Der Energiemarkt ist kaum mehr zu verstehen: Ein Fachbeitrag von Ebru Yilmaz

Der Strom- und Gasmarkt schlägt aktuell Kapriolen. Für Verbraucher ein fast unmögliches Unterfangen da den Überblick zu behalten. Schuld daran ist auch die Politik. Unsere Gastautorin Ebru Yilmaz mit dem Versuch etwas Licht ins Dunkel zu bringen.

Ein Gastbeitrag von Ebru Yilmaz:

Der russische Angriff und damit einhergehend der Krieg in Ukraine hat eine Dekade der zuverlässigen und bezahlbaren Erdgasversorgung bzw. Import, anhaltend beendet. Zudem kommt der steigende Bedarf nach Erdgas aus Asien. Bislang war es leider so, das gut 90% des Erdgas Jahresaufkommens vornehmlich aus Russland, Norwegen und Niederlande importiert wurde. Der Löwenanteil stammte aus Russland. Der weitaus bedeutendste Markt für Erdgas war bislang der Wärmemarkt. Gas wird allerdings gegenwärtig nicht nur für die Erzeugung von Wärme genutzt, sondern spielte für den Strombereich ebenso eine zentrale Rolle. Bislang hatte das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in Erdgas im Vergleich zu anderen fossilen Energieträgern Vorteile gesehen und diese auch als klimafreundlicher eingestuft. Aufgrund der jüngsten Ereignisse ist es jedoch nicht mehr länger möglich auf Erdgas zu setzen. Knappheit ist da, Preise sind explodiert. So suchen Experten nach Alternativen für Erdgas sowohl im Bereich der Verstromung als auch im Bereich der Wärmegewinnung.

Das aktuelle Wärmeproblem, löst gleichzeitig auch eine Herausforderung in der Stromversorgung aus. Denn Erdgaskraftwerke werden sowohl für Strom- als auch für die Wärmeproduktion eingesetzt. Wenn es an einer Stelle für die eine Energieart fehlt, fehlt es gleichzeitig auch an anderer Stelle für die andere Energieart. Des Weiteren kann eine steigende Elektrifizierung im Wärmemarkt das Stromsystem zusätzlich aus- und belasten. Mitunter auch aus diesen Überlegungen heraus sollen für die Stromnetzstabilisierung die drei am Netz verbliebenen Atomkraftwerke vorübergehend weiterbetrieben werden. Denn Erdgas soll aus der Verstromung raus und diese Lücke muss gefüllt werden.

Die beschriebenen Umstände haben in den letzten Monaten die Strom- und Erdgaspreise rasant in die Höhe getrieben. Um die Kostenbelastung der Bürgerinnen und Bürger zu reduzieren, hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz eine  ExpertInnen-Kommission Gas und Wärme gegründet. Nachfolgend werden eine Auswahl der Entlastungspunkte erläutert.

Entlastungen im Wärmesegment:

Wie bekannt, hat die Bundesregierung Ende September die angekündigte Gasumlage gestoppt und wird diesen nicht auf die Gaspreise aufschlagen. Parallel dazu wurde beschlossen, die Umsatzsteuer bis März 2024 für den ganzen Gas- und Fernwärmeverbrauch von 19 auf nun 7 Prozent zu senken.

Der Bericht der ExpertInnen-Kommission Gas und Wärme sieht im Entlastungspaket zusätzlich nachfolgende Maßnahmen vor:

Einmalzahlung im Dezember:

  • Der Staat wird die Dezember Abschlagszahlung aller Gas Haushaltskunden, sowie aller Gewerbekunden mit einem Jahresverbrauch von unter 1,5 Mio kWh und auch aller Fernwärmekunden übernehmen (außer Industriekunden und Stromerzeugungskraftwerke).
  • Im Rahmen der Dezember Abschlagszahlung kann folgende Berechnung eine einfache Orientierung darstellen:

Bei einem Jahresverbrauch von bspw. 12.000 kWh, wäre der Monatsverbrauch im September 1.000 kWh. Bei einem Vertragspreis von 18 ct/kWh beläuft sich die Einmalzahlung für Dezember auf 180 EUR.

