwortung gestohlen habe, sondern bereit war, mein Amt auch weiterhin auszuüben. Wir hatten in der Vergangenheit einen sehr guten Lauf, aber es gibt dennoch einiges zu tun.

Haben Sie die Wähler als undankbar empfunden?

In so einer Kategorie denke ich einfach nicht. Es war mir in meiner ganzen beruflichen Arbeit immer wichtig, wie man ein Gemeinwesen voranbringen kann und bereit zu sein, dafür die Verantwortung mit all ihren Begleiterscheinungen zu übernehmen. Diese Bereitschaft habe ich gezeigt. Ich hatte mir nach insgesamt 23 Jahren interessanter Arbeit im Wahlamt nicht etwas selbst zu beweisen. Da ich ein positiv denkender Mensch bin, konnte ich nach der verlorenen OB-Wahl nach vielen und erfolgreichen Jahren im politischen Amt nochmal etwas ganz Neues angehen. Dass die Wähler sich anders entschieden haben, macht mich dafür vollkommen frei, denn ich bin – wie schon gesagt – niemand, der sich einfach aus der Verantwortung stiehlt.

Hand auf’s Herz: Haben Sie im Vorfeld schon mit der Niederlage gerechnet?

Eine bestimmte Entwicklung war durchaus spürbar – teils aus ideologischen Gründen, teils aus einer Wechselstimmung heraus, um nach sechzehn Jahren neuen Wind zu spüren. Dennoch habe ich den Wahlkampf nicht halbherzig geführt.

Hegen Sie wirklich keinen Groll? Schließlich haben Sie sich für Ludwigsburg aufgerieben und viel erreicht?

Nein, ich hege überhaupt keinen Groll – weder gegen die Wähler noch gegen diejenigen, die auf politischer Ebene für den Wechsel gearbeitet haben. Ich denke vielmehr in großer Dankbarkeit zurück an sechzehn Jahre Arbeit in der wunderbaren Stadt Ludwigsburg mit tollen Menschen, aber auch an die sieben Jahre in Calw, in denen ich viel bewegen konnte. Mir war vor der Wahl im Laufe des Sommers ja schon klar, dass, sollte ich nicht wiedergewählt werden, ich nochmals eine Chance habe, beruflich ein ganz neues Lebenskapitel aufzuschlagen. Ich wollte eine Arbeit, von der ich total überzeugt bin, denn das steigert die Motivation. Und eine, die sich gut mit meinen privaten Interessen und vor allem mit meiner Familie vereinbaren lässt.

Das neue Kapitel ist nun aufgeschlagen, was machen Sie konkret?

Im August habe ich während meines Resturlaubs alles vorbereitet, mir daheim ein richtiges Büro eingerichtet und arbeite seither selbständig und das mit großer Freude und weniger Gremiendiskussionen, mit Leuten, die Veränderungen, Innovationen gestalten und dafür mit mir zusammenarbeiten wollen. Die Themen meiner neuen Aufgaben wie Klimaschutz, Energie, digitale Chancen sind inhaltlich die ähnlichen geblieben, nicht in der ganzen Bandbreite, dafür sehr fokussiert. Ich bringe da meine ganzen Erfahrungen sowie das, was mich antreibt, ein, um gemeinsam sehr anspruchsvolle Projekte zu gestalten, über die ich momentan noch nicht detailliert sprechen kann. Das macht unglaublich viel Spaß und ist mit einer großen Motivation für mich verbunden, weil ich bei den Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, auf eine sehr wertschätzende Atmosphäre stoße.

Ohne zu viel zu verraten, können Sie trotzdem sagen, was das Ziel Ihrer neuen Tätigkeit ist?

Es geht beim unverzichtbaren Klimaschutz ja darum, den gesamten Gebäudebestand sowie den kompletten Verkehr-Sektor unter Nutzung nachhaltiger Technologien und durch ganzheitliche Lösungen wegzubringen von fossilen Energieträgern.

Was sagen Sie eigentlich zum Luftreinhalteplan?

Meiner Meinung nach werden sich in den nächsten Monaten die schon deutlich gesunkenen Belastungswerte weiter so herabsenken, dass für Ludwigsburg keine Fahrverbote nötig sein werden. Wir haben – wie kaum eine andere deutsche Stadt – sämtliche technologischen Möglichkeiten genützt und jetzt muss es noch gelingen, die eigenen Fahrspuren für Busse wie geplant in die Tat umzusetzen. Weitere Maßnahmen sind sehr erfolgreich in der Umsetzung wie beispielsweise die Digitalisierung der Ampelinfrastruktur. Das heißt, dass beispielsweise intelligente Ampeln verhindern, dass Autos mit laufendem Motor unnötig lange an der roten Ampel stehen müssen, wenn auf anderen Straßenästen einer Kreuzung die Grünphase gar nicht mehr benötigt wird. Solche Verbesserungen, aber auch die wirksamere Ampel-Bevorrechtigung der Busse werden dazu führen, dass mehr Leute auf den ÖPNV umsteigen, dass sich der Verkehr verflüssigt und sich die Immissionen reduzieren. Insoweit gehe ich auch davon aus, dass es – falls notwendig – zu einer Revision kommt und sich dabei herausstellt, dass saubere Luft vollends ohne Fahrverbote erreicht wird.

Was fahren Sie privat für ein Auto?

Privat fahre ich ein noch Dieselfahrzeug, das vom Fahrverbot betroffen wäre. Dienstlich hatte ich viele Jahre ein Hybrid-Auto, einen Audi A3 e-tron, der überwiegend im Stadtverkehr genutzt sehr klimafreundlich fährt. Da ich aber jetzt häufig zu meiner Mutter nach Sigmaringen, also in den ländlichen Raum, oder zu meinen Kindern in den Nordschwarzwald bzw. in die Nähe vom Bodensee fahre, ist mein Diesel besser. Auf solchen Strecken verbrauchen Hybrid-Fahrzeuge mit Benzinantrieb unterm Strich mehr als ein Diesel. Ich hatte auch mal einen elektrisch betriebenen Golf, der hatte aber nur eine Reichweite von ca. 180 Kilometern. Das würde gerade mal für eine Strecke zu meiner Mutter reichen. Da es auf dem Dorf dort keine Elektrotankstellen gibt, müsste ich das Fahrzeug an eine normale Steckdose anschließen. Das Aufladen für die Rückfahrt würde dauern, so dass ich nicht am gleichen Tag zurückfahren könnte. Jetzt warte ich, bis unsere deutschen Hersteller leistungsfähigere Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen und werde mir dann eins kaufen. Bis dahin fahre ich meinen Diesel, der im Schnitt zwischen fünf und sechs Litern verbraucht.

Früher hatten Sie ein Büro, einen Mitarbeiterstab, der für Sie die alltäglichen Dinge wie Schriftverkehr Ticketbuchungen etc. erledigt hat. Als One-Man-Office müssen Sie sich nun komplett allein organisieren. Klappt das?

Also, ich habe mir als Erstes einen PC besorgt sowie alle anderen Dinge, die man benötigt für ein funktionierendes Büro. Natürlich ist das neu für mich, aber es ist zugleich auch eine schöne Erfahrung, alles für sich selbst zu organisieren. Zum Beispiel habe ich mich mit der Wiedervorlagenmappe beschäftigt und dabei bewundernd festgestellt, was meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in meinem früheren Sekretariat so alles geleistet haben. Man vertieft sich auch in Funktionen eines Computers, dessen Möglichkeiten man zuvor nie austesten musste. Das alles habe ich mir jetzt größten Teils mit Learning-by-doing erarbeitet, aber mein jüngster Sohn steht mir bei Fragen helfend zur Seite.

Gibt es etwas, was Sie aus der alten Zeit in Ihrem neuen Leben vermissen?

Auf meinem Schreibtisch steht ein Foto meiner ehemaligen Mitarbeiter als schöne Erinnerung an die Zeit als Oberbürgermeister, aber ansonsten vermisse ich tatsächlich nichts. In den letzten Jahren habe ich 80 Stunden die Woche ganz intensiv gearbeitet, bin unter der Woche im Regelfall nie vor 22.00 Uhr heimgekommen und hatte die ganzen Wochenendtermine. Auch wenn es nicht immer ganz einfach war in so einem politischen Amt zu arbeiten, habe ich es gerne gemacht und auch viel dazugelernt. Aber jetzt freue ich mich eher drauf, dass ich ein Leben wie ein normaler Mensch führen kann, indem ich freier agieren, mich mehr auf die Arbeit fokussieren kann, nicht mehr so getrieben bin. Ich halte es mit dem Hermann Hesse Gedicht über die Lebensstufen, aus dem das sehr bekannte Zitat stammt: ‚Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben‘. Aber ebenso steht in dem Gedicht auch: ‚Heiter sollst du Raum um Raum durchschreiten, an keinem wie an einer Heimat hängen‘.

Sie sind auch weiterhin ehrenamtlich engagiert?