  • Bei Wohnungseigentümergemeinschaften wird die Gutschrift im Rahmen der Nebenkostenabrechnung gem. dem Verteilungsschlüssel auf die Wohnungen verteilt.

Gaspreisbremse:

  • Voraussichtlich für den Zeitraum 01.03.2023 – bis 30.04.2024 soll für 80% des Jahresverbrauches, der Grundkontingent genannt wird, ein Brutto Gaspreis von 12 ct/kWh angesetzt werden. Dieser Preis beinhaltet alle Umlagen, Abgaben, Steuern und Netznutzungsentgelte.

Beispiel: Für ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 12.000 kWh wäre das Grundkontingent 9.600 kWh welches mit der Preisobergrenze von 12 ct/kWh bewertet werden soll, (anstelle des Vertragspreises von bspw. 18 ct/kWh). So wäre das Ersparnis für ein Abrechnungsjahr ca. 816 EUR. Wenn der Verbraucher weniger Erdgas verbraucht als der Berechnung zugrunde gelegt wurde, muss es die Differenz nicht zurückzahlen, sondern erhält im Rahmen der Jahresabrechnung eine entsprechend, zusätzliche Rückzahlung. Die beschriebene Gaspreisbremse bezieht sich auf den Arbeitspreis eines Gasliefervertrages. Der Grundpreis, der  verbrauchsunabhängige Kosten beinhaltet, soll in ihrer jeweiligen Höhe aus September 2022 eingefroren und wenn möglich nicht weiter erhöht werden. Preisanpassungen am Grundpreis sind jedoch nicht ausgeschlossen.

  • Analog zum Gaspreis soll für Fernwärme ebenso ein Brutto-Preis von 9,5 ct/kWh eingeführt werden.

Die entstandenen Preisrabatte müssen bei der Einkommenssteuererklärung angegeben werden.

  • Zusätzlich beschreibt die Kommission einen Hilfefonds für besonders betroffene Härtefälle mit zinsloser Liquidität Hilfe. Die Definition des Härtefalls ist noch nicht abschließend bestimmt.
  • Wohngeldempfänger sollen ab Januar 2023 zusätzliche Heizkostenzuschüsse erhalten.

Weitere Entlastungsmaßnahmen sind im nachfolgenden Link abrufbar.

Entlastung für Industriekunden:

  • Für Großverbraucher aus der Industrie soll für 70% des Jahresverbrauches (Grundkontingent) aus 2021 ein Erdgas Beschaffungspreis von 7 ct/kWh netto gelten (anders als bei Privathaushalten wie oben beschrieben, ist dieser Preis zuzüglich aller Umlagen, Abgaben, Steuern und Netznutzungsentgelte). (Für energieintensive Industriekunden die mit beachtlichem Erdgaseinsatz Dampf herstellen, beläuft sich die Preisdeckelung auf 10 ct/kWh netto). Diese soll lt. Kommission vom 01.01.2023 – 30.04.2024 gelten. Um Missbrauch zu vermeiden plant die Bundesregierung stringente Prüfungen.

Strompreisbremse:

Neben den genannten Maßnahmen in Bezug auf Wärme, hat der Europäische Rat Ende September Notfallmaßnahmen unter anderem zur Senkung der Strompreise und auch zur Reduzierung der Stromnachfrage beschlossen. Dabei sollen Unternehmen die fossile Brennstoffe herstellen und aufgrund der Marktsituation zusätzliche Übergewinne/Zufallsgewinne erwirtschaften konnten, einen Teil der überschüssigen Einnahmen an stark betroffene Endverbraucher (Privathaushalte und Unternehmen) transferieren. In diesem Zusammenhang wird zum 01. Januar 2023 die Strompreisbremse eingeführt.

Haushalte und Unternehmen aus dem kleinen und mittleren Segment werden mit einer Preisdeckelung von 40 ct/kWh entlastet. Bei einem angenommenen Durchschnittspreis im Jahr 2023, in Höhe von ca. 70 ct/kWh und einem Jahresverbrauch von 5.000 kWh beläuft sich die Entlastung auf ca. 1.500 EUR innerhalb eines Abrechnungsjahres. Der Strompreis für das Kalenderjahr 2023 ist jedoch abhängig von der Beschaffungsstrategie des Energielieferanten, so dass der in diesem Artikel prognostizierter Preis nur eine allgemeine Annahme darstellen kann.

Exkurs Energiepreiszusammensetzung:

Der Erdgaspreis

Der nackte Großhandelspreis für Erdgas am Terminmarkt* notiert derzeit für das Lieferjahr 2023 zwischen 13 ct/kWh – 19 ct/kWh und für das Lieferjahr 2024 bei ca. 9 ct/kWh – 12 ct/kWh. Hinzu kommen regulierte Netznutzungsentgelte, staatlich festgelegte Steuern sowie die CO2 Abgabe die seit 2021 auf alle Endverbraucher umgelegt wird. Der Erdgaspreis für ein Privathaushalt mit ca. 20.000 kWh/p.a. liegt derzeit für das aktuelle Lieferjahr 2022 bei knapp 15,29 ct/kWh. Für Folgezeiträume ab 2023 und fortfolgende Lieferjahre wird der Erdgaspreis einen deutlichen Sprung verzeichnen, denn Energieversorger die jetzt Erdgas für die nächsten 2-3 Jahre beschaffen, sind mit den aktuell historisch gestiegenen Preisen konfrontiert. Die Bundesregierung will dem mit den oben erwähnten Maßnahmen gegensteuern und eine temporäre Abfederung ermöglichen.

Die nachfolgende Grafik des Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft veranschaulicht die Erdgaspreisentwicklung. Die Erdgaspreise am Großhandelsmarkt (fällt in den Bereich Beschaffung und Vertrieb) sind extrem Volatil und verändern sich an der Börse mehrmals am Tag. Die Sprünge innerhalb eines kurzen Zeitraums, beispielsweise einer Woche, sind enorm. Die Auswirkungen der gegenwärtigen extremen Preisniveaus werden Verbraucher somit aufgrund der aktuellen Einkäufe der Energieversorger für die nächsten Kalenderjahre, erst zeitversetzt zu spüren bekommen. Es sei denn, die Entlastungen der ExpertInnen Kommission werden zeitlich verlängert. 

Das gleiche gilt auch für Strom. Die derzeitigen Strompreise für die Kalenderjahre 2023 und 2024 bewegen sich am Terminmarkt seit Juli ungefähr zwischen 35 ct/kWh und 90 ct/kWh. Dies ist der reine Großhandelspreis, hinzu kommen alle Umlagen, Abgaben, Steuern und Netznutzungsentgelte die in der nachfolgenden Grafik zu sehen sind. Dort ist zu sehen, dass der aktuelle Strompreis für ein Privathaushalt bei rund 18 ct/kWh liegt, dies ist der Preis der 1-3 Jahre im Voraus am Großhandelsmarkt für das aktuelle Jahr 2022 gesichert wurde. So wird deutlich, in welchem Ausmaß die gegenwärtige Preisrally ist. Analog zu Erdgas, werden auch im Strombereich die Auswirkungen der derzeitigen Preisextreme in den nächsten Perioden, respektive Liefer- bzw. Kalenderjahren zu spüren sein, ausgenommen die politische Gegensteuerung wird für weitere Zeiträume ausgedehnt.