Der Deutsche Verband für Städtebau und Wohnungswesen in Berlin hat mich gebeten, meine bisherige Arbeit nicht nur fortzuführen, sondern sogar noch zu intensivieren. Ich leite dort den Arbeitskreis Energie und die Initiative Digitale Städte und Regionen in Deutschland und dort arbeiten wir sehr viel am Best-Praxis-Austausch mit erfolgreichen Städten in ganz Deutschland, zum Teil aber auch mit der europäischen Ebene, mit der Generaldirektion in Brüssel, mit Ministerien. Das heißt, ich bin sehr nah dran an der Entwicklung der gesetzlichen Grundlagen und versuche, die Ministerien zu beraten. Diese ehrenamtliche Arbeit empfinde ich ebenfalls als sehr erfüllend.

Sie sitzen für die Freien Wähler weiterhin im Kreistag und haben trotz eines eigenen Kandidaten Ihrer Partei gerade den neuen Landrat Dietmar Allgaier gewählt…

Die Freien Wähler waren schon immer meine Heimat, weil sie weniger an parteiliche Programmatik gebunden, sondern rein an der Sache orientiert sind und sich deshalb jeweils mit der Frage nach der besten Lösung beschäftigen. Ich freue mich sehr, dass es in der Fraktion gelungen ist, eine große Geschlossenheit in der Unterstützung des eigenen Kandidaten zu zeigen, der eine große Erfahrung mit hätte einbringen können. Als aber klar wurde, dass es am Ende für ihn nicht reichen würde und Gerd Maisch den Weg für die Fraktion frei machte, war es uns wichtig, Herrn Allgaier zu unterstützen, den ich seit vielen Jahren als kompetenten und persönlich ausgesprochen angenehmen Menschen kennengelernt habe.

Was sprach für Dietmar Allgaier?

Für unsere Fraktion war klar, dass der Landkreis die Kommunen bei bestimmten Aufgaben noch stärker als in der Vergangenheit unterstützen soll, wie beispielsweise bei der Ausweisung von neuen Wohnbauflächen. Deshalb war der Wunsch, dass der neue Landrat ein Bürgermeister sein sollte, der entsprechend kommunale Erfahrung sowie eine kommunalfreundliche Haltung mitbringt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Nachfolger Matthias Knecht?

Wir treffen uns gelegentlich und haben ja schon zuvor gut zusammengearbeitet in seiner Funktion zunächst als Vorsitzender des MTVs, dann als Stadtverbandsvorsitzender für Sport. Wir begegnen uns wie vorher, jetzt umso mehr mit gegenseitigem Respekt. Jeder von uns leistet seinen Anteil dafür und so funktioniert das eigentlich sehr gut. Erst neulich haben wir beim Konzert der Brenzband neben einander gesessen und uns ausgetauscht. Wir haben aus meiner Sicht nach wie vor ein gutes Verhältnis.

Wenn er Ihren Rat oder Ihre Einschätzung benötigt, dann bekommt er Ihre Unterstützung?

Das Angebot habe ich Herrn Knecht bei den Übergabe-Gesprächen im August gemacht. Aber es ist in der Regel unwahrscheinlich, dass der Nachfolger beim Vorgänger nachfragt: „Was würden Sie jetzt machen?“ Ich freue mich über jede positive Entwicklung der Stadt und wenn ich irgendwo unterstützen kann, dann tue ich das sehr gerne.

Bringen Sie sich zukünftig bewusst noch an anderer Stelle in der Stadt ein?

In den kommunalpolitischen Fragen halte ich mich selbstverständlich vollkommen zurück. Das ist einfach ein Gebot der Fairness gegenüber meinem Nachfolger. Weiter aufrecht erhalte ich jedoch meine enge Verbindung zur Brenzband, die auf einer gemeinsamen Reise nach Ecuador entstanden ist. Da habe ich in der Vergangenheit öfter mal mitgespielt, weshalb ich mich sehr über die Anfrage gefreut habe, ob ich das auch in Zukunft noch machen würde. Selbstverständlich bleibe ich diesem Engagement weiterhin treu, denn es macht mir Spaß und der Umgang mit Menschen mit Handicap und ihren wunderbaren Betreuern bringt mir persönlich auch sehr viel.

Könnten Sie sich auch ein Amt außerhalb der politischen Ebene vorstellen? Der VfB Stuttgart sucht doch einen neuen Präsidenten…

Das wäre nicht im Ansatz eine Option für mich. Ich habe viel zu wenig Einblick in den professionellen Sport und es wäre auch kein Job, der mich wirklich von innen heraus motivieren würde. Ich schaue mir ab und an mal ein Fußballspiel an, gern auch mal ein Basketball- oder Handballspiel, aber meine Erfahrungen, Kompetenzen und Interessen liegen doch eher in Schlüsselbereichen, die jetzt wichtig sind, zum Beispiel in der Klimakrise. Da fühle ich mich – auch im Interesse meiner Enkel – den nachfolgenden Generationen verpflichtet und motiviert, meinen Beitrag zu leisten.

 

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