Studien gehen davon aus, dass Energiepreise noch länger schnellen und sehr starken Preisänderungen unterworfen bleiben werden – auch nach der derzeitigen Energiekriese. Dieser finanzieller Umstand macht Effizienz, neben der Motivation für den Klimaschutz, zusätzlich lohnender. Eine zielgenaue Entlastung von Betroffenen mit den genannten Maßnahmen gestaltet sich in der praktischen Umsetzung verteilungspolitisch und administrativ als eine Mammutsaufgabe. Zugleich ist sie eine Symptombekämpfung. Die europäische Union arbeitet mit den Maßnahmen aus dem Paket „Fit für 55“ für die Erreichung der Klimaneutralitätsziele, nämlich die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55% gegenüber 1990 zu senken. Eine hohe Unabhängigkeit in der Energieversorgung muss jedoch deutlich früher erreicht werden.

Der Gebäudesektor kann und wird in diesem Zusammenhang einen gravierenden Beitrag zur Dekarbonisierung und dem Nachfragerückgang nach fossilen Energieträgern leisten, da der gebäuderelevante Endenergieverbrauch am gesamten Endenergieverbrauch bei 44 Prozent liegt. Deshalb arbeiten Experten an Kombilösungen. Dabei geht es darum, strombasierte Lösungen wie Wärmepumpen mit klimafreundlichen Gasen und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen zu verbinden, um zum einen den Strombedarf nicht zu überstrapazieren und gleichzeitig den Bedarf nach fossilen Energieträgern maßgeblich zu senken.

Je höher der Anteil von Energie aus regenerativen Quellen, desto geringer die Abhängigkeit von externen Marktakteuren in Bezug auf die Energieversorgung.

Infos zur Autorin: Ebru Yilmaz ist Akademikerin mit Schwerpunkt Energie und Umwelt. Derzeit ist sie im Bereich technische Energiedienstleistungen sowie Nachhaltigkeitsmanagement tätig.

 

Quellen:

www.bundesregierung.de

www.bmwk.de

www.bdew.de

www.umweltbundesamt.de

www.consilium.europa.eu

Glossar: Terminmarkt: Handel von Energielieferungen für die Zukunft. i.d.R. von 5 Wochen bis zu 4 Jahren im Voraus.

Eigenes Europäisches-Satellitensystem wird begrüßt

Berlin – Die Bundesregierung hat die Entscheidung der EU zur Stationierung eines eigenen Satellitensystems begrüßt. „Leistungsfähige, zuverlässige und resiliente Kommunikationsinfrastrukturen sind das Nervensystem der digitalen Gesellschaft“, sagte Digitalminister Volker Wissing der „Rheinischen Post“ (Samstagsausgabe). Die Pläne für ein sicheres und autonomes weltraumgestütztes System seien „ein wichtiger Schritt, uns von einseitigen Abhängigkeiten zu lösen“.

Der FDP-Politiker unterstrich, das Iris-System sei die „dritte Säule zur Stärkung der strategischen Unabhängigkeit der EU im Weltraum und am Boden“. Es handele sich um eine „sinnvolle Ergänzung der beiden Flaggschiffe des EU-Weltraumprogramms Galileo und Copernicus“.

red

Wirtschaftsweise: „Spätestens in zwei Jahren gehen die Preise zurück“

Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, rechnet damit, dass die Inflation in Deutschland anhaltend hoch bleiben wird. „Wir werden 2023 weiterhin eine hohe Inflation sehen, weil die hohen Energiepreise bei den Verbrauchern ankommen“, sagte die Ökonomin der „Bild“ (Freitagausgabe). „Spätestens in zwei Jahren gehen die Preise zurück – aber nicht auf das Niveau, das wir vor dem Krieg in der Ukraine hatten.“

Der Arbeitsmarkt, so die renommierte Wissenschaftlerin, bleibe aber robust: „Das liegt an den Entlastungen, die ja auch Unternehmen zugutekommen. Selbst wenn es zu Entlassungen in einzelnen Betrieben kommt, gibt es weiterhin hohen Bedarf an Arbeitskräften.“ Eine verlängerte Laufzeit der AKW würde laut Schnitzer zu einer Senkung des Strompreises von bis zu 12 Prozent führen.

Es spreche viel dafür, dass man alles nutzt, was zur Verfügung steht, so Schnitzer. „Wenn wir die AKW bis Ende 2024 nutzen, werden wir bis dahin genug flüssiges Gas haben, um die AKW zu ersetzen.“ Arbeit lohne sich, „auch für die Bezieher von Bürgergeld“, sagte sie mit Blick auf die andauernde Diskussion um die Pläne der Bundesregierung, das Arbeitslosengeld II durch die Sozialleistung Bürgergeld zu ersetzen.

„Es wird immer Menschen geben, die versuchen, ein System für sich auszunutzen. Aber es gibt auch Menschen, die nicht faul sind.“ Zur Gaspreisbremse sagte Schnitzer, dass das Instrument auch Besserverdiener entlaste, „die das gar nicht nötig haben“.

Mit einem höheren Spitzensteuersatz oder einem Energie-Soli könne man „denen, die die Entlastung nicht brauchen, wieder etwas wegnehmen“. Schnitzer möchte Tempo bei Projekten der Energie-Infrastruktur. „Beim Bau des neuen LNG-Terminals in Wilhelmshaven haben wir gesehen, dass der Staat in der Lage ist, Verfahren massiv zu beschleunigen. Ich hoffe, dass Gesetze wie das LNG-Beschleunigungsgesetz und das Gesetz in Baden-Württemberg für den schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien Schule machen“, sagte die Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es sei notwendig, dass Deutschland einfachere Regeln und kürzere Verfahren bekomme, um bei der Beschaffung von klimafreundlicher Energie schneller voranzukommen.

red

Deutsche Bahn stellt immer mehr Beschäftigte im Niedriglohnsektor ein

Die Deutsche Bahn stellt immer mehr Beschäftigte im Niedriglohnsektor ein. Das zeigen die Auswertungen einer „Kleinen Anfrage“ von Susanne Ferschl, Vize-Fraktionsvorsitzende der Linken, über die „Business Insider“ berichtet. Um dem gestiegenen Reiseaufkommen der letzten Jahre gerecht zu werden, hat die Bahn vor allem bei den Teilzeitbeschäftigten, bei den geringfügig Beschäftigten und bei den Leiharbeitenden aufgestockt.

Die Daten zeigen, dass es bei den Teilzeitbeschäftigten von 2010 und 2021 einen Zuwachs von 80,8 Prozent gegeben hat. 2021 war somit etwa jeder achte Bahnmitarbeitende in Teilzeit beschäftigt. Demgegenüber ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigen mit 44,3 Prozent seit 2010 nur um etwa die Hälfte gestiegen.

Außerdem zeigen die Ergebnisse der Statistik, dass bei der Bahn seit 2010 deutlich mehr geringfügig Beschäftigte arbeiten. Von 2010 bis 2019 ist die Anzahl um 38 Prozent gestiegen. Am auffälligsten ist der Anstieg bei den Leiharbeitenden im Bereich des Bahnverkehrs.

Waren es im Jahr 2013 noch 1.052 Leiharbeitende, waren es im Jahr 2021 fast doppelt so viele (2.078 Leiharbeitende). Zeitgleich ist ihr Anteil in der Gesamtwirtschaft um 4,3 Prozent gesunken. Darunter fallen Servicefachkräfte, Beschäftigte im Straßen- und Schienenverkehr, im Bereich der Überwachung des Eisenbahnverkehrsbetriebs, Kaufleute im Bereich des Schienenverkehrs und im Bereich der Fahrzeugführung im Eisenbahnverkehr.

Zudem wurden Neueinstellungen im Bahnverkehr 2021 im Vergleich zu 2013 viel häufiger befristet. Konkret ist das ein Plus von 31 Prozent. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft, in der die Befristung um 15 Prozent zugenommen hat, ist sie im Bahnverkehr doppelt so hoch gewesen.

Die Auswertungen zeigen außerdem, dass das mittlere Einkommen bei Beschäftigten im Bahnverkehr zwischen 2010 und 2021 kontinuierlich gestiegen ist. Während es im Jahr 2010 noch bei 2.831 Euro lag, waren es im Jahr 2021 schon 3.462 Euro. Damit liegt der Wert 54 Euro unter dem gesamtwirtschaftlichen Wert von 3.516 Euro im selben Jahr.

Insgesamt zeigen die Auswertungen, dass die Anzahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor im Bereich des Bahnverkehrs zwischen 2010 und 2021 um 25 Prozent gestiegen und gesamtwirtschaftlich gesunken ist.

red

Preise für Strom und Gas zum Jahreswechsel deutlich höher

Verbraucher müssen sich zum Jahreswechsel auf deutlich höhere Preise bei Strom und Gas einstellen. Grundversorger erhöhen zum 1. Januar bundesweit in 300 Fällen ihre Tarife, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“ (Freitagsausgabe). Das Blatt bezieht sich dabei auf Zahlen des Vergleichsportals „Verivox“.

Strom wird demnach im Durchschnitt um 61 Prozent teurer, Gas um 54 Prozent. Grundversorger müssen solche Preisänderungen sechs Wochen vorher ankündigen. Am Samstag läuft die Frist für eine Anpassung zum 1. Januar ab.

Laut „Verivox“ steigen die Gaskosten für eine Familie mit einem Einfamilienhaus und einem Verbrauch von 20.000 Kilowattstunden (kWh) um durchschnittlich 1.247 Euro im Jahr. Bei Strom geht der Preis für einen Drei-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 4.000 kWh im Schnitt um 784 Euro nach oben. Bei einigen Versorgern allerdings fällt die Erhöhung noch stärker aus.

So verdoppeln sich etwa bei den Stadtwerken München zum Jahreswechsel sowohl die Strom- als auch die Gaspreise. Grund für den kräftigen Preisanstieg sind zum einen höhere Gebühren für die Netznutzung, die die Versorger seit diesem Jahr zahlen müssen. Vor allem aber stecken hohe Beschaffungspreise an den Energiemärkten dahinter.

Örtliche Versorger kaufen Strom und Gas häufig langfristig ein. Viele dieser Verträge laufen derzeit nach und nach aus. Die Firmen müssen dann für die Energie deutlich mehr zahlen als bisher: „Das hohe Preisniveau im Großhandel und die steigenden Netzgebühren kommen so nach und nach bei allen Haushalten an“, sagte Thorsten Storck, Energieexperte bei „Verivox“, der SZ. Storck verwies darauf, dass die Pläne für eine Strom – und Gaspreisbremse die Kunden im kommenden Jahr entlasten werden.

„Die Folgen der Energiepreisexplosion werden dadurch jedoch nur abgedämpft“, sagte Storck. 2023 sollen für Strom, Gas und Fernwärme jeweils 80 Prozent des Verbrauchs ab einem bestimmten Preis gedeckelt werden. Bei den derzeitigen Energiepreisen spare eine Familie dadurch nach Berechnungen von Verivox im Schnitt 926 Euro jährlich, bei Strom sind es 261 Euro.

Das hebt die Preiserhöhungen durch die Versorger in den meisten Fällen jedoch nicht auf.

red

Energielieferanten und Wärmeversorger können ab sofort Erstattungsanträge für Dezember stellen

Berlin – Rund 1.500 Energielieferanten und Wärmeversorgungsunternehmen können ab sofort die Auszahlung ihres Erstattungsanspruchs oder einen Vorauszahlungsanspruch für die sogenannte „Soforthilfe Dezember“ beantragen. Das teilten das Bundeswirtschafts- und das Finanzministerium am Donnerstagabend mit. Der Bund will die Rechnung für den Dezemberabschlag für die Lieferung von Gas und Fernwärme übernehmen.

„Verbraucher müssen nichts tun, sie werden automatisch von der Soforthilfe profitieren“, sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Bundesfinanzminister Christian Lindner sprach von einem „wichtigen Baustein“, um Bürger sowie Unternehmen „vor unvertretbaren Belastungen aufgrund sehr hoher Gas- und Wärmepreise zu schützen“.

red

Zahl steigt: 8,6 Millionen Menschen leben in „überbelegten“ Wohnungen

Immer mehr Menschen in Deutschland leben in „überbelegten“ Wohnungen. Im Jahr 2021 waren es rund 8,6 Millionen Bürger und damit 10,5 Prozent der Bevölkerung, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) am Donnerstag mit. Im Vorjahr waren noch knapp 8,5 Millionen Personen betroffen – die Überbelegungsquote lag damals bei 10,3 Prozent.

Als „überbelegt“ gilt eine Wohnung, wenn sie über zu wenige Zimmer im Verhältnis zur Personenzahl verfügt. Bei der Bevölkerung in Haushalten mit Kindern lag die Überbelegungsquote 2021 bei 15,9 Prozent. Darunter besonders betroffen waren Menschen in Haushalten, in denen zwei Erwachsene mit mindestens drei Kindern zusammenwohnten (30,7 Prozent), gefolgt von Alleinerziehenden und deren Kindern (28,4 Prozent).

Bei der Bevölkerung in Haushalten ohne Kinder lag die Überbelegungsquote im vergangenen Jahr mit 6,5 Prozent dagegen niedriger als über alle Haushaltsformen hinweg. Anteilig am seltensten lebten zwei Erwachsene ohne Kinder (2,7 Prozent) in „überbelegten“ Wohnungen. Auch Alleinlebende können zu wenige Wohnräume haben – 2021 traf das auf 11,9 Prozent der Ein-Personen-Haushalte zu: Gemäß EU-SILC-Definition gilt die Wohnung eines Ein-Personen-Haushalts als überbelegt, wenn es nicht mindestens zwei Zimmer, also etwa ein getrenntes Wohn- und Schlafzimmer gibt.

Der Wohnraummangel betrifft häufig Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, so die Statistiker. Mit 17,8 Prozent war die Überbelegungsquote bei Minderjährigen 2021 rund sechs Mal so hoch wie etwa bei älteren Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren (3,0 Prozent). Die Überbelegungsquoten 2021 machen zudem deutlich, dass Wohnraum vor allem in Städten knapp ist.

So war der Anteil der Menschen in „überbelegten“ Wohnungen in größeren Städten (15,5 Prozent) fast doppelt so hoch wie in Vororten und kleineren Städten (8,6 Prozent) und drei Mal so hoch wie in ländlichen Gebieten (4,9 Prozent). Im Durchschnitt aller 27 EU-Mitgliedstaaten lag die Quote im Jahr 2021 laut EU-Statistikbehörde Eurostat mit 17,1 Prozent höher als in Deutschland. In Lettland (41,3 Prozent) und Rumänien (41,0 Prozent) lebten anteilig die meisten Menschen in „überbelegten“ Wohnungen, in Malta (2,9 Prozent) und Zypern (2,3 Prozent) die wenigsten.

red

Privathaushalte und Gewerbekunden verbrauchen weiterhin deutlich weniger Gas

Der Gasverbrauch von Haushalten und Gewerbekunden hat in der vergangenen Woche weiterhin deutlich unter dem Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021 gelegen. In der 45. Kalenderwoche wurde mit 873 Gigawattstunden (GWh) pro Tag 36 Prozent weniger Gas verbraucht als im Durchschnitt der letzten Jahre, teilte Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller am Donnerstag mit. Der Verbrauch war zudem 24 Prozent niedriger als das bisherige Minimum aus dem Vergleichszeitraum.

Gegenüber der Vorwoche gab es allerdings einen Anstieg um rund 20 Prozent. Innerhalb der Industrie wurde laut Müller 32 Prozent weniger Gas verbraucht als im Vergleichszeitraum 2018 bis 2021. Zusammen gerechnet betrage die Einsparung 33 Prozent. Die Bundesregierung hatte als Ziel ausgegeben, 20 Prozent Energie einzusparen, um über den Winter zu kommen.

red

Obergrenze von 10.000 Euro: Verbraucherschützer kritisieren geplantes Bargeld-Limit

 Berlin  – Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) hat den Vorstoß von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) für eine allgemeine Bargeldobergrenze kritisiert. Es sei nicht gut, „Bargeldnutzer unter Generalverdacht zu stellen und in ihrem Handeln zu beschränken“, sagte die Leiterin des Teams Finanzmarkt beim VZBV, Dorothea Mohn, dem „Handelsblatt“. Faeser hatte sich mit Blick auf die Bekämpfung der organisierten Kriminalität für die Einführung einer allgemeinen Bargeldobergrenze von 10.000 Euro ausgesprochen.

Mohn sagte, dass Bargeld nahezu allen Verbraucher als Zahlungsmittel „sehr wichtig“ sei. Deshalb sei die Bundesregierung gefordert, Bargeld „vorausschauend und langfristig zu sichern“. Dafür seien aber bislang keine Maßnahmen erkennbar – weder in Bezug auf die Absicherung der Bargeldannahme im Handel noch hinsichtlich eines leichten und kostengünstigen Zugangs zum Bargeld.

„Stattdessen erzeugt der Vorschlag der Bargeldobergrenze Verunsicherung“, kritisierte die Verbraucherschützerin. Der Geldwäsche-Experte der SPD-Bundestagsfraktion, Sebastian Fiedler, verteidigte den Vorstoß der Innenministerin. „Fachlich gibt es nicht den geringsten Zweifel daran, dass die Einführung einer allgemeinen Bargeldobergrenze ein sehr wirksames Instrument zur Erschwerung von Geldwäsche ist“, sagte Fiedler dem „Handelsblatt“.

Er verwies auf eine Analyse der EU-Polizeibehörde Europol, die deutlich gemacht habe, „wie bedeutend Bargeld für schwere Kriminalitätsformen und damit auch für die Geldwäsche ist“. Ein Bargeld-Limit wäre zudem ein wichtiger Schritt, „um Deutschland vom Ruf, ein Geldwäscheparadies zu sein, zu befreien“.

red

Finanzminister Lindner deutet Kompromissangebot beim „Bürgergeld“ an

Nach dem vorläufigen Scheitern der „Bürgergeld“-Reform im Bundesrat zeigt sich Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) zuversichtlich, im Vermittlungsausschuss eine Einigung zu erzielen. Der sei eine Chance, sagte Lindner am Montag RTL/ntv. „Der Vermittlungsausschuss kann das Bürgergeld noch besser machen. Ich habe nichts dagegen, wenn die Arbeitsanreize vergrößert werden, etwa durch Verbesserungen bei den Zuverdienstmöglichkeiten oder auch noch mehr Klarheit bei den Mitwirkungspflichten, also bei den Sanktionen.“ Das „Bürgergeld“ sei ein Kompromiss der Ampelkoalition gewesen. „Der wird jetzt im Vermittlungsausschuss noch mal aufgemacht und ich hoffe jetzt natürlich verbessert. Anliegen der FDP sind, bei den Zuverdienstgrenzen etwas zu verbessern. Und wenn wir noch mehr Klarheit schaffen, dass eine soziale Leistung auch Mitwirkung voraussetzt, wenn wir das noch stärken, dann wird das Bürgergeld noch besser.“

red